Sonstiges & Allerlei

Rachel und der Richter

Aletha Favola

Rachel und der Richter

Leseprobe:

Prolog

Shawar strich sich eine vorwitzige Locke aus dem Gesicht, ehe er weiterschrieb.
„Es ist nicht von Bedeutung, wie viele dieser Zeichen du heute lernst. Wichtig ist die Genauigkeit, mit der du sie auf Papyrus bringst“, sagte er mit ernster Stimme zu Rachel, die neben ihm saß und seine geübten Bewegungen mit dem Pinsel auf den Tonscherben verfolgte.
Der heiße Wüstenwind spielte in den dunklen Haaren Rachels, die sehr an die Lockenpracht ihres Bruders erinnerte.
„Das sieht alles so einfach aus“, stöhnte das Mädchen.
„Es ist auch einfach, wenn man es endlich kann“, lachte der große Bruder. „Aber ich warne dich. Selbst wenn du das Schreiben der Schriftzeichen beherrschst, hüte dich davor, sie achtlos zu benutzen. Bedenke immer, dass hinter jedem Zeichen etwas Großes steht, das zum Ausdruck gebracht werden soll“, belehrte Shawar seine Schwester mit Nachdruck. Rachel blickte nachdenklich auf. Shawar erschien ihr so weise, obwohl er doch noch so jung an Jahren war.
„Ich werde mir Mühe geben“, versprach sie feierlich und machte sich eifrig daran, die fremden Zeichen erneut zu üben.
„Das weiß ich, Rachel. Nur mit dir kann ich diese Freude teilen und du wirst die Zeichen bald beherrschen. Vertrau mir“, er lachte ihr aufmunternd zu.
„Ich vertraue dir, Shawar“, antwortete Rachel. Das stimmte auch. Niemandem konnte sie mehr vertrauen als ihrem Bruder Shawar. Obwohl er erst vor zwei Jahren aus Ägypten nach Hause zurückgekehrt war, waren sie einander sehr nahe. Die Faszination für das fremde Land, das so nahe war, teilten sie beide. Mit dem Unterschied, dass Shawar dort gelebt hatte und nun aus seinem Erfahrungsreichtum die schönsten und wunderbarsten Geschichten erzählen konnte. Und er beherrschte das Wissen über diese geheimnisvollen Zeichen. Er konnte sie lesen, schreiben und kannte auch die mystische Deutung. Rachel war fasziniert. Als Shawar Rachels Wissensdurst erkannt hatte, hatte er seine Kenntnisse nur zu gerne mit seiner Schwester geteilt. Er hatte eine Verbündete, der er von seinen geheimsten Wünschen und Träumen erzählen konnte. Von Zeit zu Zeit zogen sie sich ein Stück in die Wüste zurück, wo sie die fremden Zeichen übten. Oder um ihre Gedanken über das Land Kemet, so nannten die Ägypter ihr Land, austauschten.
„Vater hat dich an Nadav versprochen“, begann er plötzlich ein anderes Thema. „Magst du ihn?“
Rachel legte die Schreibsachen aus der Hand. Ihre dunklen Augen funkelten ihn an. Shawar sah, dass ihre Hände zitterten.
„Er möchte unseren Stamm stärken, Rachel“, versuchte er sie zu beruhigen.
„Ich weiß, was Vater möchte. Ich weiß aber auch, was ich fühle. Shawar, ich verabscheue Nadav. Er ist hart, und wenn er mich anblickt, dann fühle ich … mich unwohl“, gestand sie ihrem Bruder.
„Nadav ist ein mutiger Mann. Er wird dich beschützen, er ist stark und ihr werdet viele gesunde Kinder haben“, stellte Shawar in Aussicht.
„Shawar, ich kann mir weder vorstellen, mit Nadav zusammenzuleben oder gar von Nadav berührt zu werden, noch – dass wir gemeinsam Kinder haben werden! Es wird wohl eine andere Lösung geben müssen als die Verbindung mit Nadav“, sagte Rachel hoffnungsvoll.
„Vater und er sind sich einig, Rachel. Deine Chancen sind nicht gut, wenn du dich dagegen stellst“, antwortete Shawar und Rachel hörte das Bedauern, das in seiner Stimme mitschwang.
