Stefanie Robbins

Stefanie Robbins

Susanna Bohren


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 408
ISBN: 978-3-99131-476-9
Erscheinungsdatum: 27.07.2022
Die Tür fällt ins Schloss und Stefanie Robbins steht vor den Trümmern ihrer Liebe. Weinend läuft sie planlos durch die Straßen von Los Angeles. Sie ist am Boden zerstört über das, was geschehen ist aber sie wird sich nicht unterkriegen lassen.
7

„Ich habe einen neuen Song, den ich gerne mit dir aufnehmen würde. Hast du Lust?“
Drei Wochen nach ihrem gemeinsamen Auftritt rief Alex Stefanie an und überraschte sie mit dieser Frage.
„Ja klar habe ich Lust“, und wie sie Lust hatte.
Alex geisterte seit New York ständig in Stefanies Kopf herum. Sie brachte ihn nicht mehr aus ihren Gedanken raus. Nachts träumte sie von ihm, fühlte seine Lippen auf ihrem Mund. Dieses Gefühl hatte sie gehabt, als sie sich als junge Frau zum ersten Mal unsterblich verliebt hatte. Wegen dieses Mannes war sie damals auch in die Staaten gekommen.
„Ich muss schauen, wie es sich mit unseren Terminen vereinbaren lässt. Ich möchte das auch zuerst mit John und Bob besprechen. Verstehe mich bitte nicht falsch aber ich will so etwas nicht hinter ihrem Rücken machen.“
„Das ist überhaupt kein Problem, ich finde es gut, wenn du das mit ihnen klärst. Schau, wie es bei dir geht und dann gib mir Bescheid. Wir finden sicher ein paar Tage, die uns beiden passen.“
Allein schon die Vorstellung, Alex wieder zu sehen, in seine Augen zu blicken, seine Wärme zu spüren, ließen ihr Herz höherschlagen und sie wollte herausfinden, was diesen Augen das Lächeln genommen hatte und nahm sich vor, es in seine Augen zurückzubringen. Sie erschrak, wie wollte sie das denn anstellen? Sie hatte keine Ahnung, aber es würde sich finden.
Als sich Stefanie am nächsten Morgen mit John und Bob im Proberaum traf, sagte sie zu ihnen:
„Ich muss euch etwas fragen.“
Vier Augen sahen sie an. Sie hatte keine Ahnung, wie die beiden reagieren würden. Bisher hatte keiner von ihnen Alleingänge unternommen.
„Alex hat mich gestern Abend angerufen. Er möchte gerne mit mir einen weiteren Song aufnehmen.“
Auf Johns Stirn bildeten sich Falten, die Stefanie falsch deutete. Es bestätigte ihm nämlich nur sein Gefühl, dass sich zwischen Alex und Stefanie etwas anbahnte, er sagte aber nichts. „Oh je“, dachte sie deshalb, aber jetzt hatte sie angefangen und es gab kein zurück.
„Er hat ein Liebeslied geschrieben und sucht eine Sängerin. Er hat als Erstes an mich gedacht, weil er weiß, wie unsere Stimmen harmonieren.“
„Du weißt, dass wir in nächster Zeit einige Auftritte haben.“
„Natürlich weiß ich das. Die Angels kommen auch zuerst. Es reizt mich halt schon, mit Alex zu arbeiten. Ich glaube, ich kann noch sehr viel von ihm lernen.“
„Was meinst du Bob“, wandte John sich jetzt an Bob.
„Was soll ich sagen. Wir werden es Steff ja kaum verbieten können“ – das war typisch Bob.
„Ok, dann mach es.“
Damit war das Thema beendet und sie wendeten sich ihrer Arbeit zu. Stefanie musste immer wieder an Alex denken und daran, dass sie ihn wiedersehen würde. Die Harper-Brothers waren trotz ihres Erfolges einfache, sehr bodenständige Menschen geblieben. Es gab in der Szene Künstler, die um einiges weniger erfolgreich waren, die aber ihre Nasen so hochtrugen, dass sich Stefanie manchmal darüber lustig machte, welcher denn nun mit seiner Nase zuerst am Türrahmen anschlagen würde. Als sie kurz nach Mittag eine Pause einlegten, rief sie Alex an und sie vereinbarten einen Termin. Leider ging es erst in fünf Wochen, da sich die Termine der Harpers und der Angels überschnitten. Stefanie schien es eine Ewigkeit. Sie würde aber Alex wiedersehen, das war im Augenblick das Wichtigste und sie freute sich darauf.

