Sonstiges & Allerlei

Meine Lebenswende

Susanna G. Scarcelli

Meine Lebenswende

Kurzgeschichten

Leseprobe:

Straßen ohne Zukunft

Diese Geschichte ist zwar erfunden, aber ich bin davon überzeugt, dass sie leider der Realität entsprechen könnte. Es geht um Jugendliche, die in miesen Verhältnissen geboren und aufgewachsen sind, oder um andere, die das Schicksal in diese Gegenden getrieben hat. Es geht um eine Gegend, wo Stehlen, Töten und reine Brutalität auf der Tagesordnung stehen. Auf die Polizei kann man hier nicht wirklich zählen, denn sie meidet diesen Ort auch. Niemand bietet diesen Verlorenen die Hilfe an, die sie so dringend brauchen würden, um ihr Leben in den Griff zu bekommen. Vielleicht würde dann eine Chance bestehen, aus diesen Straßen herauszukommen. Von der Gesellschaft ausgestoßen und als Abschaum abgestempelt, schlagen sie sich durch den Tag, frei nach dem Motto: Nur wer zuerst zuschlägt, überlebt in diesen Straßen ohne Zukunft.



Prolog

Schreie hallen durch die pechschwarze Nacht. Tief in einer schmutzigen Gasse versuchen zwei miese Gestalten eine Frau zu vergewaltigen. Plötzlich spürt einer der Kerle eine Pistole an der Schläfe.
„Mach weiter, und ich puste dir dein Gehirn weg“, sagt eine leise, aber bedrohliche Stimme.
Beide schauen sich um und sehen eine Gruppe Jugendlicher, die sie an ihrem Vorhaben hindern wollen. Sie lassen von der jungen Frau ab.
Eine andere Frau hilft dem „Beinaheopfer“ auf die Beine und nimmt die junge Frau in den Arm, dann sagt sie zu den beiden Tätern: „Versucht euch nie wieder an jemandem aus unserer Gang zu vergreifen!“ Sie will die junge Frau wegführen.
„Du willst sie doch nicht einfach so davonkommen lassen, oder?“, fragt der junge Mann mit der Pistole.
Lisa, die Anführerin, hält inne, schaut zuerst ihre Gangmitglieder und dann die zwei Gauner an. „Diana und ich verschwinden jetzt“, antwortet sie gelassen, „aber ihr könnt euch ruhig mit den beiden amüsieren. Sie haben wirklich eine Lektion verdient. Also viel Spaß – und bis später!“
Ihre Jungs grinsen und machen sich an die „Arbeit“.



Kapitel 1

Jim Davis war vorübergehend auf dieses Pflaster versetzt worden, um den dortigen verunfallten Polizeichef Morris und sehr guten Freund zu vertreten. Seine Frau Beth und er hatten sich in einer abgelegenen „besseren Gegend“ bis auf Weiteres eine Wohnung gemietet.
Es war Dienstag, als Jim seine temporäre Stelle antrat. Ein Polizist führte ihn herum und machte ihn mit allem vertraut. Jims Freund Morris hatte ihn schon über seine Leute informiert oder – besser gesagt – vor ihnen gewarnt. Es waren alles sehr gute Leute, aber es gab gewisse Beamte, die in seiner Abwesenheit gern einmal den Chef spielten. Er müsse einfach durchgreifen und ihnen ganz klar zu verstehen geben, wer der Chef sei, hatte ihm Morris geraten.
„Hier wird jeder gebraucht“, riss der Polizist Jim aus seinen Gedanken. „Diese Jugendlichen machen einem das Leben schwer. Aber wir können auch hart sein, und das wissen diese Kröten auch. Übrigens hat unser Chef von Ihnen in höchsten Tönen gesprochen. Sie seien einer, der durchgreifen könne. Das muss man hier auch, es ist wirklich ein Drecksloch.“
Jim begriff nicht ganz, wovon dieser Polizist sprach. Morris hatte von seinem Team gesprochen und davon, dass er für etwa einen Monat ausfallen würde, aber ansonsten sei es „normale“ Polizeiarbeit. „Wie meinen Sie das?“, fragte Jim dann schließlich.
„Unser Dilemma“, antwortete der Polizist, und als er Jims fragenden Gesichtsausdruck sah, fuhr er fort: „Wie – Sie wurden über diesen Ort nicht informiert?“
„Ich wurde nur gebeten, euren Chef Morris zu vertreten“, entgegnete Jim. „Die Einzelheiten würde ich dann hier erfahren. Also bitte ich Sie nun, mir genau zu sagen, was hier los ist.“
„Sorry, das wusste ich nicht“, entgegnete der Polizist. „Die Probleme mit den Straßengangs sind in der letzten Zeit immer schlimmer geworden. Raubüberfälle, Prügeleien, Drogengeschäfte und so weiter sind um das Doppelte angestiegen. Und …“ Er wurde von einem Kollegen unterbrochen.
In was hast du mich hereingeritten, Morris?, dachte Jim bei sich.
„Wieder ein Überfall, dieses Mal bei Billys Milchladen“, sage der Kollege.
„Wurde jemand verhaftet?“, fragte der Polizist.
„Unter anderem diese Lisa, Bob und Jeremy“, antwortete der andere Polizist, „aber du weißt ja, aus denen kriegst du nichts raus. Die schweigen alle wie ein Grab. Larry ist gerade bei der Kleinen.“
„Schau dich beim Milchladen genauer um“, befahl der Polizist.
Jim fühlte sich, als sei er gar nicht da. Als der andere gegangen war, wandte sich der Polizist wieder ihm zu: „Diese drei gehören zu einer gefährlichen Gang, sie nennen sich ‚Runners‘. Aber wir haben nie herausbekommen, wo sie ihr Quartier haben. Wissen Sie, wer nichts zu verlieren hat, ist doppelt so gefährlich. Und diese Leute haben wirklich nichts mehr zu verlieren – außer vielleicht einander; wenigstens eine positive Eigenschaft; und zu lange auf der Wache festhalten können wir sie, mangels Beweisen auch nicht. Jetzt können Sie sehen, wie es hier zu- und hergeht.“
„Ja, finde ich gut, solange Sie nicht vergessen, dass ich der Chef bin und die Befehle gebe“, sagte Jim, der langsam von diesen Chefallüren genervt war. Er ging zum Verhörraum und ließ den verdutzten Polizisten stehen.

