... pass bitte auf

... pass bitte auf

Rolf Berlimont


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 182
ISBN: 978-3-99131-462-2
Erscheinungsdatum: 21.06.2022
Das ruhige Rentnerleben eines alten, alleinstehenden Mannes ändert sich grundlegend durch die zufällige Begegnung mit zwei Frauen. Plötzlich muss er sich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen und seine Zukunft neu planen.
Vorwort

In Abänderung eines bekannten Sprichwortes könnte man sagen: „Alt werden ist nicht schwer, alt sein dagegen sehr.“
Aber hier kann man sehen, dass es auch anders geht und bescheidene Freuden den Alltag versüßen können.
Es ist so schön, wenn junge Menschen das Alter nicht nur schätzen, sondern auch durch ihre Achtung und Anerkennung der Lebensleistung der Alten bereichern.
Die nachfolgenden Zeilen sollen auch eine bittersüße Liebeserklärung für Bremen sein, die Heimatstadt des Autors.
Namensgleichheiten von lebenden und toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Rückseite des Buches, über den Autor.
Ein langes Leben als Kaufmann, Seemann, Flugbetriebsspezialist bei der Luftwaffe und leitender Kaufmann als Angestellter und Selbstständiger. Bei allem, was er auch tat, die See ist immer in seinem Herzen.
Der einfache Weg ist ihm zu langweilig, der schwere Weg brachte ihn so manches Mal an den Rand des Lebens. Jetzt ist er alt, schaut auf ein abenteuerliches Leben zurück und ist zufrieden, wie es ist.


… pass bitte auf!

An einem Julitag, einem Freitag, war es im Eineinhalbzimmerapartement des alten Mannes in Bremen-Schwachhausen zu heiß, um sich dort aufzuhalten.

Der alte Mann verließ seine Wohnung am frühen Nachmittag, kurz nach seinem üblichen Nickerchen, und ging durch das schmale Treppenhaus mit den knarrenden Stufen hinunter zum Ausgang des Hauses.
Seine Knie schmerzten bei jedem Schritt, als er die Treppe hinunterstieg. Dann ging er durch den Vorgarten.
Er öffnete die Eingangspforte und stand auf dem Gehweg vor dem Haus, einer alten Villa aus der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts.

Er trug ein verschlissenes weißes Polohemd und eine helle Kappe, die seinen Kopf mit dem Kurzhaarschnitt zierte und vor Sonnenbrand schützen sollte. Aus der Kappe lugten weißgraue Haaren hinten und an den Seiten hervor.
Außerdem trug er ein paar abgewetzte Jeans und seine Plagegeister, die schwarzen orthopädischen Halbschuhe, die er tragen musste, denn man hatte ihm schon vor Jahren die Hauptzehen und noch zwei weitere an beiden Füßen amputiert.
Und zwar deshalb, weil die Blutgefäße, die die Beine mit Blut versorgten, irgendwie verstopft waren.
Auch kam er viel zu spät zu geeigneten Ärzten, weil der Hausarzt ihm auf seine Klagen, dass er kaum noch ohne Schmerzen laufen könnte, sagte: „Ach, gehen Sie in die Apotheke und kaufen Sie sich Magnesium.“ (Solche Ärzte sollten verklagt werden, denn die gehörten zu den Ärzten, die nur an schnellem Geld interessiert waren.)
So hatte er viel Zeit verloren. Es wurde immer schlimmer. Bis er nach einem Tipp seines Nachbarn zu einem Diabetologen ging, der nach kurzer Untersuchung die sofortige Krankenhauseinweisung veranlasste. Hier wurde festgestellt, dass ein Abzweig der Baucharterie verstopft war, der die Beine mit Blut versorgte. Es wurde ein Stent gelegt, aber für die Füße kam jede Hilfe zu spät.
Damals kam das Unglück nicht allein. Seine Frau war unheilbar krank und seine Tochter wohnte siebenhundert Kilometer weit weg im Süden Deutschlands. Aber dazu später mehr.
Er schaute sich um und überquerte die beiden gegenläufigen Straßen, die seine Unterkunft vom Städtischen Bürgerpark trennte.
Auf der anderen Seite standen im Park zwei hässliche Zeugen des letzten Krieges. Zwei etliche Meter hohe Bunker, in denen er als Kind so manche Tage und auch Nächte, bei den schweren Luftangriffen der Alliierten, verbrachte.
Er dachte, dass das Bombardieren von Städten auch Völkermord wäre. Aber wie hieß es so schön in Amerika? „The winner get’s it all.“ Gewinner hatten immer recht. Die Verlierer immer unrecht.
Aktuell – so schien es – begingen Herr Assad mithilfe der Russen und der Türke Erdogan in Syrien ebenfalls Völkermord und die Welt schaute zu. Okay, bei der UNO und den Menschenrechtsorganisationen wurde diskutiert und bestenfalls verurteilt, aber es geschah nichts. So war das bei Politikern, eine Krähe hackte der anderen kein Auge aus.

