Sonstiges & Allerlei

Perito Moreno

Ernesto Scato

Perito Moreno

Schicksalshafte Reisen

Leseprobe:

Perito Moreno


Grosi, ich komme, ich komme! …

Es war Carol Marty, die diese Worte halblaut aussprach, eine attraktive Frau von 35 Jahren, mit braunen Augen und schwarzem Haar.

Sie stand am äußersten Abbruch des Perito Moreno, dieses großartigen patagonischen Gletschers, der in den Lago Argentino mündete. Der Name klang geheimnisvoll, vielleicht sogar Unheil verheißend? Das Wort „moreno“ konnte im Spanischen so viel wie braun oder dunkel bedeuten, „perito“ dagegen ließ sich aus dem Lateinischen ableiten mit der Bedeutung verloren gehen, umkommen oder gewaltsam ums Leben kommen. In Wirklichkeit trug der Gletscher aber den Namen von Perito Moreno, einem Erforscher Patagoniens, der eigentlich Francisco Pascasio Moreno geheißen und von 1852 bis 1919 gelebt hatte. Die Amtsbezeichnung Perito bedeutete im Spanischen Sachverständiger, und Moreno hatte den Titel Perito de la Comisión de Límites im Jahre 1902 erhalten, als er mit der Grenzvermessung von Argentinien und Chile beschäftigt gewesen war.

Die Eismasse funkelte im gleißenden Sonnenlicht eines selten schönen Tages. Schneeweißes Eis wechselte mit intensiv blauen Stellen, die wie von riesiger Menschenhand eingefärbt das Blau des Himmels einfingen. Bei genauerem Hinsehen entdeckte man auch schmutzigere Stellen auf dem Eis, kleine Gesteinsmassen, die der Gletscher mit sich führte und dann in Form der Moräne seitlich ablagerte. Hier war der Gletscher außerordentlich stark zerklüftet, durchsetzt von Rissen und Spalten, sodass bizarre Formen entstanden: Hier ragt eine riesige Pfeilspitze, da eine Blume oder ein Tierkopf empor.

Von Zeit zu Zeit löst sich ein Stück Eis aus der Gletschermasse und stürzt ins Wasser. Es fing ganz zeitlupenmäßig an, fast wie auf Ansage. Beinahe wäre man versucht zu sagen, es geschah eigens wegen der Touristen, damit diese Zeit genug fänden, das Naturschauspiel gebührend zu fotografieren. Langsam löste sich ein Stück Eis aus einer Wand, brach ab wegen des eigenen Gewichts, fiel, zuerst langsam, dann immer schneller werdend, in die Tiefe. Es folgte ein kurzes Aufspritzen, wenn das Eis auf die Wasseroberfläche aufschlug. Der Eisblock tauchte unter, verschwand. Für einen kurzen Augenblick erschien die Wasseroberfläche mehr oder weniger ruhig, bis plötzlich das Eis wieder auftauchte, wie wenn es zurück zu seinem ursprünglichen Platz hinaufspringen wollte. Jetzt ging der Hexenkessel los, es brodelte, der Eisklotz zerfiel in viele Einzelstücke, brach auseinander, ging auseinander, schwamm auseinander. Erst jetzt sah man, dass die Eismasse doch größer gewesen war, als es den Anschein hatte.

Die Färbung des Wassers hatte sich nun auch geändert. Das prächtige Blau des Lago Argentino war einer seegrünen, mit weißen Pigmenten versetzten Fläche gewichen. In gewissen Abständen wiederholte sich dieses Schauspiel. Jetzt, zwischen zwei und drei Uhr nachmittags, gab es die meisten Gletscherabbrüche, als Auswirkung auf die intensive Sonneneinstrahlung. Man musste viel Geduld haben, um einen wirklich großen Abbruch mitzuerleben, etwa den Absturz des Teddybären, den man in einer imposanten Formation erkennen konnte. Dabei krachte und tobte es allenthalben, oft stammte das Donnern von Abbrüchen im Gletscher selbst, unsichtbar, oder der Abbruch erfolgte auf der anderen Seite des Gletschers. Unglaublich, wie das Abbrechen auch einer kleinen Eismasse durch Echowirkung und Widerhall einen enormen Lärmpegel verursachte.

