Würdest du den Film nochmals schauen?
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 100
ISBN: 978-3-99130-940-6
Erscheinungsdatum: 09.12.2025
11 Geschichten rekonstruieren den Alltag mit einer ungewöhnlichen Diagnose. Der Verlust der Stimme stellt die Protagonisten vor neue Herausforderungen, die das alltägliche Leben aller Beteiligten beeinflussen. Dabei geben sie die Hoffnung jedoch niemals auf.
I
Würdest du den Film nochmals schauen?
Meine Antwort auf diese Frage ist „Ja“, aber nur, weil ich weiß, wie die Geschichte endet.
Ich habe dieses Buch verfasst, weil ich anderen gerne einen Teil unserer Geschichte weitergeben möchte. Ich bin mir sicher, dass wenige hier so etwas erleben durften. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, Außenstehenden von unseren Erfahrungen zu erzählen. Dieses Buch handelt von meiner Mutter. Meine Mutter, Marie-Berthe Hartmann, hat im Jahr 2019 für ganze 11 Monate ihre Stimme verloren. Dieses Buch besteht aus 11 Kurzgeschichten, welche verschiedene Bereiche und Erlebnisse der Geschichte anschneiden.
Die Geschichte beinhaltet demnach viele persönliche Gefühle und Empfindungen von meiner Mutter und mir. Viele Elemente sowie sämtliche Namen, welche in diesem Buch verwendet werden, sind jedoch frei erfunden. Bei den Kurzgeschichten handelt es sich um fiktive Texte, welche auf einer wahren Begebenheit beruhen.
Beim Verfassen dieses Buches bin ich auf meine Erfahrungen und Gefühle eingegangen, welche ich in dieser Zeit empfunden habe. Ebenfalls habe ich Erfahrungen eingebaut, welche meine Mutter zu dieser Zeit machen musste. Dazu ist die Geschichte mit Fachwissen ausgeschmückt.
Auch wer sich jetzt denkt, dass er keine Ahnung von Stimme, deren Entstehung oder deren Verlust hat, ist herzlich willkommen, ein Teil unserer Geschichten zu werden. In diesem Buch erkläre ich, wie die Stimme aufgebaut ist und welche Faktoren dabei wichtig sind. Ebenfalls gehe ich auf mögliche Probleme ein und zeige auf, wie eine Therapie aussehen kann.
Jetzt aber zu Fragen, welche im Kopf schweben:
Wie lebt es sich ohne Stimme?
Was bedeutet es, seine eigene Stimme zu verlieren?
Was kann man dagegen machen?
Auf diese und viele weitere Fragen gebe ich in diesem Buch eine Antwort.
Ashley Hartmann, 2021
Geschichte 1
Samstag, 19. Januar
Die junge Frau auf dem Sofa ist Amalia. Sie ist 17 Jahre alt und das Küken der Familie. Ihre Familie ist für sie das Wichtigste überhaupt. Deshalb bedeuten ihr Samstage wie dieser sehr viel.
Jeden Tag fährt sie mit dem Bus zur Schule. Sie besucht die fünfte Gymnasialklasse. Einen Traumberuf hat Amalia nicht. Es gibt zu viele Sachen, die ihr Spaß machen. Vielleicht Zeichnerin, Chirurgin, Tierärztin oder doch lieber Kindergärtnerin, nein, vielleicht auch einfach Kauffrau oder doch Musik. Es gibt einfach zu viele Sachen. Die Musik aber ist ihre große Leidenschaft. Wenn sie mal nicht mit Tanzen beschäftigt ist oder sich neue Tänze für die Kinder ausdenkt, drückt sie ihre Kreativität in Form von Melodien, Texten oder Akkorden aus. Ihr Ein und Alles ist ihre kleine Ukulele „Ohana“, welche sie zu ihrem 15. Geburtstag bekommen hat und welche sie fast jeden Tag spielt. Ohana heißt Familie auf Hawaiianisch. Meist spielt Amalia einfach drauflos, ohne zu wissen, was sie da macht. Manchmal hört man zu den sanften Tönen ein leichtes Summen, manchmal Worte, meist jedoch nur die Töne des Instruments.
Rechts neben ihr sitzt die Chefin des Hauses. Verena ist eine alleinerziehende Mutter. Als alleinerziehende Mutter muss sie oft arbeiten und ist deshalb selten zu Hause, weshalb diese Wochenenden für die Familie umso wertvoller sind. Verena arbeitet als Zahnarztassistentin. Wenn sie mal gerade nicht bei der Arbeit ist oder den Haushalt schmeißt, widmet sie jede freie Minute den kleinen, feinen Gebäcken, welche sie aus dem Ofen zaubert.
Der Junge in der Küche ist Florin, Verenas Sohn und somit Amalias Bruder. Er ist 20 Jahre alt und steht schon voll im Berufsalltag. Vor einem Jahr hat er seine Lehre als Informatiker abgeschlossen und mit Bravour bestanden. Er ist der einzige Mann im Haus, was ihm aber total egal ist. In seiner Freizeit skatet er regelmäßig und beherrscht dies auch ziemlich gut. Jetzt steht er aber gerade in der Küche und kocht für die ganze Familie Abendessen. Seit er vor ein paar Monaten zu seiner Freundin Kaya gezogen ist, kommt Florin nicht mehr so oft zu seiner Familie nach Hause.
