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Und es blieb alles ganz anders

Luka Otto Anticevic

Und es blieb alles ganz anders

Leseprobe:

Kapitel 1



Womit begründete er überhaupt den Verdacht auf seine Unsterblichkeit? War es eine göttliche Eingebung, die ihn daran erinnerte, oder war es lediglich naive Überheblichkeit, der schlichte Dummheit zugrunde lag? Oder gab ihm mangelndes Erinnerungsvermögen das Gefühl immerwährender Existenz? Er konnte sich nicht an seine Geburt erinnern, was ja nahelag. Aber auch die kindlichen Phasen des Lernens und die Zeiten anfänglicher Unbeholfenheit waren weit außerhalb seiner Erinnerung. Es war, als hätte er schon immer alles gewusst, als wäre ihm die Erfahrung nur kurz entglitten, bis er sich ihrer durch die verschiedensten, vorwiegend bildlichen Gedächtnisstützen wieder erinnerte. Wohl hatte er Angst - unermessliche Angst - besonders als Jugendlicher, falls dieser Terminus für einen Unsterblichen überhaupt zulässig ist. Angst, die nicht wie bei Kindern in den meisten Fällen von Unkenntnis herrührte. Nein - es war nicht die Angst vor dem Unbekannten, es war eher die Angst vor dem vertrauten Unvermeidlichen. Niemals geboren worden zu sein, hatte trotzdem gerade für ihn paradoxerweise etwas Schicksalhaftes, Unbeeinflussbares. Er würde nie Einfluss auf sein Dasein nehmen können. Warum auch - alles, was er sich vornehmen sollte, war ebenso schon geschehen wie tatsächlich schon Geschehenes. Weil alles nur Vorstellbare und Unfassbare schon geschehen war, hatte das Unbegreifbare dadurch seinen Nimbus verloren. Für ihn gab es keine Kausalität. Alles schon Geschehene und alles zu Erwartende als Folge des bereits Geschehenen ereignete sich zugleich. In einem einzigen Moment, der nur so lange währte wie die Gegenwart. Eine beziehungslose, aber dennoch nicht isolierte Existenz als Reflexion ewigen Daseins - ohne Reaktionen. Kaum jemand ahnte etwas von seiner Unsterblichkeit, obschon besonders die Sensiblen genug Gelegenheit gehabt hätten, dies festzustellen. Zu den Sensiblen waren wohl auch seine Lehrer zu zählen, die schon bald erkannt hatten, dass er sich von seinen Mitschülern wesentlich unterschied. Er war der Einzige der gesamten Schule, der sozusagen vom Unterricht befreit war und nicht angehalten wurde, Denkanweisungen schriftlich festzuhalten, auf dass sie im späteren Leben angeblich Anwendung finden sollten. Man machte ihm nicht weis, was er zu wissen hätte und was er noch lernen müsse. Er zeigte nur, was er seit aller Ewigkeit wusste. Sie erkannten wohl diese Fähigkeit, nannten sie aber in Unkenntnis über seine Person schlicht und einfach Talent. Während seine Mitschüler mehr oder weniger eifrig aus Büchern lasen und das Erlesene wieder in Hefte schrieben, zeichnete er unter ständiger Beobachtung seiner Lehrer die Seitentafeln voll, die für seine anschaulichen Kundgebungen wie geschaffen waren. Er beschränkte sich nur auf das Zeichnen, denn Ewigkeit lässt sich weder beschreiben noch erzählen. Weil die Lehrer nicht bemerkten, dass diese Bilder Zeugnisse seiner Ewigkeit waren, hielten sie seine Fähigkeiten für Begabungen. Wohl erkannten sie den Unterschied zwischen seinen Bildern und jenen seiner Mitschüler, weil wie immer das Auffallende besonders hervortrat. Aber den Seinszusammenhang hatten sie nie mitbemerkt. Auch seine Eltern maßen seinen sogenannten Talenten keine besondere Bedeutung bei und sahen sich wie seine Lehrer genötigt, ihm Verhaltensmaßregeln aufzuzwingen, um, wie sie alle ungeduldig erklärten, einen Menschen aus ihm zu machen, der es in seinem allzu kurzen Leben zu etwas bringen sollte. Zu was und warum er es zu etwas bringen sollte, konnte er bei all seinen herausragenden Talenten nicht begreifen. Er musste nicht vorsorgen - seine Existenz war nie gefährdet, weil er unsterblich war. Aus diesem Grunde konnte er auch niemandem etwas hinterlassen und sah auch keine Notwendigkeit, irgendwelchen