Cover: Oma Hedi und Onkel Fredi

Oma Hedi und Onkel Fredi
Annas erstes Buch


EUR 27,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 316
ISBN: 978-3-99130-647-4
Erscheinungsdatum: 13.01.2025
Im Berlin der Nach-Wende-Zeit: Die junge Anna möchte einen besonderen Buchladen eröffnen und versucht gleichzeitig, das Chaos der weitläufigen Verwandtschaft in den Griff zu bekommen. Ein skurriles, tiefgründiges und liebevolles Familienporträt. 
1


Erschrocken sah Anna auf die Uhr. „Oh nein, verdammt, es ist ja schon halb sieben, jetzt komme ich auch noch zu spät.“ Sie ließ die Bücherkiste stehen, die sie gerade auspackte, griff hektisch nach Schlüssel und Handtasche und verließ im Laufschritt das Haus. An ihrem grasgrünen VW Käfer angekommen, riss sie die Tür auf, überschlug, wie lange sie wohl im Feierabendverkehr brauchen würde. Normalerweise dauerte die Fahrt vom Prenzlauer Berg bis Dahlem etwa vierzig Minuten, aber das würde heute nicht zu schaffen sein und auf des Onkels Rangliste der Rücksichtslosigkeit, familienintern nur RR genannt, stand Unpünktlichkeit auf einem der oberen Ränge.

Sie reihte sich in den dichten Verkehr ein. Seit achtzehn Monaten war Berlin nun wieder eine Stadt, jedoch gehörten Infrastruktur und Massentourismus zu den großen Herausforderungen, insbesondere wenn man wie sie im Ostteil der Stadt lebte, die Familie jedoch im Westteil. „Oh Mann, fahr doch“, schimpfte sie lauthals, als sie an der langen Warteschlange vor dem Tacheles vorbeifuhr. „Halt doch keine Maulaffen feil!“

Knapp eine Stunde später klingelte sie an der Pforte im noblen Villengebiet, das Tor öffnete sich langsam und die Tante tönte aus der Sprechanlage: „Wir sind mit Heinrich im Schlafzimmer.“ „Auch das noch“, murmelte Anna denn sie wusste, was jetzt auf sie zukam. Sie parkte, schlenderte durch den Park, öffnete missmutig die Tür, durchquerte die untere Halle und schlich die breite Wendeltreppe nach oben. Im Schlafzimmer saßen wie vermutet Onkel und Tante nackt auf dem Sofa, beide einen Aschenbecher vor sich auf dem Tisch, die Champagnerflasche schien bereits leer zu sein. „Hallo Onkel Rainer, hallo Tante Lore, hallo Heinrich“, sie küsste Onkel und Tante auf den Mund (der Onkel legte Wert darauf) und winkte dem Papagei zu. „Du bist spät dran, Anna. Wir haben den Champagner schon geöffnet und ein paar Spargelröllchen gegessen. Wenn du etwas möchtest, musst du es dir in der Küche holen“, sagte der Onkel streng. „Es tut mir leid, ich hatte beim Bücherauspacken die Zeit vergessen und dann war so viel Verkehr.“ „Was macht denn dein Geschäft, Kind? Kommst du voran?“ Interessiert beugte sich die Tante vor und Anna versuchte, nicht auf ihre riesigen Brüste zu sehen. „Ja, das besprechen wir gleich noch. Jetzt geh erstmal in die Küche und hol uns einen Sekt und bring mir noch eine Packung Juno mit.“ Der Onkel klang gereizt. Schnell machte sich Anna auf den Weg, holte einige Spargelröllchen aus dem Kühlschrank, öffnete den Champagner und nahm eine Packung Zigaretten aus dem Schrank.

