Zwiespalt

Zwiespalt

Anne Wunderlich


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 354
ISBN: 978-3-95840-661-2
Erscheinungsdatum: 11.04.2018
Ein gefühlsbetonter Roman über Maria, die zufällig Max kennen und lieben lernt. Maria hat eine schwierige und lebensverändernde Entscheidung zu treffen, welche einen Neuanfang mit rasanten Wendungen und einem unerwarteten Ende zu Folge hat.
Das Verbotene



Du bist da,
mir ganz nah.
Und doch mir so fern.
Ich habe dich so gern.
Doch darf es nicht sein,
wir bewahren den Schein.
Lass uns in die gleiche Richtung gehen.
Ich muss dich sehen,
mit dir sprechen,
dich treffen,
deine Stimme hören,
am liebsten dich berühren.
Ich möchte so gern,
doch muss ich mich halten von dir fern.
Es zerreißt mir mein Herz,
das ist kein Scherz.
So stark sind die Gefühle zu dir,
wie deine zu mir.
Doch die Stimmen werden erhoben,
eure Liebe ist verboten.





Ich hatte doch alles, was ich mir je erträumt habe. Einen tollen Ehemann, zwei wunderbare Kinder, ein eigenes Haus, eine intakte Familie. Trotzdem überkamen mich nun diese Gefühle, die nicht da sein sollten. Sie haben keinen Platz in meinem jetzigen Leben und trotzdem sind sie da. Dieses Kribbeln, diese Nervosität. Aber eins nach dem anderen.

Nun war ich hier, alleine in einer Großstadt. Das Mädchen vom Dorf, ausgesetzt in diesem Gewusel, mitten im Herzen von München. Wie habe ich mir diesen Tag herbeigesehnt. Es war mein Wunsch, hierher zu ziehen und eine neue Tätigkeit in meiner Berufslaufbahn aufzunehmen. Nahe der Donnersberger Brücke war nun mein neues Zuhause und ich war völlig aufgeregt, was mich nun erwarten würde.

Meine Einzimmerwohnung war, wie der Name schon vermuten lässt, sehr klein. Wohn- und Schlafzimmer in einem, inklusive kleiner Kochnische und ein Bad ohne Fenster, kein Balkon, kein Garten. Aber für mich alleine reichte dies völlig aus und bei den Mietpreisen in München muss man sich jeden Quadratmeter Wohnfläche überlegen, den man anmietet. Gott sei Dank war wenigstens ein Parkplatz vor dem Mietshaus frei, sodass ich nach einer achtstündigen Fahrt direkt und ohne lange suchen zu müssen einen Platz ergattern konnte. So hatte ich kurze Wege, um alleine die Kisten und Koffer in die dritte Etage zu tragen. Nach zwei Stunden Treppen auf und ab saß ich nun in meiner Wohnung, auf einer Pappkiste, lächelnd und geschafft. Schnell noch eine Luftmatratze aufgeblasen, die Schlaf- und Kosmetiksachen aus dem Koffer ausgepackt und auf zur ersten Nacht. Diese verlief ruhig und ich träumte schöne Dinge, soweit, wie ich am nächsten Morgen noch erinnern konnte. Es heißt ja: „Was man in der ersten Nacht im neuen Zuhause träumt, wird wahr.“ Noch mal Glück gehabt – es war auf jeden Fall kein Albtraum.

Nun sollte also mein neues Leben beginnen. Einen Tag hatte ich noch, bis die Arbeit rief. Aber dieser Tag war vollkommen ausgefüllt. Ich musste meine Sachen auspacken, einkaufen gehen, mich bei meinen Eltern melden, dass es mir gut gehe, und die nähere Umgebung erkunden. Immerhin musste ich ja wissen, wo ich Lebensmittel einkaufen gehen konnte, wie weit die S-Bahn-Station entfernt war, wo der nächste Bäcker war. All solche Dinge galt es, herauszufinden. Ich strotzte nur so vor Energie.
Mein Arbeitgeber stellte mich vor die Wahl, ob ich nach Köln oder München gehen wollte. Ich entschied mich für München. Diese Stadt reizte mich schon immer.
Ledig, Single, keine Kinder – die Beschreibung traf auf mich zu. Ich war frei, frei wie ein Vogel. Daher gesehen blieb die Entscheidung bei mir, wohin ich gehen und wie mein beruflicher Werdegang aussehen sollte. Meine Eltern standen bei meiner Entscheidung voll hinter mir. „Du musst deinen Weg gehen, Kind“, meinte mein Papa zu mir. „Nutze die Chance, gehe raus in die Welt.“ München war zwar nicht die Welt, aber ein großer Schritt in diese Richtung, wenn man wie ich aus einem Dorf mit 1.400 Einwohnern kam.

