Pannonische Dorfgeschichten aus alter und neuer Zeit

Pannonische Dorfgeschichten aus alter und neuer Zeit

Willibald Rothen


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 206
ISBN: 978-3-99131-559-9
Erscheinungsdatum: 31.10.2022
Von sensiblen Naturbetrachtungen bis zu deftigen Anekdoten: Das Repertoire von Willibald Rothen ist groß. Seine „Dorfgeschichten“ wissen den Leser nicht nur aufs Beste zu unterhalten, sondern spiegeln auch die große Lebenserfahrung und -klugheit des Autors.
Eine Biene flog ins Zimmer

Ein Haus stand einsam und unbewohnt in der Landschaft. Seine ehemaligen Bewohner waren ausgewandert. Abgesiedelt. Das alte Haus unverkäuflich. Niemand kaufte hier ein Haus. So verschenkte man, was irgendjemand wollte, und nachdem man das Haus nicht mitnehmen konnte, blieb es eben stehen. Man vergaß, ein Fenster dicht zu schließen und der Wind riss die Flügel auf und zertrümmerte die Scheiben, so dass Sonne, Wind und Regen ungehindert ins Zimmer gelangen konnten. Das Zimmer war mit einer prächtigen Blumentapete tapeziert, mit zarten Knospen, geöffneten Blüten, zartgrünen Blättern und einem Geranke von Stängeln und Stielen. Eine Biene flog ins Zimmer, flog von einer Blüte zur anderen, sie zog den Nektar aus ihren Kelchen und befruchtete sie. Die Knospen öffneten sich und gaben sich der Biene preis.

Nach einiger Zeit schlossen sich die Blütenblätter und in den Kelchen reifte der Samen. Die Blüten fielen ab, so dass es keine Blumentapete mehr war, sondern ein grünes Durcheinander von Blättern, welches gleich einer Arabeske das Zimmer überzog. Im Herbst wurden die Blätter braun und fielen von den Wänden, so dass nur kahle Stängel mit den knotenförmigen Samenkelchen das Zimmer bedeckten. Als auch die Stängel anfingen, welk zu werden und der Samen ausgereift war, fielen Stängel samt Samen von den Wänden und bedeckten den Fußboden. Nun waren die Wände weiß und rein wie Schnee. Im Winter wehte der Schnee durchs Fenster und bedeckte den Fußboden.

Als der Frühling kam, schaute die Sonne durchs Fenster und schmolz den Schnee. Der Blumensamen begann zu keimen und die Ranken und Stängel überzogen die jetzt muster- und blumenlose Wand. Zartgrüne Blätter sprossen, so dass zuerst ein grünes Geranke gleich Arabesken die Wände überzog und darauf die herrlichsten Knospen und bald auch geöffneten Blüten hervortraten. Eine Biene flog ins Zimmer.



Eine Einladung

„Sei mein Gast“, winkte der Weg mir zu und schlängelte sich wohlig räkelnd den sanften Hügel hinan. Schattige Bäume mit mächtigen Kronen wichen nicht von seiner Seite. Ein sanftes Lüftchen streichelte deren silbrige Blätter, welche er in Wonnen erschaudern und in begehrlicher Unruhe erzittern ließ. Neckisch koste er die Blüten der Blumen und Rosen, welche des Weges Spur begleiteten. Ein buntes Gehäufe von jungfräulichen Knospen, leise schwingenden Glocken, lächelnden Sternen, häubchenbedeckten Kugeln, stolzen, hoch aufgerichteten Königskerzen, leuchtenden Lupinen, Anemonen, roten Mohn und niederen Geblume, eingebettet in die samtene Matte einer smaragdgrünen Wiese. Und überall summende Bienen, brummende Hummeln, zirpende Grillen, schillernde Käfer und mit unglaublich verschieden in Form und Farbe gezeichneten Ornamenten verzierten Flügeln von vielfältigen Schmetterlingen und Faltern, welche mit elfenhaftem Flügelschlag im harmonischen Gleichklang schaukelnd und segelnd eine wundersame Idylle eines für Menschen kaum geschauten Nirwana boten. Weiße, bequeme Bänke kuschelten sich an dicke Stämme, bereit, die Füße des Gastes unter schattigem Gedache der Anziehungskraft zu entziehen und lustvoll baumeln zu lassen, den Rücken gastlich die Lehne zu hinterbreiten, möge er dort Entlastung, Stütze und Halt in wohliger Ergebenheit erfahren. Verschmitzt blinzelte eine zufriedene Sonne von einem lachenden, blauen Himmel, auf dem weiße, verträumte Engelchen als Schäferwölkchen verkleidet in lockerer Formation händchenhaltend und selig lächelnd über das Firmament tanzten, das Halleluja auf kindlichen, runden Lippen trällernd. Wie kann man so einer Einladung widerstehen, zumal auf der weich geschwungenen Kuppe des Hügelchens ein allerliebstes kleines, leuchtend rot behütetes Kirchlein mit strahlend weiß getünchten Mauern stand, in dessen bunten Bleikristallgläsern sich die Sonnenstrahlen kringelten und dessen schlankes Türmchen ein golden leuchtendes Kuppelchen zierte, das blinkend und glitzernd ins weite Land strahlte, jedoch ohne aufdringlich zu wirken. Die Sonne, wie eine ihren Kindern wohlgesinnte Mutter, übte sich in vornehmer Zurückhaltung ihrem goldenen Kindlein gegenüber, die Aufmerksamkeit den Betrachtern überlassend, zu deren Mittelpunkt sie es erwählt hatte. „Ist das alles, was Du zu bieten hast?“, mokierte ich mich. „Kein Stein wird Deinen Schritt behindern, kein Steinchen wird die Sohle Deines Fußes beleidigen. Auf mir wirst Du schweben wie auf einer Matte aus Watte.“ „Ist das alles?“, fragte ich.

