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Speedys Kurzgeschichten

Rita Colen

Speedys Kurzgeschichten

Aus dem Leben einer kleinen Terrier-Hündin

Leseprobe:

Vorwort

Speedy ist eine „Australian Silky Terrier“-Hündin, mein erster Hund. Damals hatte ich keine Ahnung von Hunden. Klar war nur: vier Pfoten, vorne ist da, wo es bellt, und hinten da, wo es stinkt – manchmal. Damit war „Hund“ für mich vollständig definiert.
Dieser kleine Dreikäsehoch hat mir erst mal „Hund“ beigebracht und gezeigt, dass Hund doch noch viel mehr ist.
Später kamen noch Trixi und Miki zu Speedy. Damit war das Quartett (wir sind ein Vier-Mädel-Haus) vollständig. Der Fernseher steht seitdem nur noch als Zierde da. Es gibt für mich ein viel spannenderes Programm – Hunde beobachten.




Wie es dazu kam

Eigentlich wollte ich ja keinen Hund. Doch dann war ich eines nachmittags mit einer Bekannten unterwegs. Auf dem Weg zurück sahen wir unweit meines Heims ein kleines schwarzes Etwas. „Was mag das sein? Jedenfalls kein Wildtier. Die gibt es bei uns ja auch öfter zu sehen. Das da ist aber ein Hund.“
Wir also nichts wie hin. Tatsächlich, ein schwarzer Pudel stand da. Angst kannte er wohl nicht. Er war sofort sehr zutraulich. Gesehen hatten wir diesen kleinen Kerl zuvor allerdings noch nie in unserer Gegend. Daher nahmen wir an, jemand hatte ihn hier ausgesetzt. Also nahmen wir ihn mit, untersuchten sein schmutziges Halsband nach irgendwelchen Kennzeichen. Aber da war nichts zu finden. Auch von einem Chip war nichts zu fühlen.
„Hm, Junge, du brauchst dringend ein Bad und ob dein verfilztes Fell noch zu retten ist – keine Ahnung.“ Aber was tut man mit so einem Findling? Erst bei der Polizei den Fund melden. Der freundliche Beamte fragte nach, ob der kleine Kerl bis morgen Früh bei mir bleiben könnte, da das Tierheim sonntags geschlossen sei. Natürlich konnte er das! Dann müsste ich das Tierheim benachrichtigen. Die Polizei hätte keine Anzeige vorliegen. Aber vielleicht wüssten die im Tierheim ja mehr.
Und dieser Abend änderte so viel. Es schien, als habe der Knabe eine gute Erziehung genossen. Alle mir bekannten Grundkommandos beherrschte er. Gebadet hab ich ihn dann doch nicht.
Am nächsten Morgen brachte ich ihn ins Tierheim. Als hätte er gewusst, wohin die Reise ging, hat er sehr lautstark protestiert. Doch ich konnte es ja nicht ändern. Im Tierheim sagte man mir, dass er erst mal vierzehn Tage dableiben müsste. „Hat sich bis dahin niemand gemeldet, kann er vermittelt werden.“ „Kann ich ihn denn dann auch vermittelt bekommen?“ Und ob! Das käme zwar selten vor, aber immerhin.
Leider hat sich der Besitzer kurz vor Ablauf der Frist gemeldet und daher war dieser Traum ausgeträumt.
Über all das war meine Schwester informiert. Und sie war nun der Meinung, „ich besorge dir einen Welpen, so was wie Kasi oder Lara.“ Das sind ihre beiden Hunde – Australian Silky Terrier. „Was für einen hättest du denn gerne, einen Jungen oder ein Mädchen?“ „Ich glaube, Mädchen sind einfacher zu erziehen. Jedenfalls hab ich das gehört. Also, wenn es machbar ist, ein Mädchen.“
Und ab da lief eine Maschinerie an, wie ich es nie geahnt hätte. Einen Silky gab es in Deutschland zu dieser Zeit nicht. Aber in Finnland waren welche geboren worden. Also schrieb Reni (meine Schwester) mal nach Finnland, um festzustellen, ob von diesen Welpen einer zu kaufen sei und wenn möglich ein Mädchen.
Und es war ein Mädchen zu haben.