Besitz anzuhäufen, der anderenfalls nur zeitlich begrenzt zu seiner Verfügung gestanden hätte. Während seine Mitmenschen kein Verständnis für seine Lebensauffassung, die ja seine immerwährende Existenz zum Inhalt hatte, aufbrachten, akzeptierte er hingegen nicht nur das Verhalten der anderen, sondern hatte auch mehr als nur tolerantes Verständnis dafür. Dieser Umstand war auf sein uneingeschränktes Wissen, dass er über seine Mitmenschen hatte, die mit ihrer umgebenden Natur in Distanz standen, zurückzuführen. Die anderen wurden in die Natur hineingeboren - als Unwissende, als Abhängige. Sie lernten zunächst Fragen zu formulieren, um sie dann später stellen zu können. Die Antworten der anderen Unwissenden und die persönlichen Erfahrungen, immer aus der Sicht eines Wesens mit zeitlich begrenzten Lebensinhalten, ließen sie dann Urteile bilden, die so ein begrenztes Leben sehr vereinfachten, eigentlich aber nur dafür geschaffen waren. Er, der Ungeborene, stellte keine Fragen an die anderen. An diesem Wissen wollte er sich nicht bereichern, denn dieses Wissen war nicht mehr und nicht weniger als die Beschäftigung mit dem Problem der Freiheit und der Vorbestimmtheit in Ermangelung der Beziehung zum Überrealen und Überrationalen, immer wieder auf die gleiche Weise in Form des begrenzten Frage- und Antwortspiels. Ihm blieb die Erkenntnis, dass nur begrenzte Wesen Fragen stellen und die Begrenzung auch durch keine wie immer geartete Antwort aufgehoben werden kann. Er schien von keiner Neugierde geplagt, und so hielt man sein Verhalten für Borniertheit und Interesselosigkeit, die eine zu dieser Zeit vielverbreitete Hoffnungslosigkeit als Ursache zu haben schien. Trotzdem galt er im Allgemeinen nicht als Mensch ohne jede Zukunft, immerhin hatte er ja wenigstens ein herausragendes Talent, zumindest was das Bemalen von Tafeln und Wänden betraf. Man bearbeitete ihn unaufhörlich, suchte mit allen Mitteln sein Interesse für die begrenzte Welt zu wecken und mehr und mehr kam er in Bedrängnis. Es dauerte nicht lange, bis sie endlich auch ihm ein Urteil abgerungen hatten. Und nach geraumer Zeit begann er gewisse Menschen zu mögen und andere wieder nicht, ließ sich für bestimmte Zwecke motivieren, hatte Sehnsüchte, Wünsche und Ängste. So begab es sich, dass er sich nach und nach seiner Göttlichkeit entledigte und immer weiter von der Ewigkeit entfernte. Noch erinnerte er sich aller Vorzüge, die er als ewig existierendes Wesen hatte, aber sein Leben war ein anderes geworden. Es kam sogar eine Zeit, da unterwarf er sich den anderen kompromisslos, um nicht von ihnen mit Anerkennungsentzug bestraft zu werden. Manchmal - ganz selten - überkamen ihn Gefühle, die ihn an jene Zeit erinnerten, die sich ihm seit dem Verlust der Unbegrenztheit als seltsame Wirklichkeit bar jeder Erfahrung und Erlösung darstellten. Es bedurfte vieler Jahre, ihn vollkommen in die begrenzte Welt des Ratio und des Überlebens einzuführen. Zum einen hatte er eine schnelle Auffassungsgabe und zum anderen war er wohl auch nicht gefestigt genug, um sich gegen die fortwährenden Beeinflussungen zur Wehr zu setzen. Wenn er sich auch ohne wesentliche Gegenwehr in die begrenzte Welt einfügte, sah er sich doch außerstande, die Überlebenstugenden zu begreifen und zu erlernen. Wie er sich gegen den Verlust seiner Unsterblichkeit nicht erfolgreich zur Wehr zu setzen vermochte, war es ihm auch nicht gegeben, Fähigkeiten zu entwickeln, die ihm ein vermeintlich angenehmeres Leben beschert hätten. So blieb er wohl der Begabte, der sich in vielerlei Hinsicht und besonders in der Kunst darstellte und stets bemüht war, dem Bedürfnis nachzukommen, seine Suche nach der verlorenen Unendlichkeit durch Kunstwerke zu einer Gebärde werden zu lassen, die aus der Mitte heraus im Gegensatz zum angelernten Verhalten entstanden war. Aber er verstand es nicht, sich unentbehrlich zu machen, sich zum richtigen Zeitpunkt an der rechten