Fünf Wochen später landete Stefanie kurz vor Mittag in Las Vegas. Diesmal holte Alex sie persönlich vom Flughafen ab. Die Begrüßung war wieder sehr herzlich. Als sie sich umarmten, drückte er sie noch fester an sich als die letzten Male. Wieder strömte diese Wärme durch sie hindurch, wieder spürte sie dieses Kribbeln und wieder dachte sie „Lass mich bitte nie wieder los.“ Sie genoss diese kurzen Augenblicke von Mal zu Mal mehr.
„Bist du einverstanden, wenn wir gleich loslegen?“, fragte er, nachdem Stefanie wieder das gleiche Gästezimmer bezogen hatte. „Will und die Band werden auch jeden Augenblick da sein.“
„Ja, sicher.“
Stefanie war neugierig auf den Song von Alex. Zehn Minuten später traf Will zusammen mit den Musikern der Band ein und Alex stellte sie vor.
„Jo, E-Gitarre, Peter, Bass, Mike, zweite E-Gitarre, Frank, Schlagzeug und Fritz, zweite Akustikgitarre. Wir spielen dir den Song vor und ich werde ihn erst einmal mit Will singen.“
Das taten sie dann auch. In dem Song waren so viele Gefühle drin, dass er Stefanies Herz tief berührte.
„Ein toller Song, ich bin überwältigt. Danke, dass ich ihn mit euch aufnehmen darf“, war alles, was sie dazu sagen konnte.
Stefanie fragte sich unweigerlich, an wen Alex wohl gedacht hatte, als er dieses Liebeslied geschrieben hatte. Sie spielten ihn zusammen und Stefanie sang mit Alex mit. Sie liebte solche weichen Balladen, wie das hier eine war. Francis, der Aufnahmetechniker, war in der Zwischenzeit eingetroffen, sie wollten gleich mit den Aufnahmen beginnen. Stefanie konnte nur drei Tage bleiben. Sie spielten wie üblich zuerst die Instrumente ein. Am späten Abend war die Musik auf Band und Alex und Francis mit dem Ergebnis zufrieden. Alex entließ die Band. Es war nach 23 Uhr, als sie hinaufgingen, um noch etwas zu essen. Will blieb zum Essen und sie hatten wieder genug Gesprächsthemen. Wenn Stefanie allerdings ehrlich war, hätte sie sich gewünscht, dass Will auch gegangen wäre. Wie gerne hätte sie den Abend mit Alex allein verbracht, um ihn besser kennenzulernen. Als Will sich verabschiedete, schlug die Uhr im Esszimmer halb zwei und auch Alex und Stefanie gingen schlafen.

