Seifenblase des Glücks
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 186
ISBN: 978-3-7116-0592-4
Erscheinungsdatum: 17.09.2025
In ihrer Welt haben nur Männer mit ihren Vorstellungen und Bedürfnissen das Sagen. Das Mädchen mit dem Smaragdauge hat nur eine einzige Liebe – das Internet. Doch ausgerechnet einem fremden Jungen öffnet sie ihr Herz und lässt ihren eigenen Traum platzen.
Miras Wolken
„www“, diese drei Buchstaben sind in ihrem Leben seit langer Zeit das Wichtigste. Schon das Einschalten des Schulcomputers, das Eintippen der Wörter und die Klickgeräusche der Computermaus versetzen die 14-jährige Mira, ein indisches Mädchen, in eine andere, bessere Welt. In fast jeder Schulpause ist sie bis jetzt dort, im einzigen Computerraum der Schule. Das Nutzen des Computers gibt ihr Kraft. Sie fühlt sich sicher und tankt ihre Energie auf. Selbst nach dem Unterricht würde sie am liebsten nur dort ihre Zeit verbringen, gäbe es ihre Verpflichtungen nicht. Welche Macht solch kleiner Raum besaß!
Sobald sie jedoch hinausmuss, ändert sich gleich ihre Stimmung und die fröhliche Mimik verschwindet, da die Realität sie wieder auf den harten Boden der Wahrheit zurückholt. Schon während sie dem mächtigen Raum der Freiheit hinter sich den Rücken zeigt, spürt sie die vorbeiziehenden, stechenden Blicke. „Du bist nichts wert!“ Das signalisieren sie, ohne ein Wort zu sagen. Sie verletzen sie, bringen abwechselnd traurige und wütende Gefühle mit sich. Mit denen sie aber seit je leben musste. Und das passiert, weil sich unter ihrem Sari-Kleid ein weiblicher Körper verbarg! Wenn die Welt sie nur anders sehen würde! So wie bei den Jungs. Dann warum denn nicht bei ihr? Fragte sie sich nahezu jeden Tag.
Langes, dichtes Haar hatte dieses Mädchen. Straffe Figur, verursacht durch die schwere, täglich zu verrichtende Arbeit. Diese harmonisierte mit ihrer geheimnisvollen Ausstrahlung, welche sie bei jedem ihrer Schritte verstreute. Äußerst anpassungsfähig und dennoch zielstrebig. Das alles war die junge Frau namens Mira Sharma. Aber das Außergewöhnlichste an ihr waren ihre Augen! Eines in Pechschwarz und das andere in einem nahezu außerirdischen Smaragdgrün!
Leider, oder zum Glück, je nachdem, wie man es betrachten würde, verlief ihr Leben nicht immer so traurig. Vor einigen Jahren behütet in einer funktionierenden Familie, deren Name übrigens „Freude“ bedeutet, wurde sie geliebt und fühlte sich geborgen, da sie nicht wie jetzt barfuß auf dem steinigen und dreckigen Boden ihre Schritte setzte, sondern in flauschigen Patschen die damals noch anders aussehende Welt erkundete.
Oft dachte sie an diese Zeit, genauso wie gerade jetzt, am Heimweg nach der Schule. Damals war sie 4 Jahre alt und lebte zusammen mit ihren Eltern und ihrer geliebten Großmutter in einer Hütte am Rande eines indischen Dorfes, unweit pakistanischer Grenze. Es gab zwar drei arbeitende Erwachsene in der Familie und nur sie als einziges Kind zu versorgen, trotzdem gehörten sie zu den Ärmsten des Landes.
Mira hatte in der Kindheit keine Spielsachen, aber sie spielte sehr gerne und war glücklich! Aus den Brotresten formte sie mit ihren winzigen Händen kleine Kugeln. Nach dem Trocknen waren es steinharte, perfekte Murmeln, mit denen sie viel anstellen konnte. Mit welcher Begeisterung beobachtete sie, wie eine Murmel auf die nächste traf. Wie das passierte, was dies bewirkte, warum beim Aufprall die eine zerbrach und die andere unversehrt blieb. Es waren Gefühle der Freude und wenn ihre Mutter Suri sie dabei mit ihrem Lächeln beschenkte, dann waren es die glücklichsten Momente, die sie haben durfte. Suri nahm sich die Zeit und sah ihr gerne zu, vor allem beim Spielen am späten Nachmittag. Da kamen Miras Augen besonders zur Geltung. Mira lag am Boden, überlegte mit vorbereiteter Hand, in welche Richtung und was für einer Geschwindigkeit sie ihre Murmeln befördern sollte. Das fast abendliche Sonnenlicht berührte nicht nur ihr glänzendes Haar, sondern stach regelmäßig in das smaragdgrüne Auge von ihr. Erzeugte so ein reflektierendes, magisches Licht. Wie eine geheimnisvolle, einäugige Raubkatze sah sie aus. Und Suri war begeistert, nicht nur des Aussehens wegen, sondern auch wie sie spielte und welche Faszination sie dabei empfand.
Am Heimweg versuchte Mira, sich mit voller Kraft an ihre Mutter zu erinnern. Das tat sie immer wieder. Es war schon so lange her! Dachte sie sich wieder mal und schüttelte mit dem Kopf dabei. Aber trotzdem schmerzte es noch! Sie konnte sich einfach nicht wirklich erinnern, wie ihr Gesicht genau ausgesehen hatte, weil sie sie seit 10 Jahren nicht mehr gesehen hatte! Wie konnte sie es nur aus dem Gedächtnis verlieren? Oft fühlte sie sich deswegen schuldig. Aber selbst die größte Anstrengung brachte die Bilder von Suris Augen, ihrer Nase, ihrer Wangen und ihres Mundes nicht mehr zurück.
Dennoch wusste sie ohne Zweifel, dass Suri eine wunderschöne junge Frau mit besonderem Charme war. Trotz der tiefen Armut immer gepflegt, mit auffallendem, strahlend weißem Lächeln. Wenn man mit ihr sprach, rutschten die Blicke des Gesprächspartners ganz automatisch auf ihre makellosen, perfekt gereihten Zähne. Täglich holten sie zusammen das Wasser aus dem Brunnen. Und als sie nach Hause kamen, hatte Suri nicht nur sie, sondern auch sich selbst vor ihren Augen von Kopf bis Fuß gewaschen. Was für ein hübscher Körper! Dachte sich Mira schon damals, beim Anblick ihrer nackten Mutter. Suri hatte einen runden Busen, dunklere Haut und eine dezent kurvige Figur. Ihr schulterlanges, dichtes, schwarzes Haar glitzerte nach dem Waschen, sobald nur ein Hauch von Licht sich darin widerspiegelte, weil sie eine spezielle Haarpaste verwendete. Und der Duft! Nase hochziehend roch Mira auch noch so viele Jahre danach den Seifengeruch, bis an der Kreuzung sie plötzlich ein lautes Hupgeräusch aus ihrer Erinnerung herausriss.
