Scherben im Schaumnestreich

Scherben im Schaumnestreich

G. K. Ruediger


EUR 27,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 752
ISBN: 978-3-95840-600-1
Erscheinungsdatum: 15.05.2018
Die Bindung zwischen der Mutter und ihrem Kind ist einzigartig. Für Gideon ist seine Mutter die wichtigste Frau im Leben, stets ist sie an seiner Seite. Und schließlich entwickeln sich Gefühle, die über eine reine Mutter-Sohn-Beziehung weit hinausgehen.
Auswege

„Willst Du Dich selbst erkennen, so sieh, wie die anderen es treiben. ?Willst Du die anderen verstehen, blick in dein eigenes Herz.“ ?(Friedrich Schiller: Tabulae votivae)


Diese Erkenntnis wünschte er den politisch Verantwortlichen seines Landes. Seines Vaterlandes. Denjenigen, welche das gesamte Desaster überhaupt erst ermöglicht hatten. Denjenigen, die uns Kriminelle, Ungebildete und Terroristen aus aller Herren Länder auf den Hals hetzten, welche sie salopp und die weniger politisch Interessierten verwirrend Gefährder zu nennen pflegten, sie mitten in die großen Städte verpflanzten und ihre für Mitteleuropäer inakzeptable Religion am Liebsten zur Staatsräson erklärt hätten, denjenigen, die in ihrem längst überholten Gutmenschentum nicht mehr erkannten, wo das gemeine Volk der Schuh drückte; diejenigen müssten eigentlich abgestraft, zur Rechenschaft gezogen werden. Doch sie lebten in ihrer ganz eigenen Welt, umstellt von Bodyguards und transportiert in gepanzerten Limousinen, wähnten sich über alles und jeden erhaben, wussten eben alles besser als der dumme und leicht zu steuernde Michel.
So war es schon zu Zeiten des Absolutismus, als die sogenannten Fürsten, Könige und Kaiser von Gottes Gnaden dem dummen Volk vorgaben, wie es zu leben hatte, was es glauben durfte, wann es gefälligst in selbstherrlich inszenierte Kriege marschieren und darin jämmerlich verrecken musste, wann es nach Missernten verhungern durfte. Immerhin beteten die damals noch für ihr Volk, wenn auch verlogen und mit gespaltener Zunge. Doch sie beteten noch. Heutzutage, das weiß er sicher, beten sie nicht mehr. Die Bundeskanzlerin ist als Pfarrerstochter in einer kalten, stalinistisch-leninistisch konditionierten Welt großgeworden, tief im Innern den sogenannten demokratischen Zentralismus verinnerlichend, den absoluten Glauben an den letztendlichen Sieg des Proletariates. Und dafür scheint schließlich jedes Mittel recht, der Zweck heiligte alles, selbst den Bruch von Versprechen, von Garantien und Gesetzen. Sie war es schließlich, die Kanzlerin höchstpersönlich, welche im Verstoß gegen geltende Gesetze zum Schutz des Vaterlandes, unter Missachtung desGrundgesetzes und vor allem unter dem Bruch ihres Amtseides diese Schwemme, diese ins Land schwappenden Flutwelle an Gefahr und Bedrohung erst ermöglichte und dann bagatellisierte. „Wir schaffen das“, war der damals gebräuchliche Slogan, dem viele, zu viele auf den Leim gingen.
