Wo der lachende Mond weint

Wo der lachende Mond weint

Christine Walch


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 492
ISBN: 978-3-903155-22-0
Erscheinungsdatum: 05.04.2017
Als sein Bruder von den Mudschaheddin getötet wird, muss Azim fliehen. Es wird ein Spießrutenlauf voller Gefahren, getragen von der Hoffnung, der Liebe zu einem Mädchen und der Aussicht auf ein Leben im sicheren Europa. Eine Geschichte mit wahrem Hintergrund.
Prolog

Durch ein kleines, vergittertes Fenster blickt Azim hinaus in die Landschaft, die das Lager umgibt. Die Gegend ist bergig, etwas Schnee liegt an den Hängen, die im Schatten liegen. Bäume und Sträucher recken ihre kahlen Äste gegen den wolkenbedeckten Himmel. Dass es so einen gottverlassenen, schmutzstarrenden Ort überhaupt geben kann, denkt Azim. Er ist zutiefst entmutigt. Zusammen mit Yama befindet er sich in einem Gebäude, das wahrscheinlich einmal als Lager genutzt worden ist. Was immer man dort gelagert hat – jetzt ist der längliche Raum mit Menschen vollgepfercht. Unter normalen Bedingungen fasst er vielleicht 30, 40 Menschen. Nun drängen sich auf den rechts- und linksseitigen Holzpritschen über 100 Männer. Die Mitte des Raumes bildet ein schmaler Durchgang, der ständig unter Wasser steht. Am Ende des Durchganges, im hinteren Teil des Raumes, durch einen Bretterverschlag mit einer Türöffnung abgetrennt, befinden sich Toiletten. Eigentlich sind es nur mehrere Löcher im Boden, mit Exkrementen verstopft, und rundherum häuft sich der Kot. Alles zusammen verbreitet einen entsetzlichen Gestank. Ein dickflüssiges, braunes Rinnsal sickert beständig aus dem Toilettenverschlag und mischt sich mit dem Wasser, das im Durchgang steht. Niemand will hinter den Bretterverschlag gehen und jeder ist doch dazu gezwungen, wenn er seine Notdurft nicht vor aller Augen verrichten will. Es gehört mit zu den entwürdigendsten Dingen, die Azim je erlebt hat. Und obwohl der Gestank dort kaum auszuhalten ist, rücken die Männer auf den Pritschen möglichst nah an die Bretterwand heran – es ist dort trotz allem ein kleines bisschen wärmer. Da Azim und Yama zu den Letzten gehören, die in diesem Raum noch Platz gefunden haben, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als unmittelbar beim Eingang zu schlafen. Sowohl die obere Türhälfte als auch das kleine Fenster daneben sind lediglich vergittert. Nachts sinkt die Temperatur unter null Grad, und ein eisiger Wind weht herein. Dieser kalte, trockene Wind scheint das Lager direkt aus den zentralasiatischen Steppen heimzusuchen. Azim und Yama drängen sich dann auf der Pritsche aneinander und versuchen, sich mit dem einen Schlafsack zuzudecken, den sie besitzen. Trotzdem schlottern sie vor Kälte.
Sie sind vor sechs Tagen gekommen. Zusammen mit Ali und drei jungen Iranern haben sie nach dem Überqueren des Grenzflusses bei Nacht auf das Anbrechen des Tages gewartet und sich dann versteckt. Dann sind sie während dreier Nächte über die Bahntrasse bis nach Alexandroupolis weitermarschiert. Jeweils zu zweit wollten sie versuchen, zum Bahnhof zu gelangen und Fahrkarten nach Thessaloniki zu bekommen. Azim und Yama sind jedoch unter einer Brücke von Polizisten aufgegriffen worden. Sie haben ihre Namen – allerdings gefälscht – ihre Nationalität und ihr Alter zur Registrierung angegeben. Alle weiteren Vorgänge sind für sie im Unklaren geblieben – vor allem, ob sie angehört werden und wann und wo diese Anhörung erfolgen wird. Den barschen Anordnungen der Soldaten in einer fremden Sprache mühsam folgend, sind sie in dieses überfüllte Lager gebracht worden, in dem der Hunger herrscht. Die Männer, die gleich nach der Tür auf der Holzpritsche etwas zur Seite rückten, haben seit Tagen nichts mehr zu essen bekommen. Man kann Brot kaufen, wenn