Die Tante war eine miserable Köchin, aber zwei Stangen Dosenspargel in eine mit Mayonnaise getränkte Scheibe gekochten Schinken zu rollen, das bekam sogar sie hin. Anna setzte sich mit ihrem Teller gegenüber von Onkel und Tante in den Ohrensessel und biss herzhaft in ein Röllchen. „Kau nicht so laut, Anna“, merkte der Onkel sogleich an und goss den Champagner ein. „Außerdem will ich gar nicht über diese Schnapsidee von dir reden. Einen Buchladen eröffnen! Mit Mittagstisch! Und das dann auch noch im Osten! Wer liest denn da? Das ist ein Arbeiter- und Bauernstaat, da wird nicht gelesen!“ „Ach, Onkel Rainer, genau da wird gelesen. Die Leute haben einen riesigen Nachholbedarf, du wirst schon sehen. Und außerdem warst du seit dem Mauerfall nicht einmal im Osten. Du weißt ja gar nicht, was bei uns los ist.“ Anna nahm all ihren Mut zusammen. „Zu den Kommunisten kriegen mich keine zehn Pferde, das kannst du glauben, junges Fräulein.“ Der Onkel hasste Widerspruch. „Außerdem ist mir weiterhin völlig unklar, warum du mein Angebot mit der Apotheke nicht angenommen hast. Du hättest Pharmazie studieren können, ich hätte dir eine Apotheke gekauft und du wärest schön versorgt gewesen.“ „Aber Pharmazie interessiert mich nicht“, murmelte Anna trotzig.

