Sonstiges & Allerlei

Licht und Schatten – der Alltag eines Krankenhausarztes

Gerd Sodtke

Licht und Schatten – der Alltag eines Krankenhausarztes

Leseprobe:

Im Blaulicht: Am Ende der Welt

Wir saßen schweigend nebeneinander, der Fahrer des Notarzt-Pkw und ich. Ein Gespräch in normaler Tonlage war aufgrund des ohrenbetäubenden und nervtötenden Lärms durch das Martinshorn ganz unmöglich. Es verhielt sich nicht so, dass wir uns mehr oder weniger übel gelaunt wegen der nächtlichen Ruhestörung durch den neuen Einsatz anschwiegen. Als ich mich vor Beginn der Fahrt auf den Beifahrersitz geworfen hatte, hatte ich nur knapp gefragt, was es denn gäbe, und er hatte ebenso lakonisch geantwortet: „Junge Frau mit Bauchschmerzen.“
Nein, wir schwiegen uns nicht an, jeder von uns war vollständig konzentriert. Der Fahrer hatte beide Augen auf die Straße gerichtet und versuchte, in rasender Fahrt durch die dunkle Nacht so schnell wie möglich zu der Notfalladresse zu gelangen. Das Martinshorn hätte er eigentlich ausschalten können, jetzt um 2:00 Uhr morgens waren die Straßen der Stadt menschenleer, wie leer gefegt, und wir begegneten kaum anderen Fahrzeugen. Der Vorteil zu dieser nachtschlafenden Stunde bestand darin, dass wir nahezu ungebremst und damit sehr schnell vorwärtskamen, wodurch wir in Bezug auf den Notfall wertvolle Zeit gewinnen konnten. Ich hatte nur mein linkes Auge auf die Straße gerichtet, um an irgendeiner Straßenkreuzung doch ein anderes Fahrzeug, vielleicht einen späten Heimkehrer, zu entdecken, worauf ich stets warnend mit dem Finger nach vorne zeigte. Er pflegte dann als Zeichen dafür, dass er die potenzielle Gefahr bereits erkannt hatte, stets nur lässig eine abwinkende Handbewegung zu machen. Er war deutlich älter als ich, er hatte mit Sicherheit in solchen Nächten wie dieser schon viel gesehen, er war ein erfahrener Rettungssanitäter. Mein rechtes Auge aber war nur pro forma auf die Straße gerichtet, es war sozusagen mehr mein geistiges Auge, vor dem sämtliche Ursachen von Bauchschmerzen wie in einem Film vorbeiliefen: Magengeschwür, Gallenkolik, Blinddarmentzündung, Darmverschluss, Nierenkolik und viele andere auch. Häufig hätte ich mir eine genauere Vorabinformation über den Notfall gewünscht, um mich darauf einstellen zu können.
Diese ereignisreiche Nachtfahrt sollte verhältnismäßig lange dauern. Nach all den Jahren erinnere ich mich leider nicht mehr daran, wo genau dieser durchaus bemerkenswerte Zielort lag, jedenfalls ganz tief in den Wupperbergen. Unsere Stadt wird ja sowohl im Süden wie auch im Osten durch die Wupper, diesen wunderschönen, ruhigen, friedlich strömenden Fluss an der Pforte des Bergischen Landes, begrenzt. Aber an das Datum erinnere ich mich sehr genau: Es war der 20. Juni des Jahres 1987.
Weiter ging die rasende Fahrt über die menschenleeren Straßen, die Lichter hinter den Fenstern der Wohngebäude am Straßenrand waren längst schon erloschen, nur ganz selten schimmerte durch ein einzelnes Fenster noch ein gelblicher Lichtschein. Die Stadt lag im Tiefschlaf, und wir waren bei unserer Arbeit. Das Stadtzentrum hatten wir längst schon verlassen, und die Straßenlaternen, die ihr kaltes Licht auf den durch unser blinkendes Blaulicht unwirklich bläulich schimmernden Asphalt warfen, kamen mittlerweile in etwas größeren Abständen an uns vorüber. Es hatte leichter Sprühregen eingesetzt. Je länger unsere Fahrt dauerte, desto schmaler wurden auch die Straßen, und die Laternen am Straßenrand wurden noch seltener. Bald gab es nur noch vereinzelte Häuser am Straßenrand. Andere Fahrzeuge begegneten uns hier nicht mehr, die Straße gehörte uns alleine.
