Unser anderes Kind

Unser anderes Kind

Sabine Roy


EUR 10,90
EUR 6,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 174
ISBN: 978-3-99026-181-1
Erscheinungsdatum: 10.01.2012
Das Ehepaar Roy lebt mit seinem Sohn Michael im Osten Deutschlands. Als der zweite Sohn Falk auf die Welt kommt, zeigen sich schon bald Komplikationen. Falks Gesundheitszustand verschlechtert sich; es dauert Jahre, bis das Ehepaar begreift, einen geistig behinderten Sohn zu haben …
<strong>Glück – dein Name ist Falk</strong>

Oh Gott, was war das? Aus dem Schlaf gerissen spüre ich plötzlich Nässe zwischen meinen Beinen. Schnell knipse ich die kleine Bettlampe an. Wasser! Überall Wasser – die Fruchtblase ist geplatzt. Hastig klingele ich nach der Schwester. Die setzt mich fix in einen Rollstuhl und ab geht es in den Kreißsaal. Endlich ist es so weit. Unser zweites Kind kommt, sehnsüchtig erwartet, regelrecht herbeigesehnt. Unser zweites Kind, von dem wir uns genauso viel Aufgeschlossenheit, Neu- und Wissbegier, Geschick, Liebe, Kontaktfreudigkeit – kurz, Glück für alle – erhoffen. Ohne auch nur im Entferntesten zu erwägen, dass ja nicht immer alle Wünsche in Erfüllung gehen. Jetzt eine Wehe – hecheln, hecheln, hecheln. Der Blutdruck ist in Ordnung, der Muttermund fast ganz geöffnet. Die Hebamme geht erst noch einmal hinüber in den Vorbereitungsraum; ich habe Zeit, tief durchzuatmen.
Meine Gedanken wandern zu Michael, unserem Erstgeborenen. Ich sehe ihn noch zu seiner Einschulung ganz genau vor mir: schon beim Klassenfoto die meisten Kinder überragend. Saß bei einigen von ihnen das ABC-Schützen-Käppi gut, rutschte es bei anderen bis auf die Ohren. Bei unserem Sohn jedoch wirkte es wie eine kleine, verschrumpelte Blase. „Na, hoffentlich passt auch viel rein in die große Rübe!“, schmunzelte mein Mann. Optimistisch erinnerte ich ihn daran, dass Michael im letzten halben Jahr immer wieder aus Zeitschriften, von Büchern oder irgendwelchen Dingen die Druckbuchstaben abgeschrieben hatte und danach fragte, was er geschrieben habe. Manchmal wurde er richtig wütend, denn statt eines Briefes an die Oma las ich ihm dann „ZEICHENBLOCK“ oder „MEHL“ vor. Auf jeden Fall wusste er bereits um die Faszination der Buchstaben und Bücher. Inzwischen hatte Michael auch seine Zuckertüte vom Zuckertütenbaum erhalten. Stolz und glücklich nahm er die Glückwünsche und Geschenke der Verwandtschaft entgegen. Dann ging es ab ins Gartenlokal. Unser Micha hatte inzwischen seine Würde als Schulkind verdaut und genoss den blitzenden Tacho am Fahrrad, den sein Vati mit guten Beziehungen und etwas Westgeld aufgetrieben hatte. Übermütig raste Michael mit seinem Fahrrad vor, zwischen und hinter uns und freute sich diebisch, wenn jemand erschrak oder eine Pfütze aufspritzte. Das Herz wurde uns weit, unser Kind so glücklich und unbeschwert zu sehen. Mögest du, kleines Kerlchen, auch eine solche Zukunft vor dir haben! Wir, deine Eltern, werden alles, alles dafür tun …
Ganz brutal werden meine Gedanken wieder in die Gegenwart zurückgerissen. Die nächste Wehe hat mich voll im Griff. „Nicht pressen! Hecheln, hecheln, hecheln! Gut gemacht! Der Muttermund ist jetzt voll geöffnet.“ Die Hebamme wischt mir den Schweiß vom Gesicht. Inzwischen liegt mit mir eine weitere Kreißende im Saal, eine ganz junge Frau. Deren Stöhnen und Wimmern geht bei jeder Wehe in Schreie über. Als sie jedoch nach ihrer Mama schreit, muss auch ich schmunzeln. Die Hebamme wird ziemlich resolut. Meine nächste Wehe lässt sich Zeit.
Mit der Schule begann besonders für Micha eine spannende Zeit. Fix sprang er morgens aus dem Bett, frühstücken, anziehen und dann – hurra! – auf in die Schule! Gerade Striche, schräge Striche, Wellenlinien. Die ersten Buchstaben standen bald auf Du und Du mit ihm. Zahlen – pah, zählen konnte Michael schon lange. Zwar nur bis 15 richtig und dann nach seinem persönlichen System. Aber jetzt bekam ja jede Zahl eine Bedeutung. Mensch, Schule ist echt cool. Stillsitzen und Mundhalten ist blöd. Wenn die Lehrerin seinen Zeigefinger nicht sah, musste er ihn eben bis zum Vordermann ausrenken. „Ich!!! Ich weiß!!! Ich will wissen“ war seine Devise. Dafür gab es sogar noch „Bienchen“. Er liebte diese Bienchen. Ich glaube, die Bienchen liebten auch unseren Micha. Das Stillsitzen für vier Stunden gelang unserem Sohn allmählich besser. Aber wenn die Schule aus war, musste er erst mal rennen, eine Runde um den Wohnblock und dann ab nach Hause. Hochrot im Gesicht, grundsätzlich mit offener Jacke und im Redeschwall kaum zu bremsen, so kam unser Sohn täglich von der Schule. Er begann schon im Hausflur mit seinen Berichten über neue Buchstaben, Wörter, Aufgaben – und erst Heimatkunde!. Wie spannend ist doch die Welt. Aber Leseübungen sind blöd und immer und immer wieder die gleichen Wörter und Aufgaben sind öde.

