Sonstiges & Allerlei

Vom Leben und anderen unverschämten Kleinigkeiten

Nicolle Marie Hilgarth

Vom Leben und anderen unverschämten Kleinigkeiten

Leseprobe:

Kapitel 1

Dann
Losch das Licht,
und durch die Stille
fiebernd, verlangend, erwartungsbang
nur noch
unser zitternder Herzschlag!
Trunken … stammelnd,
meine
Lippen … süß dein … Aufschrei!
Seligkeit
Arno Holz; Erfüllung

***

Dies hier oben ist ein wahrlich passender Ort für einen letzten Ort.
Manch einer wünscht sich einen ästhetischen, wolkenlosen, wie gemalten Ort, um seine letzten Augenblicke zu erleben. Doch wenn Mensch sich für diesen Schritt entscheidet, weshalb benötigt er dann noch einen letzten Blick auf Harmonie und Schönheit?
Von mir hat vor langer Zeit die Dunkelheit Besitz ergriffen, rasend schnell breitete sie sich durch meinen Körper aus, umhüllte mein Herz, sodass ich nun nur noch ein kleiner Fleck Schatten bin, der den letzten Versuch wagt, vor der Finsternis zu entfliehen. Mein Geist war schmerzgeplagt.
Eine gewisse Zeit war sie noch an meiner Seite, zu ihrem Ende hin war ihre Stimme ein leiser Hauch, es war vergebens, dies wusste sie. Eine andere Stimme trat an ihre Stelle. Diese Stimme war die Geliebte der Finsternis. Sie wurde zu meiner besten Freundin. Doch sollte ich mich nun dazu entscheiden, dass dieser Ort hier oben nicht mein letzter, sondern einfach nur einer von vielen in meinem weiteren Leben sei, würde die Geliebte der Finsternis, diese Stimme, mein Dasein bestimmen.
Das Dunkel bot mir einen Ausweg, um SIE wiederzufinden. Ein letztes Mal vertraue ich der Stimme der Finsternis, seiner Geliebten, höre auf sie, in der Hoffnung, dass sie nicht mit mir spielt.

„So schließe nun deine Augen und lasse dich fallen. Du wirst nichts fühlen, keinerlei Schmerzen. Denke doch nur daran, dies ist der richtige Weg zu ihr, in dieser Welt wirst du sie nicht mehr finden. So lasse dich nun fallen!“

Und ich ließ mich fallen und das Dunkle hatte recht.
Ich fühlte keinerlei Schmerz …