Am nächsten Morgen gingen sie direkt nach dem Frühstück hinunter ins Studio, um den Gesang aufzunehmen. Außer Alex und Stefanie war nur Francis da. Als alles bereit war, ließ Francis das Musikband laufen. Alex sang die erste Strophe, Stefanie setzte zum Refrain ein. Die zweite Strophe sang Stefanie. Er stand ihr gegenüber, keinen halben Meter entfernt, sah sie dabei mit seinen unglaublichen Augen mit einem Blick an, dass Stefanie Mühe hatte, ihre Einsätze nicht zu verpassen. Zweimal mussten sie deswegen sogar neu anfangen. Das war sie von sich selbst nicht gewohnt.
„Du solltest das nicht machen“, sagte sie schließlich, nachdem sie ein weiteres Mal den Einsatz verpasste. „Ich kann mich nicht konzentrieren.“
„Was meinst du denn“, fragte er unschuldig.
„Mich so ansehen. Wie soll ich mich auf die Einsätze und meinen Part konzentrieren, wenn du mich dabei so ansiehst.“
„Oh“, meinte er nur, „das war mir nicht bewusst. Der Song kommt aus meinem Inneren und dann kann ich das nicht beeinflussen.“
Sie glaubte ihm das sogar und versuchte, sich zu konzentrieren. Nebenan im Technikraum grinste Francis vor sich hin. Alex ließ sie weiterhin nicht aus den Augen und sie schafften es nicht, also Stefanie schaffte es nicht, dieses eine Lied an einem Tag einzusingen. Vielleicht wollte sie das auch gar nicht. Schließlich meinte Alex:
„Wir machen Schluss für heute. Wenn es nicht läuft, dann soll man es nicht erzwingen.“
Später am Abend, nachdem sie gegessen hatten, fragte Alex Stefanie, ob sie schon müde sei. Etwas erstaunt, verneinte sie seine Frage. Es war gerade einmal 21 Uhr. Für Musiker absolut nicht die Zeit, um schlafen zu gehen.
„Hast du Lust, noch einmal mit mir ins Studio zu kommen? Ich würde dir gerne noch einen Song vorspielen.“
„Ja, sehr gerne.“
Im Studio nahm er seine Gitarre und setzte sich auf einen der Hocker. Stefanie setzte sich ihm gegenüber hin und Alex fing zu spielen an. Er sah sie dabei wieder mit diesem Blick an. Stefanie schloss die Augen und hörte einfach nur zu, ließ den Song auf sich wirken. Rasch wurde ihr klar, dass auch dies ein Liebeslied war. Nur dieses Lied ging noch vielmehr in die Tiefe. Es war nicht einfach nur ein Song über die Liebe, dieser Song war die Liebe! Ihr wurde schwer ums Herz. Sie hatte sich wirklich in Alex verliebt, konnte sich selbst nichts mehr vormachen. Er war ein unglaublicher Mensch. Zuvorkommend, rücksichtsvoll und immer auf die anderen bedacht. Er strahlte so viel Wärme aus, dass sie sich sicher war, dass man in seiner Nähe niemals frieren würde. Offensichtlich war er auch verliebt, wenn man diesem Song glauben durfte. Als er fertig war, öffnete sie die Augen und sah ihn an, das heißt, sie versuchte ihn anzusehen. Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt und sie sah ihn nur verschwommen. Dieser Song ging ihr unter die Haut. Eine ganze Weile saßen sie beide nur da und sahen sich an. Schließlich sagte Stefanie:
„Du musst die Frau, für die du das geschrieben hast, sehr lieben. Da sind so viele Gefühle drin.“
Es kostete sie einige Überwindung zu sprechen. Ein dicker Kloß saß ihr im Hals. Ihr war klar geworden, dass Alex verliebt sein musste. Niemand schrieb ein solches Lied, wenn er nicht verliebt war. Wie sehr wünschte sie sich in diesem Augenblick, dass Alex den Song für sie geschrieben hatte. Sie sah Leslie vor sich, ob sie gemeint war? Alex sah Stefanie nachdenklich an.
„Du merkst es wirklich nicht, oder?“, fragte er schließlich und jetzt klang auch seine Stimme belegt.
Er stand auf, legte seine Gitarre weg, kam auf Stefanie zu, zog sie vom Hocker hoch, hielt ihre Hände in seinen und sah sie an.
„Diesen Song habe ich für dich geschrieben. Du warst mir von Anfang an so vertraut, dass ich dachte, wir müssten uns schon ewig kennen. Als ich dich umarmt habe, als ihr das erste Mal hier wart, ist von dir eine solche Wärme zu mir übergegangen, wie ich das noch nie erlebt habe. Ich habe mich in dich verliebt, Stefanie Robbins.“
Er nahm sie einfach in die Arme und küsste sie, sehr behutsam und sanft Ihre Knie wurden ganz weich. Irgendwann hob er den Kopf und sah ihr in die Augen. Stefanie konnte fast nichts erkennen, Tränen liefen ihr übers Gesicht. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Alex hatte sich tatsächlich auch in sie verliebt. Er erschrak und ging etwas auf Distanz.
„Ich bin zu weit gegangen, bitte entschuldige“, sagte er leise, „ich überfalle dich einfach so mit meinen Gefühlen und weiß gar nicht, ob du das Gleiche empfindest.“
Sie hielt ihn fest, wischte sich mit einer Hand die Tränen aus dem Gesicht, sah ihm in die Augen und sagte mit leiser Stimme:
„Es geht mir doch genauso. Ich habe bei unserer ersten Begegnung genau das Gleiche empfunden wie du und ich habe mich auch in dich verliebt. Ich wollte es mir selbst nicht eingestehen, denn nach meiner Erfahrung mit Dave wollte ich keinen Mann mehr an mich heranlassen. Wer aber ein solches Lied schreibt, der ist es Wert, dass man ihn an sich heranlässt.“
