Wie's kommt, so wird's gefressen
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 300
ISBN: 978-3-99185-107-3
Erscheinungsdatum: 09.06.2026
Oberschlesien im Nationalsozialismus und eine Familie inmitten des Krieges. Autor Dr. Gabriel Schmidt verarbeitet in „Wie’s kommt, so wird’s gefressen“ den Lebensweg seiner Mutter und ihrer Geschwister, ein Leben zwischen Enteignung und dem Hoffen auf Freiheit.
Vorwort
„Homo homini lupus est“, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, und „Ungeheuer ist viel, doch nichts ist ungeheurer als der Mensch“. Diese wahren Sprüche der Antike fallen einem heute ein, denn heute, am 7. Oktober 2023, hat die Hamas einen Angriff auf israelischem Boden verübt. Bei dieser Nachricht kann einem nur schlecht werden, und man muss unweigerlich an die Sprüche der Antike denken.
Schon wieder ein neuer Krieg, der gerade dreieinhalb Stunden Flugdauer von uns entfernt stattfindet. Nach dem bereits Jahre andauernden Krieg in Syrien und dem seit Februar 2022 bestehenden Krieg in der Ukraine wieder ein neuer Krieg. Wieder viel Leid, Vertreibung und Tränen. Wann lernt endlich die Menschheit? Wohl nie!
Unter diesem Eindruck will ich doch die Geschichte meiner Familie weiterschreiben, die meine Mutter mir hinterlassen hat.
Sie erzählt dabei die Geschichte ab 1939 aus ihrer Sicht, als Kind mit neun Jahren, dann als Heranwachsende und junge Frau.
„Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.“ (Wilhelm von Humboldt)
Mein Bruder und ich sind mit den Erzählungen der Verwandten über die Vergangenheit aufgewachsen. Wir haben das Glück, zu der Generation zu gehören, die zeitlebens keinen Krieg im eigenen Land erleben musste. Dafür bin ich sehr dankbar.
Wir sind aber auch die Generation, die den Kalten Krieg mit allen Ängsten erlebt hat und den Mauerfall, was wiederum ein unglaublicher Glücksfall war!
Mit Bewunderung für die Leistungen meiner Familie habe ich mir immer die Zeit von 1939 bis 1958 vorgestellt. Die Zeit vom Beginn des Zweiten Weltkrieges bis zu unserer Ausreise aus Oberschlesien in die BRD.
Als Kind und Jugendlicher konnte man die immense Leistung und das Leid nicht genau nachvollziehen. Dies ist jetzt für mich besser möglich.
Ich wünsche unseren Kindern und Enkeln auch weiterhin eine kriegsfreie Zeit, und dass sich die Geschichte ihrer und meiner Großeltern nicht wiederholen möge!
Das Leben schreibt doch die spannendsten und wahren Geschichten!
Nur die Namen der Personen wurden alle geändert.
Wie’s kommt, so wird’s gefressen!
Teil 1
Prolog
Elisa Werle, das bin ich. Ich wurde 80 Jahre alt. Zu diesem Anlass habe ich meine Verwandtschaft ein weiteres Mal zu einem großen Familientreffen nach München eingeladen. Ich wollte immer Treffen mit einem fröhlichen Anlass, denn meist treffen sich Verwandte sonst zu Beerdigungen.
Es war wirklich ein sehr schönes Fest. Viele Verwandte sind aus Polen, Frankreich, England, Hamburg, Magdeburg und München gekommen. Ja unsere Verwandtschaft ist über viele Städte und Länder in Europa verstreut. Wir haben uns alle gefreut, dass wir uns mal wieder sehen und sprechen konnten.
Am darauffolgenden Samstag besuchte mich meine jüngste Enkelin Verena und fragte:
„Oma, warum haben wir in so vielen Ländern Verwandte? Sind die alle von München weggezogen?“
Das konnte die Zwölfjährige nicht verstehen, wie man nicht in München leben konnte.
„Hat euch dein Papa nichts darüber erzählt, dass wir eigentlich aus Oberschlesien kommen?“, fragte ich zurück.
