Trank der Götter (Hardcover)
EUR 27,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 374
ISBN: 978-3-7116-0036-3
Erscheinungsdatum: 05.12.2024
Der spirituelle Mischa wird von den grausamen Geistern seiner Vergangenheit geplagt, die Kunstmalerin Ronnie lähmt die Angst vor der Gegenwart. Als das Schicksal die Pfade der beiden verknüpft, wagen sie die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft.Gelingt ihnen das?
1. Kapitel
Ronnie
Die Stimme des Mannes am anderen Ende der Leitung zieht mich augenblicklich an wie ein Magnet. Sie klingt warm und zuverlässig. Nichts erinnert an den offiziellen Tonfall von Angestellten, die lediglich ihre Arbeit tun und darüber vergessen, dass das Leben weitaus mehr bereithält. In dieser Stimme dagegen liegen die Freude und Beschwingtheit einer frischen Brise. Und schon fragt sie: „Wann können wir uns treffen, um das Projekt zu besprechen?“
Mir bleibt keine Zeit zu erklären, dass ich offenbar irrtümlich eine falsche Nummer gewählt habe, er lässt mich gar nicht zu Wort kommen. Ich nehme noch einen Anlauf und will ihm sagen, dass ich Kunstmalerin bin. Da er in mir ein Gefühl der Nähe weckt, bin ich fast versucht, ihm anzuvertrauen, dass ich nach einem Atelier Ausschau halte, in dem ich unbesorgt mit Farben hantieren kann, auch wenn sie vielleicht auf den Boden tropfen, einem Ort, an dem ich mit dem Pinsel in der Hand tanzen und ohne Publikum singen kann, aber er scheint nur „Atelier“ gehört zu haben und erwidert sofort, als dirigiere er ein Orchester: „Das ist genau das, was wir suchen und brauchen. Künstler, weltoffene, kreative Leute. Passt es Ihnen am kommenden Mittwoch?“ Halblaut, als würde ich eine Melodie falsch singen, antworte ich: „Eigentlich nicht, ich bin ziemlich beschäftigt. In drei Wochen vielleicht.“ Unterdessen versuche ich zu ergründen, weshalb ich eine solche Nähe zu ihm empfinde und weshalb ich zulasse, dass dies geschieht.
„Wunderbar! Abgemacht!“, bestätigt er und bestimmt einen Termin. Ohne innezuhalten, überfällt er mich mit einer weiteren Frage, auf die ich nicht vorbereitet bin: „Sprechen Sie Französisch?“ Im angenehmen Timbre schwingt nun auch noch unverhohlene Neugier mit, die mir ein Lächeln entlockt und spontan den Wunsch weckt, geheimnisvoll zu erscheinen, gleichzeitig allerdings ärgere ich mich. „Nein“, gebe ich zurück, „Französisch spreche ich leider nicht“, und mache mir nicht die Mühe, ihm zu verraten, dass ich Israelin bin. Stille am anderen Ende. Ob er jetzt wohl überlegt, wie er mich dazu bringen kann, seine Neugier zu befriedigen? Oder hat ihn der Dialog schon ermüdet? Sofort ergreife ich die Initiative und diktiere ihm, für den Fall, dass etwas dazwischenkommt, ganz seriös meine Telefonnummer, wodurch die Situation den Anstrich des Offiziellen erhält. Die Unterhaltung endet damit, dass er mir erklärt, wo er zu finden ist und das Datum unseres Treffens noch einmal bekräftigt.
Der Klick, der das Gespräch abschließt, vermittelt mir den Eindruck, unterlegen zu sein. Warum habe denn ich nicht als erste aufgelegt? Wie so oft beschleicht mich das ungute Gefühl, nicht wirklich Herrin der Lage zu sein.
Das Telefon noch in der Hand, stelle ich mir vor, wie der Mann wohl aussieht, der so unvermittelt in mein Leben getreten ist. In meiner Fantasie male ich ihn in hellen Tönen, die Augen bekommen ein wenig Farbe, das Kinn läuft spitz zu, und die Lippen? Sind sie dünn, geizen sie mit einem Lächeln? Oder sind sie rund und gewölbt wie frische Krapfen, bei denen die Lust hineinzubeißen die Warnung der Logik ausschaltet: Rühr sie nicht an, du könnest es schon bald bereuen. Erfreulich ist zudem, dass sich mir hier eine ungeahnte Möglichkeit eröffnet, was geht mich das Projekt des Herrn Rohr an? Hauptsache, ich muss mir kein neues Atelier suchen, darum soll er sich dann kümmern. Und am Monatsende wird sogar etwas Geld auf mein Bankkonto fließen, was ihm gewiss nicht schadet, also läuft sich alles zurecht.
„Kuck-uck“, ruft mir die Kuckucksuhr zu, „aufwachen!“ Ich zwinge mich aufzustehen und gehe zu einem Gemälde, das noch seiner Vollendung harrt, eine abstrakte Komposition aus Formen und Farben. Ich betrachte es von allen Seiten, drehe es ein paarmal hin und her und bin unschlüssig, wie ich es zu Ende führen soll. Die Befürchtung, es könnte misslungen sein, verstärkt sich, drängt die Muse sogleich in eine Ecke und lässt mich leer zurück.
Und wieder klatscht der in Farbe getauchte Pinsel gegen die Leinwand, unterschiedliche Töne prallen aufeinander, alles scheint zu schreien: Lass es gut sein! Doch gegen meinen Willen schichte ich, von einer unerklärlichen Obsession getrieben, Farben und Formen übereinander.
Plötzlich wird mir bewusst, dass ich hier ganz ohne Sinn und Verstand meine Zeit verschwende und es tut mir um die vergeudete Leinwand und die Farben leid. Dieses Bild wird im Müll landen, so viel ist sicher und wenn es möglich wäre, dann hätte ich am liebsten auch meine schlechte Laune eingepackt und wie Abfall entsorgt, verstehe aber immer noch nicht, warum ich mich so fühle. Wenn es mir nicht passt, kann ich doch das Treffen mit Rohr ohne weiteres absagen.