„Kommst du?“, hört man Amalia aus dem Wohnzimmer rufen. „Wir warten schon seit 20 Minuten auf dich, Florin.“ Es ist Samstagabend. Heute ist es endlich so weit und alle Mitglieder der dreiköpfigen Familie sind zu Hause. Ein seltener Anblick. Amalia kann es kaum erwarten, endlich den neuen Film zu schauen und nicht nur das Standbild zu betrachten. „Ich komme gleich.“ „Das haben wir doch schon mal gehört, oder Mama?“ Verena wirft Amalia einen leicht genervten Blick zu. Florin ist gerade dabei, Pasta mit Pilzen für alle zu kochen. Er ist nicht der größte Koch, aber die „Pasta avec Champignons de Florin“ kann niemand toppen. Wenn er will, kann er auch ziemlich leckere Kuchen backen, aber nur, wenn er will. Wie die Küche danach aussieht, darüber reden wir lieber nicht. Nicht dass Verena die Freude auf den Film schon jetzt vergeht. „FLORIN!“ „AMALIA?“ Amalia ist sichtlich genervt. Geplant war, dass es um 19 Uhr Essen gibt, inzwischen ist es 19:40 Uhr. „Können wir nicht einfach ohne ihn beginnen, den Film zu schauen?“ „Amalia, hör auf. Dein Bruder kocht immerhin für uns Abendessen. Geh doch noch hoch und spiel etwas Ukulele oder was du sonst so in deinem Zimmer treibst.“
Amalia macht sich auf den Weg hoch in ihr Zimmer. Im Zimmer angekommen, holt sie ihre Ukulele von der Wand runter und als sie spielen will, bemerkt sie: „Ahh, so verstimmt war die gestern aber noch nicht.“ Sie nimmt ihr Handy aus der Tasche und stimmt ihre Ukulele. „Besser.“ Man hört einen sanften Klang aus dem Zimmer erklingen. Verena erkennt die Melodie, welche Amalia immer wieder spielt. Manchmal hört man eine sanfte Stimme, welche die Töne des Instruments begleitet. „Everybody in this city, seems so happy. Happy like a sunflower underneath a cold rain shower, everybody needs some love.“ Dann verklingt die Stimme wieder und nur noch ein leichtes Zupfen der Saiten ist zu vernehmen. Die Ukulele hilft Amalia sehr, runterzufahren. Die sanften Töne haben eine beruhigende und angenehme Wirkung auf sie. Nach 20 Minuten legt sie ihre Ukulele auf ihr Bett neben ihr kleines Schildkröten-Plüschtier. In ihrem Bett liegend schaut sich Amalia in ihrem Zimmer um. Ihr Blick wandert von Wand zu Wand, von Bild zu Bild, von Dekoration zu Dekoration. Das Zimmer von Amalia wirkt auf den ersten Blick ziemlich chaotisch, ist es auch, aber wie sie immer sagt: „Es ist ein organisiertes Chaos.“ An jeder Wand hängt etwas. An einer mehr als an der anderen, aber leer ist keine. Viele Sachen haben für sie eine große Bedeutung. An der Wand über ihrem Bett hängen alle wichtigen Briefe, welche sie in ihrem jungen Leben bekommen hat. Um genauer zu sein, drei Briefe und um die Wand schöner und mehr nach Amalia aussehen zu lassen, hängen dort zusätzlich noch ein paar kleine Bilder. Amalias Blick bleibt bei den Briefen stehen, gerne würde sie jetzt einen lesen. „Nein, ich kann nicht, ich will jetzt keine Tränen im Gesicht haben.“ Ihr Blick wandert weiter durch den Raum. Beim Fenster bleibt er stehen. „Es schneit! Oh mein Gott, es schneit.“ Ihre Augen springen von Flocke zu Flocke, bis diese schließlich auf dem Boden landen und einen dünnen, weißen Teppich hinterlassen. Eine Hand ist außerhalb des Fensters und versucht, eine Schneeflocke zu fangen. „Hab dich.“ Noch bevor Amalia sie anschauen kann, stellt sie fest, dass ihre Hände viel zu warm sind und die Flocke noch in der gleichen Sekunde schmilzt, als sie auf der Hand landet. „Schade“, seufzt sie.
Amalia setzt sich zurück auf ihr Bett. Sie greift ihr Handy und schaltet Musik ein. Avril Lavigne, ihre Lieblingssängerin, darf in ihrer Playlist nicht fehlen. Sie wirft sich langsam zurück und schließt die Augen. Leise lauscht sie dem Schnee. Ihr Zimmer füllt sich mit einer angenehmen Winterbrise. Sie singt leise mit Avril mit. Ihr Singen wird immer leiser, bis nur noch ein Summen zu vernehmen ist. Amalia wird aus ihrer Fantasie gezogen, als ihr Handy dieses Vogelgeräusch von sich gibt. John hat etwas in den Klassenchat geschrieben: „Hat jemand die Lösungen zu den Matheaufgaben?“. Amalia ignoriert die Nachricht und legt sich wieder hin. Als sie gerade dabei ist, ihre Augen zu schließen, hört sie eine Stimme von unten rufen: „AMALIA! ESSEN!“ Es ist 20:30 Uhr.
