Tansania mit Nonnenanschluss und Hyäne vorm Zelt
20 Jahre ungeplante Wiederholungsreisen
EUR 22,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 456
ISBN: 978-3-7116-0125-4
Erscheinungsdatum: 31.10.2024
Mit Ernest Hemingways „Die grünen Hügel Afrikas“ im Gepäck reist Karin Dümke immer wieder in ihre „zweite Heimat“ Tansania. Das Buch des Nobelpreisträgers ist für sie dabei beides: bewunderte Prosa eines großen Afrika-Liebhabers und ständige Reibefläche.
Tansania 1, Luxussafari 2001
Wie verhält man sich nach schweren Schicksalsschlägen? Zum Beispiel nach einer Trennung von seinem Partner nach einer zehnjährigen Beziehung? Man versinkt zunächst einmal natürlich in Trauer, alles andere wäre nicht normal und würde zumindest von einer gewissen Oberflächlichkeit der beendeten Beziehung zeugen. Aber dann?
Alle Hobbypsychologen im Verwandten- und Freundeskreis haben einen übereinstimmenden Vorschlag: Trost, denke nur an dich, tue dir etwas Gutes, verwöhne dich selbst mit Dingen, die du liebst. Womit also? Frauen neigen zu der selbstzerstörerischen, um nicht zu sagen dämlichen Eigenschaft, für ihre Liebe eigene Interessen hintanzustellen und sich für Dinge zu begeistern, auf die sie ohne „ihn“ gerne verzichtet hätten. Jedenfalls war ich so dumm. Was also habe ich damals für ihn aufgegeben?
Zwei große Leidenschaften fallen mir sofort ein. Die Reiterei, der ich von Kind an verfallen war, und meine Sehnsucht nach Afrika, genauer gesagt, Ostafrika, die Serengeti, der Kilimanjaro, also Kenia und Tansania. Vor Pferden hatte er Angst, und er wollte nie nach Ostafrika. Ägypten, Seychellen, ja, aber am liebsten Asien und immer (auch), um zu tauchen. Natürlich auch, um das jeweilige Land zu besichtigen. Zum Tauchen musste er mich nicht überreden, diese Leidenschaft hatte ich vor ihm ganz alleine entdeckt. Glücklicherweise, deshalb tauche ich auch heute noch. Wir haben uns praktisch im Tauchurlaub unter Wasser kennengelernt. Die Liebe zur afrikanischen Steppenlandschaft hatte mir schon als Kind, wie so vielen anderen in meiner Generation, der gute Professor Bernhard Grzimek per Film und Fernseher eingeimpft. Mein Berufswunsch war als Achtjährige Herrn Grzimek in Afrika die Tiere retten zu helfen. Sogar einen diesbezüglichen Brief habe ich damals an ihn geschrieben. Er hat sogar geantwortet. Aber der Vorschlag, erst einmal in zehn Jahren mein Abitur zu machen und dann MTA (medizinisch-technische Assistentin) zu studieren, war für mich in so großer Ferne, dass ich den Plan irgendwann vergaß.
Also Ostafrika, Kenia oder Tansania. In Kenia war ich einmal vor über zwanzig Jahren, um 1980 herum. Die drei Tage Safari und die Tauchgänge vom Strandhotel an der Küste waren großartig, aber schon damals waren gefühlte neunzig Prozent der Touristen Deutsche und nicht die angenehmsten unserer Landsleute. Kenia war bereits ein tropisches Billigreiseziel. Außerdem habe ich noch eine Leidenschaft, nämlich im Urlaub möglichst niemals Deutsch zu sprechen. Wo soll man sonst seine Sprachkenntnisse praktizieren?
Also Tansania! Mindestens eine lange Woche auf Safari im Busch, und wie komme ich an meine nächste Leidenschaft, die eigene sportliche Bewegung? Tauchen oder Reiten? Von Reitmöglichkeiten in Tansania war mir zu dem Zeitpunkt noch nichts bekannt. Das Klima erschien mir auch zu heiß für diesen Sport. Also Tauchen! Nun war alles klar, ausgiebige Safari genießen und, da zu Tansania auch eine wunderschöne Taucherinsel, nämlich Sansibar, gehört, noch zwei Wochen tauchen anhängen. Das Ganze selbstverständlich in der Luxusversion für die Streicheleinheiten, sonst wird die Trauer nicht richtig bekämpft, und wenn dabei mein gesamtes Erspartes draufgeht. So und nicht anders will ich es machen. Schon fast euphorisch, allein durch die gefällte Entscheidung, eile ich ins Reisebüro und buche eine sündhaft teure Luxusreise „Tansania de luxe“.
Ich erfuhr, dass Tansania ohnehin teurer ist als Kenia, schon weil es dort noch keinen Massentourismus gibt.
Tansania war bis zur Wende sozialistisch und wurde erheblich von der DDR und der Sowjetunion unterstützt und, damit immer einhergehend, beeinflusst. Bis 1990 war sogar die Grenze zu Kenia geschlossen. Ich erinnere mich, dass wir von Kenia aus nicht in die tansanischen Nationalparks am Kilimanjaro fahren durften, obwohl wir damals im Amboseli-Park sehr nahe an der Serengeti waren. Von Westdeutschland nach Daressalam zu fliegen war dagegen möglich. Jedenfalls ist Kenia seinem südlichen Nachbarland um die siebzig Jahre an Tourismuserfahrung mit allen seinen negativen und positiven Begleiterscheinungen voraus, etwa bessere Infrastruktur durch Straßenbau, bessere Logistik, höherer Wirtschaftsertrag durch Tourismus, viel mehr und bessere Hotels, besonders an der Küste. Dort ist der Massentourismus auch besonders sichtbar. Andererseits gibt es in Kenia jetzt schon regelmäßig kleinere und auch große Terroranschläge zu verzeichnen sowie mehr Raub- und Diebstahldelikte gegenüber Touristen, gelegentlich auch Raubmord an Touristen.
In Tansania dagegen sind die Straßen katastrophal schlecht und es gibt überhaupt bis heute nur zwei längere Strecken, die durchgehend asphaltiert sind, von Arusha bis Daressalam, etwa achthundert Kilometer und von Daressalam in den Selous-Nationalpark, etwa fünfhundert Kilometer. Für einhundert Kilometer braucht man mindestens eine Stunde, eher eineinhalb, da der Asphalt kaum repariert wird und ohnehin nur 100 Stundenkilometer erlaubt sind.