An meinem ersten Arbeitstag war ich bereits vor dem Weckerklingeln wach. Zu aufgeregt war ich. Auch plante ich mehr Zeit für meinen Arbeitsweg ein. Nach einem leckeren Latte macchiato und einer Käsebrezel vom Bäcker gleich um die Ecke war ich frisch gestärkt und konnte voller Tatendrang meinen neuen Job antreten.
Das Bürogebäude am Viktualienmarkt war eher unscheinbar. Es hätte alles in diesem Gebäude sein können, auch Wohnungen. Sehr unscheinbar von außen. Nichts Spektakuläres. Nur ein kleines Schild neben der Eingangstür ließ neben einem Anwaltsbüro und einer Zahnarztpraxis auf mein altes, neues Unternehmen deuten. Ich klingelte und der Türöffner brummte sofort vor sich hin. Ich trat ein. In die dritte Etage musste ich hoch. Schniefend und schnaufend kam ich oben an und eine kleine, schlanke Frau mit kurzen Haaren öffnete mir die Tür. „Guten Tag. Frau Schmidt nehme ich an? Mein Name ist Frau Liniger.“ Sie streckte mir lächelnd die Hand entgegen. „Eine sehr angenehme Person“, dachte ich mir. „Ich bin die Teamleiterin, also ihre direkte Vorgesetzte.“ Und wieder lächelte sie. Ja, sie machte einen sehr sympathischen Eindruck auf mich.
Sie führte mich in mein neues Büro, stellte mich den anderen Kollegen vor, zeigte mir die Teeküche, das Archiv, erklärte mir alles, was ich für meinen Einstieg wissen musste, wie den Arbeitsablauf, Brandschutzbelehrung, Datenschutz et cetera.
Überflutet mit den vielen Informationen nahm ich an meinem Schreibtisch Platz. Mir gegenüber saß ein älterer Mann mit grauen Haaren und einer Brille, etwas stämmig. Er lugte hinter seinem Bildschirm hervor und begrüßte mich nach der bereits durchgeführten Vorstellungsrunde erneut. „Grüß Gott, sehr angenehm. Herr Sedlmayer mein Name. Willkommen im Team.“ Ein Urgestein Bayerns, nicht nur vom Aussehen her, auch sprachlich mit seinem bayerischen Dialekt.
Ich fühlte mich auf Anhieb wohl. Der erste Eindruck war sehr positiv und hielt auch die gesamten vier Jahre an. Ich liebte meine Arbeit. Sie füllte mich voll aus. Ich hätte nie im Dienstleistungsbereich tätig sein können, im direkten Kundenkontakt. Ich war mehr für das Büro gemacht. Hier war meine Welt. Inmitten von Akten und Zettelbergen fühlte ich mich zu Hause.
Herr Sedlmayer erklärte mir alles, was ich über mein neues Aufgabengebiet wissen musste. Aber auch über die Belange der einzelnen Kollegen. Er führte mich und half mir, wo er konnte. Auch brachte er mir den bayerischen Dialekt bei und bald sprach ich auch so. Mein erstes bayerisches Wort war „Oachkatzalschwoarf“, übersetzt ins Hochdeutsche hieß es Eichhörnchenschwanz. Dieses Wort benötigte ich nie in meinem Sprachgebrauch, aber Herr Sedlmayer war der Auffassung, wenn ich dieses Wort problemlos aussprechen könnte, dann könnte ich auch alle weiteren Wörter mit Dialekt sprechen. Und so war es auch. Aber er lehrte mich nicht nur dies, sondern stand mir jederzeit mit Rat und Tat zur Seite. Nach bereits einem Monat durfte ich ihn mit seinem Vornamen, Alfons, ansprechen. Wir bauten eine sehr kollegiale Freundschaft auf. Sozusagen die erste Freundschaft in München. Bei Meetings und Auswärtsterminen nahm er mich in seinem Fünfer BMW mit und wir verbrachten die Mittagspausen zusammen. Käsebrezeln und Leberkäsesemmeln gehörten bald zu meinen Lieblingsspeisen und standen fast täglich auf meinem Speiseplan.