Amalia macht sich auf den Weg nach unten. Eines muss man Florin lassen, das ganze Haus riecht himmlisch nach Pilzrahmsoße. „Ähm du, Florin, sag mal, wie spät haben wir?“ „Ähm …“ „Richtig, ich verhungere schon!“ Verena schnappt sich die Fernbedienung und drückt den Play-Knopf. Das Standbild bewegt sich. „Endlich.“ Das Wort „Intouchables“ lässt sich vom Bildschirm ablesen. Florin und Amalia schauen sich fragend an, entscheiden aber, lieber nichts zu sagen und einfach den Film zu schauen. Immer wieder hört man Amalia und Florin kichern. Manchmal aber sind alle ganz ruhig und schauen den Film. Kein Wort ist zu vernehmen, die Emotionen des Films spiegeln sich auf die Zuschauer. Ende! „Wow, ich mag den Film sehr!“ „Ich auch, danke Mama!“ Verena lächelt. Die Wanduhr zeigt schon fast 23:00 Uhr. Alle Teller sind blitzeblank, bis auf Amalias. In ihrem Teller sind noch alle Pilze. Amalia ist nicht gerade ein Fan von Pilzen an sich, die Pilzsoße findet sie jedoch zauberhaft. Jedes Mal, nachdem Florin in der Küche war, könnte man meinen, eine Bombe, vielleicht sogar drei Bomben, hätten eingeschlagen. „Ich bin noch gar nicht müde.“ Amalia wirft Florin einen Blick zu und beide wissen genau, was der jeweils andere gerade denkt. „UNO-Kampf?“ „UNO-Kampf!“ Florin geht zur Kommode im Nebenzimmer. Er macht die dritte Schublade auf und holt das UNO-Spiel hervor. Amalia hat in dieser Zeit für beide ein Zitronenwasser mit Minze gemacht und wartet aufgeregt am Tisch auf ihren Bruder. Verena lässt die beiden spielen und kümmert sich in dieser Zeit um das Chaos in der Küche. Nudeln auf dem Boden, angekochtes Wasser auf dem Herd, Soße auf dem Löffel neben dem Herd, das Messer und Schneidebrett auf dem Arbeitstisch, die Rahmverpackung im Waschbecken und der Dunstabzug ist auch nicht richtig ausgeschaltet. Das Essen aber war ziemlich lecker, da muss man fast ein Auge zudrücken. Verena macht sich mit einem sanften Lächeln an die Arbeit, um die Küche wieder in ihren Originalzustand zurückzuversetzen. „UNO!“ hört sie Amalia rufen. „Ich wünsche mir Blau.“, hört man Florin. Amalia muss eine Karte ziehen. Aus der Küche hört man das Wasser aus dem Wasserhahn tropfen. „Haa, gewonnen!“ „Ok noch mal!“ Inzwischen steht es schon 1:2. Amalia ist in Führung. Die Karten werden von Florin gemischt, jeder bekommt sieben neue Karten und die restlichen werden in die Mitte des Tisches gestellt, nur eine wird aufgedeckt. Eine rote Drei, beide müssen ziehen. In der Küche ist Verena dabei, einen kleinen Abendsnack zu machen, Waldfrüchte mit Rahm. Sie stellt drei Schalen auf ein Tablett und füllt nach und nach jede Schale. Zuerst mit Erdbeeren und Himbeeren, obendrauf ein paar Blaubeeren und zum Schluss ein wenig Schlagsahne. Dazu gibt es für alle noch eine kleine Reihe Schokolade. „Danke Mama!“, hört man die beiden im Chor sagen. Alle setzen sich zusammen auf das Sofa und essen ihr Dessert.
Die Wanduhr zeigt 23:40 Uhr. Amalia ist ziemlich müde und macht sich auf den Weg ins Badezimmer. Im Badezimmer macht sie ihren Zopf auf und kämmt sich erst mal ihre Haare ordentlich durch. Schöne lange Haare fallen über ihre Schultern. Mit einem Griff nach rechts greift sie sich ihre grüne Zahnbürste. Die Zahnpasta schnappt sie sich schnell mit einem Linksgriff. Während sie in den Spiegel schaut, putzt sie sich gründlich ihre Zähne. Ihre Augen wandern hin und her, bis sie an einem Ort stehen bleiben. Auf ihrer Stirn scheint ein kleiner Pickel zu sein. Weil sie aber zu müde ist, entschließt sie sich, ihn einfach da zu lassen. Zwei Minuten später greift sie zum Wasserhahn, macht ihn an, spült ihren Mund aus und wäscht sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Langsam geht sie aus dem Badezimmer Richtung Wohnzimmer und weiter in den oberen Stock. „Gute Nacht!“ „Gute Nacht, hab dich lieb!“. Amalia ist fast zu müde, um sich noch in ihren Pyjama zu werfen, doch was sein muss, muss sein. Schnell zieht sie sich um, schaltet das Licht aus und kuschelt sich in ihr Bett. Es vergehen keine fünf Minuten und sie schläft schon seelenruhig.
Florin ist im Badezimmer und putzt sich seine Zähne mit seiner blauen Zahnbürste. Beim Blick in den Spiegel fällt ihm auf, dass er vielleicht wieder einmal daran denken sollte, seinen Bart etwas zu stutzen. Langsam und leise geht er in sein Zimmer hoch. „Gute Nacht, Mama!“ Und auch von ihm ist kein Ton mehr zu hören.
Man kann hören, wie sich ein Schlüssel im Schloss dreht und anschließend einrastet. Verena schleicht leise zum Badezimmer und zieht die Türe zu. Der Vorhang der Dusche rauscht, als sie diesen aufzieht und ein Bein nach dem anderen reinstellt. Das Rauschen des Vorhangs ist erneut zu hören und wird gleich vom platschenden Wasser der Duschbrause übertönt.
Verenas Blick fällt in den Spiegel. Sie ist dabei, ihr Gesicht mit kaltem Wasser zu reinigen. Danach greift sie zu ihrer Zahnbürste und putzt sich ihre Zähne. Ein letzter Blick in den Spiegel. Das Licht erlischt und Verena macht sich ein Glas Wasser bereit. Leise schleicht sie in ihr Zimmer. Sie setzt sich aufs Bett und greift sich den Pyjama unter dem Kopfkissen. Bequem kuschelt sie sich in ihr Bett und wirft noch einen letzten Blick auf ihr Handy. „Eine Nachricht von Amoux“. Er schreibt: „Gute Nacht, mon Amour.“ In Verenas Gesicht macht sich ein Lächeln breit. Blind sucht sie nach dem Ladekabel, steckt es in ihr Handy und legt es auf den Nachttisch.