Es war ja auch eine ausgemachte Sauerei, dass ein paar Großmächte jede Anklage vor der UN mit ihrem Veto verhindern konnten. „Vereinte Nation“ war ein Witz und teures Kasperletheater.
Auch die Regierungschefs aus den meisten afrikanischen Ländern waren durch und durch korrupt, alle Hilfsgelder flossen in deren Taschen, während das Volk verhungerte oder in nationalen Kriegen litt, flüchtete oder einfach starb.
Der alte Mann erreichte den wohltuend schattigen Park und betrat die ihm seit seiner Kindheit vertrauten Wege.
Dort stand die damals bei Liebespaaren bevorzugte Bank, die von den Ästen einer alten Buche überragt wurde.
In diesen Ästen hatten er und seine Freunde eine Baumhöhle gebaut, aus der sie das Treiben dort unten gut verfolgen konnten. Ein Lächeln schlich sich in sein altes Gesicht, bevor er weiterging.

Dann kam er an eine Wegkreuzung, an der, etwas abseits vom Weg, eine alte Buche stand. Als kleiner Junge hatte er mit einem Küchenmesser, das er aus der Küche gestohlen hatte, seine Initialen in die Rinde geschnitzt.
Durch das Wachstum des Baumes in den vergangenen Jahrzehnten konnte man heute noch, nach beinahe siebzig Jahren, sehr verzerrt die Buchstaben erkennen.
Er erinnerte sich jetzt wieder an die Probleme seiner frühen Kindheit.
Sein Stiefvater wollte ihn und seine Schwester nach der Scheidung seiner Mutter von seinem Namensgeber, der nicht sein Erzeuger war, adoptieren. So hatte er zwei Jahre lang in der Schule einen Namen mit Zusatz.
Er liebte seinen Stiefvater und hätte gern dessen Namen getragen. Aus diesem Grund schrieb er nun seine Bücher unter diesem Pseudonym.
Jetzt schlug er einen Weg ein, der am Schwanenteich, am Parkhotel, an einem Spielplatz mit einigen Geräten, an all den Plätzen, die ihn an seine Kinder- und Jugendzeit erinnerten, vorbeiführte. Dieser Weg führte an ein Gewässer, das kreisförmig durch den ganzen Bürgerpark floss.
Der Weg verlief über zwei kleine Brücken an einer Erweiterung des Gewässers zu einem See.
Als er die zweite kleine Brücke überquerte, blieb er stehen und schaute nach links zu einem Gebüsch, in dem ein großer Baum stand.
Im Schatten dieses Baumes war er als kleiner Junge gesessen, versteckt hinter den Büschen, und hatte mit einem selbst gebastelten, primitiven Angelgeschirr geangelt.
Dieses Geschirr bestand aus einem Bindfaden, an dessen Ende eine als Haken gebogene Sicherheitsnadel und fünfzig Zentimeter darüber ein Weinflaschenkorken verknotet waren. Erstaunlicherweise fing er mit diesen einfachen Utensilien so manchen leckeren Fisch, der zu Hause, wo Schmalhans Küchenmeister angesagt war, mit Begeisterung in Empfang genommen wurde.
Er grinste vor sich hin, denn das Angeln im Bürgerpark war strengstens verboten.
Aber in den letzten Kriegsjahren und gleich danach gab es nur einen Aufseher für den gesamten Bürgerpark – und der konnte ja nicht überall sein.
Überhaupt hatte er als Resümee seines Lebens die Überzeugung gewonnen, dass dieser Staat, bestehend aus uns Bürgern und der Regierung mit der Zweitgesellschaft von Beamten, nur einem Zweck diente, nämlich seine Bürger zu kontrollieren und dafür zu sorgen, dass die Finanzierung nicht stockte. Aber hier wurden nur die kleinen Fische gefangen, die dicken genossen Schutz oder hatten genügend fachkundige Berater, die jedes Schlupfloch kannten.
Das geschah mit notwendigen und überflüssigen Gesetzen. So wie er immer sagte: „Wir haben keine Demokratie, sondern eine Beamtendiktatur.
Die Politiker dürfen Notzeiten und sogar Kriege verursachen, aber Kontrolle und Bevormundung des Bürgers sowie Machterhalt ist in Friedenszeiten ihr wichtigster Zweck.“

