Sonstiges & Allerlei

Sommertage sind nicht immer

Marie Haberland

Sommertage sind nicht immer

Geschichten von gestern und heute im Wandel der Jahreszeiten

Leseprobe:

Vorwort

Nun, wie ich zu diesen Geschichten kam?
Ganz einfach, oder doch nicht so einfach. Ich gab zu festgelegten Terminen Lesungen in einer klinischen Einrichtung und las aus Büchern verschiedener Autoren vor, immer dem Anlass entsprechend, so z.?B. zu den jeweiligen Jahreszeiten oder Festtagen, zu Ferien und auch sonstige lustige oder besinnliche Geschichten oder Gedichte.
Als ich dann eines Tages nichts zum entsprechenden Thema fand, habe ich mich kurzerhand hingesetzt und meine erste Geschichte geschrieben und vorgelesen. Die Geschichte kam so gut an, dass mich das ermunterte, allerdings erst Monate später in einer ähnlichen Situation, wieder zu schreiben.
Die Geschichten und Gedichte habe ich unter einem Pseudonym geschrieben und vorgelesen, um eine Voreingenommenheit auszuschließen und die Wirksamkeit des Geschriebenen, das sogenannte „Ankommen“ bei den Patienten und Gästen zu testen. Die Reaktion hat mich ermutigt, weiterzumachen.
Namen oder Orte des Geschehens sind frei erfunden, die Geschichten aber haben sich so oder in ähnlicher Weise zugetragen.
Ich möchte hiermit all denen danken, die mein Leben begleitet haben und noch begleiten und mir zum großen Teil den „Stoff“ für all das geliefert haben, was ich aus Beobachtung, Erinnerung und Phantasie aufschreiben konnte.

***


Schneekristalle

Schneeflocken
schweben
engelsgleich herab
und weben
ein weißes Leinentuch
über Feld und Flur
fantastisch
und einzigartig
jede Form
glitzern
und funkeln
Diamanten gleich –
Schneekristalle –
und doch vergänglich

***


Januarsonne

Früher war alles besser.
Nein, früher war manches besser, z.?B. die knackig kalten, trockenen und sonnigen Tage im Januar, wo die Seen fest zugefroren waren und wir darauf Schlittschuh laufen konnten.
Die Kinder kamen abends mit roten Backen zufrieden heim, weil sie sich am kleinen Skihang oder auf der Schlittenbahn ausgetobt hatten.
Als unsere Kinder noch klein waren und in den Kindergarten gingen oder später in den ersten Schuljahren haben wir, eine kleine Gruppe Mütter, die Schlitten bepackt mit Decken, Wärmflasche und heißem Tee, die Schlittschuhe obenauf, und dann ging’s los zum nahen Weiher. Dort drehten wir unsere Runden, haben auf den Decken gesessen, die angewärmt waren, unseren Tee getrunken und viel Spaß gehabt, bis der Tee alle war, die Wärmflasche ausgekühlt und wir rote, kalte Nasen hatten.
Mittags kehrten wir glücklich heim, bereiteten das Essen vor und warteten auf unsere Kinder.
Davon gab es manche Tage im Januar – früher. Heutzutage werden die Winter wärmer, und die Seen frieren nicht mehr so oft zu.