Sie nimmt einen letzten Schluck Wasser. Dann dreht sie sich zur Seite, die Bettdecke raschelt ein wenig. Sie kuschelt sich in ihre Kissen. Ihr Blick fällt auf die weiße Wand gegenüber. An der Wand hängen einige Bilder der Familie, über ihr Gesicht zieht sich erneut ein Lächeln. Ihre Augen schließen sich langsam.
Im Haus ist Ruhe eingekehrt. Alles, was man noch hören kann, ist das Geräusch des Geschirrspülers in der Küche und des Windes, welcher draußen über den Garten und durch die Blätter der Bäume zieht.
Geschichte 2
Montag, 25. Februar
Der Wecker in Verenas Zimmer läutet, es ist Zeit aufzustehen. Aus der kuscheligen Decke kommt eine Hand, welche blind versucht, den nervigen Ton auf stumm zu schalten. Leider ohne Erfolg. Zögernd löst sich Verena aus ihrem warmen Nest und greift zum Wecker, welcher jetzt keinen Ton mehr von sich gibt. Verena hat sich dazu entschlossen, den Wecker auf Schlummern zu stellen und noch weitere fünf Minuten zurück in die Traumwelt zu tauchen. Das Geräusch des Weckers ist erneut zu vernehmen. Jetzt bleibt ihr keine Wahl mehr und aufzustehen ist die einzige Option. Ein Bein um das andere bewegt sich langsam Richtung Boden. Während Verena sich den letzten Schlaf aus den Augen reibt, setzt sie sich aufrecht an die Bettkante. Sie greift nach ihrem Handy und macht sich auf den Weg zum Badezimmer.
Im Badezimmer wirft sie zuerst einen Blick in den Spiegel und betrachtet ihr verschlafenes Selbst. Schließlich hört man das Wasser aus dem Hahn fließen. Über Verenas Gesicht laufen Wassertropfen um die Wette. Verena beginnt, sich die Kleider vom Leib zu nehmen. Ein Fuß nach dem anderen bewegt sich in die Dusche. Ein warmer und feuchter Wasserdampf macht sich im Raum breit. Langsam macht sich neben der warmen Luft ein Kokosnussgeruch breit. Das Geräusch des Wassers aus der Brause ist nun nicht mehr zu vernehmen. So langsam wie die beiden Füße in die Dusche gingen, so kommen sie auch wieder raus. Die nassen Füße wickeln sich in das Tuch auf dem Boden ein. Für die kurzen Haare reicht es, ein wenig mit dem Tuch über sie zu wischen und sie sind schon fast trocken. Noch im Bademantel huscht sie schnell in ihr Zimmer und öffnet die linke Türe ihres Schrankes. Heraus nimmt sie ein weißes T-Shirt mit langen Ärmeln, schöne Hosen und eine passende Jacke. Draußen scheint es heute frisch zu sein.
Es ist schon 7:20 Uhr. Verena klopft sanft an die Türe von Florin und drückt vorsichtig die Türklinke in Richtung Boden. Heute hat er ausnahmsweise bei seiner Familie geschlafen. Er liegt immer noch total eingekuschelt in seinem Bett. Verena setzt sich neben ihn und wiegt ihn leicht hin und her. „Florin, Zeit aufzustehen, aufwachen.“ Florin nuschelt ein nicht verständliches Gibberisch vor sich hin. Verena geht in das Zimmer gegenüber und findet Amalia verkehrt herum im Bett liegen. Sie scheint am Träumen zu sein. Verena schmunzelt und setzt sich neben sie aufs Bett. Sie versucht, sie mit leichten Rüttelbewegungen aus dem Traum zu lösen. „Amalia, aufwachen. Es ist Zeit aufzustehen.“ Amalias Körper zuckt zusammen, schließlich öffnen sich langsam ihre Augen. Ziemlich verschlafen hört man sie: „Morgen“ sagen. Verena geht in die Küche. Aus dem Badezimmer kann man das Wasser aus dem Hahn fließen hören, Florin scheint schon aufgestanden zu sein.
Verena ist dabei, beiden ein Butterbrot zu schmieren. Zum Butterbrot gibt es für beide einen frisch gepressten Orangensaft.
„Amalia, bist du aufgestanden?“ Ein nicht zu 100 % definierbares „Ja“ ist zu vernehmen. Amalia kommt Schritt für Schritt ohne Stress oder dergleichen die Treppe runter und begibt sich in die Küche. Dort greift sie sich ihren Saft und ihr Butterbrot. Auch Florin ist inzwischen aus dem Badezimmer gekommen, hat ebenfalls sein Frühstück geschnappt und sich zu Amalia an den Esstisch gesetzt. Die beiden essen zusammen. Während des Essens fragt Florin Amalia italienische Vokabeln ab, weil sie heute einen Test hat. „Die Stimme?“ „La voce.“, „Krank?“ „Malato.“ „War das Frühstück lecker?“ „Ja! Danke Mama.“ Florin geht wieder ins Badezimmer und putzt sich die Zähne. In dieser Zeit hat Verena für beide das Mittagessen bereitgestellt. Florin eilt aus dem Bad, greift sich sein Essen, schnappt sich seine Jacke, Schuhe und Hausschlüssel. „Tschüss!“ Er sprintet aus dem Haus. Sein Zug fährt in elf Minuten. Amalia ist in ihrem Zimmer. Aus ihrem Kleiderschrank sucht sie passende Kleider für den Tag. Sie hat sich für eine normale Jeans und einen schwarzen Hoodie entschieden. Sie packt ihre Schultasche, geht ins Badezimmer, kämmt sich die Haare, putzt sich die Zähne, packt das Mittagessen ein, gibt ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange, schnappt sich ihre Schuhe und macht sich auf den Weg zum Bus. Die Bushaltestelle ist gleich um die Ecke.
