Weihnachten im Affekt
Geschichten zu komplexen Erscheinungsformen eines Traditionsfestes
EUR 14,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 108
ISBN: 978-3-7116-0842-0
Erscheinungsdatum: 15.10.2025
Zehn Geschichten erzählen unterschiedliche Weihnachtssituationen, die zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken anregen. Sie mögen auf den ersten Blick überspitzt wirken, gleichen jedoch in ihrer Tragik und Komik so mancher Lebenssituation.
Vorwort
Wer kennt dies nicht? Gerade noch Sommer – und plötzlich steht Weihnachten vor der Tür! Wir haben den Übergang einfach nicht mitbekommen, den Kopf noch blubbernd von Sommererlebnissen, die Haare noch voller Wind und Sand. Nur zögerlich bemerken wir das einsetzende, wechselhafte und kühler werdende Wetter. Der gelegentliche Blick aus dem Arbeitszimmerfenster auf die immer kahler werdenden Bäume und das stetig sterbende Tageslicht auf unserem Weg von und zur Arbeit zeugen vom unaufhaltsamen Lauf der Jahreszeiten und der herannahenden ‚staden‘ Zeit – die Zeit fürs Gemeinsame, für Gespräche, Spiele und Musizieren.
Gleichzeitig stürzen wir uns in die Abarbeitung unserer zum Bersten vollen Terminkalender. Der rechtzeitige Reifenwechsel, die Planung des Skiurlaubs sowie Terminangelegenheiten wie etwa die Steuererklärung, welche noch vor dem Jahreswechsel erledigt werden sollte. Dazu kommen noch Treffen mit Freunden, der runde Geburtstag der Schwiegermutter oder das Konfigurieren des neuen Familienlaptops.
Und dann? Dann steht sowohl plötzlich als auch „unerwartet“ Weihnachten ins Haus und damit die gesamte Palette an Weihnachtsvorbereitungen wie Plätzchenbacken oder mit den Kindern Adventsschmuck basteln. Zudem müssen zusätzliche Chorproben besucht, Weihnachtsgeschenke gekauft und die Planung diverser Adventsfeiern vorgenommen werden. Damit sind wir beim eigentlichen Thema, nämlich der mühsamen Suche nach einer lustigen Weihnachtsgeschichte für die Adventsfeier – woher nehmen?
Genau in dieser Situation befand ich mich wieder einmal vor vielen Jahren und beschloss damals, ab jetzt für jedes der kommenden Jahre einfach selbst eine Geschichte zu erfinden. Und so füllte sich mein Ordner Jahr für Jahr mit einer weiteren Geschichte. Es mögen für manch einen vielleicht etwas abgedrehte Erzählungen sein –, überspitzt, oft unrealistisch. Aber gerade in vielen unserer anscheinend ganz „normalen“ Alltagssituationen versteckt sich häufig genau diese, oft vom Leben perfekt inszenierte, aber häufig von uns nicht wahrgenommene, Komik oder komische Tragik, deren Skurrilität und Originalität oftmals nicht zu überbieten ist, sich uns manchmal aber erst in der Reflexion richtig erschließt.
Alle Geschichten sind frei erfunden. Sie erheben keinen Anspruch darauf, politische oder erzieherische Botschaften zu vermitteln, sind sicherlich oft und wenn – dann niemals bewusst respektlos gemeint! – politisch inkorrekt und neigen häufig auch dazu, naturwissenschaftliche Grundsätze auszuhebeln. Es sind halt Geschichten, nicht mehr. Aber gemeinsam ist all diesen geschilderten Schicksalen, dass gerade die Besonderheit der äußeren Umstände bei den Betroffenen letztendlich zu der vagen Ahnung führt, dass das, was Weihnachten in seinem Innersten ausmacht, sich in dem soeben Erlebten offenbart haben könnte.
Damit wünsche ich Ihnen genauso viel Spaß bei der Lektüre, wie ich beim Ausklügeln der Geschichten empfand.
Vom Denken und Lenken
Tief inmitten der Schwäbischen Alb, dort, wo der türkisschimmernde Große Gellsee die weiche, hügelige Berglandschaft zu Füßen des Auberges sanft umspült, liegt Östlingen. Ein kleiner verschlafener Ort mit vielen gepflegten Einfamilienhäusern, die mit ihren sauberen roten Dächern und herausgeputzten Vorgärten, schachbrettartig an sonst lautlosen und menschenleeren Straßen gelegen, dem erwartungsvollen, aber durchs Navigationsgerät auf dem Weg nach Stuttgart fehlgeleiteten Städtetouristen den Eindruck einer radioaktiv verstrahlten und evakuierten Geisterstadt vermitteln könnten. Nur das gelegentliche Geklapper von Geschirr hier und da sowie der gleichförmige durchdringende Bratengeruch, der sich zur Mittagszeit zäh und schwer in die verwinkelten Einwohnerstraßen ergießt, ist als Indiz für menschliches Leben zu deuten. Für geografisch interessierte Zuhörer und Leser, deren nächstes vielversprechendes exotisches Urlaubsziel in Anbetracht der heutigen jugenddominierten Klimadiskussion und ihrer oft innerfamiliären Verwerfungen ins Schwanken zu geraten droht, sei Östlingen wärmstens empfohlen. Ja, mehr noch: als Urlaubsort für Familien mit einem oder einer dem CO2- und Feinstaubwahn unterliegenden Pubertierenden könnte Östlingen sogar der Schlüssel zu einer nachhaltigen Heilung sein, also sozusagen ‚Bad Östlingen‘.
