Quer über die Hängebrücke

Quer über die Hängebrücke

Judit Cornidesz Kiss


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 112
ISBN: 978-3-99131-029-7
Erscheinungsdatum: 13.12.2021
Dieses Buch bildet eine außergewöhnliche Reise von der Rákosi-Ära bis heute ab, aus Erinnerungen einer Frau mit Asperger-Syndrom rekonstruiert. Durch kurze, stimmungsvolle Geschichten lernen wir, wie sie die Welt ums ich herum fühlen und erleben konnte.
Vorrede
Kurz vor der deutschen Okkupation von Budapest wurde ich geboren. Etwa um die Jahrtausendwende hätte ich die Gelegenheit gehabt, meine Heimat in einem anderen Kontinent zu finden. Nach den politischen Schocks während meiner Kindheit hörte sich das zuerst wie eine schöne Entschädigung an … Nach dem spektakulären Feuerwerk in Sydney habe ich aber zu dieser Chance schließlich doch „nein“ gesagt. Ich habe mein Leben nach der Wende lieber in Ungarn fortgesetzt – auch wenn es hier gar nicht so leicht war, wirkliche Zufriedenheit und Harmonie zu erreichen. Inzwischen habe ich aber sehr wohl gelernt, dass unsere Lebensqualität viel mehr von unserer eigenen Persönlichkeit abhängt als von den äußeren Umständen. Doch ich will hier in diesem Buch nicht philosophieren, sondern von einer Familie erzählen, die doch recht ungewöhnlich lebte.
Wenn Du Dich schon einmal darüber geärgert hast, dass es in der Schule kein Fach namens Überlebenskünste gibt, dann solltest Du dieses Buch lesen. Und dabei zeigt es dir z. B. auch, wie man das Asperger-Syndrom oder ein allgemein überempfindliches Nervensystem unter Kontrolle halten kann. Lese das Buch bis zum Ende, selbst wenn andere Menschen Dich deswegen als Sonderling abstempeln! Manchmal ist es doch ermutigend, wie Nachteile sogar zu Vorteilen werden können. Diese Geschichte ist auch für Leser geschrieben worden, die keine Geduld haben, einen ausführlichen Familienroman zu lesen. Ich habe eher das Gefühl, dass ich in einer Art Dunkelkammer stehe und auf straff gespannte Schnürchen einzelne Bilder klammere –, Bilder, die für mich wichtig sind.