„Na komm, du hübsches Ding, steig ein! Kannst du blasen?“, sagte ein widerlich ekelhafter Mann in Soldatenuniform und schlug dabei mit seiner Hand auf die Außentür seines Wagens, in dem er saß. Schon war Mira zurück in voller Gegenwart. Stets an der indisch-pakistanischen Grenze, wo es nur so von Soldaten wimmelte, welche außerhalb der Kasernen nur nach dem Einem suchten – Sex.
Der Heimweg war noch lang. Obwohl sie solche Situationen bis jetzt sehr oft erlebt hatte, gewöhnen daran könnte sie sich nie. Vor allem, weil sie dabei an ihre Mutter Suri denken musste.
„Mama, was ist los? Du siehst traurig aus?“, fragte sie sie damals, als sie sich wieder in der beschützenden Vergangenheit befand. Suri schenkte ihr ein kurzes Lächeln. Solches, das jeder von uns kennt und nach welchem man mit keiner Antwort mehr rechnet. Nach wenigen Sekunden der Stille sagte sie dennoch zu ihr, oder eher in den Raum hinein: „Schon wieder hat es eine Frau erwischt!“ Mira verstand es nicht, traute sich aber nicht nachzufragen.
„Du musst klug sein, viel mehr als alle anderen um dich herum!“, sagte sie ihr mit einem dermaßen strengen Blick und hielt sie fest mit einer Hand am Kinn, bis es schmerzte und Furcht erzeugte. Unvorstellbar wichtig schien es ihrer Mutter zu sein und sie vergaß ihre Worte tatsächlich bis heute nicht. Außer dieser sehr ernsten Situation erlebte Mira ihre Mutter als eine glückliche Frau. Bei der täglichen Körperpflege bemerkte sie ihren wachsenden Bauch. Sie erwartete ein zweites Kind. Suri freute sich auf ihr Baby und spielte gerne mit ihr und ihren Murmeln.
Als es Zeit war, Miras Geschwisterchen auf die Welt zu bringen, sagte Suri schnaufend, die Wehen würden sich ungewöhnlich stark anfühlen, anders als bei Miras Geburt. Sie lag auf der Matratze und hielt sich beschützend den Bauch. Kalter Schweiß glänzte auf der Haut und ihr Hecheln übertönte die Aufprallgeräusche Miras Murmeln. Suri fürchtete sich, sie ahnte, dass irgendetwas nicht stimmen würde. Nachts hatte sie einen komischen Traum gehabt.
„Sieh mal!“, sagte Mira zu ihr, als sie bemerkte, wie ängstlich ihre Mutter aussah.
„Das wird dir Glück bringen!“, flüsterte sie ihr mit ihrer kindlichen Stimme ins Ohr und schenkte ihr eine Halskette aus Murmeln, welche sie selbst gebastelt hatte. Suri war überwältigt, weinte vor Freude, genau das hatte sie gebraucht, ein Zeichen von da oben! Sie sah in den Himmel hinauf. Sie küsste sie auf die Stirn und bereitete sich zusammen mit Miras Vater Amar auf den Weg ins nahegelegene Krankenhaus vor.
„Du bist etwas ganz Besonderes!“ Mit solchen Worten und einem tiefen Blick verabschiedete sich Suri von ihrer Tochter und setzte sich mit letzter Kraft auf Amars Motorrad.
Die Großmutter blieb mit Mira zu Hause und ihr Gesicht gefror förmlich, die große Blutlache auf der Matratze, auf der Suri zuvor lag, erschreckte sie. Das kleine Mädchen stand noch draußen vor der Hütte und war nicht fähig, sich zu bewegen. Ihre Augen verfolgten die Fahrt der Eltern starr, wie zwei unbewegliche Scheinwerfer. Leider sah sie sie durch die aufgewirbelte Erde kaum. Als wären ihre Eltern von einer dunklen und unheimlichen Erdenwolke verschluckt, sah es aus. Seltsam hatte es sich angefühlt, es war nicht nur die Angst, sondern ein beklemmendes Gefühl, welches sie bis zu dem Zeitpunkt noch nie erlebt hatte.
Mira fürchtete sich, war völlig durcheinander. Eigentlich müsste sie sich doch freuen, oder? Schließlich würde sie ein Geschwisterchen bekommen. Aber warum hat sich das anders angefühlt?
Die Erdenwolke war wieder auf dem lautlosen und durch die harten Schicksale der Menschen gepressten Boden angekommen, dennoch blieb sie vor der Hütte sitzen und wartete auf eine glückliche Erlösung. Welche jedoch nicht kam, sondern stattdessen der übliche Monsunregen, der sich aber in einer Stärke zeigte, die sie schon sehr lange nicht erlebt hatte. Sie war völlig durchnässt, als ihre Großmutter sie dann hineinbrachte und auf ihre Matratze legte.
Mira träumte in jener Nacht intensiv. Bis zum heutigen Tag, zehn Jahre später, erinnerte sie sich an jedes Detail dieses Traumes. Sie sah darin ihre Mutter, welche ausgesehen hatte, als hätte sie die gleichen Gefühle wie sie gehabt, eine unbeschreiblich beklemmende, noch nie da gewesene Angst. Suris Herz klopfte rasend schnell, nachdem sie erfuhr, dass das Krankenhaus einen Stromausfall hätte und keine Patienten aufnehmen könne. Sie hütete die Halskette von ihr in der Hand, aber voller Panik zerdrückte sie eine der Murmeln ungewollt in zwei Teile. Es geschah, was nie hätte passieren dürfen!
