Geschichte & Biografie

12 Pfeile zum Erfolg

Wilfried Benthin

12 Pfeile zum Erfolg

Leseprobe:

1. Kapitel

Ein Montag im Dezember 1988. „Nach dem Wecken dreimal recken, weg sind alle Sorgen, einen schönen guten Morgen.“ Schlaftrunken tastete Karin nach dem Radiowecker, um die Nachtruhe an diesem Morgen wiederherzustellen. Mit ihren 25 Jahren konnte sie abends kein Ende finden, aber früh aus dem Bett, das war auch nicht ihr Ding. Eine kurze Ruhepause entstand, als sie die Taste betätigt hatte, aber dann ertönte wieder Musik. Es war auch Zeit zum Aufstehen. Barfuß schleppte sie sich ins Badezimmer, zog sich das Nachthemd über den Kopf und reckte sich ausgiebig. Das Spiegelbild zeigte eine mittelgroße, schlanke Frau mit blondem sportlich kurz geschnittenem Haar. Ihre wohlgeformten Brüste und der kleine Bauchansatz unterstrichen auf vorteilhafte Weise ihre Weiblichkeit. Sie begann mit der Morgentoilette, aber erst das kalte Wasser im Gesicht brachte ihre Lebensgeister in Schwung. Ein Morgenmuffel war sie nicht, doch etwas Zeit brauchte sie schon. Karin zog sich ihre Lieblingsjeans an und ließ einen leichten Pullover locker darüber fallen.
Vor einem Jahr hatte sie Uwe geheiratet und sie hatten sich eine kleine Wohnung gemietet. Der Tagesablauf war längst noch keine Routine geworden. Uwe arbeitete als Werkzeugmacher und durch seinen Schichtdienst in der Maschinenfabrik, war er oft nicht zu Hause, oder er brauchte seinen Schlaf. Dann hatte selbst die Hausarbeit Pause.
Während die Kaffeemaschine ihr Werk vollendete, zog Karin, die an diesem Morgen alleine war, die Gardinen auf und nörgelte über das Wetter und die Vorhersage vom gestrigen Abend. Sie öffnete auch die Vorhänge im Wohnzimmer und erschrak über die plötzlich hereinbrechenden Schauer. Für die Jahreszeit war es viel zu warm, aber wenn das alles als Schnee gefallen wäre, hätte es bestimmt eine Katastrophe gegeben. Und das heute Morgen! Karin arbeitete in der Großstadt in einem Supermarkt als Großhandelskauffrau und hatte gleitende Arbeitszeit. Das war ein Vorteil, denn bei der Fahrstrecke von ca. 50 km konnte immer mal etwas dazwischenkommen. Nach einem kleinen Frühstück zog sie sich ihre Jacke an und trat vor die Tür.