I. IN DIE TIEFE TAUCHEN
Vorübergehende Lebensphasen
Aus der Klinik am Bakáts-Platz wurde ich in ein Gebäude nach Hause gebracht, das am Anfang meines Lebens, d. h. im Jahre 1943, noch immer eine historische Atmosphäre ausstrahlte. In unserer unmittelbaren Nachbarschaft lebte der Schriftsteller Aladár Schöpflin und seine Familie. Laut der Erzählungen war auch der Dichter Endre Ady als der Taufpate von ihm öfters dort. Mein Vater scherzte 1949 mit großer Freude darüber, dass doch eigentlich unsere Etage (dank Onkel Ali) auch ein Kossuth-Preisträger wurde.
In der Mansardenwohnung und im Atelier malte Rózsa Molnár ihre Bilder, später zog dann noch István Biai Föglein bei ihr ein. Als kleines Mädchen habe ich die beiden öfters besucht. Hier lernte ich zum Beispiel, dass das Streiflicht gar nichts mit der Wohnungsreinigung zu tun hat. Täglich sah ich damals, wie seine Frau frische Blumenstrauße aus der benachbarten Markthalle für die Stilleben-Bilder holte. Unser dritter Malerkünstler im Hause war László Bencze, er war modern und gestaltete mein Leben als junge Erwachsene bunt und lebendig, so oft ich in sein Atelier eintreten durfte.
Das Leben in diesem imposanten Haus war nicht ruhig. Es gab unzählige Gästeeinladungen, sie kamen aus dem naheliegenden Károlyi-Palast und aus dem, hinter dem Museumsgarten liegenden eleganten Viertel. Ein illustrer Gast wurde immer nur „der Kärrner“ genannt, da er öfters so betrunken war, dass er nachts um 3 Uhr mit einem diskreten Transport, d. h. mit der Schubkarre nach Hause gebracht werden musste.
Im Jahre 1944 aber hat sich alles verfinstert, doch die Auswirkungen konnte ich als kleines Kind nur indirekt spüren. Mein Vater hatte meine Geburt bei meiner Mutter für die ersten zwei Jahre nach ihrer Heirat „bestellt“. Ich habe dann so gut wie zwei Väter bekommen, da mein Onkel Jenő und seine Frau Kató mit uns zusammenwohnten. Kató war selten zu Hause, sie war Schauspielerin und verschwand oft wegen ihrer Dreharbeiten. In der kriegsbedingten Stimmung kam sie einmal von ihrer letzten Theatervorführung so aufgewühlt und hektisch nach Hause, dass sie sogar noch ihre Theaterschminke, und auch auch die falschen Juwelen aus Pappmaché an hatte. Dédi, meine Urgroßmutter kommentierte dies sofort: „Ich habe es gar nicht gewusst, dass Jenci’s Frau so reich ist!“
Mein Vater wurde damals zum zivilen Luftschutzoffizier ernannt. Dadurch war er immer gut informiert und konnte vielen Menschen helfen. Er wurde immer nur mit „lieber Lajos“ angesprochen. Meine Oma arbeitete weiterhin fleißig in der Küche, aber nun ganz anders als früher: Sie träufelte kein edles Öl mehr in die Mayonnaise, sondern schmeckte jetzt nur noch einen einfachen Karottenkuchen ab. In diesen Tagen besorgte Jenő ein großes Brot, obwohl es ja eigentlich unmöglich war an einen solchen Schatz heranzukommen. Meine Mutter Valika hat die Geschichte dazu von ihm so gehört: „Ich habe einen Russen getroffen. Er hat sein Gewehr auf mich gerichtet und forderte mich auf: „Stoj!“. Anstatt stehenzubleiben, antwortete ich ihm freundlich, dass ich „stoje“. Ich ging in seine Richtung mit ausgestreckten Händen. Von ihm habe ich – oder besser: haben wir – dieses Brot bekommen.“
Jahre später bekamen wir eine niederschmetternde Nachricht aus Russland. Teréz, die jüngere Schwester meiner Mama ist während des „malenkij Robots“ gestorben. Sie kam irrtümlich in eine Gruppe, die verschleppt wurde. Aus ihrem Dorf, das hauptsächlich von Ungarndeutschen bewohnt war, waren viele junge Menschen mit deutschähnlichen Namen betroffen. Viele Geschwister von ihr wurden aus der Familie Bámer gnadenlos deportiert. Jancsi konnte schließlich aus dem russischen Bergwerk zurückkehren; zusammen mit ihm kam seine russische Ehefrau, die dort als Lorenschlepperin gearbeitet hatte. Nach diesen Schreckenszeiten war den Beiden nur ein kurzes gemeinsames Leben zu Hause in Ungarn vergönnt.
Ferenc hatte etwas mehr Glück. Ihn konnten wir nach der Kriegsgefangenschaft in Sewastopol in einem etwas besseren Zustand wiedersehen. Angeblich habe ich meine Eltern zu jener Zeit gefragt, was denn eigentlich an den Russen so schlimm sei. „Das wissen wir auch noch nicht genau,“ antwortete mein Vater sehr knapp. „Wir hoffen aber, dass Dir zukünftig nur die russische Musik und Literatur zuteil wird.“
Während Kató beim Abendessen ihre Paprikakartoffeln löffelte, teilte sie nebenbei mit, dass sie das Land verlassen werde. Niemand war damals überrascht. Da fallen mir gerade die Pointen ein, die ich über ihre Hochzeitsreise hörte. Im Jahre 1942 nahm Kató zwei Koffer voller Kleider und einen bildhübschen Hut zum Balaton mit. Sie träumte über Segelbootfahren und von Cocktailpartys. Ihr frisch gebackener Ehemann packte den Rucksack und das Angelgerät mit ein. Frühmorgens, an ihrem ersten gemeinsamen Tag, wachte Kató ganz allein auf. Die Begründung war sehr einfach: „Die Fische haben angebissen, mein Herzchen.“
Zuerst war es Kató, die ihren Ehering ablegte, damit sie in der Sonne angeblich keinen weißen Streifen auf ihrem Finger bekam. Später folgte Jenő ihrem Beispiel, da der Ring ihn beim Basteln wohl störte. Diese Kurzehe verging damit wie das Leben einer Eintagsfliege. Ihren Lieblingshund Flört (was „Flirt“ bedeutet) habe ich damals geerbt. Kató wurde dann von einem Schlepper über die Grenze gebracht. Sie wurde in Wien von einem Apotheker ungarischer Abstammung erwartet – und zwar mit Bananen, die sie später als großes Wunder in einem ihrer Briefe erwähnte. Wir hatten damals noch nicht einmal Orangen in Ungarn. Und als sie dann auf dem Schiff Richtung Australien unterwegs war, schickte sie mir Abziehbilder mit Segelbootfiguren. Dann verschwanden beide aus unserem Blickfeld für eine längere Zeit, aber nicht endgültig.
In den Jahren meiner Schulzeit gab es durchaus auch einige dunkle Phasen: Hausdurchsuchungen bei uns, oder auch Besuchs- und Sprechzeiten im Gefängnis … Die wirtschaftlichen Gerichtsverfahren der Gebrüder Kiss, das eine vor 1956, das andere kurz danach, sind in meiner Erinnerung dunkle Flecken. Aber nicht im Leben meiner Eltern! Sie belastete das Schicksal von Lajos und Valika schwer. Wir mussten uns mehrere Jahre ohne meinen Vater und seinen älteren Bruder Jenő im Haus in der Királyi-Pál-Straße durchkämpfen.