Sein Vati arbeitete inzwischen im Elternaktiv mit. Wir hatten dadurch kurze Wege zur Lehrerin und konnten die Schule bei Wandertagen, Exkursionen und Klassenfahrten unterstützen. Schon nach 3 Monaten war Michael ein großes Schulkind geworden. Eines Morgens verabschiedete er sich mit den Worten: „Du brauchst gar nicht mehr am Fenster zu stehen und winken – ich drehe mich nicht mehr um!“ Unser großes Schulkind und die vielen Bienchen.
Michael hatte auch schnell viele Freunde und Freundinnen in der Klasse gefunden. Oft wurde er zu Kindergeburtstagen eingeladen. Um unserem Sohn zu den anstrengenden Unterrichtsvormittagen einen Ausgleich zu bieten, meldeten wir ihn zum Schwimmunterricht an. Auch hier zeigte sich sein kleines Kämpferherz. Obwohl Michael ganz tief im Wasser lag, kämpfte sich seine Badekappe (wieder eine verschrumpelte Blase) Zentimeter um Zentimeter bis zum Beckenrand. Dieser Kampf wurde schließlich mit dem „Seepferdchen“ gekrönt. Später schickten wir ihn zum Fußballtraining. Michael war stets regelmäßig und mit vollem Einsatz dabei. Vormittags die interessante Schule, nachmittags oft Sport – super! Aber Hausaufgaben sind verschwendete Zeit, Lernen und Üben stinklangweilig – war die Meinung unseres Sohnes. Wenn er trotzte, waren wir konsequent; schließlich wird gerade in den Anfangsjahren das Fundament fürs Leben gelegt. Waren wir mit der Hausordnung dran, fegte Micha jeden zweiten Tag die Treppe. Altpapier und leere Flaschen durfte er allein zum Handel bringen und das erhaltene Retourgeld zu seinem Taschengeld legen. Aber unser Michael ist sparsam. Zu Festen und Geburtstagen allerdings überraschte er uns immer wieder mit tollen, ideenreichen Geschenken. So hütete ich z. B. noch jahrelang eine Gewürzsammlung von ihm. Dazu hatte er leere Bierflaschen ausgewaschen, diese mit Aufklebern versehen und dann mit den erforderlichen Gewürzen gefüllt. Oft gab es maximal 3 Tüten eines Gewürzes, sodass Michael mehrere Läden durchforsten musste. Noch heute habe ich ein von ihm gestaltetes Kochbuch. Dazu sammelte er Kalenderblätter mit Rezepten, klebte sie auf und illustrierte und kommentierte sie lustig. So ging das erste Schuljahr viel zu schnell und sehr erfolgreich zu Ende.
Inzwischen hat mich die Hebamme an einen Wehentropf angeschlossen. Ich liege nun schon über sieben Stunden in den Wehen, aber es geht nicht weiter. „Mach schon, du Mäuschen, komm! Quäl uns nicht länger!“, würde ich ihm gerne zurufen. Langsam spüre ich, wie meine Kraft nachlässt. Die junge Frau neben mir schreit ungehemmt, aber die Hebamme bietet ihr Paroli. Der Arzt kommt: „Blutdruck okay, Muttermund weit geöffnet, Herztöne regelmäßig.“ Na los, du Würmchen, bald ist es auch mit meiner Tapferkeit vorbei, komm endlich! Wir wollen dich schließlich kennenlernen.
Schon im Kindergarten plagten Michael häufig Bronchitiden. Sie drohten chronisch zu werden – oder gar ein Pseudokrupp? Wir litten mit, wenn unser Sohn nachts mit pfeifendem Atem vor unserem Bett stand. Deshalb musste in jedem Jahr wenigstens während der Sommerferien ein Ostseeaufenthalt her. Was machte es schon, dass sich der Vati dafür jeweils Anfang Januar ab 18 Uhr beim Reisebüro anstellte? Schließlich hatte er einen Watteanzug an und eine Thermoskanne mit heißem Tee dabei. Am nächsten Tag gab es ab 8 Uhr (nach 14 Stunden!) die begehrten Urlaubsplätze. Nur wenn wir unter den ersten 30 Kunden waren, hatten wir die Chance auf einen Ostseeplatz in der Hauptsaison (auch wenn es manchmal nur eine Bruchbude mit Außentoilette war). Wie stolz und glücklich war unser Vati dann immer, wenn er uns die Urlaubstickets präsentierte.