Im Atelier herrscht großes Durcheinander. Leinwände stapeln sich in jeder Ecke, einige schon mit einer ersten Grundierung, andere noch jungfräulich, Farbdosen, aus denen frische Farbe tropft neben Farbdosen, die seit Langem nicht mehr angerührt worden sind und an denen verkrustete Rinnsale den Eindruck erwecken, man sei ihrer überdrüssig. Etwas scheint hier zum Stillstand gekommen zu sein. Dunkelheit legt sich über das Tageslicht, das zu müde wirkt, um sich zu verteidigen und verstärkt meinen Wunsch, einfach abzuhauen und diesen Tag hinter mir zu lassen. Hinzu kommt noch, dass ich mich hier am Abend sehr unwohl fühle. Das alte Gebäude hat einmal als Konservenfabrik gedient und steht in einem ehemaligen, jetzt zum Abriss vorgesehenen Industriegebiet. Die verblichene, schmutzig graue Farbe der Nachbarhäuser ist selbst bei Tag abstoßend, am Abend aber wirkt sie fast schwarz. Nicht selten treiben sich hier merkwürdige Gestalten herum.
Als ich das Atelier zum ersten Mal besichtigte, war ich drauf und dran, es abzulehnen. Wie viele verlassene Orte wirkte es befremdlich und furchteinflößend und verströmte das Elend und die Trostlosigkeit eines verfallenden Raums, den niemand mehr braucht – und doch hatte etwas an ihm mich angezogen. Die hohe Decke bescherte mir ein Gefühl der Weite, die geräumige Halle bot reichlich Platz für ausgreifende Tanzschritte, hinzu kam die niedrige Miete. Doch alles, was ich während der Tagesstunden für mein Atelier empfinde, verkehrt sich abends in sein Gegenteil. Dann tragen die hohe Decke und die Weitläufigkeit nicht mehr zum Gefühl der Freiheit bei, nein, dann habe ich eher den Eindruck, hier verlorenzugehen. Und werde noch kleiner, als ich es ohnehin schon bin.
Der Schrei der Kuckucksuhr verkündet den Ablauf einer weiteren Stunde und ich sehe zu meinem Schrecken, dass es inzwischen neun Uhr abends geworden ist. Ich tausche meine Malkleider, wie ich sie nenne, gegen saubere Sachen aus, fahre mir mit den Fingern kurz durchs Haar, stelle die Jazzmusik im Radio ab und trete aus der Tür. Durch das Treppenhaus, dessen schmutzige Wände mir nicht selten Lust machen, sie mit Graffiti zu bedecken, stürme ich fast im Laufschritt, um nur nicht auf jemanden oder etwas Unbekanntes zu stoßen. Endlich, endlich bin ich draußen.
Nicht, dass ich im Freien ruhiger werde. Die schmale, beiderseits von langen Gebäudereihen umsäumte Straße zeigt keinerlei Wunsch, sich mit mir anzufreunden. Sie wirkt feindlich, grimmig und zieht eine bittere Miene. Obendrein ist es kalt und ich muss feststellen, dass ich vor lauter Eile vergessen habe, nach dem Mantel zu greifen. Schnell beschließe ich, auf die Wärme, die er mir bietet, zu verzichten, damit ich nur nicht wieder ins dunkle Treppenhaus zurückkehren, dann im Atelier nach dem Schalter tasten und mich dem Schrecken des Abstiegs noch einmal aussetzen muss. Für heute reicht es, denke ich und haste auf mein am Ende der Straße parkendes Auto zu. Als ich immer noch zitternd die Wagentür von innen verriegle, überschwemmen mich Vorstellungen all dessen, was dort draußen im Dunkel hätte geschehen können.
2. Kapitel
Ronnie
Ganz untypisch für den zumeist grauen November stehlen sich Sonnenstrahlen durch die Stäbe der Jalousie und treffen unbarmherzig auf mein Gesicht. Vertreiben kann ich sie natürlich nicht, aber ich drehe ihnen vorwurfsvoll den Rücken zu, um sie am Überschreiten weiterer Grenzen zu hindern. Doch sie machen sich lustig über mich, als wollten sie sagen, nun mal im Ernst, so breit ist dein Rücken auch wieder nicht und dringen in jede Ecke vor, sodass mir keine Wahl bleibt, ich muss die Augen öffnen und das Tageslicht begrüßen. Es macht auch den im Raum schwebenden Staub sichtbar, der sich und seine Hässlichkeit sonst erfolgreich verbirgt. Aber war es nicht eigentlich der Traum von den rasch aufeinanderfolgenden und im Ungewissen verschwindenden Rolltreppen, der mich geweckt hat?
„Ronnie, steig auf“, sagt jemand, doch das siebenjährige Mädchen steht da wie festgenagelt. „Nein“, erwidert sie und schaut beschämt zu Boden als suche sie Schutz vor den Blicken, in denen angesichts ihres ängstlichen Zögerns Spott aufkeimt. Durch die Tränen sieht sie nur rasant aufsteigende Stufen und kreischende Gespenster. Eine der Mütter, die den Klassenausflug begleiten, umfasst Ronnies Hüften und ihr ist, als würde sie den Boden unter den Füßen verlieren. Ihre Beine heben sich wie von allein, als sei sie eine Marionette und sie rennt mit den Treppen und wundert sich, dass nichts passiert. Schon ist sie oben und sieht sich um, als könne sie nicht glauben, dass sie am Leben geblieben ist.
Und wenn du schon am Leben geblieben bist, dann stehe wenigstens auf, befehle ich mir selbst, aber mein Körper ist heute Morgen so schwer, als hätte ich ihm eine riesige Last aufgebürdet, ein ganzes Leben und vielleicht sogar noch mehr. Wie ein Wischtuch schleppe ich mich ins Badezimmer. Unter dem strömenden Wasser fühle ich mich ein wenig besser, schließe die Augen und stelle mir tausend zärtliche Finger vor, die in voller Harmonie über meinen Körper wandern, die Reste der Angst vertreiben und mir die Kraft einflößen, einen neuen Tag zu beginnen.
In den Dampfbelag auf dem Spiegel wische ich einen Kreis, betrachte mein Konterfei und bemühe mich um ein Lächeln – wie um ihm zu versichern, noch ist nichts verloren und dann puste ich ihm entgegen, ein Zeichen, es möge verschwinden.
Auf dem Küchentisch erwarten mich wie anhängliche Verwandte meine Tarotkarten und ich stelle ihnen die üblichen Fragen nach der Muse, von der ich nie weiß, ob sie sich einstellen oder fernbleiben wird und wenn sie nicht erscheint, woher sollen dann meine Einnahmen kommen? Selbstverständlich frage ich auch nach der Liebe, die in meinen Gedanken einen Ehrenplatz einnimmt, einer Liebe, der ich mich ganz und gar ergeben, der ich mich ausliefern kann, in der ich aufgehe und nach der ich mich sehne, die sich mir aber entzieht als fürchtete sie sich vor einer Verpflichtung.