Östlingen wird von Norden nach Süden von einer schmalen Durchgangsstraße durchzogen, die im Zentrum, welches sich durch die Anwesenheit einer kleinen schmucklosen Trinkhalle auszeichnet, von einer landwirtschaftlichen Nutzstraße gekreuzt wird. Die Durchgangsstraße verbindet die circa vier Kilometer südlich gelegene Zweigstelle eines großen namhaften Spätzle-Herstellers mit etwa tausendvierhundert Arbeitsplätzen mit der ähnlich weit entfernten, aber in nördlicher Richtung gelegenen, rund vierzigtausend Seelen umfassenden Kreisstadt Gellheim, die für hiesige Verhältnisse das kulturelle Mekka der Umgegend darstellt und wo am Wochenende für die Dorfjugend der Bär tanzt.
Der zentralen geostrategischen Lage Östlingens geschuldet, ereignet sich nun zweimal am Tag eine besondere Verkehrssituation, welche die volle Konzentration des dort tätigen Dorfpolizisten Bernd August Pfäudle erfordert. In der Zeit von 7:30 Uhr bis 7:45 Uhr rauscht eine Auto- und Motorradlawine tsunamiähnlichen Ausmaßes von Gellheim kommend durch Östlingen mit dem Ziel „Spätzlefabrik“. Das gleiche Phänomen spielt sich dann noch einmal nach Fabrikschluss um 17:00 Uhr ab, allerdings in entgegengesetzter Richtung. Danach versinkt das Städtchen wieder in seinen morphinoiden Dämmerzustand.
Herr Pfäudle sucht dann in der Regel anschließend erschöpft die Trinkhalle auf, um dort zusammen mit Dorfpfarrer Gotthilf Schäufele, der dort bei einem oder manchmal (je nach Schwierigkeitsgrad der Losung) auch zwei halben Quart Wein seine Predigt vorzubereiten pflegt, in leidenschaftlichen philosophischen Diskussionen seinem beruflichen Wirken in Östlingen einen Gin abzugewinnen … hicks, Pardon … einen Sinn abzugewinnen. In der Regel wiederholt sich der Ablauf des Gespräches nach dem gleichen Muster und endet meist in angeheiterter Stimmung mit Pfarrer Schäufeles verzweifeltem Stöhnen über die stets prall gefüllte Kirche während der Sonntagsmessen.
„Und wenn ich mich hinstellen täte und aus dem Gellheimer Boten die Börsenkurse vorlesen würde – sie würden alle kommen“. – Warum? – Weil ein guter Christ es halt am Sonntag so macht in Östlingen bei Gellheim.
Nun, inmitten dieses friedlichen und entschleunigten Ortes befindet sich der Bungalow der Pfleiderers. Robert und Dorothea Pfleiderer haben sich beim Kirchentag in Stuttgart vor zwanzig Jahren kennengelernt. „Ihr seid das Salz der Erde“ war damals die Losung. Nachdem er ihr am Lagerfeuer seinen Beamtenstatus mit Pensionsberechtigung gestanden hatte und sie Feminismus total doof fand, hatten sie sich für schwäbische Verhältnisse geradezu Hals über Kopf ineinander verliebt. Während Robert sich schon immer für Umweltschutz und Abrüstung einsetzte, betätigt sich Dorothea ehrenamtlich in der Kirchengemeinde von Pfarrer Schäufele. Die Tatsache, dass es ihr nicht gelungen war, ihrer geliebten Tochter Sibylle den christlichen Glauben in irgendeiner Form näherzubringen, empfindet sie bis heute als bittere Niederlage ihrer Erziehung.
Indessen studierte Sibylle derzeit Sozialwissenschaften weit entfernt an der Uni Karlsruhe und bewohnte in einem Karlsruher Vorort ein kleines Zimmer in einer WG – zusammen mit Klaus Berends und Felix Notdübele, beides Studenten der Rechtswissenschaften im sechszehnten respektive zweiundzwanzigsten Semester. So genau ließ sich dies nicht mehr rekonstruieren. Um sein Studium zu finanzieren, fuhr Klaus nebenbei den riesigen beleuchteten amerikanischen Coca-Cola-Weihnachtswerbetruck, den man an den Adventssamstagen an vielen großen Einkaufsdiscountern bestaunen kann, von Einsatzort zu Einsatzort. Sibylle hatte Glück mit ihren Mitbewohnern. Die Chemie stimmte und sie verstanden sich von Anfang an. Besonders zu Felix fühlte sich Sibylle sehr hingezogen und so begab es sich aber zu der Zeit, da sich Weihnachten näherte, dass Sibylle schwanger wurde. Ihrer Gynäkologin und dem geradezu unbändigen Appetit auf Stollen mit Senf nach zu schließen, sollte es wohl ein Junge werden, aber noch war äußerlich nichts zu erkennen. Sibylle und Felix traf diese Nachricht allerdings wie ein Blitz und so wurde die eigentlich zu erwartende elterliche Vorfreude getrübt durch Sorgen um die Zukunft und wie man es schonend den Eltern beibringen würde.
In dieser Zeit verschmolzen die drei Freunde zu einem unzertrennlichen Bund. Felix kaufte sich seine ersten Jurabücher und durchstöberte sie nach möglichen rechtlichen Schritten, die Gesellschaft für die Fürsorge ihrer kleinen einkommenslosen Familie in Haftung zu nehmen. Jeden Abend während der Vesper lief er zu Hochtouren auf und hielt Plädoyers über die Ernsthaftigkeit, mit der sich die Gesellschaft über den Rückgang der Geburtenrate und den folglichen Niedergang der abendländischen Kultur Gedanken machen sollte, über „Fridays for Babies“ und so weiter und so fort.
Klaus war stets ein treuer Freund. Er versuchte den beiden, wo es nur ging, zur Seite zu stehen und ihnen Arbeit abzunehmen. Dabei ließ er es sich nicht nehmen, sie hin und wieder mit einem verschmitzten Augenzwinkern wissen zu lassen, dass sie ja jetzt eigentlich Schuld daran seien, dass er nun nicht rechtzeitig sein Studium abschließen könne. So zogen die Tage ins Land und der Weihnachtsbesuch bei Sibylles Eltern rückte näher und näher.