„Oh nein! Warum, Gott?“, sagte sie und bemerkte, wie sich ein kalter, todesbringender Schweiß ausbreitete. Sie ahnte, dass das Schicksal nun ihren Lauf nehmen würde. Auch Mira griff sich im Schlaf auf ihre Brust, das Stechen und Brennen in der Herzgegend schmerzte, aber sie wachte nicht auf. Die Eltern wurden gezwungen, zu einem anderen Krankenhaus zu fahren, das zwanzig Kilometer weit von dort entfernt war. Amar eilte, so schnell er nur mit seinem Motorrad konnte. Der Herzschlag von Suri beruhigte sich langsam. Diesmal würde es sie erwischen! Wusste sie und schenkte mit letzter Kraft ihre Gedanken nur ihrer Tochter. Aufrechtes Sitzen war kaum möglich, auch das Festhalten an Amars Körper ging nicht mehr. So war er gezwungen anzuhalten. Panisch rief er um Hilfe, aber niemand hörte ihn. Es gab keine Menschenseele weit und breit.
Suri lag blutend am Boden, öffnete ihre Augen nicht mehr, bewegungslos hielt sie nur die kaputte Halskette fest in der Hand. Amar sah verzweifelt zu, er wusste, dass sie in seiner Anwesenheit unausweichlich das Leben verlieren würde, 4 Kilometer vom Krankenhaus entfernt. Voller Panik ließ er sie am Boden liegen und fuhr schnellstens alleine weg, um Hilfe zu holen. Als er jedoch mit dieser wieder zurückkam, lag Suri nicht mehr dort. Nur eine riesengroße Blutlache und ein paar Murmeln aus ihrer zerrissenen Halskette blieben als Andenken an die letzten Lebensminuten seiner Frau zurück. Völlig außer sich und nichtsahnend vom Geschehen fuhr er zusammen mit der Rettungsmannschaft wieder ins Krankenhaus. „Haben Sie meine Frau gefunden? Sie ist hochschwanger!“ Er kam wieder zu sich.
„Lebt sie noch?“, schrie er in den Gängen des Krankenhauses und hielt sich mit beiden Händen am Kopf, als würde er ihn jede Sekunde auch noch verlieren.
„Es tut mir leid! Zu uns wurde eine hochschwangere, bereits tote Frau gebracht! Wie heißen Sie und wie ist der Name ihrer Frau?“, fragte der Arzt. Diese Worte waren aber für Amar zu viel. Erneut vollkommen geistesabwesend und ohne auf Wiedersehen zu sagen, verschwand er in einer Staubwolke und unzählige Murmeln flogen durch die Luft.
An das schmerzhafte Ende des Traumes und das Aufwachen erinnerte sich Mira nicht gern. Aber leider war dies ein Teil ihres Lebens.
Ihr Vater kam damals nicht sofort zurück. War tagelang weg. Ihre Großmutter sprach in der Zeit immer öfter mit dem Himmel, vermutete, dass ihre Tochter sich bereits dort aufhielt. Zu Fuß war Amar unterwegs. Hatte kein Ziel vor den Augen. Verlor sein Zeitgefühl. Erst vier Tage später kam er nach Hause. Das Motorrad fehlte. Völlig ausgehungert und ohne Erklärungen. Er sprach mit niemandem, wollte kein Wort hören. Miras Großmutter verstand es und ihre schwärzesten Gedanken bestätigten sich. Ihre Tochter war tot.
Mira war 5 Jahre alt und wünschte sich ein Geschwisterchen. Es war ihr größter Wunsch. Der Gedanken, mit einer kleinen Schwester zu spielen, fühlte sich sehr schön an. Sie freute sich aber auch auf einen Bruder, der sie in der bereits damals empfundenen, mädchenfeindlichen Welt beschützen würde. So einen, der sich wie ein kleiner Soldat in Gefahr auf ihre Seite stellen würde. Ihr Vater kam aber ohne ein Baby zurück, genauso wie ohne ihre geliebte Mutter.
Mira blieb ein Einzelkind. Ihre Familie veränderte sich. Die Wärme verschwand. Die täglichen Wege mit ihrer Mutter gab es nicht mehr. Und das Wasserholen und Waschen übernahm ihre Großmutter. Mira wuchs ohne das wunderschöne Lächeln ihrer Mutter auf.
Oft wurde sie seit dem aus dem Schlaf gerissen, weil sie sich in ihren Träumen vor einer geheimnisvollen Türe wiederfand und Angst verspürte beim Gedanken, diese zu berühren. Dahinter rief eine verlockende Stimme sie herein und obwohl sie ihre flauschigen Patschen vermisste, welche sie dort vermutete, blieb sie lieber immer auf ihrem steinigen Weg, ohne die Türe zu öffnen.
Die Steine stachen sie zwar in die Füße, aber diese Stiche kannte sie schon! Sie rettete sich jedes Mal vor dem Unbekannten, indem sie im richtigen Zeitpunkt aufwachte. Sie stellte sich nicht die Frage, warum solche Träume sie über Jahre aufsuchten. Denn sie wusste schon längst, dass ihre Verlustängste für die Türen verantwortlich waren.
Mira lernte, trotz ihrer Angst mit ihrer neuen Situation umzugehen. Schon in dem Alter bemerkte sie, dass sie anders in ihrer Umgebung wahrgenommen wird. Nicht nur, weil sie ein Mädchen war, sondern auch, da sie sonst niemanden hatte, der sie beschützen würde. Ihr Vater stand jetzt selbst nicht mehr an ihrer Seite. Oder zeigte es nie, dass er das doch täte. Gleichzeitig dominierte er sie, so wie es sich für ein richtiges Familienoberhaupt gehörte. Und als sie älter wurde, änderte es sich nicht. Mira und andere Mädchen aus dem Dorf lernten von Beginn an, anders als Jungen zu leben.
Die Geburt eines Sohnes wurde tagelang gefeiert und dessen Mutter fühlte sich mächtig und vor allem erleichtert, da sie ihre Aufgabe bravourös gemeistert hatte. Wenn aber ein Mädchen geboren wurde, betrachtete man es nicht auf die gleiche Weise. Denn diese Mutter brachte „ein Problem“ auf die Welt. Wurde es aus irgendeinem Grund nicht von der Bildfläche gelöscht, schlug es einen anderen Weg des Lebens ein, als es bei den Jungs der Fall war. Mira verließ nie ohne Erlaubnis die Hütte, spielte nicht mit den Dorfkindern. Die einzige Freizeitbeschäftigung war, sich bereits im frühen Kindesalter um alle Familienmitglieder und den Haushalt zu kümmern. Außerdem arbeitete sie hart mit ihrer Großmutter an den Müllhalden. Suchte nach verwertbaren Gegenständen und verkaufte diese. Jeden Tag stundenlang. Bis sie völlig erschöpft spät am Abend in ihrem Eckchen einschlief. Ihr Körper, ihre Hände, all das, was man an ihr sah, gehörte ihr nicht. Nur ihr Geist war ihr Eigentum.
