Sonstiges & Allerlei

Methusalems Leid

Roger Bernheim

Methusalems Leid

Eine Erzählung

Leseprobe:

Aische hatte ihn gut beraten: Nach Berlin muss man im Herbst. Schon auf der Fahrt vom Flughafen Schönefeld ins Stadtzentrum überwältigte ihn die herbstliche Farbenpracht der Bäume beiderseits der Chaussee: fuchsrote Buchen, goldener Ahorn, zitronengelbe Birken – eine Buntheit, wie man sie in anderen Städten selten findet, jedenfalls nicht in London, wo Karl Barlett, obgleich Schweizer, seit Jahren lebte.
Sie trafen einander am Morgen nach seiner Ankunft im Café Alibi beim Oranienplatz, nahe der Wohnung, die ­Aische für ihn gemietet hatte. Seine ersten Worte zu ihr:
„Wo ist dein Haar?“
„Im Mülleimer. Ich wollte mich erneuern.“
Sie hatte ihr Haar, das ihr untürkisches Stupsnasengesicht in langen schwarzen Wellen umrahmt hatte, kurz schneiden lassen.
„Die Frisur steht dir gut“, sagte er.
„Danke. Ich find’s auch.“
Nach dem gemeinsamen Frühstück führte sie Barlett in den Tiergarten. Sie plauderte von ihren hiesigen Bekannten und Freundinnen, von Theateraufführungen und Konzerten, die ihr gefallen oder missfallen hatten, und vom Fortschritt ihrer Studien. Sie war Biologin, gentechnisch orientiert, arbeitete an einer Dissertation und assistierte am Institut ihrem Doktorvater. Die Sätze sprudelten aus ihr hervor, pausenlos wie immer. Barlett hörte nur halb zu, war glücklich, an ihrer Seite zu sein. Sie hatten einander drei Monate lang nicht gesehen – er in London, sie nach vier Jahren London zurück in Berlin. Im Gegensatz zu ihr, der die Natur wenig mehr bedeutete als ein Studienobjekt, genoss er die Buntheit des Herbstlaubs. Ständig entdeckte er neue Tönungen, feine Unterschiede etwa zwischen dem Dunkelorange der Felsenbirne, dem Karmin der Sumpfzypresse und dem Kupferrot der Blutbuche.
„Schau mal“, sagte er, ihr Geplauder unterbrechend, „dieser Tulpenbaum dort mit den rotgoldenen Blättern und daneben der zierliche Essigbaum, scharlachrot.“ Sie schaute flüchtig hin, sagte: „Schön“, und fuhr fort mit ihrem Bericht, der inzwischen bei einem Studienfreund namens Ahmed angelangt war, einem geschiedenen Pakistani, sechs Jahre älter als sie, der ebenfalls im Biologischen Institut arbeitete und mit dem, so sagte sie, Barlett sich ausgezeichnet verstehen werde.
„Er liebt Gedichte, so wie du, kann eine Menge davon auswendig, so wie du. Ihr werdet über vieles miteinander reden können.“
Sie kletterten auf die Spitze der Siegessäule (er zählte 283 Stufen). Aische hüpfte mit ihren 27 Jahren leichtfüßig von Stufe zu Stufe, wogegen er, 79 Jahre alt, zwei oder drei Mal für einige tiefe Atemzüge rasten musste. Oben angelangt, widmete nun auch sie ihre Aufmerksamkeit dem unter ihnen liegenden Park, dessen Baumkronendickicht sich in den Herbstfarben ausnahm wie ein bunt geknüpfter Perserteppich.
Ja, Aische hatte ihn gut beraten. Nach Berlin muss man im Herbst, wenn die Bäume nach dem Sprießen und Blühen sich noch einmal in prächtigem Gewande zeigen, bevor sie kahl in den Winterschlaf versinken.