Bereits im 2. Schuljahr schrieb die Klassenleiterin ins Zeugnis: „Michael weiß oft mehr als andere Kinder.“ Inzwischen war er im Lesen so versiert, dass es fast zur Sucht wurde. Michael ging mit einem Buch in der Hand in die Badewanne und stieg nach ca. 10 Minuten und etlichen gelesenen Seiten wieder mit dem Buch in der Hand aus der Wanne, ohne sich jedoch der Seife bedient zu haben. Jetzt begann er das Lesen als Wissenserwerb zu begreifen. Gemeinsam mit seinem Vati und einem Buch richtete Michael sein erstes Aquarium ein. Guppis, Welse, Black Mollys und Schleierschwänze wurden beobachtet, dokumentiert und katalogisiert. In der Schule gab es eine Schulmesse. Michael baute mit seinem Vati einen Schaukasten über „Funde des Meeres“. Seine gesammelten „Schätze“ fanden nicht nur viel Anklang, sondern hingen noch jahrelang im Biologiezimmer.
Den Spreewald vor der Tür mieteten wir uns bei schönem Wetter oft ein Paddelboot und erkundeten so unsere Heimat. Das Lernen in der Schule fiel Michael stets sehr leicht. Er begriff schnell und erkannte sicher Zusammenhänge. Dabei zeigte er oft einen starken Willen und viel Temperament. Nur wenn es galt, ein sicheres Fundament im Faktenwissen – z. B. durch Lernen der Malfolgen, Vokabeln, Länder o. Ä. zu schaffen, gab es oft einen Kampf, der manchmal auch sehr konsequent von uns beendet wurde. Alles, was Michael in der Schule theoretisch über seine Heimat erfuhr, vertieften wir am Wochenende durch Ausflüge. Lernte er das Ehrenmal in Berlin-Treptow kennen, sahen wir es uns an. Waren Indianer ein Thema, ging es nach Radebeul ins Indianermuseum. So kamen wir auch nach Dresden, fuhren zum Schloss Pillnitz, waren häufig in der Sächsischen Schweiz, immer wieder in Berlin und besuchten fast alle größeren Zoos und Tiergärten in der DDR. Alles, aber auch alles interessierte unseren Michael. Sein Schreibtisch war stets voller Bücher (so entdeckte ich von ihm auch eine Auflistung über Goldfunde in Afrika), aber eine A3-große Fläche war stets für die Schule reserviert. Die Zensuren waren optimal. Michael, intellektuell und körperlich gefordert, mit einem äußerst breiten Interessenspektrum ausgerüstet, gesund – abgesehen von einigen Bronchitiden – und überaus geliebt von seinen Eltern; das alles wollten wir noch einmal erleben. Noch einmal ein Kind, einen solchen Sonnenschein.
Der Wehentropf war inzwischen bis zur Hälfte durchgelaufen. Die Schreie der jungen Frau sind verklungen. Nun war sie selbst Mama. Aber ich habe es noch nicht geschafft. Jetzt – die Wehen kommen in immer dichteren Abständen. Wir stellen uns auf das Finale ein. Presswehen! Es zerreißt mich fast. „Hecheln, hecheln, hecheln. Das Köpfchen kommt! Pressen! Jetzt kräftig pressen! Schön atmen, gut. Ganz ruhig!“ Die nächste Presswehe ist da. Ich habe kein Gefühl mehr für Raum und Zeit, spüre nur noch diesen enormen Druck, der mir den Atem nimmt. „Pressen! Pressssssseeeeennn – es kommt! Ein Junge!“
Mir rinnen Tränen des Glücks über das Gesicht. Geschafft! Zunächst wird das Kind abgenabelt und dann untersucht. Schließlich wird mir das kleine Menschlein auf den Bauch gelegt. Staunend betrachte ich durch den Tränenschleier das kleine große Wunder, seine 10 Fingerchen, 10 Zehchen, 2 Öhrchen, 1 Nase … Tatsache, alles dran. Mensch, du kleine Maus, da hast du es uns aber ganz schön schwer gemacht! Aber von heute an soll es nur noch schöne Stunden für uns geben – das ist meine feste Überzeugung. Dabei war der Start ins Leben bei unserem Zweitgeborenen doch mühsamer als beim ersten Sohn. Ein schlechtes Omen? Die Presswehen, der Schnitt – schon vergessen. Nachwehen? Nehme ich gern in Kauf für meinen Sohn. Nur Glück ist da, so viel Glück und Liebe!
Glück – dein Name ist Falk.