Heute zittern meine Hände beim Ausbreiten der Karten ein wenig, ich habe Angst vor der Antwort, habe Angst, enttäuscht zu werden. Hastig ziehe ich die Karten, die meine Intuition auswählt und lege sie aufgedeckt vor mich hin. Meine gute Laune, die vor einem Augenblick noch die ganze Welt umarmen wollte, sackt schlagartig in sich zusammen und zerplatzt am Boden. Wieder einmal habe ich keine guten Karten gezogen. Betrübnis überfällt mich und droht, mir den Tag zu zerstören, als sei eine Katastrophe ausgebrochen. Der Appetit ist mir ebenfalls vergangen. Aber warum denn, frage ich diesmal allerdings mich selbst, nicht die Karten, und lasse in Gedanken den Film meines Leben vor mir ablaufen. Da finde ich meine Mutter, die in meinen Sachen herumschnüffelt, als würde sie in der Nase eines Fremden bohren und es dann auch noch wagt, ihre Funde tadelnd durch die Luft zu schwenken. Rasch spule ich zu einer anderen Szene weiter, zu Lenny, meinem besten Freund, dem Vater meiner Tochter, die in Florenz Kunst studiert. Zu Lenny, der in seiner Anständigkeit niemals in meine tiefsten Geheimnisse eindringen würde, vielleicht, weil er weiß, dass es besser ist, diese Art der Neugier zu unterdrücken, denn möglicherweise ließen sich Risse entdecken, die der Reparatur bedürfen.
Ich stehe auf, stelle Butter und Käse zurück in den Kühlschrank, die Scheibe Brot, die ich nicht angerührt habe, stecke ich in die Tüte für die Kaninchen meiner Nachbarin Meggie, kehre an den Tisch zurück und beschließe, die Karten ein zweites Mal zu befragen. Vielleicht haben sie sich geirrt. Ich breite sie wie einen Fächer vor mir aus, ziehe vier heraus und drehe sie mit bebenden Händen um. Es sind andere Karten als die vorhin gezogenen, aber besser sind sie auch nicht. Mein auf Ermunterung angewiesenes Gemüt wartet. Warte nur weiter, sage ich ärgerlich und weiß dabei genau, was es will, was ich will. Eine unbändige Liebe, eine Liebe, so heftig, dass sie mich sprachlos macht, in die ich mich jeden Morgen erneut verliebe, eine Liebe, durch die ich zur Dichterin werde, wie es einmal jemand formuliert hat, dessen Name mir gerade nicht einfällt – war es Platon? Die Karten wollen mich heute Morgen einfach nicht verstehen.
Doch nun klingelt das Telefon, ich springe auf und hebe den Hörer ab, ohne mich zu melden. Die Stimme am anderen Ende spricht nicht zu mir, sondern zu einer anderen Person, die sich dort im Zimmer zu befinden scheint: „Ich muss sie fragen, ob es ihr ebenfalls passt.“ Meine Laune hüpft vom Keller fast bis hinauf ins Penthouse.
„Scheinmann“, sage ich bemüht gleichgültig und hoffe, die Aufregung ist mir nicht anzumerken. „Guten Tag, hier Rohr. Ich möchte fragen, ob es möglich ist, unser Treffen vorzuverlegen. Die Vorbereitungen für dieses Projekt schleppen sich schon sehr lange hin und es wäre schön, wenn Sie uns möglichst bald beistehen könnten.“ Ich begreife, dass ich jetzt keine Vorwände mehr erfinden kann, um diesem Treffen auszuweichen. „Ich werde schauen, was sich machen lässt und rufe Sie am Nachmittag zurück.“ Das sage ich nur, um mir das Gefühl zu geben, die Situation zu beherrschen. Natürlich rufe ich zurück, wie auch nicht? Aber nur, nachdem ich ihn einige Stunden im eigenen Saft schmoren ließ und jede Minute genoss. Unterdessen hörte ich Musik, träumte vor mich hin und fühlte mich wieder leicht.
Um sieben Uhr weckt mich das Klingeln des Weckers zu einem Morgen, der ganz in grau getaucht ist. Blinzelnd suche ich nach den Sonnenstrahlen von gestern, die mich so gestört hatten und wünsche mir ihren Morgengruß, aber ich muss sie gekränkt haben, als ich ihnen den Rücken zuwandte, denn sie zeigen sich nicht. Doch auch ohne sie fühle ich, dass mich Energie durchströmt.
Heute halte ich mich im Bad nicht lange auf, prüfe aber mein Gesicht genauestens im Spiegel, der nicht einmal beschlagen ist und mich fröhlich zeigt wie nie zuvor. „Sag mal“, frage ich, „willst du etwa jemanden treffen, der dir gefällt?“, und merke, dass ich wieder anfange zu träumen und zu fantasieren, als hätte ich tatsächlich eine Liebesbeziehung. „Aus und genug“, schilt mich mein Abbild, „schlag dir das aus dem Kopf“, aber ich achte nicht darauf und schminke mich unverdrossen weiter, als würde der Held meiner Träume an der nächsten Ecke auf mich warten.
Das Frühstück überspringe ich, die Karten versprechen mir einen wunderbaren Tag und ich schlage sie kein zweites Mal auf, hüpfe von Zimmer zu Zimmer und halte nur für eine Sekunde inne, um mich zu fragen: Was ist nur in dich gefahren, bist du etwa ein Bambi oder so was? Jenes Bild dort, das ich bin, fängt an zu nerven. „Gönn mir ein bisschen Spaß, warum soll ich immerzu vernünftig sein, ich lasse mir meine gute Laune nicht verderben“, entgegne ich aufmüpfig und hüpfe munter weiter.
Ich treffe eine Viertelstunde zu früh ein und warte im Auto, um nicht den Eindruck zu vermitteln, ich sei brennend interessiert. Meine Beine möchten allerdings zu hüpfen fortfahren, doch ich beherrsche mich. Zehn Minuten nach der verabredeten Zeit gehe ich endlich hinauf. Eine Klingel gibt es nicht, also klopfe ich an. Niemand antwortet. Ich klopfe noch einmal etwas kräftiger, keine Reaktion. Vorsichtig öffne ich die Tür und spähe in ein menschenleeres Zimmer. Eine Tür an der anderen Seite bedeutet mir, dass es sich vermutlich um ein Wartezimmer handelt. Ich sehe zwei Stühle, ein Regal mit einigen Büchern, einen Garderobenständer und ein riesiges Gemälde, das mein Augenmerk durch die von ihm ausgehende Traurigkeit auf sich zieht. Es zeigt drei Personen, eine Frau und zwei Männer. Die Frau steht im Vordergrund, die beiden Männer scheinen sich zu entfernen. Einer schaut sie an, der zweite wendet sich von ihr ab. Aber nicht die Szene wirkt traurig auf mich, es sind vielmehr die vorherrschenden dunklen Farben. Allein die Figur der Frau weist helle Töne auf. Das Bild ist nicht signiert. Wer mag es gemalt haben und warum?
