Zeuge auf vier Pfoten

Zeuge auf vier Pfoten

P.R. Mosler


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 376
ISBN: 978-3-99131-506-3
Erscheinungsdatum: 24.08.2022
Gerd Bach steht vor einem Rätsel! Was bringt den Teenager Henry, der nur eine kleine Katze vor dem Ertrinken retten will, in Verbindung mit zwei irakischen Terroristen, deren Ziel die Entwicklung einer gefährlichen Vernichtungswaffe ist?
1 Prolog

25. September 2006

Die Schule ist schon eine Weile lang aus, doch Henry zieht es absolut nicht nach Hause. Ihre Mutter ist noch bis heute Abend an ihren verschiedenen Arbeitsstellen unterwegs. Die gelernte Steuerfachgehilfin bessert mit den zahlreichen Hilfen bei Steuererklärungen für Privatpersonen so oft es geht die Haushaltskasse auf. Und ihr Vater? ‚Der ist schon extrem!‘, beurteilt Henry sein Verhalten. Vor drei Jahren, Henriette wechselte gerade von der Grundschule auf das Luisen-Gymnasium in Düsseldorfs Stadtmitte, kam er eines Tages früher nach Hause. Der zu diesem Zeitpunkt vierzig Jahre alte Zerspanungsmechaniker hatte von einem Tag auf den anderen seine Arbeit verloren, da die Firma, in der er arbeitete, schließen musste. Eine Weile bemühte er sich noch darum, eine andere Arbeitsstelle zu finden, doch mit der Zeit steigerte sich die Mutlosigkeit, er gab sich auf. Schließlich war es viel einfacher, seinen Unmut in Alkohol zu ertränken. Mittlerweile hat er sich mit diesem Leben arrangiert, genießt die Bequemlichkeit, sein Dasein auf dem heimischen Sofa zu verbringen, während sich die Frau darum kümmern kann, wenigstens den notwendigen Bedarf an Geld nach Hause zu bringen. ‚Im Haushalt mitzuhelfen ist unter seiner Würde, Einkaufen und Kochen sind Frauenarbeit‘, erklärte er Frau und Tochter, bevor er begann, die Tage an sich vorbei ziehen zu lassen.
Gefrustet wandert der Teenager um den Spee’schen Graben bis zum Spielplatz. Seit langem ist die Bank am Rande des Spielfelds ihr Lieblingsplatz. Von der Schule aus sind es gerade einmal zehn Minuten zu dem Gewässer in der Düsseldorfer Carlstadt. Oft hängt sie nach der Schule stundenlang hier herum. Selbst ihre Hausaufgaben macht sie auf dieser Bank.
Henriette musste schwer darum kämpfen, dass sie zusammen mit ihrer besten Freundin Melissa Braun auf das angesagte Gymnasium wechseln durfte. Paul Grossmann hatte für seine Tochter die nahegelegene Gesamtschule ins Auge gefasst, da eine Schullaufbahn dort seiner Meinung nach um etliches preiswerter sein würde. Doch Henry setzte sich durch! Sie hatte mehr als nur gute Schulnoten, das Gymnasium wurde von der Lehrerin empfohlen, zudem beabsichtigten viele ihrer Klassenkameraden ebenfalls auf diese Schule zu gehen. Sie bettelte so lange, bis ihr Vater letztendlich mit einem Lächeln einwilligte. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Welt noch in Ordnung.
Heute, drei Jahre nach dem Wechsel auf die höhere Schule, hat sich alles verändert. Ihr Vater wurde zu einem arbeitslosen Säufer, ihre Mutter zu einer verzweifelten, leidgeprüften Frau, die aufgegeben hat, und ihre Klassenkameraden haben sich von ihr abgewendet. Selbst Melissa hat sich von ihr zurückgezogen, denn durch den Umgang mit der mittellosen Freundin könnte sie den Anschluss an ihre Clique verlieren. Henry nimmt ihr das nicht übel, sie versteht die Freundin sogar, doch es tut weh!