Sibylles Eltern freuten sich schon riesig auf den Besuch ihrer Tochter und natürlich auch der zwei Kommilitonen aus der WG, die Sibylle erstmalig zu ihren Eltern eingeladen hatte. Dorothea putzte und schmückte das Haus und Robert sah gestresst zu, … nein, nein, anders gemeint, … er sah gestresst zu, dass alle handwerklichen Arbeiten am Haus rechtzeitig fertig wurden. Seit einem Vierteljahr war er im Ruhestand und nutzte nun die geschenkte Zeit, um ihr Haus altersgerecht und klimaneutral umzubauen. Es machte ihm riesigen Spaß und Dorothea war es mehr als recht. Sie lebten schließlich ganz nach dem Motto „divide et impera“, also „teile und herrsche“. Es war der Koalitionsvertrag, auf den sie beide sich mühsam geeinigt hatten, nachdem durch Roberts pensionsbedingte plötzliche und ständige Anwesenheit immer wieder gewisse Kompetenzscharmützel aufflammten und angebliche territoriale Besitzansprüche dringend friedlich beigelegt werden mussten.
Roberts neuestes Projekt war die Umstellung auf Windenergie durch ein eigenes Windrad. Stolz hatte er dem Energieversorger vielleicht etwas vorschnell bereits im Frühsommer seine Kündigung geschickt, da nach Plan die Fertigstellung im Herbst zu erwarten war. Nun, wie auch schon die Bauleitung des Berliner Flughafens, hatte auch Robert die vielgepriesene Leistungsfähigkeit des deutschen Baugewerbes ausführlich studieren dürfen. Aufgrund dessen beschloss er, den seit drei Monaten überfälligen Mast nach Weihnachten aufzustellen und den Propeller zunächst mittels eines provisorischen Gestells auf dem Dachfirst zu installieren. Es funktionierte nicht schlecht. Selbst bei gefühlter Windstille drehte sich das Windrad noch genügend schnell, um die wichtigsten Hausarbeiten durchführen zu können – jedenfalls solange in Luv kein größerer Lieferwagen am Straßenrand parkte und die Windströmung abschattete. Für den Notfall einer absoluten Flaute hatte Herr Pfleiderer vorgesorgt und am Gestell auf dem Dachfirst eine Handkurbel befestigt, mit deren Hilfe man zur Not den Propeller drehen und somit den hoffentlich nur kurzzeitigen „Blackout“ zu überbrücken versuchen könnte. Greta Thunberg wäre stolz auf ihn.
Weit weg in Karlsruhe hingegen hockten zur gleichen Zeit Sibylle, Klaus und Felix – die sorgenbeladenen Köpfe auf die Arme gestützt – bei einer heißen Tasse Tee zusammen am Tisch und grübelten angestrengt nach, wie man Sibylles Eltern die besonderen „Umstände“ schonend beibringen könnte. Von Felix’ Seite her war keine Gefahr zu erwarten. Er hatte neun Geschwister, und seine kampferprobten pragmatischen Eltern signalisierten, dass ein weiteres Kind kaum auffallen würde. Die Kleidung und die Schuhe würden eh von den Ältesten zu den Jüngsten durchgereicht, wie sie dies für sich selbst auch bereits erfolgreich mit den dritten Zähnen der Großeltern praktiziert hatten.
Als sie da so saßen und Sibylles Blick zufällig über die Adventskerze streifte, kam ihr eine Idee. Ihre Mutter ist doch sehr gläubig und kinderlieb und Weihnachten, das Fest der Geburt des Jesuskindes, geht ihr regelmäßig sehr nahe.
„Sind wir nicht auch so etwas wie eine junge Familie auf der Suche nach einer Bleibe in der kalten Welt?“
Felix rümpfte etwas die Nase: „Und du meinst, die Masche funktioniert?“
„Klar“, erwiderte Sibylle. „Wir müssen nur den richtigen Moment abpassen. Wir sagen es ihr nach der Weihnachtsgeschichte, die mein Vater immer vor der Bescherung vorliest, dann ist sie in der richtigen emotionalen Stimmung!“
Klaus plädierte allerdings dafür, die „richtige“ Stimmung nicht ganz allein der Tagesform von Sibylles Mutter zu überlassen, sondern vielleicht doch noch etwas zu unterfüttern.
„Ja!“, ergriff Sibylle sofort das Wort. „Wir geben vor, dem Jungen den Namen eines … eines … eines Propheten geben zu wollen, dann schmilzt sie dahin.“
Alle drei nickten freudig zustimmend und im festen Glauben, soeben einen sehr klugen Plan ausgetüftelt zu haben. Da keine Bibel greifbar war, googelte man kurzerhand nach den vier großen Propheten.
Langsam buchstabierte Felix ihre Namen: „Daniel, Hesekiel, Jeremia und Jesaja.“
Fragend schauten sie sich an.
„Daniel ist zu normal – aber Hesekiel ist cool!“
Klaus protestierte: „Seid ihr verrückt? Einen solchen Namen kann man doch keinem Jungen heutzutage antun: He-se-kiel!“
„Es ist doch nur für Weihnachten“, warf Sibylle genervt ein. „Nach der Geburt erinnert sich doch kein Mensch mehr daran. Da bekommt er dann einen schönen modernen Namen.“
„Und Klaus!“, kam Sibylle blitzartig ein Gedanke. „Du machst vor der Bescherung den Weihnachtsmann! Denkt daran, wir müssen alle Register ziehen. Ihr müsst einen guten Eindruck hinterlassen.“
Alles war vorbereitet, das Haus geschmückt und die Weihnachtsgans in der Röhre verbreitete einen verführerischen Bratenduft. Sibylles Eltern waren geschafft, aber glücklich, als es an der Tür klingelte. Dorothea öffnete die Tür und umarmte herzlich ihre Tochter. Sibylle stellte Felix vor und entschuldigte Klaus, der leider etwas verspätet kommen wird, da er noch dringend an seinem Plädoyer für eine morgige Verhandlung arbeiten müsse.
