Sonstiges & Allerlei

Liebeskoma

Romana Jeker

Liebeskoma

Leseprobe:

«Für Lena»




Von Anfang an war sie unglaublich. Strahlend. Geheimnisvoll. Unergründlich.
Gloria zog die vollkommene Aufmerksamkeit auf sich, indem sie den Menschen warme Blicke und Liebe schenkte.
Sie lebte den Moment.
Vielleicht war es das, was sie von den anderen unterschied. Ich habe mein ganzes Leben lang nie wieder jemanden getroffen, der so war wie sie.



I

Gegenüber von einem winzigen Haus lag ein herrliches Schloss, direkt am Vierwaldstättersee in Luzern. Als Kinder hatten wir uns oft vorgestellt, es wäre ein verwunschenes Schloss. Melissa und ich. Wir träumten, zwei Prinzessinnen zu sein, Schwestern, die in diesem Palast wohnten. Warum denke ich ausgerechnet heute daran?
Ich tat die Erinnerung ab wie eine lästige Fliege. Vor wenigen Wochen hatte ich meinen Abschluss gemacht und würde bald in der Primarschule unterrichten. Ich hatte allen Grund, glücklich zu sein. Und heute war ein besonderer Tag. Meine Eltern hatten ihn nur für mich reserviert. Das kam höchst selten vor. Eigentlich nie. Immer musste mindestens einer der beiden in der Arztpraxis bleiben.
„Jetzt mach doch nicht so ein Gesicht, Maria! Wir haben eine riesige Überraschung für dich“, mein Vater klopfte mir auf die Schultern.
„Es wird dir gefallen, mein Schatz“, meine Mutter gab mir einen sanften Kuss auf die Wange und lächelte.
Was haben sie eigentlich vor? Nun war ich doch ein wenig neugierig.
Mein Vater hielt mir die Tür unseres weißen BMWs auf und ich ließ mich auf das weiche Leder fallen. Mama und Papa setzten sich ebenfalls in unseren Wagen und es ging los. Ich hatte keinen Plan, wo wir hinfuhren.
Paps schaltete das Radio ein und eine angenehme Frauenstimme plauderte munter drauflos, über den herrlichen Sommer, den wir dieses Jahr hatten. Ich schaute aus dem Fenster. Wir fuhren über die Brücke und bogen ins Alpenquai ein. Dort steht doch das Schloss!
Seit Ewigkeiten war ich nicht mehr daran vorbeigegangen. Ist es eigentlich immer noch verlassen?
Mein Herz raste, als mein Vater direkt darauf zu steuerte. Aufmerksam beobachtete ich jede seiner Bewegungen.
Ist das vielleicht mein Geschenk? Ein Besuch in diesem herrlichen … Ein Lächeln glitt über meine Lippen. Oder gar … Nein … Das ist nicht möglich.
Er grinste und parkte. Auf dem kleinen Kiesplatz vor dem winzigen Haus. Direkt gegenüber von meinem Märchenpalast. Hä, was war das jetzt?
So sehr ich auch versuchte, ihn mit dem Innenspiegel zu durchschauen, es gelang mir nicht.