Von alldem unberührt sind ihre herausragenden Schulnoten. Henry liebt es, zu lernen, ist wissbegierig und allem Neuen gegenüber aufgeschlossen. Besonders an Fächern wie Biologie, Chemie und Geschichte ist sie interessiert. Auch Politik ist ihr wichtig, obwohl sie sich nie in diese Richtung orientieren würde, aber man sollte immer wissen, welche Entscheidungen gerade wieder getroffen werden, denn das betrifft die gesamte Menschheit.
Auf der Bank lehnt sie sich mit ausgestreckten Beinen bequem hinten an. Das Gesicht mit geschlossenen Augen der Sonne entgegenhaltend, genießt sie einfach nur die Stille. Zuhause wird sie so schnell noch nicht erwartet, da sie regulär erst nach der achten Stunde, also um vierzehn Uhr fünfundzwanzig Schulschluss hat. Doch heute fielen die letzten beiden Stunden aus, wodurch sie bereits vor der Mittagspause gehen durften.
Noch ist es angenehm warm, so dass man ohne Jacke herumlaufen kann, die wenigen Regentropfen, die hin und wieder fallen, sind eher eine Wohltat. Sollte sich das Wetter irgendwann verschlechtern, besucht sie wie schon so oft das Stadtmuseum Spee’sches Palais. Die Angestellten, die dort ihre Arbeit verrichten, kennen sie mittlerweile und sind ihr wohlgesonnen, da sich das wissbegierige Mädchen an die Vorschriften, ruhig und unauffällig verhält. Sie hat sogar einmal eine kostenfreie Führung durch das ganze Museum bekommen, als Dankeschön, weil sie einem der Männer beim Aufwischen geholfen hat, nachdem einem kleinen Jungen schlecht geworden war. Sie kennt sich in dem Gebäude besser aus als jeder andere, auch darf sie bei Regenwetter dort ihre Hausaufgaben machen.
Karl Brennecke, einer der Wärter in dem Museum, kümmert sich rührend um den Teenager, seit Henry ihm auf seine drängende Frage hin beichtete, warum sie nicht nach Hause gehen wollte. Nachdem er erfuhr, wie die vorherrschenden Familienverhältnisse sind, begann er, das Mädchen bei den schulischen Anforderungen sowie den alltäglichen Belangen zu unterstützen. Auch versorgt er sie regelmäßig mit der neuesten Tageszeitung, die sie sich immer gern bei ihm abholt, nachdem er sie gelesen hat. Jedes Mal liegt eine Kleinigkeit für sie dabei, angefangen bei einem Haargummi bis hin zu einem Pausenbrot.
Schon oft hat Henriette sich vorgestellt, dass Karl Brennecke ihr Vater wäre und nicht Paul Grossmann, denn dann könnte sie immer bei ihm im Museum sein. Er würde bestimmt nicht so herumbrüllen wie es ihr Vater ständig macht, wenn ihm etwas nicht passt. Sie müsste dann auch sicher nicht mehr in diesen alten verdreckten Klamotten herumlaufen. Aus der Jeans ist sie schon längst herausgewachsen, ihre Turnschuhe sind an mehreren Stellen mit Isolierband geklebt und das graue verwaschene Kapuzensweatshirt endet knapp unter dem Bauchnabel. Es ist keine zwei Stunden her, da haben sich ihre Klassenkameraden über ihre Bekleidung lustig gemacht. Klar, das ist sie mittlerweile gewohnt, doch es versetzt ihr immer wieder einen Stich.
