Sonstiges & Allerlei

Sybilles Smaragde

Ewald Kropfitsch

Sybilles Smaragde

Ihre mörderische Jagd nach einer brillanten Karriere

Leseprobe:

Sybille


Punkt 08:00 Uhr. Mathematik-Matura. Die Schüler sitzen auf ihren Plätzen. Ein Sessel bleibt leer.
„Wo ist Martin Strahlberg?“, fragt der Klassenvorstand. Stille. Er bittet einen Kollegen, ihn kurz zu vertreten, und ruft hastig die Mutter des Schülers an.
„Er müsste schon in der Schule sein oder demnächst eintreffen“, teilt ihm diese mit. Sie überlegt, was sie tun könnte, zieht dabei gleich ihre Schuhe an und eilt zum nahen Gymnasium.
„Haben Sie einen jungen Mann gesehen, so einen großen, recht eleganten, schwarzhaarigen mit Lederjacke …?“, fragt sie unterwegs die Leute. „Hoffentlich ist er schon in der Klasse“, denkt sie gleichzeitig und beginnt zu laufen. Aber schon am Schulportal deutet ihr der Mathematikprofessor, dass er noch immer nicht hier ist.
Sie ruft ihren Mann im Büro an.
„Ist bei einer Sitzung, will nicht gestört werden“, teilt ihr eine Sekretärin mit. „Sie holen ihn sofort ans Telefon, sonst – ich bin seine Frau!“ Widerwillig meldet sich ihr Ehemann und meint:
„Ruf die Polizei an oder geh besser gleich hin; typisch Martin, verdrückt sich vor Mathematik!“ Er nimmt sogleich wieder am Sitzungstisch Platz: „Verzeihung, meine Herren!“
Dem Polizeiinspektor ist die Mutter von Martin bekannt: „Gattin eines der reichsten Unternehmer der Stadt“, erklärt er leise seinem Kollegen. Er ist sich sogleich der Brisanz der Meldung über das Verschwinden des Millionärssohnes bewusst.
„Wir leiten alles in die Wege, ›gnä’ Frau‹, nur ruhig Blut. Personalien bitte – nicht Ihre, die von … Martin. So heißt er doch; ist noch nicht 18 Jahre alt? Werden sofort mit der Fahndung beginnen!“
Die Nerven der Frau, die seit der Meldung über das Verschwinden ihres Sohnes blank lagen, beginnen sich allmählich zu entspannen: „Man hilft mir, ich habe getan, was ich konnte, aber er, mein Mann, er muss sofort heimkommen!“ Der ›Chef des Hauses‹ lässt auf sich warten. Erst gegen Abend entsteigt er seinem Mercedes. Die Hausfrau wartet erbost auf den obersten Stufen der Villa: „Oskar, wie kannst du so ruhig sein; es ist ihm sicher etwas zugestoßen!“
„Aber nein, er fühlt sich mit seinen 17 Jahren eben noch nicht reif für die Matura.“ Beim Hineingehen in die geschmackvoll eingerichtete Villa ergänzt er seine Worte: „Wirst es sehen, er taucht zum Frühstück wieder auf.“
Die Frau des Hauses bleibt die ganze Nacht wach. Bei jedem Geräusch fährt sie hoch: „Das könnte er sein, er kommt zurück!“ Vergeblich. Am Morgen fordert sie von ihrem Ehemann:
„Wir müssen etwas tun, mehr tun als bisher; Martin wurde vielleicht entführt, man wird Lösegeld verlangen …“ Bei dem Wort ›Lösegeld‹ wird Oskar hellwach. „Glaubst du, Henriette, dass da doch etwas anderes dahintersteckt als seine Angst vor Mathematik?“
Er lässt sich mit dem befreundeten Polizeipräsidenten verbinden und erfährt von diesem, er sei schon gestern vom Verschwinden – „deines Martins“, sagt dieser – informiert worden. Die Polizei tue alles in ihrer Macht Stehende, man habe auch schon „dein Telefon im Büro überwacht, falls der Entführer Lösegeld verlangt.“
Tausend Gedanken sausen im Hirn des Millionärs herum: „Überwachung, Informationsbeschaffung ohne Warnung, was können die wohl sonst noch von mir herausgefunden haben?“ Er ist höchst beunruhigt, weniger wegen Martin …
Zu Hause herrscht eisige Luft: „Oskar, du hast es nicht ernst genommen“, beschwert sich die Frau bitter und die Haushälterin nickt schuldbewusst für ihren gnädigen Herrn.