Ungeduldig gehe ich im Zimmer umher und frage mich, wann Herr Rohr wohl zu erscheinen gedenkt. Einige lange Minuten vergehen und es sieht nicht so aus, als ob er, der mich allmählich zu ärgern beginnt, die Absicht hätte, sein Gesicht zu zeigen. Gerade will ich an die zweite Tür klopfen und setze, für den Fall, dass er mir öffnen sollte, eine verstimmte Miene auf, da höre ich behutsame Schritte nahen und schon steht mir ein etwa vierzigjähriger Mann gegenüber, der auf den ersten Blick wie ein trauriger Clown wirkt. Die seitlich abfallenden Lider verleihen seinem Blick etwas Trauriges, ja Flehentliches, die lächelnden Lippen dagegen ziehen die Mundwinkel nach oben. Hinzu kommen ein schwarzer Filzhut, Jeans und ein schwarzes Trikot, bloße Füße vervollständigen den merkwürdigen Anblick. Er überragt mich um einiges, was bei meinen einssechzig keine Kunst ist. So wie ich ihn abschätzend mustere, scannt er mich ebenfalls von den in Turnschuhen steckenden Fußspitzen bis etwas über den Scheitel, als wollte er meinem Körper ein paar Zentimeter hinzufügen. Was mag er dort oben suchen, frage ich mich, die verlorenen Zentimeter oder was genau?
Sein prüfender Blick überfliegt mich aufmerksam, aber in Windeseile, dann fragt er „Kann ich Ihnen helfen?“, was mich überrascht und empört. Hat er etwa vergessen, dass wir verabredet sind? Unverschämter Kerl. Ich schaue ihm geradewegs in die Augen, unterdrücke jedes verlegene Blinzeln und nehme allen Mut zusammen, der es mir erlaubt, ihm fest zu entgegnen: „Guten Morgen, Herr Rohr, ich bin Ronnie Scheinmann, wir haben einen Termin wegen des Projekts.“ Er scheint einen Augenblick zu überlegen, bevor er sagt: „Ah, ja, bitte kommen Sie herein.“ Ich betrete einen äußerst spärlich möblierten Raum, in dem es nichts Überflüssiges gibt, nur einen kleinen runden Tisch, auf dem eine Kerze brennt, einen weichen beigefarbenen Teppich und zwei große Kissen, die zum Sitzen einladen. Insgesamt wirkt der Raum zu leer, wie eine Mönchszelle, geht es mir durch den Kopf. Das ist nicht gerade das Büro, das ich mir vorgestellt hatte, mit Telefonen und Papierstapeln. Von wo aus mag er mich angerufen haben? Während ich im Stillen darüber nachsinne, bemerke ich, dass er meine Schuhe beäugt. Wie, bist du etwa ein Schuh-Fetischist, stichele ich innerlich. „Könnten Sie bitte Ihre Schuhe ausziehen und draußen stehen lassen?“, fragt er plötzlich und in seiner Stimme schwingt etwas Befehlendes mit. „Auf dem Schild im Wartezimmer steht: ‚Bei Betreten Fußbekleidung bitte ablegen“
Fragend und erstaunt blicke ich ihn an, woraufhin er zu einem Vortrag über negative Energien ansetzt, die wir mit unseren Schuhen von draußen hereinschleppen. Das klingt direkt logisch, denn sofort muss ich an Leute denken, die all ihre Krankheiten auf den Bürgersteig spucken und an die mit Boshaftigkeit und Gemeinheiten gesättigten Kaugummis, die einem an den Sohlen kleben bleiben. Verlegen entschuldige ich mich, ich habe das Schild einfach übersehen, gleichzeitig scheint sich ein schweres Gewicht auf meine Füße zu senken; behände entledige ich mich der Turnschuhe und trage sie hinaus. Beim Wiedereintreten mustert er mich und meint: „Viel besser!“, als sei ich diesmal von jedem Schmutz befreit hereingekommen.
Er bedeutet mir, auf einem der Sitzkissen Platz zu nehmen, lässt sich selber ebenfalls nieder und beginnt zu erklären, dass er mit schwer erziehbaren Jugendlichen arbeite. „Die Jungs und Mädchen treffen sich zwecks Rehabilitation manchmal in Gruppen und manchmal auch nur mit mir allein. Sie stammen aus zerrütteten Familien, ein Teil hat es bereits mit Drogen versucht, andere haben eine kriminelle Vergangenheit, aber sie alle befinden sich im Prinzip auf dem richtigen Weg. Das Projekt wird privat finanziert. Es hat das Ziel, das Selbstwertgefühl der Jugendlichen mithilfe von kreativen Tätigkeiten zu stärken. Wir helfen ihnen, Beziehungen zu Menschen herzustellen, die diese Jugendlichen ohne Wenn und Aber akzeptieren, wie sie eben sind.“ Ich kann ihn noch nicht richtig einordnen, in welchem Rahmen mag er arbeiten, privat oder staatlich? „Für wen sind Sie tätig?“, frage ich. Die überraschende Antwort: „Für das Universum. Wir müssen so viele Leute wie möglich aus verschiedenen Bereichen anwerben, die etwas von ihrer Zeit und ihrem Wissen abzugeben bereit sind. Deswegen wollte ich Sie treffen.“ „Heißt das, die Arbeit wäre ehrenamtlich?“, erkundige ich mich vorsichtig, während meine Fantasien von zusätzlichen Einnahmen sich in Luft auflösen. „Sie haben ein Atelier?“, fragt Rohr, und ich erkläre ihm, das Gebäude, in dem ich arbeite, sei zum Abriss bestimmt. „Bis zur Räumung ist es nur eine Frage der Zeit.“ Das scheint ihn nicht weiter zu bekümmern. „Wir könnten unterdessen die Arbeit im vorhandenen Atelier aufnehmen. Vielleicht lernen wir im Verlauf der Zeit Menschen kennen, die uns helfen, einen geeigneten Platz zu finden“, erklärt er mit der Sicherheit eines Wissenden. Nicht genug, dass ich kein Geld verdienen würde, auch das neue Atelier kann ich vergessen. Ich fühle mich von ihm in die Ecke gedrängt. Mir bleibt praktisch keine Wahl außer ihm zuzustimmen. Was sollte ich denn vorbringen? Dass ich keine Lust habe zu helfen, dass ich eine Egoistin bin, die nur an sich denkt?