Urplötzlich setzt sich Henry kerzengerade auf. Sie weiß nicht, was ihre Gedankengänge unterbrochen hat, aber sie hat definitiv irgendein Geräusch gehört. Sie schaut sich nach allen Seiten um, lässt ihre Augen aufmerksam über den zur Mittagszeit menschenleeren Spielplatz gleiten, über den See, der von der Düssel sein Wasser bekommt, über Bäume und Buschwerk. Nichts!
Doch dann hört sie es erneut.
‚Ich habe mich nicht verhört‘, versichert sie sich.
‚Da, da war es wieder! Es klingt wie ein ganz feines Piepen. Ein Vogel vielleicht‘, überlegt sie aufstehend. Langsam wandert sie die Fläche um die Bank herum ab.
„Es kommt vom Wasser“, stellt sie nach ein paar Schritten fest. Stückweise nähert sie sich der Uferböschung, darauf bedacht, nicht den steilen Rand hinunterzurutschen.
Neben ihr wächst ein dicker Baum halb in den See hinein. In den Ästen der Trauerweide, die bis in das Wasser hineinragen, hat sich ein alter brauner Lappen verfangen, ansonsten ist auf dem ganzen See nichts zu sehen.
‚Wahrscheinlich sitzt der Vogel in dem Baum‘, vermutet Henry.
Sie will schon wieder zurückgehen, als sie noch einen Blick auf den Lappen wirft, der von den Ästen des Baumes gehalten plötzlich heftig im Wasser hin und her wackelt. Auch das leise Fiepen hört sie wieder. Schlagartig begreift sie, was hier vor sich geht.
„So eine Schweinerei!“, flucht sie wütend.
Ohne weiter darüber nachzudenken, steigt sie über den modrigen Boden, der den See säumt, in das Wasser. Schritt für Schritt arbeitet sie sich zu dem zappelnden Gebilde vor, was sich schwieriger darstellt, als sie dachte. Obwohl sie kaum drei Meter vom Ufer entfernt ist, reicht ihr das Wasser bereits bis zur Brust. Zudem ist sie auf ihrem Weg schon zweimal in dem matschigen Untergrund ausgerutscht, sodass sie sich, komplett untergetaucht, nur durch das Abstützen ihrer Hände im Schlamm wieder aufrichten konnte. Verbissen kämpft sie sich vorwärts, bis sie den Baum erreicht. Ihren Körper ausbalancierend löst sie die Henkel des braunen Leinensacks aus den Ästen, um sich im Anschluss mit ihrer Last auf den Rückweg zur Bank zu machen. Ihr Sweatshirt, die Jeans und ihre Schuhe triefen, Hände und Kleidung sind schlammbedeckt. Aus den schulterlangen rehbraunen Haaren läuft ihr das Wasser über das Gesicht. Rasch beginnt sie ihr Sweatshirt vor dem Bauch auszuwringen, doch als sie merkt, wie wenig Erfolg sie damit hat, gibt sie dieses Vorhaben wieder auf. Nur ihre Haare schiebt sie nach hinten unter die nasse Kapuze, damit sie ihr nicht in die Augen fallen.
Mit dem verschlammten Ärmel wischt sie sich das Wasser aus dem Gesicht, dann starrt sie unschlüssig auf den Sack, der jetzt neben ihr auf der Bank liegt. Beherzt greift sie nach der kräftigen Kordel, die den Sack verschließt. Als sie den dicken Knoten endlich aufbekommt, fällt der Sack fast von allein auf.
„Ja, wer bist du denn?“, staunt sie verblüfft, als die kleine zerzauste Katze ihren Kopf herausstreckt. Vorsichtig nimmt sie das zitternde und wimmernde Fellknäuel auf den Arm. „Hab keine Angst, ich tue dir bestimmt nicht weh“, verspricht sie.
Als ob das Kätzchen sie verstanden hätte, schmiegt es sich ganz eng an Henry und schenkt ihr einen vertrauensvollen Blick, während es von dem Mädchen liebevoll gestreichelt wird.