„Doch schon, aber nicht so genau und er wusste auch nicht alles, warum und so …“
„Ja, dann sollten wir uns doch die Zeit nehmen, damit ich euch allen erzähle, wie es dazu kam, dass jetzt ein Teil der Verwandtschaft in Polen, ein Teil in Frankreich, England und weitere Teile in verschiedenen Städten in Deutschland wohnen. Ich werde nächsten Samstag auch deine Schwestern und deinen Papa einladen, um euch allen die Familiengeschichte zu erzählen.“
So kam es dazu, dass wir uns alle in meinem Wohnzimmer versammelten, und ich begann mit meiner Erzählung:
1. Kapitel 1939
Damals war ich, Elisa Sandor neun Jahre alt! Im nächsten Jahr sollte ich meinen ersten „runden“ Geburtstag feiern. Ich lebte mit meiner Familie in Oberschlesien in der kleinen Stadt Laurahütte und für mich als Kind stand fest, dass wir zu Deutschland gehörten – schließlich sprachen wir alle deutsch. Doch meine Welt war noch klein und als junges Mädchen kreisten meine Gedanken eher um die Dinge, die ein Mädchen in meinem Alter eben beschäftigen.
Wir waren zu siebt in der Familie: meine Eltern Vinzenz und Maria Sandor, meine Geschwister Andreas, Britta, Darius und Christa – und natürlich ich. Mit unserer lieben Haushälterin Frau Sommer und unserer treuen Schäferhündin Frieda waren wir sogar zu neunt. Unser Vater war groß, schlank und hatte einen kleinen Oberlippenbart. Meine Mutter hatte braune Haare, war normalgewichtig, ca. 165 cm groß und hatte eine Brille zum Lesen. Andreas war der älteste. Er war schlank, damals schon 20 Jahre alt, sah dem Vater sehr ähnlich und hatte auch den gleichen Oberlippenbart. Er studierte an der deutschsprachigen Universität in Breslau Sprachen und wohnte nicht mehr zu Hause. Britta war gerade 18 Jahre alt, blond, schlank, sehr schön und stand vor ihrem Abitur. Die 15-jährige Christa hatte braune Haare und war nur 1,55 Meter groß. Das belastete sie in ihrem „Erwachsenwerden“ gewaltig und sie hoffte, dass sie noch einige Zentimeter wachsen werde. Darius war schlank, bereits 1,60 Meter groß und mit seinen zwölf Jahren auch schon voll in der Pubertät. Ich war die Jüngste, mit dunklen Haaren, schmächtig und bewunderte abwechselnd meine älteren Geschwister. Alle hatten wir braune Augen.
Im Juli 1937 war das Mandat der internationalen Verwaltung beendet, und wir gehörten plötzlich zu Polen. Die Amtssprache war ab Juli nur noch Polnisch. Alle Beamten, die bis Juli in beiden Sprachen Auskunft geben mussten, durften dann nur noch Polnisch reden. Es gab dann nur noch eine deutsche Volksschule (Grundschule), und das deutsche Gymnasium wurde geschlossen. Wer weiterhin ein deutsches Gymnasium besuchen wollte, der musste über die Grenze in eine deutsche Stadt fahren. Es gab auch nur noch eine deutsche Zeitung, doch man durfte weiterhin Deutsch sprechen, und die deutsche Minderheit wurde toleriert. Die Minderheit schloss sich noch mehr zusammen. Man machte seine Einkäufe nur in den Geschäften, die von Deutschen geführt wurden.
Anfang des Jahres 1939 begann eine Feindseligkeit gegenüber der deutschen Minderheit, welche von radikalen polnischen Gruppierungen ausging. Das merkte selbst ich als kleines Mädchen. Eines Tages ging ich mit meiner Mutter, Maria Sandor, und unserer Schäferhündin Frieda zu Fuß, um neue Kleidung zu kaufen.
