Ronas Reise

Ronas Reise

Vanessa Ocaña


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 318
ISBN: 978-3-95840-792-3
Erscheinungsdatum: 06.03.2019

Kundenbewertungen:

5 Sterne
Schöne Geschcihte - 15.12.2019
Wolfsjauler

Nach dem ich dieses Buch selber durch gelesen habe. Und erstaunt war wie schön es geschrieben war möchte ich auch hier eine Bewertung abgegeben. Dieses Buch hat mir selber sehr gefallen. Und freue mich auch, wenn es eines Tages mit der Geschichte weiter gehen würde.

Der Anfang
Adrian betrat das Zimmer. »Bist du bereit?«
Die Worte bewirkten, dass die Luft im Raum noch dicker wurde. Zäh wie Brei und kaum zu atmen. Nein, sie war nicht bereit. Wie bereit konnte irgendein Mensch schon jemals sein, seine ganze Familie, an einem einzigen Tag, zu Grabe tragen zu müssen.
Rona straffte sich, strich mit ihren Händen kurz über das schwarze Kleid, um die nicht vorhandenen Falten zu glätten. Eine Woche war vergangen seit dem perfiden Überfall auf ihre Familie. Eine Woche verloren in Wellen von Tränen und Schmerz. Mehr Zeit zum Trauern war ihr nicht gestattet worden, denn sie war seit jenem, von den Göttern verfluchten Tag, die letzte verbleibende Erbin, die letzte des Geschlechtes Felderer.
Ein Sonnenstrahl verirrte sich in ihr Zimmer, in dessen Schimmer die Staubflocken tanzten, wie unzählige kleine Wesen. Rona ging auf den Strahl zu. Mit kindlicher Hoffnung setzte sie einen Fuß auf den Punkt, wo das Leuchten den Boden traf. Doch ihr Schuh glitt durch das Glitzern der Sonne einfach hindurch. Rona verzog verzweifelt ihr Gesicht. Es gab keine Flucht in irgendein verborgenes Feenreich. Sie war nun die alleinige Herrscherin über dieses Haus.
Von einem Tag auf den anderen, war sie plötzlich für die Führung und den Schutz von unzähligen Menschen verantwortlich, niemand hatte sie je auf so etwas vorbereitet.
Sie sank zurück auf ihr Bett und barg ihr Gesicht in den Händen. Noch immer viel es Rona schwer, die Geschehnisse zu erfassen. Ihre Eltern und ihre ältere Schwester Anara waren auf dem Weg zu deren Hochzeit aufgebrochen. Begleitet von vielen treuen Rittern, und doch hatte diese Tatsache ihnen nicht das Leben gerettet.
Die Sonne brach unvermittelt durch die Wolkendecke und die tanzenden Wesen bevölkerten nun in Scharen ihr ganzes Zimmer. Ihre Gedanken waren seit Tagen wie dieser wilde Reigen. Nicht kontrollierbar, oder in irgendeine Ordnung zu bringen.
Und ein unzähliges weiteres Mal brachen die Erinnerungen wieder über sie hinein.
Sie war in den Stallungen gewesen. Der Striegel fuhr mit langsamen Bewegungen und sanftem Druck über den starken Rücken ihres Pferdes und ein lautes Lachen entfuhr ihr, als Edward, einer der Soldaten der Burg, ihr erzählte, wie er am Abend zuvor seine Hose beim Würfelspiel verloren hatte.
»Der Kerl war bestimmt zwei Meter groß, ich schwöre es Euch. Ich weiß gar nicht, was der mit meiner verfluchten Hose will.« Edward reckte sich, breitete die Arme aus und zog eine Grimasse. Sie wischte sich eine Lachträne aus dem Gesicht, als sie plötzlich Adrian im Toreingang des Stalles sah. Sie sah den Schatten in seinen Augen, den gequälten, schmerzhaften Ausdruck um seinen Mund herum und ihr Lachen erstarb augenblicklich. Sie sah ihn weiter an, wartete darauf, dass er irgendetwas sagen würde. Sie wusste, dass etwas ganz und gar nicht stimmte, aber sie hatte ja keine Ahnung.
