Wahr ist alles, was nicht erlogen

Wahr ist alles, was nicht erlogen

Willibald Rothen


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 268
ISBN: 978-3-99131-382-3
Erscheinungsdatum: 17.11.2022
Die Wahrheit schreibt der Autor … die Wahrheit über Liebe, Hoffnung, Trauer … wie das Leben so spielt – für jeden von uns. Einmal humorvoll, dann wieder nachdenklich werden Episoden des täglichen Lebens erzählt. Lesen Sie von der Wahrheit des Lebens!
VORWORT

Eine Ansammlung von makabren, schier unglaublich anmutenden Geschichten, welche sich in diesem Buch zum Jour fixe sich einstellen, um lesbar gemacht und von einem ungewöhnlichen Themenreigen begleitet zu werden. Viele der Protagonisten, von einem zwielichtigen Autor erfunden, um sie gegebenenfalls dem Tode oder der Verdammnis verantwortet zu werden, oder ihnen so manchmal wie etwas wie Glückseligkeit zugestehen zu wollen. Wenn auch von absonderlicher Art.



DAS GIEBELHAUS

Erschreckt und verstört ob des unerwarteten und ungeliebten Besuches kauerte das kleine Giebelhäuschen hinter einem kargen Baumbestand sich versteckend, als ob es möglich wäre, in dieser kahlen, kargen Landschaft übersehen zu werden. Schon von Weitem zeichneten sich die zwei Gestalten gegen ein horizontloses Firmament, schattenhaft, verschwimmend ab. Langsam und unerfreulich erwuchsen aus vagen Umrissen zwei auf das Haus zustrebende Gestalten. Den Gang und der erkennbaren Kopfbedeckung nach sie trugen riesige Hüte, schienen es Männer zu sein. Männer, deren unheilvolle Aura mit böser Erinnerung verbunden, das Gebälk des alten Dachstuhls ächzte und stöhnte, als würde er bizarr die Last der Ankommenden auf seinem steil-schrägen Dach schon verspüren, wie heil er schon die alten Sparren unter verwittertem Dach zu tragen hatte. Selbstredend, nicht uneigennützig, hatten sie es von all dem Regen und Schnee trocken gehalten. Nur selten verirrte sich ein Wanderer auf der Suche nach raren Heidepflanzen, welche auf kargem Heideboden vor sich hinkümmerten. Die verschlossene Türklinke drückend, deren versperrtes Schloss ihnen den Eintritt verwehrte und die blinden Scheiben die Sicht in das Innere der Hütte verwehrte. Die Hütte, welche aus einem einzigen Raum bestand, besaß eine Vorstelle, welche jedoch jahrelang funktionslos, wie die ganze Hütte vor sich hindämmerte. Der Dachgiebel, welcher naturgemäß geweitete Aussicht nach den Bäumen besaß, mit welchem das jedoch keinerlei Kommunikation zu pflegen versuchte, als ein weltfremder Sonderling die Heide durchstreifend, wo er mit seinem Fangnetze auf der Jagd nach Schmetterlingen und mit derartiger Schicklichkeit von seinem Schöpfer bedacht und hoppend und hüpfend, ringend, hakenschlagend eines seiner Exemplare einer vereinsamten, wohl einer raren Gattung nachjagend, ohne ihn in sein Netz zu bekommen. Dass jener einer ein aufziehendes Gewitter nicht wahrnehmend, dessen vorangehender Sturm den Schmetterling verblies. Erst als ihn das begehrte Objekt entfleucht und die ersten schweren Tropfen auf sein heischendes, brillenbestücktes Angesicht klatschten, wurde er sich seines Ungemachs bewusst. Glücklicherweise erspähte er in göttlicher Fügung die nahe Hütte und sich vor dem Gewitter gerettet wähnte. Vergeblich drückte er die vermeintlich rettende Türklinke, welche ihm Einlass versprechend das Schloss jedoch verweigernd, da in geschlossener Position. Der Schlüssel jedoch unter der Bohle lag. Wenn er schon keinen Schmetterling fangen konnte, wie konnte er einen Schlüssel finden. Er klopfte zwar zaghaft und dementsprechend erfolglos an die beiden Scheiben, ohne ihnen wehtun zu wollen. Nach dem Gewitter, welches der Mensch unter einem kurzen Dachvorsprung verbrachte, sich an die Hütte anpressend und nach dem Nachlassen jenes einen Teil des Wassers in und auf sich trug. Welch armselig Getier so ein Mensch in freier Natur sich darzubieten imstande war. Wenn er von der Himmelsgewalt überrascht und scheffelweise von jenem begossen und keinerlei ihn schützende Höhle und Unterstand vorfindet, vor der er sich verkriechen hätte können und welche ihm Schutz vor dem entfesselten Element geben konnte. Damals rekelte sich das Haus wohlig unter seiner ziegeligen Haut, heute jedoch war ein strahlend schöner Sommertag und damals fror das Häuschen vor sich hin und in sich hinein. Wer mochte der Tote sein, welcher unter seiner Bohle lag, mit der Beigabe von zwei Säcken Geld mochten sie, das waren die zwei Männer noch die Schlüssel haben, die sie damals mitgenommen hatten oder würden sie die Türe eintreten. Das Haus seufzte abgrundtief, sodass sich seine Dachziegel ächzend und die Sparren sich verbogen. Indessen kamen die Wanderer immer näher und näher. Und wie es schien, ohne Eile, als wüssten sie, dass sowohl der Tote auch das Geld noch vergraben unter ihrem Fußboden lagen. Mittlerweile waren sie ziemlich nahe an das Haus herangekommen. Und er hörte, wie einer den andern fragte: „Werden wir unserem Bruder ein richtiges Grab machen?