Schon wenige Stunden später stehen Michael und sein Vati vor der Tür. Unser sparsamer Michi hat von seinem Taschengeld sogar einen Blumenstrauß gekauft und sein Vati hat mir einen wunderschönen Ring geschenkt. Gerührt beobachten wir, wie andächtig Michael seinem Brüderchen das erste Küsschen schenkt, zärtlich die Fingerchen hält und zaghaft den Haarflaum berührt. Fasziniert betrachtet Micha das Pochen in der Fontanelle. Dankbar nimmt mich mein Mann in seine Arme; glauben wir doch fest daran, dass das Glück in unserer Familie eine feste Heimat gefunden hat. Auch die nächsten Tage verlaufen äußerst harmonisch. Unsere zwei großen Männer besuchen uns täglich. Falks Nabel heilt gut. Ich kann voll stillen und pumpe noch Milch ab. Unser Sohn hat reichlich Hunger und nimmt sogar schon etwas zu. Die Abschlussuntersuchung der Gynäkologin ergab: alles okay; die der Kinderärztin: ein Prachtbursche mit 54 cm und 4.075 Gramm – viel Glück für die Zukunft! Warum denn nicht? Es sind doch immer die anderen, denen Schlimmes passiert!


<strong>Falk versetzt uns in Panik</strong>

Nach einem halben Jahr etwa haben wir unseren neuen Lebensrhythmus gefunden. Mein Mann geht voll arbeiten. Michael ist inzwischen in der 4. Klasse. Falk und ich genießen das Zuhausesein. Er schläft jetzt nachts durch. Ich stille immer noch, füttere aber schon Brei zu. Überhaupt ist Essen eine von Falks Lieblingsbeschäftigungen, dazu kommt das Entdecken der Umwelt. Ist unser Falk wach, brabbelt er vor sich hin oder spielt mit seinen Händchen. Kommt jedoch sein großer Bruder Michael in sein Blickfeld, lacht und jauchzt er vor Vergnügen. Beim Verlassen der Wohnung führte ihn sein letzter und beim Zurückkommen sein erster Weg stets zu Falks Wiege.. Obwohl wir alle nicht sehr musikalisch sind, höre ich Michael oft Falk „Alle meine Entchen“ vorsingen. Mein Mann hilft nach seiner Arbeit tüchtig im Haushalt mit. Aber ich habe ja noch ein halbes Jahr, bis ich wieder ins Berufsleben einsteige. Diese Zeit wollen wir vier alle tüchtig nutzen.
Heute allerdings ist die Zeit ziemlich knapp, denn ich habe um 11.30 Uhr einen Termin bei der Mütterberatung. Dort soll ich mit Falk vorstellig werden. Er wird untersucht, gemessen und gewogen und erhält die 3. Dreifach-Schutzimpfung. Aber kein Problem, die 1. und 2. Impfung hat er ja schon überstanden. Nur dass bei der 3. Impfung jetzt die Dosierung umfangreicher ist. Außerdem ist unser Sohn schon 6 Monate alt.
Also Falk fertig gemacht und in den Kinderwagen gelegt, mich selbst angezogen und los geht’s. Bei der Ärztin ist wieder großer Andrang. Aber uns beiden macht das nichts aus. Falk guckt neugierig durch die Gegend und ich vergleiche wieder einmal. Stelle wieder fest, dass unser Sohn der Niedlichste von allen ist. Schließlich holt uns die Schwester in den Vorbereitungsraum: wiegen – gut zugenommen, messen – schön gewachsen. Die Schwester legt die Impfung bereit, desinfiziert die Stelle – und schon impft die Ärztin. Falks lautstarker Protest ist bis in den Warteraum zu hören. Auch die anschließende Untersuchung durch die Kinderärztin verläuft so völlig nach Wunsch. Ist doch klar, dass wir ein gesundes und hübsches Kind haben; aber wir hören es auch gern.