Tatsächlich hatte sie vor einigen Jahren von ihrer Uroma die für sie unglaubliche Summe von einhundertvierzigtausend D-Mark geerbt. „Für die Erfüllung deiner Träume“ hatte Tante Ella in ihrem Testament geschrieben und genau daran arbeitete sie jetzt: Ihr Traum war seit ihrer Kindheit ein eigener Buchladen gewesen. Seit der Öffnung der Mauer war sie monatelang auf der Suche nach dem perfekten Ort und hatte ihn schließlich in der Kopenhagener Straße im Prenzlauer Berg gefunden: Ein kleines, schmales Haus mit einem eingerichteten Café, das zwei älteren Damen gehörte. Die kleine Wohnung befand sich direkt über dem Café, das Anna gerade renovierte: Ein Großteil der Möbel hatte seine besten Zeiten hinter sich und musste raus, die Tapete stammte vermutlich noch aus den vierziger Jahren, doch sie hatte mithilfe ihres besten Freundes Martin den Raum bereits in ein helles, freundliches Ladenlokal verwandelt. Am nächsten Wochenende würden sie die Regale aufbauen, die Bücher konnten eingeräumt werden und dann würde die kleine Küche geliefert.
Am Anfang wollte Anna jeweils ein Tagesessen servieren. Man konnte dann schmökern und ein bisschen essen, hoffentlich interessante Gespräche führen und spannende Leute kennenlernen. Und diese dämliche Apotheke wollte der Onkel ihr schon seit ihrer Grundschulzeit aufdrängen.
„Was ist, träumst du mit offenen Augen? Ich habe dich soeben etwas gefragt?!“ Der Onkel schon wieder. „Entschuldigung, ich hatte gerade nicht zugehört. Was möchtest du wissen?“ „Ich wollte mal wissen, wie ihr meinen morgigen sechzigsten Geburtstag geplant habt. Wann fangt ihr mit dem Aufbau an? Ich fahre zeitig zum Bahnhof Zoo, Filomena kommt mit dem Zug um zehn direkt aus Warschau.“ „Ach, die auch schon wieder.“ Die Tante lallte leicht. Der Onkel erwiderte scharf: „Willst du etwas sagen, Lore?“
In dem Moment wurde die Tür schwungvoll geöffnet und mit wehenden Locken wirbelte Hendrick herein, des Onkels Sohn aus erster Ehe und so etwas wie Cousin, Freund, Beschützer für Anna. „Guten Abend, liebe Familie.“ Er grinste ironisch. „Na, Spargelprofessor, wie ist die Lage im Hause Grünbrunn? Alles frisch?“ „Er ist wirklich der Einzige, der so mit dem Onkel spricht“, dachte Anna bewundernd. „Guten Abend, Sohn. Gut, dass du da bist. Die Lage ist leider, wie sie ist, da muss man nichts beschönigen: Morgen wird das Haus ab Mittag voll sein, Kollegen, Freunde und natürlich Lores Familie. Wie gerne hätte ich meine Ruhe, aber man hat schließlich Verpflichtungen.“ Er lächelte säuerlich. „Wir werden dir sicherlich einen unvergesslichen Tag bereiten.“ Hendrick lachte. „Genau das befürchte ich.“ Der Onkel wirkte verärgert. „Aber wir fangen um acht mit dem Aufbau an. Annas Papa und Manne kommen, da kann nichts schiefgehen.“ „Ja, und ich mache uns einen Kringel Fleischwurst zum Frühstück mit Senf und Brot.“ Die Tante klang undeutlich. „Gut, dass ich weg bin“, sagte der Onkel entsetzt. Daraufhin begann die Tante eine Art Lied zu nuscheln: „Rainer, mein Kleiner, mein kleiner, feiner Rainer …“ Und sie legte ihre schwere Hand auf seinen faltigen Penis. „Lass das, Lore!“, zischte der Onkel und Anna sah Hendrick aus den Augenwinkeln an. „Ja ihr Lieben, wir gehen dann mal rüber zu Mamachen und schauen, was sie noch so macht. Lasst es euch gut gehen! Komm, Anna.“