So sieht die Kleine aus. Wie alle Silkies ist auch meine Kleine bei der Geburt schwarz. Erst so nach und nach bekommen sie ihre richtige Farbe. Mit drei oder vier Jahren prägt sich dann auch der Rückenstrich in einer dunklen Farbe aus. Also immer eine Wundertüte. Aber sie schaut ganz neugierig in die Welt (passt zu mir). Und sie scheint eine ganz Aktive zu sein (auch das passt zu mir). Offiziell heißt sie Bombix Moren Silken Storm. Aber wie soll nun die Kleine gerufen werden? Der Silken Storm ist ja in Ordnung und scheint auch gut zu treffen. Nur rufen? „Silken Storm, hier!“? Oder: „Silken Storm, Platz!“? Das ist entschieden zu lang!
Also Namen ausdenken: Lucky, Sunny und noch vieles mehr, was einem dazu einfallen kann. Momentan ist es Eleni. Da gibt es ein Lied in Italienisch, das heißt so. Die Musik drückt Sehnsucht, Träume, Zukunft und so weiter aus. Aber ob das so bleiben wird, ist die zweite Frage. Vielleicht, wenn ich sie sehe, kommt mir ein ganz anderer Name in den Sinn.
In der Zwischenzeit zähle ich schon mal die Tage, bis es so weit ist.
Dann endlich! Der 7. Januar ist da. Die Nacht über war mir hundeelend, mir war übel und ich habe gebrochen. Und das kann nichts mit der Fliegerei zu tun haben, da Fliegen bei mir schon fast mit zum Beruf dazugehörte. Wahrscheinlich war es die Aufregung, die ich nicht wahrhaben wollte. Früh kam mich meine Schwester zu Hause abholen, und wir fuhren zum Flughafen. Soweit lief auch alles glatt. Der Flug selbst war – wie üblich – sehr langweilig.
Und dann Helsinki. Erst mal musste ich ja raus aus dem Flugzeug in die große Flughafen-Halle. Und da soll irgendwo diese Jutta sein, die diese Silken Storm mithat. Ich hatte ein Foto von Jutta dabei und habe alle Leute mit dem Foto verglichen. Ein Pärchen hatte auch einen kleinen Hund mit. Aber es machte keine Anstalten zu mir zu kommen. Und die Frau sah auch nicht so aus wie Jutta. Mit meiner Hunde-Transport-Box stand ich ziemlich allein und etwas sehr ratlos da. Ich hätte auffallen müssen. Und da sich auch nach einiger Zeit nichts tat, hab ich Jutta kurzerhand ausrufen lassen. Ich kann doch nicht ohne Hund zurück!
Als sie zum Informationsschalter kam, hab ich sie sofort wiedererkannt und angesprochen. Dann sind wir dahin, wo die Kleine und Sari warteten. Sari ist die eigentliche Züchterin. Jutta kam als Übersetzerin (Finnisch nach Englisch) mit. Leider sprach keiner deutsch und ich kann nun mal kein Finnisch.
Dann kam die Kleine aus ihrer Box und hat mich im Nu um den Finger beziehungsweise die Pfote gewickelt. Sehr interessiert war sie an meiner Armbanduhr. Das war zu interessant. „Irgendwie muss dieses Armband doch aufgehen“. Und das hat sie auch geschafft. Jetzt kam die Frage nach dem „Wie-nenne-ich-sie-denn-ab-Jetzt?“. Das, was mir dabei spontan in den Sinn kam, war Speedy. Die Kleine war so quirlig, kletterte bergauf und bergab an mir rum, das Speedy gerade richtig war. Auch Jutta und Sari fanden den Namen passend.
Fast hätten wir unseren Rückflug noch versäumt, so vertieft waren wir in unsere Gespräche. Erst den falschen Schalter erwischt, dann einen dummen Jungen, der Security spielte. Sari hatte mir für den Tag und die folgenden (es war Wochenende und in Deutschland waren die Läden geschlossen) noch Futter und eine Dose mit Speedys Lieblingsessen gegeben. Das war dem Kontrolleur zu viel. Er wollte die Dose vereinnahmen und wegschmeißen. In der Zwischenzeit waren zum Glück genug Mitarbeiter des Bodenpersonals da, die Speedy bewundern wollten. Und die Leute haben dem Knaben klargemacht: „Die Dose geht mit!“ Und die Dose ging mit.
Und die Ankunft in Deutschland erzählt die nächste Geschichte – von Speedy selbst erzählt.




