Cover: Oudegracht und das Lovebook

Oudegracht und das Lovebook


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 380
ISBN: 978-3-7116-0562-7
Erscheinungsdatum: 23.04.2025
Die Welt bleibt einen Augenblick stehen, wenn das Schicksal zuschlägt. Du kannst versuchen, ihm zu entkommen, doch es wird dich immer einholen. Noah und Geraldine treffen sich zufällig. Ihre Begegnung verändert ihr Leben – für immer.
Der Zug fuhr am frühen Nachmittag in den Bahnhof ein. Von Köln werden es zwei Stunden sein, dachte Geraldine. Zwei Stunden. Ein komisches Gefühl. Die Nachricht war vor zehn Tagen gekommen. ICH MUSSTE GERADE AN DICH DENKEN. Sie kam von einer holländischen Nummer und bis auf eine Freundin hatte nur ein einziger Mensch in Holland die Nummer ihres Handys. Sie schrieb zurück: WER SIND SIE? Und die Antwort war: ICH BIN IRGENDWANN DOCH NOCH IN EINSIEDELN ANGEKOMMEN. Sie ließ es damit bewenden, bis sie abends das Telefon in die Hand nahm und die Nachricht noch ziemlich weit oben war.

WARUM SCHREIBST DU JETZT? ES SIND ZWEI MONATE. ICH HABE MIR SORGEN GEMACHT. Sie löschte es, dann schrieb sie es noch mal und schickte es ab. Inzwischen war es nach 23 Uhr. Tatsächlich hatte sie es fast vergessen. Sie hatte drei Wochen lang allen von der lustigen Begegnung im Zug auf der Fahrt nach Freiburg erzählt. Dadurch war es sehr lebendig geblieben und jedes Mal hatte sie in gleicher Weise gelacht, und zwar an der Stelle, wo der junge Mann den Zugbegleiter fragte: „Was ist Ihre Prognose für die Weiterfahrt bis Zürich?“ Der Zugbegleiter hatte die App befragt und mitgeteilt, der Zug würde nach aktuellem Stand bis zur Endstation Zürich durchfahren und der junge Mann hatte gesagt: „Ich habe sie nach Ihrer Prognose gefragt. Die Angabe in der App kann ich selbst lesen.“ Darüber hatten alle in der Nähe Sitzenden gelacht, auch der Zugbegleiter selbst. Er musste unter den Vorhaltungen einer älteren Dame dann zugeben, dass der Zug mit der vorhandenen Verspätung von einer Stunde wohl in Basel das Gleis verlassen müsste. Der junge Mann hatte der Dame daraufhin zugezwinkert und gesagt: „Aber vielleicht holen wir die Verspätung ja noch auf und wir kommen heute alle noch da an, wo wir hinwollen.“

Die Antwort, die nach wenigen Minuten nun auf dem Handy erschien, war:

ES TUT MIR LEID, ICH HATTE VERGESSEN ZU SCHREIBEN.

Geraldine schrieb zurück: ICH WEISS NICHT MAL DEINEN NAMEN.

NOAH RAMAKERS.

GERALDINE FAEBER.