Alle paar Jahre gab es hier ein Naturschauspiel von unglaublichem Ausmaße, Abbrüche in Serie. Ein Teil des sich vorwärtsbewegenden Gletschers blockierte einen Seitenarm des Lago Argentino, den Barzo Rico, so entstand nur ein paar hundert Meter von der Gletscherzunge entfernt ein Engpass, ein Tor aus Eis, durch welches das Schmelzwasser in den See hinunterfloss. Das meiste Eis von den Gletscherabbrüchen schmolz längst vor der Passage dieses Engpasses, aber es gab doch immer wieder größere Eisblöcke, die allmählich das Tor noch enger machten und schließlich verschlossen. Dadurch wurde dieser Seitenarm vom Lago Argentino abgetrennt. Von Süden her gab es zahlreiche Zuflüsse des Brazo Rico, die sich in diesen Seitenarm ergossen, dessen Wasserspiegel stieg und stieg, bis zu dreißig Meter über demjenigen des Lago Argentino. Es brauchte zwei bis fünf Jahre, bis der Wasserspiegel und der Druck dermaßen gestiegen waren, dass die Eisbrücke und das Tor nicht mehr standhalten konnten und mitsamt einer gewaltigen Eiswand brachen. Gewaltsam drang das Wasser talwärts, explosionsartig schier, und bumerangartig pflanzte sich die Explosion auf den Gletscher fort, riss ihn mit, zerriss seine Front, riss Zahn um Zahn aus, fortwährend während Minuten und Stunden. Die Natur tobte wie in einem reißenden Wasserfall, mit dem Unterschied, dass hier kompakte Eismasse fiel.

Der Zeitpunkt dieses Rompimientos, des Gletscherdurchbruchs, schien noch nicht gekommen, war aber doch in absehbarer Zeit zu erwarten, der Wasserspiegel des Brazo Rico stand hoch, und der Gletscher kalbte immer wieder. Er schob alle drei Tage etwa fünf Meter Eis nach vorne. Wenn man die Länge des Gletschers sowie diese Abbruchgeschwindigkeit in Betracht zog und annahm, der Gletscher bilde kein neues Eis, was natürlich nicht stimmte, dann bräuchte es dreihundert Jahre, bis ein Stück Eis vom Firn bis zum Wasser geflossen wäre. Dreihundert Jahre, welch kurze Zeit! Wo blieb da das Eis, das nach Ansicht von Wissenschaftlern heute Millionen von Jahren alt sein sollte?

Carol starrte in die Tiefe, sie stand vielleicht sechzig oder hundert Meter über dem Wasserspiegel. Ihr offenes langes schwarzes Haar flog im kräftigen Wind, sie kniff die Augen zusammen, geblendet von der Reflexion des Lichtes durch Eis und Wasser. Ihre Sinne waren aufs Höchste angespannt, und da wieder, hörte sie eine Stimme, zuerst ganz leise, aber immer deutlicher und intensiver werdend. Carol hätte nicht sagen können, woher die Stimme kam, aber sie kannte diese Stimme. Ohne Zweifel war es die Stimme von Grosi, wie sie Lora nannte, ihre Großmutter mütterlicherseits, die vor etwa einem Jahr gestorben war. Carol hatte schon öfter diese und auch ähnliche Stimmen vernommen. Zum letzten Mal hatte sie die Stimme Loras ein paar Tage vor dem Tode ihrer Großmutter gehört. Carol hatte damals den Ruf richtig gedeutet, sie begriff, dass ihre Großmutter sterben würde und sie an das Totenbett rief, doch sie konnte dem Ruf nicht folgen, war sie doch, wie auch jetzt, der Heimat fern, ohne Möglichkeit zur rechtzeitigen Heimkehr. Was wollte Großmutter nun von ihr? Weshalb brauchte sie wohl Hilfe, sie, die gar nicht mehr in dieser Welt lebte, die nun auch Carol schier unerträglich geworden war?