„Das lob’ ich mir!“, freute sich beeindruckt Sibylles Vater. „Wollen doch nicht, dass sein Mandant wegen uns ins Gefängnis muss!“
In Wirklichkeit hockte Klaus schwitzend auf dem Bock in seinem Super-Weihnachtstruck, sah auf die Uhr und wusste, dass er es nicht schaffen würde, den Truck vorher noch zum Werksgelände zu fahren, um ihn dort abzustellen. Er beschloss, direkt nach Östlingen zu fahren und den Truck hinterher zur Firma zurückzubringen. Und so bog er in die schmale Durchgangsstraße nach Östlingen ab, parkte sein riesiges blinkendes Fahrzeug vor Pfleiderers Haus, direkt in der Nähe des Windrades und verkleidete sich flink als Weihnachtsmann.
Man saß bereits bei Stollen und einem heißen Tee gemütlich im Esszimmer, als ein Glöckchen klingelte und Klaus, äh Santa Klaus, unaufgefordert die Stube betrat. Freudig erstaunt schreckte man hoch und wurde vom Weihnachtsmann mit Leckereien, Lob, aber auch Tadel, die es im kommenden Jahr dringend abzustellen gelte, bedacht. Robert und Dorothea waren über diese tolle Idee über alle Maßen erfreut, pellten den armen Kommilitonen aus dem Kostüm und bedankten sich herzlich bei Klaus.
„Gell Robert, so etwas musst du später, wenn wir mal ein Enkeltöchterchen haben, auch dringend machen“, lachte Sibylles Mutter und schaute dabei liebevoll und spitzbübisch in die erstarrten Augen ihrer Tochter.
„Enkelsohn wohl eher!“, rief Klaus freudig und nichts ahnend, als er plötzlich an den Blicken von Sibylle und Felix, die ihn wie Giftpfeile trafen, erkannte, dass er soeben wohl vom Drehbuch abgewichen war. Sibylles Mutter waren diese Feinheiten nicht entgangen und Robert schaute mit offener Kinnlade ständig zwischen seiner Tochter und seiner Frau hin und her. Klaus erkannte sofort den Ernst der Lage und versuchte, die Situation durch eine beruhigende Einlage zu retten: „Aber wir werden ihn Hesekiel nennen!“, schob er mit lustig lächelndem Gesicht nach. Es wurde schlagartig still. Dorothea stand erstarrt da, als wäre ein Kinofilm gerissen und der Projektor auf dem letzten Bild stehen geblieben. Roberts Kinnlade sank stetig und stetig nach unten, sodass anatomisch zu befürchten war, dass sie wohl demnächst abfallen müsste. Sibylle und Felix wagten sich nicht zu rühren, da sie glaubten, nur der geringste Auslöser könnte zu einer nuklearen Katastrophe führen.
Nun, den Fernsehzuschauern, oder wie man sich heute auch gern bezeichnet, den Cineasten unter uns ist diese Situation als klassisches Stilmittel wohlbekannt. Auf dem Höhepunkt einer beispielsweise harmlos und lustig beginnenden Familienfeier enttarnen sich Schritt für Schritt die Beziehungen zwischen den Protagonisten. Nachdem klar geworden ist, dass so ziemlich jeder mit jedem geschlafen hat und die Situation hoffnungslos verfahren ist, passiert etwas, das von seiner Dynamik her alles andere übersteigt: Der kleine Sohn oder die Tochter ist draußen in einen Bach gestürzt und droht zu ertrinken, oder klammert sich mit letzter Kraft an einen Ast, der sie momentan noch vor dem Absturz in die Felsenschlucht bewahrt, aber zunehmend nachzugeben droht. Sofort löst sich der Gordische Knoten und man ordnet sich solidarisch dem höheren Ziel unter: der Rettung des Kindes. Nach erfolgtem positivem Ausgang findet man dann meist wieder zu einem gütlichen Umgang zueinander – Schluss – Filmende.
Nun, eine solch’ plötzlich auftretende Katastrophe, deren unabsehbares Ausmaß und Tragweite alle anderen irdischen Probleme zu übersteigen scheint, sollte auch in unserem Fall eine wichtige und heilsame Rolle spielen, denn die Stille wurde durch einen Mark und Bein erschütternden gellenden Schrei zerrissen: „Die Gans hat keinen Strom!“
Schlagartig schoss Blut in die Adern von Dorothea und Robert.
„Robert, tu doch was!“, schrie Dorothea und eilte in die Küche.
Robert konnte sich überhaupt nicht erklären, was dem Propeller nur den Wind genommen haben könnte. Er wandte sich an Felix und beauftragte ihn, schnell mit der Leiter aufs Dach zu steigen und den Propeller mittels Kurbel in Gang zu halten. – Mit Erfolg!
Als die Gans endlich fertig gegart war, nahm man gemeinsam am Tisch Platz, aß und trank, prostete sich zu und die gute Laune hielt wieder Einzug in Pfleiderers Haus. Im Anschluss setzte man sich zur Bescherung ins bequeme Wohnzimmer, erzählte sich Geschichten von Sibylles Kinder- und Teenie-Zeiten und ließ fröhlich den „offiziellen Teil“ des Abends ausklingen. Schon bald verloschen auch die ersten Kerzen und man verspürte eine wohlige Trägheit in Magen und Herz.
„Kerzen?“, fragte sich Herr Pfleiderer ungläubig und schreckte auf. „Wieso verlöschen elektrische Ker… oh nein, wir haben diesen Felix auf dem Dach vergessen. Warum ist das niemandem aufgefallen?“
Er schoss aus dem Sessel hoch und alle liefen zur Tür hinaus vors Haus – mit Blick zum Dachfirst.