„Was irritiert dich an Nadav?“
Rachel versuchte, ihre Gedanken zu sammeln: „Seine Unnachgiebigkeit gegenüber allem, was sich nicht seinem Willen beugt. Was, denkst du, würde er tun, würde er mich hier mit dir sehen, beim Üben und Schreiben von Schriftzeichen aus dem Land Kemet, dem er feindlich gegenübersteht? Denkst du, er würde voll des Lobes sein?“
Shawar nickte verstehend: „Du hast recht, Nadav würde es nicht gutheißen.“
Rachel stieß einen Seufzer aus: „Er würde es nicht nur nicht gutheißen, er würde mich verprügeln, Shawar. Das weißt du.“ Shawar nickte erneut. Ja, das würde Nadav vermutlich tun. Bei dem Gedanken, dass jemand seiner kleinen Schwester Schmerzen zufügen könnte, stieg Wut in Shawar auf.
„Vielleicht hast du recht. Möglicherweise ist es besser, diese Verbindung noch einmal zu überdenken. Ich werde mit Vater sprechen“, versprach Shawar.
„Die Stämme werden sich vereinen und gegen Kemet in den Krieg ziehen, nicht wahr?“, fragte Rachel traurig.
„Ja, das ist richtig, Rachel“, bestätigte Shawar leise. „Ich hoffe, dass ich Vater auch in diesem Punkt umstimmen kann, sodass er nicht mitziehen wird.“ Shawar machte sich aber nichts vor. Die Aussichten, seinen Vater in diesem Punkt zu überzeugen, waren ähnlich schlecht wie Rachels Wunsch, Nadav nicht heiraten zu müssen. Sie hatten beide gerade mal bescheidene Aussichten darauf, dass sich ihre Wünsche und Ideen verwirklichen würden.
„Du hast zu lange dort gelebt, als dass du diese Feindschaft teilen könntest“, sprach Rachel eine Tatsache aus, die niemand leugnen konnte, der die Hintergründe von Shawars bisherigem Leben kannte.
„Ich wurde in einem ihrer Tempel erzogen – und obwohl ich nie unserem Gott Jahwe abgeschworen habe, verstehe ich die Menschen, die dort leben, sehr gut. Ebenso wie ich ihre Schrift gelernt habe, so habe ich begonnen, in manchem so zu denken wie sie“, gab Shawar zu.
„Wir könnten einiges von ihnen lernen“, er lächelte Rachel an.
„Warum kannst du nicht vermitteln?“, fragte Rachel verzweifelt. „Käme dieser Krieg nicht, dann bräuchten wir keine Verstärkung im Stamm und eine Verbindung mit einem Mann wäre nicht so bald nötig …“ Rachel stöhnte.
„Sag mir, Shawar, weshalb hat Vater eingewilligt, dass du in Ägypten erzogen wirst, wenn nicht als Zeichen eines friedlichen Bündnisses?“
„Vater wurde nicht um sein Einverständnis gefragt. Es wurde ihm nur die Wahl gestellt, seinen Sohn in Ägypten erziehen zu lassen, oder sein ganzer Stamm würde in Gefangenschaft geraten. Welche Wahl hättest du getroffen?“, Shawar lachte bitter. „Nein, er hat es nie überwunden, dass ich nicht hier in diesem Land aufgewachsen bin“, schloss Shawar.
„Und du? Wie empfindest du?“, fragte Rachel.
„Ich bin glücklich über den Weg, den ich gegangen bin, Rachel. Ich werde auch wieder nach Kemet zurückkehren. Nur nicht so, wie es Vater möchte. Ich werde nicht Krieg gegen die Menschen Kemets führen. Sobald sich die Möglichkeit bietet, werde ich losziehen“, eröffnete Shawar seiner Schwester seinen heimlichen Plan.
„Nimm mich mit, ich bitte dich. Nimm mich mit in dieses geheimnisvolle Land“, flehte Rachel.
„Du musst deinen Weg gehen, kleine Schwester. Wenn er nach Ägypten führt, werden wir ihn vielleicht gemeinsam gehen. Wenn sich eine Möglichkeit ergibt, dann nehme ich dich mit mir. Oder ich hole dich nach – das verspreche ich dir.“ Rachel sah ihn strahlend an. Leise Hoffnung stieg in ihr auf.

