Verbunden ohne Blut
Ein österreichischer Waisenjunge im Java des Zweiten Weltkriegs
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 334
ISBN: 978-3-7116-1430-8
Erscheinungsdatum: 30.06.2026
Ein Waisenkind im Krieg, ein enteignetes Hotel, verschwundene Angehörige. In den Wirren der Kolonialherrschaft enthüllt sich ein gut gehütetes Familiengeheimnis und zwingt Victor zu einer schmerzhaften Suche nach seiner Identität. Nach einer wahren Geschichte.
Kapitel 1
Der Krankenwagen
Es ist November 1938. Ein langer, schwarzer Chevrolet mit einem blinkenden Licht auf dem Dach, einer breiten Tür hinten und einem weißen Kreuz mit dem Wort AMBULANCE an der Seite steht auf dem Kiesweg neben dem Hotel. Als ich dieses Auto vor unserer Tür sehe, weiß ich, dass etwas Schlimmes passiert ist.
Ich laufe zu Mamis Schlafzimmer. Die Sanitäter haben sie gerade auf eine Trage gelegt. Ihr Gesicht ist blass, fast grau, und ihre Augen sind trüb. Weil sie so groß ist – viel größer als Papi – ragen ihre Füße ein Stück über das Ende der Trage hinaus. Mami kleidet sich immer nach der neuesten Mode. Auch wenn sie krank ist, trägt sie ihren schicken schwarzen Satinhosenanzug mit der bunten Stickerei auf den Hosenbeinen, und an den Füßen hat sie mit Fell gefütterte Hausschuhe aus Leder. Mami hat ein längliches Gesicht und blaue Augen. Ich finde ihr Gesicht etwas langweilig und gewöhnlich, verglichen mit Tante Hildas, die immer ein Funkeln in den Augen hat und eine dünne, spitze Nase. Aber Mami hat einen herrlichen Schopf lockiger Haare. Wahrscheinlich habe ich meine Locken von ihr.
Ich gehe neben der Trage her zum hinteren Teil des Krankenwagens. Die Tür steht schon weit offen. Mami hat einen Berg von Kissen unter Kopf und Schultern. Plötzlich beginnt sie stark zu husten. Sie hält ein Tuch vor den Mund. Das Keuchen, mit dem sie versucht, Luft zu holen, erschreckt mich, ebenso wie das Röcheln beim Ausatmen. Ihr Gesicht ist rot, und auf dem Tuch ist Blut. Ich bin es gewohnt, dass Mami krank ist, aber diesmal ist sie sehr, sehr krank. Mein Körper zittert, meine Hände schwitzen. Tränen brennen hinter meinen Augenlidern, aber ich will nicht weinen. Ich will stark sein. Für Mami.
Der Husten hört auf. Mami seufzt tief und lehnt sich in die Kissen zurück. Sie schließt die Augen, während die Sanitäter sie mit einem Laken zudecken.
Meine Mami hat TB, Schwindsucht. Sie hat kleine Käfer in der Lunge, deswegen muss sie so stark husten. Als ich sie einmal fragte, warum sie so oft krank sei, erzählte sie mir, dass sie sich die Krankheit eingefangen habe, bevor ich geboren wurde, als sie noch in Wien lebte. Damals wohnte sie mit ihrer Mutter in einem feuchten Haus, und dort hat sie die Keime eingeatmet. Wenn sie so krank ist wie heute, kann sie nichts tun. Sie kann nicht arbeiten und sich nicht um mich kümmern. Sie liegt den ganzen Tag im Bett. Wenn Mami krank ist, kümmert sich Tante Hilda um mich. Eigentlich kümmert sich Tante Hilda sehr oft um mich.
Der Krankenwagen bringt Mami nach Bandung, in die Tuberkuloseklinik von Dr. Boon von Ochssee, wo sie von einem Lungenspezialisten untersucht und operiert werden wird. Ich kenne diesen Arzt, weil auch ich regelmäßig zur Kontrolle zu ihm muss – aber heute darf ich nicht mitfahren.
Bevor sie in den Krankenwagen gehoben wird, gebe ich Mami einen Kuss auf die Wange. „Tschüss, Mami. Ich hab dich lieb!“
Ein schwaches Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht, und mir wird warm ums Herz. Meine Mami ist die liebste Mami der ganzen Welt.
Tante Hilda steht neben mir. Sie legt den Arm um meine Schulter, und gemeinsam sehen wir zu, wie der Krankenwagen den Kiesweg entlangfährt. Plötzlich kommen die Tränen, die ich zurückhalten wollte, doch heraus, und meine Schultern beginnen zu zittern.
„Schhh … Schhh …“, flüstert Tante Hilda, kniet sich zu mir und versucht, mich zu trösten. „Mami ist in guten Händen, Bubi.“
„Was, wenn sie nie wieder nach Hause kommt?“ wimmere ich.
„Denk so etwas nicht, mein Schatz. Die Ärzte werden sie wieder gesund machen.“
Schniefend und dann schluchzend sehe ich dem Krankenwagen nach, bis er um die Ecke verschwindet.
„Komm, Bubi. Es ist Zeit für die Schule. Das wird dich ablenken“, sagt Tante Hilda. Ich trockne meine Augen mit dem Ärmel und schnäuze in Tante Hildas Taschentuch.