Alles Übrige an Straßen sind noch Sandpisten, die in der Regenzeit oft längere Phasen überhaupt nicht befahrbar sind. Natürlich ist es für eine Luxuslodge im Busch wesentlich teurer Güter und Lebensmittel heranzuschaffen, hauptsächlich geschieht das per einmotorigem Miniflieger, der auch die Touristen bringt. Tansania gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Dennoch ist es dort noch sehr sicher, die Menschen herzlich, gastfreundlich, ja geradezu liebevoll. Ich fühlte mich jedenfalls so sicher wie in Abrahams Schoß und nicht nur, weil ich den reinen Luxus gebucht hatte. Später machte ich dieselben Erfahrungen in einfachen privaten Unterkünften. Mitte Juli ging es also endlich los.
Ankunft in Arusha – Kilimanjaro International Airport
Das ist schon etwas peinlich mit dem Luxus. Schon am Flieger auf dem Rollfeld bin ich die Einzige, die direkt vom Flugzeug abgeholt wird. Ein mit dunkelbeiger Hose und blütenweißem Hemd elegant gestylter Mitarbeiter von „Leopard Tours“, „der“ Vier- bis Fünfsterneagentur für Safaris in Tansania, empfängt mich nicht nur am Flieger, er nimmt mein Handgepäck, geht schnurstracks mit mir an allen Warteschlangen vorbei zum Visa-Schalter, bekommt sofort den Stempel in meinen Pass, den er bereits in Besitz hat und geht mit mir nur den Pass hochhaltend durch die Passkontrolle. Die Beamten scheinen alle in die „Safari de luxe“ eingebunden zu sein und winken uns durch die Schlangen hindurch. Die Blicke der anderen Ankommenden sind nicht alle freundlich.
Draußen ist es schon stockfinster. So sehe ich nichts von der Landschaft, als mich der chic gekleidete Guide mit einem Kleinbus nach Arusha fährt. In Arusha herrscht reges Treiben auf den Straßen. Die Leute sitzen in beleuchteten, winzigen Garküchen beim Abendessen. Ein Minirestaurant neben dem anderen mit Plastiktischchen und Plastikstühlchen. Sieht für mich sehr heimelig und einladend aus und erinnert mich ein bisschen an die Nachtmärkte in Bangkok, Hongkong, Singapur oder Kuala Lumpur, die ich alle mit meinem Ex-Mann sehr genossen habe. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die wir beide hatten, war große Neugier auf fremde Länder und Kulturen und große Freude beim Probieren unbekannter lukullischer Genüsse. Scheu oder gar ernste Bedenken hatten wir dabei nie. Zum Glück machten wir auch nie unangenehme Erfahrungen. Deshalb möchte ich mich auch hier, in Arusha, am liebsten sofort dazusetzen.
Aber leider fahren wir durch Arusha hindurch bis zu einer Kombination aus Lodge und Farm, der „Moiovaro Coffee Plantation Lodge“, wo ich heute übernachte. Es ist schon 21.00 Uhr, Abendessen hatte ich bereits im Flugzeug. So bringt man mich sofort zu meinem Bungalow. Morgen früh um sechs Uhr geht es schon zum „Domestic Airport“, wo alle Inlandsflüge mit Kleinflugzeugen abgewickelt werden. Mein Bungalow ist einfach, aber groß und zweckmäßig. Jetzt spüre ich plötzlich große Müdigkeit und Erschöpfung. Die sind ausgelöst davon, dass ich heute Morgen in München schon um drei Uhr früh vom Taxi für die Fahrt zum Flughafen abgeholt wurde. Hier ist es etwa zwei Stunden später als in München. Leider kann ich aber nicht sofort ins Bett fallen, sondern habe noch eine große Denkaufgabe zu erledigen. Ich muss Koffer und Handgepäck auspacken und neu ordnen. Auf die Buschsafari darf ich nur weiches Handgepäck mitnehmen. Der Koffer bleibt in der Agentur in Arusha und enthält das Gepäck für die beiden Anschlusswochen auf Sansibar. Da ich die wertvollsten Teile meiner Tauchausrüstung, etwa Lungenautomat und optische Tauchermaske, immer im Handgepäck mitführe, muss das raus und das Notwendige für die Safaritage in die Reisetasche aus Canvas rein. Wenn man sich in dem Zustand befindet, wie ich gerade, ist das wirklich eine Aktion. Trotzdem beschließe ich auch noch nebenbei, mir in Zukunft eine Liste für solche Fälle vorzubereiten. Endlich bin ich fertig und kann ins Bett fallen.
Leider nicht für lange. Ich bekomme nur einen „Early Morning“-Kaffee und drei Plätzchen von edlem Feingebäck auf der Holzveranda des Restaurants. Das ist für den Moment wunderbar. Leider ist es immer noch stockfinster. Deshalb sehe ich von der Lodge gar nichts. Mein Guide von gestern wartet schon mit dem Kleinbus, und wir fahren zum „Domestic Airport“. Ich verabschiede mich hier von Leopard von den „Leopard Tours“. Ja, tatsächlich, er heißt auch noch so. Also, bis in acht Tagen.
„Domestic Airport“, Arusha
Der Flughafen ist eine Holzbretterbude mit einem Check-in-Schalter aus Holz, das aussieht wie ein Lehrerstehpult. Aber es gibt für das Gepäck einen Durchleuchtungsapparat. Als ich mich dort hinbegeben will, stupst mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehe mich um. Ein beleibter, freundlich grinsender Mann fragt mich, ob ich Feuerzeuge dabeihabe. Er hat mich vielleicht auf der Wartebank eine Zigarette rauchen sehen. Ich denke: „Was geht es dich an?“ Aber er erklärt mir, dass es verboten sei Feuerzeuge im Gepäck zu haben. Man würde sie mir an der Sicherheitskontrolle wegnehmen. Zu der Zeit (2002) war das in Europa noch nicht üblich. Ich solle ihm die Feuerzeuge geben. Er gehe dann um die Bretterbude außen herum, es gibt dort keine Zäune, und brächte sie mir zum Flieger. Das würde niemand bemerken und dem Piloten sei das egal, er rauche selber. Ich krame meine drei mitgebrachten Feuerzeuge hervor und gebe sie ihm. Alles läuft wie geschmiert. Ich gehe durch die Kontrolle, wo man mir sogar noch meine Kugelschreiber wegnehmen möchte. Ich erkläre, ich muss einen Reisebericht schreiben und kann das gerade noch abwenden. Ich laufe über das Rollfeld zu der kleinen einmotorigen Cessna. Ein Pilot, sonst ist niemand da, nimmt die Reisetasche und verstaut sie von außen unter einer Klappe am Bauch des Flugzeugs. Da ist auch schon der beleibte Mann zur Stelle und übergibt mir meine drei Feuerzeuge. Natürlich gebe ich ihm ein kleines Trinkgeld. Wir scheiden strahlend als Freunde. Feuerzeuge sind eins der Dinge, die in Tansania schwer zu bekommen sind, und wenn, dann funktionieren sie zwei Tage. Der Pilot bittet mich herein und erklärt ganz förmlich: „Wir starten jetzt zum,Lake Manyara International Airport‘, bitte anschnallen.“ Wir rollen auf die Startbahn, die hier sogar asphaltiert ist. Ich bin der einzige Fluggast. Noch ahne ich nicht, dass dies zwar das erste aber nicht das letzte Mal sein wird, dass ich der einzige Luxusgast bin.