Dort bot sich ihnen ein irgendwie unwirkliches Bild. Die Silhouette des zukünftigen Schwiegersohns schlafend auf dem Dachfirst, zeichnete sich wie ein schwarzer Scherenschnitt vor dem mondlichtdurchfluteten Nachthimmel ab.
...
Wer kennt dies nicht? Gerade noch Sommer – und plötzlich steht Weihnachten vor der Tür! Wir haben den Übergang einfach nicht mitbekommen, den Kopf noch blubbernd von Sommererlebnissen, die Haare noch voller Wind und Sand. Nur zögerlich bemerken wir das einsetzende, wechselhafte und kühler werdende Wetter. Der gelegentliche Blick aus dem Arbeitszimmerfenster auf die immer kahler werdenden Bäume und das stetig sterbende Tageslicht auf unserem Weg von und zur Arbeit zeugen vom unaufhaltsamen Lauf der Jahreszeiten und der herannahenden ‚staden‘ Zeit – die Zeit fürs Gemeinsame, für Gespräche, Spiele und Musizieren.
Gleichzeitig stürzen wir uns in die Abarbeitung unserer zum Bersten vollen Terminkalender. Der rechtzeitige Reifenwechsel, die Planung des Skiurlaubs sowie Terminangelegenheiten wie etwa die Steuererklärung, welche noch vor dem Jahreswechsel erledigt werden sollte. Dazu kommen noch Treffen mit Freunden, der runde Geburtstag der Schwiegermutter oder das Konfigurieren des neuen Familienlaptops.
Und dann? Dann steht sowohl plötzlich als auch „unerwartet“ Weihnachten ins Haus und damit die gesamte Palette an Weihnachtsvorbereitungen wie Plätzchenbacken oder mit den Kindern Adventsschmuck basteln. Zudem müssen zusätzliche Chorproben besucht, Weihnachtsgeschenke gekauft und die Planung diverser Adventsfeiern vorgenommen werden. Damit sind wir beim eigentlichen Thema, nämlich der mühsamen Suche nach einer lustigen Weihnachtsgeschichte für die Adventsfeier – woher nehmen?
Genau in dieser Situation befand ich mich wieder einmal vor vielen Jahren und beschloss damals, ab jetzt für jedes der kommenden Jahre einfach selbst eine Geschichte zu erfinden. Und so füllte sich mein Ordner Jahr für Jahr mit einer weiteren Geschichte. Es mögen für manch einen vielleicht etwas abgedrehte Erzählungen sein –, überspitzt, oft unrealistisch. Aber gerade in vielen unserer anscheinend ganz „normalen“ Alltagssituationen versteckt sich häufig genau diese, oft vom Leben perfekt inszenierte, aber häufig von uns nicht wahrgenommene, Komik oder komische Tragik, deren Skurrilität und Originalität oftmals nicht zu überbieten ist, sich uns manchmal aber erst in der Reflexion richtig erschließt.
Alle Geschichten sind frei erfunden. Sie erheben keinen Anspruch darauf, politische oder erzieherische Botschaften zu vermitteln, sind sicherlich oft und wenn – dann niemals bewusst respektlos gemeint! – politisch inkorrekt und neigen häufig auch dazu, naturwissenschaftliche Grundsätze auszuhebeln. Es sind halt Geschichten, nicht mehr. Aber gemeinsam ist all diesen geschilderten Schicksalen, dass gerade die Besonderheit der äußeren Umstände bei den Betroffenen letztendlich zu der vagen Ahnung führt, dass das, was Weihnachten in seinem Innersten ausmacht, sich in dem soeben Erlebten offenbart haben könnte.
Damit wünsche ich Ihnen genauso viel Spaß bei der Lektüre, wie ich beim Ausklügeln der Geschichten empfand.
Vom Denken und Lenken
Tief inmitten der Schwäbischen Alb, dort, wo der türkisschimmernde Große Gellsee die weiche, hügelige Berglandschaft zu Füßen des Auberges sanft umspült, liegt Östlingen. Ein kleiner verschlafener Ort mit vielen gepflegten Einfamilienhäusern, die mit ihren sauberen roten Dächern und herausgeputzten Vorgärten, schachbrettartig an sonst lautlosen und menschenleeren Straßen gelegen, dem erwartungsvollen, aber durchs Navigationsgerät auf dem Weg nach Stuttgart fehlgeleiteten Städtetouristen den Eindruck einer radioaktiv verstrahlten und evakuierten Geisterstadt vermitteln könnten. Nur das gelegentliche Geklapper von Geschirr hier und da sowie der gleichförmige durchdringende Bratengeruch, der sich zur Mittagszeit zäh und schwer in die verwinkelten Einwohnerstraßen ergießt, ist als Indiz für menschliches Leben zu deuten. Für geografisch interessierte Zuhörer und Leser, deren nächstes vielversprechendes exotisches Urlaubsziel in Anbetracht der heutigen jugenddominierten Klimadiskussion und ihrer oft innerfamiliären Verwerfungen ins Schwanken zu geraten droht, sei Östlingen wärmstens empfohlen. Ja, mehr noch: als Urlaubsort für Familien mit einem oder einer dem CO2- und Feinstaubwahn unterliegenden Pubertierenden könnte Östlingen sogar der Schlüssel zu einer nachhaltigen Heilung sein, also sozusagen ‚Bad Östlingen‘.
Östlingen wird von Norden nach Süden von einer schmalen Durchgangsstraße durchzogen, die im Zentrum, welches sich durch die Anwesenheit einer kleinen schmucklosen Trinkhalle auszeichnet, von einer landwirtschaftlichen Nutzstraße gekreuzt wird. Die Durchgangsstraße verbindet die circa vier Kilometer südlich gelegene Zweigstelle eines großen namhaften Spätzle-Herstellers mit etwa tausendvierhundert Arbeitsplätzen mit der ähnlich weit entfernten, aber in nördlicher Richtung gelegenen, rund vierzigtausend Seelen umfassenden Kreisstadt Gellheim, die für hiesige Verhältnisse das kulturelle Mekka der Umgegend darstellt und wo am Wochenende für die Dorfjugend der Bär tanzt.