Er war sichtlich erstaunt. Ich winkte ihm freundlich mit der rechten Hand zum Abschied, die linke drückte bereits Einlass begehrend die Klinke der Wirtsstube. Meine Füße trugen mich in ein dunkles Nichts, welches erfüllt war von dumpfer, abgestandener, mit Rauch überschwängerter Luft. Ein goldener Zapfhahn blinzelte mühsam durch all das Ungemach, gab aber zur Hoffnung Anlass, ehest einem Stückelchen himmlischer Erbaulichkeit teilhaftig zu werden. „Eine Maß Bier“, forderte ich laut, überlaut, um damit das Zwielicht dieses dämmrigen Schuppens, die hängenden Rauchschwaden, das gurgelnde Geknurre, Gerülpse und Geschmatze menschlichen Wohlbefinden-Abfalls zu durchdringen. „Bitte“, sagte ich nachträglich, meiner ehrbaren Kinderstube in dankbarer Erinnerung verbunden. Als der Wirt einen jungfräulichen Krug vom Regal nahm und aus der goldenen, mattglänzenden Pippe der schäumende Strahl ungehindert und ungebremst seine neue Herberge in Besitz nahm. Kurz, dachte ich, kurz wird sie sein, die Herberge, kurz, so lange eben gebraucht wird, von einem Menschen in einem Zug entleert zu werden, der eben einer staubigen, einer schattenlosen, von keinem Baum oder Strauch begleiteten Landstraße entwichen ist, welche sich horizontlos dahinzog, gepeinigt von blasenbestückten Schrittmachern, welche einen ausgedörrten Körper mit einer noch ausgedörrteren Kehle mit sich her und eine endlos lange, staubige Landstraße entlanggetragen hatten.

„Prost!“ Und der Himmel öffnete seine Schleusen, um in einer orgiastischen Sturzflut göttlicher Gnade himmlisches Paradies zu verschenken.



Der Herbstwind über dem See

Verwegen zog der Herbstwind über den See, der Schwäne Flügel hebend, wenn er sie seitwärts erfasste. Die Enten duckten sich und suchten Schutz an den jetzt vielfarbigen Sträuchern und Gewächsen am Ufer. Bunte Blätter, von den Bäumen gerissen, verfingen sich in den sich kräuselnden Wellen, die, wenn sie eine Windböe erfasste, gischtig aufwallten, um sich wieder kräuselnd ihrem Element zu ergeben. Die Wipfel der Bäume am Ufer beugten sich dem Druck des Windes und so manchem Wanderer riss er, wenn er ihnen den feinen Schotterstaub ins Gesicht oder hinterherblies, hinterhältig den Hut vom Kopf. Der Wanderer, der den geschotterten Weg an seinem Ufer entlanglief, Fischer betrachtend, welche die Angelrute ausgeworfen hatten, auf einen guten Fang hoffend, Köder wechselnd, wenn diese ein kleiner Fisch abgeknabbert hatte. Kleine Kinder an elterlichen oder großelterlichen Händen, wurden, so sie gegen den Wind gingen, festgehalten, da sie gegen diesen mit aller Kraft ankämpfen mussten, um von den Böen nicht umgeworfen zu werden, und sie rangen jedes Mal nach Atem, wenn der Wind sie erfasste. Zwischendurch zog hin und wieder ein Fischer einen kapitalen Karpfen an Land, verstaute ihn in seinem Kescher und warf einen neuen Köder aus. Jogger in ihren Anzügen und Laufschuhen, meist mit einem Stirnband vervollkommnet, liefen an einer Seite des Sees gegen den Wind an, die gegenüber blies er vor sich her. Ein Liebespaar auf einen der vielen an den Ufern des Sees aufgestellten Bänken kuschelte sich innig aneinander, um dem Wind weniger Angriffsfläche zu bieten. Ein verdorrter Ast krachte von einem Baum, fiel ins Wasser, die darunter schwimmenden Enten erschreckend, welche eilig davonschwammen. Das Gras unter den Bäumen wirkte fahl und kraftlos, vielleicht war es auch nie saftig grün, denn das Blätterdach der Bäume ließ wohl zu wenig Sonne hindurch. Ein Eichhörnchen lief einen Stamm eines großen Baumes hinauf, um in dessen bunter Krone zu verschwinden. Über der Insel, inmitten des Sees, flogen ein paar krächzende, schwarzgefiederte, große Vögel. Eine eigenartige Stimmung lag in der Luft, vielleicht das Omega vom Alpha.