„Maji Moto“ am Lake Manyara
In Afrika mit diesen kleinen Maschinen zu fliegen ist ein Traum. Man fliegt so tief, dass man auf dem Boden Herden von Gnus, Zebras, Büffeln, Elefanten und sogar einzelne Tiere erkennen kann. Dazu hat man noch den wunderbaren Überblick über die Savanne, die sanften Hügel der Savanne, Flüsse und Seen. Ich kneife mich, weil ich denke, ich träume. Es ist wie im Film „Jenseits von Afrika“. Damals in Kenia war ich nur mit dem Kleinbus auf den Sandpisten unterwegs. Jetzt bin ich in meinem Traumland angekommen.
Wir landen viel zu schnell auf dem „Lake Manyara International Airport“. Nur Sandpiste und eine winzig kleine mit Palmblättern bedeckte Holzhütte. Etwa vierzig Meter abseits stehen vier hohe Pfähle, auf denen ein großes Palmdach ruht. Auf diesem hängt ein Schild mit der Aufschrift AGIP in großen Lettern, unter dem Dach steht eine einsame Tanksäule – die Tankstelle am Flughafen. Aber was ist das? Neben dem „Flughafengebäude“ steht ein khakigrüner Jeep mit beigen Ledersitzen. Sieht sehr edel aus. Neben dem Jeep, auf dem fein säuberlich „Maji Moto Lodge“ aufgedruckt ist, stehen ein Tisch und ein Safari-Klappsessel, der aussieht wie ein Regiestuhl. Auf dem Tisch liegt eine in verschiedenen Rottönen gestreifte Massaidecke. Darauf stehen Kaffee, Tee, Kekse, Toast, Butter und eine Art Picknickgeschirr aus Porzellan, auf dem Boden steht der dazugehörige, typisch britische Edelpicknickkorb im „Luxury Country Style“. Salem kommt mir mit weit ausgebreiteten Armen entgegen und stellt sich als mein Fahrer, Guide und Betreuer für die nächsten Tage am Lake Manyara vor. Er ist sehr sympathisch und farblich ebenso chic wie der Jeep ausgestattet. Er erklärt mir, dass ich noch nicht gefrühstückt habe, dass hier jeder, der mit mir zu tun hat, über alle Punkte meiner Route Bescheid weiß, und dass ich nun, da es schon neun Uhr sei, zuerst einmal frühstücken muss. Ich soll mich an den Tisch setzen. Neben dem Jeep steht ein kleiner Gaskocher. In der Pfanne, die darauf steht, brutzeln schon zwei Spiegeleier und Frühstücksspeck. Genauso wie ich es liebe. Der Pilot hat sich bereits verabschiedet und ist wieder gestartet. Vor dem „Flughafengebäude“ mit dem Palmdach sitzt nur ein Mensch auf einer Art Hausbank, sonst niemand weit und breit. Salem serviert. Ich genieße das Frühstück wie ein echter „Landlord“. Als ich Salem frage, ob er nicht mit mir frühstückt, ich bräuchte normalerweise auch nur ein Spiegelei, meint er empört, das schicke sich nicht. Außerdem habe er schon gefrühstückt und ich Hunger. Ja, das stimmt.
Nachdem Salem alles wieder ordentlich verstaut hat und ich satt, zufrieden und glückselig im Jeep sitze, starten wir Richtung „Maji Moto Lodge“. Komisch, der Luxus dieses Morgens ist mir überhaupt nicht peinlich, es ist wundervoll. Entweder liegt es an der mütterlichen Art und Herzlichkeit Salems, oder ich bin bereits vom Luxus verdorben. Das soll ja schnell gehen und ist das Leichteste auf der Welt.
Vom Flughafen, der auf der Hochebene Tansanias liegt, geht es plötzlich durch dichten Wald einige Serpentinen hinunter. In einer Kurve haben wir die spektakuläre Aussicht auf den Lake Manyara. Wir befinden uns an seinem nördlichen Ende. Es geht noch eine ganze Weile bergab. Wir fahren den steilen Grabenabbruch des Rift Valley hinunter. Unten müssen wir auch gleich am Eingangstor zum Nationalpark anhalten. Während Salem die Formalitäten erledigt, wird mir bewusst, dass es hier um einiges wärmer ist als oben auf der Ebene. Das ist auch der Grund, warum sich fast alle europäischen Siedler von Anfang an auf der Hochebene angesiedelt haben. Die Temperaturen sind dort viel angenehmer. Im Winter werden die Tage zwar auch heiß, aber die Nächte sind mit zwischen null und zehn Grad überraschend kalt. Das werde auch ich bald zu spüren bekommen.
Vier Stunden dauert die Fahrt zur Lodge, meistens direkt am See entlang. Es handelt sich natürlich schon um die erste Safari-Fahrt, ein sogenannter Game Drive. Salem hält oft an, wenn zum Beispiel Elefanten, Giraffen, Impalas, eine ganze Herde Paviane oder Warzenschweine auftauchen. Seit dem ersten Halt stehe ich nur noch vor Begeisterung, weil ich dann besser und weiter sehen kann. Hinter jedem Busch und jeder Kurve kann jetzt ein anderes Tier auftauchen, das es nur in Afrika gibt. Das ist so spannend. Ich bin voller Adrenalin, Dopamin und Serotonin. Es ist das gleiche Gefühl wie bei einem Tauchgang. Dort weiß man auch nie, was ein bis zwei Meter später auftaucht. Ist die Sicht zum Beispiel dreißig Meter weit, dann eröffnet sich mit jedem Flossenschlag ein neuer Meter.
