Biografie, Politik & Zeitgeschichte

Gebrochen

Simone Krieg

Gebrochen

Leseprobe:


Vorwort von Simone Krieg

Mein Freund, die kommenden Zeilen zu schreiben war nicht leicht für mich, da sie Dich nun aber erreichen, haben sie ihren Zweck erfüllt.
Du fragst Dich, warum ich „mein Freund“ sage, warum ich direkt so vertraut klinge? Nun ja, seitdem ich begonnen habe, diese Zeilen zu verfassen, sind mittlerweile fast fünf Jahre vergangen, und während Du das liest, hörst Du mir schon weiter zu, ohne es zu wissen. Du hast noch keine Vorstellung davon, wie viel ich mit Dir geteilt habe und wie oft Du mir schon zugehört hast. Du hast noch keine Vorstellung davon, wie vertraut wir uns sein werden und wie wichtig es vielleicht ist, dass meine Worte Dich erreichen.
Woher sollst Du wissen, dass Du, mein Freund, mehr über mich weißt als jeder andere in meinem Leben? Dir zeige ich das große Ganze. Du wirst von Menschen in meinem Leben erfahren, die einen Teil des Weges mit mir gegangen sind oder gehen, und jeder Einzelne von ihnen kennt die einzelnen Puzzlestücke, die er mit mir geteilt hat. Dir aber zeige ich alles … Dir zeige ich selbst die dunkelsten Stücke meines Puzzles. Mit Dir reise ich tief in mich, um sie zu verstehen.
Ich versuche zu sehen, woher sie kommen und warum sie mir so wehtun. Ich versuche zu verstehen, wie ich die grauen und schwarzen Bilder betrachten kann, ohne zu vergessen, dass ich auch viele Stücke in ganz anderen Farben habe. Wenn man die Reise in sich selbst wagt, dann ist man manchmal so in der Dunkelheit gefangen, dass man die Sterne dabei vergisst. Es scheint, als gäbe es keinen Ausweg mehr und als hätte man keine Kraft mehr.
In den kommenden Zeilen erzähle ich Dir von Liebe, Hass, Schmerz, Wut und einem Jahr, dem Jahr 2014, das mich zu Boden gerissen hat. Ich erzähle Dir von einer Beziehung, die mein Leben verändert hat und wie ich dadurch am Boden liegend verstanden habe, was mich so zu Fall gebracht hat. Heute, fast fünf Jahre später, kann ich Dir sagen: „Es war erst der Anfang eines Sturmes, der aufgezogen ist!“
Heute, nachdem ich 2017 „überlebt“ habe, will ich noch mehr, dass Dich meine Worte erreichen, denn sie sollen Dir zeigen, dass Du nicht allein bist. Sie sollen Dir eine Stütze sein, an Tagen, an denen der Himmel so schwarz erscheint und Du fast vergessen hast, dass es die Sonne noch gibt. Sie sollen Dir helfen, wieder atmen zu können, wenn Dir die Luft wegbleibt.
Mein Freund, lass Dir gesagt sein, dass mein Leben nicht einfach war und dass es nicht viel gibt, von dem ich Dir nicht berichten könnte. Ich möchte die Themen ansprechen, die keiner anspricht. Ich möchte die Herzen erreichen, die sich hinter tiefen Mauern verstecken. Ich möchte über Misshandlungen, Missbrauch, Traumata, Selbstmord, Albträume, Verhaltensmuster und all das sprechen, was unser Leben hier so schwer macht! Wir sind so leise geworden, weil das Leben zu laut ist, und deshalb will ich meine Stimme erheben, für all die, die es nicht können.
Du fragst Dich warum? Warum ist jemand so verrückt, sich „nackt auszuziehen“? Eigentlich bist Du ein Fremder, und dennoch lasse ich Dich so tief in meinen Kopf wie nie jemanden zuvor. Vielleicht schaffe ich es gerade, weil Du ein Fremder bist. Du kannst mich nicht verurteilen, zumindest nicht, solange ich Deine Reaktion auf meine Worte nicht sehen, hören oder lesen kann.