„Was machen wir hier?“, fragte ich.
Meine Eltern drehten sich lächelnd zu mir um. Ich rutschte aufgeregt auf dem Rücksitz herum.
„Nun sagt schon!“
„Das ist dein neues Zuhause, Maria“, erklärte meine Mutter.
„Was?“, ich verstand nur Bahnhof.
Mein Vater wandte sich mir zu und sagte: „Na ja, wir dachten, da du früher so gerne hier warst, würdest du sicher gerne hier wohnen wollen. Mit direktem Blick auf dein Schloss.“
„Das kleine Haus stand schon lange zum Verkauf. Deshalb …“, führte Mama weiter aus.
„Ihr schenkt mir – ein Haus?!“
Sie nickten.
Mir klappte der Kinnladen runter. Meine Eltern waren zwar sehr reich, aber nicht im Traum hätte ich so etwas erwartet. Ein Haus. Ein eigenes Haus!
„Wenn du willst, kannst du noch heute einziehen!“
Ich strahlte wie ein Honigkuchenpferd, während ich ihnen folgte. Mein Vater drückte mir den Schlüssel in die Hand.
„Schau es dir in Ruhe an und sag uns dann, wie du es findest. Wir können den Kauf immer noch rückgängig machen, wenn es dir nicht gefällt.“
Ich nickte sprachlos und drehte mit zitternden Fingern den Schlüssel. Dieses riesige Geschenk ersetzte mir zwar nicht, dass meine Eltern kaum für mich da gewesen waren, als ich sie gebraucht hätte, aber es war eine Versöhnung.
„Kommt ihr nicht mit?“
„Wir warten hier, lass dir ruhig Zeit!“
Ich trat in den dunklen Gang und sah mich um. Wenige Schritte von mir entfernt führte eine alte Holztreppe ins Obergeschoss. Es roch nach Staub und abgestandener Luft. Ich wagte kaum zu atmen, so bezaubert war ich von diesem Haus. Eine tiefe Vertrautheit und Geborgenheit schien von den Wänden auszugehen. Das Sonnenlicht fiel auf die Stufen und ließ die Staubpartikel in der Luft glitzern. Mit langsamen Schritten ging ich nach oben. Ich entschied mich für die Tür rechts von mir, am anderen Ende des Flurs, wo ich mein Schlafzimmer haben wollte. Und tatsächlich, der Raum schien perfekt dafür geschaffen zu sein. Mein Herz schlug höher, als ich an das riesige Fenster trat. Trotz der draußen herrschenden Schwüle öffnete ich es und lehnte mich an den Sims. Vor meinen Augen das gigantische Schloss all meiner Träume. All unserer Träume. Ach Melissa! Es tut mir so leid.
Ich seufzte und drängte die aufkommende Melancholie beiseite. Diesen Tag wollte ich mir nicht länger vermasseln lassen. Was vorbei ist, ist vorbei. Ich setzte ein zufriedenes Lächeln auf und verharrte noch lange am offenen Fenster, bis die Hitze unerträglich wurde.
Meine Zukunft hatte begonnen. Ein Leben, so aufregend und schön, wie ich es mir niemals hätte ausmalen können.
***