Ich werde nach der niederländischen Clerkx-Methode zu Hause unterrichtet, wie alle europäischen Kinder ab fünf Jahren. Meine Lehrerin – ich nenne sie Juffie, Fräuleinchen – ist eine Indo, also jemand mit gemischter europäischer-indonesischer Herkunft. Neben dem Niederländischen bringt sie uns auch malaiische Wörter und Ausdrücke bei. Ich mag meine Lehrerin sehr, und ich lerne gerne. Die zwei anderen Schüler in der Klasse sind Helga und Jutta Waldstein. Sie wohnen bei uns im Hotel, in einer der Wohnungen neben dem Haupthaus. Zu Hause sprechen sie Deutsch, genau wie ich, denn sie stammen aus Böhmen in Österreich. Helga, mit geflochtenem blondem Haar und großen blauen Augen, ist so alt wie ich, und ihre Schwester Jutta ist anderthalb Jahre jünger. Sie wohnen mit ihrer Mutter bei uns im Hotel, weil die Luft in Lembang gesünder ist als in der großen Stadt Batavia, wo ihr Vater arbeitet. Er ist Ingenieur und Leiter des topografischen Dienstes beim niederländischen Ministerium für Wasserwirtschaft. Er kommt nur am Wochenende nach Hause, was mich nicht stört, denn ich mag ihn nicht besonders. Er ist immer griesgrämig und kurz angebunden zu mir, obwohl ich erst acht Jahre alt bin.
Ich bin der einzige Junge in meiner Klasse, auch wenn meine blonden Locken genauso lang sind wie die der Mädchen. Ich trage jeden Tag dasselbe: kurze Hosen, ein Hemd, Socken und Sandalen. Meine geliebte Steinschleuder hängt immer halb aus meiner Tasche. Ich mache oft selbst welche aus Zweigen, aber sie gehen schnell kaputt. Diese hier ist etwas Besonderes. Sie liegt glatt und rund in meiner Hand, wie ein runder Stein. Unser Gärtner hat sie mir aus dem Hartholz des Djambu-Baums geschnitzt, der in unserem Hotelgarten wächst. Ich schieße auf fast alles – Bäume, Büsche, das Wasser im Graben, Schlangen und Spinnen –, aber nie auf Menschen oder Haustiere.
An diesem Morgen, bevor sie die Hausaufgaben kontrolliert, nimmt mich Juffie zur Seite und fragt: „Bubi, wie geht es dir?“
„Gut.“
„Deine Mami ist wieder krank, nicht wahr?“
Ich nicke.
„Das tut mir sehr leid, Liebling,“ sagt Juffie. „Aber lass uns über etwas Schöneres reden. Erzähl uns doch etwas Besonderes über deine Mami, das wir noch nicht wissen.“
Ich muss nicht lange überlegen: „In unserem kleinen Wohnzimmer steht ein Klavier. Meine Mami spielt sehr gut Klavier. Viel besser als Tante Hilda, die komplizierte Musik auf ihrem Flügel spielt. Mami spielt jeden Abend, bevor sie mich ins Bett bringt, und sie singt auch dazu.“
Ich schaue kurz weg. Mami spielt Klavier, während ich im Pyjama neben ihr stehe, ihre Stimme klingt in meiner Brust nach.
„Ich hab meine Mami sehr lieb! Sie kümmert sich um mich und beschützt mich. Ich finde sie schön und lieb.“
„Danke, Bubi, das ist eine zauberhafte Geschichte“, sagt Juffie. „Und sag mal,“ fährt sie fort mit einem geheimnisvollen Lächeln, „ist dein Vater denn nicht dabei, wenn Mami Klavier spielt?“
Ich kichere. „Aber nein! Papi wohnt auf der anderen Seite des Flurs, genau wie Tante Hilda.“
„Wie genau ist das bei euch, Bubi?“ fragt Juffie.
„Na, so wie ich’s gesagt hab … Sie haben ihr Wohnzimmer, wo Tante Hilda ihren Flügel stehen hat, und sie haben auch ein Schlafzimmer. Papi und Tante Hilda sind die Besitzer vom Hotel, und sie arbeiten oft abends, wenn ich schon schlafe. Tante Hilda kontrolliert alle Anweisungen, die Papi dem Personal gibt. Sie überprüft alles und jeden und schaut, ob die Arbeit richtig gemacht wird. Obwohl Tante Hilda streng ist, hab ich nie Angst vor ihr. Aber manchmal schimpft sie mit dem Diener, wenn die Betten nicht ordentlich gemacht sind. Oder wenn sie meint, dass die Wäsche nicht sauber genug ist. Dann rennt der Diener zu meiner Mami in die Wäschekammer, um neue Bettwäsche zu holen. Meine Mami ist die Chefin der Wäschekammer.“
„Aha“, sagt Juffie. „Jetzt verstehe ich!“
In ihrer Stimme liegt ein seltsamer Unterton, und plötzlich frage ich mich, warum Juffie sich eigentlich so sehr dafür interessiert, wie es bei uns zu Hause alles organisiert ist.
Nach der Schule essen Papi, Tante Hilda und ich gemeinsam ein warmes Mittagessen, und dann ist, wie immer, Siesta-Zeit. Papi und Tante Hilda schlafen eine Stunde, und ich muss in meinem Zimmer bleiben und leise spielen, ohne einen Ton von mir zu geben.
