TONI

TONI

Angela Grundt


EUR 14,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 58
ISBN: 978-3-99131-298-7
Erscheinungsdatum: 11.04.2022
Allein, auf der Suche nach Anerkennung, Liebe, Geborgenheit. So fühlt sich Toni häufig im Wirbel der Zeit. Sie sehnt sich nach Freiheit und Selbstbestimmtheit, will die Vergangenheit hinter sich lassen, […] setzt auf Veränderung und ein neues Leben …
Alle wissen Alles

Kann sein, dass wir (damit) aufgehört haben, uns Geschichten zu erzählen? Jedenfalls. Ihre beginnt am Morgen um halb neun in der Elektrischen, auf dem Weg zur Arbeit.

Noch dreißig Meter in Fahrtrichtung. Sie erreicht den Frisörsalon und nimmt die erste Stufe zur Tür. Wie gewohnt benutzt sie den Hintereingang. Wärme kommt ihr entgegen. Draußen ist es ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit. In zehn Minuten beginnt die Schicht. Grußlos auf dem Weg zum Aufenthaltsraum. Drinnen Tohuwabohu, wildes Durcheinander, Stimmengewirr unter Kolleginnen. Hektisches Umziehen und noch einen Zug an der Zigarette im Stehen, bis zur nächsten Pause, vielleicht in zwei Stunden.

„Frau Breitkopf, kommen Sie und nehmen Sie hier Platz. Wie immer? Mit etwas Birkenhaarwasser nach der Wäsche? Machen wir. Ja sicher, das wird ein schöner Tag heute. Sie sind auch so früh aufgestanden. Aber bitte, nehmen Sie doch Platz unter der Haube. Nein, nur für kurze Zeit. Nein, ich vergesse Sie nicht.“ Sie zieht ein Sandwich aus der Hosentasche und legt es Frau Breitkopf unter die Haube. In fünf Minuten müsste auch das gut sein. „Kommen Sie, bald machen wir einen Neuen Menschen aus Ihnen. Die Tönung hat Ihr graues Haar gut abgedeckt, alle sechs Wochen machen wir das. Ja, Ihnen noch einen schönen Tag und lassen Sie sich einen neuen Termin geben. Wir probieren dann was Neues aus. Die nächste bitte!“

„Ich nehme die Elektrische um sechs. Und du?“ Gerti fummelt etwas unbeholfen an ihrem Rock. „Ich weiß noch nicht, Toni. Holger wollte mich abholen.“ Gerti arbeitet schon länger im Salon und immer holt sie der gleiche Typ ab. Toni hat schon als Kind all diese Filme gesehen: „Ich weiß nicht … Ich kann nicht …“ Sie wurde noch nie von jemandem abgeholt. Sie hat es nicht eilig mit dem Heimweg. Die Elektrische lässt sie an einer Ecke aussteigen, wo sich eine Bar befindet. Ihre Bar. Sie sagt Hallo zu der unbekannten Bekannten hinter dem Tresen und bestellt wie immer den Aperitif. Auf die Tageszeitung hat sie heute keine Lust, obwohl das gegen ihre Gewohnheit ist. Der Tresen hat eine Spiegelwand. Sie beobachtet sich und wenn sie genug davon hat, zahlt sie und geht nach Hause. Da ist keine, die auf sie wartet.

Ich kann mit den unterschiedlichsten Menschen immer wieder dasselbe erleben; deren Wünsche, diese Wünsche der anderen, die sich an mich wenden, sind immer die gleichen. An ihnen richte ich mich aus oder zerbreche. Nur so, als Orientierung. Gehen ihre Wünsche nicht in Erfüllung, besorgen sie sich neue und oft auch neue Menschen, neue Menschen, die dazu passen, zu ihren Wünschen und Projektionen. Manchmal ist es schade darum, oftmals nicht zu ändern, das mit den Wünschen und Projektionen. Da wäre noch die Angelegenheit mit Gott, die ewig ungeregelt bleibt, weil sie keinen Regeln folgt. Weil diese niemandem folgen, weil sie an und für sich sind. Wobei ich wieder am Anfang der Geschichte wäre. Gott sollte ich nicht außerhalb meines Selbst suchen. Wie es im Lied und im Land heißt: „… und jeden Morgen geht die Sonne auf!“

Sie nimmt Papier und Bleistift, setzt sich an den Küchentisch.