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Würdest du den Film nochmals schauen?
Meine Antwort auf diese Frage ist „Ja“, aber nur, weil ich weiß, wie die Geschichte endet.
Ich habe dieses Buch verfasst, weil ich anderen gerne einen Teil unserer Geschichte weitergeben möchte. Ich bin mir sicher, dass wenige hier so etwas erleben durften. Aus diesem Grund habe ich mich dazu entschlossen, Außenstehenden von unseren Erfahrungen zu erzählen. Dieses Buch handelt von meiner Mutter. Meine Mutter, Marie-Berthe Hartmann, hat im Jahr 2019 für ganze 11 Monate ihre Stimme verloren. Dieses Buch besteht aus 11 Kurzgeschichten, welche verschiedene Bereiche und Erlebnisse der Geschichte anschneiden.
Die Geschichte beinhaltet demnach viele persönliche Gefühle und Empfindungen von meiner Mutter und mir. Viele Elemente sowie sämtliche Namen, welche in diesem Buch verwendet werden, sind jedoch frei erfunden. Bei den Kurzgeschichten handelt es sich um fiktive Texte, welche auf einer wahren Begebenheit beruhen.
Beim Verfassen dieses Buches bin ich auf meine Erfahrungen und Gefühle eingegangen, welche ich in dieser Zeit empfunden habe. Ebenfalls habe ich Erfahrungen eingebaut, welche meine Mutter zu dieser Zeit machen musste. Dazu ist die Geschichte mit Fachwissen ausgeschmückt.
Auch wer sich jetzt denkt, dass er keine Ahnung von Stimme, deren Entstehung oder deren Verlust hat, ist herzlich willkommen, ein Teil unserer Geschichten zu werden. In diesem Buch erkläre ich, wie die Stimme aufgebaut ist und welche Faktoren dabei wichtig sind. Ebenfalls gehe ich auf mögliche Probleme ein und zeige auf, wie eine Therapie aussehen kann.
Jetzt aber zu Fragen, welche im Kopf schweben:
Wie lebt es sich ohne Stimme?
Was bedeutet es, seine eigene Stimme zu verlieren?
Was kann man dagegen machen?
Auf diese und viele weitere Fragen gebe ich in diesem Buch eine Antwort.
Ashley Hartmann, 2021
Geschichte 1
Samstag, 19. Januar
Die junge Frau auf dem Sofa ist Amalia. Sie ist 17 Jahre alt und das Küken der Familie. Ihre Familie ist für sie das Wichtigste überhaupt. Deshalb bedeuten ihr Samstage wie dieser sehr viel.
Jeden Tag fährt sie mit dem Bus zur Schule. Sie besucht die fünfte Gymnasialklasse. Einen Traumberuf hat Amalia nicht. Es gibt zu viele Sachen, die ihr Spaß machen. Vielleicht Zeichnerin, Chirurgin, Tierärztin oder doch lieber Kindergärtnerin, nein, vielleicht auch einfach Kauffrau oder doch Musik. Es gibt einfach zu viele Sachen. Die Musik aber ist ihre große Leidenschaft. Wenn sie mal nicht mit Tanzen beschäftigt ist oder sich neue Tänze für die Kinder ausdenkt, drückt sie ihre Kreativität in Form von Melodien, Texten oder Akkorden aus. Ihr Ein und Alles ist ihre kleine Ukulele „Ohana“, welche sie zu ihrem 15. Geburtstag bekommen hat und welche sie fast jeden Tag spielt. Ohana heißt Familie auf Hawaiianisch. Meist spielt Amalia einfach drauflos, ohne zu wissen, was sie da macht. Manchmal hört man zu den sanften Tönen ein leichtes Summen, manchmal Worte, meist jedoch nur die Töne des Instruments.
Rechts neben ihr sitzt die Chefin des Hauses. Verena ist eine alleinerziehende Mutter. Als alleinerziehende Mutter muss sie oft arbeiten und ist deshalb selten zu Hause, weshalb diese Wochenenden für die Familie umso wertvoller sind. Verena arbeitet als Zahnarztassistentin. Wenn sie mal gerade nicht bei der Arbeit ist oder den Haushalt schmeißt, widmet sie jede freie Minute den kleinen, feinen Gebäcken, welche sie aus dem Ofen zaubert.
Der Junge in der Küche ist Florin, Verenas Sohn und somit Amalias Bruder. Er ist 20 Jahre alt und steht schon voll im Berufsalltag. Vor einem Jahr hat er seine Lehre als Informatiker abgeschlossen und mit Bravour bestanden. Er ist der einzige Mann im Haus, was ihm aber total egal ist. In seiner Freizeit skatet er regelmäßig und beherrscht dies auch ziemlich gut. Jetzt steht er aber gerade in der Küche und kocht für die ganze Familie Abendessen. Seit er vor ein paar Monaten zu seiner Freundin Kaya gezogen ist, kommt Florin nicht mehr so oft zu seiner Familie nach Hause.