Schließlich fuhren wir durch ein langes Waldstück. Die Bäume standen bis dicht an den Fahrbahnrand und bildeten ein dichtes Laubdach über der Straße. Am Ende dieses langen Laubtunnels öffnete sich der Blick unvermittelt auf die hügelige Landschaft mit weiten Wiesen- und Ackerflächen. Der Schein des Vollmonds, der bisweilen durch eine Wolkenlücke schaute, tauchte die durch den Sprühregen benetzten, langen Gräser auf den Hügelketten in ein silbrig glänzendes, ungewöhnlich helles Licht. Dieser wunderschöne Anblick vermittelte eine nahezu gespentische, unwirkliche Atmosphäre. Für einen kurzen Augenblick vergaß ich sogar den eigentlichen Grund unserer nächtlichen Fahrt und blickte fasziniert über die weite Hügellandschaft. Solche Naturschauspiele wie diese weite, silberne Fläche im Mondlicht gab es nur ganz selten zu sehen, wahrscheinlich übten sie gerade aus diesem Grund eine solche Anziehungskraft aus. Man durfte sich glücklich schätzen, wenn man sie einmal erleben durfte.
Die Landstraße wurde noch schmaler, bis wir schließlich in einen noch engeren Seitenweg einbogen, aus dem sehr schnell ein unbefestigter Feldweg wurde. Vor uns wartete der Rettungswagen mit eingeschalteter Warnblinkanlage an einer Weggabelung, Straßenlaternen gab es dort keine mehr. Ich fragte besorgt, ob wir uns überhaupt noch im Stadtgebiet befinden würden, denn dieser entlegene Ort mit seiner gespenstischen Atmosphäre sprach eigentlich dagegen. Der Fahrer nickte jedoch zu meinem Erstaunen zustimmend. Der Fahrer des Rettungswagens vor uns stieg aus, er war einige wenige Meter zu weit gefahren. Wir stiegen ebenfalls aus, und er erklärte uns, dass wir unseren Wagen ein kurzes Stück zurücksetzen mussten. Hier draußen tief in den Wupperbergen herrschte eine nahezu unheimliche Stille, die nur durch die laufenden Motoren unserer Fahrzeuge unterbrochen wurde. Die Martinshörner waren schon längst abgeschaltet, nur die Blaulichter vollführten noch weiterhin ihre kreisenden Bewegungen. Der Fahrer dirigierte uns in völliger Dunkelheit ein Stück rückwärts auf diesem Feldweg. Er folgte uns ebenfalls rückwärts fahrend, stoppte kurz vor unserem Wagen, um dann vor uns in einen noch schmaleren Weg einzubiegen, dessen zahlreiche Schlaglöcher nur notdürftig mit alten, zerbrochenen roten Dachpfannen ausgebessert worden waren, nicht gerade günstig für unsere Reifen. Am Beginn dieses Weges sahen wir im Scheinwerferlicht ein breites, aus mehreren Brettern zusammengezimmertes, verwittertes Holzschild, das etwas windschief an einem Pfahl hing und das in großen roten Buchstaben mit einem Familiennamen beschriftet war. Unter den Buchstaben wies ein langer Pfeil den Hügel hinauf.
Wir folgten in langsamer, sehr holpriger Fahrt dem Wegweiser bergauf, und endlich sahen wir schemenhaft in der Ferne hoch oben auf einer breiten Hügelkuppe ein einzelnes, relativ großes Haus, durch dessen Fenster im Erdgeschoss ein gelblicher Lichtschein fiel. Je mehr wir uns diesem Haus näherten, desto deutlicher wurde uns in dem fahlen Mondlicht, dass es tatsächlich weit und breit keine weiteren Gebäude gab. Ungewöhnlich, so dachte ich noch, solch ein einsames Haus, und dann noch hoch oben auf der Hügelkuppe errichtet und damit Wind und Wetter ausgesetzt. Warum hatte man es nicht an einem geschützteren Ort errichtet? Vielleicht hatte man es aber dort oben auf dem Hügel vor hinabströmenden Wassermassen bei Unwettern oder vor Taunässe nach den früheren strengen Wintern schützen wollen. Andererseits gab es im Bergischen Land immer noch Hofschaften aus alten Zeiten, in denen mehrere Häuser um einen zentralen Platz herum gebaut worden waren. Dieses Gebäude aber stand mutterseelenallein. Ich hatte wirklich den Eindruck, dass wir das Ende der Welt erreicht hatten, jedenfalls aber einen sehr einsamen Ort, an dem sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagten.