Sie dachte daran, wie dieser junge Kerl mit blonden Haaren sie vom Sitz gegenüber unter seinem Pony hervor mit braunen Augen und Lausbubengesicht angegrinst hatte. Er hatte bei ihrem Einstieg in Bonn tapfer den von ihr reservierten Sitzplatz im Panoramawagen verteidigt, auf dem er selbst saß. Das kann heiter werden, hatte sie gedacht. Als er von einem Seniorenpaar aufgefordert wurde, den Platz freizumachen, stellte er klar, dass Platz 63 laut Anzeige reserviert sei. So hörte sie sich an, wie der junge Mann den älteren Herrn fragte, ob er denn diese Reservierung hätte; denn, wenn nicht, würde es gar keinen Sinn machen, dass er sich setzen würde. Oh, dachte Geraldine nur, aus heiter wird mutig. Der Senior hatte die Reservierung nicht und zog am Gehstock mit seiner Frau weiter. „Sie müssten dann jetzt bitte aufstehen, denn das ist mein Platz.“, sagte Geraldine, als der Gang frei war, um näherzutreten. Während sie das sagte, streifte sie ihren Rucksack bereits ab und der junge Mann sprang ohne Umschweife auf, sagte „kein Problem“ und warf sich auf den Platz direkt gegenüber. Als Geraldine sich einigermaßen organisiert hatte mit ihrem Trolley, Rucksack und der Handtasche, wurde bereits das Ticket kontrolliert. „Ihr Gepäck kann hier nicht stehen bleiben. Räumen Sie es bitte in die Gepäckfächer vorne oder hinten im Wagen.“, wies der Zugbegleiter an. Der Panoramawagen hatte kein Fach über dem Sitz. Geraldine schaute um sich, wie sie sich organisieren könnte. „Ja, ich räume gleich um.“ Der junge Mann, von dem sie den Namen bis zum Ende der Fahrt nicht wissen sollte, was im Nachhinein betrachtet, unverständlich war, wies darauf hin, dass die Fahrgäste hinter ihm in Koblenz aussteigen würden und man das Gepäck dann auf den freiwerdenden Platz hinter die Sitze stellen könne. „Gut, dann machen wir das so, Sie haben alles im Griff.“ Noch vor Koblenz wurden sie jedoch nochmals aufgefordert, den Trolley und die Rucksäcke aus dem Gang zu räumen. Der Mann fing an zu nerven. Geraldine kramte noch immer nach Laptop und Ladekabel und sagte dem Zugbegleiter wieder, man werde sich umgehend kümmern, wenn man erst mal richtig auf dem Platz angekommen sei. Damit klappte sie ihren Laptop auf, denn sie hatte sich vorgenommen, auf der Fahrt eine Weile zu schreiben. Sie schrieb seit zwei Wochen an einem Roman und sie wollte in dem frühen Stadium dranbleiben. Allerdings konnte sie mit dem Ladekabel die Steckdose unter dem kleinen Seitentisch nicht erreichen. Der junge Mann ging in die Knie und half. „Bitte schön.“ Das war der Moment, in dem er sie das erste Mal angrinste. Danach setzte er dies über den Laptop blickend fort und so ging es eine ganze Weile. Immer, wenn sie aufsah, schaute er vom Display seines Handys zu ihr und aus dem Grinsen wurde irgendwann ein Lächeln. Geraldine fragte sich, was es mit diesem Lächeln auf sich hatte. War es erwartungsvoll? War es wissend? In diesem Moment wusste sie, sie hatte irgendwann zu lange hingesehen. Schließlich blickte sie stoisch aus dem Fenster auf den Rhein. Vorher machte sie allerdings ein Foto von ihrem Mitreisenden mit ihrem Handy und schickte es an eine Freundin und schrieb: WENN ER NICHT AUFHÖRT MICH ANZULÄCHELN, MUSS ICH IHN LEIDER HAUEN. WIE ALT SCHÄTZT DU IHN? Die Antwort war „21/22“. Dann schickte Geraldine das Foto an einen Freund: ICH GLAUBE ICH WERDE BELÄSTIGT. IST DER SCHON VOLLJÄHRIG?

„U18“ kam die Antwort, begleitet von: DIE FANGEN HEUTE FRÜH AN. Der Zugbegleiter kam zurück und sprach nun nicht mehr mit ihr, sondern sagte ungehalten: „Junger Mann, ich sage es Ihnen jetzt zum letzten Mal. Das Gepäck muss weg. Das ist ein Fluchtweg!“, woraufhin der betreffende junge Mann sich derart angesprochen fühlte, dass er seinen weißen Rucksack aus dem Gang auf einen Vierer-Sitz gegenüber warf und Geraldines Trolley nahm und ihn den Sitznachbarinnen vor die Füße legte, entschuldigend zu den beiden Damen aufblickte und sagte: „Das ist doch so okay, oder?“, während diese begeistert nickten. Wahrscheinlich hätten sie ihm auch einen Kühlschrank abgekauft. Dann wandte er sich an Geraldine: „Ich hoffe, das ist so okay für Sie.“

„Vielen Dank für die Organisation.“ Daraufhin lächelte er wieder sein Lächeln und ihre Freundin schrieb: ICH HABE MIR DAS NOCHMAL GENAUER ANGESEHEN. DER IST MINDESTENS 25. Sei es, wie es will, dachte Geraldine, ich will noch schreiben. Wenn ich mich hier dauernd ablenken lasse, komme ich zu gar nichts. „Ich gehe mal ins Bordbistro. Würden Sie auf meinen Rucksack aufpassen?“ „Ja klar.“ Er stellte den Rucksack auf den Sitz und ging den Gang hoch. Geraldine schaute ihm nach, ein weiblicher „Von-oben-nach-unten“-Check. Okay, groß, kein Gramm Fett, der macht Sport und die Hose macht einen guten Hintern. Gut, dass man Gedanken nicht hören kann. Und, ja, genau, du lässt dich gerade nicht ablenken! Jetzt reicht es aber.