Eigentlich wollte ich einfach meine „Geschichte“ erzählen, aber heute – nachdem ich 2017 den Tod in meinem Leben hatte wie nie zuvor – sehe ich es als meine Aufgabe, Dir, meinem stillen Zuhörer, andere Perspektiven aufzuzeigen! Ich sehe es als meine Aufgabe, den Menschen, die verurteilen, zu zeigen, was in einem Kopf vor sich gehen kann, und wie mutig es ist, sich sich selbst zu stellen!
Wenn es auch nur einen gibt, der sich durch diese Worte verstanden fühlt und sich, wenn auch nur für ein paar Sekunden, als Helden sieht, da er sich selbst rettet, dann habe ich meine Aufgabe erfüllt.
Diese Worte kommen von Herzen, mein Freund, und sie sollen genau da auch wieder rein. Nimm Dir Zeit und vertrau mir einfach … „Einfach“, denkst Du? Einfach ist am schwierigsten, ich weiß, wovon ich spreche. Dieses Buch soll keine Anleitung zum Glücklich werden sein, denn was bedeutet es denn, glücklich zu sein? Wie fühlt sich das an? Dieses Buch soll zeigen, wie schwer es ist, genau das herauszufinden!
Damals bin ich nur „gefallen“, letztes Jahr musste ich „sterben“, um heute wieder leben zu können. Es soll zeigen, wie schwer es ist und wie oft man abstürzen muss, um fliegen zu lernen. Ich lade Dich dazu ein, in meinem Kopf zu sein, und ich lade Dich dazu ein, Dich schockieren zu lassen, da ich kein Blatt vor den Mund nehmen werde. Ich lade Dich dazu ein, mit mir den Weg zu mir zu finden, und Du wirst sehen, wie oft ich abbiege und wie oft ich im Kreis laufe. Solltest Du selbst betroffen sein, bitte ich Dich vorsichtig und behutsam mit meinen Worten zu sein, denn sie können eventuell etwas in Dir „triggern“, was dort tief schlummert und angesehen werden will. Sie werden Dein inneres Kind berühren, und je nachdem, was Du erlebt hast, kann es auch sehr schwierig werden. Solltest Du jemanden kennen, der betroffen ist, dann lade ich Dich dazu ein, einmal einen Einblick zu bekommen, wie schwer es ist, mit psychischen Erkrankungen zu leben. Ich lade Dich dazu ein, zu sehen, was Kindheitstraumata mit einem machen und wie schwer es ist, sie zuzulassen, und wie stark wir sind, wenn wir uns dem stellen. Ich lade Dich dazu ein, nicht zu urteilen, sondern zu verstehen, was hinter den Masken der Menschen liegt. Ich lade Dich dazu ein, die Schutzmechanismen zu erkennen, um damit anders umgehen zu können. Ich lade Dich in meinen Kopf ein, damit Du vielleicht etwas mehr Mitgefühl hast mit Dir, Deinem inneren Kind oder jemandem, den Du kennst. Du hättest dieses Buch nicht in der Hand, wenn es nicht der richtige Zeitpunkt dafür wäre, jetzt hinzusehen!
Ich versuche in Worte zu fassen, was nicht in Worte zu fassen ist. Ich versuche Dir zu schildern, wie es sich anfühlt, wenn man diese Zwiebel Schicht für Schicht schält und mit wie vielen Schmerzen dies verbunden ist. Ich versuche Dir zu beschreiben, wie es ist, wenn man spürt, dass man seine Seele „missbraucht“, aber nicht weiß, wo man anfangen soll, und ich versuche Dir zu beschreiben, wie es ist, wenn man versucht, glücklich zu sein. Wenn Du erwachsen bist und Dir selbst etwas beibringen willst, was Du nie gelernt hast, tappst Du umher wie ein kleines Kind.
Ich erzähle Dir von meinem Leben und meinem Weg. Meine Antworten mögen nicht Deine sein, aber vielleicht helfen sie Dir auf deinem Weg. Ich erzähle Dir von meiner Kindheit, wie ich vor ihr weglief und wie sie mich einholte. Ich erzähle Dir von einer Beziehung zu einem Mann, der all das in mir wieder hochholte. Ich erzähle Dir davon, welche Wege ich gegangen bin, um all das zu ignorieren. Ich erzähle Dir meine Geschichte, in der ich versuchte, alles die Toilette runterzuspülen und in der ich am Ende nichts mehr fühlen konnte. Ich werde Dir von Mia erzählen, und sicher weißt Du, wer Mia ist? Bulimia nervosa. Mia hat mich 2014 begleitet wie kein anderer. Sie hat mir geholfen und mich gleichzeitig kaputtgemacht. Doch heute verstehe ich, dass ich Mia bin und allein ich die Entscheidung treffen kann zu kotzen oder nicht.
