Zur selben Zeit

Zur selben Zeit

Yvonne-Elizabeth Ray


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 276
ISBN: 978-3-99038-661-3
Erscheinungsdatum: 27.11.2014
Fünf Paare leben an verschiedenen Orten der Welt und schlagen sich durchs Leben. Ihre Probleme sind die gleichen, nur die Lebensumstände und die Gegebenheiten sind anders. Sie können dem Leben Liebreiz abgewinnen und lernen, mit Niederlagen umzugehen.
Fiona & Florian

1.

Fiona steht um 06.30 Uhr auf. Geht flugs ans Fenster – reißt es auf und begrüßt den schönen Morgen. In Windeseile kurbelt sie die Storen hoch.
Die Birke vor dem Haus mit munteren Spatzen im Geäst schenkt ihr den ersten Gruß. Sie streckt sich. Gähnt laut vor sich hin. Die Arme lässt sie ein paar Mal im Kreis drehen. Dann legt sich Fiona auf den Boden – macht ihre Morgengymnastik. Schnell unter die eiskalte Dusche. Behaglich. Zum Aufwärmen stellt sie den Warmwasserhahn an. Und rubbelt sich dann wohlig trocken.
Sie zieht sich schnell an: einen kanariengelben Overall mit leuchtenden Knöpfen. Die Haare bindet sie zu einem Pferdeschwanz. Fiona sieht jetzt keck aus. Burschikos. Mit Wohlgefallen mustert sie sich im Spiegel. – In der kleinen, gut organisierten Küche bereitet sie sich einen Schnellkaffee zu und beißt in das Croissant, das Florian übrig gelassen hat. Sie kaut. Bedächtig. Kneift noch mal die Augen zu. Lässt die Rollladen im Schlafzimmer wieder herunter, damit die Fenster offen bleiben können. Und Kühle im Zimmer herrscht.
Fiona wickelt ein buntes Stofftuch in ihr Haar: Das tut sie gern. Mal ist es eine moosgrüne Klammer, die ihr ein strenges Aussehen verleiht – dann wieder ein scharlachroter Schmetterling, der leicht verspielt wirkt; und letzthin dieser fliederfarbige Reif. Da hat sie bewundernde Blicke bekommen.
Sie zieht die Decke ordentlich über das zerkrümelte Bett. Und schüttelt artig die Kissen. Legt Florians graue Pyjama-Hose, die achtlos am Boden liegt, sorgfältig zusammen. Und muss lächeln über die Falten darin – wie bei einer Ziehharmonika.
Das war wieder mal eine Nacht – die sie mit lautstarken Diskussionen verbracht. Passiert hin und wieder. Florian schneidet ein Thema an. Und sie argumentieren um die Wette. Geraten sich auch in die Haare. Lassen so richtig Dampf ab. – Erst nach Mitternacht ist sie eingeschlafen. Florian hat plötzlich sich weggedreht und gleichmäßig geschnarcht. Intuitiv öffnete sie das Fenster noch etwas – um alles Gerede aus dem Schlafzimmer zu verbannen. Und fühlte sich königlich dabei.
Geliebt haben sie sich. Am frühen Morgen. Als Auftakt in den Arbeitsalltag.
Haben den Reiz des Augenblicks genossen, wohl wissend, dass sie in einer Viertelstunde wieder in den Alltagsfängen –, das Gefühl der gegenseitigen Macht und ungezügelter, verschwenderischer Lust ausgekostet. –
Längst haben sie sich aneinander gewöhnt:
Florians Metapher von den abgewetzten Schuhen – dem abgetragenen Rock – dem Rad der Zeit, das nagt – kann Fiona nicht mehr nerven. Es ist seine Angewohnheit, den Liebesakt zu verulken – ihm ein Quäntchen Lässigkeit abzugewinnen.
Es kommt auch vor, dass er einige Tage abgekapselt in seiner Welt lebt – sie kaum eines Blickes würdigt: Absorbiert in seine persönlichen Probleme, an denen sie nicht teilhaben darf.
Und dann wendet er sich ihr plötzlich in aufbrechender Gier und Körperlust zu. Meist geschieht es unvermittelt. Ohne Programm – kein Vorspiel – nur ekstatische und wilde Lust. Sie mag Spontansex. Macht es mit.
Sie legt dann ihren Schmöker – Nacht in Schanghai –, in dem sie geruhsam einige Seiten gelesen hat, auf die Seite. Seufzt tief. Fädelt sich ein ins ungehemmte Turteln mit Florian.