Nach einer Weile kam der junge Mann, von dem sie also zwei Monate nach der Fahrt durch die Nachricht erfuhr, dass er Noah hieß, also Noah kam zurück. Sein Menü hatte er nicht im Bistro gegessen, sondern es aufgewärmt mitgebracht. Es fiel nicht so leicht, ihn zu ignorieren, wenn er nur einen Meter gegenüber Blickkontakt suchte und deutlich zu erkennen gab, dass er sich unterhalten wollte. Nun sah sie ihm beim Essen zu und es waren noch keine drei Seiten geschrieben. Die Inspiration war weg und sie musste sich selbst zur Ordnung rufen. Sie versuchte herauszufinden, wie ihre Freundin auf die Angabe von 25 Jahren gekommen war. Das machte es erforderlich, etwas genauer hinzusehen, um nicht zu sagen, sie starrte ihn an. Die Schätzung hielt sie nach einer Weile für akkurat. Er hatte recht breite Schultern und die Physis war die eines Ausdauersportlers. Vielleicht noch ein wenig grün hinter den Ohren, aber das würde sich schnell legen. Als er merkte, dass er quasi gewonnen hatte, denn er hatte nun ihre volle Aufmerksamkeit, lächelte er zufrieden. Sie brach den Blickkontakt nach einer Weile und hatte das Gefühl, im Wagen wurde es zu eng.

Tatsächlich schaffte sie es, noch zwei weitere Seiten zu schreiben, gab dann aber auf und klappte nach 90 Minuten den Laptop zu. Noah blickte sofort erfreut von seinem Handy auf und fragte erwartungsvoll: „Sind Sie jetzt fertig?“

„Ja, jetzt bin ich fertig.“ Nun überlegten beide, wie sie das Gespräch beginnen sollten, das hier scheinbar vorprogrammiert war, lange bevor beide es wussten. Noah rutschte auf seinem Sitz hin und her und sagte zu sich selbst und seinem Handy: „Ich werde bei der Verspätung wohl heute nicht mehr dort ankommen, wo ich hin will.“

„Wo wollen Sie denn hin?“

„Nach Einsiedeln in der Schweiz.“

„Oh Gott, das klingt wie das Ende der Welt!“

Noah lächelte nur. „Ja, das kann man sagen. Ich bin um 5 Uhr aufgestanden, schon jetzt todmüde und nur, wenn alles funktioniert, komme ich um 19 Uhr an.“ Und Geraldine dachte zum wiederholten Mal, dass es mit seinem Lächeln so eine Sache war, die besser aufhören sollte. Umgehend.

„Wenn die Erde eine Scheibe ist, fällt man in Einsiedeln sicher runter. Warum fahren Sie dahin?“

„Ich besuche einen Freund.“
„Ist der Freund verheiratet?“

„Nein, nicht mehr.“

„Ich weiß, warum“, gab Geraldine zurück und Noah lachte. Das Gespräch ergab sich ganz leicht. Er erzählte davon, dass er die Berge liebte, dass er als 3-Jähriger das erste Mal mit den Eltern in Österreich im Urlaub war und auf der Rückfahrt bis nach Hause geweint habe. Er wolle Pilot werden. Bei der Bergwacht.

„Das ist eine gefährliche Arbeit. Was sagen Ihre Eltern zu einem solchen Berufswunsch?“

„Meine Eltern unterstützen mich. Ich weiß auch nicht, ob es klappen wird, denn es ist eine teure Ausbildung. Aber genau das will ich machen.“

„Man sollte nicht schon überlegen, dass es nicht klappt, bevor man anfängt. Man muss es einfach anfangen.“

Er nickte zustimmend. „Das ist es. Ich möchte mir nicht am Ende meines Lebens sagen, dass ich etwas nicht versucht habe, was ich machen wollte, und es bereuen.“ Geraldine sah ihn mit großen Augen an. Was hatte er da gerade gesagt? War das nicht so eine Weisheit, die sie sich über Jahre erkämpft hatte? Also doch mindestens 25. Aber vielleicht auch eine ganz alte Seele. Sie selbst hatte sich vor einem Jahr von ihrem Mann getrennt und vor vier Wochen ihren Job geschmissen ohne eine genaue Vorstellung, wie es danach weitergehen sollte. Irgendwann war sie wach geworden und hatte sich gesagt: Ich brauche eine Veränderung. Ihr Arbeitgeber hatte sie als Führungskraft umgehend freigestellt. Danach war sie erst mal ans Meer gefahren und hatte geatmet. Dort kam die Idee für das Buch und sie hatte mitten in der Nacht zu schreiben begonnen. Es waren jetzt 80 Seiten und darauf war sie stolz. Sie müsste bald anfangen, sich einen Job zu suchen. Es war jetzt Mai und spätestens im neuen Jahr musste sie nach Freistellung und vielleicht Verwendung von Ersparnissen wieder arbeiten. Sie wollte auf jeden Fall die Geschichte erst in Worte fassen. Eine Geschichte, die gut ausgehen sollte, nachdem ihr in den Tagen am Meer ein Buch das Herz gebrochen hatte, denn es hatte tragisch geendet.