Jedoch vermisste ich Butterstreuselkuchen. In ganz München gab es nirgendwo ein Stück Butterstreuselkuchen. Es gab bei manchen Bäckern Streuselschnecken, die aber auch nicht so waren, wie ich sie von zu Hause kannte. Andere Bäcker wiederum hatten Prasselkuchen – das war aber eben kein Butterstreuselkuchen. Diesen aß ich, als ich ab und an meine Eltern und Freunde zu Hause besuchte. Mama gab mir immer ein großes Stück selbst gebackenen Butterstreuselkuchen mit. Jedes Mal, wenn ich zu Besuch nach Hause kam, war Mama eh immer der Meinung, dass ich wieder abgenommen hätte. „Kind, du siehst so schmal aus. Isst du auch ordentlich?“, sagte sie immer wieder zu mir, selbst, wenn wir telefonierten. Mütter eben. Das war ein Typ Frage wie: „Wie geht es dir?“ Eine Antwort erwartet man nicht wirklich, aber der Höflichkeit halber stellt man sie.
Leider muss ich zugeben, dass ich meine Eltern gar nicht zu oft besucht habe. Ja, ich hatte Heimweh, aber ich fühlte mich auch sehr wohl in München. Bis auf meine Eltern und Freunde fehlte mir nichts. Ich hatte einen super Job, tolle Arbeitskollegen und eine sehr nette Chefin. Ich konnte nicht klagen. Im Gegenteil, das Großstadtleben sagte mir voll und ganz zu.
Drei Wochen nach meinen Umzug nach München legte ich mir ein Fahrrad zu und fuhr seitdem jeden Tag mit ihm auf Arbeit, bei Wind und Wetter. Da ich eben keinen Kundenkontakt hatte, konnte ich auch in einen Regenguss kommen. Die Frisur war dann zwar keine Frisur mehr, aber mit einem Haargummi konnte ich schon viel bewirken. Sah ja weiter niemand, außer meine Arbeitskollegen, und da von ihnen auch einige mit dem Fahrrad kamen, sahen sie auch dementsprechend aus. Wir, die begossenen Pudel, wie es so schön heißt, mussten dann immer nach einem „Guten Morgen“ herzlichst lachen. Die Strecke von der Donnersberger Brücke zum Viktualienmarkt war nicht weit und mit dem Fahrrad gut und schnell zu erfahren, zumindest früh am Morgen. Nachmittags schob ich tagein, tagaus meinen Drahtesel durch die von Menschen überflutete Fußgängerzone bis zum Stachus und konnte dann erst auf mein Rad steigen und losradeln. Ich genoss es. Nachmittags und an den Wochenenden fuhr ich sehr viel Fahrrad. Wenn ich Lust und Zeit hatte. Zeit hatte ich ja eigentlich so gut wie immer, wenn ich mich nicht gerade mit meinen Arbeitskollegen oder neuen Freunden traf, die ich über die Zeit kennengelernt hatte, oder meine kleine Wohnung putzte oder einkaufen ging. Die alltäglichen Dinge halt. Ich nahm mir den Stadtplan zur Hand und radelte die Straßen und Wege von München ab. Nach bereits einem halben Jahr hatte ich so gut wie alles abgefahren. Nur noch einzelne Straßen, die mehr am Stadtrand lagen, fehlten mir noch. Diese folgten aber innerhalb der drei Jahre. Im Laufe der Zeit haben mich immer wieder Passanten angesprochen und nach dem Weg gefragt. Ich kannte mich teils besser aus als so mancher Einheimische. Ich war fasziniert von dieser Stadt. Dieser Mix zwischen dem Alten und der Moderne, zwischen Urgesteinen Bayerns und dem Multikulturellen, zwischen Industriegebäuden und ganz viel Grün. München hat für alle etwas. Ich verliebte mich in diese Stadt. In die Stadt und in meine Arbeit. Und natürlich auch in die Menschen. In einen ganz besonders, in Max.