Am Nachmittag half sie ihm in der Wohnung beim Auspacken und Einräumen. Allerdings wussten sie zunächst nicht, wo sie seine Sachen einräumen konnten. Der einzige Schrank in der Wohnung und die Kommode waren vollgestopft mit Kleidern und Schuhen der Vermieterin, einer Linguistin, die für ein Jahr nach Shanghai gegangen war, um den Metapherngebrauch im Chinesischen mit dem im Deutschen zu vergleichen.
„Hat die nichts mitgenommen?“, fragte Aische. „Wirft sie nie was weg von dem abgetragenen Zeug?“
Barlett hatte wenig mitgebracht, nur das Allernötigste, das er für seinen auf sechs Wintermonate anberaumten Aufenthalt in Berlin brauchte; doch auch dieses Wenige musste untergebracht werden. Schließlich besorgte Aische zwei große Pappschachteln, in welche sie ein paar Kleider aus dem Schrank und den Inhalt von zwei Schubladen verpackte, sodass Barlett seine Sachen verstauen konnte.
Die Wohnung hatte zwei Zimmer von mittlerer Größe und befand sich im siebenten Stockwerk eines Wohnblocks beim Moritzplatz am Rande von „Klein Istanbul“. Die von vielen Türken bewohnte Gegend hatte einen schlechten Ruf: Drogen, Arbeitslosigkeit, Jugendkriminalität. Mehrmals am Tag rasten Streifenwagen mit Sirenengeheul vorbei. Vom Balkon der Wohnung aus hatte man einen Halbrundblick von den Hochhäusern der Leipziger Straße im Westen ostwärts zum Springer-Hochhaus und über die Hochhäuser des Potsdamer Platzes hinweg weiter nach Osten. Nach unten ging der Blick auf eine Grünanlage, wo nachmittags Kinder spielten, und auf eine Straßenkreuzung, an welcher mancher Autofahrer das Rotlicht durchfuhr. Barlett fragte sich, was sie wohl mit den gewonnenen Sekunden machten.

Ahmed also hieß Aisches neueste Liebe. Sie verliebte sich alle paar Wochen in einen Neuen – und hatte noch nie mit einem geschlafen. So jedenfalls sagte sie.
„Ich bin medizinisch noch Jungfrau“, was immer das bedeuten mochte. „Lauter Enttäuschungen. Sex ist alles, was sie von mir wollen, und gleich schon am zweiten Tag. Dafür bin ich nicht zu haben. Dass die so nebenbei an mir ihr Pläsierchen haben – nee, kommt nicht infrage. Ich kann warten, bis der Richtige kommt.“ Und nach einer nachdenklichen Pause fügte sie hinzu: „Ich hoffe, es gibt ihn und ich werde ihn finden.“
Barlett verspürte nicht die geringste Lust, Ahmed kennenzulernen und mit ihm über Gedichte zu reden. Aische hatte eine Vorliebe für gut aussehende Machos, denen sie nichts anderes bedeutete als lange Beine und pralle Brüste. Ahmed war bestimmt keine Ausnahme.
„Manchmal“, so hatte sie Barlett einmal gesagt, „wenn die mich mit ihren Blicken abtasten, komme ich mir vor wie auf einem Viehmarkt. Fehlt bloß noch, dass sie mich in den Hintern kneifen, um zu prüfen, ob er auch recht knackig sei.“