***

Rachel hatte sich zurückgezogen. Abseits des einfachen Hauses befand sich eine niedrige Felsenformation, hinter der sie sich versteckt hielt. Niemals hätte dieser Tag so verlaufen dürfen. Niemals hätte ihr Vater allem, was die Sippenältesten verlangten, zustimmen dürfen.
Ausgerechnet Shawar war bestimmt worden, die Männer seiner Sippe in den Krieg gegen die Ägypter zu führen. Obwohl er immer wieder beteuert hatte, dass er niemals gegen dieses Land in den Krieg ziehen dürfe, um nicht die eingegangenen Vereinbarungen zu brechen, hatte man es so verfügt. Was immer geschehen würde, wie immer sich diese Situation entwickeln würde – Shawar war verloren. Hätte er nun diesem Beschluss nicht zugestimmt, dann hätte man ihn bereits hier als Verräter getötet. In Ägypten jedoch wartete der sichere Tod auf ihn. Denn da er dort erzogen worden war – zum Zeichen eines Bündnisses, das den Frieden sichern hätte sollen und welches sein Vater mit den Mächtigen des Landes Kemet geschlossen hatte, war es nun unmöglich, dass er, Shawar, an einem Kampf gegen Ägypten teilnahm. Daher war es auch undenkbar, dass er lebend aus der Schlacht zurückkehren würde. Entweder er fiel in der Schlacht oder er wurde gefangen genommen. Wenn man ihn als einen derjenigen erkannte, die als Friedenssöhne in Kemet aufgewachsen und in den Tempeln erzogen worden waren, um den Frieden zwischen den Ländern zu sichern, würde man ihn ebenfalls töten. Er würde also auf jeden Fall sterben!
Niemand hatte auf seine Einwände und Erklärungen gehört. Dieses Bündnis sei nicht mehr gültig, hatte man ihm entgegengehalten. Das Band seines Blutes zu seinem Volk sei fester als das zu dem fremden Land, hatte man ihrem Bruder erwidert. Sah denn niemand das Ausmaß der Katastrophe, in welche sie ihn mit diesem Krieg hineinzogen?
Shawar war der älteste – und einzige – Sohn seines Vaters und war daher bestimmt worden, die Ehre seines Stammes zu wahren und in diesen sinnlosen Krieg zu ziehen. Shawars Argumente waren ungehört geblieben, denn alle gingen davon aus, dass die Ägypter besiegt würden. Wie dumm waren diese Leute hier! Wie verblendet in ihrem Hass! Nie würden sie dem großen Heer Ägyptens standhalten können! Shawar hatte mehr als einmal darauf hingewiesen, dass der Feind zu mächtig sei. Doch in ihrem Eifer wollten sie ihm nicht glauben. Sie wollten den Kampf. Und es war ihnen egal, wie hoch der Preis dafür war und wer ihn zu bezahlen hatte.
Als Shawars Vater verzweifelt ausrief: „Ja, was verlangst du denn, Sohn? Soll etwa ich alter Mann in den Krieg ziehen?“, hatte Shawar ihn traurig gefragt: „Was verlangst DU von mir, Vater? Willst du, dass ich mich sehenden Auges in den sicheren Tod begebe?“
Es war so heftig diskutiert worden, dass niemand mehr bemerkt hatte, dass Shawar den Rest der Verhandlungen geschwiegen hatte. Man war sich schnell einig geworden. Verstärkung von anderen Stämmen war zugesagt und auf dem Weg. Der Treffpunkt war vereinbart worden. Der Zeitpunkt bestimmt. Alles war abgesprochen.

