Sonstiges & Allerlei

Steine der Macht – Band 11

Stan Wolf

Steine der Macht – Band 11

Die weiße Rose am Untersberg

Leseprobe:

Kapitel 3

Das erste Düsenflugzeug

Kurt, der ehemalige Direktor des Keltenmuseums in Hallein, in der Nähe des Untersbergs, zeigte Wolf ein interessantes Teil aus den letzten Jahren des Krieges. Er hatte es in seiner Garage liegen. Ein befreundeter Flugzeugsammler hatte es ihm vor vielen Jahren geschenkt. Das Ding sah aus wie ein kleiner Rasenmäher-Motor mit Elektrostarter. Aber auch ein Seilzugstarter war daran montiert.
„Wahrscheinlich kannst du dir nicht vorstellen, was das ist“, sagte Kurt zu ihm. Wolf inspizierte den Motor und bemerkte, dass es ein Zweizylinder-Boxermotor war. „Aber was glaubst du, wofür dieser Motor verwendet wurde?“
„Keine Ahnung“, erwiderte Wolf.
„Das ist ein Starter-Motor für das erste deutsche Düsenflugzeug, die Me 262“, erklärte ihm Kurt. Mit diesem Motor wurden die Turbinen des Düsenflugzeuges auf 1200 Touren gebracht, bevor dann Kerosin eingespritzt und gezündet wurde. Dieser Motor wiegt nur sechszehn Kilogramm und leistet zehn PS.
Wolf staunte nicht schlecht. „Wozu aber ist dann der Seilzugstarter?“, fragte er.
„Falls die 42 Volt-Batterie aus irgendeinem Grund nicht verfügbar sein sollte, konnte der Pilot das Flugzeug auch per Hand starten. Aber das Interessante an diesem Motor ist, dass er hier bei uns in Hallein hergestellt wurde.“
„Hier bei uns?“, wiederholte Wolf, „wo soll das gewesen sein?“
„In dem ‚Grill-Stollen‘ war das. Die Organisation Todt hat hier in das Bergmassiv gleich neben der Stadt riesige Stollenanlagen gebaut, über achttausend Quadratmeter. Es sind acht Längsstollen und fünf Querstollen. Im Endausbau sollten es fünfundzwanzigtausend Quadratmeter werden. Aber dazu kam es dann nicht mehr. Das Werk hatte den Codenamen ‚Kiesel‘. Wenn du möchtest, können wir den alten Stollen besichtigen. Bei uns im Keltenmuseum haben wir einen Schlüssel. Es ist zwar ziemlich nass da drinnen, aber mit Stiefeln geht das schon.“ Wolf war begeistert, da gab es hier tatsächlich etwas, das er noch nicht kannte und von dem er auch bisher kaum etwas gehört hatte. Als Junge im Alter von sieben bis zehn Jahren war er in den steilen Wäldern am Rande der Stadt immer wieder auf der Suche nach alten Stollen und hatte auch schon einige gefunden. Der Eingang zum „Grill-Stollen“ war aber seit dem Krieg versperrt. In den letzten Jahren wurde sogar ein modernes Tor aus Aluminium vor dem Eingang montiert, das wie eine Garageneinfahrt aussah. Der Museumsdirektor meinte noch, dass Wolf unbedingt auch eine starke Lampe mitnehmen sollte, da es nicht gewährleistet sei, dass eine Beleuchtung im Stollen noch funktionieren würde. „Wir werden heute Abend dort hineingehen“, sagte Kurt, „denn es braucht uns ja nicht jeder sehen. Offiziell ist es ja verboten in den Stollen zu gehen. Der gehört übrigens der österreichischen Bundesimmobiliengesellschaft.“ Wolf fiel dazu ein, dass Walter, ein Schulfreund von ihm, vor Jahren Anspruch auf diesen Stollen angemeldet hatte. Walter besaß nämlich hundert Meter über den unterirdischen Anlagen ein Gasthaus. Da gab es ein Gesetz in Österreich, laut welchem alles, was unter einem Grundstück gefunden wurde, dem betreffenden Besitzer gehörte. In diesem Fall wurde es aber nach langem Prozessieren der BIG zugesprochen.
„Wir werden nicht alles besichtigen können“, meinte Kurt, „es sind immerhin über acht Kilometer.“ Sie gingen teilweise durch tiefe Pfützen, auch einzelne Betonblöcke hatten sich von der Decke der Stollen gelöst und waren herabgestürzt. Im Schein seiner starken LED-Lampe konnte Wolf sehen, dass in den Betonwänden noch zahlreiche verrostete Halterungen für Rohre und Leitungen vorhanden waren. „An vielen Stellen waren an den Decken große Lüftungsmaschinen angebracht gewesen. Du musst dir vorstellen, dass hier drinnen hunderte Maschinen standen und ebenso viele Arbeiter am Werk waren. Daher musste ausreichend für Frischluft gesorgt werden und hier am Boden“, er deutete dabei an den Rand des Tunnels, „waren Abflusskanäle für das vom Berg einsickernde Wasser. Das wurde hier durch eigene kleine Stollen nach draußen geleitet.“ Wolf blieb stehen und versuchte sich vorzustellen, wie es hier wohl ausgesehen haben mochte, als diese Anlage noch im Betrieb war. Sicher hat Kammler auch diesen Grill-Stollen, also die Anlage „Kiesel“, bestens gekannt. Die unterirdischen Rüstungsfabriken gehörten ja zu seinem Bereich. Er würde den General beim nächsten Treffen darauf ansprechen. „Weißt du, nachdem die Amerikaner damals 1955 aus Österreich abgezogen sind, haben sehr viele Leute diese Stollen geplündert und auch die großen Maschinen mitgenommen.“ Im starken Schein seiner Lampe konnte Wolf an den trockenen Stellen am Boden deutlich die Befestigungslöcher für die zahlreichen Maschinen erkennen. Sie kamen in schmalere Teile der Anlage, wo offenbar betonierte Waschrinnen und auch die Toiletten zu sehen waren. Zum Teil waren die großen und auch kleineren Tunnels gar nicht mehr an den Wänden ausbetoniert. Sie sahen nun nach über siebzig Jahren auch schon etwas verfallen aus. Der Großteil schien aber noch intakt zu sein. Nach über einer Stunde sahen sie an einer Wand in einer Aussparung eine Art Gedenktafel für den Erbauer dieser gewaltigen Anlage Fritz Todt, welcher bei einem Flugzeugabsturz 1942 ums Leben kam. Die Organisation „OT“ war das größte Unternehmen des Deutschen Reiches mit mehr als 1,3 Millionen Arbeitern, wobei der Großteil aus Zwangsarbeitern bestand. Der Atlantik-Wall, Eisenbahnlinien, Straßen und vor allem die Untertage-Verlagerung von Rüstungsbetrieben im gesamten Reichsgebiet wurden von dieser Organisation Todt errichtet.