Aische Özdemir war das zweite von vier Kindern einer in bescheidenen Verhältnissen in Istanbul lebenden Familie. Sie war mittelgroß, schlank, schön gekurvt wie ein Fisch, so wie sich die Türken ihre Frauen wünschen. Schon in der Schule hatte sie durch außergewöhnliche Intelligenz auf sich aufmerksam gemacht. Sie lernte Deutsch, kam nach dem Abitur zum Studium der Biologie nach Berlin, wo sie zunächst bei der Familie eines Onkels wohnte. Sie erwarb mit Auszeichnung ihren Bachelor und ging danach für vier Jahre nach London, um den Master zu machen und Englisch zu lernen. Sie mietete ein Zimmer, eher eine Kammer, in einem Wohnblock beim Swiss Cottage in der Wohnung neben derjenigen Barletts. Die beiden kamen im Treppenhaus ins Gespräch miteinander. Er lud sie gelegentlich zum Abendessen ein oder zu einer Theater- oder Zirkusvorstellung. Aische hatte niemanden in London, keine Verwandten, keine Bekannten, Barlett wurde allmählich ihr Vertrauter. Sie besprach mit ihm ihr Heimweh, ihre Sehnsucht nach Sonne und nach ihrer Familie, ihre bisher erfolglose Suche nach einem Partner und ihre Geldsorgen. Sie lebte von der Hand in den Mund, und es war eine kleine Hand. Sie verdiente etwas Geld als Babysitterin und als Teilzeitkellnerin in einem Café und bezahlte zunächst damit ihren Unterhalt und das Studiengeld. Ihre Eltern konnten sie finanziell nicht unterstützen. Wegen ihrer hervorragenden Arbeit erließ ihr die Universität nach dem ersten Semester sämtliche Studiengelder, sodass nun sie ihren Eltern etwas Geld schicken konnte. Allmählich ergaben sich zwischen ihr und Barlett eine gegenseitige Zuneigung und Intimität, die jedoch alles Sexuelle ausschlossen, gleichsam ein Verhältnis zwischen Enkelin und Großvater. Bei Barlett schlug freilich die Zuneigung allmählich in Liebe um, die er ihr aber nicht einzugestehen wagte, aus begründeter Furcht, dass Aische die Freundschaft abbrechen würde. Nach bestandener Masterprüfung kehrte sie nach Berlin zurück, um zu promovieren. Trotz oder wegen ihrer hohen Intelligenz war sie zu jedem Schabernack bereit und meistens fröhlich gestimmt, versank allerdings gelegentlich in Stimmungstiefen. Es war etwas Mädchenhaftes, fast Kindliches an ihr geblieben, und dies nicht nur wegen der fröhlich bunten Kleider und der mit Kinderzeichnungen bemalten Stoffschuhe, die sie zum Tanzen trug.
Barlett seinerseits galt unter seinen Freunden und Bekannten gemäß dem gängigen Klischee als typischer Schweizer: fleißig, pünktlich und sparsam. Fleißig und pünktlich war er tatsächlich, sparsam nicht. Er hatte gut verdient, war nie verheiratet gewesen, hatte keine hilfebedürftigen Verwandten, jetzt gab er das Geld leichthin aus und zeigte sich Freunden gegenüber großzügig. Er war in Basel geboren, hatte dort und in Paris französische Literatur und Geschichte studiert und mit einer Dissertation über die Neugestaltung altgriechischer Themen durch zeitgenössische Autoren promoviert. Danach war er sieben Jahre lang für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz in verschiedenen Krisenherden tätig gewesen, arbeitete dann zehn Jahre für eine Entwicklungshilfe-Organisation in Indien und in Bolivien und verlegte sich im Alter von 50 Jahren auf das Schreiben von Reiseberichten, welche ihm Erfolg und Wohlstand brachten. Mühe hatte er mit dem Altsein. Nicht körperlich. Er war körperlich fit und hatte an den Handrücken erst drei der im Alter auftretenden Leberflecken. Er hatte einige Krankheiten, zum Teil ernsthafte – er musste am Tag fünf Medikamente einnehmen –, aber sie behinderten ihn kaum, und er sprach nicht davon. Mühe bereitete ihm das Altsein psychisch. Es passte ihm nicht, alt zu sein. Nicht dass er sich vorspiegelte, jung zu sein, oder dass er in der Gesellschaft junger Leute versuchte, sich jugendlich zu geben. Für solche Geckenhaftigkeit gab es keine glaubwürdige Schminke, das wusste er, hatte er erfahren, als er nach seinem sechzigsten Geburtstag in einem Anflug von Eitelkeit und Realitätswut sein ergrauendes Haar dunkel getönt hatte. Er akzeptierte, dass er alt war, uralt, wie Aische manchmal scherzend sagte, aber das Altsein ärgerte ihn. Es passte auch nicht zu seiner äußeren Erscheinung. Man sah ihm sein hohes Alter nicht an. Er war schlank, hochgewachsen, mit einem hageren, stark durchfurchten Gesicht, das sich nach dem Kinn hin zuspitzte. Sein dickes weißes Haar war noch ungelichtet und umrahmte rechteckig seine breite Stirn. Er pflegte seine Erscheinung. Er machte jeden Morgen vor dem Frühstück 15 Minuten lang Turnübungen. Auch trat er jeden Morgen auf eine Waage – er kaufte überall, wo er länger als drei Wochen lang blieb, eine neue und ließ sie beim Wegzug zurück. Er schritt aufrecht und schnell, Aische hatte mitunter Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Auch geistig war er noch beweglich, für Neues offen, wenn auch manchmal kritisch gesinnt.