Er ruft seinen ›Spezi‹ (so heißen in Wien bisweilen hochgestellte persönliche Freunde) nun auf dem privaten Handy an: „Bitte mich sofort zu verständigen, wenn es etwas Neues gibt! Auch in der Nacht!“
Aber Martin bleibt verschwunden, alle Mühen der – diesmal wirklich – überaus eifrigen Polizei fruchten nichts.
„Wir können nicht tatenlos zuschauen und warten, wir müssen selbst etwas tun!“, wiederholt Frau Henriette. Sie ruft den ihr bekannten Anwalt Dr. Adler an, dessen Kanzlei sich in der Nähe ihrer Villa befindet. Dieser kommt sogleich und verspricht, alles zu tun, um Martin ausfindig zu machen. Dann zeigt er auf die ihn begleitende junge Frau von ungefähr 18 Jahren: „Meine Tochter Sybille hat gerade ihr Abitur in der Schweiz gemacht. Bis zur Aufnahme ihres Studiums in Wien kann sie sich – zusätzlich zu unseren Erhebungen und jenen der Polizei – in ihren Ferien dem Fall mit besonderem Eifer widmen.“
Als er ihre misstrauischen Mienen wahrnimmt, fährt er fort: „Meine Tochter hat in ihren schulfreien Zeiten immer schon Erhebungen aller Art für meine Kanzlei durchgeführt und hat dabei großes Geschick bewiesen.“ („Er hat zwar recht, denkt Sybille, aber er soll nicht so dick auftragen!“). Ungeniert fährt ihr Vater fort: „Sie hat erst vor kurzem einen untergetauchten Gauner in Italien ausgeforscht und von der Polizei höchstes Lob geerntet…“
„Weit sind wir gekommen“, ärgern sich die Eheleute Strahlberg: „Seine – sichtlich erst halb erwachsene – Tochter hängt er uns an; vergleicht unseren Sohn mit einem Gauner, niemand nimmt die Sache ernst!“ Da sagt Sybille so leise, dass man sie umso lauter hören kann: „Ist einfach durchgebrannt, ihr braver Martin!“ („So, da habt ihr es, ihr eingebildeten Millionäre!“)
In der folgenden Stille spricht sie noch leiser als vordem: „Aber nicht wegen Mathematik, auch nicht euretwegen (obwohl ihm – denkt sie – die fürsorglich tuende ›Mutti‹ und der rührige ›Alte‹ wohl sehr auf die Nerven gegangen sein dürften), sondern um sich unabhängig von eurer Bevormundung selbst zu verwirklichen!“
„Mein einziges Kind!“ „Mein Nachfolger im Unternehmen …“ Die beiden Eheleute sind sich einig: „Martin muss gefunden und zurückgebracht werden, koste es, was es wolle …“
„Sie haben Recht, dies kostet Sie eine Menge Geld, wenn ich ihn finden sollte (Habe ganz schön Mut, so frech zu agieren, aber das Theater gefällt mir!)“! Frau und Mann schauen sich das ›junge Ding‹, das sie so ungeniert unterbrochen hat, näher an.
„Meine Tochter hat ihr Abitur im besten Schweizer Internat ›summa cum laude‹ bestanden“, triumphiert ihr Vater, Dr. Adler, als er sieht, dass die Eheleute (und die Haushälterin) von den Worten des ›jungen Dings‹ beeindruckt zu sein scheinen. Und provokant fügt er hinzu: „Wenn überhaupt, dann kann noch am ehesten sie Ihren ›verlorenen Sohn‹ finden, weil sie als ungefähr gleich alt wohl am besten nachempfinden kann, was er gerade vorhat. („Huch, wie Papa sich die Worte ›verlorener Sohn‹ auf der Zunge zergehen lässt.“); bekanntlich erschöpfen sich die polizeilichen Nachforschungen meist bloß in der Veröffentlichung von Fahndungsblättern, die niemand anschaut.