“ „Wozu?“, sagte der andere drauf. „Es ist doch unser Bruder.“ „Immerhin, ja“, sagte darauf der andere. „Er ist doch unser Bruder und das Geld wird wohl mit ihm verfault sein.“ „Das wird es wohl sein, egal, jetzt ist es sowieso nichts mehr wert.“ „Ja, da hast du recht. Über Nacht wurde es abgewertet. So über Nacht“, flüsterte der eine. „Und unser Bruder ist umsonst gestorben.“ „Ja, das ist er.“ „Sie haben uns noch nicht einmal verfolgt.“ „Nein, das haben sie nicht, es waren nur mehr wertlose Papierfetzen. Es lohnte sich nicht, aber wir wussten es nicht, nein, wir wussten es nicht, so ist unser Bruder sinnlos gestorben.“ „Ja, das ist er wohl.“ „Aber warum war er so gierig.“ „Ich musste es tun.“ „Ja, du musstest es tun, hast es darauf hin auch getan.“ „Aber er war doch sonst ein guter Schütze.“ „Ja, das war er wohl, aber nicht damals.“ „Nein, nicht damals, sonst würden wir zwei da unten liegen.“ „Ja, sonst würden wir zwei da unten liegen.“ „Es war seine Gier.“ „Ja, es war eine Gier.“ Mittlerweile waren sie nähergekommen. Der eine blieb stehen und begutachtete das Haus. „Wir sollten ihn doch noch begraben.“ „Wozu?“ Jetzt blieb auch der andere stehen. Diese Hütte wird zerfallen, vermodern, wie er da unter ihr liegt. „Wozu sind wir dann überhaupt hergekommen?“ „Weißt du nicht, dass es die Täter immer zum Ort ihrer Tat zieht? Er wäre eigentlich der Täter.“ „Ja, das hast du recht. Wie viele Jahre sind es seitdem her?“ „Ich weiß nicht so genau. Ich war fünf Jahre in Australien, dann zehn Jahre in den Staaten.“ Der andere: „Das ist jetzt 15, muss aber dreizehn sein.“ „Wieso dreizehn?“ „Nun, Mutter ist 12 Jahre tot. Sie starb ein Jahr nach diesem.“ Er machte eine vage Bewegung mit der Hand. „Ja“, sagte der eine. „Wir glaubten, wir wären reich.“ „Ja“, sagte der andere. „Wir glaubten das wirklich, und unser Bruder ist umsonst gestorben.“ „Ja, das ist er wohl.“ Der eine holte den versteckten Schlüssel unter der Türbohle hervor. „Schätze, da noch niemand drinnen gewesen zu sein. Liegt genau so, wie ich ihn gelegt habe.“ Der Schlüssel ächzte und das Schloss stöhnte und die Türangel knarrte. Der Aufsperrer trat ein. Durch die blinden Scheiben sah die tief stehende Sonne wie ein fahler Mond aus. Die Luft zu erbrechen stickig. Der eine riss ein Fenster auf, der andere das zweite. „Meinst du, das ist der Leichengeruch, wir haben ihn zu wenig tief verscharrt. Die Fußbodenbretter sind aber noch nicht verfault. Sie liegen noch immer so, wie wir ihn daraufgelegt haben.“ Er versuchte mit der Fußspitze ein Brett zu heben, das ging aber nicht. „Ach“, sagte der eine. „Wir könnten heute feiern, wenn unser Bruder noch leben würde.“ „Er lebt aber nicht mehr.“ „Ja, das tut er nicht. Dabei hätt ich so viel an Geld, dass wir das damals erbeutete heute ein Klacks war.“ „Ich weiß“, sagt der Zweite darauf. „Ich dachte nicht, dass man mit Arbeit so viel verdienen kann.“ „Durch Arbeit?“, sagt der andere darauf. Und man merkte die Bitterkeit in seiner Stimme. „Na ja, es war doch Arbeit. Wie viel hast du dafür umgelegt?“ „Ich weiß nicht … 15, 20.“ „Und wie viel bekamst du für jeden?“ „Verschieden“, antwortete der andere. „Ganz verschieden“, wiederholte er sich. „Aber für den Geringsten zumindest so viel, wie wir glaubten damals, als es noch nicht wussten, dass es wertlos war.“ „Mein Gott, wie war unser Bruder gierig. Kanntest du ihn so?“ „Nein, es schien plötzlich über ihn gekommen zu sein. Die Gier, diese Gier, er könnte noch leben.“ „Ja, er könnte noch leben, wenn es nicht um ihn gekommen wäre.“ „Ja, diese Gier, diese verdammte Gier. Und weißt du noch, mit welch fiebrigen Fingern er das Geld, das viele Geld gezählt hat?“ „Ja, das hat er.“ „Und wie er dann plötzlich aufgesprungen ist und blitzschnell die Pistole gezogen hat. Ich begriff es nicht. Nein, denn hätt ich es nicht begriffen, dann wären wir beide tot.“ „Ja, dann wären wir beide tot. Und ich zuerst, aber meine Kugel war schneller als die seine. So streifte sie mich nur an der Schulter. Trotzdem hast du geblutet. Aber er war sofort tot.“ „Ja, er war sofort tot. Übrigens, ich werde den Koffer fordern, der steht im Safe meines Hotels.“ „Und was macht er dort?“ „Er steht, verstehst du. Es ist das Geld von meinem letzten Auftrag. Dafür bin ich oder war ich hier.“ „Du warst hier bei uns?“ „Ja, ich war hier bei uns, besser bei euch.“ „Und wär das irgendeiner, der einem anderen unliebsam wurde.“ „Und den hast du?“ „Ja, den hab ich.“ „Und niemand ist hinter dir her?“ „Nein, niemand ist hinter mir her.“ „Wieso nicht?“ „Man weiß doch nicht einmal, dass dieser Jemand tot ist.“ „Und wieso nicht?“ „Er ist mit dem Flugzeug nach Amerika geflogen.“ „Seit wann können Tote fliegen?“ „Natürlich nur sein Double.“ „Ach so“, er pfiff durch die Zähne. „Und das ganze viele Geld hast du so einfach in dem Hotelsafe stehen.“ „Natürlich.“ Diesmal war er schneller, als der Bruder mit einem kleinen Loch im Hirn zusammenbrach.