„Hallo Liebling! Ich habe frische Gipfeli und Brötchen mitgebracht“, meine Mutter lachte fröhlich. Unter ihren Augenlidern lagen jedoch dunkle Schatten schlafloser Nächte. Es war ein milder, wolkenverhangener Samstagmorgen.
„Oh super! Ich habe nämlich absolut nichts mehr zum Essen hier.“
Ich umarmte sie. In den zwei vergangenen Tagen hatte ich mich bereits gut eingelebt.
„Na, wie findest du das Haus?“
„Es ist wunderbar. Vor allem der Garten ist ein Traum!“, schwärmte ich. „Danke, danke! Danke“, sagte ich immer wieder, obwohl ich ihnen schon hundert Mal um den Hals gefallen war und sie vor Freude stürmisch auf die Wangen geküsst hatte.
Sie lächelte.
„Kaffee?“
„Oh ja, ich fürchte, eine Tasse wird nicht reichen …“ Sie setzte ein scherzendes Lächeln auf, doch ihre Augen verrieten, dass sie die Wahrheit sprach.
Bald lag der Duft von heißem Kaffee und frischem Brot in der Luft. Meine Mutter trank ihre Tasse immer schwarz, aber heute warf sie drei Stück Zucker hinzu.
Ich nahm ein Croissant und biss herzhaft hinein. Nach einer Weile begannen wir, munter zu plaudern. Das gemütliche Beisammensein wirkte wahre Wunder.
„Ich habe schon lange nicht mehr so entspannt gegessen“, meinte meine Mutter später.
„Ihr solltet nicht so viel arbeiten“, gab ich nicht zum ersten Mal zu bedenken.
„Liebend gerne! Sag doch unseren Patienten, dass sie sich nicht um fünf Uhr morgens den Knöchel verstauchen sollen.“
„Schau einfach, dass du nicht auch zur Patientin wirst“, meinte ich.
Sie strich sich eine Strähne des grauschwarzen Haars zurück.
Ein Lächeln glitt über ihr Gesicht. „Ist gut, ich versuch’s.“
Wir trugen die Teller in die Küche und machten uns an den Abwasch.
Außen wie die Mutter, innen wie der Vater. Das hatte mein Cousin Nico immer gesagt. Wir hatten beide blaue, klare Mandelaugen und schwarzes, dichtes Haar. Auch meine Wangenknochen sahen ihren sehr ähnlich.
„Was ist?“, meine Mutter drehte mir den Kopf zu und sah mich fragend an.
„Nichts. Ich habe nur nachgedacht.“
„Worüber?“
„Dass ich dir sehr ähnlich sehe.“
Sie lächelte. Ein warmes, liebevolles Lächeln, wie es nur Mütter ihren Kindern schenken können. „Das ist wahr. Wie kommst du darauf?“
„Nico hat das mal gesagt.“
„Ach so. Habt ihr denn eigentlich noch Kontakt?“
Ich schüttelte den Kopf. „Leider nicht mehr seit seiner Hochzeit in Amerika.“
„Schade. Aber es ist halt auch so weit weg.“
„Ja, stimmt.“
Wir räumten die sauberen Teller in den Schrank.
„Zeig mir doch noch ein wenig die Umgebung, ja?“
„Gute Idee. Ich bin gestern mit Papa schon hier herumgebummelt. Es gibt sehr schöne Plätzchen am Ufer.“
Schweigend gingen wir nebeneinander her. Ich wusste nicht, worüber ich mit meiner Mutter reden sollte. Meine Eltern hatten so viel mit der Praxis zu tun, dass es für mich ungewohnt war, sie um mich herum zu haben.
„Wie läuft’s in der Praxis?“, fragte ich, weil mir nichts anderes einfiel.
„Seit wann interessiert dich das?“
Ich zuckte mit den Achseln. „Ehrlich gesagt, ich habe keine Ahnung, worüber ich sonst mit dir sprechen soll.“
Sie sah mich lange mit einem verschleierten Blick an. Traurigkeit und Reue schwangen darin.
„Maria“, fing sie an. „Du weißt, dass wir dich sehr lieb haben. Aber neben der Praxis ein Kind großzuziehen, war nicht leicht. Wir haben uns große Mühe gegeben. Doch die Patienten … Wir konnten sie nicht einfach wegschicken, wenn sie uns brauchten. Sie vertrauen uns und wir kennen sie ja alle persönlich. Du weißt ja, wie das ist mit fremden Ärzten.“
„Ja, ich weiß, Mama. Ich werfe euch ja nichts vor. Lass uns über was anderes reden.“
Ich hatte keine Lust auf ihre endlosen Entschuldigungen. Ich hätte sie genauso gebraucht. Aber sie hatten sich nun mal so entschieden und ich kannte es ja nicht anders. Jetzt spielte es sowieso keine Rolle mehr. Meine Kindheit war vorbei, ich lebte jetzt mein eigenes Leben.
„Wie geht’s eigentlich Melissa?“
Ich zuckte erschrocken zusammen. „Wie kommst du jetzt darauf?“