Vor dem Haus stiegen wir rasch aus den Fahrzeugen, die Fahrt hatte schon lange genug gedauert. Dann gingen wir um einen großen, durchaus gepflegten Gemüsegarten herum, der sehr ordentlich mit einem relativ hohen Staketenzaun zum Schutz gegen wilde Tiere eingefasst war. Vor der stark verwitterten, angegrauten Eichenholztür des Windfangs verbreitete eine große alte Wandlaterne durch die getönten Scheiben ein gelbes, warmes Licht. In dem Lichtschein sahen wir einen langen Stapel ordentlich gespaltenen Kaminholzes an der Hauswand unter der weit die Fassade überragenden Überdachung. Soweit wir erkennen konnten, standen wir vor einem großen, aber relativ niedrigen, alten bergischen Fachwerkhaus, spätestens um die Jahrhundertwende erbaut, das schon sehr viel bessere Zeiten erlebt hatte: Überall sah man grob abblätternde Farben, an der Hausfassade zwischen den porösen, verwitterten Balken, den Fensterrahmen und den tannengrünen Fensterläden, die nicht geschlossen waren.
Eine Türklingel suchten wir vergeblich, weil es keine gab. Den massiven Türklopfer, einen großen Löwenkopf aus grünlich angelaufenem Messing, brauchten wir nicht zu betätigen, denn sie hatte uns in der Stille der Nacht bereits kommen gehört. Als sie die Eichentüre öffnete, erkannten wir vor uns in dem Lichtschein des Wohnraums, der nur schwach in den unbeleuchteten Windfang drang, eine hochgewachsene junge Frau. Ihr durchaus hübsches, schmales Gesicht war von langen schwarzen Haaren umrahmt, und dennoch, irgendetwas fehlte mir in diesem Gesicht, soweit ich dies in dem schwachen Zwielicht beurteilen konnte. Sie bat uns hinein, und durch den Windfang betraten wir einen ungewöhnlich weitläufigen, aber niedrigen Wohnraum mit dicker Holzbalkendecke, mit einem großen dunkelgrünen Kachelofen und umlaufender Sitzbank, eigentlich sehr gemütlich mit alten Möbeln aus früheren Zeiten eingerichtet. Aber diese Unordnung war unvorstellbar: Alle Stellflächen, wie Tisch, Beistelltische, Fensterbänke waren durch schmutziges Geschirr, Zeitungen und andere Dinge belegt. Entweder war diese junge Frau seit ihrer Kindheit ein unordentlicher Mensch, oder sie hatte nicht die Energie oder nicht die Zeit, um für Ordnung zu sorgen. Diese Unordnung störte das eigentlich gemütliche Wohnbild des Raumes ganz erheblich.
Sie schlurfte in ihren flachen Filzpantoffeln auffallend langsam für eine etwa 28‑jährige junge Frau vor uns her. Sie hielt sich dabei auch nicht ganz gerade, ihr Rücken war gebeugt, und ihre Schultern hingen kraftlos herab. Ihre Schritte setzte sie etwas unsicher und leicht schwankend. Offenbar wohnte sie hier ganz alleine, sehr mutig in dieser Einöde, so dachte ich. Als sie sich schließlich langsam zu uns umwandte, wusste ich sofort, was mir in ihrem hübschen Gesicht bei der Begrüßung im Windfang gefehlt hatte: Es war die Hautfarbe, denn sie war leichenblass! Entweder hatte ihre Haut trotz der Sommerzeit und des schönen Wetters seit vielen Wochen keine Sonne mehr gesehen, oder sie war hochgradig blutarm. Gleichzeitig sah ich nun auch die Vorwölbung ihres Bauches unter dem leichten, bunten Sommerkleid.
Ich bat sie, sich auf die altertümliche Chaiselongue mit dem abgenutzten Stoffbezug zu legen. Sie berichtete, ohne dass ich erst fragen musste, über die Zunahme ihres Bauchumfanges seit wenigen Tagen, und immer wieder ziehende, soeben wieder zunehmende Unterbauchschmerzen, bei denen sie schmerzhaft das Gesicht verzog. Die Frage, die mir auf den Lippen lag, beantwortete sie unaufgefordert selbst: Der von ihrem Gynäkologen durchgeführte Schwangerschaftstest wäre negativ ausgefallen. Bisher sei sie immer gesund gewesen. Ihr Blutdruck war bei meiner Messung deutlich erniedrigt, sie bestätigte mir aber, dass niedriger Blutdruck bei ihr bekannt wäre. Dies mochte ja so sein, aber der ganz erheblich in seiner Frequenz erhöhte, nur schwach tastbare Pulsschlag an ihrem Handgelenk passte gar nicht dazu, denn er konnte in Verbindung mit dem niedrigen Blutdruck auf einen drohenden Kreislaufschock hinweisen. Mit einem Daumen zog ich vorsichtig eines ihrer Augenunterlider etwas herunter und sah, dass die Bindehaut des Auges nur noch sehr blassrosa gefärbt war, also ein sicheres Zeichen für eine hochgradige Blutarmut. Sollte es sich um eine akut aufgetretene Blutarmut handeln, so würde diese auch den drohenden Kreislaufschock erklären.