Rachel war sich dessen bewusst, dass Shawar sterben würde. Es brach ihr das Herz. Schluchzend ließ sie ihrem Zorn über ihre Ohnmacht freien Lauf und schlug immer wieder mit der Faust gegen einen der Felsen, bis ihre Knöchel bluteten. Doch der Schmerz in ihrem Herzen war viel größer.
„Lass das, dumme, kleine Schwester“, sagte plötzlich Shawar neben ihr und hielt ihre Hand fest. „Du wirst dich verletzen. Was machst du denn? Du blutest ja schon.“
Rachel warf sich an seine Brust und weinte. Shawar hielt sie stumm fest.
„Ich will dich nicht verlieren, Shawar“, schluchzte sie. „Sie sind alle verblendet in ihrem Hass gegen das Fremde, kein vernünftiges Argument erreicht sie.“
„Du wirst mich nicht verlieren, Rachel. Ich werde nicht an den Kämpfen teilnehmen, sondern mit beiden Seiten verhandeln. Du wirst sehen – alles wird gut“, versprach er.
Aus irgendeiner dunklen Ahnung heraus glaubte ihm Rachel nicht.
„Du wirst mich in das Land Kemet bringen? Versprichst du es mir?“, fragte sie, um irgendetwas zu sagen.
„Ich werde dich hinbringen, das verspreche ich. Auf dem schnellsten und sichersten Weg“, antwortete er und lächelte sie an. Auch seine Augen glänzten verdächtig, aber er weinte nicht.
„Du hast es versprochen, vergiss es ja nicht, Shawar, mein Bruder!“ Sie fühlte sich dumm, als sie das sagte. Aber irgendwie brachte es beide dazu, einander anzulächeln. Sie ahnten wohl, dass das Leben für sie beide eine tragische Wende nehmen würde.
Shawar umarmte seine Schwester und drückte sie zum Abschied ein letztes Mal fest an sich. „Ich werde mein Versprechen halten, Rachel“, sagte er mit einer erschütternden Bestimmtheit. So nahmen sie Abschied voneinander.

***

Es war bereits dämmrig in der Kammer. Rachel saß zusammengekauert am Fenster und starrte in den Garten, kaum fähig, ihre wachsende Angst zu bändigen. Dieses unglaublich schöne, riesige Haus war ihre Herberge geworden. Oder war es eher ein Gefängnis? Sie war eine Gefangene. Weit weg von ihrer Heimat.

In den letzten Wochen war so unglaublich viel geschehen, dass Rachel es sich gar nicht mehr vorstellen konnte, irgendwann ein normales, ruhiges Leben geführt zu haben. Alles war anders geworden. Nichts von dem, was einmal Sicherheit für sie bedeutet hatte, existierte mehr. Was würde aus ihr werden, wenn der Richter Imno-hotep, der sie beherbergte, nicht von seiner Reise in den Süden zurückkehrte? Sie würde hier nicht bleiben können. Aber wohin sollte sie gehen? Wohin konnte sie gehen? Wie sollte es ihr gelingen, ohne Imno-hoteps Hilfe bis zum Pharao zu gelangen? Ihre Gedanken drehten sich im Kreis und ihr Herz bebte. Was sollte nur aus ihr werden, wenn Imno-hotep nicht zurückkehrte? Und was würde aus ihr werden, wenn er es tat? Je länger Imno-hotep weg war, desto unruhiger wurde sie.

Rachels Erinnerungen kehrten zurück an den verhängnisvollen Tag, an dem die Botschaft ihre Familie erreichte, dass Shawar mit den anderen sechs Fürstensöhnen in der Schlacht gefallen war. Sie hatte schon diese unbestimmte Vorahnung gehabt, dass Shawar nicht lebend zurückkehren würde. Aber die nackte Realität, dass er nun tatsächlich nicht zurückkehren würde, hatte sie viel härter getroffen, als sie es für möglich gehalten hatte.