Wem also sollte, konnte er da noch glauben? Die etablierten Parteien erschienen ihm nur noch als degenerierte, auf den persönlichen, vor allem materiellen Vorteil der Gewählten ausgerichtete, Wahlkampfgelder abstaubende Inkassounternehmen, suchten sich über die einfallsreichsten Werbeagenturen den Zeitgeist bis zum Wahlabend nutzbar zu machen, kommunizierten wie früher die Rosstäuscher auf den Marktplätzen, um möglichst viele Stimmen heil in ihren Stall zu holen. Der Kanzlerwahlverein schien da auch nicht anders, die Raute des Vertrauens längst zu einer Raute des Schreckens pervertiert, wie er auf einer der Plattformen schmunzelnd zur Kenntnis nehmen durfte.
PEGIDA marschierte unter den sich ständig wiederholenden Losungen durch die Straßen der Städte im Osten, ohne irgendetwas zu bewegen. Gebrüll hat noch nie etwas nachhaltig verändert, verbessert. Das bewies doch bereits der lauteste aller Brüllhälse zwischen 1933 und 1945. Darüber wusste er vieles, auch interessante Details aus den Tagebüchern seines Urgroßvaters.
Die AfD richtete sich längst auf den bloßen Mandatserwerb aus, seit sie in etliche Landesparlamente eingezogen war, seit der Schnatterstorch sie mit Mandaten geradezu überhäufte, vergaßen die Dämchen und Herrlichkeiten ihren eigentlichen Auftrag, stellten sich beinahe ebenso selbstverliebt in Talkshows oder Fernsehinterviews zur Schau wie der dicke Siegmar oder Dynamit-Uschi.
Während sich diese Besserwisser mit sich selbst, der eigenen Karriere, der Verdrängung eines schmerzhaften Bankrottes oder verdeckter Laster beschäftigten, boxte draußen auf den Straßen der Republik der Papst. Tagtäglich konnte er dem Netz sexuelle Übergriffe auf Frauen, Bedrohungen und Diebstähle an Passanten in den Einkaufsmeilen der Städte, Drogenhandel in aller Öffentlichkeit entnehmen. Von den furchtbaren, einer völlig kruden, totalitär-religiös motivierten Gesinnung entsprungenen Terroranschlägen ganz zu schweigen. Klar, waren die meisten Opfer einfach zu dämlich, quasi zu Opfern geboren, doch das änderte nichts an der für diese Gesellschaft beschämenden Tatsache, dass die Täter überhaupt nichts zu suchen hatten in diesem Land. Null.
Selbst wenn die ganz Dämlichen, die sich den Street-Rapp von Typen wie XXOO oder Kaimar wie eine Ersatzdroge reinzogen, dem sogenannten Sänger Samxelin, einem verurteilten Verbrecher, lauschten wie einem Heilsbringer, immer darauf hoffend, ihre eigene Street- Credibility aufzuwerten, änderte das nichts daran, dass sie, auch wenn sie zur Unterschicht gehörten – das durfte man ja heute auch nicht mehr sagen – nicht von diesem dahergelaufenen Pack einfach zu Opfern ihrer primitiven Gelüste auserkoren werden durften. Alle sahen weg. Und schwiegen.