Der alte Mann setzte seinen Weg fort und gelangte zu einem Café am Ufer des Sees. Es hieß Café am Emmasee, das es in seiner Kindheit noch nicht gegeben hatte.
Auf der anderen Seite dieses Gewässers gab es damals vor dem Zweiten Weltkrieg schon ein Restaurant, das zum Ufer hinab terrassenartige Abstufungen aufwies. Hier konnte man Ruderboote mieten und später gemütlich Kaffee trinken.
Leider wurde dieses schöne alte Gebäude ausgebombt, sodass der Schutt nach dem Krieg einfach weggeräumt wurde, ohne dass dieses historische Bauwerk wieder neu errichtet wurde.
Ein Augenblick Pause war jetzt angesagt, um sich für den weiteren Weg ein bisschen auszuruhen. Er betrat die Terrasse des Cafés und nahm an einem Tisch direkt am Wasser Platz.
Von hier aus konnte er auf das mit Seerosen bedeckte Wasser blicken, auf dem viele Enten herumschwammen, die auch in seine Nähe kamen, um Ausschau nach einem Brocken Brot zu halten, das einer der Gäste ihnen zuwarf.
Er konnte von hier aus die beiden kleinen Brücken sehen – und wieder schmunzelte er.
Heutzutage konnte man bei diesen beiden Brücken ein Ruderboot leihen und im gesamten Bürgerpark herumrudern.
Nachdem er bei dem Kellner, der ihn schon kannte, einen Kaffee Americano bestellt hatte, kramte er aus seiner Jacke eine Schachtel Zigarillos hervor und zündete sich eine davon an.
Genüsslich zog er daran und paffte vergnügt vor sich hin.
Er fragte sich, wer wohl in diesem fischreichen Gewässer das Angelrecht hatte. Er nahm sich vor, das herauszufinden.
Am nächsten Tag wollte er bei der Parkverwaltung anrufen. Ja, so war es, wenn man alt wurde.
Immer nahm man sich etwas vor, hatte es aber am nächsten Tag vergessen, weil es eigentlich unwichtig war.
Und wieder tauchten vor seinem geistigen Auge Erinnerungen aus seiner frühen Jugend auf.
Er war damals mit zwei Jungen aus der Nachbarschaft befreundet. Sie waren russische Flüchtlinge, sogenannte Deutschrussen. Diese beiden Jungen, sie waren Cousins, waren mit ihren Müttern und einem alten Kasachen aus der Ukraine geflüchtet. Sie hießen Alex und Eduard.
Der alte Kasache hieß Aki und bekam eine Anstellung im verwahrlosten Tierpark im Bürgerpark. Er sollte einfach diese heruntergekommene Anlage beaufsichtigen.
Die Gegenleistung für das Wohnrecht in dem maroden Bauwerk bestand darin, dass er, so nach und nach, Reparaturen durchführte und verhinderte, dass sich irgendwelches Gesindel hier einnistete.
Seine beiden Freunde und er waren oft bei Aki und fanden das alte Haus abenteuerlich. Auch konnten sie sich dann in ihrer Heimatsprache unterhalten, was der alte Mann sichtlich genoss. Aber wenn sie unter Jungs irgendwelche Pläne schmiedeten, verstand er gar nichts.
Obwohl der alte Mann damals kein Wort der Unterhaltung verstehen konnte, empfand er das Geschnatter als interessant.
Dieser alte Mann mit Namen Aki war mit weiteren Russen, die als Kriegsgefangene hier in Bremen waren, befreundet.
Die Kriegsgefangenen lebten in zwei Baracken zwischen den beiden Bunkern an der Straße, an der er selbst wohnte, und hatten die Aufgabe, bei Fliegeralarm die an der Parkallee aufgestellten Nebeltonnen aufzudrehen. Die Tonnen hüllten dann das ganze Viertel in dichte Nebelschwaden.
Diese Russen bekamen wenig zu essen, meist nur etwas Brot und Schmalz. Wir Kinder suchten die im Bürgerpark haufenweise vorkommenden Bucheckern.
Sie wurden aus den Schalen befreit, und ergänzten mit dem Brot und dem Schmalz eine durchaus nahrhafte Suppe, die wir dann auch probieren durften.
Die Russen waren dankbar und freundlich zu uns Kindern, und so entwickelte sich eine tolle und abenteuerliche Freundschaft.
Natürlich waren unsere Eltern nicht so ganz mit dieser Freundschaft einverstanden, aber wir ließen uns nicht davon abhalten, die netten Russen zu besuchen.
Mit den beiden Freunden, nein, eigentlich nur mit Eduard, dem jüngeren der beiden Cousins, stromerte der alte Mann damals immer wieder durch den Bürgerpark und machte so manchen Unsinn.
So stahlen die drei Jungen bei den hier stationierten Amerikanern leere Benzinkanister, schleppten diese zu dem großen See vor der Parkhotel-Ruine, dem Hollersee. Hier banden wir die Kanister mit den in den ausgebombten Hausruinen gefundenen Kabeln zusammen und schipperten mit diesem Floß auf dem See herum, um zu angeln.