Der See zieht sich mit etwa fünfzig Kilometer Länge immer dicht an der unteren Kante des Grabenabbruchs entlang in nordsüdlicher Richtung. Meist ist er sechs bis sieben Kilometer breit. Der Nationalpark ist ein relativ schmales Band zwischen dem See und der hohen Kante (drei- bis vierhundert Meter) des Rift Valley, die wir auf Serpentinen hinabgefahren sind. Seine Besonderheit sind die Grundwasserwälder und Löwen, die gerne in den Bäumen hängen. Normalerweise klettern Löwen ungern. Etwa ein Kilometer vor der „Maji Moto Lodge“ hält Salem wieder an und zeigt mir eine „Maji Moto“, was nichts anderes heißt als „heiße Quelle“, die an der Wand des Rift Valley heruntersprudelt, dabei dampft und vor unserem Jeep als kleines Rinnsal über die Sandpiste Richtung See fließt. Man kann deutlich erkennen und fühlen, dass die Erdkruste hier ziemlich dünn ist. Ich halte die Hand ins Wasser – badewannenwarm.
Zur späten Lunch-Zeit kommen wir endlich in der Lodge des „heißen Wassers“ an. Zuerst sieht man gar nichts. Die Sandpiste verläuft durch einen grünen Wald. Dann kommen wir an einen breiteren Sandplatz. Salem hält den Wagen an und nimmt mein Gepäck. Wir folgen einem schmalen Pfad, der rechts und links über unsere Köpfe mit grünem Busch begrenzt ist. Der Pfad öffnet sich. Wir sehen ein riesig breites, weißes, aber nur zwei Meter hohes Zelt. Vor dem Zelt stehen neunundzwanzig schwarze und ein weißer Mann. Alle, bis auf vier Massai, die ihre rotgestreiften Tücher tragen, sind chic uniformiert. Der weiße Mann reicht mir die Hand und stellt sich als Manager vor, ein anderer hält mir eine Schüssel Wasser und ein Handtuch hin. Ich soll mir die Hände waschen. Der Manager erklärt mir, dass diese dreißig Personen nur für mich da seien, ich sei einziger Gast in der Lodge und heute Abend sei ein spezielles Dinner nur für mich, für die „Queen of the Night“ vorbereitet. Jetzt gibt es erst mal einen kleinen Lunch. Dann werde ich von einem „Warrior“-Massai zu meinem Zelt begleitet. Mein Gepäck sei schon dort. Nach einer Siesta ginge es dann noch auf eine Spätnachmittagspirsch. Zur Pirsch werde ich wiederum von einem „Warrior“ abgeholt. Ich dürfe niemals alleine das Zelt verlassen oder vom Restaurant alleine dort hingehen, weil wir mitten in der Wildnis sind und alle Tiere, die hier leben, frei durch das Camp laufen.
„Einziger Gast“, das schockt mich zunächst einmal und ich schaue verschämt und wieder einmal peinlich berührt in alle Gesichter. Aber alle strahlen mich an und Donard, ab sofort meine Bedienung, und der Koch Vitalis geleiten mich vom Empfangszelt zum Restaurantzelt. Das Restaurantzelt hat keine Wände und geht auf einen offenen Sandplatz mit Blick auf den See hinaus. Dort stehen eine große Feuerschale und zwei riesige in Stein gehauene Grillplätze. Überall stehen wunderschöne, rustikale Holzsessel mit weißen Sitzpolstern im Safaristil. Nach dem leichten Lunch, ein wenig Hühnerfleisch und ein schmackhafter Salat mit Fladenbrot, und dem herzlichen Lächeln von Vitalis ist meine Scheu schon verschwunden. Ich fühle mich wie die Königin von Saba. Ein Massai führt mich einen ziemlich langen und schmalen Weg, ab und zu sehe ich ein weißes Zeltdach durch grüne Blätter schimmern. Nach etwa zehn Minuten zeigt mir der Massai mein Zelt. Vor dem Zelt ist eine Art überdachte Veranda mit einem Tisch, einem Sessel, einer hohen Blechkanne mit einem Regenschirm und einer weiß lackierten Holzliege mit einer dicken weißen Polsterauflage. Vor der Veranda liegt eine Fußmatte, daneben steckt ein langer Speer im Sand. Der Massai trägt selbst nur einen Speer und erklärt in gebrochenem Englisch, dieser hier sei stellvertretend für „do not disturb“, wenn er draußen im Sand steckt. Sonst steht er drinnen an die Zeltwand gelehnt. Für den Notfall und zur Selbstverteidigung aber solle ich immer nur die Trillerpfeife benutzen, die auf dem Bettkasten liegt, und er sei in einer Minute zur Stelle. Vitalis, der ganz gut Englisch spricht, hatte mir erklärt, dass Massai niemals im Service arbeiten, das sei unter ihrer Würde. Sie sind Krieger und arbeiten nur für den Schutz der Gäste und des Personals. Der Massai erklärt noch, dass er mich um sechzehn Uhr dreißig zur Pirsch abholt und wünscht mir gut zu ruhen.
Zuvor hatte er mir noch den ersten langen Reißverschluss, der mein großes Zelt verschloss, geöffnet und nun trete ich ein. Habe ich großes Zelt gesagt? Nein, es ist ein riesiges Zelt! „Das ist der Wahnsinn“, denke ich. Aber ich weiß bloß noch nicht, was mir noch alles auf dieser Reise begegnen wird. Mein Gepäck liegt auf einer hölzernen Truhe, daneben steht ein Schreibtisch mit Schreibutensilien und Lampe, aber dominiert wird dieser Raum von einem zwei mal drei Meter großen Bett. Es füllt die gesamte Mitte des Raumes und ist mit einer eleganten grauen Tagesdecke bedeckt, auf dem Kopfende liegen wie Schuppen aneinander mindestens zwanzig kleinere weiße Kissen. Das Bett ist natürlich als Doppelbett konzipiert und besitzt ein ebenso riesiges Moskitonetz, das mittig an der Decke aufgehängt ist. Einzelzimmer gibt es hier und in der gesamten tropischen Welt meistens nicht. Das Zelt ist übrigens zum Stehen gedacht und mehr als zwei Meter hoch. Der Massai hat „ruhen“ gesagt. Wie soll man bei der Aufregung ruhen können? Das hier ist alles neu und unglaublich. Außerdem muss ich noch meine Reisetasche auspacken. Dabei fallen mir die beiden Kosmetiktaschen zuerst ins Auge. Daher suche ich nach so etwas wie einem Bad. Hinter dem Kopfende des riesigen Bettes sehe ich eine zweite Zeltwand mit Reißverschluss und öffne auch diese. Ja, wie konnte ich zweifeln, dass ein Bad fehlt. Geradeaus befinden sich ein wandhoher Spiegel und ein Standwaschbecken aus Zink davor. Rechts ein Vorhang, hinter dem sich eine Dusche verbirgt und ein Holzrost auf dem Boden für den Wasserablauf. Daneben ein separater kleiner Raum mit der Toilette. Links eine Stange mit Kleiderbügeln und ein paar Holzregale für weiteres Gepäck. Auf der Waschbeckenkonsole stehen Shampoo, Duschgel und Bodylotion, natürlich von Yves Saint Laurent.