Stelle in Szene zu setzen. Hätte er die Notwendigkeit dieser Überlebensmaßnahme begriffen, wäre ihm einiges an Unannehmlichkeiten erspart geblieben. Sein uneingeschränkter Einsatz galt seiner Suche nach der verlorenen Unendlichkeit, die in seinen zahlreichen Bildern ihren Ausdruck fand. Ansonsten blieb ihm nur noch die Hoffnung auf Verständnis für das grenzenlose Erlebnis der suggestiven Andeutung, das so weit und so tief war, wie er es immer wieder erlebte und die Fantasie der anderen sie machen sollte. Er vertraute darauf, dass man seine Sprache verstünde, die darauf ausgerichtet war, das Wesen der Unendlichkeit aus dem unübersichtlichen Kontext zu lösen und in den wahren Zusammenhang zu stellen. Das Bestreben, sich darzustellen und damit alles zu sagen zu versuchen, konnte er mit den anderen nicht teilen, weil sie alles zu sagen versuchten, was sie bedeuten wollten und dadurch noch weniger bedeuteten, was sie zu sagen imstande waren. Seine Arbeit blieb für ihn eine einzige Manifestation seines sehnsuchtserfüllten Lebens nach der Unendlichkeit, nicht wahrnehmend, dass das Empfangen und Zurückgeben in aussichtsloser Begrenztheit schon ein sicheres Zeugnis der Ewigkeit war. Sowenig er sich über das ungestillte Bedürfnis hinwegsetzen konnte, sich in Übereinstimmung mit seinen Talenten zu entfalten, was andere Begabte als Recht empfanden, während er es als Verpflichtung auffasste, war er imstande die Spannungen zu ertragen, die bei der Versagung seiner Bedürfnisse oder Verständnislosigkeit seiner Mitmenschen entstanden. Trotz alledem konnte er sich einer gewissen Beliebtheit nicht erwehren. Seine unvorhersehbaren Launen, deren Ursache in seiner Unzufriedenheit zu suchen war, weckten die Neugierde der anderen, die ihrerseits nichts unversucht ließen, um zu seinem engeren Bekanntenkreis zu gehören. Diese Launen, die immer dann zutage traten, wenn ihm seine unentwegten und teils erfolglosen Anpassungsbemühungen unerträglich wurden, schienen sich von Ventilen lenken zu lassen. Im gleichen Maß, wie seine Arbeit auf Verständnislosigkeit stieß, nutzte er seine Talente nicht mehr zur Persönlichkeitsbildung und Selbstfindung, sondern machte sie zum Schwerpunkt seiner Anpassungsversuche. Nicht Bequemlichkeit war da die Triebfeder seines Verhaltens, sondern Angst. In diesen Situationen war es die Angst vor dem Unbekannten, die sich in seine Seele eingenistet hatte. Schnell hatte er gelernt, dass diese Gesellschaft kaum Fehler verzieh, am allerwenigsten jene, die sich der Kontrolle der Gesellschaft entzogen. Ob in Gesprächen mit reifen, unfehlbaren älteren, oder mit jungen unbeherrschten Menschen, immer war er bemüht, die Erwartungen seines Gegenübers zu erfüllen und wenn möglich zu übertreffen. Vielleicht hätte eine Verwandte einmal sein Leben grundlegend ändern können. Damals - als er vor die Entscheidung gestellt wurde, einen Beruf zu erlernen. Seine Tante, die sich immer schon für Kunst interessierte und der es auf ihre einfühlsame Art und trotz aller widrigen Umstände gelungen war, sein Interesse für die zumeist unverstandene gegenstandslose zeitgenössische Malerei zu wecken, schien auserkoren, sein Leben entscheidend zu beeinflussen und ihn auf einen Weg zu führen, der schließlich unweigerlich in seinen ursprünglich vorbestimmten münden sollte, wenn seine Familie nicht auch für sie ein unüberwindbares Bollwerk gewesen wäre. Er konnte von ihr keine Hilfe erwarten - sie sah sich kaum in der Lage, ihre eigenen Interessen gegen diese Übermacht an Verständnislosigkeit zu wahren. So beugte er sich damals schließlich dem allgemeinen Beschluss, zunächst die Laufbahn eines Technikers einzuschlagen. Nicht zuletzt deshalb, weil seine nächsten Verwandten nichts anderes erwarteten. Seine mangelnde Begabung für derartige Berufe und sein technisches Desinteresse konnte die Ausbildungsfürsorge seiner Verwandten nicht stoppen. Er war für sie nicht zuletzt wegen seiner musischen