„50.000 Euro im Voraus und ich beginne mit der Suche nach Ihrem ›Söhnlein‹“, sagt Sybille. Trotz des Ärgers über dieses freche Benehmen nickt der Hausherr: „Holen Sie das Geld morgen in meinem Büro ab, dann können Sie beginnen!“
„Nicht morgen, jetzt!“
„Wieso?“
„Weil hier der Angelpunkt der ›Flucht Martins‹ liegt! Ich brauche Informationen von allen Beteiligten. Gnädige Frau, wollen wir? Beschreiben Sie Ihren ›Liebling‹.“ Sybille drängt die anderen Personen aus dem Raum und setzt sich der Hausherrin gegenüber:
„Beginnen Sie!“ Während diese nach Worten sucht, überlegt Sybille: „Zu blöd, dass ich mich auf dieses Theater eingelassen habe; die beiden scheinen wirklich zu glauben, ich wäre willig und fähig, Martin zu finden.“
„Also, Martin ist ein …“ Die Frau bricht verdrossen ab: „So nicht!“ „Nur so, Gnädigste“, sagt Sybille. Ich muss mir ein genaues Bild von Martin machen, dann werde ich auch wissen, wohin er ›getürmt‹ ist.“ Das Wort ›getürmt‹ ärgert die Frau neuerdings:
„Ich will nicht, lassen wir das.“ „Jetzt wäre die Gelegenheit, auszusteigen, aber es ist zu interessant, um schon jetzt aufzuhören.“ Sybille schnellt fast gegen ihre Intention mit der Frage heraus:
„War Martin ein hübsches Kind?“ Die Frau kann nicht anders, als darauf zu antworten: „Das hübscheste, klügste und bravste Kind, das man sich vorstellen kann!“
„Und in der Volksschule?“
„Alles Einser!“
„Freunde?“ Die Frau stutzt, dann sagt sie: „Wozu, er hat ja mich und Susi!“ Jetzt stutzt auch Sybille: „Susi?“
„Ja, sein Hund, seine Hündin“ verbessert sie sich.
„Fotos?“
„Unzählige, in allen Lebenslagen!“ Die Frau holt eine Anzahl von Fotoalben und reicht sie Sybille. Schnell blättert diese die Kinderbilder weiter, gelangt ins Bubenalter und schließlich zum ›Jüngling Martin‹. Sie ist überrascht:
„Er hat eigentlich gar nichts von einem ›Söhnchen‹ an sich, wie ich es mir zuvor gedacht habe! Diesen Burschen zu suchen könnte ich mir durchaus vorstellen: habe ja genug Zeit, um meine in der Schweiz begonnenen Studien nach den Ferien fortzusetzen.“
Sie prägt sich seine Gesichtszüge ein: Auffallend sind die klaren Augen, die blitzenden Zähne, das kühn wirkende Kinn, die fein gezeichnete Nase und die relativ dunklen, leicht gescheitelten Haare.