In der Zwischenzeit saß Lisa, eine junge dunkelhaarige Frau, in einem Verhörraum und wurde von Inspektor Larry befragt. Dieser war als ungeduldiger und jähzorniger Mensch bekannt; wenn er wütend war, ging man ihm lieber schnellstens aus dem Weg. „Also langsam wird es mir zu bunt mit dir“, sagte er zu Lisa. „Willst du mir nicht endlich verraten, wo der Rest der Gang steckt?“
Die Frau schaute ihn spöttisch an, schwieg aber. Larry wiederholte seine Frage mit einem noch schärferen Ton. Aber das beeindruckte die Frau nicht, und sie ignorierte ihn weiter. Während Larry etwas notierte, nutzte Lisa die Gelegenheit und hob den Tisch, sodass Larry krachend rücklings zu Boden fiel. Als sie zu fliehen versuchte, packte sie Larry am Fuß und riss sie zu Boden. Er versuchte sie festzuhalten, aber sie schlug wild um sich und zerkratzte ihm dann beide Wangen. Da war es mit Larrys Geduld vorbei. Mit voller Kraft schlug er ihr die Faust ins Gesicht; dann drehte er sie um, legte ihr Handschellen an.
In diesem Moment traten Jim und der Polizist in den Raum. Jim gefiel gar nicht, was er sah: eine Frau auf dem Bauch liegend und einen Polizisten, der ihr ein Knie in den Rücken drückte. „Was geht hier vor?“, fragte er.
„Wir machen gerade eine Liegepause; wonach sieht es denn aus?“, fragte Larry spöttisch, wischte sich dann das Blut von seinen Wangen und schaute hoch. „Verdammt noch mal, wer sind Sie, und was mischen Sie sich überhaupt ein?“
„Das ist der Vertreter von Chef Morris“, mischte sich der Polizist ein und machte Larry ein Zeichen, er solle schweigen. Dann sagte er zu Jim: „Dies ist Inspektor Larry.“
„Nehmen Sie ihr die Handschellen ab!“, befahl Jim, ohne auf die Bekanntmachung einzugehen.
„Was soll ich?“, fragte Larry gereizt. Er stand auf und stellte sich bedrohlich vor Jim.
„Sie haben schon verstanden“, antwortete Jim unbeeindruckt.
„Diese Frau hier ist ein Raubtier!“, entgegnete Larry und zeigte auf seine verletzten Wangen.
„Ich hasse es, wenn ich mich wiederholen muss“, erwiderte Jim bissig.
Larry ging zu Lisa und riss sie hoch. Dann nahm er ihr wütend die Handschellen ab. Sie massierte sich die Handgelenke, die schmerzten, und schaute misstrauisch zu Jim hoch.
„Führen Sie sie nach draußen. Sie kann gehen“, sagte er zu dem Polizisten und wartete, bis sie gegangen waren, dann wandte er sich an Larry. „Ich weiß ja nicht, wie es bisher hier zu- und hergegangen ist. Aber unter meiner Führung dulde ich nicht eine solche Behandlung der Verhafteten. Gewalt gegen Gewalt? So erreichen Sie überhaupt nichts. Ich dulde auch nicht, dass meine Befehle hinterfragt werden!“
„Sie zerkratzt mir das Gesicht, und ich soll sie verstehen oder ihr sogar danken?“, fragte Larry spöttisch und wütend zugleich. „Hören Sie zu: Ich arbeite seit über sechs Jahren hier, und glauben Sie mir, keiner kennt diese Kriminellen besser als ich. Was diese Leute brauchen, ist eine Tracht Prügel und kein Verständnis. Chef hin oder her – ich brauche keinen Neuling, der mir sagt, wie ich zu arbeiten habe. Bis jetzt hat sich noch nie jemand über meine Arbeitsweise beschwert – bis auf Sie, natürlich. So machen Sie sich keine Freunde hier.“
„Sind Sie fertig?“, fragte Jim wenig beeindruckt und mit strenger Stimme.
„Nein, bin ich nicht“, antwortete Larry und hob drohend den Finger. „Ich akzeptiere nicht, dass Sie meine Methoden kritisieren – und dann noch vor den Gefangenen.“
„Es ist mir egal, wie es bis anhin hier war, und ich bin auch nicht zum Freundefinden hier. In der Zeit, die ich auf dieser Wache verbringen werde, wird so gearbeitet, wie ich es sage! Ist das klar?“
Larry schaute Jim wütend an und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.