Nachher zog er ihm sein Gewand aus, sie hatten doch die gleiche Größe, waren sie doch Zwillingsbrüder, zog dessen Kleidung an, mit dessen Hut auf dem Kopf sich sehend. Den Safeschlüssel und die Papiere waren noch in den verschiedenen Kleidungsfächern. Nahm seine Schlüssel und Papiere noch aus seinem abgelegten Gewande, hob den Bohlen von dem Boden und legte ihn in die Grube, die bereits mit der Leiche im Boden versunken war. Nachdem die Bohlen er wieder daraufgelegt hatte, nahm er noch den Spazierstock seines nun toten Bruders, schloss die Türe, legte den Schlüssel, nachdem er die Fenster wieder verschlossen hatte, und machte sich auf den Weg zu seinem nunmehrigen Hotel. Er verlangte vom Portier den Zimmerschlüssel, welcher ihn freundlich begrüßte und ihm diesen aushändigte. Er schloss den Safe mit dem, seinen Bruder abgenommenen, Schlüssel auf und dieser war vollgefüllt mit großen Dollarbanknotenbündeln und er sie staunend einmal auf den Boden verbreitete. Nachher packte er sie in einen riesengroßen Reisekoffer, zahlte an der Rezeption, grüßte freundlich und verabschiedete sich daraufhin irgendwo in die Welt.