„Welche Farbe haben seine Augen?“, fragt sie. Die Frau reicht Sybille statt einer Antwort einige farbige Fotos, dann lacht sie: „Die Mädchen sind verrückt nach seinen blauen Augen, aber er ist sehr zurückhaltend.“
Sybille bedankt sich und bittet den ›Herrn des Hauses‹ zur Information. „Sie haben Glück, es ist Feierabend, da habe ich Zeit zur Beantwortung Ihrer Fragen.“ „Ist Martin auch so kurz angebunden wie Sie? „Ich werde dich schon noch Mores lehren! Sollst mich kennenlernen!“
„Ja, er leidet überhaupt keine Förmlichkeiten. Er lebt in seiner eigenen Welt, richtet kaum ein Wort an mich und ist frustriert, wenn ich von Geschäften spreche.“ „Wie ist seine Freundin?“
„Freundin? Er hat keine. Sie rannten ihm früher nach; seit dem Tod einer Schulkollegin vor etwa zwei Jahren reagiert er allergisch auf ›Weiber‹.“
„Hobbys?“
„Berge, Steine, Mineralien oder so ähnlich, und seine Musikinstrumente. Fragen Sie besser die Haushälterin Irma, die betreut seine Bude und räumt dort die Mineralien auf, darf aber die Geige nicht berühren.“ Dann blickt er sie ungnädig an und geht. Sybille
denkt „Frechheit siegt!“ und ruft ihm nach:
„Wenn ich weitermachen soll, brauche ich die 50.000 Euro Vorschuss, und zwar gleich!“ Er geht ungerührt weiter, wird von der Hausfrau mit einem Bündel Banknoten zurückgeschoben, das er dem jungen Ding widerwillig überreicht und sagt:
„Wahrscheinlich hinausgeworfenes Geld!“
Sybille schaut zum Fenster hinaus. „Ein schöner Garten“, denkt sie, hört die Haushälterin kommen, dreht sich nicht um und fragt nur, ohne die Stimme zu heben:
„Wie lange sind Sie schon im Haus?“
„Seit der Geburt von Martin.“
„Das ist wohl die ›echte Mutter‹ von diesem verwöhnten Boy“, schließt Sybille. „Soll das schönste, bravste, herrlichste Kind der Welt gewesen sein!“ „Jetzt wird wohl die Wahrheit über Martin kommen“, denkt sie dabei.
„Sie brauchen nicht zu übertreiben, aber Martin ist wirklich ein feiner junger Mann!“ Die Haushälterin spricht betont hochdeutsch, nur ein leicht ironisierender Ton verrät die Wienerin. „Ist die Beste im Haus“, denkt Sybille, dreht sich zu ihr um und sagt mit gänzlich anderer, sympathischer Stimme:
„Bitte, Frau Irmi, erzählen Sie mir etwas über ihn, ich möchte ihn nach Hause zurückbringen.“ Sybille beginnt die Aufgabe Spaß zu machen: „Jetzt, wo ich schon Geld dafür habe, wird es sogar recht spannend werden.“
Durch den liebenswürdigen Tonfall der Worte scheint eine unsichtbare Wand zwischen den beiden weggefallen zu sein. Sie schauen sich nun freundlicher an. Irmi berichtet:
„Er war in der Villa viel allein; die ›Gnädige‹ genießt den Reichtum des ›gnä’ Herrn‹ in vollen Zügen. Luxuriöse Reisen, Aufenthalte in den teuersten Hotels – Sie wissen schon, der Bub ist nur im Weg. Er wird mit Geschenken überhäuft, die er nicht braucht …“ Die Frau leidet beim Erzählen sichtlich mit ›ihrem‹ Martin mit.
„Führen Sie mich bitte in sein Zimmer!“ „Die Sache beginnt mich wirklich zu interessieren; wird wohl nicht schwer sein, den jungen ›Maturaschwänzer‹ zu finden. Die 50.000 kann ich gut gebrauchen.“
„Von wegen Zimmer“, antwortet Frau Irmi, „er hat eine ganze Etage für sich.“ Eine eigene Welt tut sich für Sybille auf; damit hat sie nicht gerechnet: Keine Computer, kein einziger Poster einer ›Schönen‹, nur ein einfaches Bett zwischen fein gegliederten Tischchen und Schränken. Darauf Mineralien und Gesteinsdrusen verschiedenster Art; manche davon offensichtlich wertvoll.
„Das schönste Stück fehlt seit zwei Jahren“, seufzt Irmi.
„Schon wieder ›zwei Jahre‹, denkt Sybille: „Das muss seine eigene Bewandtnis haben.“
„Was war vor zwei Jahren?“, fragt sie direkt heraus. Irmi putzt sich die Nase, antwortet nichts, sondern öffnet die nächste Türe: Fitnessgeräte stehen wie Mahnmale im Raum.