Ich dachte automatisch an den Tag, an dem…
„Nur so.“
„Ehrlich gesagt, keine Ahnung“, gab ich zu.
„Ihr habt euch doch wieder versöhnt?“, sie blieb stehen und wir setzten uns auf eine Parkbank. Meine Mutter schaute mich aufmunternd an. Ich holte tief Luft.
„Nein. Ich habe einen Fehler gemacht. Einen riesigen Fehler.“ Meine Mutter hatte mir an jenem Abend nämlich einen sehr weisen Ratschlag gegeben: Es wird über vieles gesprochen. Glaube nicht alles, was die Menschen sagen. Sprich dich mit ihr aus, ihr müsst darüber reden. Die Missverständnisse klären, bevor sie zu bitterem Hass werden.
Ich habe nicht auf sie gehört. Stattdessen beschuldigte ich meine beste Freundin, verurteilte sie, ohne sie überhaupt anzuhören. Seither hatte ich sie nie mehr gesehen.
Meine Mutter nickte, nachdem ich ihr die Wahrheit erzählt hatte.
„Ach Liebling, wir machen alle Fehler“, tröstend strich sie mir über die Schulter, „aber Fehler sind nicht schlecht, Maria. Wenn du ihn erkennst, kannst du daraus lernen.“
„Das reicht nicht, um es ungeschehen zu machen.“
„Nein, aber es ist ein Anfang.“
Meine Mutter sah mir tief in die Augen: „Es ist nie zu spät, das Richtige zu tun.“
„Doch, es ist zu spät. Ich weiß ja nicht mal, wo sie ist. Ich habe meine Chance vertan.“
„Vielleicht wird sich noch eine Möglichkeit bieten, dich bei ihr zu entschuldigen. Wenn nicht, hast du trotzdem fürs Leben gelernt.“
Ich nickte. Das habe ich.
Wir blickten auf den leicht gekräuselten See und beobachteten die Enten, die durchs Wasser paddelten.
„Bist du mir eigentlich böse, dass ich nicht Ärztin geworden bin?“
„Nein, natürlich nicht. Ich bin froh, dass du einen anderen Weg eingeschlagen hast. Du wirst deinen Kindern mehr Zeit widmen. Das hätten wir auch tun sollen …“
Da klingelte ihr Handy. Sie sah mich flehend an und ich wusste Bescheid.
„Nimm schon ab“, sagte ich.
Wieder einmal ein Notfall, der unserem gemeinsamen Tag ein jähes Ende bescherte.
Ich winkte ihr lächelnd zum Abschied und blieb noch eine Weile auf der Parkbank sitzen. Soll ich es versuchen?
Unschlüssig drehte ich mein Handy in den Fingern. Ich hatte ihre Nummer nicht mehr. Vielleicht wohnt sie noch am selben Ort. Obwohl ich nur ein Mal bei ihr zu Hause war, erinnerte ich mich noch genau an den Weg. Kann ich das wirklich wiedergutmachen?
Nicht kneifen, Maria! Ich muss das jetzt klären. Entschlossen erhob ich mich von der Parkbank.
Nach einem Zwischenstopp in der Stadt stand ich fast zwei Stunden später vor ihrem Elternhaus. Mit einem Blumenstrauß und ihren Lieblingspralinen. Ich spürte mein Herz vor Aufregung laut schlagen und musste ein paar Mal tief schlucken, bis ich die Klingel betätigte. Warum habe ich das nicht früher getan?
Niemand rührte sich. Vielleicht war sie in den Ferien. Ich klingelte nochmals. Dann überprüfte ich das Schild neben der Tür. Valentini. Doch, das war richtig. Was mache ich jetzt? Die Schokolade würde in der Sonne sofort schmelzen und die Blumen verwelken.
Da erinnerte ich mich plötzlich an Nonna, ihre Großmutter, die direkt neben ihnen wohnte.
„Vengo, vengo! Keine Stresse …“ Die gutmütige rundliche Frau Valentini öffnete mir die Tür und musterte mich eine Weile.
„Gu… Guten Tag, Nonna, erinnerst du dich noch an mich? Maria, Melissas … beste Freundin.“
Sie nickte lange und bat mich rein. Wir setzten uns in die Küche und ich erzählte ihr stockend, warum ich hier war.
„Per lei?“, sie deutete auf die Blumen.
„Sì“, ich nickte.
„Schade, sie sinde in de Ferie. Mit ganze Familie. In Italia!“
„Ach so, wann kommen sie denn wieder?“
„Erst septembre.“
Ich nickte traurig.
„Nicht de Kopfe hänge lasse. Ich ihr sage, dass du hier waren. Va bene?“
„Grazie, Nonna“, ich lächelte ein wenig und streckte ihr die Blumen und die Pralinen hin.
„Oh, das iste aber sehr lieb! Aber die Praline ich leider nicht darf essen. Diabetes!“, sie zuckte mit den Schultern.
„Ach so, dann nehme ich die wieder mit.“
„Grazie mille für die Blume, Maria. Und komme balde wieder vorbei!“