Ich vermisse Mami. Normalerweise würde sie mit uns zu Mittag essen und dann ihre Siesta im Schlafzimmer direkt neben meinem halten, aber ihr Bett ist jetzt leer. Sie muss die ganze Woche im Krankenhaus bleiben. Ich habe sie noch nie so laut husten gehört. Und als ich mich jetzt an das Blut auf dem Tuch erinnere, verkrampft sich mein Magen. Ich lege meine Hände auf den Bauch und beuge mich vor, bis der Krampf nachlässt.
Meine Gedanken sind unruhig, ich kann mich nicht auf meine Spielzeugautos konzentrieren. Meine Augen wandern im Raum umher. Ich muss hier raus! Aber was, wenn Papi es herausfindet? Wenn er merkt, dass ich allein losgezogen bin, ohne einen Erwachsenen, bekomme ich ganz sicher Prügel mit seiner Nilpeitsche – einem geflochtenen Stück Nilpferdhaut mit Fransen vornedran. Allein der Gedanke an die Schläge lässt mich erschauern, aber ich kann nicht anders – ich klettere aus dem Fenster und über den zwei Meter hohen Zaun. Ich werfe einen schnellen Blick zurück. Niemand scheint mir zu folgen, also renne ich den Hügel hinauf zur Bosscha-Sternwarte.
Die weißen Mauern der Sternwarte heben sich scharf vom frischen Grün der Wälder ab. Die auffällige Metallkuppel glänzt im grellen Sonnenlicht. Der Vater meines niederländischen Freundes Karel ist der Direktor der Sternwarte und sagt, sie sei die älteste im gesamten Niederländisch-Ostindien. Ich klopfe heftig an die schwere Holztür. Ihre Kupferbeschläge blinken in der Mittagssonne. Bald hallen schnelle Schritte durch den Flur, dann wird die Tür aufgerissen, und ich sehe in Karels grinsendes Gesicht.
„Bubi! Komm schnell rein, mein Vater ist gerade unterwegs.“
Mein richtiger Name ist Victor, aber alle nennen mich Bubi. Wir rennen die Steintreppe hinauf. Ich setze mich auf den Drehstuhl unter dem riesigen Sternengucker, und Karel dreht ihn so schnell wie möglich. Der Stuhl dreht sich, und ich mich mit ihm, und wir lachen uns kaputt, bis mir ein wenig schwindlig wird. Ich bringe den Stuhl abrupt zum Stillstand, springe ab – und falle gleich wieder um. Es dauert ein paar Sekunden, bis der Schwindel vorbei ist. Ich schaue zu Karel hinauf und grinse.
„Alles okay?“, fragt er.
„Ja! Lass uns die Kuppel öffnen“, sage ich. Ich spüre ein Flattern im Bauch. Die Kuppel zu öffnen ist der absolute Höhepunkt. Das große Metalldach öffnet sich in der Mitte – quälend langsam –, der Spalt wird immer größer, bis wir endlich den blauen Himmel sehen. Wir liegen auf dem Rücken auf dem Boden und blinzeln nach oben, während das Sonnenlicht hereinströmt und der riesige Sternengucker wie ein Spiegel glänzt. Nur für einen Moment ist die Sternwarte unser privater Spielplatz; dann, aus Angst, von Karels Vater erwischt zu werden, schließen wir das Dach schnell wieder. Plötzlich denke ich an Papis Peitsche – genauer gesagt, an ihr Brennen auf meinem Hintern.
„Ich muss nach Hause, bis später!“, rufe ich, springe auf und renne die Treppe hinunter.
Draußen blicke ich von der Sternwarte hoch zum Tangkuban Perahu, dem mächtigen Vulkan. Aus der Ferne wirken die Hänge blau und die Schluchten fast schwarz, aber wenn man oben steht, sieht man den üppigen grünen tropischen Regenwald, der Hügel und Täler bedeckt. Dort leben wilde Tiere – Schlangen, Spinnen, Panther und Affen. Verschlungene Pfade durchziehen den Dschungel, die von Köhlern und Holzsammlern benutzt werden und manchmal auch von Führern, die Touristen zum Gipfel bringen.
Rechts vom Berg liegt der kleine See. Man kann darin schwimmen, aber er ist nicht sehr sauber. Man kann auch außen herumgehen, durch die Bambuswälder, die das Seeufer säumen. Ich finde ihn gleichzeitig verlockend und unheimlich, weil dort schon seltsame Dinge passiert sind. Ich denke an jenen nebligen Tag zurück, als ich – wie so oft – allein rund um den See spazierte. Mehrere Männer waren bei der Arbeit, sie gruben große Löcher in den Boden, so tief, dass ihre Körper zur Hälfte darin verschwanden, während Erdbrocken herausflogen.
Irgendwie wusste ich – spürte es im Bauch –, dass diese Männer keine neugierigen Zuschauer wollten, also kauerte ich mich schnell hinter die dicken Bambusstämme. Warum graben die diese Löcher, fragte ich mich, besonders an so einem nebligen Tag?
In der Nähe lagen große dunkle Haufen herum. Ich kniff die Augen zusammen. Es waren Kühe. Sie lagen reglos im Gras mit aufgeblähten Körpern und steif in die Luft gestreckten Beinen. Es sah ziemlich unheimlich aus.