„Elisa, welche Farbe für dein neues Kleid stellst du dir eigentlich vor?“, fragte mich meine Mutter auf Deutsch, da sie ja kein Polnisch konnte. Die beiden jungen Männer, die uns begegneten, drehten sich um und riefen uns auf Polnisch nach:
„Verfluchte Germanen, könnt ihr denn immer noch nicht begreifen, dass man in Polen Polnisch spricht?“
Da weder meine Mutter noch ich das Polnische sehr gut verstanden hatten, aber ahnten, was sie gesagt hatten, drehten wir uns einfach um und setzten unseren Weg fort, ohne die beiden jungen Männer zu beachten. Nur Frieda äußerte mit einem lauten Bellen ihren Unmut.
Erstaunlich, wie Hunde merken, dass etwas Bedrohliches da war.
Wir hörten aber auch von anderen bekannten Geschäftsleuten, dass es immer mehr Repressalien gegen die deutsche Minderheit in der Öffentlichkeit gab.
„Mama, wie kommt es, dass wir nur Deutsch sprechen, aber jetzt zu Polen gehören. Wie kann das sein? Werden wir wieder einmal Deutsch sein?“, fragte ich zu Hause.
Meine Mutter gab mir da ein wenig Nachhilfe in Geschichte, denn sie liebte dieses Fach:
„Weißt du, Elisa, Polen wurde dreimal geteilt – 1772, 1793 und 1795 – und zwar zwischen Russland, Österreich und Preußen. Oberschlesien war von diesen Teilungen nicht betroffen, weil es nie zu Polen gehörte. Nach dem Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 wurde wieder ein polnischer Staat gegründet, der reines Agrarland war. Die Siegermächte beschlossen, diesem neuen Staat das Oberschlesische Industriegebiet zu geben. Der Volksentscheid im Jahr 1921 fiel aber zugunsten Deutschlands aus. Auf Betreiben Frankreichs wurde Oberschlesien geteilt, und zwar nach den Landkreisen. Da unsere Heimatstadt Laurahütte nahe der polnischen Grenze war, kamen wir zu Polen. Gegen diese Entscheidung kam es zu drei Aufständen, die jedoch die Entscheidung der Siegermächte nicht änderten. Um die Rechte der Deutschen in dem an Polen gefallenen Teil zu schützen, wurde 1923 über 15 Jahre eine internationale Kommission eingesetzt. Für diese Jahre blieb der an Polen gefallene Teil offiziell zweisprachig. Also: Behörden, Schulen, Vereine, Zeitungen usw.
Zu dieser Zeit begann aber auch die „Völkerwanderung der Neuzeit.“ Wer keinen Besitz hatte oder sehr national eingestellt war, siedelte in den deutschen Teil Oberschlesiens über. Im Gegenzug kamen zu uns sehr viele Polen, um das Land zu polonisieren. Das führte zu vielen Auseinandersetzungen in der Bevölkerung.
„Da hätten wir also auch nach Gleiwitz umziehen müssen wie Onkel und Tante, um Deutsch zu bleiben?“
„Ja, genau das hätten wir machen müssen. Aber, was wäre dann aus unserer Süßwarenfabrik hier in Laurahütte geworden? Wir hätten da alles verloren.“
„Auch wieder wahr. Da war es schon richtig, dass wir hiergeblieben sind.“ Man meint und hofft, immer das Beste und Richtige für seine Familie zu tun.
Wir wurden zur Selbständigkeit erzogen und durften kleine Besorgungen allein machen. Ich kam mir dann immer sehr erwachsen vor. An eine Begebenheit, welche die Angst der Minderheit herausstellt, kann ich mich noch heute erinnern.
