Vergeltung am Bibersee

Vergeltung am Bibersee

Marco Simeoli


EUR 16,90
EUR 10,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 178
ISBN: 978-3-99107-971-2
Erscheinungsdatum: 07.04.2022
Der Auswanderer Adam Mark wird in den westlichen Kolonien von den Wirren um Hass und Liebe in seiner Heimat eingeholt. Ein packender Kurzroman über wahre Werte und Gefühle, die über gesellschaftliche und kulturelle Grenzen hinaus gültig sind.
1
Im Schatten von Ravenscraig Castle

Meine Herkunft ist nicht schwer zu bestimmen, denn dessen kann ich mich gerade noch entsinnen. Ich wurde geboren unter den manchmal drohenden und manchmal schützenden Schatten von Ravenscraig Castle, in Schottland, in der Provinz North Lanarkshire. Bei meiner Geburt schenkten mir meine Eltern den Namen Adam, den auch schon der Vater meines Vaters mit Stolz getragen hatte, mit dem ich mich allerdings schon seit sehr langer Zeit nicht mehr auswies.
Mein Vater, Angus Mark, war ein Pächter im Hause Sinclair, der Familie, der auch das Schloss gehörte. Er war wohl angesehen und hatte durch die Heirat mit meiner Mutter, einer Mailänder Adligen, eine gute Mitgift zur Verwaltung inne, die ihn zu Wohlstand und weltlicher Grösse erhoben hatte. Er hat nie mit Geld oder der Herkunft meiner Mutter geprahlt oder sich darob besser gemacht, als er denn war. Er blieb immer der schottische Landpächter, der er eigentlich war. Dies zumindest, bis geschah, was den Zwist in unserer Familie schürte.
Ich war gerade siebzehn Sommer lang der Sohn meines Vaters und stolz darauf, eines Tages sein Erbe und der Hüter des geschätzten Familiennamens zu werden, als er zum ersten Mal in seinem Leben etwas Eigenes besitzen sollte: Lord Sinclair schenkte ihm, weil sich der Tag, an dem er in seine Dienste getreten war, zum dreissigsten Mal jährte, ein Stück Land neben dem, das er ihm verpachtet hatte. Auf diesem Stück Land wohnte aber eine Witwe mit ihrer jungen Tochter. Sie hatten von seiner Lordschaft ein Recht auf Haus und Hof auf Lebzeiten der Mutter erhalten. So wagte mein Vater nicht, sie von seinem Land zu weisen. Er nahm stattdessen die junge Tochter Shannon, die mir vom Alter her ein paar Jahre voraushatte, in den Dienst bei uns.
Eines Morgens durfte meine Mutter dann mit eigenen Augen sehen, welche Art Dienst die junge Frau bei uns tat, als sie diese eines Morgens über dem Küchentisch liegend vorfand und mein Vater über ihr lag.
Meine Mutter, von edlem und hitzigem Geblüt, trennte die beiden sogleich. Sie forderte die Magd auf, ihr Haus auf der Stelle und auf ewig zu verlassen. Mein Vater musste sich von dem Tage an täglich mindestens einmal anhören, welche Schande er über den Namen der Familie gebracht habe und mit welchem Gefühl von tiefer Scham meine Mutter künftig ihren Anverwandten im Süden gegenüberzutreten haben werde.
Nun, mein Vater hörte es sich einige Zeit lang an, dann hörte er einfach weg. Shannon blieb im Dienst und forderte meine Mutter immer wieder mit ihrem Gehabe und ihrer frechen Zunge regelrecht heraus. Sie erzählte meiner armen Mutter ohne Bedenken, welche Dienste sie dem Herrn geboten hatte. Als dann das unerbittliche Schicksal seinen Vorboten der Schande zu uns schickte, brachen bei meinem inzwischen schrecklich veränderten Vater alle Dämme der Vernunft.
Die Mutter der fehlbaren Magd kam eines Morgens auf den Hof und teilte meinem Vater mit, ihre zuvor unberührte Blume von Tochter, die er zu pflücken gewagt hatte, erwarte ein Kind. Sie drohte meinem Vater, die ganze Geschichte vor Lord Sinclair zu bringen, wenn Erster sich nicht um das Ungeborene kümmern werde.
