2021 - Ein Jahr im Wettlauf gegen die Pandemie

2021 - Ein Jahr im Wettlauf gegen die Pandemie

Georg Kohlmaier


EUR 22,90

Format: 18 x 27 cm
Seitenanzahl: 178
ISBN: 978-3-99131-593-3
Erscheinungsdatum: 27.09.2022
2021 im Zeichen der Covid-Pandemie und deren Bekämpfung in Politik, Gesellschaft, Arbeitswelt, Sport u. a. m. Ein intellektueller dokumentarischer Zeitraffer mit interessanten Details und Hintergrundinformationen zu Themen, die 2021 wesentlich geprägt haben.
Inhaltsverzeichnis

Die Idee zu diesem Buch - 7

Januar
Die Hoffnung auf die Impfung - 9
Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker - 11
Brexit vollzogen - 12
Präsidentenwahl in Amerika - 15

Februar
Lockdown - 18
Staatsgewalt - 21
Präsenzunterricht mit Nasenbohrer-Tests - 25

März
Impfpass für alle - 28
… to go - 30
Impfstoff – Wer sind die Guten? - 32
Rien ne va plus im Suezkanal - 34

April
Osterruhe – Lockdown für die Ostregion - 37
Die verlorene goldene Stadt am Nil - 39
Schattenseiten der Liebe zur Natur in Zeiten der Pandemie - 40
Klimawandel und neue Klimaziele - 41

Mai
Schottland – unbeugsam und unabhängig - 45
Fischerbootblockade in Jersey – Randnotiz oder Menetekel? - 46
Kein Ende des Schreckens - 48
19. Mai – Vorprogrammiertes Ende des Lockdowns in Österreich - 51
Welttag der Bienen - 52

Juni
Stapellauf für den QR-Code als Grüner Pass - 55
EURO 2020 – Die verschobene Fußball-Europameisterschaft - 56
Ein Sommer wie damals? - 60
Wetterextreme – Todbringender Tornado in Tschechien,
Hitzekuppel mit bis zu 50 °C im Westen der USA und Kanadas - 64

Juli
Der Wettlauf gegen die Delta-Variante - 69
Olympische (Geister-)Sommerspiele in Tokio mitten in der Pandemie - 73
Wetterroulette – Gefangen in den Fluten der Wassermassen,
auf der Flucht vor dem Feuer unkontrollierbarer Flächenbrände - 77
Problemwolf - 83

August
Impfpflicht – Ja oder nein? - 89
Afghanistans langer Weg - 93
„Wir haben Flügel“ – Paralympics 2020 in Tokio - 97

September
Schulbeginn: Noch immer im Banne der Pandemie - 99
Ein Marathon als Lauf aus der Pandemie - 102
Tombola gegen die Impfskepsis - 105

Oktober
Dritte Impfung als Tor zur endgültigen Freiheit? - 108
Achtung: Falle! Stufenplan in der Bekämpfung der Pandemie - 112
Eine nicht normale Wintersaison im Zeichen der Pandemie - 115
Vulkanausbruch auf der Ferieninsel La Palma - 117

November
Neue schöne Arbeitswelt mit 3G-Regel - 121
Umweltgipfel in Glasgow - 123
Lockdown Nummer 4 für alle als letzter Ausweg in der Pandemiebekämpfung - 127
Weihnachtsmärkte – Statt Punsch und Glühwein ein neuerlicher Lockdown - 132

Dezember
Ende des Lockdowns für Geimpfte und Genesene - 134
Allgemeine Impfpflicht: Nun also doch! - 135
Warum Omikron? - 139
#YesWeCare-Lichterkette auf der Wiener Ringstraße - 145