Dann hörte sie das Hufgeklapper von Pferden, die in den Burghof ritten, und das Rattern von Karren.
Als sie an Adrians breiten Schultern vorbei schaute, sah sie die von Laken bedeckten Leiber, die auf Tragen in den Hof gezogen wurden. Sie ließ den Striegel fallen, der scheppernd zu Boden fiel, und rannte los. Aber Adrian stoppte sie. Umschlang sie mit seinen Armen und hielt sie mit aller Macht zurück. »Nein, bleib!«
Von dem Moment an gerieten alle ihre Erinnerungen in eine Schieflage, alles verschwamm und vermischte sich miteinander.
Nebelartig blitzten wieder Erinnerungen auf. Wie sie Adrian anschrie und nach ihm schlug. Wie er sie immer wieder bat, bei ihm zu bleiben, und der Moment, als er sie doch freigab. Wie sie, wie durch einen Tunnel gehend, torkelnd, als müsste sie auf einem Schiff bei starkem Wellengang gehen, die erste Leiche erreichte und das Laken herunterriss. Sie sah ihren Vater. Unzählige Messerstiche in Brust und Bauch mussten ihn getötet haben. Stille Tränen liefen ihr über die Wangen, sie schnappte nach Luft, drehte sich herum und riss das zweite Laken herunter. Ihre Mutter, die Qualen noch im Gesicht stehen, mit aufgeschnittener Kehle. Rona heulte auf und griff nach dem letzten Tuch, aber die Sinne schwanden ihr, bevor sie auch dieses Laken packen konnte. Die Beine knickten unter ihr einfach weg und sie fühlte nur noch, wie ihr Fall von starken Armen abgebremst wurde.
Am nächsten Tag berichtete ihr Adrian, was geschehen war. Sie saß da, ihr ganzer Körper taub, und versuchte zu begreifen, was er ihr da erzählte. Und-, dass das doch alles unmöglich wahr sein konnte.
Der Tross ihrer Familie war augenscheinlich in einen Hinterhalt geraten. Die Angreifer schienen in erheblicher Überzahl gewesen zu sein, denn nicht einer der Männer ihres Hauses hatte überlebt. Die wenigen Leichen der Feinde gaben keinen Rückschluss auf deren Herkunft oder Zugehörigkeit. Alles war und blieb ein schreckliches Rätsel. Aber warum?
Wie oft sich Rona diese Frage in den letzten Tagen gestellt hatte, gepaart mit Tränen der Trauer und Wut, konnte sie sich selbst nicht mehr beantworten. Der Sturz von ihrem Pferd, wenige Tage vor Anaras Hochzeit, war der einzige Grund, warum sie noch lebte.
Rona war schon immer ein wildes, kaum zu bändiges Kind gewesen, und in ihrem Land, in Hellatas, war ihr diese Freiheit als Zweitgeborene gestattet worden. Die Pflichten hatten einzig und allein auf den Schultern ihrer Schwester Anara gelegen.
Die Kindheit ihrer Schwester drehte sich lediglich um Bücher und höfische Gebräuche. Ihr war es bestimmt, die nächste Herrscherin über Endress zu werden, und ihre Tage hatten nur den einen Zweck, sie darauf vorzubereiten. Rona hingegen lebte ein unbeschwertes Leben, ohne jeglichen Verzicht oder Einhalt. Seit ihre ersten zaghaften und wackligen Schritte sie hatten tragen können, trieb sie sich unbeschwert auf dem Kampfplatz und in den Ställen herum. Und auch-, wenn ihre Mutter immer wieder in den Kampf gegen den eigenen Mann zog, um ihrer Tochter wenigstens etwas an Erziehung angedeihen zu lassen, war es doch ihr Vater, der ihr immer wieder den Rücken deckte und sie mit nicht zu versteckendem Stolz, alles gewähren ließ.
Aber dann kam der Moment, an dem ihr Leben in tausend Scherben zerbrach und ihr wieder schmerzlich bewusst wurde, das alles was einmal war, nie wieder zurückkehren würde.