Auf dem Weg zur Tür hörten sie die Tante wieder leise summen „Rainer mein Kleiner …“ und der Onkel atmete hörbar aus. Sie liefen die Treppe hinunter und keuchten vor Lachen. „Die sind ja wieder der absolute Brüller“, gluckste Anna. „Voll in Form. Aber so langsam geht mir das FKK-Programm auf den Keks. Schöner werden die ja auch nicht. Und ich frage mich, warum Lore immer dieses Lied singt?!“ Hendrick schüttelte den Kopf. „Sie muss doch wissen, dass der Alte irgendwann ausflippt.“ „Ja, das ist wahrscheinlich ihre Art, sich zu wehren. Es kann nicht so toll sein, in der Öffentlichkeit regelmäßig vorgeführt zu werden, wenn dein Vater mit allen möglichen Frauen rummacht.“ Anna war plötzlich ganz still. „Das stimmt, da hast du Recht, entschuldige bitte. Oha, der kleine Rainer wird wahrscheinlich das ganze Wochenende in Betrieb sein, bei all den Frauen hier im Haus.“ Hendrick grinste. „Hey, das ist einfach widerlich und dann ruft sie nachts meinen Papa an, der kommt hierhin und dann geht das ganze Theater wieder von vorne los.“ Anna schüttelte sich. „Lass uns jetzt zu deiner Omi gehen, da ist wenigstens Ruhe und Frieden.“

Mamachen wohnte in einem kleinen Anbau neben der Villa. Sie klopften und fanden die alte Dame zurechtgemacht im adretten Chanel-Kostüm, mit makelloser Perücke und einer Handtasche auf den Beinen vor dem Fernseher. „Hallo Oma, hallo Tante Ruth, wie geht es dir?“ Anna und Hendrick traten ein. Sofort erhob sich die alte Dame aus ihrem Sessel. „Guten Abend, Sie holen mich wahrscheinlich für die Veranstaltung ab, richtig? Ich freue mich seit Tagen auf das Kasino.“ „Sie ist wieder durcheinander, ich übernehme mal“, murmelte Hendrick leise. „Guten Abend, Oma. Ich bin Hendrick, dein Enkel und hier ist Anna, deine Großnichte oder so ähnlich. Wir wollten dich besuchen, um zu fragen, wie es dir geht.“ Erwartungsvoll sah er auf die kleine Dame herab. „Ach so, Sie sind also mein Enkel? Sind wir verwandt? Und die junge Frau auch?“ „Ja, Oma, wir sind alle irgendwie miteinander verwandt.“ „Aber wer bringt mich denn nun ins Kasino?“ „Das machen wir später, wir können ja erst noch ein wenig plaudern. Vielleicht hast du auch noch etwas zu trinken da?“ Die alte Frau strahlte. „Tatsächlich habe ich irgendwann neulich einen Früchtekuchen gebacken und dazu nehmen wir ein Gläschen Grand Marnier. Was halten Sie davon?“ „Das klingt sehr schön. Darf ich helfen?“ „Bitte folgen Sie mir.“ Und Anna ging mit Mamachen in die Küche.