Die Dreizehnjährige hat keine Ahnung, was sie jetzt machen soll. Mit nach Hause nehmen kann sie die Katze nicht. Ihr Vater würde ausrasten! Sie hier allein lassen geht auch nicht, da würde die Kleine nicht überleben. ‚Sie ist auch noch viel zu klein für festes Futter‘, schätzt Henry. ‚Sie braucht Milch!‘
Lange muss sie nicht überlegen, bis ihr Entschluss feststeht. Sie hat kein Geld, ihren Vater braucht sie gar nicht zu fragen, also muss sie sich die Milch anderweitig besorgen. Sie hat noch nie geklaut, im Gegensatz zu ihren Klassenkameraden, die so etwas als Mutprobe bezeichnen. Das würde sie nie mitmachen, doch hier liegt die Sachlage anders, denn ohne die Milch wird die kleine Katze sterben. Sie wird mit allen Mitteln dafür sorgen, dass so etwas nicht geschieht! Keine fünfhundert Meter von ihrer Wohnung auf der Kapellstraße gibt es einen EDEKA-Markt, doch der ist so klein und übersichtlich, da würde sie sofort erwischt. Außerdem kennt man sie dort.
„Nein, ich muss mir etwas anderes ausdenken“, flüstert sie halblaut. Wahrscheinlich wird sie in jedem Laden entdeckt, da sie keine Erfahrung darin hat, wie man so etwas richtig macht. ‚Aber es gibt eine andere Möglichkeit‘, fällt ihr ein.
Ein Stück entfernt befindet sich ein großer Supermarkt mit einem noch größeren Parkplatz vor der Tür. Dahin gehen immer ihre Klassenkameraden mit den Neulingen, die ihre Mutprobe absolvieren müssen. Das ist Henrys Meinung nach genau der richtige Ort für ihr Vorhaben. Sie muss nur genau aufpassen, welche Leute Milch einkaufen, dann kann sie auf dem Parkplatz danach greifen und anschließend schnell verschwinden. Da Henry diese Idee gut findet, macht sie sich umgehend auf den Weg dorthin. Dafür schiebt sie die Katze in die Bauchtasche ihres Sweatshirts, wo sich das Tier friedlich zusammenrollt, die Wärme des Mädchens genießend.
Nach zwanzig Minuten Fußweg steht Henry auf dem Parkplatz. Ihr Glück hält an! Ein älteres Ehepaar schiebt seinen Einkaufswagen vor sich her bis zum Kofferraum des geparkten Opel Astra 1,8 l Caravan. Das Paar diskutiert lautstark über die Essensplanung, weshalb es kaum auf seine Umgebung achtet. In dem Einkaufswagen steht vorne ein ganzer Karton mit H-Milch. ‚Das wird ein Kinderspiel, eine der Packungen aus dem Karton zu ziehen‘, freut sich Henry.
Sie schlendert auf das Ehepaar mit dem Einkaufswagen zu, während sie sich vorsichtig umschaut. Ein gutes Stück entfernt laden ein Mann und eine Frau ihre Getränke in den Kofferraum ein, mehrere Personen sind mit ihren Einkäufen oder den Einkaufswagen beschäftigt. Niemand kümmert sich um die anderen. ‚Perfekt!‘
Den Streifenwagen, der langsam von der anderen Seite her über den Parkplatz rollt, sieht sie nicht.
Im Gegensatz dazu fällt Henry den Polizisten sofort ins Auge.
„Siehst du den Jungen da drüben?“, fragt der Fahrer seinen Kollegen.
Die beiden Polizeimeister Joschka Mahler und Linus Schwabe sind sich darin einig, dass mit dieser Person etwas nicht stimmt. Nicht nur, dass die Kleidung des Teenagers komplett nass ist, erkennt man vor lauter Dreck kaum sein Gesicht. Es gibt nicht einen sauberen Fleck an seiner Gestalt und die Kapuze auf seinem Kopf wirkt wie ein matschiger Klumpen.
„Den sollten wir uns einmal näher ansehen“, stimmt Linus zu.
Noch ehe sie reagieren können, stürzt sich Henry auf den Einkaufswagen. Sie zieht die erste Milchpackung, die sie zu fassen bekommt, aus dem Karton, kann ihr Vorhaben aber nicht beenden.