Die Windhose

Eine Windhose tanzte entlang der staubigen Straße, allerlei Blattwerk und Papierfetzen in ihrem wirbelnden Luftkreis aufnehmend, mit sich tragend, wieder fallen lassend, einen kleinen Fluss streifend und querend, um die Reste auf dessen kräuselnden Wellen zu verlieren, welche noch eine Weile auf dem hurtig fließenden Wasser schaukelten, bis sie sich in den Sträuchern und Wurzeln am Ufer verfingen oder in den Wellen versanken. Der Wind, nun von seiner Last befreit, zog fröhlich pfeifend weiter, wirbelte voll ungestümer Lebensfreude den Staub von einem Karrenweg, tanzend vor einem mit knarrenden Rädern dahintrottenden Pferdegespann und einem auf dem Kutschbock dahindösenden, in sich zusammengesunkenen Kutscher. Und schalkhaft streute er ihm Sand in die Augen, entführte ihm seinen breitkrempigen Hut, entriss die Pferde ihrem lethargischen Trott, um nach dem unflätigen, erschrockenen Geschrei des Kutschers boshaft das Weite zu suchen.



Katzenkinder

Der alte Bauer saß unter einem Birnbaum im Hof, dessen Krone so mächtig, dass er den größten Teil des Hofes schattenwerfend bedeckte.

Ein dünnes Lächeln überlagerte sein faltiges Gesicht, wurde erkennbarer, da sich sein Mund öffnete, aus dem ein ebenso dünnes Lächeln hervorgebrochen kam, zwischen den Zahnlücken sich verfestigte, seine Mundwinkel angezogen, so dass daraus ein breites Lachen wurde, das die Lider seiner Augen erreichte, die daraufhin zu Schlitzen wurden, und breitlachend gab sein Mund nun auch einen glucksenden Ton von sich und er wischte sich mit dem Handrücken seine nun über die hochschwappenden Wangen kollernden Tränen ab. So lachte er, bis sich wieder sein Gesicht verfestigt, jedoch ein schelmisches Lächeln darauf zurückblieb. Er, der seine Beine weitgestreckt von sich geschoben hatte, von der Bank, in deren Mitte er saß, zwischen seinen Beinen ein Gehstock, der oben halbrund gebogen, auf das sich vor ihm abspielende Szenarium blickend, das der Grund für den Ausbruch seiner Heiterkeit war.

Eine ganze Weile hatte er sie schon beobachtet, die zwei Kätzlein, die sich spielend vor ihm darboten, einmal die oben, dann wiederum die andere, wie sie sich kratzten, tätschelten, sich auf den Rücken legten, um der anderen sich zu ergeben.

Wie die Alte, also ihre Mutter, die eingerollt dalag, nun aufstand, um zuerst, sich streckend, ihre Glieder wieder in normales Maß zu bringen und ebenso interessiert wie der Alte sie zu beobachten. Danach gähnte sie einmal ausgiebig, was der sie Beobachtende auch so empfand, um anschließend sich zu trollen mit den hinter ihr herlaufenden Katzenkindern, um in der Scheune mit ihnen zu verschwinden.

Wahrscheinlich wird sie sie jetzt säugen, dachte der Alte auf der Bank, um sich mittels seines Stockes zu erheben, um mit steifen Beinen nach des Hauses Eingangstür zu streben, um dahinter zu verschwinden, aber immer noch umspielte ein Lächeln seinen Mund und seine Augen, wenn er an die spielenden Katzenkinder dachte, die auf Grund ihrer Drolligkeit ihn verzaubert hatten.

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