Carol stammte aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Ihr Vater war kaufmännischer Angestellter und in der Funktion eines Einkäufers in einem technischen Betrieb tätig, ihre Mutter war Hauswirtschaftslehrerin, hatte den Beruf aber nur kurze Zeit ausgeübt. Außer der Zwillingsschwester, Tamara, hatte Carol keine Geschwister. Zur Welt kamen Tamara und Carol vor fünfunddreißig Jahren in Zürich, wo sie eine sorglose Kindheit verbracht hatten. Während ihre Schwester bei einem Anlass einen Engländer kennengelernt und geheiratet hatte und nach Schottland auswanderte, war Carol trotz verschiedener Beziehungen zu Männern unverheiratet geblieben. Sie hatte Literaturgeschichte studiert und arbeitete nun als Bibliothekarin. Immer wieder unternahm sie kleinere und größere Auslandsreisen, aber seit vielen Jahren hatte sie ihre Schwester nicht mehr gesehen. Nun hatte sie die Absicht, wegen ihrer Erkrankung Tamara und ihre Familie in Schottland zu besuchen. Dieses Vorhaben wurde ganz plötzlich zunichte gemacht, und aus dem Reiseziel Schottland war unverhofft Südamerika geworden.

Die Gedanken von Carol glitten zurück, zuerst in die früheste Kindheit, durchliefen das ganze Leben, gingen zurück ins Kindesalter, immer und immer wieder, um dann für eine Weile in der jüngsten Vergangenheit stehen zu bleiben. Dinge waren geschehen, die nicht hätten geschehen dürfen, die Carol hätte vergessen wollen. Aus diesem Grunde hatte sie ja auch die Reise angetreten, die sie hierher zum Perito Moreno-Gletscher geführt hatte, denn in der Weite Patagoniens erhoffte sie sich Ruhe für ihre aufgewühlte Seele. Ihre Gedanken flogen zu ihrer Zwillingsschwester, die sich jetzt gerade weit entfernt von Carol aufhielt, und die im Gegensatz zu ihr selbst seit Kurzem mit gesundheitlichen Problemen kämpfte. Carol dachte an ihre Schwester und an deren einzigen Sohn, der in Wirklichkeit ja ihr eigenes Kind war. Sie dachte an ihre Reise nach Finnland, wo sie einen Musiker getroffen hatte. Aus dieser Begegnung war eine Schwangerschaft entstanden, eine Schwangerschaft, die sie im Beisein ihrer Schwester in einer kleinen Pension im Südtirol ausgetragen hatte. Die Rollen waren dabei vertauscht worden, und als Mutter war dann die Zwillingschwester von Carol aufgetreten, die selbst keine eigenen Kinder haben konnte.