Der zentralen geostrategischen Lage Östlingens geschuldet, ereignet sich nun zweimal am Tag eine besondere Verkehrssituation, welche die volle Konzentration des dort tätigen Dorfpolizisten Bernd August Pfäudle erfordert. In der Zeit von 7:30 Uhr bis 7:45 Uhr rauscht eine Auto- und Motorradlawine tsunamiähnlichen Ausmaßes von Gellheim kommend durch Östlingen mit dem Ziel „Spätzlefabrik“. Das gleiche Phänomen spielt sich dann noch einmal nach Fabrikschluss um 17:00 Uhr ab, allerdings in entgegengesetzter Richtung. Danach versinkt das Städtchen wieder in seinen morphinoiden Dämmerzustand.
Herr Pfäudle sucht dann in der Regel anschließend erschöpft die Trinkhalle auf, um dort zusammen mit Dorfpfarrer Gotthilf Schäufele, der dort bei einem oder manchmal (je nach Schwierigkeitsgrad der Losung) auch zwei halben Quart Wein seine Predigt vorzubereiten pflegt, in leidenschaftlichen philosophischen Diskussionen seinem beruflichen Wirken in Östlingen einen Gin abzugewinnen … hicks, Pardon … einen Sinn abzugewinnen. In der Regel wiederholt sich der Ablauf des Gespräches nach dem gleichen Muster und endet meist in angeheiterter Stimmung mit Pfarrer Schäufeles verzweifeltem Stöhnen über die stets prall gefüllte Kirche während der Sonntagsmessen.
„Und wenn ich mich hinstellen täte und aus dem Gellheimer Boten die Börsenkurse vorlesen würde – sie würden alle kommen“. – Warum? – Weil ein guter Christ es halt am Sonntag so macht in Östlingen bei Gellheim.
Nun, inmitten dieses friedlichen und entschleunigten Ortes befindet sich der Bungalow der Pfleiderers. Robert und Dorothea Pfleiderer haben sich beim Kirchentag in Stuttgart vor zwanzig Jahren kennengelernt. „Ihr seid das Salz der Erde“ war damals die Losung. Nachdem er ihr am Lagerfeuer seinen Beamtenstatus mit Pensionsberechtigung gestanden hatte und sie Feminismus total doof fand, hatten sie sich für schwäbische Verhältnisse geradezu Hals über Kopf ineinander verliebt. Während Robert sich schon immer für Umweltschutz und Abrüstung einsetzte, betätigt sich Dorothea ehrenamtlich in der Kirchengemeinde von Pfarrer Schäufele. Die Tatsache, dass es ihr nicht gelungen war, ihrer geliebten Tochter Sibylle den christlichen Glauben in irgendeiner Form näherzubringen, empfindet sie bis heute als bittere Niederlage ihrer Erziehung.
Indessen studierte Sibylle derzeit Sozialwissenschaften weit entfernt an der Uni Karlsruhe und bewohnte in einem Karlsruher Vorort ein kleines Zimmer in einer WG – zusammen mit Klaus Berends und Felix Notdübele, beides Studenten der Rechtswissenschaften im sechszehnten respektive zweiundzwanzigsten Semester. So genau ließ sich dies nicht mehr rekonstruieren. Um sein Studium zu finanzieren, fuhr Klaus nebenbei den riesigen beleuchteten amerikanischen Coca-Cola-Weihnachtswerbetruck, den man an den Adventssamstagen an vielen großen Einkaufsdiscountern bestaunen kann, von Einsatzort zu Einsatzort. Sibylle hatte Glück mit ihren Mitbewohnern. Die Chemie stimmte und sie verstanden sich von Anfang an. Besonders zu Felix fühlte sich Sibylle sehr hingezogen und so begab es sich aber zu der Zeit, da sich Weihnachten näherte, dass Sibylle schwanger wurde. Ihrer Gynäkologin und dem geradezu unbändigen Appetit auf Stollen mit Senf nach zu schließen, sollte es wohl ein Junge werden, aber noch war äußerlich nichts zu erkennen. Sibylle und Felix traf diese Nachricht allerdings wie ein Blitz und so wurde die eigentlich zu erwartende elterliche Vorfreude getrübt durch Sorgen um die Zukunft und wie man es schonend den Eltern beibringen würde.
In dieser Zeit verschmolzen die drei Freunde zu einem unzertrennlichen Bund. Felix kaufte sich seine ersten Jurabücher und durchstöberte sie nach möglichen rechtlichen Schritten, die Gesellschaft für die Fürsorge ihrer kleinen einkommenslosen Familie in Haftung zu nehmen. Jeden Abend während der Vesper lief er zu Hochtouren auf und hielt Plädoyers über die Ernsthaftigkeit, mit der sich die Gesellschaft über den Rückgang der Geburtenrate und den folglichen Niedergang der abendländischen Kultur Gedanken machen sollte, über „Fridays for Babies“ und so weiter und so fort.
Klaus war stets ein treuer Freund. Er versuchte den beiden, wo es nur ging, zur Seite zu stehen und ihnen Arbeit abzunehmen. Dabei ließ er es sich nicht nehmen, sie hin und wieder mit einem verschmitzten Augenzwinkern wissen zu lassen, dass sie ja jetzt eigentlich Schuld daran seien, dass er nun nicht rechtzeitig sein Studium abschließen könne. So zogen die Tage ins Land und der Weihnachtsbesuch bei Sibylles Eltern rückte näher und näher.