Behände schwang sie sich in ihren Opel und machte sich auf den Weg. Es regnete immer noch, aber nicht mehr so heftig. Trotzdem kam sie längst nicht so schnell vorwärts wie sonst. Angstvoll sah sie, wie der Mercedes vor ihr auf der Landstraße in der Nähe des Kalkwerkes eine riesige Wasserwand nach beiden Seiten auftürmte. Ihr Opel konnte diese Wassermassen jedoch nicht bewältigen, und sie erschrak über das unvermutete Eigenleben ihres Fahrzeuges. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie einen Baum auf sich zukommen und dachte nur noch: Das war’s denn wohl. Total zertrümmert lag ihr Auto halb im Wasser, und durch die zerbrochenen Scheiben fielen die letzten Regentropfen auf sie hernieder. Wie ein Film lief ihr bisheriges Leben in Sekundenschnelle vor ihren Augen ab …

***

Aus dem Autoradio erklang die Uhrzeit, es war 6:50 Uhr. Karin lag erst wenige Minuten in dem Wrack, das einst ihr Auto war, aber sie lebte und war bei vollem Bewusstsein. Sie bekam alles mit, was um sie herum geschah. Ein Mann sprach sie durch die zerbrochene Scheibe an. Er sagte ihr, dass die Feuerwehr und Rettung unterwegs seien. Er erkundigte sich nach ihrem Befinden, versuchte, ihr aus dem Auto zu helfen, aber es gelang ihm nicht. Das kalte Wasser, in dem sie halb lag, merkte sie kaum. Karin blickte ängstlich um sich. Nur schwer konnte sie begreifen, dass dieser Blechhaufen ihr Opel war. Sie versuchte wieder, ihre Gliedmaßen zu bewegen. War etwas gebrochen? Blutete sie irgendwo? Wie lange musste sie hier noch aushalten? Ihre Gedanken überschlugen sich, wurden langsam unerträglich. Endlich hörte sie aus der Ferne Martinshörner von verschiedenen Fahrzeugen. Feuerwehrleute tauchten auf und berieten die Lage. Mit Spreizern und Rettungsscheren befreiten sie die eingeklemmte Frau aus ihrem Fahrzeug. Sanitäter griffen zu, legten sie äußerst vorsichtig auf eine Trage. Nun erst spürte sie die Schmerzen und schrie, konnte es kaum aushalten. Der Notarzt tat sein Bestes, aber für Karin war es die Hölle.
Plötzlich tauchte ein Verdacht in ihr auf. War es das kalte Wasser, oder war es eine Verletzung an der Wirbelsäule, weil sie so verdreht im Auto gelegen hatte? Warum fühlte sie nichts in den Beinen, konnte die Füße oder die Zehen nicht bewegen? Was war mit ihr los? Bin ich etwa querschnittgelähmt, dachte sie voller Schrecken. Behutsam wurde Karin im Fahrzeug platziert und gepolstert, damit sich ihre Lage nicht verändern konnte. Sie wusste nicht, ob sie weinen oder jammern sollte, und war fast einer Ohnmacht nahe. Die Türen schlossen sich, und die Fahrt in die Ungewissheit begann.
Als Unfallursache stellte die Polizei fest, Aquaplaning ohne Fremdverschulden. Die Beamten verständigten gegen 7:30 Uhr die zuständige Straßenmeisterei, die sofort in den umliegenden Ortschaften Warnschilder aufstellte. Die Unfallstelle wurde für die Rettungs- und Bergungsarbeiten über mehrere Stunden gesperrt. Ein Räumbagger versuchte stundenlang vergebens, den teilweise verstopften Graben entlang der Landstraße, nahe des Kalkwerkes, freizubekommen. Die Behörde hatte am nächsten Tag ein Tiefbauunternehmen beauftragt, den Vorfluter auszubaggern. Wie ein Pfropf hatten sich hier Äste, Laub und Erdreich angesammelt und verdichtet. Das viele Regenwasser konnte nicht abfließen und hatte die Landstraße mehrere Zentimeter hoch überspült. Diese Arbeiten waren aber erst durchgeführt worden, als aufgebrachte Autofahrer und Passanten über den tragischen Unfall in der Zeitung lasen. Dadurch wurde bekannt, dass sich Karin bei dem Unfall eine schwere Rückgrat-Verletzung zugezogen hatte. Für das Ehepaar Wagner war es ein schwarzer Tag in seinem jungen Leben und Glück


2. Kapitel

Langsam wirkte das schmerzlindernde Mittel, das der Notarzt gespritzt hatte, doch Karin wimmerte immer noch, zu stark waren die Schmerzen. Der Kreislauf war stabil, die Atmung gab ebenfalls keinen Grund zur Sorge. Vorsichtig fuhr der Rettungswagen in die untere Halle des Krankenhauses bis vor die Fahrstuhltür. Von hier aus ging es direkt zur Intensivstation. Die Schwestern schnitten Karin ganz behutsam die Kleidung vom Leib. In den Haaren hatte sie noch viele Glassplitter, die keine Gefahr darstellten, aber entfernt werden mussten. Außer etlichen Prellungen waren kaum äußerliche Verletzungen zu sehen. Ihre Lage im Auto und die wahnsinnigen Schmerzen ließen vermuten, dass die Wirbelsäule stark geschädigt worden war. So transportierte man Karin schnellstens in die Röntgenstation. Wieder wurde sie mit größter Vorsicht bewegt, denn niemand kannte das Ausmaß der Verletzungen. Dann brachten aber die Aufnahmen den Befund ans Tageslicht: Der zwölfte Brustwirbel war gebrochen und die Nerven durchtrennt. Wie weit hier etwas reparabel schien, konnten nur weitere Untersuchungen ergeben. Deshalb testeten die Ärzte auch die Muskelströme. Auch hier sah es nicht gut aus für Karin. Schließlich wurde die Computertomografie durchgeführt. Ein Funken Hoffnung war noch da, operiert werden musste auf jeden Fall.