Begabungen ein hilfloses, lebensunfähiges Wesen, dessen Talente ihrer Ansicht nach seine Hilflosigkeit eher noch bestätigten, weil sie von ihnen für eine, wenn auch harmlose, Art Geisteskrankheit gehalten wurden. Nicht, dass sie grundsätzlich seine Liebe zum Zeichnen und Musizieren unterbinden wollten, sie waren lediglich der Technik und ihren Auswirkungen dermaßen verfallen, dass sie Musik für eine Errungenschaft der Radio- und HI-FI-Technik hielten und die Malerei den vielfältigen Heilmethoden der Psychotherapie zuordneten. Als er in früheren Jahren einmal selbstzerstörerische Absichten äußerte, weil er die Belastungen der begrenzten Welt nicht mehr zu ertragen glaubte, drückten seine besorgten Verwandten ihm hurtig Papier und Bleistift in die Hand, da sie doch in der Tätigkeit des Zeichnens und Malens therapeutische Heilkraft vermuteten. Wie sich dann herausstellen sollte, war diese Vermutung nicht so abwegig, denn sobald er zu zeichnen begann, verflog seine Nervosität und sein Gesicht bekam einen friedvollen Ausdruck. Niemand ahnte, woher die Ruhe kam, die er ausstrahlte, wenn er seine fremdartigen Zeichnungen machte. Selbst bei näherer Betrachtung war es den anderen nicht möglich gewesen, irgendetwas Erkennbares in seinen Zeichnungen zu entdecken. Nichts was sie sahen, war ihnen im Detail unbekannt, aber in der Gesamtheit ergab es für sie keinen Sinn. Da sie es nicht für besorgniserregend hielten, durfte er immer, wenn sie es für angebracht erachteten, zeichnen. Trotz seines unentwegten Bestrebens, sich den anderen anzupassen, ließ er nicht ab von seinen Zeichnungen. Nachdem er nur zeichnen durfte, wenn es die anderen für notwendig hielten, täuschte er oft genug krankhafte Nervosität vor, um sich seiner geliebten Beschäftigung widmen zu dürfen. Wie ängstlich und unbeholfen er auch im Umgang mit den anderen war, so unbeirrt und sicher führte er den Zeichenstift. Im gleichen Maße wie ihre Ratlosigkeit stieg, die sie angesichts seiner Zeichnungen empfanden, genoss er ihre Neugierde und die Tatsache, dass die anderen nicht nur außerstande waren, den Zeichenstift mit der von ihm gewohnten Sicherheit zu führen, sondern auch unfähig waren, seine Kunstwerke zu deuten und zu verstehen. Und doch liebte er seine Verwandten in einem Maße, wie man es nur in äußerst harmonischen familiären Verhältnissen erwarten konnte, so unterschiedlich ihre Auffassungen über seine Bilder auch waren. Alle hatten sie mit ihren Eigenheiten, die ihn bisweilen zur Verzweiflung trieben, doch einen unverrückbaren Stammplatz in seinem Herzen. Die Mutter, die sich nahezu immer zwischen elterlichem Gehorsam und ehelichen Pflichten entscheiden musste, versuchte sich durch aufopfernde Arbeit dieser Entscheidung zu entziehen. Sein Onkel, der Bruder seiner Mutter, war immer sein großes Vorbild gewesen. Aber seine ganz besondere Zuneigung galt seinem Großvater und seinem Vater. Obschon sich die beiden nicht sonderlich verstanden, blieben sie in seiner Vorstellung untrennbar und standen, soweit es ihnen möglich war, immer zu seiner Verfügung. Besonders der Großvater verstand es immer wieder, ihn mit seinen Erzählungen aus besseren Zeiten, die sich wie Karl Mays Abenteuergeschichten anhörten, in seinen Bann zu ziehen. Außerdem besaß er als Einziger die Geduld, sich mit den vernachlässigten Schulpflichten seines Enkels auseinanderzusetzen. Neben seiner Tante war der Großvater vermutlich ebenfalls der Einzige, der für seine künstlerischen Ambitionen Verständnis zeigte und ihm vielleicht sogar ein wenig Bewunderung entgegenbrachte, wenn diese unbändige Lust in seiner Brust aufkam, diese Gier nach den scheinbar zusammenhanglosen Zeichen des ewigen Lebens, dieser unbeschreibliche Zwang zu schauen und zu gestalten, immer auf der Suche nach seiner verlorenen Sicherheit. Immer im vergeblichen Kampf mit der Zeit, mit dem ihm fremden Nacheinander. Immer auf der Suche nach dem Verlorengegangenen.