Ein anderer hätte ihr Geld bezahlt und die Sache so aus der Welt geschafft. Mein Vater aber, der zuvor edle und nun nur noch dumme Betrüger, holte die Schwangere zu uns ins Haus und eröffnete meiner Mutter, dass künftig die Magd Herrin im Hause sein werde. Meine Mutter sollte sich mit einer entsprechend untergeordneten Rolle abfinden.
Aber das war eine Anmassung, der meine Mutter nicht folgen konnte und schon gar nicht wollte. Sie wehrte sich erst, dann resignierte sie und schliesslich erkrankte sie wegen des eigenen Grames und der Niedertracht meines Vaters. Allmählich nahmen ihre Kräfte ab, ihr Lebenswille schwand. Ihr bis anhin wohlgeformter Körper wurde schmaler, bis er schon fast gespenstisch anmutete. Die Röte verliess ihre Wangen und Lippen, der Glanz wich aus ihren Augen, und wo früher ein Lächeln die Gemüter der Umstehenden erheiterte, drangen nur noch leise Seufzer an die Ohren derer, denen sie ihre Nähe noch zumutete.
Ich habe mehrfach meinen Vater aufgesucht und ihn gebeten, Vernunft anzunehmen und endlich die Verhältnisse wieder so herzustellen, wie sie denn sein sollten. Ich war gar im Interesse des Friedens und der Familie bereit, die Magd Shannon zu ehelichen und den Bastard, den sie im Bauche trug, meinen eigenen zu nennen. Aber mein Vater schenkte mir keinerlei Gehör. Er beschimpfte mich stattdessen als Verräter und wies mir mehrfach die Tür.
Nun, meine Mutter überlebte dies alles nicht. Am Tage nach meinem wohl letzten Gespräch mit meinem Vater bat sie mich an ihr Bett in einem kleinen Zimmer im hinteren Teil des Hauses und sprach mir ihren Dank und ihren Segen aus, weil ich mich so sehr um ihrer Willen bemüht hatte, drückte mit schwindenden Kräften meine linke Hand in ihre beiden und schloss ihre Augen. So starb sie, traurig, verloren und verlassen.
Wir trugen sie zu Grabe, auf dem Friedhof nahe dem Schloss. Seine Lordschaft, Lord Robert Sinclair, seine liebliche Gattin, Lady Rowena, und die einzige Erbin der Sinclairs, das kleine Mädchen Rebecca, erwiesen ihr mit aller Höflichkeit die Ehre des letzten Gebetes. Alle Pächter und Bauern der Region bis hin zur Stadt Motherwell trugen dazu bei, meine Mutter würdig in die sanfte Erde zu betten.
Einzig mein Vater und Shannon, die unsere Familie so entzweit hatte, blieben der Bestattung fern. Ich musste Lord Robert mit Tränen in den Augen erklären, dass der Schmerz über den Verlust meinen Vater an sein Bett gefesselt hatte und es ihm verunmöglichte, dem Begräbnis beizuwohnen. Dies war wohl die grösste Lüge meines noch jungen Lebens und ich musste an mich halten, um mich nicht zu verraten.
Aber im Angesicht dieser grausamen Worte erkannte ich die nahezu mütterlichen Züge von Lady Rowena, die mich bat, in einigen Tagen zum Schloss Ravenscraig hinaufzugehen und dort bei ihr zur Audienz zu erscheinen.
Ein solches Ansinnen konnte und durfte ich nicht verweigern. So liess ich denn einige Tage verstreichen, in denen ich meine ganze Kraft auf die notwendige Bewirtschaftung des Hofes verwandte, und schritt an einem Mittwochmorgen, in mein bestes Gewand gekleidet, den Hügel empor. Schon am schweren Tor wurde ich von einer mich herzlich empfangenden Hofdame lächelnd begrüsst und ohne lange Umschweife in die strahlenden Audienzgemächer der Sinclairs begleitet.
Lady Rowena sass gelassen und etwas gelangweilt in einem weiten Sessel und genoss die bequemen Kissen und die Aufmerksamkeit, die eine andere Hofdame ihr zuteilwerden liess. Bei meinem Eintreffen wurde diese aber gebeten zu gehen. Auch diejenige, die mich denn begleitet hatte, trat nur bis zur Tür.
Im weiten Saal waren Lady Rowena und ich alleine. Sie wies mir ohne ein Wort einen Sessel in ihrer Nähe zu und ich entschuldigte mich kaum hörbar für mein Eindringen, als ich darin Platz nahm.