Nach mehreren Stücken Früchtekuchen und einigen Gläsern Grand Marnier gähnte Ruth mehrfach. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, gehe ich nun zu Bett, aber vorher habe ich noch eine Bitte an Sie: In letzter Zeit kommt jeden Tag eine große, dicke Frau mit einem Herrenhaarschnitt. Sie spricht sehr laut und macht mich furchtbar nervös, außerdem trägt sie entsetzliche Kleider und ist immer schlecht gelaunt. Ich mag sie nicht. Könnten Sie bitte veranlassen, dass sie nicht mehr kommt? Sie ist ganz und gar nicht nach meinem Geschmack.“ Ernst verneigte sich Hendrick. „Ich werde mit der Dame reden und gebe mein Bestes.“ „Ich danke Ihnen, mein Herr.“ Und mit zierlichen Schritten begab sich Ruth zum Schlafzimmer. „Du lieber Himmel, Anna, das ist ja wie auf Bonnies Ranch hier.“ Hendrick verdrehte die Augen. „Jetzt lass uns noch eine Pulle Schampus besorgen und eine im Garten rauchen. Hier wird man bekloppt.“ „Gute Idee, du holst den Sekt und ich warte vorne auf dem Rasen.“

Als Hendrick zurückkam, hörte sie ihn schon von weitem kichern: „Herrlich, unser Spargelprofessor hat schon wieder ein Spargelexperiment gestartet und es klappt natürlich nicht, ich sehe das schon, vollkommen sinnlos.“ Tatsächlich versuchte der Onkel seit Jahren hartnäckig, Spargel anzubauen – bislang ohne jegliche Erfolgsaussicht. „So Annalein, lass mal hören: Wie läuft’s?“ „Ich bin sehr zufrieden, komme gut voran und ich denke, dass ich am ersten August eröffnen kann. Macht irre viel Spaß. Und bei dir?“ Sie sprachen über dies und das, teilten sich den Sekt und bliesen Rauchringe in die Nacht.
„Anna, wer kommt eigentlich morgen alles? Ich hab ehrlich gesagt gar keine Ahnung, was abläuft. Erzähl mal bitte kurz.“ „Naja, wir fangen um vierzehn Uhr an, bis dahin sollten alle da sein. Zuerst gibt es eine kleine Ansprache vom Onkel, dann von den Kollegen an der Uni, dann von denen am Gericht und danach Champagner, Kanapees, klassische Musik. Um achtzehn Uhr wird das Buffett eröffnet, ab zwanzig Uhr spielt eine Band hier im Park und um dreiundzwanzig Uhr haben wir ein Feuerwerk geplant. Morgen um sieben kommen die Zeltbauer, sie bauen auch die Tische auf. Um acht kommt mein Papa mit Manfred und ihr müsst euch dann um die Lieferungen kümmern, die Getränke verstauen. Um das Essen kümmere ich mich. Ja, es wird ein langer Tag.“ „Das kriegen wir schon hin. Aber wer kommt denn alles aus deiner Familie?“ „Oh je, ich fürchte alle, also: Oma Hedi und Onkel Fredi, Oma Lotte, die Ostberliner, Onkel Werner und Tante Sigrid …“ „Ach wie klasse, und das in der Kombination mit Vattis verschiedenen Weibern.“ Hendrick schüttelte den Kopf. „Ja, und was ist mit deiner Schwester, kommt Maike auch?“ „Oh, das ist der Knaller, Anna: Sie kommt und sie ist seit letzter Woche verheiratet. Mit einem Mann aus Ghana. Sie hat ihn an der Humboldt Universität kennengelernt, wo er studiert, und sie haben sich ineinander verliebt und spontan beschlossen zu heiraten.“ Anna sah ihn erschrocken an. „Das weiß der Onkel aber nicht, oder?“ „Nein, das soll eine Überraschung sein für den lieben Professor. Joe, also ihr Mann, ist natürlich schwarz.“