Sie erzählte Noah von ihren Katzen, zeigte Fotos und er lächelte wieder. „Ich habe auch eine Katze. Er heißt Snooze.“ Auch er zeigte ein Bild. „Schönes Tier. Wo ist Snooze, wenn Sie nach Einsiedeln fahren?“

„Meine Mutter kümmert sich.“ Er schien gedanklich zu seinem Handy zurückzukehren und sagte dann „Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass verbale und non-verbale Kommunikation gleichlautend sein müssen? Man kann nicht mit Worten ,Nein‘ sagen und mit dem Körper … wie heißt das Wort? … ,Ja‘ ausdrücken. Das passt nicht.“ Geraldine entwich kurzzeitig alle Luft. Was passierte hier? „Das Wort ist Körpersprache. Ja, das ist nicht authentisch. Deshalb finden wir Schauspieler so toll, weil es ihre Aufgabe in den Rollen ist, authentisch zu sein. Darf ich Sie fragen, woher Sie kommen?“ Geraldine hatte aufgrund eines sehr leichten Akzents von Beginn an überlegt, dass hier ein Europäer mit ihr sprach, der eine andere Nationalität hatte als ihre eigene. So sehr sie es versuchte, konnte sie es nicht zuordnen. Sie hatten beide einem englischen Ehepaar ein paar Plätze weiter gelauscht, die augenscheinlich das „Tears For Fears“-Album „Songs From The Big Chair“ über Pods hörten und sich darüber unterhielten, dass dies das beste Album der Band sei. Noah und Geraldine hatten sich nur angesehen und auf beiden Gesichtern zeigte sich gleichzeitig, dass man die Musik kannte. Geraldine kannte das Album nur zu gut. „Head Over Heals“ war ihr Favorit. Brite war der Junge allerdings nicht.

„Ich komme aus Holland. Und ich hasse Holland.“

„Ich finde Eure Sprache seltsam. Ich verstehe kein Wort, wenn Holländer reden. Aber Holland finde ich sehr schön.“
„Ich komme aus der Nähe von Utrecht. Kennen Sie Utrecht?“

„Für ein Konzert war ich schon mal dort. Schöne Stadt.“

„Mein Vater ist Engländer. Er möchte gerne in England leben, meine Mutter lieber in Spanien. Sie werden sich nicht einig und deshalb werde ich die Schule wohl in Holland beenden. Und danach gehe ich nach Österreich. Ich spreche vier Sprachen; ich werde es schon schaffen.“

„Wie alt sind Sie?“

„17.“

„Nein.“ Es war ihr so rausgerutscht und sie machte große Augen.

„Doch.“

„Oh Gott!“

Er lächelte und jetzt konnte sie sehen, dass es das Lächeln eines Jungen war, vermischt mit den Erfahrungen des Erwachsenwerdens. „Machen Sie sich nichts daraus, ich werde oft älter geschätzt.“

Das Gespräch ging drei Stunden. Bei jedem neuen Thema gab es wieder persönliche Einblicke und meist etwas zu lachen. Dass jemand mit 5 Kilo Käse von Holland in die Schweiz reist, sorgte für großes Erstaunen und Gelächter. Noah hielt mit einem Grinsen den separaten Beutel hoch, den er ans Ziel bringen wollte und der nach seiner Aussage mit jeder Stunde schwerer wurde. Der Zug holte seine Verspätung schließlich nicht auf. Er rollte unaufhaltsam auf Freiburg zu und Geraldine begann für den Ausstieg den Check, ob alles gut verstaut war. Noah richtete ihren Trolley auf und stellte ihn neben ihren Sitz. An die beiden mitreisenden Damen auf dem Weg nach Winterthur und Noah gewandt, sagte Geraldine: „Letzte Chance für eine Entscheidung, wenn man heute Abend ein sicheres Dach über den Kopf haben will.“ Man hatte bereits darüber sinniert, dass der Weg nach Einsiedeln von Zürich aus noch 2 Stunden in Anspruch nehmen würde. Allerdings würde Zürich gar nicht erst erreicht, das war inzwischen sicher, auch wenn der Zugbegleiter es nicht zugeben wollte. Ein wildes Abenteuer stand bevor. Geraldine schrieb Noah ihre Nummer auf ein Stück Papier, dass sie von einem Block abriss. „Ich möchte wissen, ob du ankommst.“