Lady Rowena erkundigte sich zuerst nach der Gesundheit meines Vaters und dem Lauf der Dinge auf dem Hof und ich versicherte ihr, dass mein Erzeuger sich allmählich erhole und die Felder weiter im Sinne der Lordschaft gepflegt und bewirtet wurden. Die wohlwollende Gräfin sah mich aus den Augenwinkeln an und erhob sich. Ich tat es ihr nach, doch sie bedeutete mir, mich wieder zu setzen.
Langsam schritt sie durch das Zimmer und sprach dabei: „Ich weiss, dass das Volk glaubt, wir hier oben auf dem Hügel, hinter den dicken Mauern des Schlosses, seien zu weit weg, um zu sehen, zu hören und zu verstehen. Nun, junger Mann, das Volk irrt! Ich bin sehr wohl über alles unterrichtet, ich kenne die traurige Geschichte der Erkrankung, die Eure selige Mutter heimgesucht hat. Ich bin auch im Bilde über das schändliche Verhalten des Vaters und Ehegatten, der Unglück über Euer Haus gebracht hat.“
Noch während sie sprach, wurde ich bleich. Woher konnte sie wissen? Welche teuflische Ranke schmiedete man da um das Haus meines Vaters?
Die Gräfin eröffnete mir, dass ihr sehr wohl bekannt war, dass mein Vater die Magd Shannon besessen hatte und dass diese seinen Bastard erwartete. Sie wusste auch, dass Gram und stetige Isolation den Tod meiner Mutter herbeigeführt hatten und dass mein Vater sehr wohl an der Bestattung hätte teilnehmen können, wenn er gewollt hätte. Sie wusste in groben Zügen alles, was ich auch wusste, und sogar ein paar Dinge, die mir fremd geblieben waren.
Entsprechend sprachlos und beschämt sass ich nun da. Sie wusste somit auch, dass ich sie und Lord Robert zumindest bei zwei Begebenheiten schamlos und ohne zu zögern belogen hatte. Aber das schien sie mir nicht übelzunehmen.
Sie setzte sich nach diesen langen Ausführungen wieder hin und beendete das vernichtende Einzelgespräch: „Sie, junger Mann, werden nicht zum Hof Ihres fehlbaren Vaters zurückkehren, niemals wieder. Ich werde Sie zu retten wissen. Noch am heutigen Tage werden Sie von uns mit den notwendigen Papieren ausgestattet, um mit dem Schiff nach der Neuen Welt zu segeln und dort ein neues Leben zu beginnen. Ihr Vater hingegen wird in Kürze seine Pachtrechte, seine Besitzungen und seinen gehobenen Stand gegen das einfache und entbehrungsreiche Leben eines Tagelöhners eintauschen. Er wird verbannt von Ravenscraig Castle. Er soll lernen, was es bedeutet, Tod und Schande über die Unschuldigen zu bringen.“
Nach diesen Worten bediente sie eine kleine Klingel auf dem Tisch neben sich, und sogleich trat eine der Hofdamen ein, die den Befehl erhielt, den Schlossschreiber zu holen.
Dieser erschien auf der Stelle und sollte nun auf Ansinnen der Gräfin neue Papiere für mich anfertigen. Mein neuer Name sollte nun Mark Adam sein, einfach eine Umkehrung meiner zuvor getragenen Namen. Man bescheinigte mir, in Diensten der Lordschaft Sinclair ein fleissiger, umsichtiger Pächter, ein folgsamer Untertan und ein ehrlicher Steuerzahler zu sein. Dazu erhielt ich einen Freibrief für eine Fahrt auf einem Flottenschiff Ihrer Majestät, der Königin von England, um in die Neue Welt zu segeln. Der Schreiber wurde dazu angewiesen, mir hundert Pfund in Silbermünzen auszuhändigen und mich mit einer Kutsche bis zum Hafen der Grossstadt Edinburgh bringen zu lassen.
Als ich mich kaum hörbar nach dem Fortbestand meiner Familie erkundigte, gab Lady Rowena mir klar zu verstehen, dass mein Vater ein Vergessener sein werde und alles andere, was einst meine Familie gewesen war, in einer frischen Gruft am Pächterfriedhof von Ravenscraig zu liegen hatte. Das Pächtergeschlecht der Mark starb an jenem Tag.
Wenngleich überrascht und nicht wirklich von der Idee begeistert, dankte ich der Gräfin von Herzen für ihre Anteilnahme und ihre Hilfe und durfte mich nun von ihr verabschieden. Obgleich ich versprach zu schreiben, wo ich hinkommen würde, schien sie das weder zu beeindrucken noch zu beschäftigen. Ich war wohl nur eines der vielen Staatsgeschäfte, das einem solchem Oberhaupt einer Gemeinschaft eben zur Last fällt.