Ich versuchte, mich nicht zu bewegen, während ich die Männer beobachtete. Mein Herz pochte mir bis zum Hals. Schweiß tropfte von meiner Stirn. Plötzlich verkrampfte sich meine rechte Wade. Ich griff nach meinem Fuß, zog ihn hoch und versuchte, so leise wie möglich die Position zu wechseln. Plötzlich hörten die Männer auf zu graben. Sie blickten nervös um sich. Ich hielt den Atem an und duckte mich noch etwas tiefer in die Bambusstämme.
„He! Du da! Raus da!“, brüllte eine tiefe Männerstimme.
Obwohl ich vor Schreck erstarrte, sprang ich auf und rannte so schnell ich konnte davon. Ich rannte zu den Ställen des nächstgelegenen Bauernhofs und versteckte mich dort eine Weile, um nachzudenken, was ich gesehen hatte. Und dann verstand ich. Diese Kühe waren tot und sollten in den Löchern vergraben werden. Aber warum wurden sie heimlich verscharrt? Und wer waren diese Männer?
Erst als ich sicher war, dass mir niemand gefolgt war, traute ich mich wieder heraus. Zu Hause erzählte ich Mami die Geschichte, und sie erklärte mir, dass die Kühe krank gewesen sein könnten und dass sie verbrannt oder auf dem Hof vergraben werden müssten. Sie verbot mir, jemals wieder zum See zu gehen – aber natürlich habe ich dieses Verbot schon oft gebrochen. Und ich breche es auch heute wieder.
Ich schlendere den Berg hinab und biege rechts ab zu den weiten Feldern und den vielen Kuhställen unserer Nachbarn, der Familie Ursone. Ihr Hof heißt Baru Adjak. Ich laufe an meterhohen Elefantengrasfeldern vorbei. Ich verstehe nicht, wie die Kühe dieses Gras fressen können, ohne sich die Zunge aufzuschneiden, denn wenn ich hindurchlaufe, ritzt es mir regelmäßig schmerzhafte rote Striemen in die Schienbeine. Die Kühe der Familie Ursone sind angeblich die besten auf Java. Sie geben mindestens 45 Liter Milch am Tag.
Hinter den Wiesen des Hofes liegen die Plantagen ihrer Kinapflanzen. Diese Heilpflanzen sind baumhoch – so hoch, dass sie den Blick auf das Grand Hotel Lembang versperren, das an der Lembang-Straße Nr. 272 liegt. Dort wohne ich: im Hotel.
Ich beschleunige meinen Schritt und renne zum langsam fließenden Kanal am Rand des Hotelgartens. Ich pflücke etwas roten Sauerampfer und kaue darauf herum. Er schmeckt zitronig. Der Kanal ist voller Welse. Sie haben Barteln, die wie Katzenhaare aussehen. Ich liebe es, Stöcke hineinzustochern oder Steine zu werfen, weil die Fische dann erschrocken in den Schlamm flüchten. Die Einheimischen essen sie, unsere Bediensteten auch, und wenn ich bei ihnen bin, esse ich sie ebenfalls. Sie schmecken nach dem Schlamm, in dem sie leben.
Ich springe über den Kanal in den Garten. Unser Garten ist riesig, über drei Hektar groß, und ich kenne jede Ecke davon. Schade nur, dass ich immer allein bin. Deshalb besuche ich oft Freunde außerhalb des Gartens. Ich habe indo- und europäische Freunde. Manchmal gehe ich zum Pasar, dem einheimischen Markt, wo ich für einen Cent leckere indonesische Snacks kaufe. Natürlich will Papi nicht, dass ich das Grundstück allein verlasse, aber er hat keine Zeit, mich zu kontrollieren. Er ist immer beschäftigt.
Die Siesta ist fast vorbei. Ich klettere über den Zaun und durchs Fenster zurück in mein Schlafzimmer. Ich gehe zu Mamis Zimmer. Die Tür steht offen, und ihr Bett ist leer. Wie es ihr wohl geht? Sie bleibt eine Woche im Krankenhaus. Ich hoffe, der Lungenspezialist kann ihr helfen.
Kapitel 2
Skype-Gespräch I
Birgit Treipl, Nelson, BC, Kanada
Victor Treipl, Loupiac, Frankreich
2. Januar 2017
„Vermisst du Java noch?“
Ich sitze auf meinem rosaroten Gymnastikball in meinem Büro in Kanada und sehe meinen Vater live auf dem Dachboden seines Hauses in Frankreich auf dem großen Apple-Bildschirm. Die Verbindung ist so klar, als säße ich ihm direkt gegenüber am Schreibtisch. Die Technik fasziniert mich noch immer. Ich interviewe meinen Vater und will alles über sein Leben in Niederländisch-Ostindien erfahren. Ich bin so dankbar, dass er noch lebt. Ich finde, sein Geist ist noch wach, aber sein Gedächtnis lässt nach.
„Ob ich Java vermisse…“, murmelt Papa, und sein Blick schweift ab. Im Hintergrund singt jemand, begleitet von einem E-Piano – meine Mutter, die unten in der Küche mit ihren französischen Chorkolleginnen probt.
„Auf eine Art ja“, fährt er fort. „Es ist wunderbar hier, und das Leben auf dem französischen Land erinnert mich viel mehr an das in Niederländisch-Ostindien als das engstirnige Verhalten, das ich in den Jahren nach dem Krieg in den Niederlanden erlebt habe. Aber nichts geht über die indonesische Gastfreundschaft. Die Herzlichkeit der Menschen. Die Gerüche und Aromen. Die fantastischen Häppchen, die ich auf dem pasar, dem indonesischen Markt, gekauft habe. Und die Natur… Es war ein Paradies, wie aus einer anderen Welt!“
...