AUTOFAHRERSTRAFEN

Der Finanzminister traf den Innenminister zu einem geheimen Jour fixe. Grund: Die österreichische Krankheit, kein bzw. zu wenig Geld, um all die Forderungen seiner Bürger an ihm befriedigen zu können. So viel ihre für die Asylanten Parasiten eine Haftung übernommen, die den Sozialstaat bereits trockengelegt und er dadurch ausgedörrt, darniederlag und es seitdem Märchen der Brüder Grimm keine Goldesel mehr gab, der die Golddukaten in die Staatskasse schiss.

„Kommen wir zur Sache“, eröffnete der Finanzminister das Gespräch. Die 12 Milliarden, welche die Strafen für die Autofahrer einbrachten, ist ein Klacks gegen den Betrag, den wir einkassieren könnten. Der Innenminister verwehrte sich gegen diese Anschuldigung des für das Budget zuständigen Ministers. „Was glauben Sie, wie lange werden sich die Autofahrer das noch gefallen lassen? Wie lange“, sagte er mit sorgenvoller Miene, sein Gesagtes unterstreichend. „Wie lange“, legte er nach. „Strafen, Strafen, Strafen“, sich immer wieder wiederholend. Wir strafen schon derart, dass sich die Autofahrer kaum noch aus der Garage trauen, unsere Zivilstreifen, die provokant Tag und Tag unterwegs sind.

Wir haben alle Gesetze derart verschärft und wieder verschärft, nur weil wir durch Strafen ausgleichen sollen, weil sich die Politiker die Steuern nicht mehr zu erhöhen getrauen, womit sie auch Recht haben, denn wir haben schon mehr Arbeitsverweigerer als Arbeiter und Angestellte, die mit ihrem kümmerlichen Einkommen nicht mehr leben können, geschweige denn noch höhere Steuern zahlen müssten, dann gebe es bei Gott einen Aufstand und das wollen wir doch alle nicht. „Nein, das wollen wir nicht“, pflichtet ihm der Finanzminister bei. „Wir machen ohnehin schon alles, um die Steuern einzutreiben! Aber ich muss Ihnen gestehen, die Firmen sind eigentlich samt und sonders bankrott. Nicht einmal die wollen, die können nicht mehr zahlen“, dabei strich er seine paar kümmerlichen Haare, die sich noch vereinzelt auf seiner Glatze ihr Stelldichein gaben, mit nervösen Fingern Richtung Nacken, wo sie sich mit dem noch vorhandenen Haarkranz wegen ihrer Länge nachgesehen verankern mochten.

„Wir haben für den Minister für Inneres zuständig, für die Polizei die Gesetze ausgereizt bis zum Geht-nicht-mehr und die tätlichen und verbotenen Übergriffe auf unsere Polizisten, die bereits anfangen, sich mit den Autofahrern zu solidarisieren, um mit ihnen eine unheilige Allianz einzugehen, ist der sichtbare Beweis von der falschen Politik, die wir machen.“

Ratlose Gesichter beiderseitig sahen sich in die Augen. Es nutzt auch nichts, als der Innenminister eine Flasche eisgekühlten Wodka dem Kühlschrank entnahm, um beide Gläser übervoll einzuschenken, kurz anzustoßen, um beide mit einzigem Schluck diesen hinter die Binde zu gießen. „Brr“, sagten daraufhin beide, der Finanzminister hielt sein Glas zum weiteren Empfang seinem Amtskollegen entgegen, welcher sich beeilte, dieser unmissverständlichen Aufforderung auch nachzukommen. Und sich gleichzeitig sich selbst einen einzuschenken.

Beide deuteten ein Prost an, als sie die Gläser andeutungsweise gegeneinander erhoben, um deren Inhalt in ihrem Schlund zu versenken. Bei beiden trat wieder das vorherige „Brr“ auf ihre Lippen, um die Gläser nun auf das Tablett abzustellen, wo die Flasche Wodka stand. Noch nicht halbleer. War sie doch schon vorher nicht mehr voll. Da hatte der Innenminister doch schon mehrmals daran genuckelt, als die Sorgen ihm über den Kopf zu wachsen drohten. Das mit der Polizei lag ihm schwer im Magen, als ein paar Parksheriffs von erbosten Autofahrern fast zu Tode geprügelt wurden, da sie nach drei Minuten Zeitüberschreitung schon einen Strafzettel verpasst bekommen hatten, noch dazu von einer Höhe, die dem die Tat im reziproken Wert gegenüberstand. Einem Autofahrer, dem ein betrunkener Polizist den Führerschein abgenommen hatte, nachdem er selbst in das Röhrchen geblasen hatte und den Autofahrer nun der Trunkenheit geziehen hatte.

