Cover: Spannende Geschichten und Märchen für Erwachsene und Kinder

Spannende Geschichten und Märchen für Erwachsene und Kinder


EUR 29,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 676
ISBN: 978-3-7116-0047-9
Erscheinungsdatum: 30.01.2025
Eine Prinzessin kommt auf Juist und rettet Schwimmende vorm Ertrinken, ein Prinz muss Abenteuer bestehen, um den Namen der Königstocher zu erfahren, ein kleiner Junge hockt vorm PC und bekommt ganz eckige Augen. Diese Geschichten wollen entdeckt werden!
Die Inselprinzessin

In einem kleinen Dorf in Österreich am Fuß des Wilden Kaisers lebt Sonja Mertens mit ihren Eltern Greta und Jens. Die Mutter arbeitet als Verkäuferin im Blumenladen der Gärtnerei Sölder und der Vater ist im Sägewerk Bindler als Vorarbeiter beschäftigt. Die Eltern wünschten sich von ganzem Herzen, dass Sonja das Gymnasium in Kufstein besucht und dann studiert. Sie sollte es einmal nicht so schwer haben wie ihre Eltern! Sie sollte nicht jeden Euro zweimal umdrehen müssen, bevor sie ihn ausgibt. Aber ihre schulischen Leistungen ließen leider nicht zu, dass sich der Wunsch von Mutter Greta und Vater Jens erfüllt. Dabei wäre es für Sonja ein Leichtes gewesen, den Wechsel zum Gymnasium zu schaffen, aber sie wollte diesen Wechsel nicht und wenn ihre Noten richtig gut gewesen wären, hätten ihre Eltern kein Verständnis dafür gehabt, warum Sonja sich weigert, in das Gymnasium zu gehen, also ließ sie in der 4. und 5. Klasse die Schule so richtig schleifen. Danach sind ihre schulischen Leistungen zur Verwunderung ihrer Eltern und der Lehrerin schnell wieder bestens geworden. Aus eigenem Entschluss hat sie dann nach der 8. Klasse den Übertritt in die Realschule gewagt und hat nun noch 1 Schuljahr bis zu ihrem Abschluss, der Mittleren Reife. Dann wird sie 18 Jahre alt sein und kann ihre beruflichen Wünschen auch ohne das Einverständnis ihrer Eltern realisieren.

In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich überwiegend mit Sport. Sie will sich zur Rettungsschwimmerin ausbilden lassen und überlegt, einen Tauchlehrgang zu absolvieren und den Tauchschein zu erwerben. Hier im Dorf ist es ihr zu eng, deshalb plant Sonja, spätestens mit 18 Jahren an den Aachensee zu ziehen. Dort könnte sie ihre Pläne auch umsetzen. Aber sie hat noch keine Ahnung, wie sie das ihren Eltern klarmachen kann.

Irgendetwas zieht sie mit unheimlicher Gewalt ans Wasser. Sie liebt auch die heimischen Berge, in denen sie lebt. Wenn sie auf einem Gipfel steht und den Blick schweifen lässt, dann ist sie glücklich. Sie sieht und empfindet ihre Heimat aus tiefster Seele und voller Glück. Die Wunderwelt der Berge, die sich ihr in jeder Blume, jedem Tier draußen zeigt, macht sie froh. Die Mentalität der Menschen hier, ihre gegenseitige Hilfsbereitschaft möchte Sonja nicht missen. Und trotz allem ist da doch die Sehnsucht nach Wasser, sich im und auf dem Wasser bewegen zu können! Und am Aachensee müsste sie ja auf keines von beiden verzichten: Da wäre der große See, der eingebettet ist in die Bergriesen, und es wäre ja auch gar nicht so weit entfernt von zuhause. Das alles wird aber erst spruchreif, wenn sie in einem Jahr die Schule erfolgreich abgeschlossen hat. Sie wird eine Aussprache über ihre Pläne eben noch ein Jahr vor sich herschieben. Es hätte keinen Zweck, wenn sie ihre Eltern schon jetzt mit ihren Wünschen und Vorhaben konfrontiert! Dann würden sie wahrscheinlich nur ein ganzes Jahr versuchen ihr das alles auszureden. Sie wird also weiterhin im Inn schwimmen und mit ihrer Taucherbrille mit Schnorchel im Fluss tauchen. Noch ein Jahr!!! Sonja packt ihre Badesachen zusammen und geht die paar Schritte hinunter zu dem Fluss, der zu dieser Jahreszeit viel Wasser hat und sich recht reißend gebärdet. Den Badeanzug hat sie schon an und im Nu ist sie im schnell fließenden Inn und muss alle Kraft zusammennehmen, um nicht abgetrieben zu werden. Aber gerade das macht ihr so viel Freude: das Kräftemessen mit dem Fluss!