man Geld hat, haben sie berichtet, aber die meisten besitzen nichts mehr. Viele sind schon seit Wochen, ja seit Monaten hier und haben ihre Ersparnisse aufgebraucht. Viele sind erkrankt. Einige sind bereits gestorben … Nein, sie wissen auch nicht, warum sie hier schon so lange Zeit inhaftiert sind. Es gibt keine Informationen, keine Dolmetscher, keine medizinische Versorgung, auch keinen Freigang. Azim und Yama haben sich stumm angesehen. Ist das wirklich möglich? Bei der nächsten Gelegenheit haben sie einem wachhabenden Soldaten Geldscheine zum Kauf von Brot zwischen den Gitterstäben hinausgereicht. Der Soldat ist auch wirklich mit einem mittelgroßen Laib Brot zurückgekommen. Schon als er es ihnen entgegenstreckte, haben Azim und Yama eine kollektive Bewegung hinter sich wahrgenommen. Sie hatten sich kaum umgedreht, da geschah das Unfassbare. Zehn, 20, 30, 40 Männerhände rissen verzweifelt an dem Brotlaib, und was sie ergatterten, stopften sie sich in ihre Münder. Azim und Yama wurden gestoßen, geschoben, gezogen – noch ehe sie bis drei zählen konnten, hielten sie nichts mehr in den Händen. Azim sah, wie sich Männer nach herabgefallenen Stückchen und Brosamen bückten, sie aus der bräunlichen Brühe auf dem Boden fischten und verschlangen. Wie Tiere kamen sie ihm vor, wie Tiere … Sie kauften noch mehr Brot, um es an die Männer zu verteilen, die noch nichts bekommen hatten. Einige Männer hatten Tränen in ihren Augen, als sie sich ihren Anteil in den Mund schoben. Doch seither haben sie nichts mehr bekommen – und so sind nun auch Azim und Yama seit drei Tagen ohne Brot. Zwei- bis dreimal am Tag wird ein Schlauch durch die Gitterstäbe hereingeschoben, aus dem dann eine Zeitlang Wasser fließt, das die Männer trinken können. Allerdings sorgt es auch dafür, dass der Pegelstand des Wassers im Durchgang nicht sinken kann.
Zwei der inhaftierten Männer werden unruhig. Sie halten es nicht mehr aus – die qualvolle Enge, den Schmutz, den Gestank, den Hunger, die Erniedrigung. Sie rufen, sie schreien, sie schlagen gegen die Bretterwände, sie stampfen auf den Holzpritschen, ihre Frustration entlädt sich, alle Versuche, sie zu beruhigen, schlagen fehl. Nach etwa zehn Minuten machen sich Soldaten an der Tür zu schaffen, brüllen etwas in fremder Sprache. Zwei Wachhabende in der bulligen Gestalt von Schlägertypen kommen herein. Schnell machen sie die zwei Randalierer ausfindig. Mit Holzstöcken schlagen sie auf die beiden Männer ein und treiben sie durch den Mittelgang bis zum Toilettenverschlag zurück. Schmutzwasser spritzt auf, die dumpfen Schläge gehen im Gebrüll der Männer unter, die Häftlinge auf den Pritschen weichen zurück, um nicht von den niedersausenden Stöcken getroffen zu werden. Entsetzt verfolgt Azim die wüste Szene. Wo in aller Welt ist er hier? Wo können sich solche Dinge abspielen?
Das hier ist weder das berüchtigte „Pol-e Tscharchi“-Gefängnis in Kabul, seiner Heimatstadt, noch eine der anderen Haftanstalten unter dem kommunistischen Regime in seinem Land. Es ist weder ein Gefängnis, in das Gegner verschiedener Mudschaheddin-Fraktionen gesperrt worden sind, noch ein Taleban-Gefängnis. Es ist ein Auffang- und Abschiebelager in Griechenland in der Nähe von Feres, etwa 15 Kilometer vom Evros entfernt, dem Grenzfluss zwischen Griechenland und der Türkei. Die Insassen dieses Lagers sind weder Schwerverbrecher noch Mörder. Es sind Flüchtlinge – irakische Kurden, Iraner, Afghanen und einige Afrikaner –, geflohen vor Krieg, Tod, Zerstörung, Hass, Willkür, Folter und Ungerechtigkeit. Sie haben den Evros überquert, in der Hoffnung, damit endlich Griechenland zu erreichen, ein Land, das seit 1981 EU-Mitgliedsstaat ist und sich den Grundsätzen der Europäischen Union verpflichtet hat: der Freiheit, der Demokratie, der Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie der Rechtsstaatlichkeit.