Obwohl der alte Mann mit Sicherheit nicht mehr richtig fit ist, wirbelt er schnell genug herum, um Henry am Handgelenk zu packen. „Halt! Hiergeblieben!“, brüllt er auf. „Hilfe“, schreit er laut, sich nach allen Seiten umschauend. „Hilfe! Diebe!“
Auch die Augen von Henry wandern über den Parkplatz. Sie erblickt den Streifenwagen, der am Rand hält und aus dem jetzt zwei Polizisten springen, um ihnen entgegenzulaufen. Zudem stürzen aus dem näheren Umkreis mehrere Passanten herbei, um dem alten Mann beizustehen.
Panisch reißt sich Henry von der Hand des Mannes los. ‚Ich wusste, dass das schief geht‘, macht sie sich klar. ‚Ich muss hier weg!‘ Sie stürmt davon, die Polizisten hinter sich.
„Er wollte meine Milch stehlen“, ruft der alte Mann den Uniformierten zu, während diese mit gezogenen Pistolen an ihm vorbeistürmen, dem Dieb hinterher.
‚Was soll ich nur machen?‘, überlegt Henry verängstigt. Sie wirbelt um die nächste Ecke parkender Fahrzeuge, wirft einen Blick zurück, der ihr zeigt, dass ihre Verfolger noch nicht in Sichtweite sind. Schnell lässt sie sich zu Boden fallen, um unter das nächste Auto zu rutschen. Dabei achtet sie sorgsam darauf, mit dem Rücken am Boden zu bleiben, damit das Kätzchen unversehrt bleibt, zudem durch ihre Hände sicher gestützt ist.
Überrascht sehen sich die beiden Polizisten an, als sie nur Sekunden nach ihrer Zielperson das erste Auto, einen Mercedes Sprinter umrunden, in der Ansicht, Henry unmittelbar gegenüberzustehen. Doch der Gang ist leer.
„Wo ist der Kerl hin?“, staunt Linus.
„Er kann nur unter einem der Fahrzeuge liegen“, begreift Joschka. „Wir teilen uns auf. Du gehst rechtsherum, ich gehe hier weiter. Am Ende treffen wir uns. Sieh unter jeden Wagen! Wenn du ihn findest, ruf mich.“
„Klar!“
Während sich die beiden Streifenpolizisten aufteilen, um Henry in die Enge zu treiben, versucht das Mädchen, ihre Panik abzuschütteln. ‚Was soll ich nur machen?‘, überlegt sie umschauend. Liegen bleiben kann sie hier nicht, sondern muss dringend weg von den Männern, die ihr bedächtig nahekommen. So schnell es geht rutscht sie von einem Auto zum nächsten, bis sie unter einem Wagen stoppt, neben dem zwei Paar Füße zu sehen sind.
„Ich bringe den Einkaufswagen weg“, hört sie die Frau sagen. „Sorge du bitte dafür, dass im Kofferraum nichts umkippen kann.“
„Wo soll denn da etwas umkippen? Bei dem, was du alles eingekauft hast, kann da nichts mehr umkippen“, entgegnet der Mann vergnügt. Die Füße verschwinden aus ihrem Blickfeld.
‚Jetzt oder nie!‘, denkt Henry. Sie kriecht unter dem Fahrzeug hervor, nur um entsetzt auf die beiden Gesetzeshüter zu starren, die sich jeder von einer Seite ihrem Standpunkt nähern.
Durch die geöffnete Kofferraumklappe kann sie der Mann an dem Wagen nicht sehen, auch die uniformierten Polizisten haben sie noch nicht entdeckt. Sie befindet sich auf der Fahrerseite neben dem Auto, dessen hintere Tür weit offensteht. Henry reagiert spontan, denn viele Möglichkeiten hat sie nicht. Sie klettert in den Wagen und kauert sich im Fußraum hinter dem Fahrersitz so gut es geht zusammen. ‚Was mache ich, wenn sie mich finden?‘, grübelt sie voller Panik. ‚Vater bringt mich um!‘