Sie sahen sich in die Augen und küssten sich wieder. Dann schob sich Leslie dazwischen. Stefanie löste sich etwas aus Alex Armen und sah ihn an.
„Eine Frage musst du mir aber noch beantworten. War oder ist da etwas zwischen dir und Leslie?“
Stefanie spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen, so sehr fürchtete sie seine Antwort. Er zog seine linke Augenbraue hoch und sah sie mit einem merkwürdigen Blick an. Etwas, dass sie immer wieder bei ihm beobachten würde. Immer dann, wenn er überlegte, ob eine Frage ernst gemeint war, oder wenn er nicht wusste, wie er eine Situation einschätzen sollte. Er sah Stefanie eine Weile an, bevor er antwortete:
„Leslie ist meine Angestellte und meine Vertraute, die in den letzten Jahren immer ein offenes Ohr für mich hatte, wenn es mir nicht gut ging. Glaubst du wirklich, ich hätte ein solches Lied für dich geschrieben, wenn ich etwas mit Leslie hätte? Wie kommst du auf diese Idee?“
„Als du uns Leslie vorgestellt hast, hast du sie in den Arm genommen und ihr beide habt so vertraut gewirkt. Als sie mich dann begrüßt hat, habe ich blanken Hass gespürt. Ich habe gedacht, dass sie mich als ihre Nebenbuhlerin sieht. Bitte entschuldige, es war dumm von mir.“
Er sah sie immer noch mit diesem Ausdruck in den Augen an.
„Weißt du was“, sagte er schließlich, „lass uns nach oben gehen. Ich hole eine Flasche Wein und dann reden wir. Über uns, unsere Gefühle und wie wir uns alles Weitere vorstellen. Einverstanden?“
„Einverstanden.“
Alex schien es wirklich ernst zu meinen und ein Glücksgefühl breitete sich in Stefanie aus. Sie fühlte, wie eine Last von ihr abfiel und war sich nun sicher, dass zwischen Alex und Leslie nichts war. Er hätte sonst nicht auf diese Weise reagiert und dass er ein Windhund war, nur um sie ins Bett zu kriegen, traute sie ihm schon gar nicht zu. Dazu war er einfach nicht der Typ. Sie saßen bis in die frühen Morgenstunden im Wohnzimmer auf dem Sofa und redeten einfach. Alex hielt Stefanie im Arm und erzählte von seiner verstorbenen Frau, die er über alles geliebt hatte. Der plötzliche Tod von Laura vor vier Jahren hatte ihn ziemlich aus der Bahn geworfen.
Nur die Liebe zu seinen Söhnen Ashley und Steve und zur Musik hatten ihm den Mut zum Weiterleben gegeben. Seine traurigen Augen kamen also wirklich daher. Seine Söhne waren erwachsen. Ashley und Steve waren ebenfalls in der Musikbranche tätig. Allerdings machten sie Jazz. Er erzählte ihr, wie Will und er schon als kleine Jungs angefangen hatten Musik zu machen und wie es ihr größter Traum gewesen war, berühmt zu werden und von der Musik Leben zu können.
Stefanie erzählte, dass sie Schweizerin sei und auch da aufgewachsen war, dass sie erst mit 20 Jahren, wegen der Liebe in die Staaten gekommen war, diese Liebe sich aber sehr schnell als Irrtum herausgestellt hatte. Von ihrer Arbeit damals bei der Polizei und natürlich von Dave und dem unschönen Ende ihrer Beziehung und dass sie schon deswegen ziemlich sensibel reagieren würde, wenn die Gefahr bestünde, dass sie sich in eine Beziehung drängen könnte. Sie erzählte ihm, wie John, Bob und sie sich kennengelernt und die Wild Angels gegründet hatten. Einen wichtigen Teil ihrer Vergangenheit ließ sie allerdings aus, nicht aus bösem Willen oder weil sie es ihm nicht erzählen wollte. Einfach weil sie diesen Teil ihrer Vergangenheit, über den sie seit zwölf Jahren nicht mehr gesprochen hatte, nicht hatte sprechen können, weil die Erinnerung viel zu weh tat, tief in sich vergraben hatte. Wenn sie allerdings gewusst hätte, dass dieser nicht erzählte Teil sie einmal fast die Liebe von Alex kosten würde, sie hätte tief gegraben und alles hervorgeholt. Irgendwann entschlossen sie sich, schlafen zu gehen. In der Zwischenzeit war es drei Uhr morgens geworden. Alex begleitete Stefanie bis vor das Gästezimmer, küsste sie erst wieder sehr zärtlich und sanft und dann immer leidenschaftlicher. Sie konnten sich nur schwer voneinander lösen. Er drängte sich an sie und sie spürte, wie erregt er war, in ihr fing alles an zu zittern. Es fiel ihr schwer, ihn zurückzuweisen, sie war sich aber nicht sicher, ob sie schon jetzt so weit gehen wollte. Leise sagte sie zu ihm:
„Lass es uns langsam angehen, ja?“
Er nickte nur und wartete, bis sie die Tür hinter sich geschlossen hatte. Dann legte er die Hand an die geschlossene Tür, wie wenn er Stefanie so noch einmal spüren könnte. Er hatte sich hoffnungslos in sie verliebt und seit vier Jahren spürte er zum ersten Mal wieder das Verlangen, einer Frau alles zu geben. Dann drehte er sich um und ging in sein Schlafzimmer. Stefanie stellte sich lange unter die kalte Dusche und hoffte, wieder klar denken zu können. Dieser Abend hatte sie aufgewühlt und sie war durcheinander. Hinterher, als sie im Bett lag, fragte sie sich, warum sie Alex weggeschickt hatte. Sie waren beide erwachsene Menschen, niemandem Rechenschaft schuldig, beide allein, was hielt sie also davon ab? Sollte sie es wagen und zu ihm gehen? Was würde er denken, wenn sie jetzt plötzlich auftauchte?