Mein neues Zuhause

Heute ist ein ganz großer Tag für mich, denn heute lerne ich meinen neuen Boss kennen. Erst früh aufstehen, dann schön machen (brauch ich eigentlich nicht, denn ich bin schön von Haus aus oder auch: Jeder, der schöner ist als ich, ist geschminkt!) Da ist Sari leider anderer Meinung. Und dann geht es auch schon los.
Wir fahren zum Flughafen (was immer das auch sein mag). Ganz aufgeregt bin ich schon. Und wie mag mein neues Zuhause aussehen? Und wie mein neuer Boss? Hoffentlich kann ich den gut riechen … Und was mache ich, wenn das alles nicht so recht nach meiner Nase ist? Frage: Kann man so einen Boss auch umtauschen oder zurückgeben? Gibt es eine Garantie- oder Probezeit und wie lange darf ich den neuen Boss ausprobieren?
Gut, bis zu diesem ominösen Flughafen kann ich ja pennen. Und da sehe ich nur einen ganz großen Raum, in dem es von Zeit zu Zeit sehr, sehr laut wird. Mein Frauchen Sari ist dabei und noch jemand. Die mag ich auch (riecht gut). Mein Frauchen nennt diese andere Frau Jutta. Und dann sitzen wir alle da und warten – auf was? Ich bin doch schon hier! Und nur um mich geht es doch!
Komisch, erst wird es laut in diesem Haus (genannt Flughafen) und dann verschwindet die andere Frau. Nach einer Weile kommt sie wieder mit noch jemandem! Die hab ich ja noch nie gesehen. Ob das mein neuer Boss ist? Besser mal riechen. Oh, das riecht auch gut. Und guck mal, da ist sogar was zum Knabbern für mich. Von wegen Uhrarmdingsda, das ist doch extra für mich! Wartet noch ein bisschen, dann hab ich das Ding durch! Hey, nicht wegmachen … wie soll ich denn da weitermachen? Ich bin doch noch gar nicht fertig! Das Uhrarmdingsda ist doch noch nicht durch!
Also, erst mal muss ich hier was klarstellen: Auch wenn du mein neuer Boss bist, bestimmen tu ganz alleine ICH! Einen neuen Namen haben sie mir ja schnell verpasst, alle Frauen zusammen. SPEEDY, so dürft ihr mich jetzt und in Zukunft alle nennen. Und ich werde meinem neuen Namen voll Rechnung tragen.
Zu guter Letzt soll ich dann noch in eine ganz andere Box, als die, in der ich hergekommen bin. Zum Glück hab ich mein Tuch dabei. Da rieche ich meine Geschwister und Mami noch. Irgendwie scheint es eilig zu sein. Jedenfalls läuft mein neuer Boss mit mir in der Box an diesem Flughafen hin und her. Und dann soll ich aus der Kiste raus – hab mich soeben daran gewöhnt. Es könnte ja sein, dass ich eine Bombe bin. Stimmt! Nicht Bombe, sondern Bombix – klingt ähnlich, muss so sein! Und jetzt verschwindet meine neue Box in einem Kasten. Hallo Leute, das ist meine Box, kauft euch gefälligst selbst eine! Ah, da hinten kommt sie ja wieder raus. Euer Glück! Auch wenn ich klein bin; ich kann nämlich auch schon beißen!
Was ist das? So ein dummer Kontrolleur will mein Fressen haben? Hat der nicht selbst was? Oder wie sehe ich das? Das ist mein Futter! Das behalten wir auf jeden Fall! Kauf dir selbst was, du dummer Kontrolleur!
Puh, und das ist jetzt ein Flugzeug. Also nichts wie rein und Platz nehmen. Huch, mir wird komisch um die Ohren. Aber das neue Frauchen ist ja da, redet mit mir und ich schnuppere an den Fingern. Jetzt hört der Spuk auf und ich kann in Ruhe schlafen. Und dann schon wieder dieses Ohrensausen. Gott sei Dank redet Frauchen mit mir und lässt mich wieder an den Fingern schnuppern.
Und raus aus dem großen Ding in schon wieder eine Halle. Hier hör ich Gebell; sind denn da noch mehr von meiner Sorte? Juchhu, das ist toll! Da sind ganz viele andere Silkies und Hunde. Die Silkies sehen so aus wie Mami. Und die begrüßen mich Neuling wie einen alten Hasen. Ich fühle mich so richtig rundum wohl.
So allmählich dämmert es auch mir. Wir scheinen hier eine Zirkusnummer zu geben. So viele Leute schauen uns zu! Die haben alle Spaß an meinen Spielchen. Der eine, der so aussieht wie Mami, ist etwas größer als ich und heißt Kasi. Boss meint, der sei schon vier Jahre alt. Ich glaube, der hat trotz seiner vier Jahre Angst vor mir. Er dreht immer den Kopf weg, wenn ich ihn abknutschen will. Und die andere heißt Lara. Meint wohl, ich wollte ihrem Kasi was. Dabei bin ich froh, wenn mir keiner etwas antut.
Jetzt hebt mein neues Frauchen die Veranstaltung auf. Schade, ich hätte gerne noch weiter gemacht. Aber was soll es. Ich brauch auch nicht mehr in diese Box. Jetzt darf ich, wie ein großer Silky, an der Leine mit nach draußen. Dort steigen wir in ein Auto mit viel Platz.
Ich gebe ja zu, ich bin unterwegs eingeschlafen – aber nicht lange! Und da sind wir auch schon in meinem neuen Zuhause angekommen. Da ist alles so fremd …
Da kenne ich absolut gar nichts. Aber es ist spät und ich bin müde! Ah, das ist das Schlafzimmer. Da gehen mein neues Frauchen und ich immer hin um, die Augen zuzumachen und zu träumen. Schön, ich darf bei Frauchen schlafen. Dann hab ich auch gar nicht mehr so viel Angst.