Das minutiöse Messen der Geschwindigkeit, mit einer Toleranzgrenze von 0 Kilometern und das nach unten und nach oben, das sich eigentlich zur größten Staatseinnahme gemausert hatte, und er legte dem Finanzminister die Computerausdrucke der verhängten Strafen vor und sagte: „Tendenz steigend“, und dazu sagen. „Wir sind an die Grenze angestoßen, denn wie gesagt, die Polizisten fangen bereits an, sich mit den Autofahrern zu solidarisieren.“ Der Finanzminister trommelte nervös auf die Tischplatte, wo er dem Innenminister gegenübersaß, und brummte vor sich hin: „Können Sie die Einnahmen nicht wenigstens auf 15 Milliarden hinauf …“, und hier fehlte ihm der fehlende Sprachschatz, das richtige Wort, sodass er nach dem Wort rang, das konkret in der Lage war, diese Situation richtig einzuschätzen und zu beurteilen.

Als er eine Weile mit sich und der deutschen Sprache gerungen hatte, und das „Hinauf, hinauf“ ein paarmal vor sich ausgestoßen hatte, ihm der Innenminister aus der Patsche zu helfen bereit war, aber der Innenminister auch keines großen Geistes Kind, sagte: „Ich weiß, was Sie meinen, lieber Kollege, wir sind dabei, und wenn wir den Autofahrern die letzte Hose ausziehen müssen.“ Und er schenkte wieder die zwei auf dem Tablett stehenden Gläser voll, und nach vollbrachter Tat nahmen beide unaufgefordert ihre vollgefüllten Gläser, um wie ehedem ein Prost anzudeuten sich zunickend, um deren Inhalt sich einzuverleiben. Es waren eigentlich große Gläser, nicht Stamperl, welche man in Wirtshäusern der unteren Schichten angeboten bekam, und so war es auch nicht verwunderlich, dass bei der nächsten Füllung der Schnaps über ihre Glasränder lief und bereits mit fahrigen Händen nach ihnen geangelt wurde.

Um die fortgesetzte Zeremonie mit dem Prost andeutenden und sich zunickenden Köpfen den Wodka in ihren ausgefressenen Wamsen verschwinden zu lassen. Eine lange Weile saßen sie der die zwei Minister unter der alles erdrückenden Last ihrer Verantwortung für die Republik.

„Wissen Sie“, sagte der Innenminister nun zu seinen Zunftkollegen mit bereits schwerer Zunge, die sich in der Mundhöhle verirrend und die Vokale ihrer Reinheit verstümmelnd sich auf eine ungewisse Reise sich begab, eine Zunge, die bereits halbgelahmt, um überall anzuecken und nur schwer Verständliches hervorbringen vermochte. Was sie beide jedoch nicht davon abhielt, der Flasche der auf zusammengesunkenen Flascheninhalt auch noch den zu entziehen. Des einen wie des anderen dessen Zunge torkelnd in der Mundhöhle ihr Dasein noch aufrechtzuerhalten versuchte, jedoch immer mehr und nur unter größter Anstrengung ihres Trägers sich überhaupt zu bewegen, außerdem waren beide Würdenträger des österreichischen Staates, nun schon derart von besoffen, dass der Alkohol sie auf eine andere Ebene erhob.

Um so Gedanken sich zu formen wagten, welche sonst in ihren parteiinternen Politikergehirnen nicht nur leise angedacht zu werden sich getrauten, sondern messerscharf, was man in Politikergehirnen nie und nimmer vermutet hätte, analysierend diese an und für sich komplexe Materie zu durchleuchten, und das sozusagen mit gesundem Menschenverstand. Wieso brauchen Sie, unter größter Anstrengung seiner Sprechmuskeln und deren Überwindung der bereits eingetretenen Lähmungserscheinungen „Plötzlich 20 Milliarden?“, so der Innenminister. Nach einer Weile, als der Finanzminister die Frage richtig zu verstehen glaubte, sich zuerst seine Lippen und dann seine Zunge auf die Weisung seines vernebelten Gehirns in Bewegung setzte, und es kam derart Unvorstellbares aus seinem Munde gequollen, dass es sogar der Innenminister zwar erst nach geraumer Zeit, mit den die vom Alkohol blockierten Synapsen diese Infamie zu durchschauen vermochten.

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