„Kommst du?“, hört man Amalia aus dem Wohnzimmer rufen. „Wir warten schon seit 20 Minuten auf dich, Florin.“ Es ist Samstagabend. Heute ist es endlich so weit und alle Mitglieder der dreiköpfigen Familie sind zu Hause. Ein seltener Anblick. Amalia kann es kaum erwarten, endlich den neuen Film zu schauen und nicht nur das Standbild zu betrachten. „Ich komme gleich.“ „Das haben wir doch schon mal gehört, oder Mama?“ Verena wirft Amalia einen leicht genervten Blick zu. Florin ist gerade dabei, Pasta mit Pilzen für alle zu kochen. Er ist nicht der größte Koch, aber die „Pasta avec Champignons de Florin“ kann niemand toppen. Wenn er will, kann er auch ziemlich leckere Kuchen backen, aber nur, wenn er will. Wie die Küche danach aussieht, darüber reden wir lieber nicht. Nicht dass Verena die Freude auf den Film schon jetzt vergeht. „FLORIN!“ „AMALIA?“ Amalia ist sichtlich genervt. Geplant war, dass es um 19 Uhr Essen gibt, inzwischen ist es 19:40 Uhr. „Können wir nicht einfach ohne ihn beginnen, den Film zu schauen?“ „Amalia, hör auf. Dein Bruder kocht immerhin für uns Abendessen. Geh doch noch hoch und spiel etwas Ukulele oder was du sonst so in deinem Zimmer treibst.“
Amalia macht sich auf den Weg hoch in ihr Zimmer. Im Zimmer angekommen, holt sie ihre Ukulele von der Wand runter und als sie spielen will, bemerkt sie: „Ahh, so verstimmt war die gestern aber noch nicht.“ Sie nimmt ihr Handy aus der Tasche und stimmt ihre Ukulele. „Besser.“ Man hört einen sanften Klang aus dem Zimmer erklingen. Verena erkennt die Melodie, welche Amalia immer wieder spielt. Manchmal hört man eine sanfte Stimme, welche die Töne des Instruments begleitet. „Everybody in this city, seems so happy. Happy like a sunflower underneath a cold rain shower, everybody needs some love.“ Dann verklingt die Stimme wieder und nur noch ein leichtes Zupfen der Saiten ist zu vernehmen. Die Ukulele hilft Amalia sehr, runterzufahren. Die sanften Töne haben eine beruhigende und angenehme Wirkung auf sie. Nach 20 Minuten legt sie ihre Ukulele auf ihr Bett neben ihr kleines Schildkröten-Plüschtier. In ihrem Bett liegend schaut sich Amalia in ihrem Zimmer um. Ihr Blick wandert von Wand zu Wand, von Bild zu Bild, von Dekoration zu Dekoration. Das Zimmer von Amalia wirkt auf den ersten Blick ziemlich chaotisch, ist es auch, aber wie sie immer sagt: „Es ist ein organisiertes Chaos.“ An jeder Wand hängt etwas. An einer mehr als an der anderen, aber leer ist keine. Viele Sachen haben für sie eine große Bedeutung. An der Wand über ihrem Bett hängen alle wichtigen Briefe, welche sie in ihrem jungen Leben bekommen hat. Um genauer zu sein, drei Briefe und um die Wand schöner und mehr nach Amalia aussehen zu lassen, hängen dort zusätzlich noch ein paar kleine Bilder. Amalias Blick bleibt bei den Briefen stehen, gerne würde sie jetzt einen lesen. „Nein, ich kann nicht, ich will jetzt keine Tränen im Gesicht haben.“ Ihr Blick wandert weiter durch den Raum. Beim Fenster bleibt er stehen. „Es schneit! Oh mein Gott, es schneit.“ Ihre Augen springen von Flocke zu Flocke, bis diese schließlich auf dem Boden landen und einen dünnen, weißen Teppich hinterlassen. Eine Hand ist außerhalb des Fensters und versucht, eine Schneeflocke zu fangen. „Hab dich.“ Noch bevor Amalia sie anschauen kann, stellt sie fest, dass ihre Hände viel zu warm sind und die Flocke noch in der gleichen Sekunde schmilzt, als sie auf der Hand landet. „Schade“, seufzt sie.
Amalia setzt sich zurück auf ihr Bett. Sie greift ihr Handy und schaltet Musik ein. Avril Lavigne, ihre Lieblingssängerin, darf in ihrer Playlist nicht fehlen. Sie wirft sich langsam zurück und schließt die Augen. Leise lauscht sie dem Schnee. Ihr Zimmer füllt sich mit einer angenehmen Winterbrise. Sie singt leise mit Avril mit. Ihr Singen wird immer leiser, bis nur noch ein Summen zu vernehmen ist. Amalia wird aus ihrer Fantasie gezogen, als ihr Handy dieses Vogelgeräusch von sich gibt. John hat etwas in den Klassenchat geschrieben: „Hat jemand die Lösungen zu den Matheaufgaben?“. Amalia ignoriert die Nachricht und legt sich wieder hin. Als sie gerade dabei ist, ihre Augen zu schließen, hört sie eine Stimme von unten rufen: „AMALIA! ESSEN!“ Es ist 20:30 Uhr.