Heute, nachdem ich 2017 eine neue Freundin namens Anna hatte, ist Mia gar nicht mehr das Schlimmste, was ich mir je angetan habe. Vielleicht geht in Deinem Kopf jetzt vor sich: „Ich soll dieses Buch von einer jungen Frau lesen, die nach 2014 nochmal abgestürzt ist?“ Ich kann Dir sagen: Urteile nicht, sondern lass Dich darauf ein. Lies Dir meine Geschichte durch und richte danach über mich. Sei Dir gewiss, dass ich 2014 dachte, ich wüsste, was Verlust ist, und dass ich dachte, ich wüsste, was es heißt, retraumatisiert zu werden. Allerdings ist von 2016 auf 2017 über Monate etwas passiert, worauf ich keinen Einfluss hatte und was in mir jede Narbe erneut aufgerissen hat.
2017 hat mir etwas genommen, was mir niemand auf dieser Welt wiedergeben kann, und wäre ich 2015 nicht in der Klinik gewesen und hätte angefangen, mich mit meinen Emotionen zu beschäftigen, wäre ich letztes Jahr zerbrochen! Dass ich heute hier sitze und Dir schreiben kann und weder Mia noch Anna mein Leben bestimmen, zeigt doch, dass ich den Kampf gewonnen habe. Es zeigt, dass man gewinnen kann. Ich schäme mich für nichts, denn ich bin stolz darauf, mir so viel wert zu sein, dass ich hingesehen habe, und auch wenn ich Wege der Kompensierung als Schutzmechanismus nutzen musste, so hat es sich gelohnt, sie zu hinterfragen. Jeder von uns hat sie und sei es Dir wert, sie anzusehen und zu hinterfragen. Sei es Dir wert, Dich zu fragen: „Bin ich glücklich?“ Die Antwort darauf ist schwer zu finden und sie wird jeden Tag aufs Neue anders beantwortet werden.
Meine Zeilen sind keine Anleitung zum „Vergessen“ der Vergangenheit. Sie beschreiben, wie man die Zusammenhänge versteht und wie man es schaffen kann, anders damit umzugehen. Wir wissen im Leben nicht, was kommt, und es wird immer Sachen geben, für die wir nicht bereit sind. Anna war die Folge auf die schlimmste Zeit in meinem Leben, und wie sollte ich darauf vorbereitet sein? Erst dann, wenn uns das Leben überrennt und wir am Boden liegen und es so wehtut, dass wir handeln müssen, spüren wir, welche Kraft in uns liegt. Ich habe mich für das Leben entschieden und versuche mein Bestes, um mich selbst zu retten. Tag für Tag und Nacht für Nacht, und auch wenn ich oft verzweifle, so erinnere ich mich immer wieder daran, woher ich gekommen bin!
Mein Freund, heute kann ich Beziehungen anders leben, weil ich weiß, dass ich es wert bin, und Du wirst selbst lesen, wie ich Mia und Anna in mir trage, aber Stück für Stück verstehe, warum sie da sind und sich durch sie auch die Beziehungen mit meinem Umfeld ändern werden.
Als Kind lernte ich die Hölle kennen, und die letzten 20 Jahre habe ich versucht, aus ihr herauszukommen. Das Leben und ich selbst haben mich oft aus den Wolken fallen lassen, und dennoch mache ich mich immer wieder auf den Weg in Richtung Licht!
Mein Freund, nun genug der Worte, ich wünsche Dir eine angenehme und auch unangenehme Reise durch meinen Kopf, und sei Dir bewusst, dass diese Worte erst der Anfang sein werden.
Ich hoffe, sie erreichen Dich tief drinnen und regen Dich zum Nachdenken an!