Es war an einem Mittwoch im Juli. In diesem Jahr war es ein besonders heißer Sommer. Temperaturen bis achtunddreißig Grad Celsius wurden erreicht. Gefühlt waren in der Innenstadt fünfundvierzig Grad Celsius. Die Luft stand zwischen den Häuserwänden. Kein Lüftchen ging. Abkühlung brachte nur eine kalte Dusche zu Hause oder schnell in der Mittagspause beziehungsweise nach Feierabend an die Isar runter und die Füße hineinhalten. Vom Viktualienmarkt bis zur Isar war es ja nur ein Katzensprung. Nach Feierabend bin ich viel an die Isar gegangen; mit einer kleinen Picknickdecke unter dem Arm und einem Rucksack auf dem Rücken mit frischer Melone und kaltem Mineralwasser suchte ich mir ein schönes Plätzchen aus. Das Flussufer wies keinen Sand aus. Die Isar war mehr in ein Bett aus kleinen, weißen Kieselsteinen eingebettet. So war das Sitzen auf einer Decke oder einem Handtuch wesentlich angenehmer als auf den bloßen Steinen. Ich genoss die feierabendliche Stimmung. Auf der Brücke oberhalb von mir rauschte der Verkehr vorbei. Die Menschen kamen scharenweise aus der Innenstadt raus, schwitzend und mit voller Vorfreude auf zu Hause. Die Isar plätscherte vor sich hin und die letzten Sonnenstrahlen blinzelten über die Häuserdächer. So saß ich oft nach Feierabend da. Das Gewusel beobachtend. Oft trafen sich im Flussbett auch kleine Gruppen Jugendlicher, die zusammen Fußball spielten, grillten oder einfach gemütlich mit Gesprächen und Mixgetränken den Abend ausklingen ließen.
An jenem Mittwoch beschlossen wir auf Arbeit, heute Abend uns alle im Biergarten im Englischen Garten zu treffen. Blasmusik spielte und alle waren bei bester Laune. Die paar wenigen Grillen zirpten und die Mücken kreiselten umher. Gegen siebzehn Uhr waren immer noch siebenundzwanzig Grad Celsius.
Ich saß neben Alfons, mit uns noch Frau Liniger und neun weitere Kollegen. Wir waren eine große Runde. Heute waren alle aus unserem Team da. Wir hatten viel Spaß, wir lachten, tranken, aßen, schunkelten zur Musik. Wie die Bayern sagten, war es ein „zünftiger“ Abend und eine laue Sommernacht. Während Frau Liniger alte Anekdoten aus ihrer früheren Arbeitswelt erzählte, sah ich ihn. Meinen Traummann. Groß, dunkelbraune Haare, leuchtend blaue Augen, ein „richtiges Mannsbild“ hätte Alfons gesagt. Gekleidet in einer braunen Lederhose mit einem rot-weiß karierten Hemd. Es stand ihm, sogar sehr gut. Er war in Begleitung von vier Freunden. Sie liefen in meine Richtung, mein Herzschlag wurde schneller, an unserem Tisch vorbei Richtung Bierausschank, mein Herz schlug wieder langsamer. Er hatte mich jedoch ebenfalls bemerkt. Währenddessen er sich mit seinen Freunden in der Schlange vor dem Ausschank einfädelte, blickte er immer wieder zu mir herüber. Ich konnte meine Blicke von ihm nicht abwenden. Ich war gefesselt. So ein hübscher Mann. Ich musste ihn einfach ansehen. Aber ansprechen, nein, das kam nicht infrage. Erstens war ich in Begleitung meiner Kollegen und zweitens dachte ich mir: Wer so gut aussah, müsse bestimmt eine Freundin haben.
Ich wandte meinen Blick von ihm ab, als sich Frau Müller von uns verabschiedete „Also dann, bis morgen. Euch noch einen schönen Abend.“ Mit ihr gingen weitere acht Kollegen. Somit war ich mit Frau Liniger und Alfons alleine am Tisch. Der Unbekannte nahm mit seinen Freunden so am Nachbartisch Platz, dass wir vis-à-vis saßen. Ich wandte schnell meinen Blick ab, bevor es auffiel, dass ich ihn anstarrte, und trank einen Schluck aus meinem Glas. „Wie schätzt du den Fall ein, Maria?“, fragte mich Alfons. Immer noch fasziniert von dem Anblick des Schönlings bemerkte ich überhaupt nicht, wie Frau Liniger und Alfons im Gespräch vertieft waren. „Wie bitte?“, fragte ich nach. Ich hatte den Gesprächsinhalt nicht für voll genommen. „Wo bist du nur mit deinen Gedanken?“, lachte Alfons und versuchte meinem Blick zu folgen. Er drehte sich an den Nachbartisch um und rief dann laut und deutlich: „Grüß Gott.“ Alfons winkte dem schönen Unbekannten zu. „Was machst du da?“, schrie ich auf und versuchte seinen Arm wieder runter zu drücken. Die Tischgruppe tuschelte kurz, alle erhoben sich dann von ihren Plätzen und kamen zu uns. „Ist hier noch frei?“, fragte der Schönling, mit seinem Bierglas in der Hand. Frau Liniger rückte an meine Seite heran und meinte: „Bitte.“ Wie gerne wäre ich jetzt im Boden versunken. Gleich würde ich vor meiner Chefin und meinem Kollegen bloßgestellt werden, dachte ich mir. Ich hielt mich an meinem Glas fest, als die Meute Platz nahm. Ich dankte Gott, dass der Hübsche sich nicht direkt neben mich gesetzt hatte oder mir gegenüber. Das wäre noch peinlicher gewesen. Es war bereits so schon, wie es war. Ich hoffte, er fragte nicht noch nach, warum ich ihn so angestarrt hatte. Wenn doch, wünschte ich mir, dass unter mir sich der Boden öffnete und ich einfach hineinfiele. Weg, weg von hier. So schnell wie möglich.