Um 18 Uhr haben die Eltern Feierabend und ein paar Minuten später ist Greta zu Hause. Der Vater hat einen etwas längeren Heimweg. Aber bis 18.30 Uhr findet auch er sich daheim ein. Und Sonja richtet es immer so ein, dass sie etwa gleichzeitig mit den Eltern zu Hause ist. „Was gibt es Neues?“ fragt die Mutter und Sonja fällt ein, dass der Postbote ein Telegramm gebracht hat. „Und was steht in dem Telegramm?“ erkundigt sich Greta. „Keine Ahnung! Es ist an Papa gerichtet. Da werde ich mich hüten, es zu öffnen!“ antwortet die Tochter. Die Mutter nimmt das Telegramm vom Tisch und öffnet es. „Vater ist verstorben. Die Beisetzung findet am Donnerstag um 15 Uhr statt. Das Schiff fährt nur um 8.30 Uhr. Holger.“ Gerade als Mutter fertig mit dem Lesen ist, kommt Jens. „Was Wichtiges?“ fragt er. „Dein Vater ist verstorben. Wir sollen am Donnerstag um 15 Uhr zur Beerdigung kommen“ antwortet seine Frau und reicht ihm das Schreiben. „30 Jahre kein Wort! Und jetzt das da. Was machen wir?“ murmelt Jens Mertens leise vor sich hin. „Wer ist Holger und wieso müssen wir mit einem Schiff fahren?“ fragt Sonja. Ganz in Gedanken sagt der Vater zu seiner Tochter: „Holger ist mein Bruder und sie wohnen auf einer Insel in der Nordsee. „Fahren wir?“ fragt Sonja. „Sicher“ sagt die Mutter leise. „Jetzt konntest du dich mit deinem Vater nicht einmal mehr aussprechen, Jens. Aber auf seinem letzten Weg musst du ihn schon begleiten. Da kannst du ja wenigstens in Gedanken mit ihm deinen Frieden machen. Und mit Holger musst du auch Klartext reden. Es ist wahrlich an der Zeit!“ „Sicher, du hast ja recht. Aber …“ „Kein aber, Jens. Du sprichst dich mit deinem Bruder aus. Was daraus wird, das werden wir dann schon sehen!“ Greta möchte endlich den Unfrieden mit der Familie ihres Mannes beseitigt haben. „Um was ist es denn eigentlich gegangen? Es muss ja etwas Größeres gewesen sein, wenn das schon 30 Jahre dauert!“ Vater Jens schaut seine Tochter an. „Ja. Es ist um etwas Größeres gegangen! Wir lebten auf einer Hallig, das ist eine Insel, weit draußen in der See. Dort ist es sehr einsam. Auf einer Hallig leben zumeist 4 – 5 Familien, je nachdem, wie groß die Insel ist. Unsere Insel haben wir allein bewohnt. Das war nicht leicht! Alles musste unsere Familie allein stemmen. Mutter und Gudrun, das war Holgers Frau, haben den großen Gemüsegarten bewirtschaftet, denn wir mussten uns ja möglichst mit allem selbst versorgen, was wir zum Leben gebraucht haben. Sie haben die Ernte verarbeitet, Haus und Hof in Ordnung gehalten und sich um das Vieh gekümmert. Vater, Holger und ich waren die Fischer und die Bauern. Von der Saat bis zur Ernte der Feldfrüchte arbeiteten wir auf den Feldern. Wir mussten außerdem die Dämme in Ordnung und die Gebäude wetterfest halten. Holger war der Große, 14 Jahre älter als ich. Aber von mir wurde die gleiche Arbeit verlangt. Oft