Nurmi Hämäläinen


Auf einer Reise nach Finnland lernte Carol Nurmi Hämäläinen kennen. Sie war damals mit einem Charterflug nach Helsinki geflogen, hatte dort einen kleinen Mietwagen übernommen und war dann auf eigene Faust durch ganz Finnland gereist, bis hinauf in den Norden. Sie unternahm mehrere Wanderungen, badete oft in den unzähligen Seen, erholte sich von den zeitweiligen Strapazen in der Sauna und genoss die langen Nächte mit der Mitternachtssonne. Dazwischen kamen auch die kulturellen Aspekte nicht zu kurz, Carol besuchte Museen, Holzkirchen, Schlösser. Es war ein sehr warmer Tag, das Thermometer am Gebäude einer Tageszeitung zeigte dreißig Grad an, Carol befand sich in Savonlinna und war müde und erhitzt von der Stadtbesichtigung. Sie zögerte, ob sie die Besichtigung des Schlosses gleich anschließen sollte, der Entscheid wurde ihr jedoch abgenommen, die nächste Führung würde erst am Nachmittag stattfinden. So kaufte sie sich einen kleinen Imbiss und begab sich an den Strand, wo Einheimische und Touristen im Saimaa-See badeten und sich sonnten. Auch Carol stürzte sich rasch in den Badeanzug, den sie immer im Handgepäck mit sich führte, und nahm ein erfrischendes Bad, um anschließend ihr Schinkenbrot zu verzehren. Während des Kauens ließ sie ihren Blick umherschweifen, dabei entdeckte sie nur wenige Meter von sich entfernt einen jungen Mann auf dem Rücken liegen. Carol stockte beinahe der Atem ob dieses Anblicks. Sie fühlte sich fast in die Sixtinische Kapelle in Rom versetzt, glaubte ein Werk Michelangelos vor sich zu haben. Der Jüngling besaß einen künstlerisch vollkommenen Körper, in jeder Beziehung richtig proportioniert, muskulös, und blondes Kraushaar. Gebannt blieben die Augen von Carol auf dem Körper des jungen Mannes haften, der unbeweglich dalag mit geschlossenen Augen, offensichtlich schlafend. Dieser Mann wäre das vollkommene Modell für einen Bildhauer gewesen. Carol konnte ihre Blicke kaum mehr abwenden, abwesend würgte sie die letzten Bissen ihres Schinkenbrotes herunter, ohne noch von der übrigen Umgebung Notiz zu nehmen oder auch nur das Geringste zu bemerken. Mindestens eine Viertelstunde verharrte Carol unbeweglich in dieser Position. Da, auf einmal schlug der Adonis seine Augen auf, sie waren blau, ganz vollkommen hellblau. Carol hatte es geahnt, ja gewusst, ein Abgott wie dieser konnte nur blaue Augen besitzen, jede andere Farbe wäre ein Stilbruch gewesen. Der junge Mann schien den Blick von Carol zu spüren, er schaute hinüber. Er fand es offenbar keineswegs lästig, angestarrt zu werden, vielleicht war er es gewohnt, oder vielleicht war die Faszination doch gegenseitig. Das musste es wohl sein. Auch Carol war eine schöne Erscheinung, auch wenn sich hier wohl keiner in göttlichen Superlativen hätte ausdrücken wollen. Was Carol die blonden Haare des jungen Mannes bedeuteten, mochten für diesen die langen schwarzen Haare der Bibliothekarin sein. Es folgte ein kurzer Blickaustausch, dann kam ein kurzes, aber freundliches „heja“ aus dem Munde des Mannes. Carol wollte den Gruß erwidern, brachte vorerst aber fast keinen Ton heraus, doch dann nahm sie alle Kräfte zusammen.
„Hey, do you speak English?“, fragte sie.
„Yes, I do“, war die bejahende Antwort. Das Eis war sofort gebrochen, das Gespräch kam schnell in Fluss. Nach ein paar belanglosen Höflichkeiten ging man etwas mehr in die Tiefe.
„Wie heißt du? Wie ist dein Name, woher kommst du?“ Jeder fragte den anderen aus nach woher, warum, wie und was sonst noch von Interesse sein mochte. Es war nicht nötig, sich weiterhin der englischen Sprache zu bedienen, denn Nurmi, das war der Name des jungen Mannes, wie Carol gleich zu Beginn wissen wollte, sprach ganz leidlich deutsch. Nurmi Hämäläinen war sein voller Name, und die Frage nach seiner Herkunft war nur noch Formsache. Finnischer hätte ein Name wohl nicht klingen können, und die ganze Erscheinung hatte ja bereits auf einen Nordländer hingewiesen.