Sie geht nochmals ins Badezimmer. Die letzten Sandkörner müssen aus den Augen. Sie schenkt sich einen kurzen Blick im Spiegel; reichlich angeschlagen sieht sie aus. Und Schmuseflecken prangen auf ihrem Hals – schnell ein Pflaster darüber. Und den schwarzen Rollkragenpullover. Gute Kombination mit dem knalligen, gelben Overall.
Fiona mag die gönnerhaften Blicke der Kollegen in ihrer Bude nicht. Oder die neckischen und belustigten Augen ihrer Kolleginnen. Sie arbeitet im elterlichen Lampengeschäft – und erledigt den anfallenden Bürokram. Fionas Vater – Herr Sibelius – ist auf Designer-Lampen spezialisiert und hat soeben eine wunderschöne Lampe – in Muschelform – lanciert. Den Leuten gefällt die Lampe, und die Nachfrage läuft auf Hochtouren. Fiona ist zufrieden mit dem Bestellungseingang. Herr Sibelius ist froh, eine so kompetente und interessierte Arbeitskraft in seinem Büro zu haben. Die Mutter ist im Laden tätig und schaut, dass die Leuchtkörper sauber und manierlich aufgestellt sind. Das Lampengeschäft liegt in der Innenstadt des kleinen, mittelalterlichen Städtchens und trägt den wunderschönen Namen „Kirschbaum“.
Gern erinnert sich Fiona an die Kirschblüte in Japan, wohin sie vor einigen Jahren eine Reise mit ihrer Freundin Joshi unternommen.
Optiker – Buchhändler – ein Drogeriemarkt und eine Blumenboutique zieren die Umgebung des alten Brunnens – der den Gewerbetreibenden ein Quäntchen Intimität aufsetzt. Und froh vor sich hin plätschert. Der Brunnen ist auch Gradmesser für Fionas Laune. Merkwürdig – ist sie gut gelaunt, steht sie meist ein Weilchen davor, tunkt ihre spitzen Fingerkuppen in das Wasser – ist sie schlecht gelaunt, läuft sie vorbei und schenkt dem Symbol der Lebensfreude keine Aufmerksamkeit.
Fiona hüpft die Treppen hinunter und eilt aus dem Haus. Geht zu Fuß. Es ist immer das gleiche Ritual. Bevor sie die Straße überquert, trifft sie meist auf Frau Heinrich, die ihren Köder „Fido“ zum morgendlichen Spaziergang ausführt. „Hallo Frau Heinrich, und genießen sie den Tag“, schreit sie der rundlichen Frau entgegen. Frau Heinrich freut sich über den Morgengruß, bleibt stehen und grüßt mit winkender Hand: „Hallo Fiona, grüß mir deine Eltern, recht schönen Tag.“
Florian ist längst aus dem Haus. Der Wecker klingelt um 05.20 Uhr. In Sekundenschnelle erledigt er seine Morgentoilette. Und stimmt unter der Dusche ein Lied an. Um 05.45 Uhr ist er startbereit und hüpft die Treppen hinunter. Schwingt sich auf sein grasgrünes Fahrrad und radelt frohgemut an den Stadtrand. Erreicht den trägen Fluss „Plus“. Durch eine Pappelallee.
Die zieht sich endlos am Fluss entlang. Hat sich an die stolzen und herrischen Gebieter, die die Straße säumen, gewöhnt und schenkt ihnen allmorgendlich einen freundlichen Gruß.
Er mag sie: diese Hüter der Allee. Strotzen vor lieblicher Schönheit und Unbekümmertheit. Die ihm ein Raunen entlocken. Da kehrt er seine kindliche Seite hervor. Mit Absicht. Träumerisch die Landschaft erkunden hat bei ihm oberste Priorität. Gesunde Kompensation zu seiner harten, intellektuellen Seite.

Vogelgezwitscher dringt aus dem Blätterwald. Florian durchquert die Allee friedvoll und glücklich. Und ist gewappnet für den Arbeitsalltag.
Er freut sich – nickt ihnen lachend und scherzend zu:
Er glaubt, das Wohlwollen der Pappeln zu spüren. – Oder ist er so vernarrt in die Natur? Florian lebt auf seine Weise im Einklang mit der Natur.
Er hat ein untrügliches Auge für Veränderungen, die sich ihm darbieten: Da ist das Grün und Braun der verschiedenen Wiesen: Wie Flickenteppiche liegen sie da. Sie umgeben die Bauernhäuser auf der rechten Seite. Reizen seine Neugier.