Die erste Woche

Nachdem ich mein neues Zuhause bezogen habe und alle Zimmer im Hause inspiziert habe, musste ich erst mal die neue Gegend draußen untersuchen. Vor allen Dingen muss ich mit all diesen tollen Spielsachen klarkommen. Das ist ganz schön anstrengend für mich.
In dem Zimmer, wo wir die meiste Zeit sind, steht auch noch ein Bett. Das hab ich zuerst ausprobiert. Das ist nicht für nachts, das ist nur für tags, wenn ich müde von meiner vielen Arbeit geworden bin und mich ausruhen muss oder soll.
Schlafen kann man gut darin, aber irgendwie muss ich es erst doch noch umformen oder anders machen, jedenfalls bearbeiten. Mein neues Frauchen hat von dieser Schwerstarbeit Fotos gemacht.
Ich sag euch, es ist nicht so einfach, so ein großes Bett so richtig in Form zu bringen. Hat man ein Ende so einigermaßen ordentlich gemacht, dann ist das andere Ende schon wieder verrutscht. Und kaum beginne ich am anderen Ende, macht sich meine Arbeit von eben wieder selbständig. Da bin ich eine ganze Weile beschäftigt. Am Ende leg ich mich am besten zu Frauchen auf den Schoß. Der ist fertig und braucht nicht mehr zurechtgemacht werden.
Wenn ich nicht mit Schlafen beschäftigt bin, versuche ich, diesem komischen Knochen mal Kunststückchen beizubringen.
Der dumme Knochen kann aber auch gar nichts. Selbst wenn ich ihn zwicke, macht er nichts.


Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 66
ISBN: 978-3-95840-681-0
Erscheinungsdatum: 25.06.2018
EUR 16,90
EUR 10,99

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