Bevor nun alle Befunde ausgewertet waren, kam die Anästhesistin und füllte mit Karin den Patientenbogen aus. Dabei konnte Karin sich an alles erinnern, sie hatte keine Probleme. Endlich tauchte Dr. Volkmar auf. Er war ein großer, kräftiger Mann mittleren Alters. Mit seiner ruhigen Stimme und besonnenen Art schaffte er sogleich ein großes Vertrauensverhältnis. Er klärte Karin über ihren körperlichen Zustand auf und erläuterte die Maßnahmen, die notwendig seien, um ihre Unfallfolgen zu beheben bzw. die Schmerzen zu lindern. Gleichzeitig machte er aber auch auf die Risiken aufmerksam. Im Grunde genommen blieb Karin keine andere Wahl, sie stimmte der Operation zu. Unverzüglich wurde alles vorbereitet, denn es sollte keine Zeit verloren werden. Als Karin aus der Narkose erwachte, waren bei ihr drei Wirbel mit Platten verschraubt, die Nerven aber konnten nicht mehr verbunden werden. Das bedeutete, dass Karin vorerst nicht laufen konnte.
Sie als lebenslustige Frau, Mitte 20, ein Jahr verheiratet und vielleicht ein Leben lang im Rollstuhl! Das war niederschmetternd. Dabei hatte sie sich die Zukunft mit Uwe so schön vorgestellt. Eine schicke Wohnung oder vielleicht ein kleines Häuschen, ein oder mehrere Kinder, auf jeden Fall ein so hohes Einkommen, dass man schuldenfrei war und sich noch etwas leisten konnte. All die schönen Träume zerschellten an diesem verdammten Baum an der Landstraße an diesem Morgen.
Karin lag in ihrem Bett, an vielen Schläuchen angeschlossen. In die Blase wurde ein Katheter gelegt, damit sie sich in den Beutel, der unter dem Bett hing, erleichtern konnte. Da Karin auch keine Kontrolle über ihren Darm hatte, bekam sie eine Tablette, die dafür sorgte, dass sie nach einer gewissen Zeit abführen konnte. Nach der Narkose noch nicht ganz wach, drehte sie ihren Kopf zum Fenster. Nahmen ihre Augen überhaupt etwas wahr? Worauf waren sie fixiert? Sie wusste es selbst nicht, langsam, aber stetig flossen ihre Tränen. Sie hörte nicht, wie ihre Zimmertür leise geöffnet wurde. Uwe schlich sich herein. Er wollte sehen, ob seine Karin ansprechbar war und wie es ihr ginge. Mit tränennassem Gesicht sah sie ihn an. Er beugte sich zu ihr hinunter, nahm behutsam ihren Kopf in beide Hände und küsste ihr die Tränen weg.
„Was machst du bloß für Sachen, mein Schatz. Ich war den ganzen Morgen unterwegs. Erst als ich am Nachmittag in die Firma kam, bekam ich die Nachricht von deinem Unfall.“
„Ich lebe ja noch, aber ich habe keine Vorstellung, wie es weitergehen soll“, antwortete sie, und Tränen rannen ohne Ende, während sie sprach.