Den Tag, bevor ihr Leben unwiderruflich in all seinen Grundfesten erschüttert wurde, verbrachte sie auf dem Rücken ihres geliebten Pferdes Ragnar. Ein rostbrauner, wilder Wallach, und ihr ganzer Stolz. Er hatte die Geschmeidigkeit eines Arabers, aber die Kraft eines Ackergauls.
Rona beugte sich weiter vor und brachte Ragnar, der ihr an Temperament in nichts nachstand, bis zum Äußersten, jagte ihn über Wiesen und Felder. Das Pferd rannte in wildem, getrecktem Galopp den trockenen Feldweg entlang und hinterließ eine staubige Spur.
Übermut machte sich in ihr breit und ein überhebliches Gefühl von Unsterblichkeit floss durch ihre Adern. In ihrem alten Leben, in dem Leben, als alles Glück, das ihr wiederfuhr, wie selbstverständlich für sie gewesen war, hatte sie nie einen Gedanken an irgendwelche Gefahren verschwendet.
Sie unterdrückte das aufsteigende Gefühl, einen, lauten, lebensbejahenden Jubelschrei auszustoßen.
Dann, plötzlich wie aus dem Nichts, sprang ein Kind aus dem Feld heraus, stürzte auf den Weg und kam auf allen vieren zum Halt. Dann rappelte es sich flink auf und rannte blindlings weiter. Und mit einem Mal erkannte es die ihm drohende Gefahr, in der es sich befand.
Doch anstatt weiterzurennen, reagierte es wie ein verängstigtes Reh und blieb wie angewurzelt stehen. Die Angst schien es völlig zu lähmen.
Rona blieb keine andere Wahl. Sie riss die Zügel ihres Pferdes unsanft herum und Ragnar stieg. Sie spürte, wie sie den Halt verlor und bemühte sich in einem verzweifelten Versuch, ihren Sturz abzufangen. Der Aufprall auf den staubigen Weg-, presste die Luft aus ihren Lungen und nahm ihr schmerzhaft die Luft zum Atmen. »Verdammt!«
Rona versuchte sich aufzurichten, versuchte einen tiefen Atemzug zu nehmen, doch jedes Luftholen machte sich qualvoll in ihren Rippen bemerkbar, so dass sie nur kurze und flache Züge nehmen konnte. Sie tastete sich mit ihrer Hand an die vermeintliche Verletzung heran, befühlte die Stelle zaghaft mit ihren Fingern und zuckte vor Schmerzen sofort zurück. »Verdammt! Verdammt!«
Rona biss die Zähne zusammen und brachte sich unter Stöhnen in so etwas, was man mit viel Wohlwollen eine sitzende Position nennen konnte.
Der Junge kam zögerlich auf sie zu, Rona schätzte ihn auf keine neun Sommer.
»Mylady? Habt Ihr Euch verletzt?«
Ragnar war ein paar Schritte von ihr weg getänzelt, die Ohren gespitzt, vorsichtig wartend auf die Dinge, die noch folgen würden.
Man konnte dem Pferd sein schlechtes Gewissen förmlich ansehen. Rona richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Grund ihres Sturzes.
»Verdammt, wo bist du so plötzlich hergekommen?« Das Kind schaute sie skeptisch an.
»Ihr flucht ziemlich oft, Ihr sagt ja fast nichts anderes.«, erklang es ehrfürchtig. »Meine Mutter droht immer mit dem Kochlöffel, wenn ich mich das wage. Aber die besten Flüche bringt mir mein Freund Peer bei.«
Wenn es erst einmal zutraulich war, wurde es auch ziemlich gesprächig, dachte Rona bei sich.
Er tat einen weiteren vorsichtigen Schritt auf Rona zu. Sie entschloss sich, den Wortschwall des Zwerges kurz zu unterbrechen. »Hör mal zu, Junge. Geh ins Dorf, sie sollen einen Boten nach Endress Castle schicken. Ich brauche Hilfe, wenn ich noch vor dem Winter wieder auf der Burg sein will.«
Die Plappertasche ignorierte die sarkastische Bemerkung fachmännisch. Sein Blick fiel auf Ragnar. »Ich könnte ihn doch reiten. Ich könnte sofort nach Endress Hilfe holen.«