Von harter Arbeit und solchen Verpflichtungen haben die meisten Jungen in dem Alter wenig Ahnung gehabt. Dafür aber jedes Mädchen. Bei Geschwisterkindern war es in ihrer Gegend, wo sie lebte, üblich, dass der Sohn die Fleischportion bekam und nicht die Tochter. Der dümmste Junge durfte eine ordentliche Schule besuchen und das klügste Mädchen kaum. Stattdessen musste es sich zufrieden stellen, ja sogar glücklich schätzen, wenn es ihm gestattet wurde, Bruders Unterwäsche zu waschen.
Am meisten jedoch verletzte Mira, dass die Jungs Antworten bekamen und sie nicht! Dabei hätte sie unzählige Fragen im Ärmel, weil sie hungrig nach Wissen und sehr aufmerksam war! Mira kümmerte sich gerne um den Haushalt und brauchte keine Fleischportion. Es störte sie auch nicht, wenn sie einmal in der Woche Vaters zerfetzte Unterhose wusch. Sie war es jedoch nicht wert, eine Antwort auf ihre gestellten Fragen zu erhalten, und das schmerzte sehr!
Das mit den Antworten hörte unmittelbar nach dem Tod ihrer Mutter auf. Die allerletzte Frage: „Wo ist meine Mama?“, stellte sie mit 5 Jahren, an jenem Tag, an dem Suri vom Krankenhaus nicht zurückgekommen war.
Es folgten Jahre voller nicht gestellter Fragen, zumindest nach außen! Im tiefen Inneren wimmelte es jedoch nur von Fragezeichen, Rufzeichen und endlosen Punkten. Wenn es etwas zu besprechen gab, redete nur Amar, ein Mann, ein Vater, ein Familienoberhaupt. Mira und ihre Großmutter hörten nur zu, befolgten gehorsam, verhielten sich leise und stellten nichts in Frage. Sie durften nicht.
Dass sie auch ihren eigenen Kopf hat, zeigte Mira nie. Und sie fütterte ihn mit Wissen, lautlos und so oft es ging. Nicht nur das, was sie zu hören bekam, sondern auch das, was sie sah, gab ihr die richtigen Antworten, ohne sie je gehört zu haben. Das Wissen, die Beobachtungen der menschlichen Körpersprache und das, was die Augen verrieten, erweiterten ihren geheimen Horizont.
Die einzige beschützende Schulter zum Anlehnen gehörte ihrer Großmutter. Einer alten und verwitweten Frau, welche keine Rechte besaß und selbst schutzlos war. Die Oma betete jeden Tag dafür, dass nichts passieren würde. Hatte Angst vor Amar und der Zukunft.
Es war schon so lange her, dass sie zu ihrer eigenen Familie den Faden verloren hatte. Zu ihren Eltern und ihrem geliebten Bruder. Sie lebten am anderen Ende von Indien. In sehr jungen Jahren zwang man sie zur Heirat. Sie wurde kurz darauf schwanger und ihr Mann ließ sie trotz dicken Bauches Schwerstarbeit verrichten. Dabei verletzte sie sich eines Tages fatal, sodass sie ihr Ungeborenes verlor. Ihr Mann hasste sie dafür. Er wollte sie nicht mehr haben. Nachdem sie in seinen Augen schuld war. Er ließ die Heirat sofort annullieren. Gleich am nächsten Tag brachte er sie in den tiefen Wald hinein. Dort hatte er sie ganz selbstverständlich an einen alten Baum gefesselt und wie es sich für eine schlechte Frau gehörte, sollte der gerechte Wald mit all seinen Wildtieren über ihr Schicksal entscheiden. Er schloss an Ort und Stelle einen Pakt mit der wilden Natur und war für immer fort. Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass sich diese barmherzig zeigte. Sie wurde wie durch ein Wunder gefunden und noch rechtzeitig gerettet. Floh nach ihrer Rettung unbegleitet von dort weg, ließ sich am anderen Ende des Landes als Müllsammlerin nieder. Einige Jahre später bekam sie ihre zweite Chance. Obwohl sie schon älter war, heiratete sie erneut, einen Mann, den sie nicht liebte, aber nur so war das Überleben auf die Dauer möglich. Er war ein Mann in besten Jahren, wollte unbedingt eine Frau haben, welche sich um seine alt gewordenen Eltern kümmern würde. Sie bekam eine gesunde Tochter, Suri. Die Oma behielt ihren Familiennamen und bestand auch bei ihrer Tochter darauf. Suri hatte als eine junge Frau mehr Glück gehabt. Sie durfte die Schule besuchen und sie liebte ihren Mann Amar. Nachdem Großmutters zweiter Mann verstarb, wollte man sie aus dem Dorf, in dem sie damals lebte, verbannen. Die Nachbarn erfuhren, dass es bei ihr bereits die zweite Ehe war und sie es niemandem erzählt hatte. Es drohte ihr der Witwentod. Sie verließ schnellstens ihren Lebensort und flüchtete erneut, diesmal zu ihrer Tochter Suri und ihrem Mann Amar. Man fand sie bis jetzt zum Glück nicht, obwohl auch Suris Familienname Sharma lautete. Aber seit Suris Tod fürchtete sie sich wieder mehr. Amar tolerierte sie, denn er brauchte jemanden für die harte Arbeit an den Müllhalden und zu Hause. Das war ihr Glück. So hatte sie Geld verdient und hatte Mira im Blick behalten. Ihr erzählte sie sehr oft von ihrem Bruder und sie verstand Mira, dass sie sich so einen auch wünschte. Denn es waren damals die schönsten Jahre ihres Lebens, die sie mit ihm verbrachte.
Amar hatte seiner Tochter keine Kindheit geschenkt. Hatte sie, selbst bei kleinsten Entscheidungen, nie miteinbezogen und lebte mit ihr, als wäre sie unsichtbar.
Dennoch mochte sie ihn. Weil er ihr das ermöglichte, was für sie sehr wichtig war. Obwohl eine erwachsene Person fehlte, und die Armut den tiefsten Punkt erreicht hatte, erlaubte er ihr eines Tages, die Schule zu besuchen. Täglich nahm sie den langen und gefährlichen Marsch in Kauf, nur um auf den ungemütlichen Schulbänken oder dem Boden vor der Tafel sitzen zu dürfen. Sie war Amar dafür sehr dankbar, schließlich kannte sie so viele andere Mädchen und auch Jungs, die diese Möglichkeit nicht hatten. Dort hoffte sie, man würde all ihre Fragen beantworten können. Sie saugte alles auf, was sie lernte. Wie ein Schwamm, dessen Saugkraft unendlich schien.