Es war zehn Uhr abends geworden, als sie wieder beim Eingang angekommen waren. Kurt versperrte den Stolleneingang wieder und Wolf machte sich auf den Weg nach Hause. Er ließ alles noch einmal in Ruhe Revue passieren, da fiel ihm ein, dass er als Junge im Alter von sieben Jahren in einem kleinen Stollen, welchen er im steilen Wald dort in der Nähe gefunden hatte, hineingekrochen war. Von weitem hörte er Maschinenlärm und ein Rauschen, was er aber nicht zuordnen konnte. Wolf dachte, dass er in einen Nebenstollen des Salzbergwerkes gelangt sei. Als er der Lichtquelle näherkam, sah er durch eine Gittertüre hindurch eine ganze Fabrikhalle mit zahlreichen Maschinen und vielen Arbeitern, die dort werkten. Es roch nach Öl und es herrschte ein lautes Dröhnen der hydraulischen Maschinen. Ein Soldat mit Gewehr kam in die Nähe der Gittertüre, hinter welcher Wolf dem Treiben zusah. Rasch duckte er sich und als der Soldat weiterging, lief er schnell wieder nach draußen. Zuhause ließ er kein Wort über sein Erlebnis verlauten. Sein Vater hatte ihm nämlich schon mehrmals verboten, in alte Stollen zu gehen. Also vergaß er im Laufe der Zeit diese Geschichte und blieb bei seiner Vorstellung, dass er eben in eine unterirdische Werkstätte des Salzbergwerks gelangt war. Diese Führung mit Kurt bewog ihn dazu, an diese Zeit zurückzudenken. Aber da waren nämlich noch andere interessante Dinge, welche er erlebt hatte. So zum Beispiel der Raingraben, dieser befand sich auf halber Höhe des Dürrnbergs. Dort gab es absolut keinen Weg oder Pfad, nur das kleine Gebirgsbächlein am Grunde dieses v-förmigen, bewaldeten Bergtales. Wolf wusste, dass sich im Dürrnberg zahlreiche Stollen für den Salzabbau befanden. Er konnte sich denken, dass zu diesen Stollen auch einige Bewetterungsschächte für die Frischluftzufuhr dienen müssten. Einen solchen wollte er gerne finden. So kroch er durch Dickicht und Gestrüpp neben dem Bach entlang. Tatsächlich entdeckte er nach über einer Stunde einen kleinen Eingang in den Berg. Dieser musste sehr alt sein, dachte Wolf, denn der alte Stollen war so nieder, dass er nicht einmal aufrecht darin gehen konnte. Er spürte einen starken Luftzug aus dem Berg herauskommen und das bedeutete für ihn, dass es da eine Verbindung zu den vielen Bergwerkschächten geben musste. Wolf, der diesmal eine kleine Taschenlampe dabeihatte, krabbelte munter darauf los. Er hatte schon Angst, dass die Batterie seiner Lampe nicht mehr für den Rückweg, falls er ihn antreten müsste, ausreichen würde. Seiner Meinung nach sollte dieser uralte Stollen ja irgendwo im Salzbergwerk herauskommen und deshalb kroch er weiter. Nach schier endloser Zeit kam er in einen wesentlich größeren Stollen heraus, der ebenfalls ohne Beleuchtung war. Aber es waren Schienen am Boden, welche darauf hindeuteten, dass hier Salzgestein mit kleinen Loren transportiert werden musste. Wolf wusste nicht, in welcher Richtung er diesen Geleisen folgen sollte. Er zögerte nicht lange und schlug den rechten Weg ein. Die Taschenlampe wurde bereits immer schwächer und es war abzusehen, dass er in Kürze im völligen Dunkeln mitten im Berg dastehen