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Wie verhält man sich nach schweren Schicksalsschlägen? Zum Beispiel nach einer Trennung von seinem Partner nach einer zehnjährigen Beziehung? Man versinkt zunächst einmal natürlich in Trauer, alles andere wäre nicht normal und würde zumindest von einer gewissen Oberflächlichkeit der beendeten Beziehung zeugen. Aber dann?
Alle Hobbypsychologen im Verwandten- und Freundeskreis haben einen übereinstimmenden Vorschlag: Trost, denke nur an dich, tue dir etwas Gutes, verwöhne dich selbst mit Dingen, die du liebst. Womit also? Frauen neigen zu der selbstzerstörerischen, um nicht zu sagen dämlichen Eigenschaft, für ihre Liebe eigene Interessen hintanzustellen und sich für Dinge zu begeistern, auf die sie ohne „ihn“ gerne verzichtet hätten. Jedenfalls war ich so dumm. Was also habe ich damals für ihn aufgegeben?
Zwei große Leidenschaften fallen mir sofort ein. Die Reiterei, der ich von Kind an verfallen war, und meine Sehnsucht nach Afrika, genauer gesagt, Ostafrika, die Serengeti, der Kilimanjaro, also Kenia und Tansania. Vor Pferden hatte er Angst, und er wollte nie nach Ostafrika. Ägypten, Seychellen, ja, aber am liebsten Asien und immer (auch), um zu tauchen. Natürlich auch, um das jeweilige Land zu besichtigen. Zum Tauchen musste er mich nicht überreden, diese Leidenschaft hatte ich vor ihm ganz alleine entdeckt. Glücklicherweise, deshalb tauche ich auch heute noch. Wir haben uns praktisch im Tauchurlaub unter Wasser kennengelernt. Die Liebe zur afrikanischen Steppenlandschaft hatte mir schon als Kind, wie so vielen anderen in meiner Generation, der gute Professor Bernhard Grzimek per Film und Fernseher eingeimpft. Mein Berufswunsch war als Achtjährige Herrn Grzimek in Afrika die Tiere retten zu helfen. Sogar einen diesbezüglichen Brief habe ich damals an ihn geschrieben. Er hat sogar geantwortet. Aber der Vorschlag, erst einmal in zehn Jahren mein Abitur zu machen und dann MTA (medizinisch-technische Assistentin) zu studieren, war für mich in so großer Ferne, dass ich den Plan irgendwann vergaß.
Also Ostafrika, Kenia oder Tansania. In Kenia war ich einmal vor über zwanzig Jahren, um 1980 herum. Die drei Tage Safari und die Tauchgänge vom Strandhotel an der Küste waren großartig, aber schon damals waren gefühlte neunzig Prozent der Touristen Deutsche und nicht die angenehmsten unserer Landsleute. Kenia war bereits ein tropisches Billigreiseziel. Außerdem habe ich noch eine Leidenschaft, nämlich im Urlaub möglichst niemals Deutsch zu sprechen. Wo soll man sonst seine Sprachkenntnisse praktizieren?
Also Tansania! Mindestens eine lange Woche auf Safari im Busch, und wie komme ich an meine nächste Leidenschaft, die eigene sportliche Bewegung? Tauchen oder Reiten? Von Reitmöglichkeiten in Tansania war mir zu dem Zeitpunkt noch nichts bekannt. Das Klima erschien mir auch zu heiß für diesen Sport. Also Tauchen! Nun war alles klar, ausgiebige Safari genießen und, da zu Tansania auch eine wunderschöne Taucherinsel, nämlich Sansibar, gehört, noch zwei Wochen tauchen anhängen. Das Ganze selbstverständlich in der Luxusversion für die Streicheleinheiten, sonst wird die Trauer nicht richtig bekämpft, und wenn dabei mein gesamtes Erspartes draufgeht. So und nicht anders will ich es machen. Schon fast euphorisch, allein durch die gefällte Entscheidung, eile ich ins Reisebüro und buche eine sündhaft teure Luxusreise „Tansania de luxe“.
Ich erfuhr, dass Tansania ohnehin teurer ist als Kenia, schon weil es dort noch keinen Massentourismus gibt.
Tansania war bis zur Wende sozialistisch und wurde erheblich von der DDR und der Sowjetunion unterstützt und, damit immer einhergehend, beeinflusst. Bis 1990 war sogar die Grenze zu Kenia geschlossen. Ich erinnere mich, dass wir von Kenia aus nicht in die tansanischen Nationalparks am Kilimanjaro fahren durften, obwohl wir damals im Amboseli-Park sehr nahe an der Serengeti waren. Von Westdeutschland nach Daressalam zu fliegen war dagegen möglich. Jedenfalls ist Kenia seinem südlichen Nachbarland um die siebzig Jahre an Tourismuserfahrung mit allen seinen negativen und positiven Begleiterscheinungen voraus, etwa bessere Infrastruktur durch Straßenbau, bessere Logistik, höherer Wirtschaftsertrag durch Tourismus, viel mehr und bessere Hotels, besonders an der Küste. Dort ist der Massentourismus auch besonders sichtbar. Andererseits gibt es in Kenia jetzt schon regelmäßig kleinere und auch große Terroranschläge zu verzeichnen sowie mehr Raub- und Diebstahldelikte gegenüber Touristen, gelegentlich auch Raubmord an Touristen.
In Tansania dagegen sind die Straßen katastrophal schlecht und es gibt überhaupt bis heute nur zwei längere Strecken, die durchgehend asphaltiert sind, von Arusha bis Daressalam, etwa achthundert Kilometer und von Daressalam in den Selous-Nationalpark, etwa fünfhundert Kilometer. Für einhundert Kilometer braucht man mindestens eine Stunde, eher eineinhalb, da der Asphalt kaum repariert wird und ohnehin nur 100 Stundenkilometer erlaubt sind.
Alles Übrige an Straßen sind noch Sandpisten, die in der Regenzeit oft längere Phasen überhaupt nicht befahrbar sind. Natürlich ist es für eine Luxuslodge im Busch wesentlich teurer Güter und Lebensmittel heranzuschaffen, hauptsächlich geschieht das per einmotorigem Miniflieger, der auch die Touristen bringt. Tansania gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Dennoch ist es dort noch sehr sicher, die Menschen herzlich, gastfreundlich, ja geradezu liebevoll. Ich fühlte mich jedenfalls so sicher wie in Abrahams Schoß und nicht nur, weil ich den reinen Luxus gebucht hatte. Später machte ich dieselben Erfahrungen in einfachen privaten Unterkünften. Mitte Juli ging es also endlich los.