„Grüß Gott, Herr Sedlmayer“, begrüßte der gut aussehende Mann Alfons. Ich schaute verdutzt zu Alfons. „Ihr kennt euch?“, fragte ich verwundert nach. Alfons nickte und begrüßte ihn mit Handschlag. „Darf ich vorstellen, Frau Schmidt und Frau Liniger“, und er zeigte auf uns. Zu dem damaligen Zeitpunkt hieß ich noch mit Nachnamen Schmidt. „Das ist Max Neumann.“ Er erhob sich etwas von der Biertischgarnitur, lehnte sich zu uns über den Tisch und reichte uns jeweils die Hand. Als ich an der Reihe war, stand für uns beide, als sich unsere Hände trafen, die Welt in jenem Moment still. Er lächelte mich so charmant an. Unsere erste Berührung. Es war … merkwürdig-eigenartig zauberhaft. Es funkte einfach zwischen uns. Ich hatte wie einen Tunnelblick, nur für ihn. Alle anderen im Biergarten nahm ich gar nicht mehr wahr. Es war Liebe auf den ersten Blick. Max schien es genauso zu gehen. Wir verharrten in unserer Position. Ich saß mit gestrecktem Arm gen Himmel. Max über den Tisch lehnend, den Arm in meine Richtung gestreckt, und unsere Hand in der des Anderen. Den Blick nur für den Anderen. Mein Herz pochte, unsere Hände waren eisig kalt, trotz der Außentemperaturen.
„Ihr könnt wieder loslassen, ihr zwei Turteltauben“, holte Alfons uns aus unserem Moment zurück in das Hier und Jetzt. Wir ließen ruckartig los und Max setzte sich, etwas verlegen, wieder hin. Frau Liniger fragte neugierig: „Woher kennt ihr euch?“ Alfons, der bereits deutlich zu viel getrunken hatte und dadurch in Redelaune war, erzählte, dass Max ebenfalls in einer Zweigstelle unserer Firma am Rosenheimer Platz arbeitete. Er war damals Auszubildender, als Alfons dort noch vier Monate gearbeitet hatte. Danach wechselte er das Aufgabengebiet und somit die Zweigstelle. Da wir nicht unmittelbar mit dieser Abteilung vom Rosenheimer Platz zusammenarbeiteten, wären wir uns arbeitstechnisch wahrscheinlich nie über den Weg gelaufen. Frau Liniger, die bereits seit vielen Jahren der Firma angehörte, kannte Max ja auch nicht. Hier schlug das Schicksal zu. Göttliche Fügung. Es sollte so sein, dass ich mit Alfons hier war und Max mit seinen Freunden. Abergläubisch war ich zwar nicht, aber in diesem Fall machte ich eine Ausnahme. Alfons und Max gruben ein paar alte Geschichten aus ihrer gemeinsamen, kurzen Arbeitszeit aus. Während die beiden so erzählten und uns alle unterhielten, trafen sich immer wieder unsere Blicke. Immer wieder schaute ich verlegen weg, aber auch wieder hin.
Als wir alle gegen zweiundzwanzig Uhr dreißig den Heimweg antraten, schob mir Max in einem kurzen Moment der Unaufmerksamkeit der Anderen eine Serviette mit seiner Telefonnummer zu. Ich schmunzelte ihm zu, steckte sie schnell ein und ging nach dem Verabschieden alleine zu meinem Fahrrad, um nach Hause zu radeln.
Abends, als ich im Bett lag, dachte ich an Max. Es war verrückt. Der Viktualienmarkt lag nicht allzu weit vom Rosenheimer Platz entfernt, wir arbeiteten bei der gleichen Firma, ganz nah beieinander. Damals hatte Alfons mit ihm zusammengearbeitet, jetzt arbeitete Alfons mit mir zusammen. Und dann sahen wir uns und es funkte. Aus dem Nichts heraus. Ich konnte nichts dagegen tun. Es traf mich wie ein Blitz. Es war nicht so, dass ich auf der Suche nach einer festen Beziehung oder einer, ich nenne es mal Bekanntschaft, war, konnte aber nicht sagen, dass ich abgeneigt war. Ich dachte noch einer Weile an ihn. An seine blauen Augen, sie strahlten so schön und waren so blau wie ein wolkenfreier blauer Himmel. Sie kamen durch seine dunkelbraunen Haare besonders gut zur Geltung. Wie er vorhin dagestanden hatte, in seiner braunen Lederhose und dem rot-weiß karierten Hemd. Wie er mich angesehen hatte, als sich unsere Hände berührten, wie er mich den ganzen Abend angesehen hatte. Wie weich seine Hände waren. Ich war hin und weg. Nie hatte ich an die Liebe auf den ersten Blick geglaubt und doch machte ich nun mit ihr Bekanntschaft. Und seine Telefonnummer gab er mir auch, das war ein deutliches Zeichen seinerseits.
Erst spät nachts fand ich Ruhe und konnte einschlafen.