Konstellation
Am Abend, bevor ich auf die Welt kam, spielten sie bei uns zu Hause Karten. Erst mit meiner Ankuft wurden wir zu einer vierköpfigen Familie. Dédi, meine Uroma wohnte bei uns. Die meiste Zeit lag sie im Bett, und tagsüber musste immer jemand nach ihr schauen – mal meine elegante Großmutter, mal meine Eltern oder Jenő, manchmal auch Kató, wenn sie gerade ihre Theaterrolle zu Hause einstudierte. Dédi freute sich über den so geduldigen und zartfühlenden Lajos immer am meisten…
Die Wandpendule schlug gerade Mitternacht, als Mama eine runtergefallene Karte aufheben wollte. „Ist Dein Sodawasser umgekippt, Valika?“ – fragte einer ihrer Rommé-Partner, als er in diesem Augenblick gerade auf dem Teppich ein Wassertümpel erblickte. „Ach, das wird schon das Fruchtwasser sein“ – sagte meine Mutter lakonisch. Doch dann kam eine ziemlich heftige Reaktion von einem Familienmitglied: „Aber bitte, Du willst nicht gerade jetzt entbinden, wo ich so gute Karten habe!“
Das hat ihr aber nicht viel geholfen. Mein gestresster Vater griff schon gleich zu der bereits gepackten Sporttasche und schon ging es zu ihrem Arzt ins Krankenhaus.
Meine Eltern heirateten aus Liebe, aber mit reiflichen Überlegungen. Im Zeitalter der damals trendigen Eheverträge haben sie ohne Anwalt einfach etwas aufgeschrieben, ein paar Zeilen. Die Erwartungen von Lajos habe ich auf dem handgeschriebenen Zettel selbst gelesen: ein kleines Kopfkissen, ein eigenhändig verfertigter, handgeknüpfter Teppich vor dem Bett und ein Kind innerhalb der ersten zwei Jahre. Der Teppich soll Tappancs heißen, der Name des Kindes würde sich schon zeigen.
Die Vorbedingungen von Valika kennte ich nicht. Es gab bestimmt nicht zu viel. Ihre Schönheit katapultierte sie aus der ungarischen Tiefebene in die Pester Mittelklasse. In der hauptsächlich von Ungarndeutschen bewohnten Siedlung haben ihr so viele Geschwister Glück gewünscht, dass es fast für eine ganze Bergmannsbrigade genug gewesen wäre. Wenn ich an den Lauf ihrer Familiengeschichte denke, finde ich diesen Vergleich recht treffend, da ja während des „malenkij Robots“ auch ihr jüngerer Bruder Jancsi in einem russischen Bergwerk arbeitete.
Die Geburtswehen haben dann tatsächlich Glück gebracht: Frühmorgens um fünf Uhr fünfundfünfzig Minuten endeten sie mit dem Geburt eines Mädchen. Der Mond stand noch am Himmel und auch die Sonne konnte man sogar schon sehen. Davon konnte ich mich als 22-jährige junge Frau auf einer astrologischen Darstellung überzeugen, die ich als Geschenk bekam. Laut der Experten wird mein Schicksal durch den Mars überschattet und es gibt viele sogenannte leere Häuser. Es kam zudem noch ein trostreicher Kommentar von dem Verfasser: die Unvollständigkeit ist unwichtig, wenn die Seele nicht erdgebunden ist.
Der gewissenhafte geburtshelfende Arzt und meine Patentante mit ihrem schönen Lächeln bildeten damals ein glückliches Paar. Der Erstbenannte blieb später im Krieg verschollen, die Letztere aber hat mich viele Male mit der Liebe der kinderlosen Frauen beschenkt.
Eigentlich hatte man nicht mich, sondern einen Sohn erwartet. Der Name Peter war schon entschieden. Die Wahl war nicht zufällig, da das Wort „Fels“ oder auch „Stein“ bedeutet. Kann es möglich sein, dass die Erwartungen uns gegenüber schon im Embryonenalter anfangen? Im Haus um die Ecke der Királyi-Pál-Straße und Bástya-Straße, einige Meter von den Ziegelsteinen der einst schützenden Stadtmauer entfernt, ist damals ein Kieselsteinmädchen eingetroffen.