Amalia macht sich auf den Weg nach unten. Eines muss man Florin lassen, das ganze Haus riecht himmlisch nach Pilzrahmsoße. „Ähm du, Florin, sag mal, wie spät haben wir?“ „Ähm …“ „Richtig, ich verhungere schon!“ Verena schnappt sich die Fernbedienung und drückt den Play-Knopf. Das Standbild bewegt sich. „Endlich.“ Das Wort „Intouchables“ lässt sich vom Bildschirm ablesen. Florin und Amalia schauen sich fragend an, entscheiden aber, lieber nichts zu sagen und einfach den Film zu schauen. Immer wieder hört man Amalia und Florin kichern. Manchmal aber sind alle ganz ruhig und schauen den Film. Kein Wort ist zu vernehmen, die Emotionen des Films spiegeln sich auf die Zuschauer. Ende! „Wow, ich mag den Film sehr!“ „Ich auch, danke Mama!“ Verena lächelt. Die Wanduhr zeigt schon fast 23:00 Uhr. Alle Teller sind blitzeblank, bis auf Amalias. In ihrem Teller sind noch alle Pilze. Amalia ist nicht gerade ein Fan von Pilzen an sich, die Pilzsoße findet sie jedoch zauberhaft. Jedes Mal, nachdem Florin in der Küche war, könnte man meinen, eine Bombe, vielleicht sogar drei Bomben, hätten eingeschlagen. „Ich bin noch gar nicht müde.“ Amalia wirft Florin einen Blick zu und beide wissen genau, was der jeweils andere gerade denkt. „UNO-Kampf?“ „UNO-Kampf!“ Florin geht zur Kommode im Nebenzimmer. Er macht die dritte Schublade auf und holt das UNO-Spiel hervor. Amalia hat in dieser Zeit für beide ein Zitronenwasser mit Minze gemacht und wartet aufgeregt am Tisch auf ihren Bruder. Verena lässt die beiden spielen und kümmert sich in dieser Zeit um das Chaos in der Küche. Nudeln auf dem Boden, angekochtes Wasser auf dem Herd, Soße auf dem Löffel neben dem Herd, das Messer und Schneidebrett auf dem Arbeitstisch, die Rahmverpackung im Waschbecken und der Dunstabzug ist auch nicht richtig ausgeschaltet. Das Essen aber war ziemlich lecker, da muss man fast ein Auge zudrücken. Verena macht sich mit einem sanften Lächeln an die Arbeit, um die Küche wieder in ihren Originalzustand zurückzuversetzen. „UNO!“ hört sie Amalia rufen. „Ich wünsche mir Blau.“, hört man Florin. Amalia muss eine Karte ziehen. Aus der Küche hört man das Wasser aus dem Wasserhahn tropfen. „Haa, gewonnen!“ „Ok noch mal!“ Inzwischen steht es schon 1:2. Amalia ist in Führung. Die Karten werden von Florin gemischt, jeder bekommt sieben neue Karten und die restlichen werden in die Mitte des Tisches gestellt, nur eine wird aufgedeckt. Eine rote Drei, beide müssen ziehen. In der Küche ist Verena dabei, einen kleinen Abendsnack zu machen, Waldfrüchte mit Rahm. Sie stellt drei Schalen auf ein Tablett und füllt nach und nach jede Schale. Zuerst mit Erdbeeren und Himbeeren, obendrauf ein paar Blaubeeren und zum Schluss ein wenig Schlagsahne. Dazu gibt es für alle noch eine kleine Reihe Schokolade. „Danke Mama!“, hört man die beiden im Chor sagen. Alle setzen sich zusammen auf das Sofa und essen ihr Dessert.
Die Wanduhr zeigt 23:40 Uhr. Amalia ist ziemlich müde und macht sich auf den Weg ins Badezimmer. Im Badezimmer macht sie ihren Zopf auf und kämmt sich erst mal ihre Haare ordentlich durch. Schöne lange Haare fallen über ihre Schultern. Mit einem Griff nach rechts greift sie sich ihre grüne Zahnbürste. Die Zahnpasta schnappt sie sich schnell mit einem Linksgriff. Während sie in den Spiegel schaut, putzt sie sich gründlich ihre Zähne. Ihre Augen wandern hin und her, bis sie an einem Ort stehen bleiben. Auf ihrer Stirn scheint ein kleiner Pickel zu sein. Weil sie aber zu müde ist, entschließt sie sich, ihn einfach da zu lassen. Zwei Minuten später greift sie zum Wasserhahn, macht ihn an, spült ihren Mund aus und wäscht sich das Gesicht mit kaltem Wasser. Langsam geht sie aus dem Badezimmer Richtung Wohnzimmer und weiter in den oberen Stock. „Gute Nacht!“ „Gute Nacht, hab dich lieb!“. Amalia ist fast zu müde, um sich noch in ihren Pyjama zu werfen, doch was sein muss, muss sein. Schnell zieht sie sich um, schaltet das Licht aus und kuschelt sich in ihr Bett. Es vergehen keine fünf Minuten und sie schläft schon seelenruhig.
Florin ist im Badezimmer und putzt sich seine Zähne mit seiner blauen Zahnbürste. Beim Blick in den Spiegel fällt ihm auf, dass er vielleicht wieder einmal daran denken sollte, seinen Bart etwas zu stutzen. Langsam und leise geht er in sein Zimmer hoch. „Gute Nacht, Mama!“ Und auch von ihm ist kein Ton mehr zu hören.
Man kann hören, wie sich ein Schlüssel im Schloss dreht und anschließend einrastet. Verena schleicht leise zum Badezimmer und zieht die Türe zu. Der Vorhang der Dusche rauscht, als sie diesen aufzieht und ein Bein nach dem anderen reinstellt. Das Rauschen des Vorhangs ist erneut zu hören und wird gleich vom platschenden Wasser der Duschbrause übertönt.
Verenas Blick fällt in den Spiegel. Sie ist dabei, ihr Gesicht mit kaltem Wasser zu reinigen. Danach greift sie zu ihrer Zahnbürste und putzt sich ihre Zähne. Ein letzter Blick in den Spiegel. Das Licht erlischt und Verena macht sich ein Glas Wasser bereit. Leise schleicht sie in ihr Zimmer. Sie setzt sich aufs Bett und greift sich den Pyjama unter dem Kopfkissen. Bequem kuschelt sie sich in ihr Bett und wirft noch einen letzten Blick auf ihr Handy. „Eine Nachricht von Amoux“. Er schreibt: „Gute Nacht, mon Amour.“ In Verenas Gesicht macht sich ein Lächeln breit. Blind sucht sie nach dem Ladekabel, steckt es in ihr Handy und legt es auf den Nachttisch.