Inzwischen ist es 13 Uhr: Schnell nach Hause und füttern, um 14 Uhr kommt Michael heim. Vorher hole ich aber noch etwas zur Vesper. Unser süßer Falk schläft schon. Er wird auch nicht wach, als ich ihn in die Wiege lege. Pünktlich klingelt Micha Sturm: „Du, Mutti, heute haben wir einen Film über Jacques Cousteau gesehen …“ Aber erst geht’s zu Falk, einmal über das Köpfchen gestreichelt. Micha zuckt zurück: „Mutti, ich glaube, Falks Stirn ist warm.“ „Quatsch, wir waren doch vorhin bei der Ärztin und sie hat nichts festgestellt“, entgegne ich und berühre Falks Stirn. Sie kommt mir auch warm vor. Aber bald kommt ja unser Papa nach Hause und dann wird unser Nesthäkchen gebadet. Eine gute Gelegenheit, um Fieber zu messen. Während Michael noch immer begeistert von der Schule berichtet, schaue ich noch einmal nach Falk. Aber der schläft schon wieder, atmet gleichmäßig und hat eine schöne rosige Gesichtsfarbe. Michael plappert ununterbrochen. Gemeinsam decken wir den Vespertisch. Nun kommt unser Vati, Küsschen, Hände waschen und „familytime“. Jeder erzählt, was der Tag so für ihn brachte. Schließlich wird es Zeit, Falk zu baden und zu füttern. Michael verzieht sich in sein Zimmer.
Mein Mann bereitet im Bad das Badewasser vor und ich ziehe unser Spätzchen aus. Jetzt kommt mir Falk doch heiß vor und ich rufe meinem Mann zu: „Bring mir doch bitte das Fieberthermometer mit!“ Plötzlich sehe ich, wie Falks Augen zu flackern anfangen, der Blick dann starr wird und sich sein Köpfchen weit nach hinten zieht. Voller Panik rufe ich nach meinem Mann. Nun wird Falk am ganzen Körper steif, Arme und Beine beginnen heftig zu zucken. „Einen Arzt!“, schreie ich. Blitzschnell wickelt mein Mann das Badetuch um das steife Körperchen und rennt mit dem Kind aus der Wohnung. Ich renne hinterher – zurück, der Autoschlüssel! Mist! Warum sind wir in den 4. Stock gezogen! Wir stürzen in den 3., 2., 1. Stock, Hochparterre, Parkplatz. Zitternd und laut weinend versuche ich die Autotür aufzuschließen. Es geht nicht! Verdammt – es geht nicht!!!! Ist ja auch die falsche Tür! Auf die Fahrerseite, los! Los! Ich sehe das Bündel in den Armen meines Mannes zucken und höre Keuchen. Endlich ist die Autotür auf, Zündung. „Ich kriege den Gang nicht rein!“, schreie ich. „Los! Fahr endlich los! Wir brauchen schnell einen Arzt!“ Endlich. „Aber das ist ja der Rückwärtsgang!“, brüllt mein Mann. Plötzlich steht ein Nachbar neben uns, reißt die Autotür auf: „Ich fahre Sie!“ Blitzschnell sind wir umgestiegen. Falk in seinem Badetuch zuckt und zuckt, die Augen weit aufgerissen, der Blick starr. Der Atem geht keuchend. Seine Gesichtsfarbe hat inzwischen von rosa zu blau gewechselt. „Schnell – er stirbt!“ Der Nachbar rast los, Licht und Blinkanlage an. Sämtliche Verkehrsregeln und viele Ampeln außer Acht lassend rasen wir durch die Stadt, über Gehwege, kürzen durch eine Einbahnstraße ab. Falk zuckt und zuckt. Das Gesichtchen ist inzwischen ganz blau. Er bekommt kaum noch Luft. Aus seinem Mund rinnt ein dünner Blutfaden. „Bitte, lieber Gott, hilf! Hilf uns!“
Endlich ist das Krankenhaus in Sicht. Ich renne vor, auf die Kinderstation, verliere einen Schuh. Zurück! Ach, ich habe ja noch Hausschuhe an!! Schnell weiter! Auf dem Gang kommt mir eine Frau im weißen Kittel entgegen, ein Stethoskop um den Hals. „Sind Sie Ärztin?“, rufe ich. „Schnell, wir brauchen Hilfe! Unser Sohn hat einen Anfall!“ Plötzlich kann ich das Unfassbare benennen. Da eilt mein Mann auch schon mit dem zuckenden Falk auf den Armen herbei. „Hier, hier hinein!“, befiehlt die Ärztin und öffnet eine Tür. Ich sehe gerade noch, dass Falk Schaum vor dem Mund hat, bevor sich die Tür hinter meinem Mann schließt. Hektik und Gerenne auf dem Flur. Mehrere weiße Kittel verschwinden hinter der gleichen Tür.
Entsetzt breche ich auf meinem Stuhl zusammen und werde von einem Weinkrampf geschüttelt. Kreidebleich kommt mein Mann nach einiger Zeit aus dem Zimmer und setzt sich neben mich, nimmt mich in den Arm.test
5 Sterne
Bewegend - 10.02.2017
Berg