Als der Bahnhof Freiburg angesagt wurde, beugte sie sich vor und packte die letzten Habseligkeiten in ihren Rucksack. Noah rutschte vor, berührte ihr Handgelenk und sagte: „Oder du kommst mit in die Schweiz.“ Man sah sich in die Augen, und zwar so, als würde man sich bereits lange und gut kennen. Geraldine stand auf, verabschiedete sich und ging nach dem Ausstieg am Zug entlang zurück am Fenster von Platz 62 vorbei. Noah hob zum Gruß die Hand und zuckte mit den Schultern. Geraldine war so verwirrt, dass sie die Treppe vom Bahngleis zur S-Bahn nicht fand, die direkt vor ihr war. Okay, U18. Die fangen heute früh an.

Nach zwei Monaten die Nachricht. Noah fragte schließlich, ob es möglich wäre, dass sie ihn Ende Juli in Utrecht besuchen würde. Er hätte Schulferien. Das Wort „Schulferien“ setzte wieder eine Reihe von Gedanken in Gang. Sie hatte Zeit und Reisen sind gute Inspirationen, wenn man ein Buch schreibt. Sie willigte ein und er schrieb:

ICH WERDE MICH UM DIE UNTERKUNFT FÜR DICH KÜMMERN, TREFFPUNKT BAHNHOF, WANN KOMMST DU AN?

Er hatte ihr ein paar Tage später den Namen der Unterkunft mitgeteilt. Logement Swaenen-Vecht, etwas außerhalb von Utrecht. Ein altes Gebäude aus dem 17. Jahrhundert mit einem Garten, ruhig im Grünen gelegen. Dort hatte er die Helena-Jacoba-Suite für Freitag und Samstag reserviert. Wenn sie sich selbst etwas hätte aussuchen sollen, dann hätte sie genau das ausgesucht, allein aufgrund der Atmosphäre auf den Fotos. Zwei wunderschöne Räume mit grüner Holzdecke, Holzfußboden, große Fenster mit Blick auf den Garten, wenn man irgendwo schreiben konnte, dann dort. Sie war froh, dass sie ihm die Auswahl überlassen hatte, denn selbst hätte sie es nicht gefunden und in der Nähe des Bahnhofs mitten in der Stadt gebucht.

2 Stunden. Sie schrieb von Anfang an kein Wort auf der Fahrt. Das Buch war noch immer nicht fertig. Man konnte sagen, es lag in den letzten Zügen, sie redigierte es und der Schluss war noch zu schreiben. Ihre Protagonisten wollten immer wieder dafür sorgen, dass die Geschichte Ecken und Kanten bekam, die das Ende kompliziert machten. Es war harte Arbeit, sie im Zaum zu halten. Als der Zug schließlich in den Bahnhof einfuhr, stand Noah genau dort, wo Geraldine ausstieg. Sie erkannte ihn sofort. Er sah noch genauso aus, wieder gekleidet in einem Polo-Shirt und einer Chino. Vielleicht war er etwas größer geworden, vielleicht etwas breiter in den Schultern oder sie hatte es falsch in Erinnerung? Aber sie standen sich auch das erste Mal so gegenüber. Ein Strahlen lag auf seinem Gesicht, als er ihr das Gepäck abnahm und sie aussteigen ließ. Dann schloss er sie in die Arme und sagte: „Ich bin froh, dass du gekommen bist.“ Und dann war es wieder da, dieses Lächeln, 2 Monate älter und um ein paar Erfahrungen reicher. Er brachte sie zu einem Auto und lud das Gepäck ein. Erstaunt verfolgt sie das. Als er darauf aufmerksam wurde, sagte er: „Ich bin letzte Woche 18 geworden.“

„Oh, so ein Zufall“, sagte Geraldine und betonte deutlich den Zufall. „Wir hätten vielleicht vorher telefonieren sollen. Dann darf man noch gratulieren. Happy Birthday!“

„Wir können es noch feiern. Ich wusste nicht, ob ich dich anrufen soll. Ich brauchte schon allen Mut, um dir nach zwei Monaten zu schreiben.“

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