Was wichtig ist – Ein Ausblick - 147

Abkürzungsverzeichnis - 148

Quellenverzeichnis - 150

Bildnachweis - 174

***

Die Idee zu diesem Buch

Das Jahr 2021 steht, wie schon 2020, im Zeichen der Covid-19-Pandemie und deren Bekämpfung. Sie ist das beherrschende Thema. Diesem Jahrbuch zu dem besonderen Jahr 2021 liegt die Idee zugrunde, für jeden Monat herausragende Ereignisse oder Prozesse darzustellen, ausgewählt und bewertet aus meiner persönlichen Sicht. Die Aufsätze zeigen, wie intensiv und facettenreich manche Ereignisse in diesem bemerkenswerten Jahr 2021 gewesen sind. Dem Titel entsprechend bildet dabei das Pandemiegeschehen über das Jahr hinweg den Schwerpunkt. Das Buch soll aber mehr als nur das Pandemiegeschehen nachzeichnen. Das Jahr 2021 hat auch andere Überraschungen bereitgehalten. Sie zu beleuchten, ist ebenso Teil des Jahrbuchs.
Vieles ist aus nachfolgenden Ereignissen gesehen neu zu bewerten, stellt sich später in einem anderen Licht dar. Oftmals führt das zu einer Erkenntnis, wie sie sich zum Zeitpunkt des Geschehens nicht aufgedrängt oder abgezeichnet hat. Manchmal offenbart sich im Nachhinein auch eine gewisse Ahnungslosigkeit und beinahe Naivität gegenüber den Abgründen und Wendungen. Hoffnungen und Erwartungen, die uns geleitet haben, werden in dem Buch nachgezeichnet. Aber auch Irrungen, die uns manchmal im Nachhinein den Kopf schütteln lassen.
Die einzelnen Aufsätze sollen Eindrücke und Situationen erfassen und darstellen, wie sie zum Zeitpunkt des Geschehens empfunden worden sind beziehungsweise sich gezeigt haben. Über die Zeit tauchen Ereignisse und markante Wegmarken aber oftmals in eine diffuse »Verklärtheit« ab. Die Ausführungen im Buch sollen das Geschehen noch einmal zum Leben erwecken, vielleicht manchmal nach dem Motto: »Ach ja, so war das!« Wir kennen das von den Jahresrückblicken in Rundfunk und Fernsehen, aber auch in diversen Magazinen und Zeitschriften am Ende eines Kalenderjahres. Mir sind zum Beispiel der 6. Jänner mit der Erstürmung des Kapitols in Washington und die Berichterstattung dazu besonders in Erinnerung geblieben: Zuerst ist es lediglich eine eher nüchterne Information des ORF in den Nachrichten im Radio, dann aber – die Ereignisse nehmen immer dramatischere Ausmaße an – folgt im Hauptabendprogramm im TV eine ausgedehnte Sondersendung zu den Ereignissen. Diese Sondersendung – ursprünglich für andere Themen gedacht – wird zur Berichterstattung zum Sturm auf das Kapitol umfunktioniert. Bis spät am Abend bin ich gebannt vor dem Fernsehschirm gesessen.
Neben Berichten aus Rundfunk- und Fernsehsendungen bilden Zeitungsschlagzeilen und -berichte die wesentlichen Quellen und Elemente für dieses Buch. Das geflügelte Wort lautet zwar, dass nichts älter ist als die Tageszeitung von gestern. Das mag für den nächsten Tag auch durchaus stimmen. Aber Schlagzeilen verleihen unnachahmlich Ausdruck für Erwartungen, Ängste und Sehnsüchte, die uns beschäftigt haben oder es noch immer tun. Sie sind wie Puzzlesteine, zusammengefügt kann ein neues Gesamtbild entstehen, manchmal entwickelt sich daraus eine eigene Geschichte.
Fotos bilden zu einigen Themen ein zusätzliches dokumentarisches und gestalterisches Element. Wenn sie ein aktuelles Geschehen oder eine einzigartige Geste festhalten, werden sie ebenso zu authentischen Zeitzeugen.
Es ist ungemein spannend, die vielen Notizen, Äußerungen und Darlegungen zusammenzuführen und daraus – solange die Eindrücke noch frisch und nicht im bleichen Licht der Vergangenheit verklärt und verschwommen sind – ein »Gesamtmenü« zu komponieren.
Danken möchte ich den Journalistinnen und Journalisten sowie Redakteurinnen und Redakteuren der Zeitschriften und Zeitungen, deren Artikel wesentliche Grundlagen für viele Ausführungen in diesem Buch bilden. Besonderer Dank gilt meiner Frau Gabi, die mir in vielen Gesprächen und im Austausch von Ideen für viele Formulierungen mit Rat und Tat zur Seite gestanden ist.
Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, wünsche ich gute Unterhaltung bei der Lektüre dieses Buches und das eine oder andere »Aha«-Erlebnis. Vielleicht ist die Betrachtung im Rückblick manchmal entspannter als das Empfinden zum unmittelbaren Zeitpunkt der Geschehnisse.