Auf meine Bitte machte sie den Bauch frei. Die Bauchdecke war beim Abtasten deutlich gespannt, eben wie bei einer Schwangerschaft im fünften Monat. Aber der Schwangerschaftstest war ja nach ihren Angaben negativ ausgefallen. Obwohl ich nur ganz behutsam und vorsichtig tastete, reagierte sie sofort, indem sie die Bauchdecke anspannte und das Gesicht verzog. Den größten Druckschmerz spürte sie eindeutig im rechten Unterbauch. Ihren Blinddarm hatte sie ja auch noch, denn sie hatte keine Operationsnarbe. Eindeutige Hinweise auf eine Blinddarmentzündung konnte ich aber nicht feststellen, obwohl gerade diese Diagnose ein wahres Chamäleon sein kann und nicht immer ganz einfach zu stellen ist, je nachdem, wie lang der Blinddarm ist.
Ich klopfte dann den gesamten Bauch ab, indem ich den Mittelfinger einer Hand auf den Bauch legte und mit dem Mittelfinger der anderen Hand darauf klopfte, das nennt man Perkussion. Würde man auf diese Weise an eine Holzschranktüre klopfen, so klänge sie hohl, gegen eine gemauerte Zimmerwand hingegen gedämpft. So verhält es sich auch gewöhnlich im Bauchraum: Über den großen soliden Organen, wie der Leber und der Milz, klingt das Klopfen gedämpft, über der übrigen Bauchhöhle mit lufthaltigen Darmschlingen hingegen hohl. Während der Klopfprüfung stellte ich ihr wichtige Fragen, um sie etwas abzulenken: Ich wollte wissen, ob eine chronische Blutarmut be­kannt sei oder ob ihr in den letzten Tagen eine starke Blutung aufgefallen sei. Beides verneinte sie, mit Ausnahme einer leichten genitalen Schmierblutung vor wenigen Tagen. Die Klopfprobe ergab den Befund, den ich bereits befürchtet hatte, denn sie war im gesamten Bauchraum gedämpft! Dies bedeutete, dass der gesamte für gewöhnlich hohl klingende Resonanzboden der Bauchhöhle fehlte. Die Bauchhöhle musste bis in den letzten Winkel mit einer Flüssigkeit gefüllt sein, und zwar vermutlich mit der großen Blutmenge, die der Patientin in ihren Adern fehlte, dessen war ich mir nun ganz sicher. Eine solch massive Blutung hatte ich bei einer in die Bauchhöhle durchgebrochenen Entzündung des Blinddarms noch nie erlebt, sehr wohl aber bei einem anderen lebensgefährlichen Krankheitsbild. Bei dem Abhören des Bauches mit dem Stethoskop waren mir übrigens kindliche Herztöne nicht aufgefallen.
Ich teilte der Patientin rasch meinen dringenden Verdacht auf eine in die Bauchhöhle durchgebrochene Eileiterschwangerschaft mit und die sich daraus ergebende Konsequenz einer sofortigen Klinikbehandlung mit wahrscheinlicher Notoperation. Als die Rettungssanitäter meine Diagnose hörten, schauten sie mich, genauso wie die Patientin, überrascht an. Ich hatte in den letzten Jahren bereits einige wenige Patientinnen mit diesem Krankheitsbild gesehen, allerdings mithilfe einer Ultraschalluntersuchung, und stets war es begleitet von einer massiven Blutung in die Bauchhöhle. In diesem Fall aber konnte ich mich nur auf den Befund der körperlichen Untersuchung und die Angaben zur Krankenvorgeschichte verlassen. Hier bestand durchaus Lebensgefahr, denn die junge Frau hatte viel zu viel Blut verloren. Es hatte ja sicherlich einen Grund für den Schwangerschaftstest gegeben, das negative Ergebnis wäre am ehesten mit dem Absterben der befruchteten Eizelle innerhalb des Eileiters zu diesem Zeitpunkt vereinbar. Die Patientin ergab sich nach meinen kurzen Erklärungen klaglos in ihr Schicksal, sie war durch den großen Blutverlust auch viel zu sehr geschwächt, um sich dagegen zu wehren, und sie spürte selbst sehr deutlich, dass sie dringend ärztliche Hilfe brauchte.