Eines Tages schickte mich meine Mutter zu Kunze, „unserem Bäcker“, um Bienenstich zu kaufen. Ich kam ins Geschäft und sah eine neue Verkäuferin, die Polnisch sprach. Das war etwas Ungewöhnliches, denn Frau Kunze bediente immer selbst, konnte aber nicht Polnisch. An diesem Tag stand sie hinten im Laden und beobachtete alle Personen, die das Geschäft betraten. Als Frau Kunze mich sah, kam sie auf mich zu, fasste mich bei der Hand und zog mich nach hinten in den Nebenraum. Dort sagte sie zu mir:
„Warte, bis die Polen aus dem Laden gegangen sind, dann werde ich dir geben, was du brauchst.“
…
„Homo homini lupus est“, der Mensch ist dem Menschen ein Wolf, und „Ungeheuer ist viel, doch nichts ist ungeheurer als der Mensch“. Diese wahren Sprüche der Antike fallen einem heute ein, denn heute, am 7. Oktober 2023, hat die Hamas einen Angriff auf israelischem Boden verübt. Bei dieser Nachricht kann einem nur schlecht werden, und man muss unweigerlich an die Sprüche der Antike denken.
Schon wieder ein neuer Krieg, der gerade dreieinhalb Stunden Flugdauer von uns entfernt stattfindet. Nach dem bereits Jahre andauernden Krieg in Syrien und dem seit Februar 2022 bestehenden Krieg in der Ukraine wieder ein neuer Krieg. Wieder viel Leid, Vertreibung und Tränen. Wann lernt endlich die Menschheit? Wohl nie!
Unter diesem Eindruck will ich doch die Geschichte meiner Familie weiterschreiben, die meine Mutter mir hinterlassen hat.
Sie erzählt dabei die Geschichte ab 1939 aus ihrer Sicht, als Kind mit neun Jahren, dann als Heranwachsende und junge Frau.
„Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.“ (Wilhelm von Humboldt)
Mein Bruder und ich sind mit den Erzählungen der Verwandten über die Vergangenheit aufgewachsen. Wir haben das Glück, zu der Generation zu gehören, die zeitlebens keinen Krieg im eigenen Land erleben musste. Dafür bin ich sehr dankbar.
Wir sind aber auch die Generation, die den Kalten Krieg mit allen Ängsten erlebt hat und den Mauerfall, was wiederum ein unglaublicher Glücksfall war!
Mit Bewunderung für die Leistungen meiner Familie habe ich mir immer die Zeit von 1939 bis 1958 vorgestellt. Die Zeit vom Beginn des Zweiten Weltkrieges bis zu unserer Ausreise aus Oberschlesien in die BRD.
Als Kind und Jugendlicher konnte man die immense Leistung und das Leid nicht genau nachvollziehen. Dies ist jetzt für mich besser möglich.
Ich wünsche unseren Kindern und Enkeln auch weiterhin eine kriegsfreie Zeit, und dass sich die Geschichte ihrer und meiner Großeltern nicht wiederholen möge!
Das Leben schreibt doch die spannendsten und wahren Geschichten!
Nur die Namen der Personen wurden alle geändert.
Wie’s kommt, so wird’s gefressen!
Teil 1
Prolog
Elisa Werle, das bin ich. Ich wurde 80 Jahre alt. Zu diesem Anlass habe ich meine Verwandtschaft ein weiteres Mal zu einem großen Familientreffen nach München eingeladen. Ich wollte immer Treffen mit einem fröhlichen Anlass, denn meist treffen sich Verwandte sonst zu Beerdigungen.
Es war wirklich ein sehr schönes Fest. Viele Verwandte sind aus Polen, Frankreich, England, Hamburg, Magdeburg und München gekommen. Ja unsere Verwandtschaft ist über viele Städte und Länder in Europa verstreut. Wir haben uns alle gefreut, dass wir uns mal wieder sehen und sprechen konnten.
Am darauffolgenden Samstag besuchte mich meine jüngste Enkelin Verena und fragte:
„Oma, warum haben wir in so vielen Ländern Verwandte? Sind die alle von München weggezogen?“
Das konnte die Zwölfjährige nicht verstehen, wie man nicht in München leben konnte.
„Hat euch dein Papa nichts darüber erzählt, dass wir eigentlich aus Oberschlesien kommen?“, fragte ich zurück.