Die kleine, schmutzige Erscheinung schaute verlegen auf das, was wohl einmal Schuhe gewesen waren.
»Außerdem hab ich es gerade eh nicht so eilig, nach Hause zu kommen.«
Rona schaute sich die kleine, zerknirschte Gestalt genauer an. »Was hast du denn ausgefressen?«
Die Schuhspitze des Jungen scharrte im Sand des staubigen Feldweges. Als er anfing zu sprechen, war seine Stimme nur ein Flüstern, das kaum zu Ronas Ohr drang. Sie musste sich auf jedes Wort konzentrieren, um ihn zu verstehen.
»Mein Freund Peer hat mir einen Apfel zugeworfen. Um ihn zu fangen, musste ich ein paar Schritte rückwärts rennen. Ich bin mit dem Priester zusammengestoßen … der daraufhin in den Dorfteich gefallen ist.» Jetzt wurde seine Stimme unvermittelt energisch und er boxte sich mit der kleinen Faust in die Handfläche. »Dann hab ich versucht, so schnell wie möglich Land zu gewinnen.«
Rona lachte lauthals los, was sich augenblicklich als großer Fehler herausstellte, denn ihr Lachen ging schlagartig in ein schmerzhaftes Husten über.
»Ich kann dich nicht auf Ragnar reiten lassen, er hätte dich umgebracht,-noch bevor du zehn Schritte von mir weg bist. Das wäre zu gefährlich!«
Der Zwerg ging auf Ragnar zu. Dieser legte die Ohren an und zuckte in leerer Drohung kurz mit dem Kopf. Langsam legte er ihm die Hand an den Hals. Der Wiederriss des Pferdes war um drei Köpfe größer als der Knirps. Er musste sich geradezu strecken, um ihn zu erreichen.
»Ich kann es tun, ich kümmere mich zu Hause um unsere bockige Emma. Ich bin der Einzige, den sie auf sich reiten lässt. Pferde mögen mich. Außerdem habe ich Euch das alles eingebrockt. Mutter sagt immer, dass man die Suppe auslöffeln muss, die man sich eingebrockt hat.«
Rona betrachtete den Jungen nachdenklich. Er war eine ziemlich schmutzige Erscheinung und wirkte abgemagert. Ragnar würde sein Gewicht noch nicht einmal spüren. Sie konnte das Pferd genauso gut alleine zur Burg schicken, aber der sture Gaul würde sie hier nicht alleine liegen lassen. Rona schätzte ihre Möglichkeiten ab und traf eine Entscheidung.
»Wie heißt du?«
»Collin, Mylady.« Der Junge straffte seinen dünnen Körper und gewann so einen Fingerbreit an Körpergröße. Sein Ausdruck wurde sehr ernst.
»Also gut, Collin. Du hast recht. Dann löffle die Suppe mal wieder aus.« Rona zwang sich zu einem todernsten Gesicht, und der Junge begann mit aller Kraft, auf Ragnars Rücken zu klettern. Mit wilden Verrenkungen und einem wüsten Gezappel mit den Beinen-, kam er letztendlich auf dem großen Hengst zum Sitzen. Ragnar, der jeden anderen bei dem Versuch, ihn so würdelos zu besteigen, umgebracht hätte, ließ es stoisch über sich ergehen. Rona wusste, dass es seine Art der Wiedergutmachung für den unsanften Abstieg war, den er ihr beschert hatte.
»Ich beeile mich, Mylady. Versprochen.« Collin nahm die Zügel auf und stob davon.
»Und lass dich nicht von ihm umbringen, sonst versohl’ ich dir noch obendrein den Hintern.«, brüllte Rona ihm noch hinterher.
Sie rutschte wenig anmutig nach hinten, bis ihr Rücken auf einen Baumstamm traf, an dem sie sich anlehnen konnte, und wartete.
Irgendwann sah sie in der Ferne den aufgewirbelten Staub von Reitern.
Der erste Reiter, der sich zeigte, ritt wie der Teufel persönlich. Adrian, ihr dunkelhaariger, attraktiver Gefährte seit Kindertagen. Mit blauen Augen, dunkel wie tiefe Bergseen. Augen, in denen sie Wut und Sorge zu gleichen Teilen lesen konnte. Adrian, den sie kannte, seit sie neun Jahre alt war, und der nach Endress Castle gekommen war, allein und verwildert.