Sibylles Eltern freuten sich schon riesig auf den Besuch ihrer Tochter und natürlich auch der zwei Kommilitonen aus der WG, die Sibylle erstmalig zu ihren Eltern eingeladen hatte. Dorothea putzte und schmückte das Haus und Robert sah gestresst zu, … nein, nein, anders gemeint, … er sah gestresst zu, dass alle handwerklichen Arbeiten am Haus rechtzeitig fertig wurden. Seit einem Vierteljahr war er im Ruhestand und nutzte nun die geschenkte Zeit, um ihr Haus altersgerecht und klimaneutral umzubauen. Es machte ihm riesigen Spaß und Dorothea war es mehr als recht. Sie lebten schließlich ganz nach dem Motto „divide et impera“, also „teile und herrsche“. Es war der Koalitionsvertrag, auf den sie beide sich mühsam geeinigt hatten, nachdem durch Roberts pensionsbedingte plötzliche und ständige Anwesenheit immer wieder gewisse Kompetenzscharmützel aufflammten und angebliche territoriale Besitzansprüche dringend friedlich beigelegt werden mussten.
Roberts neuestes Projekt war die Umstellung auf Windenergie durch ein eigenes Windrad. Stolz hatte er dem Energieversorger vielleicht etwas vorschnell bereits im Frühsommer seine Kündigung geschickt, da nach Plan die Fertigstellung im Herbst zu erwarten war. Nun, wie auch schon die Bauleitung des Berliner Flughafens, hatte auch Robert die vielgepriesene Leistungsfähigkeit des deutschen Baugewerbes ausführlich studieren dürfen. Aufgrund dessen beschloss er, den seit drei Monaten überfälligen Mast nach Weihnachten aufzustellen und den Propeller zunächst mittels eines provisorischen Gestells auf dem Dachfirst zu installieren. Es funktionierte nicht schlecht. Selbst bei gefühlter Windstille drehte sich das Windrad noch genügend schnell, um die wichtigsten Hausarbeiten durchführen zu können – jedenfalls solange in Luv kein größerer Lieferwagen am Straßenrand parkte und die Windströmung abschattete. Für den Notfall einer absoluten Flaute hatte Herr Pfleiderer vorgesorgt und am Gestell auf dem Dachfirst eine Handkurbel befestigt, mit deren Hilfe man zur Not den Propeller drehen und somit den hoffentlich nur kurzzeitigen „Blackout“ zu überbrücken versuchen könnte. Greta Thunberg wäre stolz auf ihn.
Weit weg in Karlsruhe hingegen hockten zur gleichen Zeit Sibylle, Klaus und Felix – die sorgenbeladenen Köpfe auf die Arme gestützt – bei einer heißen Tasse Tee zusammen am Tisch und grübelten angestrengt nach, wie man Sibylles Eltern die besonderen „Umstände“ schonend beibringen könnte. Von Felix’ Seite her war keine Gefahr zu erwarten. Er hatte neun Geschwister, und seine kampferprobten pragmatischen Eltern signalisierten, dass ein weiteres Kind kaum auffallen würde. Die Kleidung und die Schuhe würden eh von den Ältesten zu den Jüngsten durchgereicht, wie sie dies für sich selbst auch bereits erfolgreich mit den dritten Zähnen der Großeltern praktiziert hatten.
Als sie da so saßen und Sibylles Blick zufällig über die Adventskerze streifte, kam ihr eine Idee. Ihre Mutter ist doch sehr gläubig und kinderlieb und Weihnachten, das Fest der Geburt des Jesuskindes, geht ihr regelmäßig sehr nahe.
„Sind wir nicht auch so etwas wie eine junge Familie auf der Suche nach einer Bleibe in der kalten Welt?“
Felix rümpfte etwas die Nase: „Und du meinst, die Masche funktioniert?“
„Klar“, erwiderte Sibylle. „Wir müssen nur den richtigen Moment abpassen. Wir sagen es ihr nach der Weihnachtsgeschichte, die mein Vater immer vor der Bescherung vorliest, dann ist sie in der richtigen emotionalen Stimmung!“
Klaus plädierte allerdings dafür, die „richtige“ Stimmung nicht ganz allein der Tagesform von Sibylles Mutter zu überlassen, sondern vielleicht doch noch etwas zu unterfüttern.
„Ja!“, ergriff Sibylle sofort das Wort. „Wir geben vor, dem Jungen den Namen eines … eines … eines Propheten geben zu wollen, dann schmilzt sie dahin.“
Alle drei nickten freudig zustimmend und im festen Glauben, soeben einen sehr klugen Plan ausgetüftelt zu haben. Da keine Bibel greifbar war, googelte man kurzerhand nach den vier großen Propheten.
Langsam buchstabierte Felix ihre Namen: „Daniel, Hesekiel, Jeremia und Jesaja.“
Fragend schauten sie sich an.
„Daniel ist zu normal – aber Hesekiel ist cool!“
Klaus protestierte: „Seid ihr verrückt? Einen solchen Namen kann man doch keinem Jungen heutzutage antun: He-se-kiel!“
„Es ist doch nur für Weihnachten“, warf Sibylle genervt ein. „Nach der Geburt erinnert sich doch kein Mensch mehr daran. Da bekommt er dann einen schönen modernen Namen.“
„Und Klaus!“, kam Sibylle blitzartig ein Gedanke. „Du machst vor der Bescherung den Weihnachtsmann! Denkt daran, wir müssen alle Register ziehen. Ihr müsst einen guten Eindruck hinterlassen.“
Alles war vorbereitet, das Haus geschmückt und die Weihnachtsgans in der Röhre verbreitete einen verführerischen Bratenduft. Sibylles Eltern waren geschafft, aber glücklich, als es an der Tür klingelte. Dorothea öffnete die Tür und umarmte herzlich ihre Tochter. Sibylle stellte Felix vor und entschuldigte Klaus, der leider etwas verspätet kommen wird, da er noch dringend an seinem Plädoyer für eine morgige Verhandlung arbeiten müsse.