Vorwort von Martin Weber

Vor einem Abgrund stehen, den heftigen Sturm im Rücken spüren und die Hand, die nach mir greift, um mich mit aller Macht in die Tiefe zu ziehen, bedrohlich nahe wissen. Gefühlt schon im freien Fall und es dennoch schaffen, einen Schritt zurückzutreten, die Hand aus der Tiefe nicht zu ergreifen. Mich umdrehen, dem Wind entgegentreten und beflügelt werden. Mich tragen lassen, in etwas Neues, noch Unbekanntes, Befreiendes, Lebendiges.
Wie fühlt es sich an, im freien Fall zu sein und wieder Boden unter die Füße zu bekommen, aufzusteigen in eine unendliche Weite? Wie fühlt es sich an, dem Dunkel des Nichts, der Leere, des Schmerzes ins Auge zu sehen und wieder von der aufgehenden Sonne berührt zu werden?
Simone Krieg hat eine Antwort darauf gefunden. Ihre Antwort. Es mag nicht die Antwort von Ihnen und mir sein auf die Fragen, die unser Leben in seinen Extremen aufwirft. Aber es ist eine Antwort, die zum Nachdenken, zum Mitfühlen, zum „Sich-darin-Wiederfinden“ einlädt. Es ist eine Antwort, die uns auf ihre Art alle betrifft, weil sie betroffen macht, weil sie berührt. Es ist eine Antwort, die uns nicht kaltlassen wird, weil sie in den eisigen Zeiten unseres Lebens in uns etwas auftauen lässt.
Ich habe Simone Krieg in unserer Klinik kennengelernt, als sie noch weit genug von dem drohenden Absturz entfernt war. Ihre schwierigen Kindheitserfahrungen, das Fehlen eines sicheren Zuhauses, massive Misshandlungen und sexuelle Übergriffe hatten bis zu diesem Zeitpunkt nur (!) zu einer Bulimie und einer depressiven Störung geführt.
Sie hatte in ihrem „Geworden Sein“ gelernt, zu funktionieren und so für sich selbst zu sorgen, dass sie sich gut „über Wasser halten“ konnte. Sie verließ mit gut behandelter Essstörung unsere Klinik und war einige Zeit stabil genug, um zumindest weiterhin zu funktionieren.
Doch das änderte sich bald. Das alte, bedrohliche, irgendwo in den Tiefen ihrer Seele Begrabene holte sie ein, als ihre Schwester, die an einer massiven psychischen Persönlichkeitsstörung litt, verschwand. Über etliche Wochen wurde die Vermisste gesucht und schließlich suizidiert gefunden.
Ihre engste Vertraute, ihre geliebte Schwester, mit der sie gemeinsam den widerlichsten, heftigsten körperlichen und seelischen Misshandlungen ihrer gemeinsamen Kindheit ausgesetzt war, hatte sie verlassen.
Der einzige Halt in einer Zeit, die so haltlos war, ihr über lange Zeit einziges Gegenüber, dem sie vertrauen konnte, war aus dem Leben geschieden, weil das Leben mit all seinen Erinnerungen nicht mehr auszuhalten gewesen war. Eine symbiotische Beziehung ging zu Ende.
Aber die alten Bilder nahmen einen neuen Anlauf, um Simone Krieg mit massiver Wucht und Härte in ihrem gut funktionierenden Sein einzuholen. Der Film von „damals“ war wieder da und sie stieg in seine Handlung ein. Sie durchlebte, durchlitt vieles noch einmal, jedoch ohne den geliebten Menschen an ihrer Seite, ohne ihren Seelenverwandten, ohne ihr Herz.
Als einzige „Verbündete“ blieben ihr die Essstörung und die erneute Depression. Mit wem auch sonst hätte sie das ertragen können, was jetzt wieder so präsent war.
Noch funktionierte Simone Krieg über weite Strecken, aber mehr und mehr sahen die Menschen, die sie kannten und liebten, dass sie gewissermaßen vor ihren Augen verschwand.
Nicht nur, dass sie körperlich weniger wurde, weil die Anorexie jetzt stärker und stärker wurde und sie nahezu auffraß, sondern auch ihre Seele wurde von der inneren Dunkelheit aufgefressen.
Gut gemeinte Worte, liebevolle Gesten, praktische Unterstützung, viel Motivierendes – es prallte an ihr ab. Nichts schien sie mehr in ihrem verletzten Inneren zu erreichen und sie davon abbringen zu können, ihrer Schwester zu folgen.
Dann sah ich Simone Krieg wieder und was ich sah und hörte, will ich mit einem Zitat beschreiben, das ich einmal hörte: „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist.“
Was ich damit meine? Lesen sie selbst, Simone Krieg fasst in Worte, was so unfassbar ist.