„Doch schon, aber nicht so genau und er wusste auch nicht alles, warum und so …“
„Ja, dann sollten wir uns doch die Zeit nehmen, damit ich euch allen erzähle, wie es dazu kam, dass jetzt ein Teil der Verwandtschaft in Polen, ein Teil in Frankreich, England und weitere Teile in verschiedenen Städten in Deutschland wohnen. Ich werde nächsten Samstag auch deine Schwestern und deinen Papa einladen, um euch allen die Familiengeschichte zu erzählen.“
So kam es dazu, dass wir uns alle in meinem Wohnzimmer versammelten, und ich begann mit meiner Erzählung:
1. Kapitel 1939
Damals war ich, Elisa Sandor neun Jahre alt! Im nächsten Jahr sollte ich meinen ersten „runden“ Geburtstag feiern. Ich lebte mit meiner Familie in Oberschlesien in der kleinen Stadt Laurahütte und für mich als Kind stand fest, dass wir zu Deutschland gehörten – schließlich sprachen wir alle deutsch. Doch meine Welt war noch klein und als junges Mädchen kreisten meine Gedanken eher um die Dinge, die ein Mädchen in meinem Alter eben beschäftigen.
Wir waren zu siebt in der Familie: meine Eltern Vinzenz und Maria Sandor, meine Geschwister Andreas, Britta, Darius und Christa – und natürlich ich. Mit unserer lieben Haushälterin Frau Sommer und unserer treuen Schäferhündin Frieda waren wir sogar zu neunt. Unser Vater war groß, schlank und hatte einen kleinen Oberlippenbart. Meine Mutter hatte braune Haare, war normalgewichtig, ca. 165 cm groß und hatte eine Brille zum Lesen. Andreas war der älteste. Er war schlank, damals schon 20 Jahre alt, sah dem Vater sehr ähnlich und hatte auch den gleichen Oberlippenbart. Er studierte an der deutschsprachigen Universität in Breslau Sprachen und wohnte nicht mehr zu Hause. Britta war gerade 18 Jahre alt, blond, schlank, sehr schön und stand vor ihrem Abitur. Die 15-jährige Christa hatte braune Haare und war nur 1,55 Meter groß. Das belastete sie in ihrem „Erwachsenwerden“ gewaltig und sie hoffte, dass sie noch einige Zentimeter wachsen werde. Darius war schlank, bereits 1,60 Meter groß und mit seinen zwölf Jahren auch schon voll in der Pubertät. Ich war die Jüngste, mit dunklen Haaren, schmächtig und bewunderte abwechselnd meine älteren Geschwister. Alle hatten wir braune Augen.
Im Juli 1937 war das Mandat der internationalen Verwaltung beendet, und wir gehörten plötzlich zu Polen. Die Amtssprache war ab Juli nur noch Polnisch. Alle Beamten, die bis Juli in beiden Sprachen Auskunft geben mussten, durften dann nur noch Polnisch reden. Es gab dann nur noch eine deutsche Volksschule (Grundschule), und das deutsche Gymnasium wurde geschlossen. Wer weiterhin ein deutsches Gymnasium besuchen wollte, der musste über die Grenze in eine deutsche Stadt fahren. Es gab auch nur noch eine deutsche Zeitung, doch man durfte weiterhin Deutsch sprechen, und die deutsche Minderheit wurde toleriert. Die Minderheit schloss sich noch mehr zusammen. Man machte seine Einkäufe nur in den Geschäften, die von Deutschen geführt wurden.
Anfang des Jahres 1939 begann eine Feindseligkeit gegenüber der deutschen Minderheit, welche von radikalen polnischen Gruppierungen ausging. Das merkte selbst ich als kleines Mädchen. Eines Tages ging ich mit meiner Mutter, Maria Sandor, und unserer Schäferhündin Frieda zu Fuß, um neue Kleidung zu kaufen.