Salziger Balaton, süße Tränen
Meine Kindheit verbrachte ich in einer Zeit, in der bei uns im Grunde alles auf dem Kopf stand. Ich hatte kein eigenes Zimmer. Die Witwe des Hausbesitzers und Lajos hatten Angst wegen einer eventuellen Zwangsaussiedlung und zauberten aus der Sechs-Zimmer-Mietwohnung drei kleinere Einlieger-wohnungen. Alles in kurzer Zeit und aus lauter Baumaterialen, die man leicht vom Abriss oder aus Haustrümmern besorgen konnte. Für mich gab es einige Lieblingsecken in der Wohnung. Oben an der Flügeltür wurde eine Schaukel aufgehängt, auf der ich hin und her geschaukelt wurde. Später kletterte ich oft auf die dreieckige niedrige Überdachung unseres Kachelofens; er war aus bildschönen grünen Keramiken gebaut und wurde mit echten Holzscheiten gefüttert. Aus dem Wohnungsteil von Onkel Jenő konnte man gut auf die Straße hinuntergucken, weil er einen Balkon hatte.
Anstatt Kindergeburtstage zu feiern, mussten Lajos und Valika mit mir aber ständig ins Krankenhaus gehen. Sie haben sich dabei immer bemüht, ihr lächelndes Gesicht zu bewahren. Nach der Mandel-OP konnten wir im Krankensaal z. B. prima Eis essen, weil Vanille- und Schokokugeln, die zur Verfügung standen, die Wunde perfekt kühlen konnten. Einen unvergesslichen Anblick habe ich dann in der Augenklinik geboten. Die Diagnose lautete: Verstopfung des Tränenkanals. Nach dem Ärztebesuch durfte ich nicht mehr nach Hause gehen. Das heulende Kind mit dem lilafarbenen Kopf und eine Mama mit dem Madonna-Gesicht mussten ziemlich schnell bis zur Tür eines freien Behandlungsraums durchkommen. In der Verwandtschaft hieß es später nur, dass das Kind süße Tränen weinte.
Reichlich flossen die Tränen, als Valika und Lajos für eine ganze Woche zu zweit an die Adria fahren wollten. Die Spielkameraden haben mich überhaupt nicht interessiert, ich wollte nur die Beiden um mich haben. Kató hat mich inzwischen mit ihrem Spaniel zurückgelassen. Ich tröstete mich mit der Gesellschaft von Jenő, der von Kató ebenfalls zurückgelassen wurde. Ich habe mir einen Zoo aus Pappmaché aufgebaut, daneben lag ein flaches Gefäß, das als See fungieren sollte. Flört, der Hund, benutzte es aber auch als Trinknapf. Als ich schon erwachsen war, habe ich öfters über den Ursprung seines Namens nachgedacht. Da kam mir plötzlich ein Bild von Kató in Erinnerung, wie sie mit Flört auf dem Corso spazieren ging, wie sich die Hundeleine plötzlich mit der Leine eines fremden Hundes verknotete und dessen Herrchen sie laut begrüßte. Solche „Küss’die Hand!“-Bekanntschaften wurden dank Flört immer häufiger.
Meine Eltern haben Abbazia aber damals gar nicht erreicht. Ihre Papiere und Reisepässe wurden schon bei Székesfehérvár kontrolliert und weggenommen. Später bekamen sie alles mit der Begründung zurück, dass eine Person namens Lajos Kiss wegen illegaler Schweineschlachtung gesucht wurde. Dieser Name kommt ja wohl öfters vor … Da kann man das schon verstehen, nicht wahr?
Danach kehrten sie aber nicht nach Budapest zurück. In Siófok stiegen sie aus dem Zug aus, und mein Vater mietete ein Zimmer am Seeufer für drei Tage. In einem Krämerladen namens „Hangya“ kaufte er einen großen Sack voll Salz, und wie der Balaton unter ihren Füßen immer tiefer wurde, streute er das Salz vor die Füße seiner Frau, um bei ihr die Illusion eines richtigen Meeres zu erzeugen.
Früher als geplant kamen sie nach Hause und sahen, dass meine Oma mich gerade auf dem Schoß hatte und zu mir sagte: „Genosse Rákosi ist unser Vater.“ Diese beschützende Suggestion hat später leider keine Früchte getragen. Ich habe meine Oma ohne Nachzudenken aufgeklärt, dass ich doch schon zwei Väter habe und die Beiden einfach die Besten für mich sind.