konnte ich aber nicht mithalten. Mir fehlte die Kraft zu Vielem und ich war einfach noch zu jung. Dann hieß es immer: Der Holger macht das auch! Eines Tages kündigte sich ein heftiger Sturm an. Ich war gerade 19 Jahre geworden. Vater schickte mich allein auf den Damm. Ich habe bis dahin noch nie am Damm mitgearbeitet. Er hatte den Stall und die Scheune wetterfest zu machen. Holger schichtete Sandsäcke um das Haus auf. Dann war der Sturm da! Aber es war kein einfacher Sturm, es war ein Orkan. Ich war noch immer auf dem Damm! Nach Hause konnte ich bei diesem Wetter nicht, also bin ich auf der Dammkrone geblieben und habe mich mit Sandsäcken beschwert. Es wäre sonst möglich gewesen, dass der stürmische Wind mich vom Damm geblasen hätte – vielleicht in die See! Möglich wäre das gewesen! Aber es ist gut gegangen! Ich habe den Orkan überlebt. Aber der Damm ist gebrochen! An einer Stelle wurde er unterspült und dort ist er eingebrochen. Das Wasser der Nordsee konnte unkontrolliert in unsere tieferliegende Insel eindringen. Es hat die Felder zerstört, die Scheune geflutet, ebenso den Stall und das Haus. 3 Tiere haben wir verloren. Als ich dann, nachdem der Orkan nachgelassen hatte und nur noch Sturm war, nach Hause kam, verprügelten mich Vater und Holger und wenn Mutter nicht dazwischengegangen wäre, hätten sie mich wahrscheinlich totgeschlagen. Gudrun hat die Hallig nach diesem Sturm verlassen und ist nie wieder gekommen. Mein Vater und mein Bruder gaben mir die Schuld an dem ganzen Unglück. – Als ich wieder laufen konnte, habe ich die Hallig verlassen. Ich habe Mutter gesagt, dass ich das Boot auf der Insel Juist, das ist die nächstgelegene größere Insel, vertäuen und dass ich nicht zurückkommen würde. – Ja. So ist das gewesen vor – 30 Jahren.“ Jens hält noch immer das Telegramm in der Hand. Jetzt lässt er es einfach fallen. Sonja hebt es auf und legt es auf den Tisch. „Jetzt verstehe ich, dass du nie ans Meer gewollt hast! Aber auch, dass du nie über deine Familie gesprochen hast! Wie konnte dein Vater dir, einem Jugendlichen, eine solche Verantwortung aufhalsen und dann dir alles als Schuld aufbürden.“„Sonja, das Leben auf einer Hallig ist sehr einsam. Das kann schon auch einmal ungerecht machen. Besser ist es, wenn mehrere Familien auf so einer Insel wohnen. Dann verteilen sich die Aufgaben und die Pflichten. Dann hat man auch die Möglichkeit mit anderen zu sprechen.“„Lebt dein Bruder noch auf dieser Hallig?“ will Sonja wissen, aber die Frage kann ihr Vater nicht beantworten. Er weiß es nicht. „Wir nehmen jedenfalls das Schiff, das die größere Insel vor unserer Hallig anfährt. Übermorgen, am Dienstag, fahren wir. Dann sind wir auf alle Fälle rechtzeitig auf der Insel und damit auch auf der Hallig. Morgen müssen wir Urlaub einreichen und du, Sonja, lässt dir auch freigeben für den Rest der Woche.“