Wien, im Dezember 2021
Georg Kohlmaier

Hinweise:
Die Anführungszeichen „…“ werden im Buch für die Wiedergabe von Schlagzeilen oder Ausschnitten aus Berichten und für Begriffe aus den im Quellenverzeichnis angeführten Zeitungen und Zeitschriften wie auch für wörtliche Zitate aus Rundfunk- und TV-Sendungen verwendet. Zur Unterscheidung davon erfolgt das Hervorheben von Wörtern oder Formulierungen zur Unterstreichung oder Zuspitzung einer Aussage in eigener Sache mit den Satzzeichen »…«.
In diesem Buch wird auf gendergerechte Formulierungen verzichtet. Natürlich gelten die Ausführungen für beide Geschlechter, sofern nicht ausdrücklich eine Präzisierung vorgenommen wird.

***

Impfstoff – Wer sind die Guten?

Dass zum Zeitpunkt der Bestellungen – für die EU-Staaten durch die Europäische Kommission koordiniert und von den Mitgliedsstaaten geordert – noch nicht absehbar gewesen ist, welche Impfstoffe wie schnell in der Europäischen Union zugelassen sein werden und wie deren Produktion und Verfügbarkeit sich gestalten wird, ist klar. Die Bestellungen erfolgen 2020 quasi auf Verdacht. Es werden Verträge und Vereinbarungen geschlossen.
Die doch überraschend schnelle Verfügbarkeit erster Impfstoffe bereits mit Ende 2020 führt zu einer ersten Euphorie. Im weiteren Verlauf folgen aber etliche Rückschläge. Das betrifft sowohl die Vorbereitungen in den Ländern zum Roll-out für die Impfungen als auch die georderten Mengen und vereinbarten Lieferzeiten. Auch vermeintliche Unsicherheiten in der Wirksamkeit und Sicherheit der Impfstoffe beunruhigen die Menschen. Das erforderliche Handling der Impfstoffe (Lagerbedingungen und entsprechende logistische Vorkehrungen) ist entscheidend dafür, wer mit der Verimpfung beauftragt werden kann. Impfzentren haben hierzu andere Möglichkeiten als der viel zitierte Hausarzt, der aber wiederum näher bei den Menschen ist.
Bis zum Ende des Monats März zeigt sich ein sehr instabiles Bild: Während für den Impfstoff von BioNTech/Pfizer – zu der Zeit »gefühlt der Audi« unter den Impfstoffen, jedoch teuer und sehr aufwendig in der Lagerung – die Lieferkapazitäten und die Lieferzeiten sich als stabil erweisen, erlebt der Impfstoff von AstraZeneca eine richtige Hochschaubahnfahrt. Leichtere Handhabung (Lagerungsbedingungen) und günstigerer Preis stehen einer instabilen Lieferkapazität gegenüber. Dieser Impfstoff ist aber die bevorzugte Wahl all jener Länder, die bei der Bestellung im Jahr 2020 besonders den Preis als relevantes Argument gesehen haben. Bereits mit Beginn des Jahres in großen Mengen im Vereinigten Königreich verimpft, stocken die Lieferungen in die Europäische Union immer wieder beziehungsweise ist man von den vertraglich vereinbarten Liefermengen, auch für die nächsten Monate, offensichtlich weit entfernt. Die niedrigen Impfraten in den Staaten der Europäischen Union werden im großen Umfang den Lieferausfällen dieses Impfstoffes zugeschrieben. Ein politisches Hickhack zwischen der Europäischen Kommission und dem Konzern wegen Nichterfüllung vertraglicher Vereinbarungen – Stichwort: „EU verhängt Exportverbot über AstraZeneca“ – und innerhalb der Europäischen Union unter den Mitgliedsstaaten über die Vorgänge in der Impfstoffbeschaffung ist die Folge. Auch die Beurteilung der Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs ist von einem Auf und Ab geprägt. Wird er zuerst von der EMA, die für die Zulassung der Impfstoffe innerhalb der Europäischen Union zuständig ist, wegen fehlender Datenlage für Menschen ab 65 Jahren als nicht geeignet beurteilt, wird später gerade die Eignung für ältere Menschen als hervorstechendes Merkmal gesehen. In weiterer Folge wird der Impfstoff aufgrund berichteter aufgetretener Probleme durch Nebenwirkungen bei einzelnen Personen in einigen Mitgliedsstaaten zwischenzeitlich ausgesetzt beziehungsweise nur mehr für Personen ab 60 Jahren als sicher beurteilt. Berichtet wird von eventuell mit der Impfung in Zusammenhang stehenden Todesfällen infolge Gehirnvenenthrombosen. Impfprogramme werden wiederholt auf den Kopf gestellt. Österreich hält, so wie auch die EMA, vorerst an der allgemeinen Verwendbarkeit fest. Die Feststellung der EMA, dass in seltenen Fällen Thrombosen ausgelöst werden können – die Schlagzeile dazu lautet: „AstraZeneca-Impfung kann laut EMA Blutgerinnsel verursachen“ –, wird unterschiedlich bewertet. Einzelne Länder differenzieren mit Hinblick auf die Altersgruppen in der Anwendung, andere setzen den Impfstoff generell aus. Für Österreich ist es auch eine nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung: Auf der einen Seite stehen die durch einen Totalausfall dieses Impfstoffs entstehenden Verzögerungen im Impfprogramm und damit einzukalkulierende schwere Erkrankungen mit Todesfolgen infolge von Infektionen, auf der anderen Seite im Vergleich dazu die offensichtlich doch wesentlich geringere Wahrscheinlichkeit von ernsthaften Komplikationen durch den Impfstoff.