Blutiger Ernst
Ich brauchte als Teenie-Mädchen keine Aufsicht der Erwachsenen, ich schrieb meine Hausaufgaben immer allein. Ich habe die Hefte in meine Schultasche gelegt, und vor dem Schlafengehen wollte ich noch schnell ein Glas Wasser aus der Küche holen. Dabei kam ich nicht aber weit; das Wasser habe ich dann lieber aus dem Badezimmer geholt. Ich habe meine Mutter in der Küche gesehen, die sich sehr konzentriert über den Tisch beugte. Sie hat einen Pyjama-Oberteil geglättet, aber ich sah nirgendwo ein Bügeleisen. Die Farbe des Pyjamas war braun und gehörte Jenő. Papa trug einen ähnlichen blauen aus Flanell. Auf einmal streckte Mama ihre Hand nach hinten. Und jetzt sah ich ein Hühnchen in voller Federpracht, aber mit durchgeschnittener Kehle. Sie hat das Blut des Huhnes sorgfältig auf die Vorderseite des Pyjamas geträufelt und das Ergebnis dann nachdenklich betrachtet. Die Szenerie schien mir absurd. Sie, die in Jenős Zimmer immer beispielhafte Ordnung hielt, ihm täglich sechs frisch gebügelte Taschentücher auf seinen Tisch legte, seine Medikamente immer sorgfältig portionierte und sogar zwei Fieberthermometer benutzte! Und jetzt machte sie den Pyjama mit diesem unappetitlich aussehenden Vieh absichtlich blutig!
Sie blickte hoch und bemerkte mich. „Geh’ bitte schlafen“, sagte sie, „wir reden morgen.“ Am nächsten Morgen war das Zimmer von Jenő leer und sein Bett unberührt. So ist es zwei Jahre lang geblieben. Er hat sein Bett für eine Pritsche im Gefängnis eingetauscht. Damals war uns noch nicht bewusst, dass dies nur seine erste Pritsche sein würde.
Jenő musste die Zeit seines Freiheitsentzugs ab dem nächsten Morgen in einem Budapester Gefängnis beginnen. Er hatte eine Strafe für illegale Briefmarkenverkäufe, für den Handel mit Silber und für den Besitz von Fremdwährungen bekommen. Und es lief ähnlich mit dem parallelen Gerichtsverfahren von Lajos. Jenő hat mehr auf sich genommen, weil Lajos Familie hatte. Doch, der zuletzt Erwähnte hat das Gleiche getan, weil die Gesundheit des älteren Bruders ziemlich angegriffen war. Damals war der initiale Lungenspitzenkatarrh ziemlich verbreitet.
Unser glatzköpfiger Anwalt hat sich seine nichtexistierenden Haare damals bestimmt einzeln ausgerissen, als sich herausstellte, dass mein Vater das Honorar mit einem großen Betrag für die beiden Brüder bezahlt hatte. In der Empfangsbescheinigung fand man den Betrag viel höher als gewöhnlich. Schon stand die Klage wegen Bestechung bereit…
Für das Intermezzo mit dem Hühnchenblut in der Küche gab es eine besondere Erklärung. Meiner Mutter gelang es ihren, mit einem Pyjama bekleideten Schwager noch vor Mitternacht in das Gefängniskrankenhaus einzuschleusen. Diese Tür öffnete sich auch nach innen schwer, aber das blutverschmierte Oberteil, die späte Stunde und dazu gute Beziehungen haben geholfen.
5 Sterne
Sinnschichten der Erinnerungen - 20.01.2022
Katalin Arndt

Wir lernen in diesem Buch eine Frau kennen, die in einem Land geboren wurde, das seit ihrer Geburt gewaltige Systemwandlungen erlebt hat. Die Erzählungen der Autorin aus Ungarn liefern uns eine Kontinuität der verschlungenen Lebensstationen, die sie geformt und Spuren hinterlassen haben. Viele familiäre Charakterzüge und die eigene Beharrlichkeit sowie Lebensbejahung stärkten sie trotz Krankheiten und prekären gesellschaftlichen Umständen, in wechselhaften Bildungsgängen und Berufen Spaß und Schönheit zu finden. Die pittoresken Beschreibungen lassen uns ihre Leidenschaften, die Reisen, die Literatur und die außergewönhlichen Begegnungen miterleben und dies besonders auch Dank der ausgezeichneten Übersetzung.

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