Ankunft in Arusha – Kilimanjaro International Airport
Das ist schon etwas peinlich mit dem Luxus. Schon am Flieger auf dem Rollfeld bin ich die Einzige, die direkt vom Flugzeug abgeholt wird. Ein mit dunkelbeiger Hose und blütenweißem Hemd elegant gestylter Mitarbeiter von „Leopard Tours“, „der“ Vier- bis Fünfsterneagentur für Safaris in Tansania, empfängt mich nicht nur am Flieger, er nimmt mein Handgepäck, geht schnurstracks mit mir an allen Warteschlangen vorbei zum Visa-Schalter, bekommt sofort den Stempel in meinen Pass, den er bereits in Besitz hat und geht mit mir nur den Pass hochhaltend durch die Passkontrolle. Die Beamten scheinen alle in die „Safari de luxe“ eingebunden zu sein und winken uns durch die Schlangen hindurch. Die Blicke der anderen Ankommenden sind nicht alle freundlich.
Draußen ist es schon stockfinster. So sehe ich nichts von der Landschaft, als mich der chic gekleidete Guide mit einem Kleinbus nach Arusha fährt. In Arusha herrscht reges Treiben auf den Straßen. Die Leute sitzen in beleuchteten, winzigen Garküchen beim Abendessen. Ein Minirestaurant neben dem anderen mit Plastiktischchen und Plastikstühlchen. Sieht für mich sehr heimelig und einladend aus und erinnert mich ein bisschen an die Nachtmärkte in Bangkok, Hongkong, Singapur oder Kuala Lumpur, die ich alle mit meinem Ex-Mann sehr genossen habe. Eine der wenigen Gemeinsamkeiten, die wir beide hatten, war große Neugier auf fremde Länder und Kulturen und große Freude beim Probieren unbekannter lukullischer Genüsse. Scheu oder gar ernste Bedenken hatten wir dabei nie. Zum Glück machten wir auch nie unangenehme Erfahrungen. Deshalb möchte ich mich auch hier, in Arusha, am liebsten sofort dazusetzen.
Aber leider fahren wir durch Arusha hindurch bis zu einer Kombination aus Lodge und Farm, der „Moiovaro Coffee Plantation Lodge“, wo ich heute übernachte. Es ist schon 21.00 Uhr, Abendessen hatte ich bereits im Flugzeug. So bringt man mich sofort zu meinem Bungalow. Morgen früh um sechs Uhr geht es schon zum „Domestic Airport“, wo alle Inlandsflüge mit Kleinflugzeugen abgewickelt werden. Mein Bungalow ist einfach, aber groß und zweckmäßig. Jetzt spüre ich plötzlich große Müdigkeit und Erschöpfung. Die sind ausgelöst davon, dass ich heute Morgen in München schon um drei Uhr früh vom Taxi für die Fahrt zum Flughafen abgeholt wurde. Hier ist es etwa zwei Stunden später als in München. Leider kann ich aber nicht sofort ins Bett fallen, sondern habe noch eine große Denkaufgabe zu erledigen. Ich muss Koffer und Handgepäck auspacken und neu ordnen. Auf die Buschsafari darf ich nur weiches Handgepäck mitnehmen. Der Koffer bleibt in der Agentur in Arusha und enthält das Gepäck für die beiden Anschlusswochen auf Sansibar. Da ich die wertvollsten Teile meiner Tauchausrüstung, etwa Lungenautomat und optische Tauchermaske, immer im Handgepäck mitführe, muss das raus und das Notwendige für die Safaritage in die Reisetasche aus Canvas rein. Wenn man sich in dem Zustand befindet, wie ich gerade, ist das wirklich eine Aktion. Trotzdem beschließe ich auch noch nebenbei, mir in Zukunft eine Liste für solche Fälle vorzubereiten. Endlich bin ich fertig und kann ins Bett fallen.
Leider nicht für lange. Ich bekomme nur einen „Early Morning“-Kaffee und drei Plätzchen von edlem Feingebäck auf der Holzveranda des Restaurants. Das ist für den Moment wunderbar. Leider ist es immer noch stockfinster. Deshalb sehe ich von der Lodge gar nichts. Mein Guide von gestern wartet schon mit dem Kleinbus, und wir fahren zum „Domestic Airport“. Ich verabschiede mich hier von Leopard von den „Leopard Tours“. Ja, tatsächlich, er heißt auch noch so. Also, bis in acht Tagen.
„Domestic Airport“, Arusha
Der Flughafen ist eine Holzbretterbude mit einem Check-in-Schalter aus Holz, das aussieht wie ein Lehrerstehpult. Aber es gibt für das Gepäck einen Durchleuchtungsapparat. Als ich mich dort hinbegeben will, stupst mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehe mich um. Ein beleibter, freundlich grinsender Mann fragt mich, ob ich Feuerzeuge dabeihabe. Er hat mich vielleicht auf der Wartebank eine Zigarette rauchen sehen. Ich denke: „Was geht es dich an?“ Aber er erklärt mir, dass es verboten sei Feuerzeuge im Gepäck zu haben. Man würde sie mir an der Sicherheitskontrolle wegnehmen. Zu der Zeit (2002) war das in Europa noch nicht üblich. Ich solle ihm die Feuerzeuge geben. Er gehe dann um die Bretterbude außen herum, es gibt dort keine Zäune, und brächte sie mir zum Flieger. Das würde niemand bemerken und dem Piloten sei das egal, er rauche selber. Ich krame meine drei mitgebrachten Feuerzeuge hervor und gebe sie ihm. Alles läuft wie geschmiert. Ich gehe durch die Kontrolle, wo man mir sogar noch meine Kugelschreiber wegnehmen möchte. Ich erkläre, ich muss einen Reisebericht schreiben und kann das gerade noch abwenden. Ich laufe über das Rollfeld zu der kleinen einmotorigen Cessna. Ein Pilot, sonst ist niemand da, nimmt die Reisetasche und verstaut sie von außen unter einer Klappe am Bauch des Flugzeugs. Da ist auch schon der beleibte Mann zur Stelle und übergibt mir meine drei Feuerzeuge. Natürlich gebe ich ihm ein kleines Trinkgeld. Wir scheiden strahlend als Freunde. Feuerzeuge sind eins der Dinge, die in Tansania schwer zu bekommen sind, und wenn, dann funktionieren sie zwei Tage. Der Pilot bittet mich herein und erklärt ganz förmlich: „Wir starten jetzt zum,Lake Manyara International Airport‘, bitte anschnallen.“ Wir rollen auf die Startbahn, die hier sogar asphaltiert ist. Ich bin der einzige Fluggast. Noch ahne ich nicht, dass dies zwar das erste aber nicht das letzte Mal sein wird, dass ich der einzige Luxusgast bin.