Der Krankenwagen
Es ist November 1938. Ein langer, schwarzer Chevrolet mit einem blinkenden Licht auf dem Dach, einer breiten Tür hinten und einem weißen Kreuz mit dem Wort AMBULANCE an der Seite steht auf dem Kiesweg neben dem Hotel. Als ich dieses Auto vor unserer Tür sehe, weiß ich, dass etwas Schlimmes passiert ist.
Ich laufe zu Mamis Schlafzimmer. Die Sanitäter haben sie gerade auf eine Trage gelegt. Ihr Gesicht ist blass, fast grau, und ihre Augen sind trüb. Weil sie so groß ist – viel größer als Papi – ragen ihre Füße ein Stück über das Ende der Trage hinaus. Mami kleidet sich immer nach der neuesten Mode. Auch wenn sie krank ist, trägt sie ihren schicken schwarzen Satinhosenanzug mit der bunten Stickerei auf den Hosenbeinen, und an den Füßen hat sie mit Fell gefütterte Hausschuhe aus Leder. Mami hat ein längliches Gesicht und blaue Augen. Ich finde ihr Gesicht etwas langweilig und gewöhnlich, verglichen mit Tante Hildas, die immer ein Funkeln in den Augen hat und eine dünne, spitze Nase. Aber Mami hat einen herrlichen Schopf lockiger Haare. Wahrscheinlich habe ich meine Locken von ihr.
Ich gehe neben der Trage her zum hinteren Teil des Krankenwagens. Die Tür steht schon weit offen. Mami hat einen Berg von Kissen unter Kopf und Schultern. Plötzlich beginnt sie stark zu husten. Sie hält ein Tuch vor den Mund. Das Keuchen, mit dem sie versucht, Luft zu holen, erschreckt mich, ebenso wie das Röcheln beim Ausatmen. Ihr Gesicht ist rot, und auf dem Tuch ist Blut. Ich bin es gewohnt, dass Mami krank ist, aber diesmal ist sie sehr, sehr krank. Mein Körper zittert, meine Hände schwitzen. Tränen brennen hinter meinen Augenlidern, aber ich will nicht weinen. Ich will stark sein. Für Mami.
Der Husten hört auf. Mami seufzt tief und lehnt sich in die Kissen zurück. Sie schließt die Augen, während die Sanitäter sie mit einem Laken zudecken.
Meine Mami hat TB, Schwindsucht. Sie hat kleine Käfer in der Lunge, deswegen muss sie so stark husten. Als ich sie einmal fragte, warum sie so oft krank sei, erzählte sie mir, dass sie sich die Krankheit eingefangen habe, bevor ich geboren wurde, als sie noch in Wien lebte. Damals wohnte sie mit ihrer Mutter in einem feuchten Haus, und dort hat sie die Keime eingeatmet. Wenn sie so krank ist wie heute, kann sie nichts tun. Sie kann nicht arbeiten und sich nicht um mich kümmern. Sie liegt den ganzen Tag im Bett. Wenn Mami krank ist, kümmert sich Tante Hilda um mich. Eigentlich kümmert sich Tante Hilda sehr oft um mich.
Der Krankenwagen bringt Mami nach Bandung, in die Tuberkuloseklinik von Dr. Boon von Ochssee, wo sie von einem Lungenspezialisten untersucht und operiert werden wird. Ich kenne diesen Arzt, weil auch ich regelmäßig zur Kontrolle zu ihm muss – aber heute darf ich nicht mitfahren.
Bevor sie in den Krankenwagen gehoben wird, gebe ich Mami einen Kuss auf die Wange. „Tschüss, Mami. Ich hab dich lieb!“
Ein schwaches Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht, und mir wird warm ums Herz. Meine Mami ist die liebste Mami der ganzen Welt.
Tante Hilda steht neben mir. Sie legt den Arm um meine Schulter, und gemeinsam sehen wir zu, wie der Krankenwagen den Kiesweg entlangfährt. Plötzlich kommen die Tränen, die ich zurückhalten wollte, doch heraus, und meine Schultern beginnen zu zittern.
„Schhh … Schhh …“, flüstert Tante Hilda, kniet sich zu mir und versucht, mich zu trösten. „Mami ist in guten Händen, Bubi.“
„Was, wenn sie nie wieder nach Hause kommt?“ wimmere ich.
„Denk so etwas nicht, mein Schatz. Die Ärzte werden sie wieder gesund machen.“
Schniefend und dann schluchzend sehe ich dem Krankenwagen nach, bis er um die Ecke verschwindet.
„Komm, Bubi. Es ist Zeit für die Schule. Das wird dich ablenken“, sagt Tante Hilda. Ich trockne meine Augen mit dem Ärmel und schnäuze in Tante Hildas Taschentuch.