2

Gerd Bach, der Projektleiter eines Teams hochqualifizierter Mitarbeiter der Staller Industrie Werke, kämpft mit den Berichten zu dem letzten Einsatz, den sie gerade erfolgreich abgeschlossen haben. Der Siebenundzwanzigjährige sorgt mit seinen Leuten nicht nur für die Entwicklung und Installation aller Sicherheitssysteme und Alarmanlagen, die als Sonderprojekte von Kunden erwünscht werden, sondern ist gleichzeitig die rechte Hand des Konzernchefs Peter Staller. Bereits in der sechsten Klasse freundete er sich mit Andreas Staller, dem Sohn des Unternehmers, an. Gemeinsam bauten die beiden diese Freundschaft zu etwas Einzigartigem aus. Die ganze Familie Staller nahm Gerd bei sich auf, sie boten ihm ein Zuhause und ihre Freundschaft, waren für ihn da, wenn er sie brauchte, und standen ihm jederzeit zur Seite. Daran hat sich bis heute nichts geändert.
Schlanke 1,86 Meter groß, mit dichten braunen Haaren und honigfarbenen glänzenden Augen ist er für die Damenwelt eine Augenweide. Die Andeutung feiner Lachfalten um seine Augen sowie das charmante Lächeln, gepaart mit seinem Humor, verleihen ihm eine warme Ausstrahlung.
Nach dem Studium holte der Konzernchef Gerd mit einem einmaligen Angebot in seine Firma, während Andreas es vorzog, sein abgeschlossenes Geologie-Studium mit einer Stelle als Doktorand an der Aachener Universität zu vervollständigen. Doch ihrer Freundschaft und ihren gemeinsamen Aktivitäten steht dies nicht im Weg. Obwohl er mittlerweile mit Emma zusammenlebt und Andreas in der Hoteldirektorin Linda Kettler die passende Partnerin für sich gefunden hat, schaffen es die beiden Männer, sich regelmäßig zu treffen.
Bei dem Gedanken an seine Freundin lächelt er. Die ehemalige Geheimagentin gab ihren aufregenden Beruf nur seinetwegen auf, wechselte nach Düsseldorf zum Landeskriminalamt, wo sie mit ihrem Rang als Hauptkommissarin die Stellvertretung für ihren Vorgesetzten Mark Sievers übernahm.
Gerd begegnete Emma Wolf erstmals vor wenigen Monaten, als sie von ihrem Boss den Auftrag erhielt, eine Diebesbande zu unterlaufen, die großangelegte Gemäldediebstähle in Museen beging, indem sie die Alarmanlagen austricksten, was der Firma von Peter Staller enorm zusetzte. Auch wenn Gerd sie für eine der Diebinnen hielt, die den Unternehmer in den Ruin trieben, verliebten sie sich gleich zu Anbeginn ineinander. Erst nachdem sich Emma und ihr Bruder Stefan den Freunden anschlossen, um Andreas’ Vater aus den Händen brutaler Nazis zu befreien, erfuhr Gerd, wer sie wirklich ist.
Das Klingeln seines Telefons unterbricht seine Gedankengänge. „Na, kann es sein, dass du mich vermisst?“, erkundigt sich Gerd, nachdem er den Anruf angenommen hat. Da er momentan allein in seinem Büro ist, kann er sich die Zeit für ein Telefonat mit seiner Freundin nehmen, aber auch wenn es anders wäre, könnte ihn niemand so schnell davon abhalten. Er hört Emmas vergnügtes Lachen, bevor sie ihm antwortet.
„Das tue ich bereits, wenn ich mich von dir verabschiede“, gesteht sie ihm. „Aber deswegen rufe ich nicht an, oder nicht nur.“
„Was gibt es denn?“
„So wie du heute Morgen Anna mit zur Firma genommen hast, hat Stefan mich zum Präsidium mitgenommen. Für mich heißt das allerdings, nachher mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zu fahren. Dazu habe ich ehrlich gesagt keine Lust. Deswegen habe ich mir eine hervorragende Alternative überlegt.“

Das könnte ihnen auch gefallen :

Zeuge auf vier Pfoten

Ernst Vetter

Schattenseiten eines Lichterbogens

Weitere Bücher von diesem Autor

Zeuge auf vier Pfoten

P.R. Mosler

L’affaire de l’amour

Zeuge auf vier Pfoten

P.R. Mosler

Horrortrip Freizeitpark

Buchbewertung:
*Pflichtfelder