„Ich habe das Elend während meines Praktikums gesehen, aber nie im Leben daran gedacht, dass ich auch einmal davon betroffen sein würde“, schluchzte sie weiter.
Uwe versuchte, seine Frau zu trösten, aber welche Worte konnten das? Er wusste es nicht und nahm Karin behutsam und so gut es ging in den Arm. Dann schob er einen Sessel an ihr Bett und hielt ihre Hand. Die Narkose war noch nicht ganz aus ihrem Körper gewichen, deswegen schlief sie ab und zu wieder ein. Auch Uwe versuchte, etwas Ruhe zu finden, aber es gelang ihm nicht. Wie sollte es weitergehen? Er als Ehemann mit einer behinderten Frau! Ganz abgesehen von einer fehlenden behindertengerechten Wohnung oder einem Haus. Wie wäre es, wenn sie ausgehen wollten, zum Tanzen, zu Freunden oder in den Urlaub fahren? Wie sähe ihr Verhältnis zueinander aus, das alltägliche Miteinander, die Betreuung und Pflege? Und nicht zuletzt die große Frage: Konnte er seine Frau so lieben wie bisher? Alle diese Fragen mündeten in zwei Möglichkeiten: Reichte seine Liebe zu Karin für den Rest seines Lebens, um sie so zu akzeptieren, wie sie war, oder reichte sie nicht? Darüber schlief er in dem etwas unbequemen Sessel ein.
Am nächsten Morgen, es war ein herrlicher Wintertag, aber leider ohne Schnee, sah die Welt schon etwas besser aus. Karin freute sich, dass ihr Mann noch bei ihr war, und weckte ihn behutsam auf, indem sie ihn liebevoll beim Namen rief. Erschreckt sah sich Uwe um, denn er wusste im ersten Moment gar nicht, wo er war. Auch Karin hatte bis lange in die Nacht über ihr weiteres Leben gegrübelt. Die bange Frage war für sie: Konnte sie ihrem Mann die Liebe geben, die er sich von ihr wünschte? Sie wusste es nicht, aber sie würde alles versuchen, wenn er bei ihr bliebe. Karin sah Uwe direkt an und sagte mit fester Stimme: „Wenn du bleiben willst, dann bleib, ich will versuchen, dir trotz meiner Behinderung eine gute Frau zu sein. Wenn du gehen willst, dann geh’ gleich. Wenn du später gehst, erschieße ich dich!“
Wie ein Schlag trafen ihn diese Worte, aber er hatte inzwischen auch seine Entscheidung getroffen und antwortete: „Was erzählst du da für einen Quatsch! Ich liebe dich, mein Schatz, und ich will alles versuchen, dir das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Nur gemeinsam können wir das durchstehen. Nun lass uns nicht mehr darüber reden.“ Zum Beweis beugte er sich zu seiner Frau und gab ihr einen langen innigen Kuss.
Plötzlich räusperte sich jemand hinter ihnen. Es war Dr. Volkmar, der zur Visite erschien. Uwe wollte das Zimmer verlassen, aber der Arzt hielt ihn zurück. „Guten Morgen, Frau Wagner, wie fühlen Sie sich heute Morgen?“
„Wenn ich laufen könnte, ginge es mir besser, Herr Doktor“, klang es spontan aus ihrem Mund. Der Arzt erklärte dem Ehepaar den Verlauf der Operation. Zum Schluss nahm er mit Bedauern Karin die Hoffnung, dass sie je wieder laufen könne. Es war dem OP-Team nicht gelungen, die getrennten Nervenstränge wieder zu verbinden. Welch eine niederschmetternde Gewissheit! Die musste erst einmal verarbeitet werden. Dr. Volkmar setzte seine Visite fort und nach einer ganzen Weile verabschiedete sich auch Uwe von seiner Frau, denn er musste ja wieder zur Arbeit.