Als ich meinen blauen Mini Cooper vor dem Haus parkte, war es schon fast sieben Uhr. Trotzdem lag die Hitze noch in der Luft. Ich nahm erst einmal eine kalte Dusche. Dann ließ ich mich mit tropfenden Haaren und einem frischen Top auf mein Bett fallen und kramte nach dem angefangenen Liebesroman. Ich drehte die Musik auf. Im Takt wippte ich mit der spanischen Gitarre, während ich in mein Buch versank. Daneben aß ich die Reste des Frühstücks auf und spielte mit dem Gedanken, die Pralinenschachtel zu öffnen. Nein, ich würde sie in den Kühlschrank stellen. Gegen neun Uhr hielt ich es fast nicht mehr aus vor drückender Hitze. Schnell riss ich das große Fenster auf und genoss den Anblick der untergehenden Sonne. Ein kühles Lüftchen strich über meine Haut. Ich streckte meinen Kopf noch weiter aus dem Fenster. Die ersten Töne meines Lieblingsliedes erklangen. Ich summte leise mit.
Plötzlich nahm ich eine Gestalt wahr, die der Straße entlang schlenderte. Sie trug ein Sommerkleid, das im Wind zu schweben schien. Vor dem See blieb sie stehen, den Blick auf das Wasser gewandt. Ihr dunkles Haar flatterte wie die Wellen der stürmischen See. Sie drehte sich wieder in meine Richtung. Fröstelnd rieb sie sich die Arme und schüttelte den Kopf, als wolle sie einen unangenehmen Gedanken vertreiben. Dann blickte sie in den Himmel. Ihre Hand bewegte sich zum Takt meiner Musik. Die Frau lächelte. Da vibrierte mein Handy und ich stutze. Eine Nachricht von meinem Cousin?