Ronnie
Die Stimme des Mannes am anderen Ende der Leitung zieht mich augenblicklich an wie ein Magnet. Sie klingt warm und zuverlässig. Nichts erinnert an den offiziellen Tonfall von Angestellten, die lediglich ihre Arbeit tun und darüber vergessen, dass das Leben weitaus mehr bereithält. In dieser Stimme dagegen liegen die Freude und Beschwingtheit einer frischen Brise. Und schon fragt sie: „Wann können wir uns treffen, um das Projekt zu besprechen?“
Mir bleibt keine Zeit zu erklären, dass ich offenbar irrtümlich eine falsche Nummer gewählt habe, er lässt mich gar nicht zu Wort kommen. Ich nehme noch einen Anlauf und will ihm sagen, dass ich Kunstmalerin bin. Da er in mir ein Gefühl der Nähe weckt, bin ich fast versucht, ihm anzuvertrauen, dass ich nach einem Atelier Ausschau halte, in dem ich unbesorgt mit Farben hantieren kann, auch wenn sie vielleicht auf den Boden tropfen, einem Ort, an dem ich mit dem Pinsel in der Hand tanzen und ohne Publikum singen kann, aber er scheint nur „Atelier“ gehört zu haben und erwidert sofort, als dirigiere er ein Orchester: „Das ist genau das, was wir suchen und brauchen. Künstler, weltoffene, kreative Leute. Passt es Ihnen am kommenden Mittwoch?“ Halblaut, als würde ich eine Melodie falsch singen, antworte ich: „Eigentlich nicht, ich bin ziemlich beschäftigt. In drei Wochen vielleicht.“ Unterdessen versuche ich zu ergründen, weshalb ich eine solche Nähe zu ihm empfinde und weshalb ich zulasse, dass dies geschieht.
„Wunderbar! Abgemacht!“, bestätigt er und bestimmt einen Termin. Ohne innezuhalten, überfällt er mich mit einer weiteren Frage, auf die ich nicht vorbereitet bin: „Sprechen Sie Französisch?“ Im angenehmen Timbre schwingt nun auch noch unverhohlene Neugier mit, die mir ein Lächeln entlockt und spontan den Wunsch weckt, geheimnisvoll zu erscheinen, gleichzeitig allerdings ärgere ich mich. „Nein“, gebe ich zurück, „Französisch spreche ich leider nicht“, und mache mir nicht die Mühe, ihm zu verraten, dass ich Israelin bin. Stille am anderen Ende. Ob er jetzt wohl überlegt, wie er mich dazu bringen kann, seine Neugier zu befriedigen? Oder hat ihn der Dialog schon ermüdet? Sofort ergreife ich die Initiative und diktiere ihm, für den Fall, dass etwas dazwischenkommt, ganz seriös meine Telefonnummer, wodurch die Situation den Anstrich des Offiziellen erhält. Die Unterhaltung endet damit, dass er mir erklärt, wo er zu finden ist und das Datum unseres Treffens noch einmal bekräftigt.
Der Klick, der das Gespräch abschließt, vermittelt mir den Eindruck, unterlegen zu sein. Warum habe denn ich nicht als erste aufgelegt? Wie so oft beschleicht mich das ungute Gefühl, nicht wirklich Herrin der Lage zu sein.
Das Telefon noch in der Hand, stelle ich mir vor, wie der Mann wohl aussieht, der so unvermittelt in mein Leben getreten ist. In meiner Fantasie male ich ihn in hellen Tönen, die Augen bekommen ein wenig Farbe, das Kinn läuft spitz zu, und die Lippen? Sind sie dünn, geizen sie mit einem Lächeln? Oder sind sie rund und gewölbt wie frische Krapfen, bei denen die Lust hineinzubeißen die Warnung der Logik ausschaltet: Rühr sie nicht an, du könnest es schon bald bereuen. Erfreulich ist zudem, dass sich mir hier eine ungeahnte Möglichkeit eröffnet, was geht mich das Projekt des Herrn Rohr an? Hauptsache, ich muss mir kein neues Atelier suchen, darum soll er sich dann kümmern. Und am Monatsende wird sogar etwas Geld auf mein Bankkonto fließen, was ihm gewiss nicht schadet, also läuft sich alles zurecht.
„Kuck-uck“, ruft mir die Kuckucksuhr zu, „aufwachen!“ Ich zwinge mich aufzustehen und gehe zu einem Gemälde, das noch seiner Vollendung harrt, eine abstrakte Komposition aus Formen und Farben. Ich betrachte es von allen Seiten, drehe es ein paarmal hin und her und bin unschlüssig, wie ich es zu Ende führen soll. Die Befürchtung, es könnte misslungen sein, verstärkt sich, drängt die Muse sogleich in eine Ecke und lässt mich leer zurück.
Und wieder klatscht der in Farbe getauchte Pinsel gegen die Leinwand, unterschiedliche Töne prallen aufeinander, alles scheint zu schreien: Lass es gut sein! Doch gegen meinen Willen schichte ich, von einer unerklärlichen Obsession getrieben, Farben und Formen übereinander.
Plötzlich wird mir bewusst, dass ich hier ganz ohne Sinn und Verstand meine Zeit verschwende und es tut mir um die vergeudete Leinwand und die Farben leid. Dieses Bild wird im Müll landen, so viel ist sicher und wenn es möglich wäre, dann hätte ich am liebsten auch meine schlechte Laune eingepackt und wie Abfall entsorgt, verstehe aber immer noch nicht, warum ich mich so fühle. Wenn es mir nicht passt, kann ich doch das Treffen mit Rohr ohne weiteres absagen.
Im Atelier herrscht großes Durcheinander. Leinwände stapeln sich in jeder Ecke, einige schon mit einer ersten Grundierung, andere noch jungfräulich, Farbdosen, aus denen frische Farbe tropft neben Farbdosen, die seit Langem nicht mehr angerührt worden sind und an denen verkrustete Rinnsale den Eindruck erwecken, man sei ihrer überdrüssig. Etwas scheint hier zum Stillstand gekommen zu sein. Dunkelheit legt sich über das Tageslicht, das zu müde wirkt, um sich zu verteidigen und verstärkt meinen Wunsch, einfach abzuhauen und diesen Tag hinter mir zu lassen. Hinzu kommt noch, dass ich mich hier am Abend sehr unwohl fühle. Das alte Gebäude hat einmal als Konservenfabrik gedient und steht in einem ehemaligen, jetzt zum Abriss vorgesehenen Industriegebiet. Die verblichene, schmutzig graue Farbe der Nachbarhäuser ist selbst bei Tag abstoßend, am Abend aber wirkt sie fast schwarz. Nicht selten treiben sich hier merkwürdige Gestalten herum.