Solange Jens seiner Tochter erklärt, was vor 30 Jahren auf der Mertens-Hallig vorgefallen ist, richtet Greta das Abendbrot her. Schweigend setzen sich Sonja, Greta und Jens an den Tisch und schweigend verzehren sie die belegten Brote. Sonja zieht sich nach dem Essen in ihr Zimmer zurück. Sie muss die Geschichte ihres Vaters erst einmal sacken lassen. Ihr ist unbegreiflich, wie ein Vater seinem 19-jährigen Sohn allein mit der Sicherung eines so wichtigen Dammes eine so große Verantwortung aufbürden kann, und ihm dann auch noch die alleinige Schuld auflädt für das Unglück, das die Familie getroffen hat. Wie unwichtig erscheinen ihr plötzlich die eigenen Pläne für ihre Zukunft, wenn sie einen Vergleich zieht mit der Aufgabe, der sich ihr Vater hatte stellen müssen. – Aber irgendwann schläft sie doch ein.

Am nächsten Morgen erklärt Sonja in der Schule ihrer Klassenlehrerin, dass sie für den Rest der Woche um Freistellung bitten muss, weil sie an der Beisetzung ihres Großvaters auf dessen Hallig teilnehmen will. Die Lehrerin gewährt die Befreiung vom Unterricht und trägt den Grund dafür in das Klassenbuch ein. Der Tag vergeht nur schleichend und am Abend packt das Ehepaar Mertens seine Koffer und Sonja legt die benötigten Sachen in ihre Reisetasche. Um 8 Uhr am nächsten Morgen fahren sie mit ihrem VW los und rechnen damit, dass sie Norddeich-Mole zwischen 16 und 17 Uhr erreichen werden. Dort wollen sie ihr Auto auf einem bewachten Parkplatz abstellen und eine Nacht im Hotel schlafen. Am Donnerstag früh um 8.30 Uhr fährt dann die Fähre und bringt sie auf die Insel Norderney. Vermutlich wird Holger sie dort erwarten und mit seinem Boot auf die Mertens-Hallig fahren.

Die Reise geht ohne besondere Vorkommnisse vonstatten und sie verbringen den Abend und die Nacht in einem einfachen Hotel in Norddeich-Mole. Dann sind es nur ein paar Schritte bis zur Fähre, die pünktlich in See sticht und 2 Stunden später verlassen Sonja, Greta und Jens das Schiff auf Norderney und hoffen, dass sie abgeholt werden. Und richtig: Ein etwa 60-jähriger Mann steht an dem Steg, an dem die Fähre aus Norddeich-Mole eingelaufen ist. Jens und Holger sehen sich in die Augen und nicken sich zu. Eine andere Begrüßung findet nicht statt. Die Familie folgt Holger wort- und grußlos. Er bringt sie zu einem Kutter und fordert sie auf einzusteigen. Der Motor wird gestartet und das Boot setzt sich zügig in Bewegung. Aber er fährt nicht in die Richtung, in der die Hallig der Mertens liegt, sondern er fährt zur Insel Juist. Holger erklärt kurz, dass der Vater die Hallig verlassen hat und sie auf die Juist gezogen sind. Sie haben 2 Pferdegespanne und 2 Planwagen gekauft von dem Geld, dass die Hallig noch abgeworfen hat. Seitdem verdienen sie ihren Lebensunterhalt, indem sie Planwagenfahrten anbieten oder Dienstfahrten mit den Gespannen erledigen. Zusätzlich haben sie noch eine Genehmigung zur Küstenfischerei.

Am Hafen von Juist vertäut Holger seinen Kutter und fordert die Familie seines Bruders auf zu einem Planwagen-Gespann zu gehen, das auf einer kleinen Koppel am Fuß des Dammes wartet. Damit fährt er an das Ende der Stadt Juist und biegt ab in den Hof einer kleinen Kate. „Wir sind da. Hier wohnen wir-ich.“ Die Tür ist nicht abgeschlossen. Er lässt die Familie seines Bruders eintreten und zeigt ihnen einen kleinen Raum, in dem 2 Betten und ein Sofa stehen. Sonst gibt es noch einen Tisch, 4 Stühle und einen selbstgebauten Schrank. Schnell verlässt Holger die Wohnung und geht in den Hof, um die Pferde auszuschirren und auf die kleine eingezäunte Weide zu bringen. Jens schaut die beiden Frauen an und sagt leise: „Gut scheint es ihnen nicht gerade zu gehen. Wenn ich mit ihm Klartext reden will, kann ich das auch jetzt machen. Dann wissen wir wenigstens alle, wie wir dran sind.“ Sonja und Greta nicken. Ihre Mine ist ziemlich bedrückt.