Tragische Momente sollte ich aufhalten. die glücklichen bewahren. Ich spreche von einer Zeit, die noch nicht so lange zurückliegt. Alte Gewässer werden verlassen, neue Dämme gebaut. Der Ruf nach Freiheit. Nicht zu überhören. Freiheit. Freiheit. Freiheit. Im Chor. Was habe ich mir darunter vorzustellen, wenn ich Freiheit nicht kenne? Wenn ich mich nicht kenne? Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten war das Versprechen. Wir müssen euch erst einmal alles wegnehmen, dann teilen wir wieder neu auf. Vorher aber müssen wir die Teilung überwinden, damit zusammengehört, was sich erhört. Stumm war das Land all die Jahre, jetzt bricht durch, was im Gedärm geschlummert hat. Das Volk bricht sich seine Bahnen, eine unberechenbare Masse. Da gibt es die leisen Töne, die wollen retten, was nicht mehr zu retten ist. Die wollen nicht aufgeben. Doch die Masse unberechenbar. Es wird sie geben, die Bettler und Hausierer in diesem Land. In diesem neuen Land. In diesem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Was war nochmal das Versprechen? Ich habe es vergessen. Im Land der Möglichkeiten geschieht indes Unerhörtes. Es gibt sie, die Bettler und Hausierer. Auf der einen Seite stehe ich, auf der anderen Seite sie; der Hausierer, bei dem ich alles kaufen kann; der Bettler, der nicht mehr kaufen kann, trotzdem kauft. Er ist nicht mehr im System. Nicht mehr im Land der unerhörten Möglichkeiten. Lieber den Mangel als den Überschuss? Oder geht da noch was? Gerechtigkeit.
So was wie ein anspruchsloses Sorglospaket, ohne dass ich mir die Zähne daran ausbeißen muss. Doch das müsste ich dann auch kaufen. Im Internetz bei Bettlern und Hausierern. Die mich immer ungefragt nach meiner Meinung fragen. Ich habe keine Meinung mehr. Schon lange nicht mehr. Ich schäme mich deshalb nicht. Vielleicht beschert mir das ein sorgenfreies Leben. So etwas wie eine paradiesische Luftblase in einem der vielen Räume, die sich im Laufe des Lebens auftun. Ich nehme keinen Anstoß mehr. Ich kreise um mich selbst. Das nenne ich das anspruchslose Sorglospaket. Nicht im Internetz zu kaufen! Alles, was von außen kam, habe ich innerlich vollzogen. Nein. Ich habe keine Meinung mehr, niemand soll mich danach fragen. Das ist alles nicht traurig. Es ist, es ist eine Entwicklungsstufe, bis die Blase einen Riss bekommt, dann, ja dann, dann beginnt es. Ja, was eigentlich? Ich will mich nicht bewegen. Ich will, dass alles wie früher ist. Ich will auf einen Brief von ihr warten, mit Tinte auf Papier. Den Briefkasten aufbrechen, die Treppe hoch und drei Stufen auf einmal nehmen, mich an den Küchentisch setzen mit Mütze und Schal, den Brief aufreißen, ihre Schrift entziffern, lesen, so wie früher. Ich will Gulasch mit Spirelli für 3 Mark 50, kein Cordon Bleu für 15 Euro, ich will Fassbrause für 50 Pfennig. So wie früher. Jeder kauft beim selben ein, einen Liter Milch, Brot, Eier, Äpfel wenn sie reif sind. Das ist alles ungefragt, denn niemand fragt mich nach meiner Meinung. Wozu auch? Ich will mich nicht bewegen. Ich will, dass es so wie früher ist. Wann war das Früher? Ich weiß es nicht, ich habe es vergessen. Das Früher. Das Volk ist keine homogene Masse mehr. Bettler und Hausierer.
Überhaupt die Ordnung. Ich habe gehört, mit harter Arbeit ist es auch nicht getan. Ich frage mich: Womit? Das ist schwer zu beantworten, wenn ich keine eigene Meinung habe. Ich werde nicht gefragt.