Und das wohl nur, weil Florian ihnen täglich und intensiv seine Aufmerksamkeit bekundet.
Florian ist ein verkappter Poet. Seine Mutter eine sehr talentierte Malerin. Sein Vater ein kalkulierender Geschäftsmann durch und durch.
Von Ferne sieht Florian die Fabrikschlote rauchen. Da ist eine andere Realität. Da arbeitet er, um sein Biologiestudium zu finanzieren. Immer auf Achse. Die Arbeit in der Werkhalle mit den netten Leuten gefällt ihm. Harmlose Menschen mit einem einfachen Gemüt: Simpel gestrickt. Echte Liebenswürdigkeit verströmend. Matthias und Stenz mit einem goldenen Herzen.
Sie achten den gewissenhaften und lernbegierigen jungen Kumpel. Florian weiß immer etwas zu erzählen. Zieht die Menschen mit seinen fantasievoll ausgeschmückten Geschichten in seinen Bann.
Die Leute an der schweren, riesigen Maschine necken ihn schon mal:
„So, wie haben die Pappeln heute zu dir gesprochen? Haben die Blätter gesäuselt im Wind?
Weißt du jetzt genau, wie das Wetter umschlägt, Florian? Haben die dünnen, zitternden Äste das aufkommende Tief genau angezeigt?“
Florian wird dann rot wie ein Krebs im Gesicht, überlegt einen Moment:
„Tja, so kann man eine Wetteränderung wohl nicht interpretieren. Ich denke, dass uns ein Tief – mit ausgiebigem Regen – nur leicht streift. Und wir ab Mitte Woche wieder Sonnenschein haben.
Mein hohler Bauch sagt mir etwas in diese Richtung. Und die Pappeln waren frühmorgens so fröhlich, dass kaum eine lang andauernde Schlechtwetterphase aufkommen wird.
Nur die frisch gesetzte Pappel am Ende der Allee erschien mir etwas betrübt.“
Er muss immer tief Atem holen, manchmal seine Fantasie etwas zügeln. Um den Kumpeln eine Freude zu bereiten: Um glaubwürdig zu erscheinen. Aber er spürt, dass sie ihm an den Lippen hängen. Ihm mit Respekt begegnen. Ein rühriges Völkchen.
Am Mittag setzt sich Florian erneut auf seinen Drahtesel – macht sich auf den Heimweg. Er hält kurz bei der jungen Pappel. Steigt vom Sitz. Ein unbestimmtes Gefühl bemächtigt sich seiner. Da sieht er an der Böschung – die sich schroff zum Fluss neigt – eine quadratische, traubengrüne Tasche liegen. Achtlos hingeschmissen. Neugierig tritt er hinzu und zieht den Reißverschluss auf:
Und was findet er da vor? Pfui. Ein eingetrockneter Kuhfladen. Gott verdammt noch mal. Wer ist auf die irrwitzige Idee gekommen und hat schmierigen Kuhkot in eine Handtasche verfrachtet?
Er leert die Tasche aus. Der muss schon einige Tage hier gelagert haben. Die muss bestialisch und penetrant gestunken haben.
Jetzt ist nur noch ein Duft wahrzunehmen, der an abgestandene Kloake erinnert. Florian rümpft die Nase. Angewidert will er sich abwenden:
Aber halt, da ist noch etwas.
Ach so – ein totes, starres Meerschweinchen. Mit zusammengekrümmten Pfoten. Das Fell schrecklich zerzaust.
Mein Gott – eingewickelt – platt gedrückt in Kuhkot. Würdelos verpackt. Arme Kreatur.
Florian – der Natur- und Tierliebhaber – erholt sich langsam vom ersten Schreck. Reißt einige Grasbüschel aus. Wickelt sie um seine Hand. Sachte greift er nach dem toten Körperchen. Und zieht das Meerschweinchen aus dem eingetrockneten Kot. Das kupferrote Fell hängt verklebt um seinen Leib.
Und einem Spontanentscheid folgend – schmeißt er das Tier in hohem Bogen ins Wasser. Er blinzelt mit den Augen und schaut ihm nach. Der Kadaver wird rasant flussabwärts getrieben und geht unter.
Es quält Florian:
Ein böses Omen? Dieses Vorkommnis ist mir nicht geheuer.
Einmal habe ich eine überfahrene Katze mit drei Beinen stumm am Wegrand liegen sehen.