„Maji Moto“ am Lake Manyara
In Afrika mit diesen kleinen Maschinen zu fliegen ist ein Traum. Man fliegt so tief, dass man auf dem Boden Herden von Gnus, Zebras, Büffeln, Elefanten und sogar einzelne Tiere erkennen kann. Dazu hat man noch den wunderbaren Überblick über die Savanne, die sanften Hügel der Savanne, Flüsse und Seen. Ich kneife mich, weil ich denke, ich träume. Es ist wie im Film „Jenseits von Afrika“. Damals in Kenia war ich nur mit dem Kleinbus auf den Sandpisten unterwegs. Jetzt bin ich in meinem Traumland angekommen.
Wir landen viel zu schnell auf dem „Lake Manyara International Airport“. Nur Sandpiste und eine winzig kleine mit Palmblättern bedeckte Holzhütte. Etwa vierzig Meter abseits stehen vier hohe Pfähle, auf denen ein großes Palmdach ruht. Auf diesem hängt ein Schild mit der Aufschrift AGIP in großen Lettern, unter dem Dach steht eine einsame Tanksäule – die Tankstelle am Flughafen. Aber was ist das? Neben dem „Flughafengebäude“ steht ein khakigrüner Jeep mit beigen Ledersitzen. Sieht sehr edel aus. Neben dem Jeep, auf dem fein säuberlich „Maji Moto Lodge“ aufgedruckt ist, stehen ein Tisch und ein Safari-Klappsessel, der aussieht wie ein Regiestuhl. Auf dem Tisch liegt eine in verschiedenen Rottönen gestreifte Massaidecke. Darauf stehen Kaffee, Tee, Kekse, Toast, Butter und eine Art Picknickgeschirr aus Porzellan, auf dem Boden steht der dazugehörige, typisch britische Edelpicknickkorb im „Luxury Country Style“. Salem kommt mir mit weit ausgebreiteten Armen entgegen und stellt sich als mein Fahrer, Guide und Betreuer für die nächsten Tage am Lake Manyara vor. Er ist sehr sympathisch und farblich ebenso chic wie der Jeep ausgestattet. Er erklärt mir, dass ich noch nicht gefrühstückt habe, dass hier jeder, der mit mir zu tun hat, über alle Punkte meiner Route Bescheid weiß, und dass ich nun, da es schon neun Uhr sei, zuerst einmal frühstücken muss. Ich soll mich an den Tisch setzen. Neben dem Jeep steht ein kleiner Gaskocher. In der Pfanne, die darauf steht, brutzeln schon zwei Spiegeleier und Frühstücksspeck. Genauso wie ich es liebe. Der Pilot hat sich bereits verabschiedet und ist wieder gestartet. Vor dem „Flughafengebäude“ mit dem Palmdach sitzt nur ein Mensch auf einer Art Hausbank, sonst niemand weit und breit. Salem serviert. Ich genieße das Frühstück wie ein echter „Landlord“. Als ich Salem frage, ob er nicht mit mir frühstückt, ich bräuchte normalerweise auch nur ein Spiegelei, meint er empört, das schicke sich nicht. Außerdem habe er schon gefrühstückt und ich Hunger. Ja, das stimmt.
Nachdem Salem alles wieder ordentlich verstaut hat und ich satt, zufrieden und glückselig im Jeep sitze, starten wir Richtung „Maji Moto Lodge“. Komisch, der Luxus dieses Morgens ist mir überhaupt nicht peinlich, es ist wundervoll. Entweder liegt es an der mütterlichen Art und Herzlichkeit Salems, oder ich bin bereits vom Luxus verdorben. Das soll ja schnell gehen und ist das Leichteste auf der Welt.
Vom Flughafen, der auf der Hochebene Tansanias liegt, geht es plötzlich durch dichten Wald einige Serpentinen hinunter. In einer Kurve haben wir die spektakuläre Aussicht auf den Lake Manyara. Wir befinden uns an seinem nördlichen Ende. Es geht noch eine ganze Weile bergab. Wir fahren den steilen Grabenabbruch des Rift Valley hinunter. Unten müssen wir auch gleich am Eingangstor zum Nationalpark anhalten. Während Salem die Formalitäten erledigt, wird mir bewusst, dass es hier um einiges wärmer ist als oben auf der Ebene. Das ist auch der Grund, warum sich fast alle europäischen Siedler von Anfang an auf der Hochebene angesiedelt haben. Die Temperaturen sind dort viel angenehmer. Im Winter werden die Tage zwar auch heiß, aber die Nächte sind mit zwischen null und zehn Grad überraschend kalt. Das werde auch ich bald zu spüren bekommen.
Vier Stunden dauert die Fahrt zur Lodge, meistens direkt am See entlang. Es handelt sich natürlich schon um die erste Safari-Fahrt, ein sogenannter Game Drive. Salem hält oft an, wenn zum Beispiel Elefanten, Giraffen, Impalas, eine ganze Herde Paviane oder Warzenschweine auftauchen. Seit dem ersten Halt stehe ich nur noch vor Begeisterung, weil ich dann besser und weiter sehen kann. Hinter jedem Busch und jeder Kurve kann jetzt ein anderes Tier auftauchen, das es nur in Afrika gibt. Das ist so spannend. Ich bin voller Adrenalin, Dopamin und Serotonin. Es ist das gleiche Gefühl wie bei einem Tauchgang. Dort weiß man auch nie, was ein bis zwei Meter später auftaucht. Ist die Sicht zum Beispiel dreißig Meter weit, dann eröffnet sich mit jedem Flossenschlag ein neuer Meter.
Der See zieht sich mit etwa fünfzig Kilometer Länge immer dicht an der unteren Kante des Grabenabbruchs entlang in nordsüdlicher Richtung. Meist ist er sechs bis sieben Kilometer breit. Der Nationalpark ist ein relativ schmales Band zwischen dem See und der hohen Kante (drei- bis vierhundert Meter) des Rift Valley, die wir auf Serpentinen hinabgefahren sind. Seine Besonderheit sind die Grundwasserwälder und Löwen, die gerne in den Bäumen hängen. Normalerweise klettern Löwen ungern. Etwa ein Kilometer vor der „Maji Moto Lodge“ hält Salem wieder an und zeigt mir eine „Maji Moto“, was nichts anderes heißt als „heiße Quelle“, die an der Wand des Rift Valley heruntersprudelt, dabei dampft und vor unserem Jeep als kleines Rinnsal über die Sandpiste Richtung See fließt. Man kann deutlich erkennen und fühlen, dass die Erdkruste hier ziemlich dünn ist. Ich halte die Hand ins Wasser – badewannenwarm.