„Das lob’ ich mir!“, freute sich beeindruckt Sibylles Vater. „Wollen doch nicht, dass sein Mandant wegen uns ins Gefängnis muss!“
In Wirklichkeit hockte Klaus schwitzend auf dem Bock in seinem Super-Weihnachtstruck, sah auf die Uhr und wusste, dass er es nicht schaffen würde, den Truck vorher noch zum Werksgelände zu fahren, um ihn dort abzustellen. Er beschloss, direkt nach Östlingen zu fahren und den Truck hinterher zur Firma zurückzubringen. Und so bog er in die schmale Durchgangsstraße nach Östlingen ab, parkte sein riesiges blinkendes Fahrzeug vor Pfleiderers Haus, direkt in der Nähe des Windrades und verkleidete sich flink als Weihnachtsmann.
Man saß bereits bei Stollen und einem heißen Tee gemütlich im Esszimmer, als ein Glöckchen klingelte und Klaus, äh Santa Klaus, unaufgefordert die Stube betrat. Freudig erstaunt schreckte man hoch und wurde vom Weihnachtsmann mit Leckereien, Lob, aber auch Tadel, die es im kommenden Jahr dringend abzustellen gelte, bedacht. Robert und Dorothea waren über diese tolle Idee über alle Maßen erfreut, pellten den armen Kommilitonen aus dem Kostüm und bedankten sich herzlich bei Klaus.
„Gell Robert, so etwas musst du später, wenn wir mal ein Enkeltöchterchen haben, auch dringend machen“, lachte Sibylles Mutter und schaute dabei liebevoll und spitzbübisch in die erstarrten Augen ihrer Tochter.
„Enkelsohn wohl eher!“, rief Klaus freudig und nichts ahnend, als er plötzlich an den Blicken von Sibylle und Felix, die ihn wie Giftpfeile trafen, erkannte, dass er soeben wohl vom Drehbuch abgewichen war. Sibylles Mutter waren diese Feinheiten nicht entgangen und Robert schaute mit offener Kinnlade ständig zwischen seiner Tochter und seiner Frau hin und her. Klaus erkannte sofort den Ernst der Lage und versuchte, die Situation durch eine beruhigende Einlage zu retten: „Aber wir werden ihn Hesekiel nennen!“, schob er mit lustig lächelndem Gesicht nach. Es wurde schlagartig still. Dorothea stand erstarrt da, als wäre ein Kinofilm gerissen und der Projektor auf dem letzten Bild stehen geblieben. Roberts Kinnlade sank stetig und stetig nach unten, sodass anatomisch zu befürchten war, dass sie wohl demnächst abfallen müsste. Sibylle und Felix wagten sich nicht zu rühren, da sie glaubten, nur der geringste Auslöser könnte zu einer nuklearen Katastrophe führen.
Nun, den Fernsehzuschauern, oder wie man sich heute auch gern bezeichnet, den Cineasten unter uns ist diese Situation als klassisches Stilmittel wohlbekannt. Auf dem Höhepunkt einer beispielsweise harmlos und lustig beginnenden Familienfeier enttarnen sich Schritt für Schritt die Beziehungen zwischen den Protagonisten. Nachdem klar geworden ist, dass so ziemlich jeder mit jedem geschlafen hat und die Situation hoffnungslos verfahren ist, passiert etwas, das von seiner Dynamik her alles andere übersteigt: Der kleine Sohn oder die Tochter ist draußen in einen Bach gestürzt und droht zu ertrinken, oder klammert sich mit letzter Kraft an einen Ast, der sie momentan noch vor dem Absturz in die Felsenschlucht bewahrt, aber zunehmend nachzugeben droht. Sofort löst sich der Gordische Knoten und man ordnet sich solidarisch dem höheren Ziel unter: der Rettung des Kindes. Nach erfolgtem positivem Ausgang findet man dann meist wieder zu einem gütlichen Umgang zueinander – Schluss – Filmende.
Nun, eine solch’ plötzlich auftretende Katastrophe, deren unabsehbares Ausmaß und Tragweite alle anderen irdischen Probleme zu übersteigen scheint, sollte auch in unserem Fall eine wichtige und heilsame Rolle spielen, denn die Stille wurde durch einen Mark und Bein erschütternden gellenden Schrei zerrissen: „Die Gans hat keinen Strom!“
Schlagartig schoss Blut in die Adern von Dorothea und Robert.
„Robert, tu doch was!“, schrie Dorothea und eilte in die Küche.
Robert konnte sich überhaupt nicht erklären, was dem Propeller nur den Wind genommen haben könnte. Er wandte sich an Felix und beauftragte ihn, schnell mit der Leiter aufs Dach zu steigen und den Propeller mittels Kurbel in Gang zu halten. – Mit Erfolg!
Als die Gans endlich fertig gegart war, nahm man gemeinsam am Tisch Platz, aß und trank, prostete sich zu und die gute Laune hielt wieder Einzug in Pfleiderers Haus. Im Anschluss setzte man sich zur Bescherung ins bequeme Wohnzimmer, erzählte sich Geschichten von Sibylles Kinder- und Teenie-Zeiten und ließ fröhlich den „offiziellen Teil“ des Abends ausklingen. Schon bald verloschen auch die ersten Kerzen und man verspürte eine wohlige Trägheit in Magen und Herz.
„Kerzen?“, fragte sich Herr Pfleiderer ungläubig und schreckte auf. „Wieso verlöschen elektrische Ker… oh nein, wir haben diesen Felix auf dem Dach vergessen. Warum ist das niemandem aufgefallen?“
Er schoss aus dem Sessel hoch und alle liefen zur Tür hinaus vors Haus – mit Blick zum Dachfirst.
Dort bot sich ihnen ein irgendwie unwirkliches Bild. Die Silhouette des zukünftigen Schwiegersohns schlafend auf dem Dachfirst, zeichnete sich wie ein schwarzer Scherenschnitt vor dem mondlichtdurchfluteten Nachthimmel ab.
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