Und vor einigen Wochen ist mir ein junger Dackel beinahe vors Rad gelaufen.
Er verscheucht die Gedanken. Geht zu seinem Vehikel zurück und steigt auf. Er singt jetzt keine Lieder. Missmutig betrachtet er die Pappeln. Sie starren ihn ungläubig an. Misstrauisch vielleicht. Florian geht schnell nach Hause. Und bereitet sich eine bescheidene Mahlzeit zu: Ravioli. Schabt Käse darüber, bis das Orange der fleischgefüllten Teigdinger verschwindet. So mag er es. Rasch in den Ofen geschoben. Und eine braune Kruste ziert sein italienisches Essen. Er setzt sich auf den klapprigen Küchenstuhl und verschlingt sein Mittagsmahl. Dazu genehmigt er sich einen Deziliter Chianti.
Und dann sucht er die Bücher zusammen, und ab an die Uni geht’s. Heute hat er Labor. Das imponiert ihm. Das tote Meerschweinchen beschäftigt ihn. Sorgfältig blättert er in einem Buch: Da stößt er auf das liebliche Tier. Aus Uruguay stammt es. Ein Südamerikaner also. Er klappt das Buch zu. Und verlässt das Haus.
Indessen hat Fiona ihre Schmuseflecken am Lavabo mit Salbe überstrichen. Die knallroten, fleckigen Vermächtnisse wohliger Bettwärme sind einer blassroten Tönung gewichen. Fiona grinst vor sich hin. Florian ist seltsam und liebenswürdig, geht es ihr still durch den Kopf. Sie geht in ihr Büro zurück – trinkt einen Liter Milch. Das tut sie sporadisch. Milch – dieses natürliche Getränk – ist fabelhaft für die Knochen und ein gesundes Aussehen.
Florian lächelt, wenn er Fiona mit schwerem Einkaufsgepäck antraben sieht. Und darin Milch enthalten ist. Sie achtet auf Aktionen. Schleppt oft 10 Liter davon die Treppe hoch. Er schichtet die Literpakete dann ordentlich im Kühlschrank auf. Ab und zu trinkt er einen Schluck. Aber meist überlässt er den Kuhsaft Fiona.
Er sagt dann vielleicht:
„Ja, Fiona, jedem Tierchen sein Pläsierchen – deins ist nun mal die Milch einer fetten und gutmütigen Kuh, nicht?“
Und Schalk blitzt aus seinen rehbraunen Augen.
„Du hast nun mal eine Affinität zu diesen dicken und unförmigen Viechern, nicht? Gesund ist Milch sicher.
Und wenn nicht, schaden tut es dir bestimmt nicht. Also trink. Aber achte immer auf das Datum, damit du nicht säuerlichen Saft erwischt, gell.“


2. Bergwanderung

Am Wochenende gehen Fiona und Florian mit einigen Freunden in die gezackte und einladende Gebirgslandschaft des „Veron“ zum Wandern. Veron ist der Kürzel eines langen Namens. Für sie ein richtiger Geheimtipp. – Unter der Woche streicht Florian oft in der nahe gelegenen Hügellandschaft herum. Er kennt mittlerweile einige Hügelzüge wie seine Westentaschen und weiß genau, wo die herrlich mundenden Brombeeren zu finden sind und wo es nach frischem Salbei riecht.
Am Sonntag klettert er liebend gerne mit Fiona in der Bergwelt herum. Sie sind angetan von den trutzigen Höckern, die die Landschaft beleben und ihr ein ureigenes Gepräge geben. Können die stolzen Berge markieren, die sie schon erklommen haben. Und wo sie auch mal eine Nacht im Strohlager verbracht haben.
Florian überkommt ein Redeschwall. Er ereifert sich:
„Fiona, siehst du dort den erhabenen, alle anderen Berge überragenden Felskegel, dem wir vor sechs Monaten einen Besuch abgestattet haben? Den Mohrenkopf.
Mein Gott – majestätisch sticht der in den Himmel. Thront da oben wie ein stolzer Zeus. Kannst du seine unerbittliche Härte spüren?“ –
„Sicher, Florian. Du willst dem Mohrenkopf ein Denkmal setzen, nicht?“
Fiona grinst. Streicht sich über die Wange.
„Ach ja, und du hast schmerzhafte Wadenkrämpfe gekriegt. Tja – war das mühsam. Die Nervenzuckungen sind verschwunden. Dank des Wundermittels Magnesium. Hat gewirkt, nicht, mein Schatz?“
„Ja, ja, Florian. Ich fühle mich rundum topfit.