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„www“, diese drei Buchstaben sind in ihrem Leben seit langer Zeit das Wichtigste. Schon das Einschalten des Schulcomputers, das Eintippen der Wörter und die Klickgeräusche der Computermaus versetzen die 14-jährige Mira, ein indisches Mädchen, in eine andere, bessere Welt. In fast jeder Schulpause ist sie bis jetzt dort, im einzigen Computerraum der Schule. Das Nutzen des Computers gibt ihr Kraft. Sie fühlt sich sicher und tankt ihre Energie auf. Selbst nach dem Unterricht würde sie am liebsten nur dort ihre Zeit verbringen, gäbe es ihre Verpflichtungen nicht. Welche Macht solch kleiner Raum besaß!
Sobald sie jedoch hinausmuss, ändert sich gleich ihre Stimmung und die fröhliche Mimik verschwindet, da die Realität sie wieder auf den harten Boden der Wahrheit zurückholt. Schon während sie dem mächtigen Raum der Freiheit hinter sich den Rücken zeigt, spürt sie die vorbeiziehenden, stechenden Blicke. „Du bist nichts wert!“ Das signalisieren sie, ohne ein Wort zu sagen. Sie verletzen sie, bringen abwechselnd traurige und wütende Gefühle mit sich. Mit denen sie aber seit je leben musste. Und das passiert, weil sich unter ihrem Sari-Kleid ein weiblicher Körper verbarg! Wenn die Welt sie nur anders sehen würde! So wie bei den Jungs. Dann warum denn nicht bei ihr? Fragte sie sich nahezu jeden Tag.
Langes, dichtes Haar hatte dieses Mädchen. Straffe Figur, verursacht durch die schwere, täglich zu verrichtende Arbeit. Diese harmonisierte mit ihrer geheimnisvollen Ausstrahlung, welche sie bei jedem ihrer Schritte verstreute. Äußerst anpassungsfähig und dennoch zielstrebig. Das alles war die junge Frau namens Mira Sharma. Aber das Außergewöhnlichste an ihr waren ihre Augen! Eines in Pechschwarz und das andere in einem nahezu außerirdischen Smaragdgrün!
Leider, oder zum Glück, je nachdem, wie man es betrachten würde, verlief ihr Leben nicht immer so traurig. Vor einigen Jahren behütet in einer funktionierenden Familie, deren Name übrigens „Freude“ bedeutet, wurde sie geliebt und fühlte sich geborgen, da sie nicht wie jetzt barfuß auf dem steinigen und dreckigen Boden ihre Schritte setzte, sondern in flauschigen Patschen die damals noch anders aussehende Welt erkundete.
Oft dachte sie an diese Zeit, genauso wie gerade jetzt, am Heimweg nach der Schule. Damals war sie 4 Jahre alt und lebte zusammen mit ihren Eltern und ihrer geliebten Großmutter in einer Hütte am Rande eines indischen Dorfes, unweit pakistanischer Grenze. Es gab zwar drei arbeitende Erwachsene in der Familie und nur sie als einziges Kind zu versorgen, trotzdem gehörten sie zu den Ärmsten des Landes.
Mira hatte in der Kindheit keine Spielsachen, aber sie spielte sehr gerne und war glücklich! Aus den Brotresten formte sie mit ihren winzigen Händen kleine Kugeln. Nach dem Trocknen waren es steinharte, perfekte Murmeln, mit denen sie viel anstellen konnte. Mit welcher Begeisterung beobachtete sie, wie eine Murmel auf die nächste traf. Wie das passierte, was dies bewirkte, warum beim Aufprall die eine zerbrach und die andere unversehrt blieb. Es waren Gefühle der Freude und wenn ihre Mutter Suri sie dabei mit ihrem Lächeln beschenkte, dann waren es die glücklichsten Momente, die sie haben durfte. Suri nahm sich die Zeit und sah ihr gerne zu, vor allem beim Spielen am späten Nachmittag. Da kamen Miras Augen besonders zur Geltung. Mira lag am Boden, überlegte mit vorbereiteter Hand, in welche Richtung und was für einer Geschwindigkeit sie ihre Murmeln befördern sollte. Das fast abendliche Sonnenlicht berührte nicht nur ihr glänzendes Haar, sondern stach regelmäßig in das smaragdgrüne Auge von ihr. Erzeugte so ein reflektierendes, magisches Licht. Wie eine geheimnisvolle, einäugige Raubkatze sah sie aus. Und Suri war begeistert, nicht nur des Aussehens wegen, sondern auch wie sie spielte und welche Faszination sie dabei empfand.
Am Heimweg versuchte Mira, sich mit voller Kraft an ihre Mutter zu erinnern. Das tat sie immer wieder. Es war schon so lange her! Dachte sie sich wieder mal und schüttelte mit dem Kopf dabei. Aber trotzdem schmerzte es noch! Sie konnte sich einfach nicht wirklich erinnern, wie ihr Gesicht genau ausgesehen hatte, weil sie sie seit 10 Jahren nicht mehr gesehen hatte! Wie konnte sie es nur aus dem Gedächtnis verlieren? Oft fühlte sie sich deswegen schuldig. Aber selbst die größte Anstrengung brachte die Bilder von Suris Augen, ihrer Nase, ihrer Wangen und ihres Mundes nicht mehr zurück.
Dennoch wusste sie ohne Zweifel, dass Suri eine wunderschöne junge Frau mit besonderem Charme war. Trotz der tiefen Armut immer gepflegt, mit auffallendem, strahlend weißem Lächeln. Wenn man mit ihr sprach, rutschten die Blicke des Gesprächspartners ganz automatisch auf ihre makellosen, perfekt gereihten Zähne. Täglich holten sie zusammen das Wasser aus dem Brunnen. Und als sie nach Hause kamen, hatte Suri nicht nur sie, sondern auch sich selbst vor ihren Augen von Kopf bis Fuß gewaschen. Was für ein hübscher Körper! Dachte sich Mira schon damals, beim Anblick ihrer nackten Mutter. Suri hatte einen runden Busen, dunklere Haut und eine dezent kurvige Figur. Ihr schulterlanges, dichtes, schwarzes Haar glitzerte nach dem Waschen, sobald nur ein Hauch von Licht sich darin widerspiegelte, weil sie eine spezielle Haarpaste verwendete. Und der Duft! Nase hochziehend roch Mira auch noch so viele Jahre danach den Seifengeruch, bis an der Kreuzung sie plötzlich ein lautes Hupgeräusch aus ihrer Erinnerung herausriss.