Eine Kutsche der Lordschaft wurde bereitgemacht. Ich sollte mich beeilen. Viel zu regeln hatte ich nicht, aber einen letzten Besuch auf dem Grab meiner Mutter wollte ich mir nicht verwehren lassen. Der wurde mir gestattet.
Meine Augen brannten, ich fühlte, dass ich gerne geweint hätte. Aber ich wusste den Mann mit der Mappe neben mir. Der Schreiber der Sinclairs war mir seit dem Moment, in dem ich den Saal der Herrschaft verlassen hatte, nicht mehr von der Seite gewichen.
Langsam sank ich auf die Knie und liess den Blick auf dem einfach gezimmerten Holzkreuz haften, auf dem der Name meiner Mutter mit den Tagen ihrer Geburt und ihres Ablebens eingeritzt war.
Eine kleine Hand klammerte sich um meinen Arm. Ich drehte den Blick nach rechts und sah in das frische, anmutig strahlende Gesicht der kleinen Rebecca Sinclair. Sie war mit ihrer Mutter zum Pächterfriedhof gekommen. Lady Rowena wies gerade den Schreiber an, nach der Kutsche zu sehen.
Erst als der fleissige Mann sich entfernt hatte, trat sie zu uns. Sie flüsterte nur noch: „Es tut mir aufrichtig leid, dass ich diese Entscheidung über Ihren Kopf hinweg getroffen habe, Herr Mark … ach … heute Herr Adam. Aber glauben Sie mir, dass es besser ist, Sie gehen fort von hier. Was am morgigen Tag über Angus Mark hereinbrechen wird, ist nicht Ihr Schicksal und Sie sollen es auch nicht teilen.“
Ich hob die Augen zu ihren: „Lady Rowena … warum tut das Schicksal mir das an?“ Sie lächelte nun gequält: „Ihnen hat das Schicksal einen anderen Weg geboten, Herr Adam. Ich … wir … werden hierbleiben und der Dinge harren, die für uns alle vorbestimmt sind.“
Die kleine Rebecca spielte mit ihren kupferroten Zöpfen und lief immer wieder Kreise um das Grab. Sie blieb plötzlich vor mir stehen und fragte unumwunden: „Bist du traurig, Grosser?“ Ich nickte: „Ja, etwas schon, kleine Lady. Meine Mami ist in den Himmel gegangen und ich muss jetzt auch fortgehen.“ Das Mädchen strahlte mich an: „Aber dann sollst du dich doch freuen. Meine Mami hat gesagt, dass es im Himmel wunderschön ist. Sie hat gesagt, wir werden alle irgendwann dorthin reisen.“ Wieder nickte ich: „Das hat Eure Mami sehr weise gesagt, kleine Lady. Ich werde mich daran erinnern, wenn ich unterwegs sein werde. Leben Sie wohl, Lady Rebecca. Und auch Sie, Lady Rowena … ich werde das alles vermissen.“
Die schöne Frau versicherte: „Es wird Ihnen bestimmt gut ergehen, Herr Adam. Ich kann das in Ihren Augen sehen. Sie werden zu einem guten und starken Mann heranreifen. Tragen Sie Ihren neuen Namen mit Stolz, zeigen Sie den Menschen in der Neuen Welt, dass die Pächter des Hauses Sinclair immer wohlerzogen und mutig, stark und arbeitsam sind.“ Ich schluckte: „Das werde ich versuchen. Ich verspreche es Ihnen.“
Die Herrscherin über Schloss und Land liess sich von mir die Hand küssen und zeigte hinter mich, wo der Wagen mit dem Schreiber bereits für mich bereitstand. Dazu sprach sie sehr leise: „Gehaben Sie sich wohl, Herr Adam. Eines fernen Tages, vielleicht, wird mein Ruf Sie erneut erreichen. Ich hoffe, Sie mögen ihn erhören.“ Ich versprach: „Wo auch immer ich sein werde … ich werde immer ein Pächter dieser Herrschaft sein, ein Untertan der Sinclairs. Wenn Sie rufen, werde ich eilen.“
Die kleine Rebecca liess sich widerstandslos hochheben und drücken. Sie klatschte mir einen kindlich fröhlichen Kuss auf die Wange und lachte: „Wenn du im Himmel bist … sag denen, dass ich einen Platz mit vielen Tieren zum Spielen erwarte, wenn ich komme.“ Ich drückte sie erneut: „Ja, Lady Rebecca. Ich werde allen Bescheid geben. Aber, in Gottes Namen … nehmen Sie sich Zeit.“


2
Auf zu neuen Ufern

Und ich wurde in die Kutsche geladen, begleitet vom Schreiber und einem Kutscher, nach Südwesten wurde ich gebracht. Wir waren fast einen ganzen Tag unterwegs, legten bei Dämmerung eine Nachtrast ein und erreichten am späten Morgen des Folgetages die pulsierende Stadt Edinburgh.