Aber Beinkrämpfe sind eine Tortur. Die Glieder völlig verkrampft. Und im Moment kann man nichts dagegen unternehmen. Das ist das Fatale.“
„Sieh mal, Fiona, wie die letzten Schneereste die kleinen Mulden ausfüllen. Schattenpartien. Da bleibt der Schnee noch lange drin hocken.“
„Ach ja, und Franz hat sich beinahe einen Knöchel verstaucht. Aber die Bergwanderung war trotzdem herrlich.
Ich erinnere mich immer noch an das aufgeregte Flattern der Dohlen, die uns in weiten Kreisen spielerisch umworben haben.“
„Das Gezeter der Dohlen – ich besinne mich.“
„Das Bild hat sich in mir festgesetzt. Wollte es festhalten.
Habe zu Hause – mit schnellen Strichen – eine Kohlezeichnung gemacht. Den Dohlen habe ich extra einen blutigen, spitzen Schnabel verpasst. Und Blutspuren über den Himmel gestrichen. Ganz eigenartig ist das Bild gelungen.
Ihr könnt es gerne bei mir ansehen.“
Franz und Johanna lachen über Florians fantasievolle Bemerkung. Und Johanna meint:
„Ja, der angehende Biologe sieht Dinge, die unseren Augen verborgen bleiben. Oder denen wir keine Beachtung schenken. Da kommt Florians forschendes und leidenschaftliches Auge zum Zuge …“
Die vier marschieren mit flotten Schritten durch ein besonntes Seitental. Erklimmen leicht die erste Anhöhe. Auf einer Bank ruhen sie sich aus und erblicken in der Ferne den Silberstreifen eines Sees. Wie hingeklebt kommt er ihnen vor.
Und rundet die Landschaft am Firmament ab. Florian bemerkt:
„Wir besuchen heute die Höhlen mit den Bergkristallen. Ich möchte einige Exemplare abkratzen und ausgraben.
Die Stelle ist verborgen. Hab’ sie in einer Broschüre älteren Datums ausfindig gemacht. Die Kristalle sollen gemäß der Beschreibung selten und durchsichtig sein. Lassen wir uns überraschen.
Der Ort befindet sich ungefähr eine Stunde von hier – an einer abschüssigen Stelle. Wir müssen aufpassen, damit wir nicht den Berg runterkollern.“
Die Vier rekeln sich noch etwas in der aufkommenden Sonne, trinken einen Schluck gekühlten Tee aus der Thermosflasche und gehen dann ihres Wegs. Florian hat die Stelle mit den Bergkristallen auf der Karte markiert. Sie verlassen den markierten Bergweg und kommen in ein schattiges Seitental. Es ähnelt einer Schlucht. Ein Flüsschen rauscht in der Tiefe. Sie müssen sich an Bäumen in die Tiefe hangeln. Aber die Vier sind sportlich und wendig. Und kennen keine Furcht. Sie tragen weiche Bergwanderschuhe. Tasten sich an der leicht abfallenden Geröllhalde entlang. Die Bäume bieten guten Schutz. Sind biegsam. Und ertragen die klammernden Griffe der vier Wanderer. Sie kommen in eine enge Talsohle.
Da wimmelt es von Brennnessel-Stauden. Florian ruft:
„Aufgepasst. Die können ganz schön beißen. Hände weg. Wenn ihr da hineintrampelt, bekommt ihr feine Hautrötungen, die entsetzlich jucken. Vorsicht. –
Ja – medizinische Salben kann man daraus herstellen. Diese Büschel sind kräftig und stark. Ich habe den Eindruck, dass wir den Ort bald gefunden haben. Schaut – in alle Richtungen. Unter jener felsigen, schroffen Felswand könnten die Kristalle verborgen sein. Mal sehen.“
Da warten sie einen Augenblick. Florian zieht den Kompass aus seinem Rucksack. Er sucht die Umgebung mit flackernden Augen ab. Wie immer, wenn er etwas Imposantes in der Natur entdeckt. Fiona lächelt ihn liebevoll an. Und Franz und Johanna kichern.