Er gehörte nicht zu den Dumpfsinnigen, saß nicht der Propaganda gegen die sogenannte Lügenpresse auf. Die bürgerlich-liberal geprägten Printmedien, die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehsender ebenso wie die privaten benötigten einfach etwas mehr Zeit, bis sie über offensichtliche Veränderungen in der Gesellschaft berichteten. Dass sie dabei dem Einfluss von Politik und Wirtschaft unterstanden, gehörte zum Geschäft. Dennoch änderte sich, wie er wohl wahrnahm, seit denSilvester-Vorfällen von Köln zum Jahreswechsel 2015/16 Schritt für Schritt die Diktion, man konnte nicht länger über die von Schwarzafrikanern, Nordafrikanern und, keinesfalls zu vergessen, Albanern, Kosovaren und Mazedoniern verübten Straftaten hinwegsehen. Focus nline berichtete über die Zunahme von Straftaten der Zuwanderer um siebzigtausend, davon fielen zwei Drittel in die Bereiche Eigentumsdelikte oder Delikte gegen die körperliche Unversehrtheit.

Als gutwillige Deutsche hatten sich zu viele seiner Landsleute daran gewöhnt, dass in ihre Wohnungen eingebrochen wurde und in der Folge sie selbst für mehr Sicherheit rund um ihr Eigentum sorgen mussten. Sie hatten sich daran gewöhnt, dass in den Straßen der Städte Schwarzafrikaner, insbesondere die vorgeblich unseren Schutz suchenden Gambier, ganz offen ihren Drogendeals nachgingen, sogar in der Nähe der Schulen auftauchten, um bereits Elf- oder Zwölfjährigen ihr Dreckszeug anzubieten.
Die Polizei schien machtlos, resignierte zusehends, weil sie, kaum war einer der Dealer überführt, diesen keine vier Wochen später wieder auf der Piste fand. Irgendein liberaler Richter, irgendeine verständnisvolle Richterin ließ sich von der Schilderung seines Flüchtlingsschicksals dermaßen in Rührung versetzen, dass es bei einer Ermahnung mit dem erhobenen Zeigefinger oder einer zur Bewährung ausgesetzten kleinmonatigen Bewährungsstrafe blieb. Die solchermaßen Geadelten lachten sich halb tot, spotteten über diesen wehrlosen, den Verbrechern und Sozialschmarotzern willfährig Tür und Tor öffnenden angeblichen Rechtsstaat, der noch nicht einmal genügend Polizisten aufbieten konnte, um solche Massenattacken wie in Köln zu unterbinden.
Nachdem die ersten Vergewaltigungen an deutschen Frauen Eingang in die Berichterstattung fanden, die Kanzlerin spräche, so vermutete er, lieber von schon immer in Deutschland Lebenden, nach den schlimmen Vorfällen von Freiburg und Karlsruhe, den Ereignissen von Bochum und Dortmund, entstanden die ersten Bürgerwehren in den Stadtvierteln. So weit musste es kommen, auch wenn die politisch Zuständigen wie der nordrhein-westfälische Innenminister, der sich für nichts verantwortlich hielt, was sich in seinem Zuständigkeitsbereich ereignete, diesen Bürgern jedes Recht auf Selbstverteidigung absprachen, denn um nichts Anderes handelte es sich hier. So kippte die Stimmung im Land endgültig. Was einst als Willkommenskultur begann, schlug zunehmend um in Misstrauen, Fremdenfeindlichkeit und Islamophobie. Nun bekannte selbst die an und für sich liberal ausgerichtete Hamburger Bürgerschaft sich zur Verteidigung christlicher Überzeugungen und Traditionen und wandte sich eindeutig gegen Tendenzen muslimischer Verbände wie Ditib, die öffentlich mit zunehmender Dreistigkeit gegen Weihnachtsschmuck, Weihnachtsmärkte, Weihnachtsfeiern in deutschen Städten und Betrieben sowie öffentliche Silvesterfeiern auf Straßen und Plätzen Stimmung machten.
Es war klar, dass sich das gegen Traditionen und über Generationen überlieferte Werte richtete, und immer mehr Menschen in seinem Umfeld, auch solche aus den gebildeten Schichten, fragten sich, ob dem Islam unter dem Deckmäntelchen der grundgesetzlich garantierten Religionsfreiheit nicht inzwischen Zugeständnisse gemacht wurden, die antichristliche Bewegungen innerhalb dieser Glaubensgemeinschaft geradezu ermuntern musste.
Langsam neigte sich das Pendel in die andere Richtung, zeigte selbst die Rauten-Kanzlerin späte Einsicht in die verheerenden Fehler während der unkontrollierten Grenzöffnungen 2015. Doch es war zu spät, davon war er zutiefst überzeugt, auch wenn sein ach so liberaler und toleranter Erzeuger noch immer von Integration und Versöhnung sprach. Als ob das etwas nützte. Gegen diese Woge aus Umerziehung und politisch korrektem Ausbremsen alles Deutschen, das die Linken und Supergrünen seit 68 nachhaltigst denunziert hatten, half kein Reden mehr. Halfen keine Talkshows mehr. Halfen keine Aufmärsche mehr. Halfen keine Bürgerwehren mehr. Hier und jetzt musste richtig gehandelt werden. Durchschlagend. Nachhaltig. So wie sein Name es befahl. Mit dem Flammenschwert.