Die zwei bulligen Soldaten machen kehrt, stampfen zum Ausgang zurück und verlassen den Raum. Die Soldaten, die draußen Wache gestanden haben, werfen die Tür zu und verriegeln sie. Ein paar Häftlinge helfen, die beiden verprügelten Männer auf die Holzpritschen zu ziehen. Blut sickert über das schmutzbespritzte Gesicht des einen Mannes.
„Yama …“, flüstert Azim.
„Hm – was ist?“
„Fragst du dich nicht auch … Sind wir wirklich in Griechenland?“
„Geografisch ja, aber sonst weist bis jetzt nichts darauf hin. Ich frage mich, wie lange das hier so weitergehen soll. Das ist ja mindestens so schlimm wie zu Hause!“
Sie mutmaßen, warum sie hier – auf griechischem Boden ? wie Kriminelle behandelt werden und warum sich hier niemand von der Behörde um sie kümmert. Wie es wohl Ali ergeht? Doch noch haben sie Hoffnung, dass irgendwann Beamte erscheinen werden, die sie befragen, ihnen Hilfe anbieten und sie aus diesem Dreckloch herausholen.
Aber als sie schließlich herausgeholt werden, ist es Nacht, und alles spielt sich ganz anders ab, als sie sich das vorgestellt haben. Mitten in den unruhigen Schlaf der Männer dringt das metallische Geräusch, mit dem die Tür entriegelt wird. Zwei Polizisten leuchten mit starken Taschenlampen in den Raum und rufen laute Befehle auf Griechisch. Es klingt wie „elekso, elekso“, die meisten Männer verstehen kein Wort, aber die Handbewegungen der Polizisten sind eindeutig. Sie winken die Männer heraus, und offensichtlich soll das möglichst schnell geschehen. Im umhergleitenden Licht der Taschenlampen raffen die Männer ihre wenigen Habseligkeiten zusammen. Azim und Yama stopfen ihren Schlafsack in einen Rucksack, in dem sich noch ein paar Kleidungsstücke und Papiere befinden, und stolpern ins Freie. Dort haben Soldaten der Armee Posten bezogen. Zusammen mit kleineren Militärfahrzeugen bilden sie eine Art Spalier, durch das die Flüchtlinge zu bereitstehenden Container-Lastwagen geführt werden. Die Soldaten halten Holzstöcke in Bereitschaft, um solche, die ausscheren wollen, sofort gewaltsam zurücktreiben zu können. Da Azim und Yama unmittelbar neben dem Eingang des Lagerraums ihren Pritschenplatz gehabt haben, gehören sie nun zu den Ersten, die zu den Lastwagen laufen. Azim sieht, wie aus anderen Richtungen ebenfalls Gruppen von Leuten herbeigeführt werden, darunter auch Frauen und Kinder. Von dieser Seite kann man ein Baby weinen und verschlafene Kinderstimmen hören. Die Soldaten beginnen damit, die Flüchtlinge zügig zu verladen. Wie Vieh, denkt Azim. Und in der Tat müssen sie durch geöffnete Hecktüren in Tiertransportanhänger klettern, die nur vier kleine Fensteröffnungen haben. Jeweils zwei Soldaten überwachen das Einsteigen der Flüchtlinge in die Laderäume. Um möglichst viele Personen unterbringen zu können, werden die Menschengruppen förmlich in die Container-Lastwagen gestopft und hineingedrückt. Azim und Yama stehen ganz vorne an der Ladewand ihres Transporters und fühlen den Druck vieler nachrückender Körper. Es nimmt ihnen fast den Atem. Viele Männer stöhnen und ringen nach Luft. Wie Sardinen in einer Dose stehen sie aneinandergepresst und können sich nicht mehr rühren. Durch die kleinen Fensterluken dringt viel zu wenig Frischluft herein. Ein beleibter Mann, ein Kurde aus dem Iran, keuchend in der bedrückenden Enge, sagt, dass er so eine nächtliche Expedition schon einmal mitgemacht hat. Er erklärt, dass die Griechen die Flüchtlinge heimlich wieder über den Fluss zurück in die Türkei bringen. Bevor sich Azim und Yama über die Folgen dieser Aktion klar werden können, werden die Motoren der Lastwagen gestartet, ein Zittern durchläuft den Anhänger, und langsam setzt sich das Fahrzeug in Bewegung.