Es ist zehn nach acht. Sie muss zur Arbeit. Sie schließt die Tür hinter sich ab, betritt den Hausflur, drei Treppen runter, ihre Straße, in der sie seit zehn Jahren lebt. Sie könnte mit Blindheit geschlagen sein, sie würde sie am Geruch erkennen. Vor allem die alten Kohlenkeller, die keiner mehr braucht, die nur noch Abstellräume sind, die Fenster im Frühjahr geöffnet. Sie kann es riechen. Rauch steigt auf, wenn es kalt ist, als würde jemand Feuer machen. Das ist ihre Straße. Die Geschäfte sind weiter weg. In anderen Straßen. In größeren Straßen. Die Elektrische. Die Elektrische, die sie jeden Morgen um halb neun nimmt. Immer durch dasselbe Nadelöhr. Durch ihre Straße. Vorbei an ihrer Bar an der Ecke, die noch geschlossen hat. Der nächste Halt. In Fahrtrichtung dreißig Meter bis zum Frisörsalon. Sie nimmt den Hintereingang, grußlos in den Aufenthaltsraum, noch eine Zigarette im Stehen, Palaver mit den Kolleginnen. Hü und Hott und weiter geht’s. Der Tag ist strukturiert. Alle halbe Stunde Kundschaft. Nur Gerti macht heute Morgen schon schlapp. „Besser, du wärst zu Hause geblieben. Du siehst jämmerlich aus. Was’n los?“ „Holger hat mich sitzen lassen und sich den ganzen Abend nicht gemeldet.“

Da muss man nicht diese ganzen Filme gesehen haben, um zu wissen, was jetzt kommt.

„Ich glaube, er liebt mich nicht mehr.“ „Aber ihr seid doch erst drei Monate zusammen! Woher willst du wissen, dass er dich geliebt hat?“ „Er hat so Andeutungen gemacht, von wegen heiraten und so.“ „Du kommst noch drauf. So, ich muss wieder. Die nächste bitte!“

Sie nimmt die Elektrische um sechs, steigt an der nächsten Ecke aus, betritt die Bar. Ihre Bar. Sie grüßt die unbekannte Bekannte hinter dem Tresen vor der Spiegelwand. Sie setzt sich in Position, bestellt wie üblich. „Dasselbe wie immer, bitte.“ „Wird gemacht.“ Sie greift zur Tageszeitung, überschlägt die Schlagzeilen. Die Welt dreht sich immer noch.

Ich beobachte mich in der Spiegelwand, dann die unbekannte Bekannte: routinierte Handgriffe. Sie sieht nicht sehr verheiratet aus. Mich erreicht die Nachricht, die sie sendet und ich tue so, als ginge es mir blendend. Ich hole aus. Irgendetwas ging dem voraus. „Einen Schritt vor und zwei zurück.“ Es ist doch immer dasselbe Lied, nur mit einer anderen Melodie. Macht nichts, denke ich, ich lasse es darauf ankommen.