Beide lachten lange und ausgiebig. „Das gönne ich dem alten Rassisten, nach allem, wie er sich seit Jahren benimmt. Und das an seinem Sechzigsten. Perfekt.“ Anna legte sich auf die Wiese und sah in den Sternenhimmel. „Du hast eben deine Tante Sigrid und den Onkel Werner erwähnt. Darf ich dich bitten, mir noch ein einziges Mal die Geschichte von dem Nachmittag zu erzählen, als du bei Onkel Werner warst?“ „Ach Hendrick, das habe ich dir doch schon so oft erzählt.“ „Och bitte, das ist meine Lieblingsgeschichte, bitte.“
Anna seufzte. „Na gut. Also: Ich war gerade sechs geworden, meine Mutter war wenige Wochen zuvor verschwunden und mein Papa musste viel arbeiten. An einem Nachmittag sollte ich also zu Onkel Werner und Tante Sigrid in den Wedding fahren. Tante Lore brachte mich hin, weil sie selbst einen Arzttermin hatte. Als wir ankamen, stellte sich heraus, dass Tante Sigrid doch arbeiten musste und ich bei Onkel Werner bleiben würde. Tante Lore schien das nicht so recht zu sein, aber sie hatte keine andere Wahl und ließ mich dort. Ich kannte Onkel Werner nicht besonders gut, denn er und Papa hatten immer Probleme miteinander, aber jetzt wirkte er sehr nett und versprach mir ein Abenteuer. Als ich mein Butterbrot gegessen und meine Milch getrunken hatte, sagte er geheimnisvoll, dass wir nun in den Keller gehen würden. Ich hatte ein bisschen Angst, aber er schien sich sehr zu freuen. Wir gingen also eine lange Treppe hinab und kamen in einen hell erleuchteten Raum voller Puppen, also solcher Schaufensterpuppen. Jede dieser Puppen trug entweder eine braune oder eine graue Uniform mit roten oder schwarzen Binden am Arm. Alle trugen eine Mütze. Onkel Werner ging zu einer Puppe mit einem komischen Schnurrbart, knallte die Hacken zusammen, riss die Hand unnatürlich hoch und schrie ganz laut: ‚Heil Hitler, Sieg Heil!‘ Dann drehte er sich um und sagte, ich solle das nun auch tun. Also ging ich zu dem Schnurrbartmann, riss den Arm hoch, knallte mit den Hacken und schrie auch das Zeug. Der Onkel wirkte zufrieden und stellte mir die anderen Puppen vor. Jede hatten einen Namen, eine hieß Göring, eine Goebbels, eine Himmler und Onkel Werner erklärte mir, welche er am meisten mochte und warum. Danach stellte er ein Tonband an und sang mit erhobenem Arm mit: ‚Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen! SA marschiert …‘ Heute weiß ich natürlich, dass es das Horst-Wessel-Lied war. Die Stimme des Onkels überschlug sich vor Begeisterung und er schrie: ‚Du kannst immer wiederkommen und wir spielen Führerbunker. Aber jetzt kommt das Beste!‘ Er startete ein kleines Kino, es waren Soldaten zu sehen, der Mann mit dem Schnurrbart, ein kleines hässliches Männlein an einem Sprechpult inmitten einer riesigen Versammlung. ‚Das war hier in Berlin, das ist die historische Sportpalastrede.‘ Der Onkel war außer Rand und Band. Inzwischen hatte er sich eine Flasche Bier geöffnet und skandierte die ganze Zeit irgendwas mit Sieg und Heil und mein Führer. Mir wurde langsam langweilig und ich freute mich, als es an der Tür klingelte. Ich rannte die Treppe hoch, Onkel Werner folgte schwitzend. ‚Hallo Papi, da bist du ja.‘ Er nahm mich in die Arme: ‚Ja, ich bin ein bisschen schneller fertig geworden und dachte, ich hole dich ab. Wo ist denn Tante Sigrid?‘ ‚Die musste doch arbeiten. Ich war bei Onkel Werner.‘ Mein Vater sah misstrauisch aus. ‚Wo ist der denn jetzt?‘ ‚Ich weiß nicht, eben waren wir noch im Keller.‘ Mein Vater sah mich lange an: ‚Ist alles in Ordnung?‘ ‚Ja, mir war nur am Schluss ein bisschen langweilig. Können wir jetzt nach Hause?‘ ‚Gut, dann fahren wir mal, wenn Werner nicht auftaucht.‘ Wir stiegen ins Auto, ich saß auf dem Rücksitz und als wir losfuhren, fragte mein Vater mich, was ich denn gespielt hätte. ‚Oh, wir haben Führerbunker gespielt und Onkel Werner hat gesagt, ich darf jetzt immer kommen und das mit ihm spielen. Ich habe verschiedene Männer getroffen, also als Puppen, und die hießen Göring oder so und Onkel Werner hat mir gesagt, warum er sie mag, und dann haben wir noch Lieder gesungen und Filme geguckt.‘ Mein Vater bremste abrupt, das Fahrzeug kam mit quietschenden Reifen zum Stehen, er sah grau aus. ‚Ihr habt WAS gespielt?‘ ‚Hab ich doch gesagt, Führerbunker.‘ Nun wurde Papa knallrot im Gesicht, er wendete das Auto und wir fuhren mit einem Affenzahn zurück. ‚Du bleibst jetzt hier, ich muss was klären. ABER DU BLEIBST HIER!‘ Nach einiger Zeit und lautem Geschrei im Haus kam Papa wieder raus und wirkte sichtlich erregt, schlug auf das Lenkrad und raste wieder los. ‚Papa, habe ich was falsch gemacht?‘, fragte ich vorsichtig vom Rücksitz. Nach einer langen Pause sagte er gepresst: ‚Nein, du hast überhaupt nichts falsch gemacht. Dein Onkel war in Hitlers letztem Aufgebot im Krieg, da war er erst fünfzehn und war wohl einige Tage verschüttet. Das hat ihn den Rest Hirn gekostet, viel wird auch vorher nicht dagewesen sein.‘ Ich hatte nicht alles verstanden, aber weil Papa so grimmig aussah, fragte ich nicht nach, doch er hatte noch etwas zu sagen: ‚Ab jetzt werden wir uns mit der jüngeren deutschen Geschichte beschäftigen und ich werde dir alles erklären. Es ist an der Zeit.‘ Naja, und das tat er dann auch.“