Ungefähr eine knappe halbe Stunde ist der Konvoi von Lastwagen unterwegs, schätzt Azim. Dann kommt er zum Stehen. Die Hecktüren werden geöffnet, und etwas steifbeinig springen die Männer aus dem Container. Die Soldaten winken sie im Licht starker Taschenlampen hektisch weiter, bedeuten ihnen jedoch gleichzeitig, ganz leise zu sein. Azims Empfinden nach muss sich der Fluss in der Nähe befinden, sie bewegen sich bereits im Uferbereich, der von Weiden und Pappeln und Buschwerk bestanden ist. Zum Fluss hin zieht sich eine niedrige Böschung empor. Dort oben stehen Soldaten. Sie beobachten mit Ferngläsern das gesamte Gelände am Ufer und observieren vor allem die andere Seite des Flusses – türkisches Staatsgebiet. Die Flüchtlinge müssen sich in Vierergruppen am Fuß der Böschung aufstellen. Allmählich wird ihnen die Vorgehensweise der griechischen Soldaten und Polizisten klar. Auf ein Zeichen der oben postierten Soldaten muss immer eine Vierergruppe rasch die Böschung hochlaufen. Wenn sich das leichte Tuckern eines Bootsmotors nähert, müssen die vier schnell ans Wasser hinunterlaufen und ins Boot steigen, das sie – illegal natürlich – über den Fluss zurück in die Türkei bringt. Sobald die Bootsinsassen ausgestiegen sind, gibt der Bootsführer ein leises Pfeifsignal – das bedeutet, dass die nächste Vierergruppe auf griechischer Seite bereits die Böschung hochlaufen kann. Wenn drei Vierergruppen den Fluss passiert haben, rücken die weiteren Gruppen nach. Der iranische Kurde aus dem Lastwagen, der das Manöver bereits kennt, steht hinter Azim und Yama mit drei anderen Männern.
„Wenn ihr am anderen Ufer seid, dann haut ab, so schnell ihr könnt“, rät er ihnen. „Wenn die Türken euch erwischen, schieben sie euch wieder ab – aber möglicherweise in die Richtung, von der ihr in die Türkei gekommen seid. Wenn das passiert, dann habt ihr keine Chance! Also rennt, so schnell ihr nur könnt, und versteckt euch. Und passt auf, es gibt hier noch Minenfelder! Versucht, nach Istanbul zu kommen …“
Azim und Yama und die zwei Männer, die zu ihrer Gruppe gehören, sind nun die Nächsten. Nervös blicken sie zur Böschung hoch. Schemenhaft sehen sie die Posten und sind nicht ganz sicher, ob sie schon loslaufen sollen. Ein Wachsoldat, der die lange Reihe unentwegt abschreitet, ist mit ein paar Schritten bei ihnen und zischt ihnen wütend etwas auf Griechisch zu. Er packt Azim am Arm und zerrt ihn vorwärts. Als Azim kurz ins Stolpern kommt, versetzt er ihm mit seinem harten Stiefel einen heftigen Tritt ans Schienbein. Der Schmerz ist so stark, dass Azim in die Knie geht. Eine Flut zorniger Worte entfährt dem Soldaten. Azim muss kein Griechisch verstehen, um zu wissen, dass der Mann die schlimmsten Flüche ausspricht. Doch ihm wird fast schwarz vor den Augen vor Schmerz. Da zieht der Soldat den Stock und treibt Azim mit Schlägen weiter. Oben angelangt, muss er sofort hinter den anderen her, die bereits hinunter ans Wasser laufen. Der Fluss liegt dunkel und breit vor ihnen. Das Boot schaukelt, als sie rasch einsteigen. Während der kaum zehn Minuten langen Überfahrt sitzt Azim zusammengekauert da, halb betäubt vor Schmerz. Er streicht