„Ich bin Musikant, Flötist, spiele Querflöte im Orchester von Savonlinna“, erklärte Nurmi.
„Ja, wirklich? Das überrascht mich, ich hätte eher an einen sportlichen Beruf gedacht.“ Für sich dachte Carol wieder an die griechische Mythologie, da war ja Pan, der Flöte spielte, und Adonis, aber ob dieser der Musik abhold war, war ihr nicht bekannt. Die beiden plauderten über eine halbe Stunde miteinander, dann verabschiedete sich Nurmi.
„Ich muss zur Probe.“
Im Hof des Schlosses war eine Freilichtbühne aufgebaut.
„Was spielt ihr denn?“, wollte Carol wissen.
„Die Hochzeit des Figaro von Wolfgang Amadeus Mozart“, war die Antwort.
„Hörst du gerne Musik? Ich kann Dir eine Karte für diesen Abend besorgen.“ „
„Oh ja, gerne, das wäre schön!“

Carol blieb noch eine Weile am Strand liegen, dann zog sie sich an und bummelte zum Schloss hinüber. Die deutschsprachige Führung hatte sie nun verpasst, sie hatte aber keinerlei Probleme, sich einer englischen Gruppe anzuschließen. Schloss Olavinlinna war 1475 erbaut worden, auf einer Felseninsel, die heute innerhalb des Stadtgebietes liegt. Die Stadt selbst entstand eineinhalb Jahrhunderte später. Olavinlinna, oder Olafsborg, wie der schwedische Name lautet, beeindruckte Carol mit seinem wuchtigen, runden Turm. Die Innenräume waren gut restauriert worden und beherbergten nun ein historisches Museum. Nach der Besichtigung blieb Carol noch genügend Zeit, ins Hotel zurückzukehren, sich frisch zu machen, ihr bestes Kleid anzuziehen. Obschon sie mittags nur eine Kleinigkeit gegessen hatte, verspürte sie keinen Hunger. Sie vertrieb sich die restliche Zeit mit einem Buch, dann begab sie sich zum Schloss. Die Vorstellung begann pünktlich, die Inszenierung war sehr schön und kam im Schlosshof voll zur Geltung, auch die Akustik war hervorragend. Carol genoss Musik und Darsteller in vollem Maße. Sie hatte einen Platz erhalten, von welchem aus sie das ganze Orchester überblicken konnte, und so konnte sie auch die Einsätze von Nurmi verfolgen. Trotz der Schönheit der Aufführung fieberte Carol dem Schlussvorhang entgegen, denn Nurmi hatte sie gebeten, auf ihn zu warten.

Endlich war es so weit. Der Vorhang fiel, der Applaus wollte nicht enden, die Darsteller mussten mehrmals wieder vortreten, bis sich schließlich der Vorhang zum letzten Mal senkte. Carol verließ mit den anderen Zuschauern den Hof und wartete beim Ausgang, bis Nurmi kam.
„Sollen wir etwas essen gehen?“, fragte Nurmi.
„Ja, gerne, nun bin ich doch etwas hungrig geworden.“
Zusammen fuhren sie zu einem kleinen, aber feinen Restaurant. Es ging gegen elf Uhr, Nurmi bestellte eine kleine Flasche Sekt und belegte Brote mit Lachs, Rentierfleisch, Kaviar. Es schmeckte Carol vorzüglich, das lag aber nicht nur am Essen selbst.

Draußen stand immer noch die Sonne am Himmel; auch wenn es merklich abgekühlt hatte, war es immer noch warm. Im Restaurant selbst wurde es Carol schon fast zu warm, und so nahm sie den Vorschlag von Nurmi gerne an, noch etwas zur Stadt hinaus an einen anderen Teil des riesigen Saimaa-Sees zu fahren.
Dort gab es mehrere kleine Buchten, zum Teil mit Felsufern, zum Teil mit Sandstrand. Nurmi und Carol spazierten von einer Bucht zur andern, angeregt plaudernd. Die Sonne schickte ihre goldroten Strahlen über die Wasseroberfläche, ein paar Birken warfen flache Schatten, und im Schilfe paddelten Wildenten umher. Es herrschte eine einzigartige romantische Stimmung. Nurmi machte eine einladende Geste in Richtung zum See. Carol verstand, nickte, wortlos zogen sie sich aus. Ihre Badeanzüge hatten sie natürlich nicht mit, aber schließlich befand man sich im Norden, in Finnland, und weit und breit war kein Mensch zu sehen. Mit Begeisterung stürzten sich beide ins Wasser, genossen die Erfrischung, schwammen hin und her, um zwischendurch im seichteren Wasser zu laufen, sich gegenseitig jagend. Eine gute halbe Stunde dauerte dieses Treiben, dann verließen Carol und Nurmi den See. Sie schüttelten und strichen sich das Wasser vom Körper, denn auch das Badetuch fehlte. Eine magische Kraft zog die beiden an, wortlos fielen sie sich in die Arme, die Knie wurden weich, gaben nach, und ohne dass sich die beiden dessen gewahr wurden, lagen sie am Boden im spärlichen Gras.