Nach Berlin gekommen war er erstens, um wieder in der Nähe von Aische zu sein, zweitens, um Philosophie zu studieren. In seiner Jugend hatte er sich nebenbei damit beschäftigt, jetzt wollte er sich gründlicher in die Sache vertiefen. Er ging wenige Tage nach seiner Ankunft zur Humboldt-Universität, um sich als Gasthörer für ein paar Vorlesungen einzuschreiben. In dem zuständigen Büro im Erdgeschoss des Westflügels gab man ihm ein rotes Formular und sagte ihm, er solle mal in die ausgewählten Vorlesungen gehen und sehen, ob sie ihm überhaupt passten; wenn ja, solle er die Dozenten auf dem Formular unterschreiben lassen, dass sie ihn als Gasthörer akzeptierten; danach solle er wieder ins Büro kommen.
„Können die Dozenten die Unterschrift verweigern?“, fragte Barlett.
„Können sie, aber werden sie nicht.“
Er erhielt die Unterschrift der Dozenten, worauf er sich im Büro im Erdgeschoss des Westflügels zurückmeldete. Dort schickte man ihn in ein Amtszimmer im obersten Stockwerk des Ostflügels, damit er sich den Stempel der Philosophischen Fakultät auf das Formular drücken lasse. Er fand das Büro nach langem Umherirren in einer der hintersten Ecken in dem labyrinthartigen Gebäude. Dort saß eine sehr beschäftigt scheinende Dame, die ihm, nachdem er sich eine Weile geduldet hatte, den benötigten Stempel auf das Formular drückte. Er kehrte zurück ins erste Büro im Erdgeschoss, wo man ihm, nachdem er sich eine Weile geduldet hatte, das rote Formular abnahm und die darauf befindlichen Angaben in einen Rechner eingab: seinen Namen, seine Adresse, sein Geburtsdatum, die Nummern und Bezeichnungen der gewählten Vorlesungen und die Namen der betreffenden Dozenten. Die Dame druckte die Angaben aus und gab ihm eine Kopie davon, mit welcher sie ihn zur ­Rechnungsstelle in den Ostflügel schickte. Dort tippte eine weitere sehr beschäftigt scheinende Dame, nachdem er sich eine Weile geduldet hatte, die Angaben in einen zweiten Rechner und stellte ihm eine Rechnung aus, mit welchselbiger sie ihn zur Kasse schickte. Dort musste er sich nicht gedulden, der Kassierer schien gelangweilt. Er nahm das Geld entgegen – die bescheidene Summe von 15 Euro pro Semesterstunde – und stellte ihm eine Quittung aus. Damit musste er sich im ersten Büro (Erdgeschoss Westflügel) zurückmelden. Da schrieb eine weitere Dame – diesmal von Hand – die betreffenden Angaben auf einen Gasthörerausweis und händigte ihm diesen mit feierlicher Miene aus. Niemand verlangte nachher den Schein zu sehen.
Es war für Barlett ein seltsames Erlebnis, nach sechzig Jahren zum ersten Mal wieder in eine Vorlesung zu gehen, sich als 79-Jähriger zwischen 20-Jährige auf eine Schulbank zu setzen, Notizblock und Schreibzeug auf den Pultdeckel zu legen und den Auftritt des Herrn Professors abzuwarten. Die Jungen blickten Barlett fragend an: War er ein ­emeritierter Professor, der sich nicht von der Alma mater abnabeln konnte? Oder ein Rentner in Beschäftigungstherapie? Oder ein armer Teufel, der sein Zimmer nicht heizen konnte und hier Wärme suchte? Konnte ein Greis überhaupt noch lernen, zuhören, aufnehmen, sich konzentrieren? Barlett hatte sich selbst solche Fragen gestellt. Die von ihm ausgewählten Vorlesungen – Erkenntnislehre, Bewusstseinstheorien und Logik – waren ja nicht eben leichte Kost. Wie viele Minuten würde es dauern, so fragte er sich, bis er einschliefe? Würde sein Kopf rebellieren, nicht mitmachen wollen und ihm zuflüstern: „Mensch, Alter, sei vernünftig, geh nach Hause, zieh die Pantoffeln an, setz dich vor die Glotze und döse!“ Auch wegen des Gehörs hatte er Bedenken. Wohl war es noch einigermaßen intakt, er brauchte kein Hörgerät, bildete sich das jedenfalls ein, aber in einem Hörsaal, wo Studenten husten, Zuspätkommende die anderen stören und altersschwache Bänke bei jeder Bewegung des darauf Sitzenden ächzen, würden da seine Ohren noch genügen? Würde er den Dozenten hören, verstehen, auch wenn dieser leise sprach, keine Lautsprecheranlage vorhanden war und er selbst vielleicht nur in einer hinteren Bankreihe Platz fand? Und was, wenn es im Saal heiß, die Luft dick und schwer werden sollte, die Fenster geschlossen blieben und er den Pullover nicht würde ausziehen können? Wäre es nicht doch klüger, zu Hause ein Bilderbuch anzuschauen? Musste er sich in seinem Alter die späte Rückkehr auf die Schulbank wirklich antun?
Trotz dieser Bedenken ging er hin – viel zu früh aus lauter Angst, er könnte den Hörsaal in dem an Gängen und Türen reichen Gebäude nicht finden. Doch er gelangte mühelos zum Hörsaal, die Fenster standen offen, und er schlief nicht ein. Was doziert wurde, faszinierte ihn, brachte Fragen in Erinnerung, mit denen zu ringen er einst als Student Zeit gehabt hatte und die er schließlich ungelöst beiseitegeschoben hatte; und es konfrontierte ihn mit neuen Fragen, mit denen sich auseinanderzusetzen er jetzt wieder Zeit hatte. Die Dozenten sprachen laut und deutlich, meistens frei, mit variationsreicher Stimme, verlebendigten das gesprochene Wort mit Gebärden und formulierten verständliche Sätze, Sätze ohne Heidegger’schen Slang. Barlett verstand sie auch ohne Lautsprecheranlage oder Hörgerät; die hohle Hand hinter der Ohrmuschel genügte. In den Wartezeiten hörte er in den Gängen und Hörsälen heimlich mit an, was die Studenten miteinander redeten, kam mitunter sogar mit dem einen oder andern ins Gespräch. Er erfuhr ihre Schwierigkeiten, Geldnöte, Abenteuer, Meinungen, Hoffnungen, Ängste, Urteile und Vorurteile, und auch dies empfand er als lehrreich und gut: Es dämpfte den Altersdünkel.