***

Lukas kommt freudestrahlend nach Hause. „Sie haben den Platz geflutet“, ruft er erregt aus.
„Morgen können wir Schlittschuh laufen.“
Lukas ist mein Enkelkind und ich kümmere mich dreimal in der Woche um ihn, während meine Tochter zur Arbeit geht.
Es ist nicht so kalt, dass die Seen zufrieren, aber der Boden hat Minusgrade, so dass die Wasserschicht, die auf einen alten Parkplatz gespritzt worden ist, gefriert und die Kinder dort Schlittschuh laufen können.
Nicht selten, vor allem abends, wenn die Lampen angehen, finden sich auch Erwachsene ein, die dort ihre Runden drehen, lachen und ihren Spaß haben.
Es ist Januar und Lukas hat zu Weihnachten neue Schlittschuhe bekommen, Eishockey-Schuhe, die er sich schon seit dem letzten Winter gewünscht hat. Jetzt kann er wenigstens mit „richtigen“ Schuhen der Mannschaft beistehen. Die Mannschaft ist ein zusammengewürfelter Haufen von Jungs aus der Straße, die im Sommer Fußball kicken und eben jetzt Eishockey spielen.
Hier draußen auf dem Platz macht es viel mehr Spaß als in der Eissporthalle, wo sie im allgemeinen Eislaufbetrieb nicht so herumflitzen und mit den Stöcken herumfuchteln können.
Lukas hat sich einen Knüppel als Schläger besorgt und der wird in einer Ecke im Zimmer sorgsam gehütet. Niemand darf ihn verrücken.
Als Puck hat er sich eine kleine runde Holzscheibe besorgt und schwarz angestrichen.
Am nächsten Mittag, nach der Schule, kommt er nach Hause gestürmt, schlingt sein Mittagessen herunter und mit einem „Haben nix auf.“ ist er draußen, wo schon die anderen warten.
Es ist bewölkt und die Sonne blinzelt nur ab und zu auf den wilden Haufen, der mit Eifer der schwarzen Scheibe hinterherrennt.
Gegen fünf wird es dunkel. Lukas kommt mit hängendem Kopf angeschlichen und murmelt: „Haben verloren.“, verschwindet in sein Zimmer und dreht die Musik auf.
Mein Mann holt seine alten Schlittschuhe hervor und wir gehen am Abend zum Eisplatz.
Dort haben sich schon etliche Erwachsene versammelt und drehen ihre Runden. Jemand hat einen Radiorekorder mit Batterie mitgebracht und der Mond leuchtet um die Wette mit den Laternen, die rings um die Eisfläche stehen.
Ich denke an damals und lächle. Es ist fast wie früher.

***


Narrenzeit

Noch klirrend Frost
an allen Bächen
und Schnee
bedeckt das weite Land
doch zum Trost
zaghaft recken
Schneeglöckchen
sich am Gartenrand
die Narren sind
zur Faschingszeit
kunterbunt
mit ihrem Treiben
noch eh die Fastenzeit beginnt
zum Narrentanz bereit
Hoffnung im Herzen
der Frühling kommt doch