Ich werde nach der niederländischen Clerkx-Methode zu Hause unterrichtet, wie alle europäischen Kinder ab fünf Jahren. Meine Lehrerin – ich nenne sie Juffie, Fräuleinchen – ist eine Indo, also jemand mit gemischter europäischer-indonesischer Herkunft. Neben dem Niederländischen bringt sie uns auch malaiische Wörter und Ausdrücke bei. Ich mag meine Lehrerin sehr, und ich lerne gerne. Die zwei anderen Schüler in der Klasse sind Helga und Jutta Waldstein. Sie wohnen bei uns im Hotel, in einer der Wohnungen neben dem Haupthaus. Zu Hause sprechen sie Deutsch, genau wie ich, denn sie stammen aus Böhmen in Österreich. Helga, mit geflochtenem blondem Haar und großen blauen Augen, ist so alt wie ich, und ihre Schwester Jutta ist anderthalb Jahre jünger. Sie wohnen mit ihrer Mutter bei uns im Hotel, weil die Luft in Lembang gesünder ist als in der großen Stadt Batavia, wo ihr Vater arbeitet. Er ist Ingenieur und Leiter des topografischen Dienstes beim niederländischen Ministerium für Wasserwirtschaft. Er kommt nur am Wochenende nach Hause, was mich nicht stört, denn ich mag ihn nicht besonders. Er ist immer griesgrämig und kurz angebunden zu mir, obwohl ich erst acht Jahre alt bin.
Ich bin der einzige Junge in meiner Klasse, auch wenn meine blonden Locken genauso lang sind wie die der Mädchen. Ich trage jeden Tag dasselbe: kurze Hosen, ein Hemd, Socken und Sandalen. Meine geliebte Steinschleuder hängt immer halb aus meiner Tasche. Ich mache oft selbst welche aus Zweigen, aber sie gehen schnell kaputt. Diese hier ist etwas Besonderes. Sie liegt glatt und rund in meiner Hand, wie ein runder Stein. Unser Gärtner hat sie mir aus dem Hartholz des Djambu-Baums geschnitzt, der in unserem Hotelgarten wächst. Ich schieße auf fast alles – Bäume, Büsche, das Wasser im Graben, Schlangen und Spinnen –, aber nie auf Menschen oder Haustiere.
An diesem Morgen, bevor sie die Hausaufgaben kontrolliert, nimmt mich Juffie zur Seite und fragt: „Bubi, wie geht es dir?“
„Gut.“
„Deine Mami ist wieder krank, nicht wahr?“
Ich nicke.
„Das tut mir sehr leid, Liebling,“ sagt Juffie. „Aber lass uns über etwas Schöneres reden. Erzähl uns doch etwas Besonderes über deine Mami, das wir noch nicht wissen.“
Ich muss nicht lange überlegen: „In unserem kleinen Wohnzimmer steht ein Klavier. Meine Mami spielt sehr gut Klavier. Viel besser als Tante Hilda, die komplizierte Musik auf ihrem Flügel spielt. Mami spielt jeden Abend, bevor sie mich ins Bett bringt, und sie singt auch dazu.“
Ich schaue kurz weg. Mami spielt Klavier, während ich im Pyjama neben ihr stehe, ihre Stimme klingt in meiner Brust nach.
„Ich hab meine Mami sehr lieb! Sie kümmert sich um mich und beschützt mich. Ich finde sie schön und lieb.“
„Danke, Bubi, das ist eine zauberhafte Geschichte“, sagt Juffie. „Und sag mal,“ fährt sie fort mit einem geheimnisvollen Lächeln, „ist dein Vater denn nicht dabei, wenn Mami Klavier spielt?“
Ich kichere. „Aber nein! Papi wohnt auf der anderen Seite des Flurs, genau wie Tante Hilda.“
„Wie genau ist das bei euch, Bubi?“ fragt Juffie.
„Na, so wie ich’s gesagt hab … Sie haben ihr Wohnzimmer, wo Tante Hilda ihren Flügel stehen hat, und sie haben auch ein Schlafzimmer. Papi und Tante Hilda sind die Besitzer vom Hotel, und sie arbeiten oft abends, wenn ich schon schlafe. Tante Hilda kontrolliert alle Anweisungen, die Papi dem Personal gibt. Sie überprüft alles und jeden und schaut, ob die Arbeit richtig gemacht wird. Obwohl Tante Hilda streng ist, hab ich nie Angst vor ihr. Aber manchmal schimpft sie mit dem Diener, wenn die Betten nicht ordentlich gemacht sind. Oder wenn sie meint, dass die Wäsche nicht sauber genug ist. Dann rennt der Diener zu meiner Mami in die Wäschekammer, um neue Bettwäsche zu holen. Meine Mami ist die Chefin der Wäschekammer.“
„Aha“, sagt Juffie. „Jetzt verstehe ich!“
In ihrer Stimme liegt ein seltsamer Unterton, und plötzlich frage ich mich, warum Juffie sich eigentlich so sehr dafür interessiert, wie es bei uns zu Hause alles organisiert ist.
Nach der Schule essen Papi, Tante Hilda und ich gemeinsam ein warmes Mittagessen, und dann ist, wie immer, Siesta-Zeit. Papi und Tante Hilda schlafen eine Stunde, und ich muss in meinem Zimmer bleiben und leise spielen, ohne einen Ton von mir zu geben.
Ich vermisse Mami. Normalerweise würde sie mit uns zu Mittag essen und dann ihre Siesta im Schlafzimmer direkt neben meinem halten, aber ihr Bett ist jetzt leer. Sie muss die ganze Woche im Krankenhaus bleiben. Ich habe sie noch nie so laut husten gehört. Und als ich mich jetzt an das Blut auf dem Tuch erinnere, verkrampft sich mein Magen. Ich lege meine Hände auf den Bauch und beuge mich vor, bis der Krampf nachlässt.