Die Schlacht sei kurz gewesen, war berichtet worden. Tapfer hätten alle Männer gekämpft. Alle – außer Shawar. Shawar hatte nicht gekämpft, so wie er es Rachel vorausgesagt hatte. Er hatte sich zwischen den Heeren aufgestellt und versucht, zu vermitteln. Er hatte sich zum Unterhändler zwischen den beiden Heeren gemacht, deren Männer er beide „Brüder“ genannt hatte. Pfeile von beiden Seiten hatten ihn tödlich getroffen. Er war der Erste gewesen, der gefallen war. Dahingerafft von der blinden Wut Aufständischer und Verteidiger. Überrannt von denen, die nicht hören wollten. Die relativ kleine Gruppe der Aufständischen hatte dem zahlenmäßig großen Heer, das sich ihnen entgegengestellt hatte, erwartungsgemäß nicht standhalten können. Es waren alle Kämpfer der Aufständischen getötet worden.

Zuerst diese Nachricht – und dann die zweite Mitteilung, dass die Leichen der Fürstensöhne in die Hauptstadt der Ägypter – nach Theben – mitgenommen worden waren. Sie wurden dort zur Schau gestellt. Als abschreckendes Beispiel für alle, die es wagten, einen Aufstand gegen Ägypten zu planen. Man erzählte sich auch, die Leichname seien noch weiter in den Süden nach Napate gebracht worden. Aber das waren unbestätigte Berichte gewesen.
Rachel hatte nicht gedacht, dass die niederschmetternde Botschaft vom Tod ihres geliebten Bruders mit dieser noch schlimmeren Nachricht übertroffen werden konnte. Es war dennoch möglich gewesen. Das Leid ihrer Eltern mit ansehen zu müssen, hatte ihre Kraft geraubt. Rachel hatte gedacht, sie könne diese Tage der Trauer nicht durchstehen. Das Herz war ihr schwer geworden. Sie hatte innig darum gebetet, ebenfalls sterben zu dürften. Doch sie lebte weiter. Und drei Tage nach der Überbringung der Todesnachricht hatte sie einen Entschluss gefasst. Zusammen mit dem Händler Abischa, der eben aufbrach, um seine Ware nach Theben zu bringen – und natürlich auch, um nachzusehen, ob diese unbestätigten Berichte stimmten –, wollte sie sich ebenfalls nach Theben aufmachen und die Leiche Shawars holen. Sie würde zum Pharao gehen und ihn bitten, ihr den Leichnam zu übergeben. Da sie nicht mit dem Einverständnis ihrer Eltern rechnete, hatte sie sich ihrer Freundin Hanna anvertraut. Hanna war bestürzt gewesen, hatte aber zugesagt, ihre Eltern über ihr Vorhaben zu informieren, sobald Rachel abgereist sei. Und auch, bis dahin Stillschweigen zu bewahren.