Was er von seinem Vater wusste, war größtenteils aus dessen eigenen Erzählungen gespeist. Während in Großvaters Geschichten zumeist seine eigene Person im Mittelpunkt stand, beschrieb sein Vater in schwärmender Weise seine Heimat. Er war keineswegs eine Künstlernatur und übermäßig reich an Fantasie. Seine Erzählkunst lebte von seinem überschwänglichen Temperament und dem Vergnügen, sich selbst zuzuhören, wenn er von seiner geliebten Heimat erzählte, von den schönen Zeiten seines Lebens, die offensichtlich nicht einmal ganze zwei Jahrzehnte währten und nur seine Kindheit, seine Jugendzeit bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zum Inhalt hatten. Seine Begeisterung, die seine erzählenden Fähigkeiten weit übertraf, wohl auch weil er die deutsche Sprache nur dürftig beherrschte, fand in seinen ständigen Persuasionen und Affirmationen unwidersprochene Unterstützung. Die ganze Persönlichkeit seines Vaters blieb seinem Verständnis sehr lange nicht erreichbar. Absolut alles, was sein Vater dachte, sagte und tat, war für ihn uneingeschränkte Wahrheit und unbedingt nachahmenswert, sodass er ihn als etwas Unnachahmliches und Vollkommenes sah, als eine Gestalt von geborener Reinheit und gelebter Würde, deren Unerreichbarkeit durch ihre Fremdheit und ihre Liebe zur verlorenen Heimat nur noch größere Bestätigung fand. Er kannte keinen Zweifel, keine Kritik an ihm, damals noch nicht, wenn es auch hin und wieder Konflikte mit seinem Vater gab, die aber irgendwann immer zugunsten des Vaters abgebrochen wurden. Aber bei diesen Konflikten stand ihm sein Vater nie als gleichwertiger Diskussionspartner, sondern immer als Richtender, Warnender, Bestrafender oder Verzeihender gegenüber. Die vorgelebte Tugend seines unantastbar scheinenden Vaters ließen ihn zunächst seines Erzeugers Anschauungen kritiklos übernehmen. Erst später in der Schule, als sich ähnliche Verhältnisse mit dem einen oder anderen Lehrer wiederfanden, begannen seine ersten Versuche, sich der bedingungslosen Unterordnung zu widersetzen, Früchte zu tragen. Doch zunächst tat sich bei seines Vaters Erzählungen für ihn eine heile, heitere und lebensfrohe Welt auf, die in ihm den Wunsch weckte, nichts anderes als endlich jene Insel zu besuchen, auf der, nach den Beschreibungen seines Vaters, das Leben so paradiesisch, so friedlich und voller Eintracht gewesen sein soll. Als Beweis für die Richtigkeit seiner Erzählungen hatte sein Vater einiges von jenen Lebensgebräuchen seiner Insel auch hier eingeführt. Nicht nur, dass sich sein Vater durch die hier eingeführten Bräuche seiner Heimat und des durch die Kriegswirren Geraubten wieder erinnerte, sondern er brannte durch seine Geschichten die ihm teuren Bilder in die Seele seines Sohnes. Mit diesem gewissen Kult, den sein Vater seinen Erinnerungen an seine Heimat und an seine Jugend widmete, mochte es auch zusammenhängen, dass die Erzählungen von seinem Sohn und wohl allen Zuhörern so widerstandslos aufgesogen wurden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 192
ISBN: 978-3-99064-071-5
Erscheinungsdatum: 30.01.2018
EUR 15,90
EUR 9,99

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