Ihr Vater war damals wild entschlossen gewesen, ihn als Mündel aufzunehmen.
Obwohl er seine Töchter über alles liebte, vermisste er einen Sohn. Es dauerte nicht lange und er gehörte zu ihrer Familie, als wäre es nie anders gewesen. Zwischen Adrian und Rona entstand eine tiefe Freundschaft, ein festes Band, das bis heute Bestand hatte und mit jedem Tag nur noch an Kraft gewann. Er war zu ihrem Begleiter geworden, Gefährten und besten Freund.
Adrian stoppte sein Pferd abrupt, sprang ab und kniete sich neben sie. »Rona … verdammt …«
Rona grinste zu ihm auf.
»Für einen Ritter lassen deine Manieren zu wünschen übrig. Wie ich feststellen musste, hast du ziemlich schlechten Einfluss auf mich. Ich musste diesbezüglich schon Tadel über mich ergehen lassen. Tadel, mit, wie ich fürchte, einem Hauch Anerkennung.«
Rona blickte mit einem Augenzwinkern zu Collin. »Sorgt dafür, dass er eine warme Mahlzeit erhält. Und dann schickt ihn nach Hause.«
Der Junge stand ratlos und verloren zwischen den Soldaten, doch bei ihren Worten erhellte sich seine Miene. Rona musste lachen, hielt sich aber sofort wieder die Rippen vor Schmerzen.
»Was zum Teufel ist denn passiert?« Der besorgte Blick ihres Freundes traf sie wieder.
»Ich bin vom Pferd gefallen.« Augenscheinlich hatte sie es geschafft, dem Mann die Sprache zu verschlagen.
»Du bist was?« Kurz sah Adrians Gesichtsausdruck so aus, als hätte sie ihm gerade gesagt, dass sie leider das Schreiben verlernt habe. Dann lenkte er ein.
»Ist jetzt auch egal. Ich bringe dich erst einmal nach Hause.«
Mit steinerner Miene hob er sie hoch, mit einer Leichtigkeit, als würde sie nicht mehr wiegen als eine Puppe. Sinn für Humor gehörte nicht zu seinen stärksten Eigenschaften, schon gar nicht, wenn es um sie ging. Er setzte Rona vor sich auf sein Pferd.
Das Schicksal nahm unaufhaltsam seinen Lauf. Ihre Gedanken kehrten zurück in das Hier und Jetzt. Ihr Herz wurde schwer. Sie erhob sich ein ungezähltes weiteres Mal von ihrem Bett und strich mit nervöser Routine über die schwarze Seide ihres
Kleides.
»Ja Adrian, ich bin bereit «
Er nahm ihre Hände in seine und führte sie an seinen Mund. »Ich bin bei dir, du bist nicht alleine.«
Dann öffnete er die Tür ihres Zimmers. Adrian legte ihre Hand, behutsam auf seinen Arm und gemeinsam gingen sie die Galerie entlang. Sie merkte, wie sich ihre Finger in ihrer Verzweiflung fest in den Stoff von Adrians Uniform gruben. Ihre Beine taten ihre Arbeit und brachten sie Stück für Stück näher an das Unvermeidliche, aber sie fühlten sich nicht sehr verlässlich an. Der Klang ihrer Schritte hallte von den Wänden wider, alles war in gespenstische Ruhe getaucht. Abrupt blieb sie stehen, hielt Adrian am Arm zurück. Voller Panik blickte sie ihn an.
»Ich kann das nicht, Adrian! Das ist nicht richtig, so sollte es nicht sein.« Die Worte sprudelten aus ihr heraus.
Er drehte sie zu sich herum und schaute auf sie hinab. Er überragte sie um einiges.
»Rona, hör mir zu. Du schaffst das. Du bist stark. Und wenn du denkst, dass dir die Kraft fehlt, dann such meinen Blick. Ich bin bei dir, jeden Atemzug den du tust. Du musst das heute nicht alleine durchstehen. Ich bin bei dir, wie ich jeden Tag seit damals bei dir war und wie ich alle kommenden Tage bei dir sein werde.« Er schloss sie fest in seine Arme und Rona sog gierig den so angenehmen und vertrauten Geruch von Lorbeerseife ein.