Froh war er durchaus, dass er alles Hinderliche hinter sich gelassen hatte, nicht länger an der Familie klebte, am supererfolgreichen Vater, diesem wachsweichen, demokratisch gehirngewaschenen Selfmademan. Oder den Geschwistern, die alle zur neuen Elite zählten, weil sie vor lauter Ehrgeiz auf beruflichen Erfolg verlernt hatten, die richtigen Fragen zur richtigen Zeit zu stellen. Ihnen war es wichtiger, zusammen mit ihren nicht minder erfolgsgeilen Lebenspartnern Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, die eigenen Sprösslinge ebenso in die Erfolgsspur zu zwängen. Wie gut, dass er sich davon lossagen konnte nach allem, was er hinter sich hatte. Die Auszeit half dabei ganz gewaltig, bescherte ihm endlich auch die richtigen Freunde. Treue. Zuverlässige. Die keine überflüssigen Fragen stellten. Endlich geschafft. Den Berg bewältigt. Endlich. Tiefes Durchatmen, den Blick nicht länger zum Boden gerichtet, Stolpersteine beiseite geräumt. Endlich den Sprung geschafft. Den Absprung. Seine gesamte unbeholfene Kindheit und Jugend lang, bis zu seiner Schulentlassung allerspätestens, arbeitete es in ihm, hoffte er darauf, endlich diese Weite im Kopf zu erleben, von der er Nacht um Nacht träumte, auf die er ewig hinzitterte, die er tagein, tagaus herbeisehnte, nur in seinen Träumen in all ihren Facetten jedoch auskosten konnte. Endlich ist er aus dem Schatten der ewig Dominierenden, Siegertypen, wie der eigene Vater einer war, getreten, hat das erreicht, was sie ihm alle, die wohlmeinenden Erzieher, die mit guten Ratschlägen, in ihrer Wirkung oft schlimmer noch als Schläge, die stets bereitstehenden Altersgenossen, der toleranzfixierte, wohlmeinende Pfarrer und die so schief lächelnden Nachbarn nie und nimmer zugetraut haben, auch wenn sie von seinem eigentlichen Erfolg nichts wissen können, wissen dürfen. Er streift jetzt ihre wie Kraken-Saugnäpfe mit üblem Geruch behaftete Ratschlagsmentalität ab, springt heraus aus dem Schatten ihrer vermeintlich verlustzonenfreien Überlegenheit, die wie ein graues Nebeltuch über der kleinstädtischen Gemeinschaft lastet, aus der er kommt, boxt sich durch ihre betondicken Wände aus Moralin und Bessermenschengeheuchle und zeigt dem gesamten Städtchen und der Region, zumindest in diesen speziellen. überlebenswichtigen Angelegenheiten, was tatsächlich in ihm steckt. Tiefes freies Atmen nach all den Jahren der erstickenden Kompression, freies und unschuldiges Pochen des Herzens ohne Fehlschläge, das er zum ersten Mal bewusst und befreiend wahrnehmen kann. Von all dem andern dürfen sie nur nichts wissen. Das gehört nur ihm. Mit all dem wahren Erfolg. Auf den es einzig ankommt, wenn die Welt nicht bersten soll.