Am nächsten Tag setzte Carol ihre Reise fort, sie blieb noch eine knappe Woche in Finnland. Nurmi sah sie nie mehr, doch einen Monat später gab es Anlass, wieder an ihn zu denken.



Die Schwangerschaft


Ja, es wurde Carol bald klar, dass sie schwanger war, ein Umstand, der schlecht in ihre Pläne passte. Sie blieb ratlos fand aber keinen Weg, Nurmi zu kontaktieren. Sie befasste sich mit dem Gedanken einer Abtreibung, aber irgendwie sträubte sie sich dagegen. Es gab keine Freundin, mit welcher sie ihr Problem diskutieren konnte, aber da war ja noch ihre Zwillingsschwester. Es gab darauf ein langes Telefongespräch. Ihre Schwester konnte vorerst keinen Rat erteilen.
„Es ist einfach ungerecht, ich möchte schon lange gerne ein Kind, aber es klappt einfach nicht“, erklärte Tamara. „Und du wirst schwanger, ohne es zu wollen.“
So blieb Carol vorerst weiterhin ratlos, aber ein paar Tage später rief Tamara Carol wieder an und unterbreitete ihr einen abenteuerlichen Vorschlag.
„Hör mal, liebe Schwester. Ich habe meinem Mann von deinem Problem erzählt, und zusammen sind wir auf folgende Lösung gekommen. Was hältst du davon, wenn du das Kind austragen und gebären würdest, aber ich würde dann als Mutter auftreten?“
„Ja, wie stellst du dir das denn vor, das geht doch nicht?“
„Doch, das ist ganz einfach. Ich kann hier eine Schwangerschaft vortäuschen, und du musst deine so lange wie möglich verbergen. Sobald dies nicht mehr möglich ist, verreisen wir gemeinsam an einen Ort, wo uns niemand kennt, und dort vertauschen wir unsere Identitäten. Du trittst als Tamara, ich als Carol auf, wir sind uns ja so ähnlich, dass das niemand merkt. Das Kind wird dann unter dem Familiennamen Seaford geboren.“
„Ja, das klingt einfach, aber was sagt denn dein Mann dazu?“
„Er ist hellauf begeistert, die Idee kam schließlich von ihm.“
„Gib mir etwas Zeit“, sprach Carol, „ich muss mir das Ganze gut überlegen. Ich muss ja auch abklären, unter welchem Vorwand ich meine Arbeitsstelle so lange verlassen kann.“

Die Frage mit dem Arbeitsurlaub war tatsächlich nicht so einfach. Wie lange müsste sie wohl weg bleiben, zwei, drei oder gar mehrere Monate? Wie lange konnte sie sich finanziell einen unbezahlten Urlaub leisten, zu welchem noch die Aufenthaltskosten kommen würden? Carol rechnete und rechnete, suchte Informationen, und kam zum Schluss, dass vermutlich eine Auszeit von mindestens vier Monaten einkalkuliert werden müsste. Etwas lange, viel zu lange, dachte sie, aber sie sprach dennoch mit ihrem Arbeitgeber. Unter dem Vorwand eines Sprachaufenthaltes beantragte sie einen Urlaub von vier Monaten, der ihr auch bewilligt wurde.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 184
ISBN: 978-3-903067-92-9
Erscheinungsdatum: 01.08.2016
EUR 21,90
EUR 13,99

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