Jens geht über den Hof hinüber in den Stall und trifft dort auf seinen Bruder, der wie verloren am Boden kauert. „Holger, ich denke wir sollten reden!“ beginnt Jens. Holger schaut seinen Bruder von unten herauf an. „Willst du das wirklich?“ fragt er. Worauf Jens antwortet: „Ich denke, 30 Jahre sind genug!“ „Sind wirklich genug“ sagt Holger und nickt. „Habt ihr die Hallig wiederaufgebaut? Was ist aus deiner Frau geworden? Ist sie zurückgekommen?“ „Es war zwecklos, die Hallig wieder instand zu setzen. Womit auch? Wir hatten kein Baumaterial und Mut und Kraft hatten wir auch nicht mehr. Immer wenn Vater an dich gedacht hat, hat er wieder gesagt: ‚Was haben wir getan! Was haben wir getan‘! Du konntest ja überhaupt nichts dafür! Keiner konnte was dafür! So ist das eben an der Nordsee. Es wird nicht umsonst gesagt: Nordsee gleich Mordsee! Es war schließlich der Orkan, der alles zerstört hatte. Wir mussten froh sein, dass du noch am Leben warst. Und wir haben in blinder Wut und Verzweiflung nichts Besseres gewusst, als auf dich einzuschlagen. Wäre Mutter nicht dazwischengegangen, ich bin sicher, wir hätten dich totgeschlagen! Als wir endlich wieder klar denken konnten und nachdem wir alle Schäden unter die Lupe genommen hatten, packten wir unser Hab und Gut in den Kutter und fuhren auf die Juist. Wir waren nicht willkommen! Wer möchte auch solche Hungerleider wie uns in seiner Nähe haben. Der Bürgermeister hat uns hier diese Kate zugewiesen und uns klargemacht, dass wir uns selbst versorgen müssen. Von ihm hätten wir nichts zu erwarten. Vater hat gefragt, ob wir Planwagenfahrten anbieten und ob wir weiterhin an der Küste fischen dürfen. Weil wir ja irgendetwas tun mussten, um unser Leben zu fristen und da wir nicht auf Kosten der Anderen leben sollten, hat er uns das erlaubt. Nachdem wir alles verkauft hatten, was wir von unserer Insel mitgebracht hatten, konnten wir einen Planwagen und 2 Kaltblut-Pferde kaufen. Und dann ist Mutter verstorben. Jene Nacht und ihre Folgen haben sie zerbrochen! Vor 6 Jahren hatten wir so viel zurückgelegt, dass wir noch ein Paar Pferde und noch einen Planwagen erwerben konnten. Von da an ging es langsam bergauf. Wir haben ein Räucherhaus gebaut und verkaufen unseren Fischfang als Räucherware an Touristen. Besonders wertvolle Fische nehmen uns auch die hiesigen Hotels zu anständigen Preisen ab. Was jetzt werden soll, nachdem Vater tot ist, weiß ich nicht! Ich kann nur einen Wagen fahren oder ich kann fischen. Ich muss jetzt erst einmal sehen, ob ich so überhaupt überleben kann. Nein. Gudrun ist nicht wiedergekommen. Nun weißt du, wie es mit uns weitergegangen ist. Wir haben bitter bezahlt dafür, was wir dir angetan haben. Ich wollte dich so oft um Verzeihung bitten und Vater auch. Aber wir haben uns zu sehr geschämt für das, was wir getan haben. Du warst schuldlos an all dem Unglück, das uns heimgesucht hat. Wirst du mir und Vater irgendwann einmal verzeihen können? Wirst du irgendwann wieder mein Bruder sein?“ Die Verzweiflung steht deutlich in Holgers Blick. Jens streckt ihm seine Hand entgegen und sagt: „Genug ist genug! Du hast schon zu lange unter deinem Fehler gelitten. Und Vater auch! Ihm kann ich die Hand nicht mehr reichen, aber ich kann ihm meine Verzeihung an seinem Grab versichern! Ich trage euch nichts mehr nach. Versuchen wir gemeinsam, dass es auch jetzt noch aufwärts gehen kann. Und nun sollten wir wohl zu den anderen gehen und uns in Schale werfen, um Vater die letzte Ehre zu geben.“ Jens legt seinen Arm auf die Schulter seines zutiefst gebeugten Bruders. Lächelnd sieht es Greta und aufmunternd sagt sie zu ihrem Schwager: „Jetzt beginnt eine neue Zeit. Ihr Brüder seid wieder Brüder!“ Sonja kann sich nicht so schnell an den Gedanken gewöhnen, dass ihr Vater die damalige Ungerechtigkeit so einfach wegstecken kann. Sie weiß nicht, dass es ihm keinesfalls so leichtgefallen ist, seinem Bruder die Hand zu reichen. Aber, wie er schon zu Holger sagte: Genug ist genug!