Im Laufe des Vormittags kam Karins Mutter zu Besuch. Ihre Freude, dass Karin lebte, wurde sofort getrübt, als sie erfuhr, dass ihre Tochter nie mehr laufen könne. Die Tränen versiegten erst, als Karin ihr klarmachte, dass sie ja nicht der erste Mensch mit einer Querschnittslähmung und sicherlich auch nicht der letzte sei. Viele hatten ja ihre Situation halbwegs gemeistert, aber viele waren auch verzweifelt. Karin war nicht der Typ, der sich unterkriegen ließ, also tröstete sie jetzt ihre Mutter. Allmählich wich die Traurigkeit und die beiden konnten sich halbwegs sachlich über die Zukunft unterhalten. Die bisherige Wohnung, in der Karin mit ihrem Mann lebte, war natürlich viel zu klein. Man musste sich rechtzeitig um etwas Größeres kümmern. Ihre Mutter wollte sich schon mal umhören. Lange blieben Mutter und Tochter noch zusammen und berieten sich.
Der Rest der Woche war für Karin mit etlichen Tests und Untersuchungen ausgefüllt. In der Zwischenzeit wurde ein Gipsabdruck gemacht, denn Karin sollte ein Korsett tragen, damit der Rücken stabilisiert wurde. Ohne das durfte sie sich nicht aufrichten. Uwe kam jeden Tag zu Besuch und freute sich über Karins gesundheitliche Fortschritte. Die Schmerzen waren erträglich, aber die Bewegungsfreiheit fehlte ihr so sehr, doch Karin fand langsam zu ihrem alten Humor zurück. Die Schwestern waren alle nett und freundlich, selbst über das Essen konnte sie sich nicht beklagen. Eigentlich hatte sie nichts auszustehen, doch ihr größter Wunsch war, mit erhobenem Haupt die Klinik zu Fuß zu verlassen, doch der konnte ihr leider nicht erfüllt werden. Sie freute sich über die Abwechslung durch die Besuche von ihren Freunden und Bekannten. Manchmal wunderte sie sich aber über deren Reaktionen. Bestürzt waren sie alle, aber die meisten wussten nicht, wie sie mit der Behinderung umgehen sollten. Einige betrachteten sie als Krankheit, doch Karin sagte dann immer: „Was wollt ihr denn, ich bin doch nicht krank, ich kann nur nicht laufen.“ Einige wenige Freunde behandelten Karin aber so, als wäre nichts gewesen, und akzeptierten die Situation. Das war auch genau das, was sie wollte, denn dadurch zeigten sich die wahren Freundschaften.
Das Korsett wurde gebracht. Das Anlegen war eine Tortur. Eigentlich sollte es passen, aber es zwickte noch hier und drückte da. Daran musste sich Karin erst gewöhnen. So schnell wie möglich sollte die Krankengymnastik beginnen, die Muskulatur musste aufgebaut werden, damit Karin ihren Rücken besser stabilisieren konnte. Endlich kam die Therapeutin und begutachtete das Korsett. „Kein Problem, Frau Wagner, wir arbeiten das etwas nach, dann passt es schon.“
Karin war zuversichtlich. Einige Tage später kam ihr Bruder zu Besuch, brachte etwas zu lesen mit und sagte im Spaß: „Du hast ja ’ne dolle Nummer abgezogen. Musstest du denn bei dem Regen so schnell fahren? Damals im Steinbruch hattest du ja noch Glück gehabt, aber nun?“
„Hallo, Wolfgang, du brauchst mir keine Vorwürfe zu machen. Den Anpfiff habe ich mir schon selber verpasst. Letztendlich konnte ich aber nichts dafür, denn als das Auto vor mir durch das Wasser fuhr, wusste ich erst, wie hoch die Straße überschwemmt war. Ich weiß, was ich falsch gemacht habe, aber das hilft mir jetzt auch nicht weiter.“
„Ja, du lebst“, antwortete ihr Bruder, „das ist das eine, aber wie soll es weitergehen mit deinem Alltag und mit deiner Ehe? Was ist mit Uwe, wann macht der die Fliege?“
„Um Uwe brauche ich mir keine Sorgen zu machen, der bleibt, und das andere wird sich schon irgendwie finden“, entgegnete Karin.