So kam es, dass sich Rachel eines Nachts aus dem elterlichen Haus geschlichen hatte, um mit dem mürrischen Händler Abischa nach Theben zu reisen. Noch in der Nacht hatten sie sich einer Karawane angeschlossen, die zum Nil unterwegs gewesen war. Rachel, die als Knabe verkleidet war, hatte ihren Weg klar vor Augen gehabt. Die Nächte waren kalt gewesen, die Tage beinahe unerträglich heiß. Rachel hatte sich durch die Strapazen nicht entmutigen lassen. Sie würde ihren Bruder zurückbringen, damit ihre Eltern ein Grab hatten, an dem sie trauern konnten. Dieses Vorhaben war ihre heilige Pflicht geworden. Nichts wäre wichtiger gewesen. Und niemand und nichts hätte sie davon abbringen können.
Die alltäglichen Aufgaben, die Abischa ihr unterwegs zugeteilt hatte, erfüllte sie ohne Widerrede. Sie hatte es sowieso vorgezogen, unauffälliger Begleiter zu sein. Jeder Tag brachte sie ihrem Ziel näher. Sie würde Shawar zurückholen. Zumindest das, was sie noch von ihm finden würde. Shawar hatte ein rituelles Begräbnis verdient.
Am Nil hatten sich Rachel und ihr Reisebegleiter eingeschifft. Abischa hatte seine Handelsware, die aus wertvollen Stoffen bestand, an Bord eines Schiffes gebracht. Sie selbst hatte dafür bezahlt, auf dem Schiff mitzureisen. Rachel hatte Abischa, der das Geld für ihre Fahrt ausgelegt hatte, eine wertvolle Kupferspange gegeben, mit der sie sonst an kalten Tagen ihr Manteltuch schloss. Nun ja, sie hatte Shawars Kleidung getragen, dafür hatte sie ihre Kleiderspange nicht benötigt. Träge waren sie auf dem Nil dahingeglitten. Mit jedem Tag, den sie Theben näher gekommen waren, hatte Rachels Aufregung zugenommen. In Wahrheit hatte sie schon auf dem Schiff keine Ahnung gehabt, wie sie ihr Vorhaben würde realisieren können. Und dennoch – sie hatte es sich vorgenommen. Sie musste und sie würde Shawar finden.
Rachel kehrte aus ihrer Gedankenwelt zurück in die Kammer, in der sie nun schon seit drei Wochen lebte. Noch immer kauerte sie am Fenster und starrte hinaus, ohne etwas wahrzunehmen. Langsam begann sie wieder zu registrieren, was rund um sie geschah. Sie sah Diener am Rand des Gartens umhereilen, emsig damit beschäftigt, ihre Aufgaben zu erfüllen. Nur wenige von ihnen sprachen miteinander – und wenn sie es taten, dann sprachen sie leise. Die Entfernung war so groß, dass sie sich gar nicht erst bemühte, auch nur irgendetwas von den kurzen Gesprächen zu verstehen. Von draußen drang gedämpft Kindergeschrei in ihre Kammer. Ein Pferd wieherte und Männer riefen einander etwas zu. Es war ihr nicht möglich, den Sinn der gerufenen Worte zu erfassen. Die Wortfetzen, die sie erreichten, ergaben keinen Sinn. Je dunkler es wurde, desto weniger konnte sie um sich herum erkennen. Stille breitete sich um sie aus und umgab sie wie ein Mantel. Stille, die in den letzten Wochen ihr Begleiter geworden war – die Stille der Gefangenschaft.

Rachel seufzte und blickte auf zu den Vögeln, die über das Niltal zogen, über welches sich lautlos der Abend senkte. Der Himmel war noch hell und klar erleuchtet von der untergehenden Sonne, die langsam im Westen verschwand und ihre letzten Strahlen feurig rot über den Himmel schickte. Diese unbeschreibliche Farbenpracht faszinierte Rachel jedes Mal aufs Neue. Nie würde sie sich daran sattsehen können.
Trotz ihrer Sorgen fühlte sie in ihrem Innersten eine unbegreifliche Freude über dieses unerwartete Geschenk. Ihre Gedanken und ihr Blick kehrten zu den Vögeln am Himmel zurück, als sie deren Flug beobachtete. War es Einbildung oder flogen diese Tiere tatsächlich in der Formation des Sternbildes des Osiris? Unglaublich – und dennoch – es war tatsächlich so. Sie taten es, wie auch an den Tagen davor. Verwundert beobachtete sie dieses atemberaubende Schauspiel. Erschrocken darüber, dass sie langsam die Deutungen der Ägypter übernahm, wog sie rasch ab, ob das Volk ihrer Väter nicht ein ähnliches Omen kannte. Es wollte ihr keines einfallen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 196
ISBN: 978-3-99048-461-6
Erscheinungsdatum: 03.11.2016
EUR 15,90
EUR 9,99

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