Hendrick hatte die ganze Zeit gelacht und wirkte sehr heiter. „Dass gerade deinem Papa so ein Schwager geschenkt werden würde, ist eine Perfidie des Himmels. Oder zwei Schwager des Grauens.“ Er lachte wieder. „Aber ehrlich, ich verstehe nicht, warum sich Lore so gehen lässt. Mamachen hat schon ein bisschen Recht, Lore sieht wirklich grauenhaft aus und dabei war sie früher so hübsch.“ „Ich weiß, es ist ihr völlig egal, wie sie auf andere wirkt, aber das Schlimmste ist, dass sie sich irgendwie aufgegeben hat. Hoffentlich sieht sie morgen einigermaßen präsentabel aus. Ich werde mal versuchen, sie zu etwas Make-up zu überreden. Aber jetzt gehe ich ins Bett, morgen wird anstrengend und ich habe den ganzen Tag gearbeitet.“ „Schlaf gut, Kleines, ich rauche noch eine und träume dann auch schön.“




2


Am nächsten Morgen hörte Anna schon früh das Stapfen schwerer Schritte, die Tante stöhnte vernehmlich, als sie am Zimmer vorbeiging. Das war das Zeichen zum Aufstehen; Anna linste auf den Wecker, es war erst sechs und das Haus noch ganz still. Aber sie kannte die Tante, die wahrscheinlich voller Nervosität und Versagensängsten durch das Haus tigerte und jemanden brauchte, den sie anmotzen konnte. Naja, das bin dann also schon wieder ich.
Anna wollte nur diesen Tag einigermaßen zivilisiert hinter sich bringen und beschloss, schon einmal einen Kaffee mit der Tante zu trinken. Auf dem Weg zur Küche roch sie bereits die gekochte Fleischwurst und ein kurzer Ekel überfiel sie. Die Tante stand im Blaumann in der Küche und sprach mit sich selbst. „Wie soll das alles nur werden, wie soll ich den Tag überstehen, all diese Weiber und dann noch Mama und Erich und Sigrid …“ „Guten Morgen, Tante Lore.“ Anna küsste die Tante und umarmte sie. „Ach Anna, du bist ja schon wach, das ist aber schön. Wollen wir einen Kaffee trinken?“ „Gerne, und dann können wir alles noch mal besprechen wegen heute.“ „Gut, Kind. Setz dich an den Tisch, ich hole uns einen Kaffee. Magst du auch einen Toast?“ „Das wäre super. Hast du noch von deiner tollen Kirschmarmelade?“ Anna achtete darauf, dass die Tante sich beruhigte und einige Minuten des Friedens hatte. Aber sie sah wirklich entsetzlich aus: Vor einigen Jahren hatte sie sich die Zähne überkronen lassen und irgendwie zog sich nun das Zahnfleisch zurück und man sah an jedem Zahn schwarze Ränder. Wenn sie lachte, dachte man automatisch an Tod. Und ihre Haut. Sie war zwar erst fünfundvierzig, aber Jahre des Rauchens, des extensiven Alkoholkonsums und ohne sichtbare Pflege hatten sie um Jahre altern lassen. Die Haare schnitt sie sich selbst und das frühere Hellblond war zu einem Straßenköterbraun geworden. Anna seufzte, denn sie liebte die Tante, die ihr in ihren einsamen Jahren ans Herz gewachsen war.
...
5 Sterne
Lesenswert! Was für eine ausgefallene Familie! - 15.08.2025
Taxattack

Wieder ein sehr gelungenes Buch! Ganz anders als das erste Buch (Vom Erlöschen des Lichts), welches ja "Krimi-Züge" hatte - aber genauso lesenswert. Die Autorin nimmt uns hier mit in das Berlin zur Wendezeit und erzählt sehr einfühlsam vom Leben der jungen Anna und deren wirklich ganz spezieller Familie. Sie scheut nicht, auch unangenehme Themen anzusprechen, sodass es wieder mal mehr ist, als nur seichte Unterhaltung - dennoch ist das Buch aber nicht zu schwer, sodass man nach Feierabend oder im Urlaub schön Abschalten kann. Die Autorin hat ein Talent, die Figuren sehr persönlich darzustellen - war es im ersten Buch der Kommissar, so ist es diesmal Oma Hedi, welche mit ihrem besonderen Charakter und der speziellen Ausdrucksweise Spaß bringt.Der sehr große Kreis der Verwandtschaft incl. aller (Nenn-)Tanten und Onkel bringt manchmal - besonders am Anfang - etwas Verwirrung bei der Zuordnung, aber man findet sich rein. Hier wäre eine Personenliste schön gewesen, anhand derer man manchmal nachschlagen könnte "Wer ist das nochmal?". Aber wie gesagt, da findet man sich rein :-)

5 Sterne
1 - 03.08.2025
Brien Fields

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