Endlich ist er da angelangt, wohin es ihn stets getrieben hat. Die Große Koalition wurstelt in Berlin so vor sich hin, braucht Monate, bis sie ein dringend fälliges Gesetz gegen Gefährder endlich verabschieden kann. Immer findet sich irgendein Plappermaul bei den Linken in der SPD, das gutmenschliche Bedenken anmeldet und den Prozess stocken lässt. Die Grünen, aus der Opposition heraus, meinen die Bürgerrechte zu verteidigen, indem sie über ihre Beteiligung an Länderregierungen das dringend Notwendige bremsen. Das sind dieselben Leute, die eine liberalere Drogenpolitik forderten, bis einer ihrer Top-Leute als Drogenkonsument geoutet wurde. Auf die noch hören? Warum?
Er geht von jetzt an seinen eigenen Weg, konsequent, unerbittlich. Unterstützung hat er. Alles andere hilft nicht weiter. Angst kennt er nicht. Nicht mehr. Wovor denn? Vor der Hölle? Dem Verlust des Paradieses?
Mit der Erbsünde haben sie ihn im schulischen Religionsunterricht wie im Kommunionunterricht geängstigt, dass die Erbsünde jeden wie in einem mit Sekundenkleber behafteten Strudel in die tiefsten Höllen aller Albträume hinunterreiße. All das hinter sich lassend, weil die Albträume längst hier im Lande, mitten unter ihnen leben, ist er schwerelos aufgestiegen aus dem Dunkel seiner Kindheitserinnerungen, aus der blutschmerzenden Qual der bösen, der schlimmen Worte in Kindheit und Jugend.
Worte sind stets seine Qual gewesen. Worte vermeintlicher Erlösung. Worte gepriesener Offenbarung. Worte lästerlicher Selbstoffenbarung. Worte eherner Dressur. Worte der Züchtigung. Worte der Keuschheit. Worte wie am Kreuz.
Worte. Sobald jedes Wort seinen ursprünglichen, muttermündigen Unschuldsglanz verloren hat, weil Schandmäuler ihren patriotischen, nationalistischen, sozialistischen, gutmenschlichen oder religiösen Verlogenheitsschleim darüber stülpen, ist es endgültig vorbei mit der unschuldsvollen Kommunikation, ist das menschliche Miteinander nur noch zielgerichtet, zweckgerichtet, zwangsgesteuert, gehört der Islam plötzlich zu Deutschland. Unschuldsvermutendes, mitleidsvolles Verständnis ist in hierarchischen Gebilden wie der ferngesteuerten Republik nicht mehr gefragt, die Kunst der Deutung und der Deutungshoheit liegen dort, wo Einfluss herrscht. Wer deuten kann, übt die Macht der Dressur aus, jeder Buchstabe erhält aus Deutungsmündern meist einen absichtsvollen Ruch von Dämonie und Besessenheit. In der Unzulänglichkeit seines eigenen, ihm angeborenen neandertalischen Stammelns, in die Wiege gelegt, besser vielleicht von einem unheilwollenden Schicksal geworfen, meinte er sich niemals, zu keiner Zeit seines Lebens, zum Meister, Bändiger, Jongleur der Worte aufschwingen zu können; von den Worten der anderen, den oft genug verletzungsgewollten, angriffsorientierten Fremdworten hat er sich lange, zu lange quälen, drangsalieren lassen, von jenen, welche diese Kunst so viel besser zu beherrschen schienen, hat sich von ihrem Wortreichtum, ihrer Wortgewalt, ihren Worttreibjagden zur Strecke bringen lassen. Das hört nun auf. Er hört auf niemanden mehr, auch nicht mehr auf Rauten-Angela oder den predigenden Präsidenten. Schluss mit lustig.

Immer wieder haben ihn Worte verletzt. In die Irre geführt. Unter Schmerzen, die sein Innerstes nach außen kehren wollten. Bis heute. Bis zu diesem Tag seiner endgültigen Emanzipation, seiner Lungenflügelmacht, an dem er die alphabetisierte Nabelschnur durchtrennt, die bösen, allgegenwärtigen, gnadenlosen Peiniger seiner Kindheit und Jugend nicht länger sein Blut trinken lässt, diesen Schmerz beim Sprechen nicht länger empfindet. Ihn hat er mit abgestreift, empfindet nichts mehr dabei. Und mit ihm diesen Makel, den sie ihn empfinden ließen. Alle. Zumindest alle außerhalb der Familie. Doch auch wohlmeinende, verständnisinnige familiäre Zuwendung konnte verletzen, wenn ganz früh schon Worte als rhythmischer Silbenhack immer wieder vorgekaut wurden, als ob er sie nicht erfassen, verstehen könnte.