mit der Hand vorsichtig über sein Bein – wo er getroffen worden ist, hat sich eine mächtige Schwellung gebildet. Der Mann, der das Boot steuert, starrt fortwährend ans näherkommende Ufer. Er ist nervös und angespannt und unterbindet jedes auch nur geflüsterte Wort mit einer eindeutigen Geste: Maul halten! Ruhe! Schon tauchen sie ein in den tiefen Schatten, den die Bäume auf türkischer Seite aufs Wasser werfen. Ein kleiner Ruck geht durch das Boot, als es auf der Sandbank aufsetzt. Rasch klettern die Männer hinaus und beginnen zu rennen. Azim und Yama folgen einem schmalen, kleinen Pfad, der geradeaus vom Ufer wegführt. Doch nach wenigen Metern bricht Azim ein, er muss humpeln. Aufgeregt zieht ihn Yama mit sich.
„Los, komm schon! Wir müssen verschwinden! Schnell!“
„Es tut verdammt weh – dieser Dreckskerl hat mir eine verpasst …“
„Azim, weiter, los!“
Mit zusammengebissenen Zähnen versucht Azim, mit Yama Schritt zu halten. So hasten sie in der Dunkelheit vorwärts, bemüht, möglichst keine Geräusche zu machen. Dann bleibt Azim erneut zurück, er meint, nur noch aus diesem übergroßen Schmerz zu bestehen.
„Verstecken wir uns doch hier irgendwo“, schlägt er vor, flüsternd und keuchend.
Doch Yama fasst ihn wild bei den Schultern und schüttelt ihn. „Nein, wir müssen weiter! Du hast doch gehört, was der dicke Iraner gesagt hat! Willst du in einem Minenfeld landen? Du darfst jetzt nicht aufgeben, hast du verstanden? Wir müssen weiter!“
Er packt Azim am Arm, zerrt ihn mit sich und lässt ihn nicht mehr los. Hinter Azims Augen scheinen immer wieder grelle Sterne zu explodieren, doch er bleibt nicht mehr stehen. Nach etwa zehn Minuten nähern sich ihnen Autogeräusche. Fahrzeuge mit drehbaren, äußerst starken Suchscheinwerfern rumpeln in ihre Richtung. Yama und Azim lassen sich zu Boden fallen. Die Autos fahren in geringer Entfernung an ihnen vorbei – Gott sei Dank. Nach etwa 300 Metern verlangsamen sie jedoch ihr Tempo und bleiben stehen. Azim und Yama wagen es, sich etwas aufzurichten, und blicken vorsichtig zurück. Türkische Grenzpolizisten steigen aus.
„Dur! Halt!“, brüllt einer der Polizisten.
Ein Schuss fällt – wahrscheinlich ein Warnschuss in die Luft. Gleich darauf hören sie Aufschreie von Frauen, aufgeregte Männerstimmen und das Weinen von Kindern. Offensichtlich ist eine Gruppe von Flüchtlingen entdeckt worden.
„Die sind jetzt beschäftigt – komm!“, stößt Yama hervor.
Sie rappeln sich auf und rennen weiter. Dass diese Entscheidung richtig ist, merken sie bald darauf – Blicke zurück zeigen ihnen die Lichtkegel der starken Suchscheinwerfer, mit denen die Grenzpolizisten nun das weitere Gelände absuchen. Azim schätzt die Reichweite dieser Scheinwerfer auf etwa drei Kilometer; was von ihrem Lichtschein erfasst wird, ist so gut wie taghell sichtbar. Schnell genug vom Grenzbereich wegzukommen ist in ihrer Situation das oberste Gebot, das ist beiden bewusst. Wer erwischt wird, könnte zum Spielball beider Länder werden, die die Flüchtlinge nicht haben wollen und sie erbarmungslos hin- und herschieben. Dabei ist man mehrfacher Gefahr ausgesetzt – der Gefahr, beim Übersetzen über den Evros, oder den Meriç Nehri, wie die Türken den Fluss nennen, zu ertrinken oder an Hunger und Krankheit in einem der Lager zugrunde zu gehen. Im weiteren noch schlimmeren Fall droht von türkischer Seite die Kettenabschiebung ins Herkunftsland. Also rennen sie, rennen leicht gebückt, rennen trotz Dunkelheit, nagender Furcht und Schmerz, bis sie es wagen, den kleinen Pfad zu verlassen und sich abseits durch die Büsche zu schlagen.