Als ich das Atelier zum ersten Mal besichtigte, war ich drauf und dran, es abzulehnen. Wie viele verlassene Orte wirkte es befremdlich und furchteinflößend und verströmte das Elend und die Trostlosigkeit eines verfallenden Raums, den niemand mehr braucht – und doch hatte etwas an ihm mich angezogen. Die hohe Decke bescherte mir ein Gefühl der Weite, die geräumige Halle bot reichlich Platz für ausgreifende Tanzschritte, hinzu kam die niedrige Miete. Doch alles, was ich während der Tagesstunden für mein Atelier empfinde, verkehrt sich abends in sein Gegenteil. Dann tragen die hohe Decke und die Weitläufigkeit nicht mehr zum Gefühl der Freiheit bei, nein, dann habe ich eher den Eindruck, hier verlorenzugehen. Und werde noch kleiner, als ich es ohnehin schon bin.
Der Schrei der Kuckucksuhr verkündet den Ablauf einer weiteren Stunde und ich sehe zu meinem Schrecken, dass es inzwischen neun Uhr abends geworden ist. Ich tausche meine Malkleider, wie ich sie nenne, gegen saubere Sachen aus, fahre mir mit den Fingern kurz durchs Haar, stelle die Jazzmusik im Radio ab und trete aus der Tür. Durch das Treppenhaus, dessen schmutzige Wände mir nicht selten Lust machen, sie mit Graffiti zu bedecken, stürme ich fast im Laufschritt, um nur nicht auf jemanden oder etwas Unbekanntes zu stoßen. Endlich, endlich bin ich draußen.
Nicht, dass ich im Freien ruhiger werde. Die schmale, beiderseits von langen Gebäudereihen umsäumte Straße zeigt keinerlei Wunsch, sich mit mir anzufreunden. Sie wirkt feindlich, grimmig und zieht eine bittere Miene. Obendrein ist es kalt und ich muss feststellen, dass ich vor lauter Eile vergessen habe, nach dem Mantel zu greifen. Schnell beschließe ich, auf die Wärme, die er mir bietet, zu verzichten, damit ich nur nicht wieder ins dunkle Treppenhaus zurückkehren, dann im Atelier nach dem Schalter tasten und mich dem Schrecken des Abstiegs noch einmal aussetzen muss. Für heute reicht es, denke ich und haste auf mein am Ende der Straße parkendes Auto zu. Als ich immer noch zitternd die Wagentür von innen verriegle, überschwemmen mich Vorstellungen all dessen, was dort draußen im Dunkel hätte geschehen können.
2. Kapitel
Ronnie
Ganz untypisch für den zumeist grauen November stehlen sich Sonnenstrahlen durch die Stäbe der Jalousie und treffen unbarmherzig auf mein Gesicht. Vertreiben kann ich sie natürlich nicht, aber ich drehe ihnen vorwurfsvoll den Rücken zu, um sie am Überschreiten weiterer Grenzen zu hindern. Doch sie machen sich lustig über mich, als wollten sie sagen, nun mal im Ernst, so breit ist dein Rücken auch wieder nicht und dringen in jede Ecke vor, sodass mir keine Wahl bleibt, ich muss die Augen öffnen und das Tageslicht begrüßen. Es macht auch den im Raum schwebenden Staub sichtbar, der sich und seine Hässlichkeit sonst erfolgreich verbirgt. Aber war es nicht eigentlich der Traum von den rasch aufeinanderfolgenden und im Ungewissen verschwindenden Rolltreppen, der mich geweckt hat?
„Ronnie, steig auf“, sagt jemand, doch das siebenjährige Mädchen steht da wie festgenagelt. „Nein“, erwidert sie und schaut beschämt zu Boden als suche sie Schutz vor den Blicken, in denen angesichts ihres ängstlichen Zögerns Spott aufkeimt. Durch die Tränen sieht sie nur rasant aufsteigende Stufen und kreischende Gespenster. Eine der Mütter, die den Klassenausflug begleiten, umfasst Ronnies Hüften und ihr ist, als würde sie den Boden unter den Füßen verlieren. Ihre Beine heben sich wie von allein, als sei sie eine Marionette und sie rennt mit den Treppen und wundert sich, dass nichts passiert. Schon ist sie oben und sieht sich um, als könne sie nicht glauben, dass sie am Leben geblieben ist.
Und wenn du schon am Leben geblieben bist, dann stehe wenigstens auf, befehle ich mir selbst, aber mein Körper ist heute Morgen so schwer, als hätte ich ihm eine riesige Last aufgebürdet, ein ganzes Leben und vielleicht sogar noch mehr. Wie ein Wischtuch schleppe ich mich ins Badezimmer. Unter dem strömenden Wasser fühle ich mich ein wenig besser, schließe die Augen und stelle mir tausend zärtliche Finger vor, die in voller Harmonie über meinen Körper wandern, die Reste der Angst vertreiben und mir die Kraft einflößen, einen neuen Tag zu beginnen.
In den Dampfbelag auf dem Spiegel wische ich einen Kreis, betrachte mein Konterfei und bemühe mich um ein Lächeln – wie um ihm zu versichern, noch ist nichts verloren und dann puste ich ihm entgegen, ein Zeichen, es möge verschwinden.
Auf dem Küchentisch erwarten mich wie anhängliche Verwandte meine Tarotkarten und ich stelle ihnen die üblichen Fragen nach der Muse, von der ich nie weiß, ob sie sich einstellen oder fernbleiben wird und wenn sie nicht erscheint, woher sollen dann meine Einnahmen kommen? Selbstverständlich frage ich auch nach der Liebe, die in meinen Gedanken einen Ehrenplatz einnimmt, einer Liebe, der ich mich ganz und gar ergeben, der ich mich ausliefern kann, in der ich aufgehe und nach der ich mich sehne, die sich mir aber entzieht als fürchtete sie sich vor einer Verpflichtung.