Wie oft schon war sie ihrem Vater dankbar gewesen, dass er Adrian damals aufgenommen hatte. Aber heute dankte sie den Göttern, dass es ihn gab. Seit nunmehr fünfzehn Jahren waren sie fast jeden Tag zusammen. Vom ersten Tag an bis heute unzertrennlich.
Adrian kam aus dem Land Trinia, das jenseits des Nogars lag, und hatte die Bergkette mit seinen damals sechzehn Jahren völlig allein überwunden. Rona war noch nie jenseits dieses imposanten Berges gewesen. Aber viele Geschichten über ihn erfüllten vor so langer Zeit die Abende. Damals kämmte sie ihm stundenlang-, in unermüdlichem Eifer, die Läuse aus seinen schwarzen Locken und lauschte gebannt den Erzählungen über seine Heimat. Bevor Adrian anfing Vertrauen zu den Menschen zu fassen, sprach er lange Zeit nur mit ihr. Rona erklärte sich in ihrer kindlichen Phantasie zu seinem persönlichen Schutzengel. Für Adrian allerdings, war es äußerst befremdlich gewesen, ein Mädchen zu sehen, dass am liebsten in ihren zerschlissenen Reiterhosen herumlief und mit Schwert und Bogen umgehen konnte.
In seinem Land waren Frauen zur Zierde und zum Kinder gebären gut, es wurde ihnen kein größerer Wert beigemessen. Sie waren dort gezwungen im Schatten der Männer zu leben. Natürlich gab es auch dort Ehemänner, die ihre Frauen so sehr liebten, dass man ihnen viele Rechte eingestand und ihren Rat oder deren Meinung, als etwas unsagbar Kostbares ansah. Aber es blieb die Ausnahme und wurde nicht gerne gesehen, allenfalls geduldet.
In Ronas Heimat aber waren die Frauen frei, womit Adrian lange Zeit haderte. Viele Monate lang versuchte er, Rona Befehle zu geben, die sie lachend ignorierte.
Mit der Zeit gab er es auf, und es war nicht nur mehr Zuneigung, die Adrian für sie empfand, sondern auch Achtung vor ihrem Mut und dem unermüdlichen Kampfgeist, den sie an den Tag legte. Er fing an, sie Tricks und Finten zu lehren, mit denen sie sich gegen körperlich Stärkere durchsetzen konnte, die meisten davon ziemlich hinterhältig.
Bei dem Gedanken daran musste Rona lächeln. Sie blickte wieder zu ihm auf.
»Was ist?« Adrian zog eine Augenbraue hoch. »Hab ich etwa noch Reste vom Frühstück im Gesicht?«
Er strich sich mit Zeigefinger und Daumen über die Mundwinkel und ein bestechliches Grinsen trat auf sein attraktives Gesicht.
»Danke, dass es dich gibt.«
Er legte ihre Hand wieder behutsam auf seinen Arm und bedeckte sie mit seiner. Gemeinsam bestritten sie den Rest des Weges schweigend. Am Treppenabsatz angekommen blickte Rona in die große Halle hinab. Sie holte tief Luft. Der hohe und große Raum war gefüllt mit den Gefolgsleuten ihrer Eltern, mit ihren Gefolgsleuten. Ihr zu Ehren wurden die Schwerter gezogen. Rona schritt durch die Halle in den Hof, um Ragnar zu besteigen und ihren Eltern und ihrer Schwester die letzte Ehre zu erweisen.
5 Sterne
Schöne Geschcihte - 15.12.2019
Wolfsjauler

Nach dem ich dieses Buch selber durch gelesen habe. Und erstaunt war wie schön es geschrieben war möchte ich auch hier eine Bewertung abgegeben. Dieses Buch hat mir selber sehr gefallen. Und freue mich auch, wenn es eines Tages mit der Geschichte weiter gehen würde.

Das könnte ihnen auch gefallen :

Ronas Reise

Andreas Holzer

Der Weg zum neuen Zeitalter - Die Verbindung mit dem göttlichen Sein

Buchbewertung:
*Pflichtfelder