Meine Gedanken sind unruhig, ich kann mich nicht auf meine Spielzeugautos konzentrieren. Meine Augen wandern im Raum umher. Ich muss hier raus! Aber was, wenn Papi es herausfindet? Wenn er merkt, dass ich allein losgezogen bin, ohne einen Erwachsenen, bekomme ich ganz sicher Prügel mit seiner Nilpeitsche – einem geflochtenen Stück Nilpferdhaut mit Fransen vornedran. Allein der Gedanke an die Schläge lässt mich erschauern, aber ich kann nicht anders – ich klettere aus dem Fenster und über den zwei Meter hohen Zaun. Ich werfe einen schnellen Blick zurück. Niemand scheint mir zu folgen, also renne ich den Hügel hinauf zur Bosscha-Sternwarte.
Die weißen Mauern der Sternwarte heben sich scharf vom frischen Grün der Wälder ab. Die auffällige Metallkuppel glänzt im grellen Sonnenlicht. Der Vater meines niederländischen Freundes Karel ist der Direktor der Sternwarte und sagt, sie sei die älteste im gesamten Niederländisch-Ostindien. Ich klopfe heftig an die schwere Holztür. Ihre Kupferbeschläge blinken in der Mittagssonne. Bald hallen schnelle Schritte durch den Flur, dann wird die Tür aufgerissen, und ich sehe in Karels grinsendes Gesicht.
„Bubi! Komm schnell rein, mein Vater ist gerade unterwegs.“
Mein richtiger Name ist Victor, aber alle nennen mich Bubi. Wir rennen die Steintreppe hinauf. Ich setze mich auf den Drehstuhl unter dem riesigen Sternengucker, und Karel dreht ihn so schnell wie möglich. Der Stuhl dreht sich, und ich mich mit ihm, und wir lachen uns kaputt, bis mir ein wenig schwindlig wird. Ich bringe den Stuhl abrupt zum Stillstand, springe ab – und falle gleich wieder um. Es dauert ein paar Sekunden, bis der Schwindel vorbei ist. Ich schaue zu Karel hinauf und grinse.
„Alles okay?“, fragt er.
„Ja! Lass uns die Kuppel öffnen“, sage ich. Ich spüre ein Flattern im Bauch. Die Kuppel zu öffnen ist der absolute Höhepunkt. Das große Metalldach öffnet sich in der Mitte – quälend langsam –, der Spalt wird immer größer, bis wir endlich den blauen Himmel sehen. Wir liegen auf dem Rücken auf dem Boden und blinzeln nach oben, während das Sonnenlicht hereinströmt und der riesige Sternengucker wie ein Spiegel glänzt. Nur für einen Moment ist die Sternwarte unser privater Spielplatz; dann, aus Angst, von Karels Vater erwischt zu werden, schließen wir das Dach schnell wieder. Plötzlich denke ich an Papis Peitsche – genauer gesagt, an ihr Brennen auf meinem Hintern.
„Ich muss nach Hause, bis später!“, rufe ich, springe auf und renne die Treppe hinunter.
Draußen blicke ich von der Sternwarte hoch zum Tangkuban Perahu, dem mächtigen Vulkan. Aus der Ferne wirken die Hänge blau und die Schluchten fast schwarz, aber wenn man oben steht, sieht man den üppigen grünen tropischen Regenwald, der Hügel und Täler bedeckt. Dort leben wilde Tiere – Schlangen, Spinnen, Panther und Affen. Verschlungene Pfade durchziehen den Dschungel, die von Köhlern und Holzsammlern benutzt werden und manchmal auch von Führern, die Touristen zum Gipfel bringen.
Rechts vom Berg liegt der kleine See. Man kann darin schwimmen, aber er ist nicht sehr sauber. Man kann auch außen herumgehen, durch die Bambuswälder, die das Seeufer säumen. Ich finde ihn gleichzeitig verlockend und unheimlich, weil dort schon seltsame Dinge passiert sind. Ich denke an jenen nebligen Tag zurück, als ich – wie so oft – allein rund um den See spazierte. Mehrere Männer waren bei der Arbeit, sie gruben große Löcher in den Boden, so tief, dass ihre Körper zur Hälfte darin verschwanden, während Erdbrocken herausflogen.
Irgendwie wusste ich – spürte es im Bauch –, dass diese Männer keine neugierigen Zuschauer wollten, also kauerte ich mich schnell hinter die dicken Bambusstämme. Warum graben die diese Löcher, fragte ich mich, besonders an so einem nebligen Tag?
In der Nähe lagen große dunkle Haufen herum. Ich kniff die Augen zusammen. Es waren Kühe. Sie lagen reglos im Gras mit aufgeblähten Körpern und steif in die Luft gestreckten Beinen. Es sah ziemlich unheimlich aus.
Ich versuchte, mich nicht zu bewegen, während ich die Männer beobachtete. Mein Herz pochte mir bis zum Hals. Schweiß tropfte von meiner Stirn. Plötzlich verkrampfte sich meine rechte Wade. Ich griff nach meinem Fuß, zog ihn hoch und versuchte, so leise wie möglich die Position zu wechseln. Plötzlich hörten die Männer auf zu graben. Sie blickten nervös um sich. Ich hielt den Atem an und duckte mich noch etwas tiefer in die Bambusstämme.