Heute zittern meine Hände beim Ausbreiten der Karten ein wenig, ich habe Angst vor der Antwort, habe Angst, enttäuscht zu werden. Hastig ziehe ich die Karten, die meine Intuition auswählt und lege sie aufgedeckt vor mich hin. Meine gute Laune, die vor einem Augenblick noch die ganze Welt umarmen wollte, sackt schlagartig in sich zusammen und zerplatzt am Boden. Wieder einmal habe ich keine guten Karten gezogen. Betrübnis überfällt mich und droht, mir den Tag zu zerstören, als sei eine Katastrophe ausgebrochen. Der Appetit ist mir ebenfalls vergangen. Aber warum denn, frage ich diesmal allerdings mich selbst, nicht die Karten, und lasse in Gedanken den Film meines Leben vor mir ablaufen. Da finde ich meine Mutter, die in meinen Sachen herumschnüffelt, als würde sie in der Nase eines Fremden bohren und es dann auch noch wagt, ihre Funde tadelnd durch die Luft zu schwenken. Rasch spule ich zu einer anderen Szene weiter, zu Lenny, meinem besten Freund, dem Vater meiner Tochter, die in Florenz Kunst studiert. Zu Lenny, der in seiner Anständigkeit niemals in meine tiefsten Geheimnisse eindringen würde, vielleicht, weil er weiß, dass es besser ist, diese Art der Neugier zu unterdrücken, denn möglicherweise ließen sich Risse entdecken, die der Reparatur bedürfen.
Ich stehe auf, stelle Butter und Käse zurück in den Kühlschrank, die Scheibe Brot, die ich nicht angerührt habe, stecke ich in die Tüte für die Kaninchen meiner Nachbarin Meggie, kehre an den Tisch zurück und beschließe, die Karten ein zweites Mal zu befragen. Vielleicht haben sie sich geirrt. Ich breite sie wie einen Fächer vor mir aus, ziehe vier heraus und drehe sie mit bebenden Händen um. Es sind andere Karten als die vorhin gezogenen, aber besser sind sie auch nicht. Mein auf Ermunterung angewiesenes Gemüt wartet. Warte nur weiter, sage ich ärgerlich und weiß dabei genau, was es will, was ich will. Eine unbändige Liebe, eine Liebe, so heftig, dass sie mich sprachlos macht, in die ich mich jeden Morgen erneut verliebe, eine Liebe, durch die ich zur Dichterin werde, wie es einmal jemand formuliert hat, dessen Name mir gerade nicht einfällt – war es Platon? Die Karten wollen mich heute Morgen einfach nicht verstehen.
Doch nun klingelt das Telefon, ich springe auf und hebe den Hörer ab, ohne mich zu melden. Die Stimme am anderen Ende spricht nicht zu mir, sondern zu einer anderen Person, die sich dort im Zimmer zu befinden scheint: „Ich muss sie fragen, ob es ihr ebenfalls passt.“ Meine Laune hüpft vom Keller fast bis hinauf ins Penthouse.
„Scheinmann“, sage ich bemüht gleichgültig und hoffe, die Aufregung ist mir nicht anzumerken. „Guten Tag, hier Rohr. Ich möchte fragen, ob es möglich ist, unser Treffen vorzuverlegen. Die Vorbereitungen für dieses Projekt schleppen sich schon sehr lange hin und es wäre schön, wenn Sie uns möglichst bald beistehen könnten.“ Ich begreife, dass ich jetzt keine Vorwände mehr erfinden kann, um diesem Treffen auszuweichen. „Ich werde schauen, was sich machen lässt und rufe Sie am Nachmittag zurück.“ Das sage ich nur, um mir das Gefühl zu geben, die Situation zu beherrschen. Natürlich rufe ich zurück, wie auch nicht? Aber nur, nachdem ich ihn einige Stunden im eigenen Saft schmoren ließ und jede Minute genoss. Unterdessen hörte ich Musik, träumte vor mich hin und fühlte mich wieder leicht.
Um sieben Uhr weckt mich das Klingeln des Weckers zu einem Morgen, der ganz in grau getaucht ist. Blinzelnd suche ich nach den Sonnenstrahlen von gestern, die mich so gestört hatten und wünsche mir ihren Morgengruß, aber ich muss sie gekränkt haben, als ich ihnen den Rücken zuwandte, denn sie zeigen sich nicht. Doch auch ohne sie fühle ich, dass mich Energie durchströmt.
Heute halte ich mich im Bad nicht lange auf, prüfe aber mein Gesicht genauestens im Spiegel, der nicht einmal beschlagen ist und mich fröhlich zeigt wie nie zuvor. „Sag mal“, frage ich, „willst du etwa jemanden treffen, der dir gefällt?“, und merke, dass ich wieder anfange zu träumen und zu fantasieren, als hätte ich tatsächlich eine Liebesbeziehung. „Aus und genug“, schilt mich mein Abbild, „schlag dir das aus dem Kopf“, aber ich achte nicht darauf und schminke mich unverdrossen weiter, als würde der Held meiner Träume an der nächsten Ecke auf mich warten.
Das Frühstück überspringe ich, die Karten versprechen mir einen wunderbaren Tag und ich schlage sie kein zweites Mal auf, hüpfe von Zimmer zu Zimmer und halte nur für eine Sekunde inne, um mich zu fragen: Was ist nur in dich gefahren, bist du etwa ein Bambi oder so was? Jenes Bild dort, das ich bin, fängt an zu nerven. „Gönn mir ein bisschen Spaß, warum soll ich immerzu vernünftig sein, ich lasse mir meine gute Laune nicht verderben“, entgegne ich aufmüpfig und hüpfe munter weiter.
Ich treffe eine Viertelstunde zu früh ein und warte im Auto, um nicht den Eindruck zu vermitteln, ich sei brennend interessiert. Meine Beine möchten allerdings zu hüpfen fortfahren, doch ich beherrsche mich. Zehn Minuten nach der verabredeten Zeit gehe ich endlich hinauf. Eine Klingel gibt es nicht, also klopfe ich an. Niemand antwortet. Ich klopfe noch einmal etwas kräftiger, keine Reaktion. Vorsichtig öffne ich die Tür und spähe in ein menschenleeres Zimmer. Eine Tür an der anderen Seite bedeutet mir, dass es sich vermutlich um ein Wartezimmer handelt. Ich sehe zwei Stühle, ein Regal mit einigen Büchern, einen Garderobenständer und ein riesiges Gemälde, das mein Augenmerk durch die von ihm ausgehende Traurigkeit auf sich zieht. Es zeigt drei Personen, eine Frau und zwei Männer. Die Frau steht im Vordergrund, die beiden Männer scheinen sich zu entfernen. Einer schaut sie an, der zweite wendet sich von ihr ab. Aber nicht die Szene wirkt traurig auf mich, es sind vielmehr die vorherrschenden dunklen Farben. Allein die Figur der Frau weist helle Töne auf. Das Bild ist nicht signiert. Wer mag es gemalt haben und warum?