Doch woran sollen sie sich orientieren? In einiger Entfernung nehmen sie kleine Ansammlungen schwacher, flimmernder kleiner Lichtpunkte wahr. Handelt es sich um Siedlungen? Kleine Dörfer? Oder militärische Einrichtungen? Welchen Lichtpunkten kann man sich nähern? Von welchen droht Gefahr? Sie wissen es nicht. Doch irgendeine Entscheidung müssen sie treffen, um nicht sinnlos herumzuirren. Sie beschließen, sich eher nach rechts zu halten. Vor ihnen beginnen sich weite Flächen auszudehnen, die mit Schilf und Röhricht bewachsen sind, der Boden wird feuchter und sumpfiger, wenn sie versuchen dort einzudringen, um sich verbergen zu können. Die Angst sitzt ihnen im Nacken, plötzlich vom gleißenden Licht der tastenden Suchscheinwerfer erfasst und von türkischen Soldaten entdeckt zu werden. So bewegen sie sich möglichst geräuschlos am Rand der Schilffelder vorwärts. Wenn sie manchmal kurz stehen bleiben und sich ihr Atem beruhigt hat, hören sie den Wind im Schilf flüstern und rascheln. Und in einer dieser Pausen hören sie plötzlich noch etwas anderes. Sie sehen sich an – das Angstgefühl im Bauch verstärkt sich und ballt sich zu einem Klumpen zusammen. Sie hören – Schritte! Nicht weit von ihnen entfernt, irgendwo im Röhricht, sind deutlich Schritte zu hören! Beim Aufsetzen bricht leise leichtes Gehölz, beim Heben des Fußes schmatzt es, wie wenn etwas aus dem Sumpf gezogen wird. Azim und Yama werfen sich zu Boden. Die Schritte kommen näher. Gehetzt sehen sich die beiden an. Gleich wird sich das Schilf teilen und ein türkischer Soldat mit der Waffe im Anschlag erscheinen … Doch was dann an ihr Ohr dringt, vermögen sie im ersten Moment kaum zu glauben. Eine verhaltene Stimme ruft etwas, ruft etwas auf Persisch mit klar vernehmbarem afghanischem Akzent: „Aqa, ba indscha bija! Mein Herr, kommen Sie hierher!“
Wie kann das möglich sein? Erneut ertönt es: „Indscha haßt-am! Kodscha haßt-ed? Ich bin hier! Wo sind Sie?“
Yama stößt Azim an.
„Das kann nicht wahr sein! Das ist Ali!“
Sie lauschen angestrengt. Und wieder hören sie es: „Aqa, ba indscha bija!“
Kein Zweifel – das ist Alis Stimme! Ali, den Yama in Istanbul kennengelernt hat; Ali, mit dem sie sich angefreundet haben; Ali, der ihnen diese Fluchtroute gezeigt und sie geführt hat, mit dem sie hierhergekommen, von dem sie dann aber getrennt worden sind! Yamas Mund verzieht sich zu einem breiten Lächeln. Leise ruft er: „Hey – Ali! Bist du das?“
„Das gibt es doch gar nicht! Ich glaub es einfach nicht!“, kommt es aus dem Schilfdickicht. Und Schritt für Schritt arbeitet sich Ali voran, bis er den Rand des Schilfgürtels erreicht hat. Azim und Yama erheben sich, sehen im Dunkeln seine Gestalt auf sich zukommen. Ja, es ist Ali, wie er leibt und lebt – Ali mit seinem ungebärdigen schwarzen Haar und seiner nahezu unverwüstlichen guten Laune. Überwältigt und erleichtert fassen die drei einander um die Schultern.