Ich grinste. Das gibt’s doch nicht! Er ist wieder da!
Als ich wieder ans Fenster trat und auf die Straße blickte, war die Frau verschwunden.



II

Die Sonne tauchte die Stadt in goldenes Licht. Der Wind spielte durch das geöffnete Autofenster mit meinen Haaren. Im Radio lief Brand New Day von Massari. Ich klopfte vergnügt auf das Steuerrad und bog in die Straße ein, die zu einer Villa führte. Nach über einem Jahr werde ich sie endlich wiedersehen!
Nico war nun bestimmt schon ein halber Amerikaner. Er hatte sein Medizinstudium in New York beendet und einige Jahre dort gelebt. Ich fragte mich immer wieder, was ihn zurück in die kleine, verträumte Innenschweiz zog. Mein Herz klopfte vor Freude und ich sprühte vor Energie. Ich wollte unbedingt alles erfahren, was er in New York erlebt hatte. So viel hatte ich schon von dieser gigantischen Metropole gehört und leider noch viel zu wenig gesehen!
Ich parkte meinen blauen Mini Cooper auf dem Kiesplatz. So ein kunstvolles Haus hatte ich nicht im Traum erwartet. Wenn ich an Olivia dachte, schien es aber wunderbar zu passen.
Ich stieg die Treppenstufen hinauf und starrte einem Löwenkopf aus Messing in die Augen. Es dauerte einen Moment, bis ich feststellte, dass es sich hierbei um einen Türklopfer handelte. Dann schweifte mein Blick zur winzigen Klingel. Und wieder zurück.
Türklopfer? Klingel? Türklopfer? Klingel?
Ich entschied mich für die einfachere Methode.
Olivia riss die Tür schwungvoll auf, als ob sie schon Stunden dahintergestanden hätte, und fiel mir um den Hals. Eine Parfümwolke wehte mir entgegen.
„Maria, how wonderful to see you!“, sang sie wie ein Vogel und ihre blaugrün gesprenkelten Augen funkelten hell.
Ach, wie habe ich sie vermisst! Ich liebte es, wie sie zwischendurch Englisch sprach. Ich konnte mir Olivia einfach nicht ohne ihren amerikanischen Touch vorstellen.
„Nicky ist drinnen“, sagte sie.
Der Butler nahm mir meine Jacke ab, die ich eigentlich auch zu Hause hätte lassen können. Die sommerliche Wärme lag noch immer in der Luft.
Wir schritten durch eine hohe Eingangshalle und traten in ein großzügiges Wohnzimmer. Vor mir stand ein gigantisches Sofa. Ich blieb einen Moment stehen. Durch die offenen Fenster blies eine frische Abendbrise in den Raum und brachte die leichten Seidenvorhänge zum Tanzen. Das Mobile spielte im Wind. Die Klänge mischten sich mit den Stimmen zweier Männer.
Spinn ich? Das kann nicht sein …
Ist er wirklich hier? Mein Herz schlug höher. Das ist nicht möglich … Oder etwa doch?
Schüchtern trat ich auf die Veranda. Er saß mit dem Rücken zu mir und war mit Nico ins Gespräch vertieft. Mein Herz fing wie wild an zu rasen. Die Hitze schoss mir ins Gesicht. Wird er mich überhaupt noch erkennen? In meinem Kopf blitzten die Bilder von Nicos und Olivias Hochzeit auf. Die zwei Wochen in Amerika …

Nico und Olivia am Altar.
Wie wir uns gegenüberstanden und verlegen angrinsten.
Er, wie er eine Ansprache auf das Hochzeitspaar hielt.
Er, wie er mit mir tanzte.
Er …