Nach einer Stunde schlaflosem Herumwälzen und vor Sehnsucht nach Alex brennend, entschied sie sich, zu ihm zu gehen. Draußen dämmerte schon langsam der Morgen. Leise schlich sie aus dem Zimmer, was völlig unnötig war, da Alex und sie allein in dem großen Haus waren. Dann stand sie auf der Galerie und fand ihre Idee nicht mehr so gut, denn sie wusste nicht, welches sein Schlafzimmer war. Sie hatten sich ja vor ihrem Zimmer verabschiedet und sie hatte nicht gesehen, wohin er gegangen war. Sie konnte doch nicht alle Zimmer abklappern, um zu sehen, wo Alex war.

Alex lag wach und konnte nicht einschlafen. Auf der einen Seite respektierte er natürlich Stefanies Wunsch, es langsam angehen zu lassen, auf der anderen Seite hatte er aber auch gespürt, wie heiß sie war, heiß auf ihn. Irgendwann entschied er sich, zu ihr zu gehen. Er würde sie überzeugen, dass es keinen Grund gab, warum sie warten sollten und dass er es ehrlich mit ihr meinte. Er war sich absolut sicher, dass er mit Stefanie den Rest seines Lebens verbringen wollte, warum also warten? Wenn es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick gab, oder in ihrem Fall wohl eher auf die erste Berührung, dann erlebte er genau das jetzt mit Stefanie. Als er seine Schlafzimmertüre öffnete, sah er sie auf der Galerie stehen. Sie wirkte etwas verloren, wie sie, nur mit einem Nachthemd bekleidet, dastand. Langsam ging er auf sie zu und sie kam ihm entgegen.

Stefanie wollte gerade wieder in ihr Zimmer zurückschleichen, als sich auf der oberen Seite der Galerie die mittlere der drei Türen öffnete und Alex herauskam. Sie gingen aufeinander zu, bis sie sich gegenüberstanden. Er trug nur eine Pyjamahose, sein nackter Oberkörper war viel muskulöser, als man es unter dem Hemd vermutet hätte. Er hatte die Haare offen, sie umrahmten sein Gesicht in weichen Wellen. Stefanie spürte, wie das Verlangen in ihr noch größer wurde, als sie ihn so sah. Sie standen eine Weile da, nur im spärlichen Licht, das aus den beiden Zimmern fiel und sahen sich an. Alex sprach als Erster:
„Wolltest du etwa zu mir?“
Seine Stimme klang heiser und Stefanie konnte nur nicken. Er zog sie in seine Arme und küsste sie so leidenschaftlich, dass ihre Knie zum dritten Mal in dieser Nacht weich wurden und sie es kaum erwarten konnte, ihn ganz nah zu spüren und ihm ganz zu gehören. Eng umschlungen gingen sie in Richtung seines Zimmers. Vor der Tür hob er sie hoch und nahm sie auf seine Arme.
„Warte“, sagte sie leise, bevor er das Zimmer betrat. „War das das gemeinsame Schlafzimmer von dir und Laura?“
Er hob seine linke Augenbraue und blickte sie erstaunt an, begriff dann aber, worauf sie hinauswollte. Es war für Stefanie unvorstellbar, im gleichen Bett mit Alex zu schlafen, in dem er mit Laura gelegen hatte. Merkwürdig, bei Dave und Joanna hatte sie das nicht gestört. Aber so, wie Alex von Laura gesprochen hatte, wäre es ihr nicht recht gewesen, sie hätte das Gefühl gehabt, dass sie Laura hinterging. Auch wenn sie sich nicht gekannt hatten und Laura auch längst nicht mehr lebte.
„Nein“, sagte Alex, „das Schlafzimmer von Laura und mir war das ganz hinten auf der anderen Seite. Nach Lauras Tod konnte ich nicht mehr dort schlafen und habe mir eines der Gästezimmer hergerichtet.“
Während er noch den letzten Satz zu Ende sprach, trug er Stefanie hinein, drückte die Tür mit dem Fuß zu, ging zum Bett und legte sie wie eine kostbare Figur vorsichtig darauf nieder, zog ihr das Nachthemd über den Kopf und betrachtete sie. Dann schlüpfte er aus seiner Pyjamahose, legte sich neben sie, küsste sie wieder und fing an, sie zärtlich zu streicheln. Seine Hände waren überall. Irgendwann hatte sie das Gefühl, es nicht mehr auszuhalten und gleich zu explodieren.
„Komm“, keuchte sie ihm schließlich ins Ohr.