„Elisa, welche Farbe für dein neues Kleid stellst du dir eigentlich vor?“, fragte mich meine Mutter auf Deutsch, da sie ja kein Polnisch konnte. Die beiden jungen Männer, die uns begegneten, drehten sich um und riefen uns auf Polnisch nach:
„Verfluchte Germanen, könnt ihr denn immer noch nicht begreifen, dass man in Polen Polnisch spricht?“
Da weder meine Mutter noch ich das Polnische sehr gut verstanden hatten, aber ahnten, was sie gesagt hatten, drehten wir uns einfach um und setzten unseren Weg fort, ohne die beiden jungen Männer zu beachten. Nur Frieda äußerte mit einem lauten Bellen ihren Unmut.
Erstaunlich, wie Hunde merken, dass etwas Bedrohliches da war.
Wir hörten aber auch von anderen bekannten Geschäftsleuten, dass es immer mehr Repressalien gegen die deutsche Minderheit in der Öffentlichkeit gab.
„Mama, wie kommt es, dass wir nur Deutsch sprechen, aber jetzt zu Polen gehören. Wie kann das sein? Werden wir wieder einmal Deutsch sein?“, fragte ich zu Hause.
Meine Mutter gab mir da ein wenig Nachhilfe in Geschichte, denn sie liebte dieses Fach:
„Weißt du, Elisa, Polen wurde dreimal geteilt – 1772, 1793 und 1795 – und zwar zwischen Russland, Österreich und Preußen. Oberschlesien war von diesen Teilungen nicht betroffen, weil es nie zu Polen gehörte. Nach dem Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 wurde wieder ein polnischer Staat gegründet, der reines Agrarland war. Die Siegermächte beschlossen, diesem neuen Staat das Oberschlesische Industriegebiet zu geben. Der Volksentscheid im Jahr 1921 fiel aber zugunsten Deutschlands aus. Auf Betreiben Frankreichs wurde Oberschlesien geteilt, und zwar nach den Landkreisen. Da unsere Heimatstadt Laurahütte nahe der polnischen Grenze war, kamen wir zu Polen. Gegen diese Entscheidung kam es zu drei Aufständen, die jedoch die Entscheidung der Siegermächte nicht änderten. Um die Rechte der Deutschen in dem an Polen gefallenen Teil zu schützen, wurde 1923 über 15 Jahre eine internationale Kommission eingesetzt. Für diese Jahre blieb der an Polen gefallene Teil offiziell zweisprachig. Also: Behörden, Schulen, Vereine, Zeitungen usw.
Zu dieser Zeit begann aber auch die „Völkerwanderung der Neuzeit.“ Wer keinen Besitz hatte oder sehr national eingestellt war, siedelte in den deutschen Teil Oberschlesiens über. Im Gegenzug kamen zu uns sehr viele Polen, um das Land zu polonisieren. Das führte zu vielen Auseinandersetzungen in der Bevölkerung.
„Da hätten wir also auch nach Gleiwitz umziehen müssen wie Onkel und Tante, um Deutsch zu bleiben?“
„Ja, genau das hätten wir machen müssen. Aber, was wäre dann aus unserer Süßwarenfabrik hier in Laurahütte geworden? Wir hätten da alles verloren.“
„Auch wieder wahr. Da war es schon richtig, dass wir hiergeblieben sind.“ Man meint und hofft, immer das Beste und Richtige für seine Familie zu tun.
Wir wurden zur Selbständigkeit erzogen und durften kleine Besorgungen allein machen. Ich kam mir dann immer sehr erwachsen vor. An eine Begebenheit, welche die Angst der Minderheit herausstellt, kann ich mich noch heute erinnern.
Eines Tages schickte mich meine Mutter zu Kunze, „unserem Bäcker“, um Bienenstich zu kaufen. Ich kam ins Geschäft und sah eine neue Verkäuferin, die Polnisch sprach. Das war etwas Ungewöhnliches, denn Frau Kunze bediente immer selbst, konnte aber nicht Polnisch. An diesem Tag stand sie hinten im Laden und beobachtete alle Personen, die das Geschäft betraten. Als Frau Kunze mich sah, kam sie auf mich zu, fasste mich bei der Hand und zog mich nach hinten in den Nebenraum. Dort sagte sie zu mir:
„Warte, bis die Polen aus dem Laden gegangen sind, dann werde ich dir geben, was du brauchst.“
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