„Hat er die verwendet?“
„Und ob! Er hat seit zwei Jahren jeden Tag damit trainiert, um seine Muskelkraft zu erhöhen.“ „Wie ich“, denkt Sybille. „Meine Kunst der Selbstverteidigung kann sich sehen lassen; habe den vierten Grad des Wing Tsun erreicht.“ Sie sagt dies laut zu Irmi, um sie gesprächiger zu machen. Als sie aber darauf drängt, zu erfahren, was es um die ›zwei Jahre‹ an sich hat, weicht Irmi aus: „Fragen Sie die ›Gnädigste‹ oder den ›gnä‘ Herrn‹.
„Sinnlos“, tut Sybille ab.
„Oder fragen Sie in der Schule nach!“, sagt Irmi noch, dann geht sie wie in einem Theater ab. Sybille erkennt, dass im Hause der Strahlbergs derzeit nicht viel zu holen ist, verlässt das Haus, hängt sich bei ihrem vor der Villa wartenden Papa mit den Worten „Chef, da geht nichts mehr“ ein und verlässt mit ihm die Villa.

Das spurlose Verschwinden des Millionärssohnes erregt allgemein großes Aufsehen. Die Polizei tappt über seinen jetzigen Aufenthalt gänzlich im Dunkeln und von den Detekteien kommen nur Rechnungen über ausgelegte Gelder, aber keine Erfolgsmeldungen. Auch die ›ominösen zwei Jahre‹ lassen sich für Sybille zunächst nicht zuordnen, bis sie – scheinbar eine Zigarette rauchend und betont lässig – vor dem Gymnasium die herausströmenden Schüler und Schülerinnen befragt: „Wohin könnte sich eurer Ansicht nach der unsympathische Martin Strahlberg ›geflüchtet‹ haben?“ Die ›Bande‹ zuckt die Achseln, nur das Wort ›unsympathisch‹ will eines der Mädchen nicht auf Martin sitzen lassen:
„Er war zwar sehr zurückhaltend, aber – zumindest was mich betrifft – immer sehr freundlich.“ Sie erntet – überraschend für Sybille – schiefe Blicke von den Übrigen. Einer aus der Gruppe sagt plötzlich zu ihr:
„Nur weil Sie seiner ehemaligen Flamme ähnlich sehen, brauchen Sie sich nicht um diesen Schwächling zu kümmern!“ Grußlos hauen die Burschen und Mädchen ab. Sybille läuft dem Mädchen nach, das ihn zumindest ›sehr freundlich‹ gefunden hat:
„Bitte, bitte, lassen Sie mich nicht so erfolglos heimgehen! Ich muss Näheres über Martin in Erfahrung bringen, sonst werde ich ihn nie finden.“
„Sind Sie ihre Zwillingsschwester? Er hat diese doch fürchterlich im Stich gelassen!“ „Wer ›ihre‹ und ›diese‹?“ Sybille verliert das erste Mal ihre Selbstsicherheit.
„Die Schule, unser ganzes Viertel, alle Leute hier wissen es, er hat seine Freundin Sybille – übrigens, Sie schauen ihr wahnsinnig ähnlich – bei dem Unglück unter dem Felsen liegen lassen, obwohl es angeblich – ich glaube es aber nicht – ein Leichtes gewesen wäre, den über ihr liegenden Gesteinsbrocken hochzuheben und sie herauszuziehen. Er hat die ganze Nacht davor zugebracht. Als man ihn und Sybille am nächsten Morgen fand, hob einer der Schüler – auch das kommt mir unwahrscheinlich vor – den Stein spielend hoch; aber sie war bereits tot.“ Die Schülerin setzt – als sie die Zweifel von Sybille wahrnimmt – fort:
„Er war kein jämmerlicher Schwächling, kein ›Muttersöhnchen‹. Ich kam dazu, als man Sybilles Leiche wegbrachte und er wie ein gequälter Wolf hinterherging. Blutiges Fleisch hing von seinen Händen. Er sah schrecklich aus. Ich glaube, er hat lautlos geweint. Er war nicht einmal beim Begräbnis dabei.“
„War sie ein hübsches Mädchen?“, fragt Sybille „Nicht besonders, so halt wie Sie!“, erhält sie zur Antwort.