„Na komm, du hübsches Ding, steig ein! Kannst du blasen?“, sagte ein widerlich ekelhafter Mann in Soldatenuniform und schlug dabei mit seiner Hand auf die Außentür seines Wagens, in dem er saß. Schon war Mira zurück in voller Gegenwart. Stets an der indisch-pakistanischen Grenze, wo es nur so von Soldaten wimmelte, welche außerhalb der Kasernen nur nach dem Einem suchten – Sex.
Der Heimweg war noch lang. Obwohl sie solche Situationen bis jetzt sehr oft erlebt hatte, gewöhnen daran könnte sie sich nie. Vor allem, weil sie dabei an ihre Mutter Suri denken musste.
„Mama, was ist los? Du siehst traurig aus?“, fragte sie sie damals, als sie sich wieder in der beschützenden Vergangenheit befand. Suri schenkte ihr ein kurzes Lächeln. Solches, das jeder von uns kennt und nach welchem man mit keiner Antwort mehr rechnet. Nach wenigen Sekunden der Stille sagte sie dennoch zu ihr, oder eher in den Raum hinein: „Schon wieder hat es eine Frau erwischt!“ Mira verstand es nicht, traute sich aber nicht nachzufragen.
„Du musst klug sein, viel mehr als alle anderen um dich herum!“, sagte sie ihr mit einem dermaßen strengen Blick und hielt sie fest mit einer Hand am Kinn, bis es schmerzte und Furcht erzeugte. Unvorstellbar wichtig schien es ihrer Mutter zu sein und sie vergaß ihre Worte tatsächlich bis heute nicht. Außer dieser sehr ernsten Situation erlebte Mira ihre Mutter als eine glückliche Frau. Bei der täglichen Körperpflege bemerkte sie ihren wachsenden Bauch. Sie erwartete ein zweites Kind. Suri freute sich auf ihr Baby und spielte gerne mit ihr und ihren Murmeln.
Als es Zeit war, Miras Geschwisterchen auf die Welt zu bringen, sagte Suri schnaufend, die Wehen würden sich ungewöhnlich stark anfühlen, anders als bei Miras Geburt. Sie lag auf der Matratze und hielt sich beschützend den Bauch. Kalter Schweiß glänzte auf der Haut und ihr Hecheln übertönte die Aufprallgeräusche Miras Murmeln. Suri fürchtete sich, sie ahnte, dass irgendetwas nicht stimmen würde. Nachts hatte sie einen komischen Traum gehabt.
„Sieh mal!“, sagte Mira zu ihr, als sie bemerkte, wie ängstlich ihre Mutter aussah.
„Das wird dir Glück bringen!“, flüsterte sie ihr mit ihrer kindlichen Stimme ins Ohr und schenkte ihr eine Halskette aus Murmeln, welche sie selbst gebastelt hatte. Suri war überwältigt, weinte vor Freude, genau das hatte sie gebraucht, ein Zeichen von da oben! Sie sah in den Himmel hinauf. Sie küsste sie auf die Stirn und bereitete sich zusammen mit Miras Vater Amar auf den Weg ins nahegelegene Krankenhaus vor.
„Du bist etwas ganz Besonderes!“ Mit solchen Worten und einem tiefen Blick verabschiedete sich Suri von ihrer Tochter und setzte sich mit letzter Kraft auf Amars Motorrad.
Die Großmutter blieb mit Mira zu Hause und ihr Gesicht gefror förmlich, die große Blutlache auf der Matratze, auf der Suri zuvor lag, erschreckte sie. Das kleine Mädchen stand noch draußen vor der Hütte und war nicht fähig, sich zu bewegen. Ihre Augen verfolgten die Fahrt der Eltern starr, wie zwei unbewegliche Scheinwerfer. Leider sah sie sie durch die aufgewirbelte Erde kaum. Als wären ihre Eltern von einer dunklen und unheimlichen Erdenwolke verschluckt, sah es aus. Seltsam hatte es sich angefühlt, es war nicht nur die Angst, sondern ein beklemmendes Gefühl, welches sie bis zu dem Zeitpunkt noch nie erlebt hatte.
Mira fürchtete sich, war völlig durcheinander. Eigentlich müsste sie sich doch freuen, oder? Schließlich würde sie ein Geschwisterchen bekommen. Aber warum hat sich das anders angefühlt?
Die Erdenwolke war wieder auf dem lautlosen und durch die harten Schicksale der Menschen gepressten Boden angekommen, dennoch blieb sie vor der Hütte sitzen und wartete auf eine glückliche Erlösung. Welche jedoch nicht kam, sondern stattdessen der übliche Monsunregen, der sich aber in einer Stärke zeigte, die sie schon sehr lange nicht erlebt hatte. Sie war völlig durchnässt, als ihre Großmutter sie dann hineinbrachte und auf ihre Matratze legte.
Mira träumte in jener Nacht intensiv. Bis zum heutigen Tag, zehn Jahre später, erinnerte sie sich an jedes Detail dieses Traumes. Sie sah darin ihre Mutter, welche ausgesehen hatte, als hätte sie die gleichen Gefühle wie sie gehabt, eine unbeschreiblich beklemmende, noch nie da gewesene Angst. Suris Herz klopfte rasend schnell, nachdem sie erfuhr, dass das Krankenhaus einen Stromausfall hätte und keine Patienten aufnehmen könne. Sie hütete die Halskette von ihr in der Hand, aber voller Panik zerdrückte sie eine der Murmeln ungewollt in zwei Teile. Es geschah, was nie hätte passieren dürfen!
„Oh nein! Warum, Gott?“, sagte sie und bemerkte, wie sich ein kalter, todesbringender Schweiß ausbreitete. Sie ahnte, dass das Schicksal nun ihren Lauf nehmen würde. Auch Mira griff sich im Schlaf auf ihre Brust, das Stechen und Brennen in der Herzgegend schmerzte, aber sie wachte nicht auf. Die Eltern wurden gezwungen, zu einem anderen Krankenhaus zu fahren, das zwanzig Kilometer weit von dort entfernt war. Amar eilte, so schnell er nur mit seinem Motorrad konnte. Der Herzschlag von Suri beruhigte sich langsam. Diesmal würde es sie erwischen! Wusste sie und schenkte mit letzter Kraft ihre Gedanken nur ihrer Tochter. Aufrechtes Sitzen war kaum möglich, auch das Festhalten an Amars Körper ging nicht mehr. So war er gezwungen anzuhalten. Panisch rief er um Hilfe, aber niemand hörte ihn. Es gab keine Menschenseele weit und breit.