„Das glaubst du, warte mal ab. Wie willst du ihm denn zum Beispiel die sexuelle Erfüllung geben können? Das macht der doch nicht lange mit, und dann sucht er sich eine andere!“
„Das lass mal unsere Sorge sein. Da kümmere dich nicht drum, und wenn ich Hilfe brauche, dann hole ich sie mir, aber ganz bestimmt nicht von dir.“ Karin wurde langsam wütend, aber hatte ihr Bruder nicht irgendwie recht? Sie wischte ihre Zweifel weg und unterhielt sich noch eine Zeit lang mit Wolfgang. Auf dem Gang klapperte Geschirr, es war Zeit zum Abendessen. Wolfgang verabschiedete sich, wünschte ihr alles Gute und baldige Genesung.
Das Korsett passte beim zweiten Anlauf. Die Therapeutin begann ganz vorsichtig mit den ersten Übungen. Karin biss die Zähne zusammen, versuchte, so gut es ging mitzumachen, aber sie hatte große Schwierigkeiten. Auch wurden die Schmerzen wieder schlimmer, so war es für den Anfang genug. In den nächsten Tagen ging es immer besser. Die Krankengymnastik zeigte erste kleine Erfolge, und für Karin war das die nötige Motivation. Mit allem musste sie aber von vorne anfangen, dabei konnte sie noch nicht einmal aufrecht sitzen. Sie war verzweifelt.
In diesem seelischen Tiefpunkt fand Uwe seine Frau vor, als er sie wieder besuchte. Erneut versuchte er, ihr Mut zu machen. Nur gemeinsam würden sie alles bewältigen können. Er konnte jederzeit seinen Jahresurlaub nehmen, für sie da sein, wenn sie ihn brauchte. Zwischendurch erzählte Karin von dem Besuch ihres Bruders. Fast wütend reagierte er auf Wolfgangs Bemerkungen und machte ihr deutlich, dass dieser für ihn kein Maßstab sei. Er sollte sich um seine eigenen Dinge kümmern und sie in Ruhe lassen.
„Er ist doch aber mein Bruder“, sagte Karin etwas kleinlaut.
„Das interessiert mich nicht“, brauste Uwe auf, „du kannst zehn Brüder haben. Das hier sind wir, und das ist unser Leben. Wir haben es uns anders vorgestellt, ja, aber wir müssen es jetzt so hinnehmen und damit zurechtkommen. Ich sage dir noch einmal, mein Schatz, und wenn du es möchtest, auch immer wieder, du bist mein Ein und Alles, ich liebe dich!“ Vor lauter Glückseligkeit schossen Karin die Tränen in die Augen. Sie suchte seine Hand und drückte sie ganz stark.
Bei der nächsten Krankengymnastik versuchte die Therapeutin wieder, Karin Mut zu machen. Ja, sie wollte sich nicht unterkriegen lassen, jetzt erst recht nicht! Sie konzentrierte sich auf die Übungen. Nach etlichen Tagen konnte Karin schon etwas aufrecht sitzen und sich dabei mit den Armen abstützen. Verbissen versuchte sie, auch bei den Mahlzeiten zu sitzen und sich so zu verhalten, als wäre alles normal. Die Schwestern, vor allen Dingen aber Dr. Volkmar, waren mit dieser Entwicklung sehr zufrieden. Sie staunten nicht schlecht über Karins Willensstärke, aber es lag noch ein langer Weg vor ihr.