Die beiden anderen Impfstoffe, Moderna und Johnson & Johnson, spielen aufgrund der viel geringeren Produktionskapazitäten im Kampf um Impfdosen zu diesem Zeitpunkt noch keine entscheidende Rolle. Letzterer kommt erst später und in relativ geringen Mengen dazu, wird aber noch vor seinem Einsatz aufgrund aufgetretener Thrombosen vorsorglich vorläufig nicht verwendet und erst nach weiteren Untersuchungen von der EMA definitiv freigegeben.
Der Druck auf die politischen Entscheidungsträger ist enorm und steigt mit jeder weiteren Lieferverzögerung von Impfstoffen. Richtiggehend grotesk entwickeln sich Ende März, Anfang April die Überlegungen zur möglichen Verwendung des russischen Impfstoffs Sputnik V in Österreich und in der Europäischen Union. Die Schlagzeile „Sputnik V – Kauf steht wohl kurz bevor“ signalisiert die vermeintliche Hoffnung auf zusätzliche Impfstoffmengen für Österreich. Und das, obwohl eine Zulassung der EMA nicht verfügbar und offensichtlich auch nicht zeitnah absehbar ist. Der Impfstoff wird als allgemein gut verträglich und wirksam beschrieben, gleichzeitig wird aber die mangelnde Information zur Datenlage für eine ausreichende Beurteilung auf europäischer Ebene hervorgehoben: „Was Sputnik V wirklich kann“; „Berlin will Sputnik V ordern“. In Ungarn wird der Impfstoff schon seit Jahresbeginn verwendet. Einzelne Staaten – wie zum Beispiel die Slowakei und Tschechien – liebäugeln mit einer nationalen Notfallzulassung. Deutschland und Österreich, die Interesse an dem Impfstoff zeigen, könnten für Russland und Sputnik V als Eisbrecher innerhalb der Europäischen Union fungieren. Verhandlungen mit Russland über die Lieferung einer beträchtlichen Menge sind im Gange. Es herrscht enormer Zeitdruck: „Sputnik V: Nur bis zum Sommer sinnvoll“ stellt die Generaldirektorin für die Öffentliche Gesundheit für Österreich fest. Der EU-Binnenmarktkommissar, in dessen Zuständigkeit auch die Impfstoffbeschaffung fällt, hält aber fest: „Wir können bis Mitte Juli 70 Prozent vollständig impfen. Sputnik V ist zu langsam für die EU.“ Gemeint ist damit eine EU-Zulassung und ein den EU-Standards entsprechender und dokumentierter Produktionsprozess.
Und es mehren sich kritische Berichte: „Das slowakische Sputnik-Dilemma“. Hintergrund sind offensichtliche Ungereimtheiten in den Daten der vom Premierminister im Alleingang georderten Impfdosen und mangelnde Transparenz zur Übereinstimmung mit dem in Russland zugelassenen Impfstoff. „Todesfälle nach Sputnik-V-Impfung“: Erstmals wird über Todesfälle berichtet, der Entwickler des Impfstoffs stellt jeden Zusammenhang mit dem Impfstoff in Abrede, allerdings ohne weitere Details preiszugeben. Und die EMA stellt klar: „EU-Zulassung in weiter Ferne“. Intransparenz und möglicherweise auch berechtigtes mangelndes Vertrauen in den Staatsapparat werden, ungeachtet der zweifelsfrei anerkannten wissenschaftlichen Fähigkeiten der russischen Experten, der Politik angelastet: „Wladimir Putins Sputnik-Show: Wegen großen Erfolgs abgesagt“. Es werden bereits Parallelen zu den Dopingfällen und der Verschleierungstendenz der russischen Behörden bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi gezogen.
Später wird für Österreich der neue Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein in seinem Antrittsstatement bei seiner Angelobung am 19. April feststellen, dass es keine nationale Zulassung für Sputnik V ohne Zulassung durch die EMA geben werde (Bericht in der ORF-Nachrichtensendung Zeit im Bild 1 am 19. April). Eine mögliche Zulassung durch die EMA scheint jedoch nicht aktuell. Und im Mai wächst die Erkenntnis: „Sputnik V ist offenbar kein einheitliches Vakzin, sondern eine Handelsmarke. Deshalb dürfte Moskau wohl nie einen Antrag auf die Zulassung des Impfstoffs in Europa stellen.“ Im weiteren Verlauf wird es in Österreich um Sputnik V wieder sehr still.
Was bleibt, ist eine enorme Verunsicherung der Menschen. Was ist der Politik geschuldet, was ist aus wissenschaftlichen Erkenntnissen zu folgern? Wir, die Bürger, bleiben ratlos zurück. Auch insofern, als wir zu dieser Zeit (noch) keine Auswahlmöglichkeit eines Impfstoffs haben und die Impfprogramme nun einmal wesentlich von den verfügbaren Impfstoffen gesteuert sind.
Etwas Entspannung kommt auf, als infolge Nachverhandlungen der Europäischen Kommission zusätzlicher Impfstoff von BioNTech/Pfizer für die Europäische Union verfügbar wird. Für Österreich bedeutet das für die nächsten Monate immerhin eine Million zusätzliche Impfdosen. Seit langer Zeit kommt erstmals wieder Optimismus auf, dass bis zu Beginn des Sommers doch ein Großteil der Impfwilligen zumindest ihren ersten Stich der Grundimmunisierung bekommen wird.