Suri lag blutend am Boden, öffnete ihre Augen nicht mehr, bewegungslos hielt sie nur die kaputte Halskette fest in der Hand. Amar sah verzweifelt zu, er wusste, dass sie in seiner Anwesenheit unausweichlich das Leben verlieren würde, 4 Kilometer vom Krankenhaus entfernt. Voller Panik ließ er sie am Boden liegen und fuhr schnellstens alleine weg, um Hilfe zu holen. Als er jedoch mit dieser wieder zurückkam, lag Suri nicht mehr dort. Nur eine riesengroße Blutlache und ein paar Murmeln aus ihrer zerrissenen Halskette blieben als Andenken an die letzten Lebensminuten seiner Frau zurück. Völlig außer sich und nichtsahnend vom Geschehen fuhr er zusammen mit der Rettungsmannschaft wieder ins Krankenhaus. „Haben Sie meine Frau gefunden? Sie ist hochschwanger!“ Er kam wieder zu sich.
„Lebt sie noch?“, schrie er in den Gängen des Krankenhauses und hielt sich mit beiden Händen am Kopf, als würde er ihn jede Sekunde auch noch verlieren.
„Es tut mir leid! Zu uns wurde eine hochschwangere, bereits tote Frau gebracht! Wie heißen Sie und wie ist der Name ihrer Frau?“, fragte der Arzt. Diese Worte waren aber für Amar zu viel. Erneut vollkommen geistesabwesend und ohne auf Wiedersehen zu sagen, verschwand er in einer Staubwolke und unzählige Murmeln flogen durch die Luft.
An das schmerzhafte Ende des Traumes und das Aufwachen erinnerte sich Mira nicht gern. Aber leider war dies ein Teil ihres Lebens.
Ihr Vater kam damals nicht sofort zurück. War tagelang weg. Ihre Großmutter sprach in der Zeit immer öfter mit dem Himmel, vermutete, dass ihre Tochter sich bereits dort aufhielt. Zu Fuß war Amar unterwegs. Hatte kein Ziel vor den Augen. Verlor sein Zeitgefühl. Erst vier Tage später kam er nach Hause. Das Motorrad fehlte. Völlig ausgehungert und ohne Erklärungen. Er sprach mit niemandem, wollte kein Wort hören. Miras Großmutter verstand es und ihre schwärzesten Gedanken bestätigten sich. Ihre Tochter war tot.
Mira war 5 Jahre alt und wünschte sich ein Geschwisterchen. Es war ihr größter Wunsch. Der Gedanken, mit einer kleinen Schwester zu spielen, fühlte sich sehr schön an. Sie freute sich aber auch auf einen Bruder, der sie in der bereits damals empfundenen, mädchenfeindlichen Welt beschützen würde. So einen, der sich wie ein kleiner Soldat in Gefahr auf ihre Seite stellen würde. Ihr Vater kam aber ohne ein Baby zurück, genauso wie ohne ihre geliebte Mutter.
Mira blieb ein Einzelkind. Ihre Familie veränderte sich. Die Wärme verschwand. Die täglichen Wege mit ihrer Mutter gab es nicht mehr. Und das Wasserholen und Waschen übernahm ihre Großmutter. Mira wuchs ohne das wunderschöne Lächeln ihrer Mutter auf.
Oft wurde sie seit dem aus dem Schlaf gerissen, weil sie sich in ihren Träumen vor einer geheimnisvollen Türe wiederfand und Angst verspürte beim Gedanken, diese zu berühren. Dahinter rief eine verlockende Stimme sie herein und obwohl sie ihre flauschigen Patschen vermisste, welche sie dort vermutete, blieb sie lieber immer auf ihrem steinigen Weg, ohne die Türe zu öffnen.
Die Steine stachen sie zwar in die Füße, aber diese Stiche kannte sie schon! Sie rettete sich jedes Mal vor dem Unbekannten, indem sie im richtigen Zeitpunkt aufwachte. Sie stellte sich nicht die Frage, warum solche Träume sie über Jahre aufsuchten. Denn sie wusste schon längst, dass ihre Verlustängste für die Türen verantwortlich waren.
Mira lernte, trotz ihrer Angst mit ihrer neuen Situation umzugehen. Schon in dem Alter bemerkte sie, dass sie anders in ihrer Umgebung wahrgenommen wird. Nicht nur, weil sie ein Mädchen war, sondern auch, da sie sonst niemanden hatte, der sie beschützen würde. Ihr Vater stand jetzt selbst nicht mehr an ihrer Seite. Oder zeigte es nie, dass er das doch täte. Gleichzeitig dominierte er sie, so wie es sich für ein richtiges Familienoberhaupt gehörte. Und als sie älter wurde, änderte es sich nicht. Mira und andere Mädchen aus dem Dorf lernten von Beginn an, anders als Jungen zu leben.
Die Geburt eines Sohnes wurde tagelang gefeiert und dessen Mutter fühlte sich mächtig und vor allem erleichtert, da sie ihre Aufgabe bravourös gemeistert hatte. Wenn aber ein Mädchen geboren wurde, betrachtete man es nicht auf die gleiche Weise. Denn diese Mutter brachte „ein Problem“ auf die Welt. Wurde es aus irgendeinem Grund nicht von der Bildfläche gelöscht, schlug es einen anderen Weg des Lebens ein, als es bei den Jungs der Fall war. Mira verließ nie ohne Erlaubnis die Hütte, spielte nicht mit den Dorfkindern. Die einzige Freizeitbeschäftigung war, sich bereits im frühen Kindesalter um alle Familienmitglieder und den Haushalt zu kümmern. Außerdem arbeitete sie hart mit ihrer Großmutter an den Müllhalden. Suchte nach verwertbaren Gegenständen und verkaufte diese. Jeden Tag stundenlang. Bis sie völlig erschöpft spät am Abend in ihrem Eckchen einschlief. Ihr Körper, ihre Hände, all das, was man an ihr sah, gehörte ihr nicht. Nur ihr Geist war ihr Eigentum.