„Waren die beiden intim befreundet?“, setzt Sybille fort. „Und ob, er hat sie sehr gerne am Klavier begleitet und mit ihr Steine gesucht, Mineralien oder so ähnlich. Beide waren danach, aber auch nach einander, verrückt. Wahnsinn, wie Sie ihr ähnlich schauen!“
Für Sybille gerät ihre so heile Welt in Unordnung. Ihr Selbstbewusstsein bekommt durch den Wortwechsel: „War sie ein hübsches Mädchen?“ „Nicht besonders, so halt wie Sie“, einen argen Dämpfer. Sie bricht das Gespräch mit der Schülerin ab, steigt auf ihr Fahrrad und radelt höchst verärgert nach Hause.
Man muss wissen, dass Sybille ihrem Aussehen an sich keine besondere Bedeutung zugemessen hat; im Internat hat man darauf ohnehin nicht sonderlich Bedacht genommen. Die Ideale der Schule waren Sport und Kultur, geistige Freiheit und Ungebundenheit. Aber ›als nicht besonders hübsch‹ bezeichnet zu werden, verdrießt Sybille doch sehr.
In ihrer kleinen Wohnung am Wiener Graben hoch über einem Modegeschäft schaut sie in ihren Spiegel:
„Nicht besonders hübsch, so wie ich“, ätzt sie gegen sich selbst. „Die Figur ist okay“, sagt sie laut, obwohl sie davon – zufolge des kleinen Spiegels – nicht viel sieht. „Mein Haar, na ja, ich könnte einmal zum Friseur gehen; aber schön und dicht ist es allemal.“ Sie gibt sich einen Ruck: „Blödsinn, ich bin, wie ich bin, und schau nicht
mehr hin.
Von allen Personen, die ich bisher über Martin befragte, macht die Haushälterin Irmi den besten Eindruck; ich muss zumindest etwas von ihrem Vertrauen gewinnen, denn sie weiß offensichtlich am meisten über diesen, diesen …“ Sie atmet tief durch: „… diesen komischen Vogel.“ Sybille gesteht sich ein, dass sie ›der Bursche‹ zu interessieren beginnt.

Sie verabredet sich mit der Mutter Martins und wartet im Empfangsraum der Villa Strahlberg auf die Begrüßung durch die ›gnä’ Frau‹. Aber es kommt Frau Irmi: „Frau Henriette ist beim Friseur, ich soll ihre Fragen beantworten.“
„Etwas Besseres könnte mir nicht passieren“, denkt Sybille. Gewollt nebenbei sagt sie: „Ich glaube einfach nicht, was die Leute über Martin reden. Wenn er ein Schwächling war, was bedeuten dann die Fitness-Geräte in seinen Zimmern?“
„Die hat er, wie ich Ihnen schon sagte“, – Irmi zuckt mit den Achseln – „vor zwei Jahren angeschafft; seither trainiert er verbissen. Man sieht ihm nicht an, dass er jetzt über jene Kraft verfügt, die er sich damals so gewünscht hatte.“
„Was war ›damals‹?“, fragt Sybille mit einer Stimme, die echte Anteilnahme erkennen lässt. Sie fügt gleich hinzu:
„Sie müssten es am besten wissen, dass er seine Freundin nie und nimmer in Stich gelassen hätte.“ Dann lacht sie ironisch: „Zumal sie mir“ (›nicht besonders hübschen Person‹, denkt sie dabei verdrossen) ähnlich geschaut hat und mich niemand im Stich lässt, auch Sie – liebe Frau Irma – bitte, bitte nicht.“
„Sie schauen ihr so ähnlich wie ein Ei dem anderen!“, sagt Irmi, die Bitte geflissentlich überhörend. „Aber kommen Sie mit mir“, ergänzt sie und führt Sybille noch einmal in die Wohnräume Martins: „Hier müssten Sie einen Hinweis darauf, wo er zu finden ist, entdecken können. Ich lasse Sie allein!“