Eine bewegende Familiengeschichte, die die Extreme zeigt - ein scheinbar "normales" Leben und dann das Leben und die Herausforderungen mit einem Kind mit Behinderung. Für viele Menschen sicherlich kaum nachvollziehbar und völlig neue Erfahrungswerte. Hut ab vor den Familienmitgliedern, die den Kampf für das Kind und die Familie stets und kontinuierlich führen,

5 Sterne
Tabuthema aus Betroffenensicht - 10.02.2017

Das Buch stellt ein Plädoyer für die (gellschaftliche-notwendige) Akzeptanz der körperlichen und emotionalen Liebe bei Menschen mit Behinderung dar - sicherliche keine Selbstverständlichkeit - sicherlich kein Thema, mit dem man sich täglich auseinandersetzt. Allerdings regt es zum Nachdenken an und zeigt, womit Betroffene und Familienangehöärige zu kämpfen haben - ein kurzer und sensibler EInblick in den Lebensalltag.

4 Sterne
Sehr bewegend - 01.09.2013
Winkler

Roy schreibt tiefgründig über ihr Familienleben, manchmal wünscht man sich noch mehr teilhaben zu können. Am Anfang erscheint alles noch völlig normal zu laufen, aber schnell wendet sich das Glück der Familie und man ist als Leser mittendrin. Ich lese selten Bücher fast am Stück, aber die Geschichte fesselt einfach. Das Ende erahnt man ein wenig und dennoch ist man enttäuscht. Natürlich nicht auf das Buch bezogen, sondern auf den Inhalt, den man dort liest.In drei Worten:bewegend, tiefgründig, gut!