Ungeduldig gehe ich im Zimmer umher und frage mich, wann Herr Rohr wohl zu erscheinen gedenkt. Einige lange Minuten vergehen und es sieht nicht so aus, als ob er, der mich allmählich zu ärgern beginnt, die Absicht hätte, sein Gesicht zu zeigen. Gerade will ich an die zweite Tür klopfen und setze, für den Fall, dass er mir öffnen sollte, eine verstimmte Miene auf, da höre ich behutsame Schritte nahen und schon steht mir ein etwa vierzigjähriger Mann gegenüber, der auf den ersten Blick wie ein trauriger Clown wirkt. Die seitlich abfallenden Lider verleihen seinem Blick etwas Trauriges, ja Flehentliches, die lächelnden Lippen dagegen ziehen die Mundwinkel nach oben. Hinzu kommen ein schwarzer Filzhut, Jeans und ein schwarzes Trikot, bloße Füße vervollständigen den merkwürdigen Anblick. Er überragt mich um einiges, was bei meinen einssechzig keine Kunst ist. So wie ich ihn abschätzend mustere, scannt er mich ebenfalls von den in Turnschuhen steckenden Fußspitzen bis etwas über den Scheitel, als wollte er meinem Körper ein paar Zentimeter hinzufügen. Was mag er dort oben suchen, frage ich mich, die verlorenen Zentimeter oder was genau?
Sein prüfender Blick überfliegt mich aufmerksam, aber in Windeseile, dann fragt er „Kann ich Ihnen helfen?“, was mich überrascht und empört. Hat er etwa vergessen, dass wir verabredet sind? Unverschämter Kerl. Ich schaue ihm geradewegs in die Augen, unterdrücke jedes verlegene Blinzeln und nehme allen Mut zusammen, der es mir erlaubt, ihm fest zu entgegnen: „Guten Morgen, Herr Rohr, ich bin Ronnie Scheinmann, wir haben einen Termin wegen des Projekts.“ Er scheint einen Augenblick zu überlegen, bevor er sagt: „Ah, ja, bitte kommen Sie herein.“ Ich betrete einen äußerst spärlich möblierten Raum, in dem es nichts Überflüssiges gibt, nur einen kleinen runden Tisch, auf dem eine Kerze brennt, einen weichen beigefarbenen Teppich und zwei große Kissen, die zum Sitzen einladen. Insgesamt wirkt der Raum zu leer, wie eine Mönchszelle, geht es mir durch den Kopf. Das ist nicht gerade das Büro, das ich mir vorgestellt hatte, mit Telefonen und Papierstapeln. Von wo aus mag er mich angerufen haben? Während ich im Stillen darüber nachsinne, bemerke ich, dass er meine Schuhe beäugt. Wie, bist du etwa ein Schuh-Fetischist, stichele ich innerlich. „Könnten Sie bitte Ihre Schuhe ausziehen und draußen stehen lassen?“, fragt er plötzlich und in seiner Stimme schwingt etwas Befehlendes mit. „Auf dem Schild im Wartezimmer steht: ‚Bei Betreten Fußbekleidung bitte ablegen“
Fragend und erstaunt blicke ich ihn an, woraufhin er zu einem Vortrag über negative Energien ansetzt, die wir mit unseren Schuhen von draußen hereinschleppen. Das klingt direkt logisch, denn sofort muss ich an Leute denken, die all ihre Krankheiten auf den Bürgersteig spucken und an die mit Boshaftigkeit und Gemeinheiten gesättigten Kaugummis, die einem an den Sohlen kleben bleiben. Verlegen entschuldige ich mich, ich habe das Schild einfach übersehen, gleichzeitig scheint sich ein schweres Gewicht auf meine Füße zu senken; behände entledige ich mich der Turnschuhe und trage sie hinaus. Beim Wiedereintreten mustert er mich und meint: „Viel besser!“, als sei ich diesmal von jedem Schmutz befreit hereingekommen.
Er bedeutet mir, auf einem der Sitzkissen Platz zu nehmen, lässt sich selber ebenfalls nieder und beginnt zu erklären, dass er mit schwer erziehbaren Jugendlichen arbeite. „Die Jungs und Mädchen treffen sich zwecks Rehabilitation manchmal in Gruppen und manchmal auch nur mit mir allein. Sie stammen aus zerrütteten Familien, ein Teil hat es bereits mit Drogen versucht, andere haben eine kriminelle Vergangenheit, aber sie alle befinden sich im Prinzip auf dem richtigen Weg. Das Projekt wird privat finanziert. Es hat das Ziel, das Selbstwertgefühl der Jugendlichen mithilfe von kreativen Tätigkeiten zu stärken. Wir helfen ihnen, Beziehungen zu Menschen herzustellen, die diese Jugendlichen ohne Wenn und Aber akzeptieren, wie sie eben sind.“ Ich kann ihn noch nicht richtig einordnen, in welchem Rahmen mag er arbeiten, privat oder staatlich? „Für wen sind Sie tätig?“, frage ich. Die überraschende Antwort: „Für das Universum. Wir müssen so viele Leute wie möglich aus verschiedenen Bereichen anwerben, die etwas von ihrer Zeit und ihrem Wissen abzugeben bereit sind. Deswegen wollte ich Sie treffen.“ „Heißt das, die Arbeit wäre ehrenamtlich?“, erkundige ich mich vorsichtig, während meine Fantasien von zusätzlichen Einnahmen sich in Luft auflösen. „Sie haben ein Atelier?“, fragt Rohr, und ich erkläre ihm, das Gebäude, in dem ich arbeite, sei zum Abriss bestimmt. „Bis zur Räumung ist es nur eine Frage der Zeit.“ Das scheint ihn nicht weiter zu bekümmern. „Wir könnten unterdessen die Arbeit im vorhandenen Atelier aufnehmen. Vielleicht lernen wir im Verlauf der Zeit Menschen kennen, die uns helfen, einen geeigneten Platz zu finden“, erklärt er mit der Sicherheit eines Wissenden. Nicht genug, dass ich kein Geld verdienen würde, auch das neue Atelier kann ich vergessen. Ich fühle mich von ihm in die Ecke gedrängt. Mir bleibt praktisch keine Wahl außer ihm zuzustimmen. Was sollte ich denn vorbringen? Dass ich keine Lust habe zu helfen, dass ich eine Egoistin bin, die nur an sich denkt?