„Da bin ich nun – überlegt Sybille – aus Übermut und aus einem eher boshaften Anlass heraus im persönlichen Reich ›meines Martins‹.“ Sie beginnt zu lachen: „So ein Trottel, gibt sich offensichtlich die Schuld am Tod der ›anderen Sybille‹ und reißt aus diesen prächtigen Räumen aus. Soll meine kleine Wohnung sehen!“
Dann beginnt sie die Zimmer zu durchforsten. Über einem weißen, mit Goldornamenten versehenen Bösendorfer-Flügel befindet sich in einer besonders eleganten Glasvitrine eine alte Geige. Sie nimmt sie auf und lacht:
„Habe im Internat auch Geige geübt und es im letzten Jahr schon so weit gebracht, dass ich im kommenden Semester sogar an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien weiterstudieren werde. Muss zwar erst die Aufnahmeprüfung bestehen, kenne mich aber schon recht gut bei Geigen aus. Dieses Instrument sieht auf den ersten Blick ziemlich heruntergekommen aus, hat jedoch eine wunderbare Ausstrahlung. Was steht drinnen? ›Giambattista Guadagnini fecit Mediolani 1751‹. O Gott meiner Väter, was für ein teures Instrument! Aber ist es eine echte Guadagnini? Werde es sogleich überprüfen.“
Die Saiten des Instrumentes sind alt, fast verrostet, doch Sybille stimmt sie rasch, greift mit voller Lust in sie hinein, angelt sich einen Bogen aus der Vitrine und intoniert die ›Carmen-Fantasie‹, die sie bei der Diplomprüfung im Schweizer Konservatorium gespielt hat. „Habe dieses Stück auch zur Abiturfeier im Internat vorgetragen; huch, diese Violine klingt viel besser als meine Geige.“
„Frau Irmi, spielt Martin die Geige?“ fragt Sybille die Violine wieder absetzend. Die Haushälterin, die auf das Geigenspiel Sybilles ins Zimmer zurückgekommen war, schüttelt den Kopf: „Das Kloster hat die Geige nach dem Tod der Schülerin Martin überlassen, weil er der einzige Mensch war, mit dem sie näheren Kontakt pflegte und die Geige das Einzige war, was Sybille besessen hatte. Er hat sie – sie sah Ihnen wirklich sehr ähnlich – hier oft am Klavier begleitet.“
„Was war in dieser Vitrine noch drinnen?“, fragt Sybille neugierig. „Eine außerordentlich schöne und wertvolle Edelsteindruse mit vielen großen Smaragden drauf.“ Mit einem bedeutungsvollen Blick fährt Irmi fort: „Sie haben das Stück in den Salzburger Bergen gemeinsam gefunden, aber seit dem Tod von Sybille“ – der Name sticht ›unserer‹ Sybille ins Herz – „ist es verschwunden.“ Dann schaut sie sich um, ob ja niemand in der Nähe ist, und flüstert: „Ich glaube, er hat das wunderbare Mineral heimlich in ihren Sarg gelegt.“
„Smaragde, wo kann man sie noch finden?“, fragt Sybille einer plötzlichen Eingebung folgend. „Weiß nicht, aber er hat genug Bücher darüber.“
Für Sybille beginnt eine stundenlange Suche nach Stellen in den mineralogischen Büchern Martins, die Smaragde zum Gegenstand haben. An der Spitze Kolumbien, dann Südafrika, Ceylon, Madagaskar, Indien und so weiter. Sybille sieht die Bücher durch. Es fällt ihr auf, dass solche über Fundstellen in Brasilien fehlen. Sie nimmt ihr iPhone zur Hand und ›googelt‹ nach dortigen Smaragdfundstellen. „Eine ganz neue in Carnaiba!“, entnimmt sie einer Homepage.

Format: 15,5 x 23,5 cm
Seitenanzahl: 340
ISBN: 978-3-903271-33-3
Erscheinungsdatum: 29.10.2019
EUR 21,90
EUR 13,99

Herbstlektüre