Kapitel 2

Es ist wie Aufwachen.
Ein Schwebezustand durchströmte meinen Körper. Für mich fühlte es sich an, als könnten alle anderen um mich herum direkt durch mich hindurchgehen und zugleich, als würde alle Aufmerksamkeit nur auf mir liegen. Ein unangenehmer Schmerz pochte in meinen Ohren. Töne fühlen sich so unendlich fern an und andererseits durchdringend laut!
Machte ich mich auf den richtigen Weg zu ihr, werde ich sie hier finden? Gewiss! Ich finde dich auch, wenn dies mein größtes und schwierigstes Unterfangen sein wird. Bis jetzt hatte ich die Augen geschlossen, ich wollte nicht sofort sehen, in welch schrecklicher Welt ich mich befand. Für mich gab es nur einen Ort, an den sie gegangen sein musste und meine Methode, die ich wählte, kann einen Menschen nur an ein bestimmtes Ziel führen.
Einen kurzen Moment, dann öffnete ich die Augen. Was ich vor mir erblickte, konnte unmöglich mein angesteuertes Ziel sein. Ich befand mich auf einem großen Platz, welcher im Herzen einer Stadt lag. Ein Gefühl, als wäre dies ein Traum, beschlich mich. Ich hatte Erinnerungen an diesen Ort, welche ich nicht zuordnen konnte.
Das Gefühl von Vertrautheit und zugleich Fremde durchströmte mich. Die Ausmaße dieser Stadt mussten in das Unendliche reichen, auch war kein erkennbarer Charakter sichtbar. Zum einen überwogen Gebäude, die um das 19. Jahrhundert herum errichtet worden waren zum anderen zwängten sich gelegentlich Bauten eines Architekten des 21. Jahrhunderts dazwischen, die den Charme des Alten, Schönen, gewaltsam zu brechen versuchten. An einem Ende des Platzes erhob sich ein opernähnliches Gebäude. Beim Betrachten der Oper und der weiteren zahlreichen Gebäude überwog die Vertrautheit an eine Erinnerung das Gefühl der Fremde. Jedoch konnte ich weder sagen, ob dies eine Erinnerung an ein Bild, welches ich vielleicht irgendwo einmal gesehen hatte war, oder ob ich mich tatsächlich schon einmal an diesem Orte befunden hatte.
Es herrschte ein reges Treiben auf dem Platz. Menschen waren unterwegs in alle erdenklichen Richtungen. Manch einer trug ein Notizbuch mit sich, in welches er während des Gehens unentwegt schrieb. Ein paar Bänke waren von Frauen und Männern besetzt, die sich eine hitzige Diskussion lieferten. Vor einem Café zündeten Kellner, obwohl es noch Tag war, Kerzen auf den vielen Tischen an.
Da waren einige wenige, die in sicherer Entfernung standen und wirkten, als würden sie die Persönlichkeiten gewisser vorbeilaufender Menschen studieren. Eine junge Frau pflückte Vergissmeinnicht, die, soweit ich dies beurteilen konnte, aus jedem noch so winzigen Fleckchen Erde wuchsen. Der Geruch nach Rosen, Kaffee, schalem Bier, Crêpes, Winter und Frühling lag in der Luft.
Auf einmal wurde ich mir gewahr, dass neben mir ein junger Mann mit einem Hund stand. Der Mann trug eine abgewetzte Lederjacke, ein rotes Hemd, Jeans und schwarze Turnschuhe, sein Hund, ein Norfolk Terrier, trug an der linken Vorderpfote eine blaugelb gestreifte Socke. Sie standen einfach neben mir und blickten in Richtung der Oper.
„Verzeihung“, sprach ich ihn ein wenig irritiert an.
Er atmete einmal tief ein, so als stünde er am Meer und wollte noch einen letzten tiefen Atemzug Seeluft einatmen.
„Guten Tag“, erwiderte er mit einem Lächeln. Weiter kam er nicht, da eine Frau auf uns zustürmte und direkt vor uns stehen blieb. Sie wirkte mit ihrem Kleidungsstil, als wäre sie den 30er-, 40er-Jahren entsprungen. Unter einem beigen Barett wurden seitlich braune Strähnen ihres welligen Haares preisgegeben. Sie trug ein rostfarbenes Kostüm mit einer weißen, hochgeschlossenen Bluse. Ihr Gesichtsausdruck sowie ihre komplette Körperhaltung waren von Angst und Misstrauen gekennzeichnet. Das hielt sie jedoch nicht davon ab, fortwährend ein und denselben Satz zu wiederholen.
„Eine Entscheidung wurde getroffen, eine Entscheidung wurde getroffen …“ Dies wiederholte sie immer und immer wieder.
„Verschwinde, Tratschweib“, sagte er mit einer leisen, festen Stimme, die jedoch Autorität, Liebe sowie Gnade vermittelte.
Die Frau hielt in ihrem Satz abrupt inne. All ihre Aufmerksamkeit galt nun ihm. Sie starrte ihn mit so einem unglaublichen Respekt an und ihre Lippen formten fast lautlos das Wort „Ihr“?
„Verschwinde, Tratschweib, sofort. Heute muss jedoch dein Glückstag sein, wenn du dich nun beeilst, triffst du Luzifer am Drachen-Brunnen an, und wenn heute tatsächlich dein Glückstag sein sollte, kennt er deinen Namen, er war 1941 in Deutschland und vielleicht auch in deiner Stadt.“
Sie blickte ihn weiterhin respektvoll an, mit einem Hauch Erlösung und Argwohn in ihren Augen. Langsam drehte sie sich um, mit vorsichtigem Schritt machte sie sich zu einem neuen Weg auf. „Eine Entscheidung wurde getroffen …“, fing sie erneut an, vor sich hin zu murmeln.
Während ich diese Szene verfolgt eine leicht grotesk wirkende Szene, freute ich mich innerlich. Ich hatte mein Ziel nicht verfehlt, ich hatte den richtigen Weg eingeschlagen, der unbekannte Mann sprach von Luzifer, somit musste ich an dem richtigen Ort sein, um sie zurückholen zu können.
„Dann eben noch einmal: Guten Tag, mein Name ist welcher Name dir beliebt, und dies ist Rüdiger, mein Hund“, klärte er mich freundlich auf. Seine Stimme strahlte immer noch Autorität, Liebe und Gnade aus.
„Welcher Name mir beliebt?“, fragte ich ihn.
„Ja welcher Name dir beliebt. Doch über den Namen meines Hundes wird nicht verhandelt, dieser ist und bleibt Rüdiger. Machen wir uns langsam auf den Weg, hier am Tor lungern mir zu viele Underlords herum. Währenddessen kannst du ja auch nach einem passenden Namen suchen, auf auf!“
Ich wollte mich schon umdrehen und das von ihm genannte Tor suchen, doch schon waren wir im Getümmel der Stadt verschwunden, sie war größer und es waren weitaus mehr Menschen unterwegs, als ich zu Anfang ahnen konnte.
„Verzeihung, ich muss mir absolut sicher sein, ich bin befinde mich auf der Suche nach ihr“, versuchte ich ihm durch die Geräuschkulisse verständlich zu machen.
„Natürlich bist du auf der Suche nach ihr, jeder hier ist auf der Suche nach ihr“, sagte er beinahe schon gelangweilt.
„Aber stelle deine Frage.“
„Bin ich hier richtig in der Hölle und begleitest du mich in meinen Höllenkreis?“
Er wandte sich zu mir um und ein mitleidiges Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Dies hier ist nicht die Hölle!“