Barlett genoss es, in Berlin zu sein. Die Stadt stimulierte ihn. Stundenlang bummelte er durch die Straßen, ziellos oder auf der Suche nach Adressen, wo einst Schriftsteller, Künstler, Musiker gewohnt hatten. Vor sechzig Jahren, als er in Paris studierte, ergriff es ihn jeweils, wenn er vor Häusern stand oder Räume besichtigte, in denen Künstler gemalt, gedichtet, komponiert hatten; genau so berührte es ihn jetzt (er war nun mal sentimental), wenn er neben Haustüren eine Gedenk­tafel fand oder ein Zimmer betrat, wo Gottfried Keller, ­Gottfried Benn, Kurt Tucholsky, George Grosz, Albert Einstein, Max Planck, Arthur Schnabel, Else Lasker-Schüler gewohnt, gearbeitet, gewirkt hatten. Vor allem aber genoss er es, nach fünfzig Jahren in fremdsprachigen Ländern wieder Tag und Nacht überall Deutsch zu hören und sprechen zu können. Deutsch war zwar nicht die Sprache, in die er geboren worden und in der er aufgewachsen war – Schweizerdeutsch –, wohl aber die Sprache, die er liebte und in welcher er während der vergangenen dreißig Jahre als Reiseschriftsteller geschrieben hatte. Auch die unzähligen Parks und Grünanlagen, in denen er bummeln und träumen konnte, genoss er. So wie alle Londoner hatte er gedacht, es gebe in keiner andern Stadt so viele Parks und Gärten wie in London; jetzt sah er sich in Berlin umgeben von Bäumen, Grünflächen, Parkanlagen: Tiergarten, Treptower Park, Friedrichshain, Hasenheide, Marienfelde, Niederschöneweide, Oberschöneweide, Schlossgarten … Und fast jede Straße eine Allee, auch mitten in der Stadt und nicht nur Unter den Linden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 98
ISBN: 978-3-99003-473-6
Erscheinungsdatum: 28.03.2011
EUR 14,90
EUR 8,99

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