Sie nimmt einen letzten Schluck Wasser. Dann dreht sie sich zur Seite, die Bettdecke raschelt ein wenig. Sie kuschelt sich in ihre Kissen. Ihr Blick fällt auf die weiße Wand gegenüber. An der Wand hängen einige Bilder der Familie, über ihr Gesicht zieht sich erneut ein Lächeln. Ihre Augen schließen sich langsam.
Im Haus ist Ruhe eingekehrt. Alles, was man noch hören kann, ist das Geräusch des Geschirrspülers in der Küche und des Windes, welcher draußen über den Garten und durch die Blätter der Bäume zieht.
Geschichte 2
Montag, 25. Februar
Der Wecker in Verenas Zimmer läutet, es ist Zeit aufzustehen. Aus der kuscheligen Decke kommt eine Hand, welche blind versucht, den nervigen Ton auf stumm zu schalten. Leider ohne Erfolg. Zögernd löst sich Verena aus ihrem warmen Nest und greift zum Wecker, welcher jetzt keinen Ton mehr von sich gibt. Verena hat sich dazu entschlossen, den Wecker auf Schlummern zu stellen und noch weitere fünf Minuten zurück in die Traumwelt zu tauchen. Das Geräusch des Weckers ist erneut zu vernehmen. Jetzt bleibt ihr keine Wahl mehr und aufzustehen ist die einzige Option. Ein Bein um das andere bewegt sich langsam Richtung Boden. Während Verena sich den letzten Schlaf aus den Augen reibt, setzt sie sich aufrecht an die Bettkante. Sie greift nach ihrem Handy und macht sich auf den Weg zum Badezimmer.
Im Badezimmer wirft sie zuerst einen Blick in den Spiegel und betrachtet ihr verschlafenes Selbst. Schließlich hört man das Wasser aus dem Hahn fließen. Über Verenas Gesicht laufen Wassertropfen um die Wette. Verena beginnt, sich die Kleider vom Leib zu nehmen. Ein Fuß nach dem anderen bewegt sich in die Dusche. Ein warmer und feuchter Wasserdampf macht sich im Raum breit. Langsam macht sich neben der warmen Luft ein Kokosnussgeruch breit. Das Geräusch des Wassers aus der Brause ist nun nicht mehr zu vernehmen. So langsam wie die beiden Füße in die Dusche gingen, so kommen sie auch wieder raus. Die nassen Füße wickeln sich in das Tuch auf dem Boden ein. Für die kurzen Haare reicht es, ein wenig mit dem Tuch über sie zu wischen und sie sind schon fast trocken. Noch im Bademantel huscht sie schnell in ihr Zimmer und öffnet die linke Türe ihres Schrankes. Heraus nimmt sie ein weißes T-Shirt mit langen Ärmeln, schöne Hosen und eine passende Jacke. Draußen scheint es heute frisch zu sein.
Es ist schon 7:20 Uhr. Verena klopft sanft an die Türe von Florin und drückt vorsichtig die Türklinke in Richtung Boden. Heute hat er ausnahmsweise bei seiner Familie geschlafen. Er liegt immer noch total eingekuschelt in seinem Bett. Verena setzt sich neben ihn und wiegt ihn leicht hin und her. „Florin, Zeit aufzustehen, aufwachen.“ Florin nuschelt ein nicht verständliches Gibberisch vor sich hin. Verena geht in das Zimmer gegenüber und findet Amalia verkehrt herum im Bett liegen. Sie scheint am Träumen zu sein. Verena schmunzelt und setzt sich neben sie aufs Bett. Sie versucht, sie mit leichten Rüttelbewegungen aus dem Traum zu lösen. „Amalia, aufwachen. Es ist Zeit aufzustehen.“ Amalias Körper zuckt zusammen, schließlich öffnen sich langsam ihre Augen. Ziemlich verschlafen hört man sie: „Morgen“ sagen. Verena geht in die Küche. Aus dem Badezimmer kann man das Wasser aus dem Hahn fließen hören, Florin scheint schon aufgestanden zu sein.
Verena ist dabei, beiden ein Butterbrot zu schmieren. Zum Butterbrot gibt es für beide einen frisch gepressten Orangensaft.
„Amalia, bist du aufgestanden?“ Ein nicht zu 100 % definierbares „Ja“ ist zu vernehmen. Amalia kommt Schritt für Schritt ohne Stress oder dergleichen die Treppe runter und begibt sich in die Küche. Dort greift sie sich ihren Saft und ihr Butterbrot. Auch Florin ist inzwischen aus dem Badezimmer gekommen, hat ebenfalls sein Frühstück geschnappt und sich zu Amalia an den Esstisch gesetzt. Die beiden essen zusammen. Während des Essens fragt Florin Amalia italienische Vokabeln ab, weil sie heute einen Test hat. „Die Stimme?“ „La voce.“, „Krank?“ „Malato.“ „War das Frühstück lecker?“ „Ja! Danke Mama.“ Florin geht wieder ins Badezimmer und putzt sich die Zähne. In dieser Zeit hat Verena für beide das Mittagessen bereitgestellt. Florin eilt aus dem Bad, greift sich sein Essen, schnappt sich seine Jacke, Schuhe und Hausschlüssel. „Tschüss!“ Er sprintet aus dem Haus. Sein Zug fährt in elf Minuten. Amalia ist in ihrem Zimmer. Aus ihrem Kleiderschrank sucht sie passende Kleider für den Tag. Sie hat sich für eine normale Jeans und einen schwarzen Hoodie entschieden. Sie packt ihre Schultasche, geht ins Badezimmer, kämmt sich die Haare, putzt sich die Zähne, packt das Mittagessen ein, gibt ihrer Mutter einen Kuss auf die Wange, schnappt sich ihre Schuhe und macht sich auf den Weg zum Bus. Die Bushaltestelle ist gleich um die Ecke.
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