Kapitel 3

„Du musst ein belesener Geist sein, wenn du aus Dantes Inferno zitierst.“
Für einen flüchtigen Augenblick kehrte der Schwebezustand, den ich zu Anfang meiner Ankunft hier gefühlt hatte erneut in mich zurück. Wenn dies hier nicht die Hölle war, wie sollte ich dann zu ihr gelangen, wo befand ich mich? Trotz der Schwebe, in der sich mein Körper befand, zwang ich mich, ihm zuzuhören. „Du denkst also nun, ich begleite dich durch die Hölle in deinen zugewiesenen Kreis, wo du dich in einen Baum oder Strauch verwandelst, von Harpyien zerrissen wirst. So in etwa? Die Krönung deines Ausflugs wird wohl sein, während du durch die Hölle wanderst, dich auf die Suche nach ihr zu begeben und sie schlussendlich zu finden. Richtig?“
„Ja“, antwortete ich knapp, seines Sarkasmus war ich mir bewusst.
„Verstehe mich nicht falsch, ich bin beeindruckt von Dante, sehr feiner Kerl der Signore Alighieri, doch mit seinem Inferno hat er knapp das Ziel verfehlt, vielleicht mag an seinem Inferno ein kleiner Hauch Wahrheit sein, immerhin befindest du dich in diesem Moment an einem existierenden Ort.
„Entschuldige, dies verstehe ich nicht, du erwähntest zuvor der Frau gegenüber den Namen Luzifer, auch sagst du, die Hölle sei nicht real, dennoch befinde ich mich an einem Ort, der deines Erachtens nach einen Hauch Hölle an sich trägt“, gab ich zurück. In mir kam der Gedanke auf, dass er vielleicht verrückt sei.
„Stimmt ja, dies vergesse ich immer wieder, wenn ich mich längere Zeit nicht bei euch Menschen aufhalte. Ihr Menschen geht von der Annahme aus, dass Luzifer das personifizierte Böse ist, der Teufel, Satan, Beelzebub und all eure Namen für ihn. Das, was er in Wahrheit ist, habt ihr vor langer Zeit vergessen. Weshalb benötigt der Mensch in seinem Glauben über Jahrhunderte hinweg unbedingt einen Ort, wo Qualen, Folter und Pein herrschen? Dass die Hölle, in dem Sinne wie ihr Menschen denkt, nicht existiert, schließt nicht die Tatsache aus, dass du hier an diesen Ort gekommen bist. Jeder Mensch, der hierhergelangt ist, durchquert seine eigene persönliche Hölle. Es spielt keine große Rolle, in welcher Welt ihr euch befindet, jedes Individuum trägt die Finsternis in sich. Jedoch liegt es an jedem selbst, ob er dem Bösen, der Dunkelheit in sich, die Pforte zu seinem Leben öffnet und somit die Hölle in sich freilässt. Das Reich der ewigen Verdammnis haben wir nicht erschaffen, dies wart ihr Menschen selbst. Das Einzige, nachdem wir strebten, war, dass ihr die Liebe des Lebens trefft.“
Den letzten Satz hatte er mit leiser Stimme gesprochen. Für einen kurzen Moment war jegliche Kraft, die von ihm ausgegangen war verloschen und an ihre Stelle Traurigkeit getreten
„Ich bin hier, da ich aus Liebe diese Reise, meine Suche nach ihr angetreten habe. Weswegen ich gerade keine Zeit habe, diese Unterhaltung mit dir fortzuführen“, versuchte ich ihm zu erklären.
„Ich habe einen Vorschlag für dich, wir sind gleich am Lichtspielhaus angelangt, wo dir durch die Einführung einige Frage beantwortet werden, danach triffst du noch deinen zugewiesenen Verwalter. Ach, schau mal an, dir wird eben doch was zugewiesen, nur eben kein Kreis. Nach diesem ganzen Korinthenkacker-Zeug, beantworte ich dir noch ein paar Fragen. Hast du eigentlich schon einen Namen für mich?“