***

Olympische (Geister-)Sommerspiele in Tokio mitten in der Pandemie

Im Olympischen Museum in Lausanne ist der Geschichte der Olympischen Spiele von der Antike bis zu den Festspielen in unserer modernen Welt, ihren Besonderheiten und der Entwicklung der Wettkämpfe mit einer fantastischen Dauerausstellung mit großen digitalen Schau- und Hörbildern breiter Raum gegeben. Aber: Olympische Spiele in Zeiten einer weltweiten Pandemie?
Olympische Spiele, die von einzelnen Ländern aus politischen Gründen boykottiert worden sind, hat es schon mehrfach gegeben: Wir erinnern uns an den Boykott der Olympischen Spiele in Moskau 1980. Diese werden unter anderem von den USA, der Bundesrepublik Deutschland (1980 gibt es noch kein wiedervereinigtes Deutschland), Kanada und Japan boykottiert. Vier Jahre später, 1984, es sind die Spiele in Los Angeles, nehmen die (damalige) UdSSR und mit ihr auch die überwiegende Zahl der damaligen Ostblockstaaten nicht an den Spielen teil. Wohl eine Retourkutsche zum Verhalten des Westens 1980.
Wie aber hat die Spanische Grippe, zu der heute oftmals Vergleiche gezogen werden, die Olympischen Spiele beeinflusst? 1916 fallen die Spiele wegen des Ersten Weltkriegs aus. 1920 bei den Olympischen Spielen in Antwerpen – es ist die Zeit kurz nach Abflauen der Spanischen Grippe – werden die Kriegsverlierer nicht eingeladen. Unter dem sehr bezeichnenden Titel „Festival der Entbehrung“ wird berichtet, dass sich in den Archiven kein Hinweis auf die Spanische Grippe und allfällige Einschränkungen infolge dieser finde. Wohl aber über Politik: „Viele Menschen hatten ihr Leben verloren. Die Politik verschärfte die Zensur, um die Stimmung nicht weiter sinken zu lassen. Das ist wohl einer der Gründe, warum wir in den Archiven so gut wie nichts über die Nachwehen der Spanischen Grippe auf Olympia gefunden haben“, so der Historiker Bram Constandt von der Universität Gent.
In Tokio 2021 gibt es eine neue Variante von Sanktionen: Nachdem 2019 die WADA Russland wegen Doping-Manipulationen (Austausch von Urinproben bei der Olympiade in Sotschi 2014) für vier Jahre ausgeschlossen hat, wird im Dezember 2020 von den Sportrichtern des CAS die Sperre halbiert und entschärft. In Tokio und bei den Winterspielen 2022 werden lediglich die russische Hymne und Fahne verboten. Es erklingt stattdessen das Klavierkonzert Nummer 1 von Peter Tschaikowsky und es wird die olympische Fahne gehisst. Die Teilnehmer aus Russland nehmen als Athleten des ROC an den Spielen teil. Das ist allerdings eher etwas für Statistiker – zum Beispiel wenn es um den Medaillenspiegel geht –, mutet als Sanktion jedoch etwas halbherzig an.
Und nun Olympische Spiele ohne Zuschauer am Ort des Geschehens? Gerade wegen der Covid-19-Pandemie sind die Spiele von 2020 auf den Sommer 2021 verschoben worden. Die Situation hat sich jedoch nicht gebessert.
Trotzdem: Die Olympischen Sommerspiele werden am 23. Juli von Kaiser Naruhito eröffnet. Zum zweiten Mal nach 1964 finden sie in Tokio statt und dauern bis zum 8. August. Allerdings liegen die Nerven blank: Vom IOC wird von den Athleten eine Verzichtserklärung für Schadenersatzforderungen im Falle einer Erkrankung an Covid-19 verlangt.
Die Vorzeichen verheißen nichts Gutes: In einer Nachrichtensendung im ORF 2 am 21. Juli – drei Tage vor Beginn der Spiele – wird gemeldet, dass seit Anfang Juli schon mehr als 80 Infektionen mit dem Coronavirus gemeldet worden sind. Allein am 21. Juli werden unter den Aktiven fünf positive Fälle registriert. Die Infektionszahlen in Tokio und ganz Japan steigen dramatisch an, ebenso wie bei den Teilnehmern: Mit Beginn der Spiele wird von mehr als 100 Infektionen innerhalb des olympischen Dorfs berichtet.