5 Sterne
Super Buch! - 11.02.2019
Marita Stoy

Super Buch! Hat mir sehr gut gefallen! Ich würde es weiter empfehlen, weil es aus dem Leben gegriffen ist und sehr spannend ist!Eine Fortsetzung wäre auch noch toll! Gerne ein zweites Buch dazu!

5 Sterne
Feedback - 14.06.2018
Maxi

Ein tolles Buch, was man nicht aus der Hand legen will. Es lies sich super lesen, man fand schnell rein und wurde von Seite zu Seite neugieriger. Ja das Ende hätte ich überhaupt nicht so erwartet......Ich bin gespannt auf die neuen Werke!Weiter so!!!!!!

5 Sterne
Buchbewertung - 10.06.2018
Marcel

Ein einfach zu lesendes Buch, bei dem sich der Leser in die Romanfigur hineinversetzen kann und die komplette Gefühlswelt mit durchlebt. Einfach klasse !!! Bitte mehr davon :-)

5 Sterne
Feedback - 08.06.2018
Hjördis

Liebe Anne! Ich wollte unbedingt dein Buch lesen,war total gespannt.Gekauft und im Urlaub ging’s los.Seite für Seite,nach kurzer Zeit war das Buch ausgelesen.Es lies sich super lesen,selbst nach paar Tagen,hätte ich es nacherzählen können!Man konnte einfach nicht aufhören!Natürlich war der letzte Abschnitt nicht so,wie ich mir das ausgemalt hatte.Zum Glück hatte ich am Strand eine Sonnenbrille auf.Es war ganz schön traurig.Da kullerten nun mal die Tränen.

5 Sterne
Feedback zum Buch - 08.06.2018
Kristin

Es ist ein sehr kurzweiliges Buch voll Emotionen, ich finde es ist ein Roman für jedermann. Unterhaltsam, lustig, emotional, viele Gefühle. Lachen und Weinen zugleich. Ich hätte die Wendung am Ende nicht erwartet.Aber lest einfach selbst!Sehr zu empfehlen grade jetzt im Sommer. Passt total gut zum Liegestuhl im Garten und dem schönen warmen Wetter.

5 Sterne
Feedback - 08.06.2018
Jens

Ein rundum gelungenes Buch, welches spannend und sehr ergreifend ist. Ich bin schon gespannt auf die nächsten Werke.

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