Nico wandte sich von ihm ab und lächelte mir zu. Da drehte auch er sich um.
„Hallo Maria, how are you?“
Meine Gedanken kamen zum Stillstand, mein Herz hörte für einen Moment auf zu schlagen.
Beide Männer erhoben sich und kamen mir entgegen. Nico wartete geduldig, bis Kevin und ich uns begrüßt hatten.
„Kevin …“, ich schluckte leer, „schön, dich zu – äh, nice to see you.“
Ich rang um Beherrschung. Ich hatte gedacht, mein Herz hätte ihn längst überwunden. Er spielte in einer anderen Liga. Unerreichbar. Sein durchtrainierter Körper, die schöne, weiche Haut … Ich hätte ihn haben können, damals, doch jetzt nicht mehr.
„Ey, du weißt doch, dass ich Deutsch kann! Alles hab ich nun auch nicht verlernt nach meinem Sprachaufenthalt in der Schweiz“, er zwinkerte mir spöttisch zu.
„Ja, ja, natürlich. Ich weiß“, stotterte ich.
Seine blauen Augen jagten mir Hühnerhaut über Rücken und Arme. Ich streckte ihm meine Hand entgegen und lächelte scheu. Er ergriff sie und zog mich an sich.
Völlig überrumpelt lag ich mit dem Kinn an seiner Schulter und die Wärme seines Körpers raubte mir den Atem.
Er roch nach One Million, demselben Parfüm, das ich noch von Amerika zu kennen glaubte.
Der Wind fuhr durch sein blondbraunes Haar. Kevin ließ mich los und grinste. Oberhalb seiner linken Augenbraue erkannte ich die winzige Narbe wieder, die er seit seiner Kindheit hatte.
„Maria, schön, dass du kommen konntest“, Nico umarmte mich herzlich.
„Was für eine Überraschung! Ich hätte nicht gedacht, ihn wiederzusehen.“
„Du meinst Kevin? Ja, er bleibt ein paar Monate bei uns.“
„Ich habe einfach nicht damit gerechnet. So bald …“
„Nun ja, ist jetzt auch schon mehr als ein Jahr her“, bemerkte Kevin nüchtern. Du hättest dich auch mal melden können, schwang darin mit. Erst jetzt bemerkte ich, wie sehr er mir gefehlt hatte. Seine tiefe, männliche Stimme, der leichte amerikanische Akzent, wenn er Deutsch sprach … Wie hatte ich ihn so lange verdrängen können?
Er musterte mich durchdringend. Ich erwiderte seinen Blick, dann sah ich zur Seite. Ich musste an den Beinahe-Kuss im Central Park denken – den ich aus Dummheit nicht zugelassen hatte.
„Du musst unbedingt den Garten sehen, Darling!“, schwärmte Olivia, die von hinten zu mir getreten war, und holte mich aus meinen Erinnerungen zurück. Sie hakte sich bei mir unter und wir spazierten über den Kiesweg durch den gepflegten Rasen, zwischen zu Rechtecken geschnittenen Büschen hindurch.
„Amazing, nicht?“
Sie machte eine umfassende Handbewegung.
„Ja, atemberaubend …“, mir blieb die Luft weg vor Staunen. Hinter einem hübsch angelegten Pool hatte man eine Aussicht auf den Pilatus und den Vierwaldstättersee, die von malerischer Schönheit war. Nur eine lange Reihe von Glyzinien umschlungener Marmorsäulen schien uns von den schneebedeckten Alpen zu trennen.
Der Wind trug den Geruch nach brutzelndem Fleisch zu uns. Mir lief das Wasser im Mund zusammen.
„Zum Glück haben wir das Grundstück sofort gekauft!“ Olivia erzählte mir, wie ein anderes Ehepaar ihnen das Angebot fast vor der Nase weggeschnappt hatte.
Eine Hausangestellte deckte den Tisch mit teurem Geschirr. Ich bewunderte die handbemalten Porzellanteller und das Silberbesteck, das in der Sonne funkelte. Zwar war ich Wohlstand gewöhnt, doch solch schöne Gabeln, Teller, Gläser und Messer hatte ich noch nie gesehen.
„Das hat Olivia ausgewählt“, informierte mich Nico. „Ich finde es ja maßlos übertrieben.“
Er rollte mit den Augen und schenkte mir Champagner ein. Ich musste lachen.
„Was?“
„Nichts“, ich konnte nicht aufhören zu kichern.
„Ich nehme keinen, danke. Morgen habe ich ein wichtiges Spiel“, lehnte Kevin ab.
„Du spielst morgen?“, fragte ich erstaunt.
„Ja. Deshalb bin ich hergekommen“, klärte er mich auf.
„Ach so.“
Er ist also gar nicht wegen mir hier. Ohne dass ich es wollte, spürte ich einen schmerzhaften Stich mitten in der Brust.
„Er wird gewinnen“, prahlte Olivia und klopfte ihrem Bruder auf die Schulter.
Ich lächelte etwas gequält. Hatte ich doch für einen Moment tatsächlich gedacht … Wie konnte ich nur so naiv sein? Ich konnte ihm sowieso nicht das Wasser reichen, er brauchte eine Frau, die ebenso schön war wie er. Vielleicht hat er inzwischen sogar eine Freundin?

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 276
ISBN: 978-3-99048-910-9
Erscheinungsdatum: 30.08.2017
EUR 12,90
EUR 7,99

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