Zur späten Lunch-Zeit kommen wir endlich in der Lodge des „heißen Wassers“ an. Zuerst sieht man gar nichts. Die Sandpiste verläuft durch einen grünen Wald. Dann kommen wir an einen breiteren Sandplatz. Salem hält den Wagen an und nimmt mein Gepäck. Wir folgen einem schmalen Pfad, der rechts und links über unsere Köpfe mit grünem Busch begrenzt ist. Der Pfad öffnet sich. Wir sehen ein riesig breites, weißes, aber nur zwei Meter hohes Zelt. Vor dem Zelt stehen neunundzwanzig schwarze und ein weißer Mann. Alle, bis auf vier Massai, die ihre rotgestreiften Tücher tragen, sind chic uniformiert. Der weiße Mann reicht mir die Hand und stellt sich als Manager vor, ein anderer hält mir eine Schüssel Wasser und ein Handtuch hin. Ich soll mir die Hände waschen. Der Manager erklärt mir, dass diese dreißig Personen nur für mich da seien, ich sei einziger Gast in der Lodge und heute Abend sei ein spezielles Dinner nur für mich, für die „Queen of the Night“ vorbereitet. Jetzt gibt es erst mal einen kleinen Lunch. Dann werde ich von einem „Warrior“-Massai zu meinem Zelt begleitet. Mein Gepäck sei schon dort. Nach einer Siesta ginge es dann noch auf eine Spätnachmittagspirsch. Zur Pirsch werde ich wiederum von einem „Warrior“ abgeholt. Ich dürfe niemals alleine das Zelt verlassen oder vom Restaurant alleine dort hingehen, weil wir mitten in der Wildnis sind und alle Tiere, die hier leben, frei durch das Camp laufen.
„Einziger Gast“, das schockt mich zunächst einmal und ich schaue verschämt und wieder einmal peinlich berührt in alle Gesichter. Aber alle strahlen mich an und Donard, ab sofort meine Bedienung, und der Koch Vitalis geleiten mich vom Empfangszelt zum Restaurantzelt. Das Restaurantzelt hat keine Wände und geht auf einen offenen Sandplatz mit Blick auf den See hinaus. Dort stehen eine große Feuerschale und zwei riesige in Stein gehauene Grillplätze. Überall stehen wunderschöne, rustikale Holzsessel mit weißen Sitzpolstern im Safaristil. Nach dem leichten Lunch, ein wenig Hühnerfleisch und ein schmackhafter Salat mit Fladenbrot, und dem herzlichen Lächeln von Vitalis ist meine Scheu schon verschwunden. Ich fühle mich wie die Königin von Saba. Ein Massai führt mich einen ziemlich langen und schmalen Weg, ab und zu sehe ich ein weißes Zeltdach durch grüne Blätter schimmern. Nach etwa zehn Minuten zeigt mir der Massai mein Zelt. Vor dem Zelt ist eine Art überdachte Veranda mit einem Tisch, einem Sessel, einer hohen Blechkanne mit einem Regenschirm und einer weiß lackierten Holzliege mit einer dicken weißen Polsterauflage. Vor der Veranda liegt eine Fußmatte, daneben steckt ein langer Speer im Sand. Der Massai trägt selbst nur einen Speer und erklärt in gebrochenem Englisch, dieser hier sei stellvertretend für „do not disturb“, wenn er draußen im Sand steckt. Sonst steht er drinnen an die Zeltwand gelehnt. Für den Notfall und zur Selbstverteidigung aber solle ich immer nur die Trillerpfeife benutzen, die auf dem Bettkasten liegt, und er sei in einer Minute zur Stelle. Vitalis, der ganz gut Englisch spricht, hatte mir erklärt, dass Massai niemals im Service arbeiten, das sei unter ihrer Würde. Sie sind Krieger und arbeiten nur für den Schutz der Gäste und des Personals. Der Massai erklärt noch, dass er mich um sechzehn Uhr dreißig zur Pirsch abholt und wünscht mir gut zu ruhen.
Zuvor hatte er mir noch den ersten langen Reißverschluss, der mein großes Zelt verschloss, geöffnet und nun trete ich ein. Habe ich großes Zelt gesagt? Nein, es ist ein riesiges Zelt! „Das ist der Wahnsinn“, denke ich. Aber ich weiß bloß noch nicht, was mir noch alles auf dieser Reise begegnen wird. Mein Gepäck liegt auf einer hölzernen Truhe, daneben steht ein Schreibtisch mit Schreibutensilien und Lampe, aber dominiert wird dieser Raum von einem zwei mal drei Meter großen Bett. Es füllt die gesamte Mitte des Raumes und ist mit einer eleganten grauen Tagesdecke bedeckt, auf dem Kopfende liegen wie Schuppen aneinander mindestens zwanzig kleinere weiße Kissen. Das Bett ist natürlich als Doppelbett konzipiert und besitzt ein ebenso riesiges Moskitonetz, das mittig an der Decke aufgehängt ist. Einzelzimmer gibt es hier und in der gesamten tropischen Welt meistens nicht. Das Zelt ist übrigens zum Stehen gedacht und mehr als zwei Meter hoch. Der Massai hat „ruhen“ gesagt. Wie soll man bei der Aufregung ruhen können? Das hier ist alles neu und unglaublich. Außerdem muss ich noch meine Reisetasche auspacken. Dabei fallen mir die beiden Kosmetiktaschen zuerst ins Auge. Daher suche ich nach so etwas wie einem Bad. Hinter dem Kopfende des riesigen Bettes sehe ich eine zweite Zeltwand mit Reißverschluss und öffne auch diese. Ja, wie konnte ich zweifeln, dass ein Bad fehlt. Geradeaus befinden sich ein wandhoher Spiegel und ein Standwaschbecken aus Zink davor. Rechts ein Vorhang, hinter dem sich eine Dusche verbirgt und ein Holzrost auf dem Boden für den Wasserablauf. Daneben ein separater kleiner Raum mit der Toilette. Links eine Stange mit Kleiderbügeln und ein paar Holzregale für weiteres Gepäck. Auf der Waschbeckenkonsole stehen Shampoo, Duschgel und Bodylotion, natürlich von Yves Saint Laurent.
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