Stefanie hatte noch nie eine solche Nacht erlebt. So voller Zärtlichkeit, Wärme, Liebe und Leidenschaft. Später, als sie glücklich in seinen Armen lag, sah er sie fragend an.
„Weißt du eigentlich, warum ich damals ausgerechnet die Wild Angels für mein Projekt haben wollte?“
„Nein“, gab sie zurück, „und ehrlich gesagt, haben wir uns das auch gefragt. Schließlich gibt es genug gute Musiker, mit denen du hättest arbeiten können.“
„Ja schon. Ich beobachte euch, eure Karriere und eure Musik schon lange. Ich wusste, dass ich irgendwann unbedingt ein Projekt mit euch machen wollte. Das hier war natürlich nicht eingeplant.“ Er lächelte sie verschmitzt an und gab ihr einen Kuss auf die Nase.
Sie kuschelte sich in seine Arme und fühlte sich so geborgen wie seit vielen Jahren nicht mehr. Ein Gefühl, dass sie viel zu lange nicht mehr gekannt hatte. Bei Dave hatte sich das nie so angefühlt. Nach einer Weile fragte sie ihn:
„Schläfst du?“
„Nein, ich genieße es, mit dir hier zu liegen und dich zu spüren“, sagte er zärtlich.
„Glaubst du, dass unsere Liebe eine Chance hat?“
„Warum sollte sie nicht? Wir haben uns doch beide ineinander verliebt. Wir haben den gleichen Beruf, den wir sehr lieben, das verbindet uns. Und wenn ich das mal so sagen darf, ich glaube, was das hier betrifft, harmonieren wir doch auch ausgezeichnet. Meinst du nicht auch?“ Er küsste ihren Hals und streichelte zärtlich mit seiner Hand über ihren Rücken.
„Ja, natürlich. Aber ich meine auch nicht das. Du lebst hier in Las Vegas, ich in Los Angeles. Ich kann ja nicht eben mal rasch vorbeikommen, wenn mir danach ist.“
„Ach komm. Die beiden Städte sind gerade einmal eine Flugstunde auseinander. Das ist doch nicht die Welt.“
„Nein. Aber von hier zum Flughafen ist es noch einmal eine Stunde und in Los Angeles ist es dasselbe. Es sind also drei Stunden Weg von dir zu mir. Wir werden uns nicht sehr oft sehen. Außerdem wirst du mit Will unterwegs sein und ich mit den Angels.“
„Dafür werden wir die gemeinsame Zeit umso mehr genießen. Hast du Angst vor einer Beziehung mit mir?“, fragte er jetzt ernst.
„Nein. Ich kann mir schon jetzt ein Leben ohne dich kaum mehr vorstellen. Gedanken mache ich mir halt trotzdem. Ich möchte nicht, dass wir uns nur zweimal im Jahr sehen.“
„Keine Sorge, das würde ich auch nicht ertragen. Lass es uns doch einfach ausprobieren. Die Zeit wird zeigen, wie es funktioniert.“
Sie liebten sich noch einmal und dann schliefen sie engumschlungen ein.
5 Sterne
Tolles Buch - 07.08.2022
Monika Gehri

Das Buch ist sehr spannend. Viele Gefühle so dass ich nicht aufhören konnte zu lesen. Einfach super geschrieben. Ich kann es nur empfehlen.

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