Er schreit begeistert – ist ganz in seinem Element:
„Da – wir sollten die Kristalle in unmittelbarer Nähe finden. Ich breite den gefächerten Strauch just am Felsgrund auseinander. – Da sollte sich eine Stelle befinden, an der es sich lohnt, mit Hacke und Schaufel zu graben.“
Fiona keucht:
„Puh, da habe ich einen Hasen aufgeschreckt. Seht, wie der eilig davonhoppelt.“
Florian zieht die Handschaufel aus seinem Rucksack und gräbt mit flinken Händen ein ansehnliches Loch. Er guckt in das Loch hinein. Scherzt:
„Da ist ein verzweigtes Höhlensystem. Eine Entdeckung.
Hurra, wir haben den Fundort leicht aufgespürt. Das Loch sollte sich weiten. Hoffentlich kann ich hindurchschlüpfen. Ihr bleibt vorerst draußen. Da hängt überall Gestrüpp! Und Wurzeln versperren den Weg. Aufgepasst.“
Die andern geben sich einen Knuff. Schallendes Gelächter: „Mein Gott – ist dieser Florian begeisterungsfähig.“
Florian und Franz buddeln ein respektables Loch, und Florian zwängt sich hindurch. Er ist drahtig und schlank gewachsen. Kein Pfund zu viel – keins zu wenig. Er greift mit den Händen an den lehmigen Untergrund. Von der Decke hängen weitverzweigte Wurzeln. Florian tastet die Decke ab. Das sind Kalkschichten, raunt es in seinem Kopf. Ungefährlich zum Einsteigen. Behutsam kriecht er vorwärts, die Höhle weitet sich. Er hört Wassertropfen. Nach einigen Metern ruft er die andern.
Fiona und Johanna wollen ihre Wanderhosen nicht beschmutzen und machen es sich draußen gemütlich. Franz windet sich wie eine Schlange wendig, aalglatt und flink durch den Höhleneingang. Er und Florian sind verblüfft ob ihres Funds.
Florian grinst wie ein Pfiffikus – hat eine Stirnlampe befestigt und doziert aufgeregt aus einer Broschüre, die er aus seinem Hosensack zieht. Er hat sich schon länger mit Kristallen befasst. Und jetzt sind sie nah. Vor Begeisterung läuft seine Nase.
Er unterrichtet seinen Kumpel Franz:
„Da sind Kristalle – die naturhaften Gegebenheiten stimmen exakt. Das Wort kommt ja aus dem Griechischen: „krystallos“ bedeutet Eis. Ursprünglich war Kristall nur die Bezeichnung für Eis, und unter Bergkristall verstand man „versteinertes Gletschereis“.
Im Volksmund meint man mit Kristall schön geformte Mineralien mit ebenmäßigen äußeren Grenzflächen. Kristalle sind eine Wissenschaft für sich. Sie sind so natürlich. Und herrlich anzufassen. Deshalb gefallen sie mir auch. Und überdies geht ein Zauber von diesen Gesteinen aus. –
Du weißt, Franz, dass dem Bergkristall eine sehr starke Magie innewohnt. Er kann die Seele buchstäblich mit göttlichem Licht füllen. Die Frische und Reinheit der Berge birgt dieser Kristall.
Schau, dort in der Ecke, da schimmert es. Ich habe ein scharfes Messer bei mir und eine Zange. Wir versuchen, etwas von den kristallenen Gebilden abzuschaben.“

Nach einer halben Stunde mühseliger Arbeit perlen die Schweißtropfen von der Stirn der beiden. Und durch die gekrümmte Position der langen Beine bekommen sie Krämpfe. Aber dessen ungeachtet schaufeln und graben weiter. Geduldig kämpfen sie sich vorwärts. Der Schmutz klebt an ihren Wangen. Ameisen krabbeln über den Hals. Sie räuspern sich und Florian flüstert:
„Das Kristallsuchen ist wie eine Obsession, die von einem Besitz ergreift, nicht, Franz?“
Franz nickt nur. Und erwidert leise:
„Wenn nur das Geröll nicht auf uns niederkracht und uns begräbt. Ich möchte nicht in Panik geraten. Komm, Florian – gehen wir zurück. Ich bin sicher kein Angsthase, ich habe nur leise Bedenken angekündigt.“
Florian pufft seinen Freund in die Seite: „Ach was, nur Mut – bleiben wir noch einige Minuten und kriechen dann ins Freie.“
Franz ist Zeichenlehrer. Er trägt immer einen farbigen Block im Rucksack und macht sich im Nachhinein schnell einige Skizzen. Die zwei Burschen können einige Kristalle von beachtlicher Größe aus dem Felsgestein befreien. Sie halten sie nahe an die Taschenlampe. Sind begeistert über die Fundstücke.

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