Natürlich blieb so etwas nicht verborgen, und so tauchte schon bald der Bürgerparkverwalter auf und rief uns zu, sofort an das Ufer zu kommen. Aber wir dachten gar nicht daran, der Aufforderung Folge zu leisten. War er auf der einen Seite, waren wir auf der anderen Seite dieses großen Sees.
Erst gegen Abend, der Verwalter hatte es aufgegeben, paddelten wir ans Ufer, nahmen das Floß wieder auseinander und versteckten die Kanister in nahen Gebüschen.
Dann liefen wir auf Schleichwegen, die wir besser kannten als der Parkverwalter, mit den gefangenen Fischen nach Hause.

Schlimmer war unser Treiben, wenn wir die im Bürgerpark herumliegenden Munitionsreste, die von den erbitterten Kämpfen um Bremen noch herumlagen, aufsammelten.
Das waren dann Gewehrmunition und Kästen mit verschiedenen kleinen Säckchen Pulversorten, die für Sprengungen vorgesehen waren.
Wir brachen mit einer Zange die Kugeln aus den Patronen und sammelten das Pulver.
Als wir versuchten, das Pulver anzuzünden, stellten wir fest, dass es nur einfach schnell verbrannte und nicht explodierte. Später lernte ich als Sportschütze den Unterschied zwischen diesem Nitro-Cellulose-Pulver und dem explosionsartig verbrennenden Schwarzpulver kennen.
Dasselbe Ergebnis hatten wir bei den verschiedenen Pulversorten.
Wir stellten mit diesen Überbleibseln des Krieges viel dummes Zeug an, was ich mir erspare zu schildern.
Auch bastelten wir uns Zwillen (Steinschleudern), wofür wir Muttis Nähkasten plünderten, um die Gummibänder zu bekommen, und schossen damit auf alles Mögliche. Leider auch auf Tiere.
Hier ging es aber nicht um das Verletzen oder sogar Töten der Tiere, sondern einfach nur darum, die Treffsicherheit zu üben.
Außerdem bastelten wir uns einen Flitzebogen (Pfeil und Bogen), und für die Sehnen hatten wir ja den unerschöpflichen Vorrat an Draht aus den Trümmern der Häuser.
Viele hohle Pflanzenstängel wurden zu Blasrohren, aus denen wir reife Holunderbeeren verschossen, die dann hässliche Flecken auf der Kleidung der Getroffenen hinterließen. Solches und viel mehr dummes Zeug verzapften wir, und hatten eine Menge Spaß.
Man durfte ja nicht vergessen, dass zu dieser Zeit, so unmittelbar nach dem schrecklichen Krieg, Spielzeug Mangelware war und daher Einfallsreichtum und Flexibilität angesagt waren.
So saß der alte Mann in Erinnerungen vertieft im Café, trank seinen Kaffee, paffte seine Zigarre und schwelgte in den Erinnerungen an seine Jugend.
Ja, so war es, wenn man so alt wie dieser alte Mann wurde: Die Zukunft war dann so schmal begrenzt, und meist geschah nichts Interessantes mehr. Meist lebten alte Menschen nur noch in Erinnerungen.
Nach einer längeren Pause stand er auf und folgte dem Weg am Gewässerrand entlang.
Er erinnerte sich, dass an diesem Weg auch ein Esskastanienbaum gestanden und so manchen kleinen Hunger gestillt hatte.