***


Katerfrühstück mit Konfetti

Eigentlich habe ich es schon immer gewusst. Ich bin im falschen Dorf.
Viel lieber wäre ich z.?B. im Rheinland aufgewachsen. Dagegen hat es mich rechtsrheinisch in eins der Mittelgebirge verschlagen, wo der rheinische Humor nicht gut ankam. Der prallte schon ziemlich schnell an einer imaginären dicken Mauer ab.
Ich fühlte mich nicht besonders wohl unter den allzu konservativen Menschen, wo die Frömmigkeit eigenartige Dimensionen annahm und ich bald merkte, dass es sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Glaubensrichtung nicht immer so ganz auf die Wahrheit ankam und auch bei Weitem nicht immer die Lehre von Nächstenliebe und Miteinander gelebt wurde. Oft konnte ich eher das Trennen als das Vereinen erfahren, und der Egoismus trieb mitunter seltsame Blüten.
Zu dem lustigen Völkchen am Rhein fühlte ich mich stets hingezogen. Man sagt zwar den Rheinländern nach, dass sie oberflächlich seien und nicht genug „Tiefgang“ hätten, aber ich habe erfahren, dass es auch in anderen Gegenden Menschen gibt, die sehr oberflächlich sein können. Es gibt halt überall „sone und solche“, wie wir zu sagen pflegen.
Als heiterer, fröhlicher Mensch, der gern Kontakt zu anderen Menschen aufnimmt, glaubte ich stets, linksrheinisch eher glücklich sein zu können.
So fuhr ich an langen Wochenenden gerne ins Rheinland, sprach mit den Menschen dort über Gott und die Welt und bekam ein wenig Einblick in ihre Gedanken und ihre Seele.
Später fuhr ich zusammen mit meiner Freundin gern zu jeder Jahreszeit an den Rhein.
Der Frühling begann dort früher und der Sommer dauerte länger. Da war es schon grün, während bei uns noch die Schneehaufen vor der Tür lagen. Und Anfang Oktober, wenn die Biergärten am Rhein mit buntem Weinlaub gefärbt waren, saßen wir in den Lauben und sprachen dem frischen Wein schon mal allzu intensiv zu.
Im Sommer, an herrlichen Sonnentagen, fuhren wir mit dem Schiff von Andernach nach Koblenz und machten dann einen Abstecher die Mosel hinauf.
Eine unserer Lieblingsstrecken war von Koblenz nach Bacharach den Rhein hinauf, vorbei am Loreleyfelsen, wo wir jedes Mal das Loreleylied mitsangen.
Hin und wieder besuchten wir die eine oder andere Burg, aus Interesse und um etwas für unsere Bildung zu tun, wie wir meinten.
Was wir allerdings bisher noch nie gemacht hatten: Wir waren niemals an Karneval am Rhein gewesen. Und das wollten wir nun gründlich nachholen.
In diesem Jahr mieteten wir uns schon Samstag vor Rosenmontag nahe bei Köln in einer kleinen Pension ein und fuhren abends in die Stadt.
In die Großveranstaltungen der Karnevalshäuser wollten wir nicht, denn das hätten wir daheim am Fernseher besser mitbekommen, sozusagen in der ersten Reihe.
Die Kneipen waren voll, und wir quetschten uns dazu.
Es war eine Superstimmung. Es wurde gelacht und geschunkelt und auch einige Büttenreden gab es. Wir waren, wie man so sagt, aus dem Häuschen.
Am nächsten Tag, am Sonntag, zogen wir durch die Kölner Innenstadt und staunten über den Einfallsreichtum der Kostüme. Die Menschen, groß wie klein, tanzten singend oder grölend durch die Straßen und hatten ihren Spaß. Wir hatten uns rote Nasen und rote Perücken aufgesetzt und kleine Herzchen auf die Wangen gemalt.
Am Rosenmontag waren wir erst spät auf den Beinen. Unsere nette Pensionswirtin hatte uns reichlich Eier und Speck zum Frühstück bereitet und meinte, das könnten wir heute gut gebrauchen. Das zeigte sich später bei den Rosenmontagszügen dann auch in einer gewissen Standfestigkeit. Die Wagen waren bunt und einfallsreich und es wurden alle möglichen aktuellen Themen aufs Korn genommen.
Der Prinzenwagen warf kleine Sträuße, die anderen Kamellen, ja, ganze Tafeln Schokolade wurden in die Menge geworfen. Ganz Schlaue hatten sich Regenschirme mitgebracht und hielten diese umgedreht auf, um möglichst viel von den Köstlichkeiten aufzufangen. Ganze Ladungen Konfetti gingen auf uns nieder.
Die Musik war laut, die Bässe wummerten – es lag ein Lärmen, Kreischen und Lachen in der Luft –, eine ausgelassene Stimmung.
Am Abend hatten wir einen dicken Kopf, der nicht nur vom Lärm herrührte, hingen noch in einer Kneipe ab und fielen irgendwann ins Bett.
Am nächsten Morgen wachten wir mit einem ordentlichen Kater auf. Wir hatten wohl zu viel durcheinandergetrunken.
Unsere nette Wirtin hatte das schon geahnt und uns Rollmöpse und Bismarckheringe zum Frühstück serviert.
Durch unsere nicht ganz wachen Augen nahmen wir buntes Konfetti darauf wahr und fragten uns, wie das wohl dahin gekommen ist. Als wir uns gegenseitig anschauten, mussten wir lachen: In unseren Haaren war noch einiges davon zurückgeblieben.
Am frühen Nachmittag fuhr uns das Taxi zum Bahnhof und wir mit dem Zug nach Hause.
Fazit: Warum ist es am Rhein so schön? Klar, natürlich nicht nur wegen Karneval. Das hatten wir nun ausgiebig ausprobiert und waren uns einig, dass wir in Zukunft die Schönheiten des Rheins und seine Anwohner wieder wie gewohnt genießen würden. Doch nächstes Jahr zum Karneval wollten wir wieder dabei sein.

***


Frühlingshauch

Eis tropft
klar
am Uferrand
Sonnenstrahlen
tanzen
malen Kringel
auf zartem Grün
Baumknospen schwellen
und Vögel jubilieren
in aller Früh
noch kühl die Erde –
bringt dennoch Krokus hervor
und der Wind weht
leise von Süden –
ein Hauch nur –
Frühling kommt
klingt’s allseits im Chor

***

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 84
ISBN: 978-3-95840-531-8
Erscheinungsdatum: 25.09.2017
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 19,90
EUR 11,99

Herbstlektüre