„Wann machst du Feierabend?“ „Oh, das ist noch lange hin! Ich habe gerade erst aufgemacht.“

Falsche Strategie. Ich spiele gegen mich selber Schach. Es gibt keine Ordnung, denn wenn es sie gäbe, wäre ich die Verrückte. Immer dieses Wasserholen, von weit her, was für ein ödes Geschäft. Sie, die unbekannte Bekannte, näher zu betrachten, ist mein Zeitvertreib, bis ich davon genug habe. Um diese Zeit ist kaum jemand da. Ich nehme mir vor, heute länger zu bleiben, bestelle noch ein Bier. Bei näherer Betrachtung, ihren Bewegungen nach zu urteilen, scheint sie eine Frohnatur, die das Leben von der leichten Seite nimmt. Kann sein, dass dieses taube Licht ihr schmeichelt, ein genaues Alter lässt es nicht zu. Wie blöd es ist, diese Frage zu stellen. Wo kommt sie her? Wo geht sie hin? Ich schließe meine Augen, habe genug vom Denken. Geräuschpegel. Die Bar füllt sich. Glaubt man sich dem Ziel näher, entfernt es sich.

Sie öffnet die Augen. Hektisches Treiben. Sie ruft: „Zahlen bitte!“ „Einen Schritt vor und zwei zurück.“ Sie verlässt die Bar und die unbekannte Bekannte, mit ihrer Leichtigkeit, sie verlässt sie, geht, geht. Ja, wohin eigentlich? Den gewohnten Weg, zurück in die Umlaufbahn. Was sie jetzt braucht, sind Gewohnheiten.

Ich brauche jetzt Gewohnheiten. Meine Elektrische, meine Straße, mein Zuhause. Ich hänge an diesen Dingen, wie eine Drogensüchtige an der Nadel. Manchmal passiert nichts, dafür muss ich selber sorgen. In meinem Leben gibt es keine Ziele, nur Richtungen, denen ich folge.

Ich denke an meine Mutter, während die Elektrische an mir vorbeifährt. Meine Mutter, sie war immer so wütend, ja, sie hatte immer auf alles eine unbezwingbare Wut, selbst mit Güte war ihr nicht beizukommen. Diese kindliche Güte. Der Glaube, es wird doch alles wieder gut. Nichts und niemand konnte sie beruhigen. Ich glaube, das war ihr Wahnsinn. Näher am Wahnsinn als an allem anderen. Da, wo das Denken aufhört. Nur mein kindlicher Glaube konnte das überleben. Es wird doch alles gut. Das denke ich heute nicht mehr, wenn die Situation brenzlig wird.

Sie steht vor ihrem Haus, bemerkt, dass gefegt worden ist.

Bestimmt wieder die Kruse von nebenan. Immer dieses Tun, das bringt einen doch um.

„Abend, Frau Kruse, hübsche Frisur, wo lassen Sie es denn machen?“ „Gleich um die Ecke, bei Elite.“ „Ja, da haben Sie es ja nicht weit.“ „Schönen Abend noch.“ „Ihnen auch, Fräulein Toni.“ Sie nimmt die drei Treppen, schließt ihre Tür auf, schaut auf die Uhr, es ist viertel nach neun.
5 Sterne
temporeiche, kurzweilige, belebende und tiefsinnige Philosophiestunde - 01.05.2022
Andrea Fichtmüller

Versteckt, völlig überrumpelt präsentiert Angela Grundt Humor auf kurzweilige, temporeiche Art mit einer wahren Gedankendichte, wiederkehrend, wiederbelebend, die Neugier weckt und Interesse dauerpräsentiert. Gedanken lauern und springen Dich an, philosophisch durchtränkt wie das Haartonikum im Frisörbiz, in dem Toni, eine außergewöhnliche Friseurin, arbeitet. Die mitunter virtuose Zeichensetzung bekommt Deutungshoheit. Im Traumfänger und in der Mitte wurde eine Sologeschichte eingefangen und als Nachtmahr und Mutter-Tochter-Verhältnis eingebettet, ansonsten beschreibt und beschwört Angela Grundt Widersprüche, die sie sofort wie ein Wollknäuel aufdröselt und dabei Knoten löst. Toni hält der Welt einen Spiegel hin, im Spiegelbild zeigt sich eine verlogene Gesellschaft. Eine außergewöhnliche Autorin. Danke, Angela!

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novum #10

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