Das IOC stellt unmissverständlich klar, dass die Spiele – ungeachtet aller Zweifel auf Sponsorenseite und der Warnungen der Virologen – stattfinden werden, wenn auch in einer abgeschotteten Blase: „Die Olympiablase von Tokio“. Das heißt, die Sportler dürfen ihren Unterbringungsort nicht verlassen, Kontakt mit der Außenwelt gibt es nicht. Nach Beendigung der Wettkämpfe müssen die Sportler spätestens nach zwei Tagen abreisen. Öffentliche Verkehrsmittel dürfen nicht benutzt werden. Sightseeing und Ausflüge zu Sehenswürdigkeiten außerhalb Tokios oder Restaurantbesuche sind untersagt, die Einhaltung wird via App kontrolliert. Mittels elektronischer Kameras werden alle öffentlichen Zonen in der Olympiablase überwacht. Es gibt laufend Tests, für das Publikum finden die Spiele ausschließlich im TV und in den diversen Streamingkanälen statt.
Mit der Entscheidung der japanischen Regierung vom 8. Juli, wegen der ansteigenden Infektionszahlen für Tokio den Notstand vorläufig bis 22. August zu verlängern, wird auch klar: Es wird keine Zuschauer geben, weder aus dem Ausland noch aus Japan selbst. Eine die Situation treffend beschreibende Schlagzeile lautet: „Olympia: Notstand statt Zuschauer“. Die Notstandsverhängung geht zeitlich über die Olympischen Spiele hinaus. Am 30. Juli wird aufgrund der weiter stark ansteigenden Infektionszahlen der Notstand auf die vier Präfekturen rund um Tokio ausgeweitet (ORF-Ö1-Morgenjournal am 30. Juli). Unter dem abgewandelten olympischen Motto „Schneller, höher, leiser“ sollen nachstehend einige Kennzahlen diese besonderen Spiele verdeutlichen: Insgesamt gibt es 41 Veranstaltungsorte, im olympischen Dorf wohnen rund 18.000 Menschen – offizielle Vertreter, Betreuer, Trainer und ca. 11.000 Aktive –, 205 Nationen sind vertreten. Es sind Zahlen, die auch die organisatorischen Herausforderungen deutlich machen.
Im Gesamten gibt es 339 Medaillenentscheidungen in 33 Sportarten. Das ist Rekord. Die Medaillen werden erstmals zu 100 Prozent aus recycelten Edelmetallen hergestellt. Dafür sind in ganz Japan 6.210.000 Smartphones gesammelt worden. Das beachtliche Ergebnis lautet: 32 Kilogramm Gold, 3.500 Kilogramm Silber und 2.200 Kilogramm Bronze sind daraus gewonnen worden.
Kritische Schlagzeilen in den Zeitungen im Vorfeld – „Die irrationalen Spiele von Tokio“ – und besonders zur Eröffnung der Olympischen Spiele machen das Unbehagen über die Durchführung der Spiele in Zeiten der Pandemie deutlich: „Spiele auf eigene Gefahr“; „Sprung ins Abenteuer Olympia“; „Viel Unschärfe dominiert“; „Olympisches Feuer und brennende Fragen“.
Für die Teilnehmer stellt sich die Situation gewiss wieder anders dar. Olympische Spiele sind vor allem Spiele der Aktiven, das Publikum als »zwölfter Mann« wie bei einer Fußball-Europameisterschaft kommt bei den meisten Sportarten nicht unbedingt zum Tragen. Sehr wohl aber wird die Tatsache, wie weit sich Aktive auf so spezielle Situationen, die sich täglich ändern können, einzustellen vermögen, mitentscheiden. Eine Olympiade, bei der das olympische Motto »Dabei sein ist alles« wohl neu interpretiert werden muss.
Die Teilnahme eines Gewichthebers aus dem Gazastreifen und einer Tischtennisspielerin aus Syrien, noch keine 13 Jahre alt und damit seit 20 Jahren jüngste Teilnehmerin, sind positive Beispiele dafür, dass Sport, insbesondere Olympische Spiele, verbindend und Hoffnung gebend sein können. Und das unabhängig von den Bedingungen, unter denen sie stattfinden. Allerdings geben diese Olympischen Spiele mit den vorherrschenden Einschränkungen für die Teilnehmer dem Geist der Gemeinschaft, dem Sich-miteinander-Freuen und dem Miteinander-Leiden nur sehr beschränkt Raum.
Ist es gerechtfertigt, angesichts der aktuellen Pandemiesituation eine so große Sportveranstaltung wie die Olympischen Spiele überhaupt abzuhalten? Eine solche Frage mag angesichts der vielen Toten infolge von Covid-19-Infektionen und den damit zusammenhängenden Problemen tatsächlich zynisch erscheinen.
In Japan selbst herrscht Unverständnis und Verärgerung darüber, dass zwar für Olympische Spiele genügend Geld fließt, gleichzeitig aber noch immer viele Opfer des Atomunfalls von Fukushima nicht entsprechend unterstützt werden. Die anfängliche Begeisterung schlägt vielfach in Verdruss, Gleichgültigkeit und teils sogar Feindseligkeit um.