Sie sind allein mit dem Pfarrer und dem toten Vater auf dem Friedhof. Und der Geistliche macht die Zeremonie auch sehr kurz. Mit wenigen halbherzigen Worten erteilt er seinen Segen, wünscht der Familie Beileid und verabschiedet sich sofort. Am Grab seines Vaters wiederholt Jens die Worte: „Genug ist genug! Ich will, dass du Frieden finden kannst. Ich verzeihe dir das Unrecht, das du mir angetan hast. Gehe deinen Weg in Frieden. Die Hand reiche ich dir, wenn wir uns wiedersehen!“ Greta legt die mitgebrachten Blumen an das Grab und auch sie sagt: „Geh deinen Weg in Frieden!“ Sonja wendet sich schweigend ab. Jens führt seine Familie und den Bruder in ein Restaurant und wünscht allen einen guten Appetit. Für die 3 Tage, die die Familie noch auf der Insel verbringen wird, bucht der Familienvater Zimmer in dem Hotel, das zu dem Restaurant gehört. Und seinen Bruder bittet er mit ihnen gemeinsam für die wenigen Tage in diesem Hotel zu wohnen. Überrascht nimmt Holger die Einladung an.

Am Nachmittag machen alle gemeinsam einen Spaziergang zum Nordseestrand. Sie laufen den gepflasterten Weg zum Kamm der Düne hinauf und lassen den Strandhafer, mit dem alle Dünen hier bewachsen sind, zart durch ihre Finger gleiten. Auf der Rückseite fällt die Düne hinab zum Strand, wo sich der breite Sandstrand anschließt, der schließlich an der Nordsee endet. Die Urlauber ziehen Schuhe und Strümpfe aus und laufen den Rand des Meeres entlang. Jens erzählt seinem Bruder, wie es ihm in den vergangenen 30 Jahren ergangen ist, von seiner Arbeit im Sägewerk, von Gretas Tätigkeit im Blumenladen und von dem verflossenen Traum, dass die Tochter einmal studieren würde. Und mit jedem Wort, das gesprochen wird, kommen sich die Brüder wieder näher. Jens genießt die salzige Seeluft, den freien Blick bis zum Horizont, den Sand unter den Füßen, die rauen Rufe der Möwen und den stetig wehenden Wind. Hatte er das alles vergessen? Oder wollte er sich nicht daran erinnern, weil es ihm auch immer jene Nacht, den Orkan und seine Folgen vor 30 Jahren vor Augen führen würde?

Sonja hat die Hose hochgekrempelt und läuft in die Nordsee hinein, bis das Wasser über ihre Knie reicht. Es stört sie nicht, dass die Wellen sie vollspritzen. Aber ein Gedanke setzt sich in ihrem Kopf fest: Wäre es nicht möglich, hier zu leben? Hier zu arbeiten, am Strand? Sie könnte hier als Rettungsschwimmerin arbeiten, Tauchkurse anbieten, Lehrgänge zum Surfen halten. Man müsste sich gründlich informieren! Aber sie hat nur 2 Tage Zeit. Vielleicht kann sie die Familie dazu bewegen, hier Urlaub zu machen in den Ferien. Jetzt, wo ihr Vater sich mit seinem Bruder versöhnt hat. Das würde doch auch der Zusammenführung dienen. Darüber muss sie unbedingt mit den Eltern reden! Ihr Vater scheint sich ja gerade mit der Nordsee hier anzufreunden, so glücklich wie er aussieht. Das ist auch Greta schon aufgefallen. Jens lässt sich in den warmen Sand sinken und Frau und Bruder machen es ihm nach. Sonja läuft zum Kiosk und holt 4 Becher mit Eis und gibt jedem eine Portion. Nach einer Weile, das Eis ist verspeist, erkundigt sich Jens bei seinem Bruder, wie es hier an der Küste mit der Möglichkeit steht, einen Arbeitsplatz zu finden. Sonja ist sofort hellhörig. Sollte Vater etwa … – Sie traut sich nicht, den Gedanken weiterzuspinnen, aber das wäre ja die Lösung, wenn sie hierher umsiedeln würden! Und Mutti? Ob sie auch mitziehen würde?

Holger erklärt seinem Bruder, dass es hier auf der Insel natürlich keine Holzwirtschaft gibt. Die Arbeitsmöglichkeiten liegen überwiegend im Dienstleistungssektor, z. B. im Hotel- und Restaurantbetrieb, Droschken-Fahrten, der Fischerei, Jobs am Strand oder auf dem Bau, denn auf der Insel wird ständig gebaut. Für Frauen bietet sich vor allem eine Beschäftigung im Hotel oder Restaurant an. Natürlich gibt es auch Blumenläden auf Juist. Mit einem halben Ohr hört Greta dem Gespräch der beiden Männer zu, beteiligt sich aber nicht daran.

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