„Es tut gut, euch zu sehen!“, sagt Ali. „Ich dachte schon, wir hätten uns für lange Zeit verloren!“
„Das fürchteten wir auch! Du bist offensichtlich nicht allein hier – du hast nach jemandem gerufen?“, erkundigt sich Yama.
„Ja. Ich bin im Lager auf einen Iraner gestoßen, wir sind kurz nacheinander über den Fluss gebracht worden. Er wollte eigentlich hinter mir bleiben, nun stapft er in diesem Sumpf herum und hat die Orientierung verloren. Wartet mal …“
Ali macht ein paar Schritte zurück ins Schilf hinein und ruft auf dieselbe verhaltene Art nach seinem Gefährten wie vorher. In etwas weiterer Entfernung hören sie jetzt einen Mann keuchen und stöhnen.
„Er kommt näher“, stellt Ali fest und ruft noch einmal. Dann wendet er sich wieder seinen Freunden zu.
„Nachdem wir uns in Zweiergruppen getrennt haben, bin ich mit einem der drei jungen Iraner auch nur noch kurz unterwegs gewesen, dann wurden auch wir aufgegriffen. Von den beiden anderen, die bei uns waren, weiß ich nichts mehr“, erzählt er leise und hastig. „Wir sind alle offenbar in verschiedenen Lagern untergebracht worden, aber für diese große Abschiebeaktion haben sie möglichst viele Flüchtlinge wieder zusammengepfercht und über den Fluss gebracht. Gott sei Dank, dass wir uns wiedergefunden haben! Aber wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir müssen so schnell wie möglich weiter! Habt ihr die türkischen Grenzsoldaten gesehen mit ihren Scheinwerfern? Die wissen inzwischen genau, dass das heute Nacht eine größere Sache von griechischer Seite war. Sie werden das ganze Gebiet durchkämmen!“
Nun sind die Schritte von Alis Begleiter deutlich zu hören. Er scheint große Mühe zu haben voranzukommen. Die lauten, schmatzenden und glucksenden Geräusche deuten darauf hin, dass der Mann ständig einsinkt und sich sehr anstrengen muss, seine Beine wieder aus dem Sumpf und Schlamm zu ziehen. Begleitet von Ächzen und Stöhnen kommt er näher. Immer wieder droht er das Gleichgewicht zu verlieren, die langen, biegsamen Rohrkolben bieten seinen suchenden Händen kaum Halt. Nach einiger Zeit taucht ein schwergewichtiger Mann in der fahlen Dunkelheit vor ihnen auf.
„Nur, weil du weniger wiegst als ich, Ali, bist du schneller gewesen und hast mich abgehängt!“, bringt er keuchend hervor.
Seine Hose ist bis über die Knie mit Schlamm verschmiert und schmutzig. Er atmet heftig und wischt sich mit dem Ärmel seiner Jacke den Schweiß vom Gesicht. Azim kommt er seltsam bekannt vor.
„Das ist der Iraner, mit dem ich im selben Lager war“, erläutert Ali, und zu dem Mann gewandt sagt er: „Mit diesen zwei Jungs bin ich nach Griechenland gekommen, aber dann wurden wir getrennt. Dass wir uns hier wiedergetroffen haben, kann man keinen Zufall mehr nennen. Es ist ein Wunder!“
Yama und Azim pflichten ihm bei – ja, das ist wahrhaftig ein Wunder! Der Iraner lässt seine Blicke über die beiden jungen Männer gleiten, die ebenfalls ziemlich schmutzig sind.
5 Sterne
Großartige Erzählung zu einem aktuellen Thema - 29.12.2018
Rosalinde Metzler