Bevölkerung und Experten befürchten, dass gerade während der Olympiade Krankenhäuser und deren Personal, weil sie für die Olympiateilnehmer reserviert sind, anderweitig fehlen könnten. Wie zur Bestätigung wird am 29. Juli der bis dahin höchste Tageswert an Neuinfektionen in der Pandemie überhaupt, nämlich 10.000, verzeichnet. In bestimmten Gegenden arbeitet das Krankenhauspersonal schon an seiner Kapazitätsgrenze. Die Organisatoren betonen, dass die Infektionen innerhalb und außerhalb der Olympiablase unabhängig voneinander seien. Das führe aber laut einer Wissenschaftlerin für Gesundheitssysteme an der Universität Tokio zu einem falschen Schluss: Wenn nämlich die Spiele stattfinden, könne es doch nicht gar so schlimm sein. Das würde zu Nachlässigkeit führen.
Leben die Olympischen Spiele also mit dem Ausblenden der Realität? Finden sie auf Kosten anderer statt? Eine schwierige Frage!
Für viele Aktive, die sich über einen langen Zeitraum intensiv und fokussiert auf dieses eine Ereignis unter vielen Entbehrungen vorbereitet haben, wäre eine neuerliche Verschiebung jedenfalls ein persönliches Drama. Ebenso wie eine aufgeschnappte Infektion, die zum Abbruch beziehungsweise vorzeitigen Ende der Teilnahme führen würde. Die Aktiven stehen unter ungeheurer Anspannung und müssen hoch konzentriert auf den »Tag X« hinarbeiten.
Eine Absage der Spiele würde für viele Aktive wohl das Ende des Olympiatraums bedeuten. Es dauert immerhin vier Jahre bis zur nächsten Olympiade. Teilnehmer starten zudem nicht nur für sich selbst, sondern werden von den Ländern, oft nach harten internen Ausscheidungswettkämpfen, nominiert. Wird das Leistungsvermögen bis zu den Ausscheidungswettkämpfen für die nächste Olympiade wieder das erforderliche Niveau erreichen? Aus diesem Blickwinkel ist die Schlagzeile „Warum es trotzdem richtig ist: 11.000 Gründe“, mit der die 11.000 Aktiven als Argument für die Durchführung der Spiele genannt werden, verständlich und gerechtfertigt.
Das finanzielle Motiv, nämlich Olympia als gewinnträchtiges Event sicherzustellen, sollte auch nicht verschwiegen werden.
Dass Japan gleich am Beginn der Spiele fünf Goldmedaillen verbuchen darf, ist Balsam für das gebeutelte Land und natürlich ebenso für die Verfechter der Ausrichtung der Spiele und die Organisatoren. Die Olympiade kommt endlich mit positiven Schlagzeilen in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, Corona rückt für ein paar Augenblicke in den Hintergrund.
Am Ende der Spiele kann Japan eine überaus erfolgreiche Teilnahme vermelden. Insgesamt 65 Medaillen und damit der dritte Platz im Medaillenspiegel sind ein großer Erfolg. Nur die USA mit 113 und China mit 88 Medaillen liegen voran. Das hilft hoffentlich auch der eigenen Bevölkerung, das Kapitel mit einem versöhnlichen Schlussstrich abzuschließen. In Summe werden 600.000 Tests durchgeführt, 430 positive Fälle entdeckt, 19 Aktive können deswegen nicht antreten. Für die Teilnehmer, besonders natürlich für die Medaillengewinner, wird die Olympiade schlussendlich vielleicht gerade wegen der ganz speziellen Situation zu einem noch unvergesslicheren Erlebnis.
Für Österreich – bei Sommerolympiaden meist nicht gerade mit einem Medaillenregen überhäuft – beginnen die Spiele mit einer echten Sensation: Anna Kiesenhofer, 30-jährige Mathematikerin, gewinnt in beeindruckender Manier, auf sich allein gestellt, das Damen-Rad-Straßenrennen. Völlig unerwartet, zumindest für die Öffentlichkeit, lässt sie alle erklärten Favoritinnen hinter sich. Die Begeisterung und das positive Echo über diese beeindruckende Leistung sind groß. Für ein paar Tage macht sich wieder das Wir-Gefühl breit – Österreich gewinnt erstes Gold seit 2008. Und mit insgesamt sieben Medaillen werden es sehr erfolgreiche Olympische Sommerspiele für Österreich. Mehr Medaillen, nämlich 13, hat es nur bei den Sommerspielen 1936 in Berlin gegeben.