Wir zwängten uns weiterhin durch das Menschengetümmel, da fiel mein Blick auf einen irischen Pub. Er trug den Namen „Not yet“. Hinter dem Namen war ein überdimensionierter Smiley gemalt, der einen von oben herab leicht verhöhnend anblickte. Ich blickte dem verhöhnenden Smiley in die Augen, da überkam mich das Gefühl, einen Fehler begangen zu haben. All meine Hoffnung hatte ich in diese Reise gelegt. Sollte dies in Wahrheit ein wirres Konstrukt aus Wahnsinn und Traum sein?
„Diese Welt hier ist eine von vielen Realitäten des Universums. Du bist weder wahnsinnig, noch träumst du. Auch bist du an einem von mehreren richtigen Orten, um sie wiederzufinden. Manch einer vermag es in seiner eigenen Welt nicht schaffen, die Suche nach ihr erfolgreich zu Ende zu führen. Warte einfach die Einführung ab!“, ertönte es neben mir.
Konnte er Gedanken lesen? „Woher willst du wissen, was ich denke?“
„Glaubst du, du bist der erste Mensch, den ich hier begleite, glaubst du, du bist der einzige, der auf der Suche nach ihr ist?“ Was sollte dies nun zu bedeuten haben? Natürlich war ich der einzige Mensch auf der Suche nach ihr! Wer war er überhaupt, dass er sich das Recht herausnahm, mir Vorschriften zu machen, mich irgendwo hinzubringen? In mir keimte Verachtung für ihn auf, was ich ihm umgehend mitteilen wollte.
„Mir ist just in diesem Moment ein Name für dich eingefallen. Herr Klugscheißer!“
„Herr Klugscheißer, ja, weshalb nicht, ich weise dich darauf hin, dass du den Namen jederzeit ändern kannst, wann es dir beliebt“, sagte er mit einem Lächeln auf den Lippen.
„So, wir sind nun am Lichtspielhaus angekommen“, verkündete er mir.
Ich blickte in seine Richtung. Wir standen vor einem wunderschönen alten Kino wie aus den 20er Jahren. Es schrie förmlich: „Ich bin Nostalgie!“ Ich liebte zwar solche alten Kinos, doch war ich aus einem bestimmten Grund hier und der war weder ein Kinobesuch, noch eine Freundschaft mit ihm zu schließen.
„Herr Klugscheißer, ich soll mir nun einen Film ansehen? Ich habe keine Zeit für solche Albernheiten, denkst du, ich habe diese Reise auf mich genommen, um mir nun in aller Ruhe einen Film anzusehen?“, warf ich ihm an den Kopf.
„Du gehst da nun rein, setzt dich hin. Schaust dir die Einführung an. Dann gehst du zu deinem Verwalter, meldest dich an. Triffst mich und Rüdiger wieder hier draußen und wirst dann zu dem Schluss gelangt sein, mir umgehend einen neuen Namen zu geben.“ Dies sagte er zu mir, in demselben Tonfall, mit dem er zuvor mit der Frau geredet hatte, und in mir keimte ungewollt Respekt für ihn auf.
„Na gut, ich gehe da rein, und wie finde ich dich wieder?“, fragte ich ihn kleinlaut.
„Wir warten am Verwaltungsgebäude auf dich.“
Sein letzter Satz zu mir, dann ging er einfach an mir vorbei. Rüdiger sein Hund stand noch vor mir und warf mir einen Blick zu, welcher wohl ausdrücken sollte: „Entschuldige, mein Herrchen ist ab und an ein wenig gereizt, was denkst du, wie oft ich mich schon für ihn entschuldigen musste, doch im Grunde hat er ein gutes Herz.“ Nun deutete er eine Verbeugung an, um dann auf nur drei Pfoten davonzuhumpeln, da er seine linke Vorderpfote mit der Socke anhob, damit diese nicht den Boden berührte.
Herr Klugscheißer konnte wahrlich froh darüber sein, diesen Hund in seinem Leben zu haben. Wegen Rüdigers gekonnt eingesetzten Hundeblicks gab ich mir einen Ruck. Ich ging auf den Eingang des Kinos zu. „Eine Entscheidung wurde getroffen“, vernahm ich aus der Ferne. Ansonsten Stille.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 142
ISBN: 978-3-95840-291-1
Erscheinungsdatum: 15.12.2016
EUR 14,90
EUR 8,99

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