Endlich war sie kräftig genug, dass sie nach drei Monaten im Krankenhaus zur Rehabilitation in eine andere Klinik verlegt werden konnte. Die Aufregung war riesengroß, denn die Leitung der Klinik ordnete an, dass Karin mit dem Hubschrauber transportiert werden sollte. Sie wurde in einem „Container“ so gepolstert eingepackt, dass keinerlei Gefahr für sie bestand. Diese Container sind spezielle Tragen, die für den Transport von Personen mit Verletzungen an der Wirbelsäule konstruiert wurden. Schließlich brachten die Schwestern den Container aufs Dach des Krankenhauses, wo der Hubschrauber bereits wartete. Die Piloten stellten sich namentlich vor und flößten Karin durch die besonnene Art des Umgangs mit ihr großes Vertrauen ein. Nun lag sie da, gut verzurrt, die Türen wurden geschlossen. Das Triebwerk heulte auf und langsam begannen sich die Rotorblätter zu drehen. Dann hörte man das übliche Bop, Bop, Bop, als die Blätter die Luft zerteilten. Fast wie eine Feder hob der Helikopter ab, ging in eine leichte Schräglage und schwenkte in Richtung Süden. Karin setzte sich die Kopfhörer auf und unterhielt sich mit den Piloten. Der Flug dauerte etwa eine halbe Stunde, dann sahen sie vor sich eine leicht bergige Landschaft mit großem Baumbestand. Mittendrin, auf einer großen Lichtung, erkannten sie den riesigen Komplex der Reha-Klinik. Der Helikopter flog in einem weiten Bogen in einer leichten Schräglage einmal um diesen Bereich. Dabei konnte sich Karin in Ruhe alles ansehen. So etwas hatte sie noch nie erlebt, sie konnte ihre Begeisterung kaum in Worte fassen.
Sie merkte nicht, wie die Maschine aufsetzte, wunderte sich nur, als das Triebwerk langsamer wurde und die Rotorblätter sich nicht mehr bewegten. Vorerst war sie am Ziel ihrer Reise. Die Piloten luden den Container aus, vier Schwestern legten Karin vorsichtig in ein bereitgestelltes Bett. Ein Dankeschön, ein letztes Winken zu den Piloten, und sie waren im Gebäude verschwunden. Karin wurde in ein Zweibettzimmer geschoben. Als die übliche Hektik vorüber war, wandte sie sich an ihre Leidensgefährtin, die im Rollstuhl am Fenster saß. „Hallo, ich heiße Karin und bin durch einen Unfall vor über drei Monaten zum „Querschnitt“ geworden.“
„Hallo, grüß’ dich, mein Name ist Katja. Ich bin jetzt die vierte Woche hier. Ich bin zu Hause von der Leiter gefallen und mit dem Rücken auf eine Steinfigur, die unmittelbar in der Nähe stand. Was mich am meisten dabei ärgerte, ich konnte das Ding nie leiden, es war von meiner Schwiegermutter. Ich hätte diese dämliche Figur schon längst wegschmeißen sollen.“
Karin entgegnete: „Das tut mir leid, aber was geschehen ist, ist geschehen, da müssen wir durch. Wie ist denn hier so das Leben? Es macht ja alles einen guten Eindruck.“
„Na ja“, antwortete Katja, „du siehst schon so manches Elend, aber man gewöhnt sich daran.“ Dann erzählte Katja, dass sie verheiratet war und zwei Kinder hatte. Sie wohnten zur Miete in einem Hochhaus in der Großstadt. Wenn die Wohnung nicht so toll wäre, hätten sie sich schon etwas anderes gesucht.
Auch Karin erzählte ein wenig aus ihrem Leben. Auf diese Weise kamen sich die beiden Frauen schnell näher. Die Zimmertür öffnete sich, eine Schwester legte Karin einen Prospekt aufs Bett. Sie sollte sich als Erstes einen Rollstuhl aussuchen. Die Größe und Bauart waren ihren Körpermaßen entsprechend vorgegeben, aber das Design!

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 186
ISBN: 978-3-95840-134-1
Erscheinungsdatum: 05.07.2016
EUR 21,90
EUR 13,99

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