würde. Wenigstens war es nicht wesentlich kälter geworden. Er wusste, dass es im gesamten Salzbergwerk immer die konstante Temperatur von acht Grad hatte. Als das Licht der Lampe wieder eine Spur schwächer wurde, überkam Wolf dann doch die Angst, hatte er doch in der Schule einmal gehört, dass das Bergwerk eine Stollenlänge von über 65 Kilometern hatte und überdies auf über zwanzig Etagen Salz abgebaut wurde. Nur allzu leicht konnte er sich in diesem Gewirr von Schächten verirren. Aber eine innere Stimme sagte ihn: Irgendwie geht’s immer. Er hatte zwar im Hinterkopf, dass die Stelle, an der er in den Berg hineingegangen war, auf alle Fälle zu den unteren Horizonten gehören musste. So hoffte er bald einen Stollen zu erreichen, in dem noch gearbeitet wurde. Kurz bevor seine Lampe endgültig den Geist aufgab, hörte er ein Grollen im Berg. Er begann jetzt zu laufen, aber was wäre, wenn ihm ein Zug mit Salzloren entgegenkommen würde? Da war nicht genug Platz an den Seiten, um auszuweichen. Jetzt bereute er bereits seinen Entschluss in diesen Bewetterungsschacht gestiegen zu sein. Wolf begann zu rufen. Er glaubte schon, Gespenster zu sehen, als ihn zwei Bergleute entgegenkamen. Aber sie waren echt und hatten Karbidlampen in ihren Händen. Erschrocken blieb Wolf stehen. Der eine der beiden Bergleute schaute ihn verdutzt an: „Wo kommst du denn her?“
„Von draußen“, antwortete Wolf, „ich war im Raingraben und habe dort einen Stollen entdeckt, den ich mit meiner Taschenlampe erforschen wollte.“
Der Bergmann schüttelte fassungslos den Kopf und meinte: „Da hast du aber Glück gehabt, dass du auf uns gestoßen bist. Dieser Horizont wird nur noch selten bearbeitet. Da hättest du dich schwer verirren können. Komm, wir werden dich jetzt aus dem Berg hinausbringen.“ Sie nahmen ihn in ihre Mitte und mit ihren starken Karbidlampen war alles schon viel heller als mit Wolfs kleiner Taschenlampe. Nach etwa einer halben Stunde erreichten die drei einen Aufenthaltsraum für Bergknappen. Dort saßen auch einige andere Bergleute, die ebenso erstaunt waren, als sie Wolf sahen. „So etwas habe ich, seit ich hier im Berg bin, noch nie erlebt, dass da jemand aus einem alten, halb verfallenen Stollen daherkommt.“ Wolf erklärte den Knappen, wo sich die Stelle im Raingraben befand. Kopfschüttelnd sagte ein anderer: „Da hast du aber großes Glück gehabt, denn wenn du an der Abzweigung nach links gegangen wärst, dann hätten dich unsere zwei Kollegen wahrscheinlich nicht gefunden. So, jetzt komm mit uns. Wir werden mit dir über ein paar Rutschen hinunter zum Wolf-Dietrich Stollen gehen. Da kommen wir dann ganz in der Nähe heraus, wo du in den Raingraben gegangen bist.“ Und so war es dann auch. Dort bei dem alten Bergmannshaus hatte er ja sein Fahrrad abgestellt und konnte nach seinem abenteuerlichen Ausflug in das Salzbergwerk wieder nach Hause zurückfahren. Er hielt es für am besten, seinem Vater nichts davon zu erzählen und diese Geschichte sollte sein Geheimnis bleiben.

Format: 15 x 22 cm
Seitenanzahl: 208
ISBN: 978-3-99064-804-9
Erscheinungsdatum: 08.10.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Herbstlektüre