Dort angekommen, verlor der Schreiber keine Zeit. Er fand schnell ein Schiff, das in vier Tagen nach der Hudson Bay ablegen sollte, und legte den Freibrief der Gräfin vor, den er selbst aufgesetzt hatte.
Der Eigner des Schiffes nahm mich gerne auf. Er wollte mir eine der seltenen Kabinen zuweisen. Aber nun endlich konnte ich zum ersten Mal ein Wort des Einwandes hervorbringen. Ich bat darum, an den Arbeiten an Bord beteiligt zu werden, um so wenigstens etwas zu diesem, meinem unverdienten, Reiseglück beizutragen.
Der Schreiber liess mich gewähren, besorgte mir in einem Bekleidungsgeschäft noch einige Roben und ein paar gute Stiefel, und schon war seine Pflicht erfüllt. Zum Abschluss reichte er mir eine dünne Mappe und erklärte mir, darin seien meine neuen Dokumente und einige wichtige Informationen, die mir auf meinem weiteren Weg helfen sollten. An diesem Tag wusste ich noch nicht, mit welchen Ränkespielen in der Nähe von Schloss Ravenscraig die Machtverhältnisse verschoben werden sollten.
Ich werde keine Leser mit der langweiligen Seereise belästigen, die ich unternommen habe. Es reicht zu wissen, dass es für einen Menschen mit meinen Fertigkeiten auf einem Schiff nicht wirklich lohnende Arbeiten zu verrichten gab. Einmal nur konnte ich mich wirklich nützlich zeigen, als einer der Masten ausgebessert gehörte. Dabei halfen mir mein Geschick mit Werkzeug und mein Wissen über Holz.
Die meiste Zeit verbrachte ich sonst in der Kombüse bei Handreichungen oder an Deck bei Reinigungsarbeiten. Das Schiff war in seiner Eigenschaft als Frachter nicht auf Passagiere ausgerichtet, sodass ausser mir und der Besatzung gerade einmal ein einziger weiterer Reisender an Bord war. Aber von ihm sah ich in den nahezu achtzig Tagen Seereise sehr wenig. Er soll ein Franzose namens Guillaume Clary gewesen sein, der zum ersten Mal eine so weite Reise unternahm und diese wohl auch nicht ganz freiwillig angetreten hatte. Zudem war er die meiste Zeit seekrank und weigerte sich, seine Kabine zu verlassen.
Wenn ein junger Kerl wie ich damals, der eben gerade seine geliebte Mutter verloren hat, sein ganzes bisheriges Leben hinter sich lassen muss, werfen ihn Empfindungen aus der Bahn, die er vorher nicht gekannt hat. Ich verbrachte gewisse Nächte versteckt in einem kleinen Verschlag am Bug des Frachters in vollkommener Dunkelheit, weinte, seufzte, machte mir selbst Vorhaltungen und verfluchte das Schicksal, das mir nicht die Kraft gegeben hatte, mich erfolgreich gegen den Vater aufzulehnen. Aber das Gute an einer langen Reise ist die Zeit, die unweigerlich verstreicht. Mit dem Fortschreiten der Reise entfernten sich die Trauer, die Sorge und die Wut und machten der Neugier Platz. Ich hatte zuvor noch nie das Meer bereist und war auch noch nie so lange ohne Begleitung unterwegs gewesen. So sammelte ich viele neue Eindrücke und sog Wissen und erste Erfahrungen in mich auf wie ein Schwamm.
Unsere Ankunft in Fort George schien ein grosses Ereignis zu sein, denn als unser Schiff endlich den kleinen Hafen ansteuerte, sahen wir, die wir an Deck waren, Dutzende von Männern, die an der Pier auf uns warteten.test

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