Nach einigem Suchen fand er den Baum tatsächlich und begrüßte ihn wie einen alten Freund.
Er ging langsam weiter und erinnerte sich, dass er als Junge hier entlanglief, aber nicht wie jetzt, langsam und behäbig, sondern meist im Laufschritt.
Dann sah er die kleine Insel, auf der damals wilde Himbeeren wuchsen. Auf die Insel gelangten die Jungen von damals, indem sie mehrere Äste ins seichte Wasser legten, das zwischen dem Ufer und der Insel floss, und dann mit Anlauf, wie bei einem Mehrschritt-Weitsprung über die im Wasser liegenden Äste auf die Insel hinüberhüpften und dann die leckeren Früchte genossen. Zudem konnte man von dieser Insel aus wunderbar angeln, ohne entdeckt zu werden.
Heutzutage konnte man bei den beiden kleinen, schon beschriebenen Brücken, die er vorher überquerte, ein Boot mieten und so das Gewässer rund durch den gesamten Bürgerpark erkunden.
Die Zeit seiner Jugend verging jedoch wie im Flug, und all diese Erinnerungen waren Schnee von gestern, wie man so sagt.
Ihm blieb nur ein bedauerliches Kopfschütteln.
Er schritt langsam einen Hügel hinauf und betrat auf der Höhe eine große Brücke, die sich Melchiors-Brücke nannte. Vermutlich hieß sie heute noch so. Auch hier gab es eine Erinnerung.
Kurz nach dem furchtbaren Krieg, unter dem nicht nur die Erwachsenen, sondern auch die Kinder sehr gelitten hatten, gab es nicht alles zu kaufen, was man wollte.

Es gab alle Lebensmittel nur auf Berechtigungsmarken.
Die Kinder von damals waren nach Süßigkeiten ausgehungert, sodass der alte Mann seiner Mutter eine Zucker-Rationsmarke stibitzte und mit seinem Freund Eduard zum nächsten Laden lief und eine große Tüte voller Bonbons kaufte.
Danach waren sie hierher unter die Brücke gelaufen und saßen dann, niemand konnte sie hier sehen, direkt am Wasserlauf und aßen all diese leckeren Bonbons auf.
Natürlich war ihnen hinterher ziemlich schlecht, aber Süßigkeiten waren so rar, dass die Kinder einen Heißhunger auf solche Leckereien nicht unterdrücken konnten.
Der alte Mann stand auf der Brücke und schaute hinab auf diesen Platz, wo sie damals die Süßigkeiten vernascht hatten.
Wieder lächelte er vor sich hin, verließ dann aber die Brücke und ging den abschüssigen Weg weiter in Richtung Tiergehege, wo heutzutage allerlei Tiere zu besichtigen sind.
Dann stand er vor dem Haus des Parkwächters und erinnerte sich an Aki, den alten Kasachen, der schon beinahe siebzig Jahre tot war. Er nickte grüßend in Richtung des Hauses und sagte: „Hallo Aki, ich hoffe, dass du bei deinem Gott, an den du so stark geglaubt hast, gelandet bist. Danke für die schönen Stunden, die wir hier verbringen durften.“

Außerdem fragte er sich, wie es Eduard gehen mochte, der damals mit seinem Cousin Alex und ihren Müttern in die USA ausgewandert war. Er nahm sich vor, im Internet nach ihm zu forschen.

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