Am Abend saß Jim gedankenversunken vor dem Fernseher.
Seine Frau Beth setzte sich auf die Lehne seines Sessels und strich ihm übers Haar. „Was hast du?“, fragte sie.
Jim liebte seine Frau dafür; sie wusste immer, wann sie ihn in Ruhe lassen musste oder wann er mit jemandem sprechen wollte. Er konnte ihr alles anvertrauen und wusste, dass sie es niemandem weitererzählen würde. „Heute war eine junge Frau in Haft. Sie war nur kurz da, aber sie geht mir nicht aus dem Kopf“, antwortete Jim.
„Das ist aber eine charmante Sache, die man seiner Frau sagen kann“, sage Beth zwinkernd; sie wollte ihren Mann ein wenig aufheitern, denn sie machte sich keine Sorgen. Jim hatte seine Macken, aber Untreue war ganz sicher keine davon.
Er legte seinen Kopf auf ihre Brust und grinste. „Sorry, habe falsch begonnen“, sagte er dann und fuhr ernst fort. „Weißt du, es geht darum, dass sie mir leidtat. Sie war sicher nicht älter als 19 Jahre, aber ein Gesicht, das dir verrät, dass sie schon manches erlebt und gesehen hat. Alle Jugendlichen dort sind so jung und so wütend, und die Polizisten hassen sie regelrecht. Es sind junge Leute, die doch das ganze Leben vor sich haben – oder nicht?“
Beth wusste, dass er darauf keine Antwort erwartete, und hielt ihn nur fest in den Armen.



Kapitel 2

Am nächsten Abend waren Jim und drei weiter Polizisten in Zivil im „Hazel“, einer verruchten Bar. Es war ein beliebter Treffpunkt verschiedener Gangmitglieder. Der Polizeieinsatz bestand daraus, einige illegale Geschäfte zu beobachten und die Beteiligten auffliegen zu lassen. Larry war nicht mit von der Partie, weil er in den Straßen zu bekannt war. Hier nannte man ihn nur den „Scheißbullen“.
In diesem Moment ging die Tür auf, und eine Frau betrat die Bar: Lisa. Sie schaute sich um und entdeckte Jim. Dann ging sie, als hätte sie nichts gesehen, zu ihren Freunden hinüber. Jim hoffte insgeheim, dass sie seine Tarnung nicht auffliegen ließ, aber glaubte nicht wirklich daran. Nach einer kurzen Weile sagte sie etwas zu ihren Freunden und stand dann auf; ihre Freunde folgten ihr zur Tür. Aber bevor sie hinausgingen, drehte sich Lisa um, zeigte auf Jim und seine Leute und schrie: „Bullen!“
Diejenigen, die etwas zu verbergen hatten, rannten hinaus, die anderen blieben unbeeindruckt sitzen und kümmerten sich nicht darum.
Jim und seine Leuten rannten hinterher. Sie wussten, dass sie in der Minderzahl waren und, falls diese Leute sie fertigmachen wollten, es mit links schaffen würden. Sie hatten aber Glück, denn keiner schien an ihnen interessiert zu sein. Auch draußen war keine Spur der „Verräter“. Nach einer Weile gaben sie die Suche auf. Die Gang war wie vom Erdboden verschluckt. Jim stützte sich auf seine Oberschenkel und schnaufte. Er war wütend wie schon lange nicht mehr.

Der Vorfall hatte sich schnell herumgesprochen, und Jim sah die schadenfrohen Blicke der Polizisten. An diesem Morgen fuhr er mit Larry in der Gegend herum.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 120
ISBN: 978-3-99038-245-5
Erscheinungsdatum: 08.04.2014
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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