Dieses Buch von Christine Walch erzählt unglaublich spannend und berührend eine Geschichte von Flucht, Menschenverachtung und Misshandlung, aber auch von Liebe und Mitmenschlichkeit und familiärem Zusammenhalt. Afghanistan mit seiner Kultur und den Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kommen, wird wunderbar beschrieben und kann zu mehr Verständnis den Flüchtenden gegenüber führen...Herzliche Empfehlung meinerseits, dieses Buch zu lesen!

5 Sterne
Geschichte einer Flucht aus Afghanistan - 23.06.2017
Gerhard Buck

Anhand der Geschichte Azims bekommt man einen sehr guten Überblick über die blutige und tragische Geschichte Afghanistans. Das Buch ist sehr informativ, und man gewinnt ein wirklich gutes Bild von den komplexen Zusammenhängen, die sich in Afghanistan abgespielt haben und sicher noch immer abspielen. Kultur Tradition und Religion werden lebendig in einer Geschichte, die einem persönlich nahe geht, die sehr spannend ist, aber auch tragisch und brutal.Die Autorin hat sehr gründlich recherchiert. So sind z.B. geographische Beschreibungen genau, detailliert aber keinesfalls langweilig. (Ich war neugierig, und konnte auf google-maps einige Beschreibungen nachvollziehen)Viele Details der Kultur und des Lebens in Afghanistan werden lebendig und sind durch einen flüssigen Schreibstil sehr gut zu lesen.Ich verstehe jetzt besser, wieso jemand seine Heimat Familie, Verwandtschaft, Kultur... schlicht alles verlässt, was ihm vertraut und lieb ist. Azims Geschichte ist bis zur letzten Seite spannend.

5 Sterne
Wo der lachende Mond weint - 19.06.2017
Einar Jakobsen

Supergut geschrieben! Es werden vielfältige menschliche Verhaltensweisen sehr nachvollziehbar und glaubhaft dargestellt. Sowohl technische/historische/politische Aspekte sowie die dazugehörigen Gefühle – alle diese Schilderungen haben mich „gepackt“.Die original-sprachlichen Zitate, das Elend der Neuzeit als emotionalen Vorspann vor der Erläuterung der entscheidenden Zeiten davor in Afghanistan – dazu die Aktualität der Schilderungen (das Thema wird uns und unserer Kinder ja noch Jahrzehnte beschäftigen) – abgerundet mit einer rührenden Liebesgeschichte – alles sehr, sehr gelungen! Die Verfasserin hat sehr gründlich recherchiert und hat überzeugend geschrieben. (Man verzeiht ihr, dass eine feinere Kapitelgliederung das Buch leichter lesbar gemacht hätte.) „Der lachende Mond“ ist für alle zu empfehlen, die sich mit dem Thema Flüchtlinge und Fluchthintergründe beschäftigen. Es eignet sich meiner Meinung nach als Schullektüre.

5 Sterne
Schon jetzt ein Klassiker.... - 15.06.2017
Walch Jürgen

Ich habe zwar gewusst, dass meine Frau sehr gut schreiben kann, doch mit diesem Buch hat sie sich selbst übertroffen und mich in Staunen versetzt. Ihre Sprache und die Bilder, die sie damit malt, ist klassisch schön, ungekünstelt und natürlich. Der Roman mit den vielen recherchierten Hintergrundinfos über Land und Leute würde sich sehr gut eignen, über die Flüchtlingsthematik ins Gespräch zu kommen und informiert zu sein. Für höhere Schulen zusätzlich ein guter Lesestoff, für begeisterte Leser ein Lesegenuss, auch wenn der Roman manchmal die Abgründe unseres menschlichen Wesens ungeschönt offen legt.

5 Sterne
Wo der lachende Mond weint - 09.06.2017 - 09.06.2017
Ulli Gritsch

Ein sehr bewegendes spannendes Buch, das den Leser in die unbekannte Welt von Afghanistan und seiner Bewohner mitnimmt. Der Einblick in die Lebensumstände, die zur Flucht von Azim geführt haben und die Dramatik der Flucht selbst, sind eindrücklich geschildert. Das Buch wühlt auf und vertieft das Verständnis für Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten müssen. Ein absolut empfehlenswertes Buch für jeden, der mit Flüchtlingen in Kontakt ist oder an dieser Thematik interessiert ist.

5 Sterne
Wo der lachende Mond weint - 24.05.2017
Elisabeth Rischl

Man fängt an zu lesen und taucht ein in diese tragische, spannende Geschichte und taucht erst wieder auf, wenn man die letzt Seite gelesen hat,Die Autorin schreibt in sehr flüssigem Stil und vermittelt einen Einblick in die Kultur, die Geschichte und die Menschen in Afghanistan.Ich werde diese Buch auf jeden Fall weiter empfehlen, denn es ist sehr lesenswert!

Das könnte ihnen auch gefallen :

Wo der lachende Mond weint

Dieter Franke

Die Auferstehung der "Hoffnung"

Buchbewertung:
*Pflichtfelder