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Wetterroulette – Gefangen in den Fluten der Wassermassen,
auf der Flucht vor dem Feuer unkontrollierbarer Flächenbrände

Am 14. Juli bricht über die Menschen im Dreiländereck Deutschland-Belgien-Niederlande ein unvorstellbares Inferno herein. Auslöser ist das Tiefdruckgebiet mit dem Namen Bernd, das langsam von Frankreich über die Schweiz nach Deutschland gelangt ist und dort wegen der umgebenden Hochdruckgebiete sehr lange stationär bleibt. Damit ergießen sich die gesamten Regenmassen über ein begrenztes Gebiet. In Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz fallen innerhalb von zwei Tagen Regenmengen, die normalerweise über einen Zeitraum von mehreren Monaten gemessen werden. Die zerstörerische Kraft der Flutwellen in diesen beiden deutschen Bundesländern sowie im angrenzenden Belgien und in den Niederlanden ist unvorstellbar. Ganze Landstriche werden vernichtet, Ortschaften einfach weggerissen und weggespült, Brücken und Häuser stürzen ein, Deichbrüche sind eine weitere Folge der unfassbaren Regenmengen. Bis zu zwölf Meter stehen Straßen teilweise unter Wasser, Fahrzeuge müssen mit Sonargeräten geortet werden (Bericht in der ORF-Nachrichtensendung Zeit im Bild 1 am 17. Juli). Es sind horrende Bilder von zerstörten Dörfern und Landschaften! Wie dramatisch die Lage ist, illustrieren Berichte über akut notwendige Maßnahmen: Krankenhäuser müssen evakuiert werden, Intensivpatienten werden mittels Rettungshubschrauber vom Dach einer Klinik gerettet. Trinkwasser- und Stromversorgung fallen aus, teilweise fällt sogar der Notstrom in einer Klinik aus. Zwei Feuerwehrleute kommen ums Leben. Mehr als 150 Tote sind in Deutschland und Belgien zu beklagen. Hunderte Menschen werden noch bis zum nächsten Wochenende vermisst. Etliche gelten sogar Ende Juli noch als vermisst (Bericht ORF-Ö1-Morgenjournal am 31. Juli).

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