Von harter Arbeit und solchen Verpflichtungen haben die meisten Jungen in dem Alter wenig Ahnung gehabt. Dafür aber jedes Mädchen. Bei Geschwisterkindern war es in ihrer Gegend, wo sie lebte, üblich, dass der Sohn die Fleischportion bekam und nicht die Tochter. Der dümmste Junge durfte eine ordentliche Schule besuchen und das klügste Mädchen kaum. Stattdessen musste es sich zufrieden stellen, ja sogar glücklich schätzen, wenn es ihm gestattet wurde, Bruders Unterwäsche zu waschen.
Am meisten jedoch verletzte Mira, dass die Jungs Antworten bekamen und sie nicht! Dabei hätte sie unzählige Fragen im Ärmel, weil sie hungrig nach Wissen und sehr aufmerksam war! Mira kümmerte sich gerne um den Haushalt und brauchte keine Fleischportion. Es störte sie auch nicht, wenn sie einmal in der Woche Vaters zerfetzte Unterhose wusch. Sie war es jedoch nicht wert, eine Antwort auf ihre gestellten Fragen zu erhalten, und das schmerzte sehr!
Das mit den Antworten hörte unmittelbar nach dem Tod ihrer Mutter auf. Die allerletzte Frage: „Wo ist meine Mama?“, stellte sie mit 5 Jahren, an jenem Tag, an dem Suri vom Krankenhaus nicht zurückgekommen war.
Es folgten Jahre voller nicht gestellter Fragen, zumindest nach außen! Im tiefen Inneren wimmelte es jedoch nur von Fragezeichen, Rufzeichen und endlosen Punkten. Wenn es etwas zu besprechen gab, redete nur Amar, ein Mann, ein Vater, ein Familienoberhaupt. Mira und ihre Großmutter hörten nur zu, befolgten gehorsam, verhielten sich leise und stellten nichts in Frage. Sie durften nicht.
Dass sie auch ihren eigenen Kopf hat, zeigte Mira nie. Und sie fütterte ihn mit Wissen, lautlos und so oft es ging. Nicht nur das, was sie zu hören bekam, sondern auch das, was sie sah, gab ihr die richtigen Antworten, ohne sie je gehört zu haben. Das Wissen, die Beobachtungen der menschlichen Körpersprache und das, was die Augen verrieten, erweiterten ihren geheimen Horizont.
Die einzige beschützende Schulter zum Anlehnen gehörte ihrer Großmutter. Einer alten und verwitweten Frau, welche keine Rechte besaß und selbst schutzlos war. Die Oma betete jeden Tag dafür, dass nichts passieren würde. Hatte Angst vor Amar und der Zukunft.
Es war schon so lange her, dass sie zu ihrer eigenen Familie den Faden verloren hatte. Zu ihren Eltern und ihrem geliebten Bruder. Sie lebten am anderen Ende von Indien. In sehr jungen Jahren zwang man sie zur Heirat. Sie wurde kurz darauf schwanger und ihr Mann ließ sie trotz dicken Bauches Schwerstarbeit verrichten. Dabei verletzte sie sich eines Tages fatal, sodass sie ihr Ungeborenes verlor. Ihr Mann hasste sie dafür. Er wollte sie nicht mehr haben. Nachdem sie in seinen Augen schuld war. Er ließ die Heirat sofort annullieren. Gleich am nächsten Tag brachte er sie in den tiefen Wald hinein. Dort hatte er sie ganz selbstverständlich an einen alten Baum gefesselt und wie es sich für eine schlechte Frau gehörte, sollte der gerechte Wald mit all seinen Wildtieren über ihr Schicksal entscheiden. Er schloss an Ort und Stelle einen Pakt mit der wilden Natur und war für immer fort. Womit er nicht gerechnet hatte, war, dass sich diese barmherzig zeigte. Sie wurde wie durch ein Wunder gefunden und noch rechtzeitig gerettet. Floh nach ihrer Rettung unbegleitet von dort weg, ließ sich am anderen Ende des Landes als Müllsammlerin nieder. Einige Jahre später bekam sie ihre zweite Chance. Obwohl sie schon älter war, heiratete sie erneut, einen Mann, den sie nicht liebte, aber nur so war das Überleben auf die Dauer möglich. Er war ein Mann in besten Jahren, wollte unbedingt eine Frau haben, welche sich um seine alt gewordenen Eltern kümmern würde. Sie bekam eine gesunde Tochter, Suri. Die Oma behielt ihren Familiennamen und bestand auch bei ihrer Tochter darauf. Suri hatte als eine junge Frau mehr Glück gehabt. Sie durfte die Schule besuchen und sie liebte ihren Mann Amar. Nachdem Großmutters zweiter Mann verstarb, wollte man sie aus dem Dorf, in dem sie damals lebte, verbannen. Die Nachbarn erfuhren, dass es bei ihr bereits die zweite Ehe war und sie es niemandem erzählt hatte. Es drohte ihr der Witwentod. Sie verließ schnellstens ihren Lebensort und flüchtete erneut, diesmal zu ihrer Tochter Suri und ihrem Mann Amar. Man fand sie bis jetzt zum Glück nicht, obwohl auch Suris Familienname Sharma lautete. Aber seit Suris Tod fürchtete sie sich wieder mehr. Amar tolerierte sie, denn er brauchte jemanden für die harte Arbeit an den Müllhalden und zu Hause. Das war ihr Glück. So hatte sie Geld verdient und hatte Mira im Blick behalten. Ihr erzählte sie sehr oft von ihrem Bruder und sie verstand Mira, dass sie sich so einen auch wünschte. Denn es waren damals die schönsten Jahre ihres Lebens, die sie mit ihm verbrachte.
Amar hatte seiner Tochter keine Kindheit geschenkt. Hatte sie, selbst bei kleinsten Entscheidungen, nie miteinbezogen und lebte mit ihr, als wäre sie unsichtbar.
Dennoch mochte sie ihn. Weil er ihr das ermöglichte, was für sie sehr wichtig war. Obwohl eine erwachsene Person fehlte, und die Armut den tiefsten Punkt erreicht hatte, erlaubte er ihr eines Tages, die Schule zu besuchen. Täglich nahm sie den langen und gefährlichen Marsch in Kauf, nur um auf den ungemütlichen Schulbänken oder dem Boden vor der Tafel sitzen zu dürfen. Sie war Amar dafür sehr dankbar, schließlich kannte sie so viele andere Mädchen und auch Jungs, die diese Möglichkeit nicht hatten. Dort hoffte sie, man würde all ihre Fragen beantworten können. Sie saugte alles auf, was sie lernte. Wie ein Schwamm, dessen Saugkraft unendlich schien.
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