Endlich geschafft. Endlich gesprengt. Endlich abgestreift die Ketten von gesellschaftlich aufgenötigter Dressur, sozialer Unterordnung, lächerlich machender angehefteter Hilflosigkeit, tonlosem Erbarmungsheischen, konditionierender Blickstrenge, heilloser Sprachheilerziehung, unergründlichem Wertlosigkeitsgefühl. Endlich hat er etwas erreicht, was ihnen Respekt abnötigen muss, was ihren Blick auf seine für sein Alter beachtlichen gesellschaftlichen, ja politischen Erfolge richten, sie von allem anderen ablenken muss angesichts seines Flammenschwertes, sobald sie davon wüssten. Mühsam leckt er sich das süßlich dickflüssige Blut vom aufgerissenen, dick angeschwollenen Daumen; da hat er einmal nicht richtig aufgepasst; er putzt mit der Zunge nach. Wie brüchig doch auch dickes Glas sein kann. Wie übel diese neue explosive Mischung schmeckt. Wie schnell sekundenflüchtige Gedankenlosigkeit Sicheres zerstören, ein verletzliches Netz vernichten konnte. Sich selbst dabei erheblich verletzen, vor allem, wenn man mit den Gedanken woanders ist, den ganzen Tag schon an nichts Anderes denken kann als an den großen Auftritt nächste Woche. Mit Waldemar und Olaf.

Ob sie ihn ermahnt hätte, wäre sie dabei gewesen? Oder ihm geholfen bei der Beseitigung der Überreste? Sich auch die Finger schmutzig gemacht? Sie, die ihn so wohl mit erzogen hat. Die nach außen nie auffallen, Aufmerksamkeit erregen will. Die Frau mit den an Hochsicherheitstrakte erinnernden verinnerlichten Vorsichtsmaßnahmen. Aus gutem Grund. Die emotionale und moralische Instanz seines früheren Lebens, die ihn stets daran erinnerte, wie gefährlich Leichtfertigkeit sein kann. Deren Ehre und Ansehen er zu verteidigen hat. Die immer alles für ihn gewesen ist. Oder fast alles, wenn Mutter wieder einmal keine Zeit fand: Großmama, die ständig auf seine Sicherheit achtete, alles Böse von ihm fernhalten wollte. Ein Konzept, das seit Menschengedenken erfolglos geblieben war.
Daher hieß es aufpassen, damit er dies alles, das längst Liebgewordene, sein neues Leben jenseits der Familie, nicht verlöre. Die Tage draußen erlebt er im Gleichmaß, im ewigen Auf und Ab der Zinssätze und Börsenkurse, politischer Opportunitäten, auch wenn die Gefahren näher an die gutbürgerlichen Wohnstuben rücken, das Land in seinem gutgenährten Dornröschenschlaf verängstigt aufhorchen lassen, Kommentare und Konsequenzen fordernd, wachsende Kolonnen an Wutbürgern produzierend. Wut produzierend. Hass entladend. Neue Ängste entstehen im wohlgenährten Bürgertum. Die Intellektuellen diskutieren landauf, landab über Willkommenskultur und Terrorbedrohung, über Tschador, Nikab und Burka, lassen sich vom Fremden zunehmend ängstigen, verzichten auf Fernreisen, erbauen neue Wagenburgen. Im Innern seines kleinen Reiches bleibt davon alles unberührt, seine Kameraden und er gewähren den gesellschaftlichen Banalitäten kein Asyl, noch nicht mal einen Blick ins Allerheiligste, das vor der Welt gut verborgen werden muss. Warum ist er sonst auf den Namen des Erzengels getauft worden: Seine Welt hat stabile Mauern, ist nicht mehr dieses verletzbare kleine Eiland mit Mauern aus Schaum, in das er einst geborenworden ist, welches sein Vater mit größtem Einsatz und stetiger Anstrengung zusammengehalten hat und an dem seine superklugen, studierten und promovierten Brüder und Schwester, Schwägerinnen und Schwager kräftig mitarbeiten, um den Reichtum der Familie weiterhin zu mehren. Eine Reaktion käme. Bestimmt sogar. Wenn nicht heute, dann eben morgen. Sie planen alles gründlichst. Und irgendwann läse es sich dann in einem Polizeibericht so, wie es sein müsste, wenn das Schweigen gebrochen wäre.

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