5 Sterne
Sehr fesselnd! - 25.06.2012
Lisann von Ameln

Ein sehr schönes Buch. Ich habe es innerhalb weniger Stunden verschlungen. Ich hatte vor vielen Jahren, zu meiner Grundschulzeit, die Ehre, Frau Roy kennenzulernen. Sie ist eine außergewöhnliche Frau! Dieses Buch: Unser anderes anderes Kind ist sehr aufschlussreich und gut zu lesen. Ich hoffe, dass es der Autorin Frau Roy genauso viel Freude bereitet hat, das Buch zu schreiben, wie mir, es zu lesen. Vielleicht ist es ja nicht das letzte Buch von ihr?! Ich für meinen Teil werde das Buch wärmstens weiterempfehlen!

5 Sterne
Bewundernswert - 12.04.2012
Elke Liebezeit

Ich habe das Buch „Unser anderes Kind“ gelesen. Es hat mich sehr beeindruckt. Diese Familie verdient meine Anerkennung. Was da geleistet wurde und auch geleistet wird, ist bewundernswert. Diese Kraft aufzubringen und dann nicht zu verzweifeln, ist eine enorme Leistung. Die ganze Liebe der Eltern beiden Kindern gegenüber gerecht zu werden ist ein Balance-Akt. Umso enttäuschender die Reaktionen des Erstgeborenen. Schämt er sich für seinen Bruder? Falk hat doch nur seine Eltern, ohne die er doch nicht allein zurechtkommt. Er hat doch keine Chance sein Leben selber zu gestalten. Auch sollte der „Große“daran denken, daß es schließlich seine Eltern waren, die ihm den Weg geebnet haben und auch den Grundstein für die Entwicklung gelegt haben. In meinen Augen haben die Eltern nichts falsch gemacht.

5 Sterne
Unser anderes Kind - 12.04.2012
Brigitte Neubert

Ein sehr emotional geschriebenes Buch. Es gibt einen tiefen Einblick in eine Familie mit einem gesunden und einem behinderten Kind. Es zeugt von großer Liebe für das gesunde und das behinderte Kind. Es spiegelt aber auch die große Verzweiflung der Eltern wider, mit dieser großen Last, ein Leben mit einem schwerstbehinderten Kind. Ich bewundere die Kraft der Eltern.

5 Sterne
"Unser anderes Kind" - 10.03.2012
Elfriede Senk

Auch mich hat dieses Buch stark berührt - zeigt es doch uns Eltern, die wir gesunde Kinder haben, wie gut es uns geht. Bewundernswert an dieser Mutter und diesem Vater sind nicht nur die Kraft und die Ausdauer, die sie im täglichem Leben mit ihrem behinderten Kind aufbringen, sondern auch die große Liebe, die sie beiden Kindern gleichzeitig entgegenbringen. Ich hoffe sehr, dass viele, viele Menschen dieses Buch lesen und über das Leben mit behinderten Menschen nachdenken.

4 Sterne
"Unser anderes Kind" von Sabine Roy - 08.03.2012
Regine und Werner Freier

Das o.g. Buch hat meinen Mann und mich sehr stark berührt. Es ist für die Autorin eine sehr große Herausforderung, über die wahren Begebenheiten in der Familie zu schreiben. Die große Liebe zu dem Falk macht beide Elternteile so stark, dass sie in der Lage sind, das Leiden des erwachsenen Kindes zu ertragen und auf weite Reisen, Veranstaltungen und andere schönen Dinge des Lebens zu verzichten. Sie opfern viel Zeit, dem Sohn immer wieder die Liebe zu beweisen, indem sie alle Dinge mit ihm unternehmen, wozu er in der Lage ist. Bewundernswert, woraus diese Eltern die Kraft schöpfen und sich immer wieder neuen Herausforderungen stellen. Wir ziehen vor beiden Elternteilen den Hut und wünschen für die Zukunft alles erdenklich Gute und viel Zuversicht.Wir wünschen uns, dass dieses Buch von vielen Menschen gelesen wird und zum Nachdenken und Handeln anregt.

5 Sterne
Unser anderes Kind - 22.02.2012
Dagmar Klausner

Ich habe dieses Buch in einem Zug gelesen. Es ist sehr interessant geschrieben und die Form gefällt mir sehr gut. Diese Absätze regen stets zum Weiterlesen an. Es ist nur zu empfehlen. In dem Buch erkennt man die Probleme der Eltern mit behinderten Kindern. Wahsinn, was da durchgemacht wird. Hut ab!

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