„He! Du da! Raus da!“, brüllte eine tiefe Männerstimme.
Obwohl ich vor Schreck erstarrte, sprang ich auf und rannte so schnell ich konnte davon. Ich rannte zu den Ställen des nächstgelegenen Bauernhofs und versteckte mich dort eine Weile, um nachzudenken, was ich gesehen hatte. Und dann verstand ich. Diese Kühe waren tot und sollten in den Löchern vergraben werden. Aber warum wurden sie heimlich verscharrt? Und wer waren diese Männer?
Erst als ich sicher war, dass mir niemand gefolgt war, traute ich mich wieder heraus. Zu Hause erzählte ich Mami die Geschichte, und sie erklärte mir, dass die Kühe krank gewesen sein könnten und dass sie verbrannt oder auf dem Hof vergraben werden müssten. Sie verbot mir, jemals wieder zum See zu gehen – aber natürlich habe ich dieses Verbot schon oft gebrochen. Und ich breche es auch heute wieder.
Ich schlendere den Berg hinab und biege rechts ab zu den weiten Feldern und den vielen Kuhställen unserer Nachbarn, der Familie Ursone. Ihr Hof heißt Baru Adjak. Ich laufe an meterhohen Elefantengrasfeldern vorbei. Ich verstehe nicht, wie die Kühe dieses Gras fressen können, ohne sich die Zunge aufzuschneiden, denn wenn ich hindurchlaufe, ritzt es mir regelmäßig schmerzhafte rote Striemen in die Schienbeine. Die Kühe der Familie Ursone sind angeblich die besten auf Java. Sie geben mindestens 45 Liter Milch am Tag.
Hinter den Wiesen des Hofes liegen die Plantagen ihrer Kinapflanzen. Diese Heilpflanzen sind baumhoch – so hoch, dass sie den Blick auf das Grand Hotel Lembang versperren, das an der Lembang-Straße Nr. 272 liegt. Dort wohne ich: im Hotel.
Ich beschleunige meinen Schritt und renne zum langsam fließenden Kanal am Rand des Hotelgartens. Ich pflücke etwas roten Sauerampfer und kaue darauf herum. Er schmeckt zitronig. Der Kanal ist voller Welse. Sie haben Barteln, die wie Katzenhaare aussehen. Ich liebe es, Stöcke hineinzustochern oder Steine zu werfen, weil die Fische dann erschrocken in den Schlamm flüchten. Die Einheimischen essen sie, unsere Bediensteten auch, und wenn ich bei ihnen bin, esse ich sie ebenfalls. Sie schmecken nach dem Schlamm, in dem sie leben.
Ich springe über den Kanal in den Garten. Unser Garten ist riesig, über drei Hektar groß, und ich kenne jede Ecke davon. Schade nur, dass ich immer allein bin. Deshalb besuche ich oft Freunde außerhalb des Gartens. Ich habe indo- und europäische Freunde. Manchmal gehe ich zum Pasar, dem einheimischen Markt, wo ich für einen Cent leckere indonesische Snacks kaufe. Natürlich will Papi nicht, dass ich das Grundstück allein verlasse, aber er hat keine Zeit, mich zu kontrollieren. Er ist immer beschäftigt.
Die Siesta ist fast vorbei. Ich klettere über den Zaun und durchs Fenster zurück in mein Schlafzimmer. Ich gehe zu Mamis Zimmer. Die Tür steht offen, und ihr Bett ist leer. Wie es ihr wohl geht? Sie bleibt eine Woche im Krankenhaus. Ich hoffe, der Lungenspezialist kann ihr helfen.
Kapitel 2
Skype-Gespräch I
Birgit Treipl, Nelson, BC, Kanada
Victor Treipl, Loupiac, Frankreich
2. Januar 2017
„Vermisst du Java noch?“
Ich sitze auf meinem rosaroten Gymnastikball in meinem Büro in Kanada und sehe meinen Vater live auf dem Dachboden seines Hauses in Frankreich auf dem großen Apple-Bildschirm. Die Verbindung ist so klar, als säße ich ihm direkt gegenüber am Schreibtisch. Die Technik fasziniert mich noch immer. Ich interviewe meinen Vater und will alles über sein Leben in Niederländisch-Ostindien erfahren. Ich bin so dankbar, dass er noch lebt. Ich finde, sein Geist ist noch wach, aber sein Gedächtnis lässt nach.
„Ob ich Java vermisse…“, murmelt Papa, und sein Blick schweift ab. Im Hintergrund singt jemand, begleitet von einem E-Piano – meine Mutter, die unten in der Küche mit ihren französischen Chorkolleginnen probt.
„Auf eine Art ja“, fährt er fort. „Es ist wunderbar hier, und das Leben auf dem französischen Land erinnert mich viel mehr an das in Niederländisch-Ostindien als das engstirnige Verhalten, das ich in den Jahren nach dem Krieg in den Niederlanden erlebt habe. Aber nichts geht über die indonesische Gastfreundschaft. Die Herzlichkeit der Menschen. Die Gerüche und Aromen. Die fantastischen Häppchen, die ich auf dem pasar, dem indonesischen Markt, gekauft habe. Und die Natur… Es war ein Paradies, wie aus einer anderen Welt!“
...