Martin Weber,
pflegerischer Bezugstherapeut,
Klinik Hohe Mark in Oberursel




Wie beginnt man solche Seiten? Mit der Wahrheit? Ich warte in der Gegenwart nur darauf, dass mein Handy klingelt, und die Klinik, in der ich mich vorgestellt habe, mich zu einem ambulanten Aufnahmetermin einlädt, in der Hoffnung, sofort da bleiben zu können. Wie es dazu kam? Der Befund meiner Therapeutin, den ich gestern in der Klinik vorgelegt habe, sagt mir, was ich habe, aber was in meinem Leben hat zu all dem geführt?
Ich habe eine mittelgradige Depression, Bulimie, und kann nicht mehr kompensieren, was aus meiner Vergangenheit nun nach 18 Jahren hochkommt.
Warum jetzt? In den letzten 18 Jahren habe ich überlebt. Ich habe versucht klarzukommen, mich jeden Tag weiterzubewegen, ich bin gerannt, ich bin so weit gerannt, in jede Richtung … Was ich dabei vergessen habe: Man kann nicht vor sich selbst wegrennen.
Diese Zeilen und Seiten entstehen an dem absoluten Tiefpunkt in meinem Leben!
Wir haben den 6. Januar 2015, ein neues Jahr hat begonnen. 2014 hatte nicht viel Gutes für mich zu bieten. Heute vor einem Jahr bekam ich eine E-Mail, die alles in meinem Leben ändern sollte.
Heute, ein Jahr danach, wünschte ich, ich hätte diese E-Mail nicht beantwortet. Sie hat mich im Jahr 2014 alles gekostet, ich habe teuer dafür bezahlt. Nun, an diesem Dienstagabend, sitze ich hier, in meiner Wohnung, die ich kaum noch verlasse. Seit drei Monaten bin ich fast durchgehend krankgeschrieben, nehme ein Antidepressivum und leide an Depersonalisation, einem Zustand, der kaum auszuhalten ist. Ich stehe so neben mir, ich fühle nichts mehr und schaue nur auf mich drauf, halte es, wie es meine Psychologin sagt, nicht mehr in mir aus. Nie hätte ich gedacht, dass es ein Mensch mal schafft, mich zum Fallen zu bringen.
Alles begann heute vor einem Jahr, als ich um 23:32 Uhr diese E-Mail bekam. Ich hatte eine neue Stelle angefangen. Nachdem ich mich weiterentwickeln wollte, kündigte ich als Filialleiterin bei einem Discounter. Ich konnte es nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, einen solchen Druck auf Mitarbeiter auszuüben. Ich hatte mich im Juli bei einem Start-up beworben und wurde im September zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich hatte ebenso eine Stelle bei einem anderen Unternehmen in Aussicht. Aber als ich an diesem Freitagnachmittag um 14:30 Uhr in diesem Markt stand und auf einen gewissen Herrn Stein wartete, dachte ich mir, ich hätte nichts zu verlieren, wenn ich mir eine weitere Stelle ansah.
Nachdem ich eine Stunde gewartet hatte, stand er plötzlich vor mir, mit einem grauen Anzug, einem weißen Hemd und einem sehr freundlichen Ausdruck im Gesicht. Er hatte braune Augen, war groß, hatte eine normale Statur, einen breiten Rücken und wunderschöne, tiefbraune Augen, die man trotz Brille sehr gut sehen konnte. Seine Oberlippe war viel schmaler als die Unterlippe, das machte die Art und Weise, wie sich seine Lippen beim Sprechen bewegten, irgendwie einzigartig. Von der Seite war es noch schöner, wenn er redete. Sein kräftiger Händedruck gefiel mir. Er bat ganz höflich um Entschuldigung, da er mich hatte warten lassen. Ich sagte damals nur: „Kein Problem, Herr Stein, so ist das Tagesgeschäft nun mal“, und musste dabei lachen. Schließlich war ich seit fast zehn Jahren im Einzelhandel, so schnell schockierte mich nichts mehr. Wir setzten uns eineinhalb Stunden zusammen, das Gespräch lief sehr gut, die Stelle war mehr, als ich erwartet hatte – und dieser Mann … als ich in seine Augen sah, dachte ich damals: „Wie gerne würde ich irgendwann mal wissen, wer dieser Mann privat ist? Was bewegt ihn, wer ist Christian Stein?“
Eine Woche später hatte ich die Stelle. Ich bekam über die nächsten zehn Wochen mehrere E-Mails über den Stand meiner neuen Stelle und wann und wie es losgeht. Immer wieder freute ich mich, diesen Namen in meinem E-Mail-Fach zu lesen. „Christian Stein.“
Zu dieser Zeit war ich – wie immer – in einer Beziehung, die eher kalt war. Ich wollte in meinem Leben keine Nähe, wollte nicht, dass jemand weiß, wer ich bin, und vor allem nicht, warum ich so bin. Als das Weihnachtsgeschäft so langsam umging und meine Mitarbeiter immer trauriger wurden über mein baldiges Gehen, wusste ich, bald würde sich viel verändern. Ich hatte meine Wohnung gekündigt, um näher an meine neue Stelle zu ziehen. Leider musste ich erstmal zu meiner Mutter, da ich so schnell keine neue Wohnung gefunden hatte. Am 31. 12. 2013 saß ich bei meinem Vater und schaute mit ihm und einem Teil meiner Familie das Musikantenstadl in dem Haus, dass mich fast mein Leben gekostet hatte. An diesem Abend fragte ich mich: „Was hast du am 31. 12. 2014 zu erzählen, Simone? Was wird dieses Jahr in deinem Leben verändern?“
Jetzt kenne ich die Antwort und ich wünschte mir, dieses Jahr wäre so nie geschehen. Es begann wie gesagt heute vor einem Jahr: Eine Woche nach dem Start in meine neue Stelle als Standortmanagerin eines Lagers hatten wir im Aufbau sehr viel Arbeit und es erreichte mich nach einem 15-Stunden-Tag eine E-Mail von Christian Stein. Um 23:32 Uhr schrieb er mir:

Ich muss Sie/dich jetzt einfach fragen, sonst kann ich nicht schlafen …
Würden Sie/würdest du mal privat mit mir essen gehen? Nicht als Chef und Angestellter …
Ich weiß, das ist nicht so einfach und vielleicht auch eine dumme Idee, dann einfach wieder vergessen und die Mails hat es nie gegeben ;). Und bitte auch nicht an die Kollegen tragen. Das wäre etwas unangenehm … Wie gesagt, wahrscheinlich eine dumme Idee, dann einfach wieder vergessen …
LG 
Christian Stein
Ich las diese E-Mail erst am nächsten Morgen. Ich hatte mir am Abend zuvor, als ich mich bei ihm verabschiedet hatte, nichts mehr gewünscht als das. Dennoch konnte ich es kaum glauben, mein Vorgesetzter wollte sich mit mir treffen. Der Mann, den ich von der ersten Sekunde an hatte kennenlernen wollen, der Mann, der an meinem Probe Tag, dem 13. 12., mit mir frühstücken war und mich da bereits fragte, was eine Frau Krieg denn privat machte. Auch damals wollte alles in mir wissen: Wer ist Christian Stein? Wir schauten uns auf eine Art und Weise an, die so tief war, dass ich dachte, ich könnte mir das nur einbilden. Ich hatte Angst. „Was, wenn das in die Hose geht? Du hast deine neue Stelle erst seit einer Woche.“ Ich antwortete:

Einen wunderschönen guten Morgen erstmal ;). Um heute fit zu sein, war ich natürlich pünktlich im Bett :). Es tut mir leid, dass ich gestern dann so „früh“ weg bin, aber mir war es wichtig, heute Morgen in Sachen Frische und Dispo wie eine Rakete durchzustarten, auch wenn es für mich, um ehrlich zu sein, gerade mehr als schwer ist, da allein den Überblick zu haben, aber ich gebe mein Bestes.
Das mit dem Essengehen: Von mir aus spricht da nichts dagegen, ich würde das sogar begrüßen :). Also wenn die Frage so dumm wäre, hätte man(n) sie sicher nicht gestellt ;). Die Frage ist natürlich mehr die Zeit, was schwebt Ihnen/Dir denn da so vor?
Mir wäre es natürlich recht, wenn wir das machen, wenn man vielleicht nicht gerade 15 Stunden auf der Arbeit war und schon auf Autopilot geschaltet hat ;).
LG
Simone Krieg 

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 558
ISBN: 978-3-95840-973-6
Erscheinungsdatum: 30.10.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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