Ich versuchte, ihr eine Infusion anzulegen, wobei sich die Suche nach einer geeigneten Vene äußerst mühsam gestaltete. Durch den Blutverlust waren ihre Venen kaum mehr mit Blut gefüllt, und erschwerend kam der niedrige Blutdruck hinzu. Nichts ist bei einem akuten Blutverlust wichtiger als eine gut liegende Infusionskanüle. Nach längerer Suche entdeckte ich schließlich eine sogar recht kräftige und gerade verlaufende Vene am Unterarm, sodass ich eine etwas größere Infusionskanüle einführen konnte. Und die Lage der Kanüle am Unterarm ist günstiger als in der Ellenbeuge, wo sie vielleicht abknicken könnte. Je größer der Durchmesser der Kanüle ist, desto schneller kann auch die Infusion einlaufen. Ich wählte eine Elektrolytlösung und ließ sie „im Schuss“, wie wir Mediziner sagen, einlaufen, also so schnell wie möglich. Mit dem Blutverlust hatte die Patientin schließlich auch viel Flüssigkeit verloren. Im Nachhinein grenzte es an ein Wunder, dass diese junge Frau vor uns stehend nicht bewusstlos zusammengebrochen war. Offenbar verfügte sie über eine ungewöhnlich starke Widerstandskraft.
Wir legten sie rasch auf die Trage und transportierten sie vorsichtig in den Rettungswagen, ich setzte mich neben sie, und schon konnte die Rückfahrt beginnen. Erst einmal schaukelten wir im Rettungswagen langsam im Schritttempo über die holprigen, mit Schlaglöchern übersäten Feldwege von der Hügelkuppe hinunter ins Tal, aber sobald wir festen, glatten Asphalt unter den Rädern hat­ten, ging es in rasendem Tempo in die Gynäkologische Klinik. Diesmal war sogar ich mit dem Mar­tinshorn einverstanden, wir hatten überhaupt keine Zeit mehr zu verlieren, denn wer konnte uns schon garantieren, dass die Blutung spontan zum Stillstand gekommen war? Niemand konnte dies! Noch während der Fahrt konnte ich eine zweite Infusionsflasche anhängen und ebenso schnell ein­laufen lassen wie die erste. So konnten wir die Patientin noch in einigermaßen stabilem Zustand an die gynäkologischen Kollegen im Krankenhaus übergeben. Die Kollegen hatten wir bereits vor Be­ginn der Rückfahrt telefonisch informiert.
Das Schicksal wollte es, dass diese Geschichte zwei Tage später ihre Fortsetzung fand. Warum wohl kann ich mich so genau an das Datum des damaligen Notfalls in der Einöde der Wupperberge erinnern? Weil ich zwei Nächte später nämlich meine eigene Ehefrau mit Wehen in genau jene Gynäkologie brachte, wo unser erster Sohn das Licht der Welt erblicken sollte. Die Geburt stand aber noch nicht unmittelbar bevor. Nachdem ich meine Frau gut untergebracht und versorgt wusste, verließ ich morgens kurz den Kreißsaal und ging für einige Minuten auf den Stationsflur, um mir die Beine zu vertreten.
Dort begegnete ich schon nach wenigen Schritten zufällig genau demjenigen gynäkologischen Assistenzarzt, dem ich zwei Nächte zuvor die Frau aus den Wupperbergen anvertraut hatte. Er erkannte mich sofort wieder, obwohl ich diesmal Zivilkleidung trug, und kam freudestrahlend auf mich zu. Die Worte sprudelten nur so aus ihm hervor: „Sie hatten völlig recht mit ihrer Diagnose, Herr Kollege, es war eine geplatzte Eileiterschwangerschaft, die Bauchhöhle war randvoll mit Blut. Ihr Hb-Wert (Hämoglobin, roter Blutfarbstoff) lag bei vier Milligramm!“ Mit diesem Wert hatte sie mindestens zwei Drittel ihres Blutes verloren, also noch viel mehr, als ich zuvor befürchtet hatte.
„Wir haben sofort operiert und mussten leider den rechten Eileiter entfernen“, berichtete er weiter. Dann faltete er seine Hände so vor seiner Brust, nämlich mit den Handinnenflächen aneinander, als wollte er beten: „Wir waren ja so froh und dankbar für ihre schöne Infusionskanüle, wir haben keine andere Vene bei der Patientin mehr gefunden. Wir haben ihr eine Blutkonserve gegeben.“ Ich sah ihn etwas verwundert an und dachte erstaunt: Donnerwetter, nur eine Blutkonserve bei einem Hb-Wert von vier? Damit fehlte ihr immer noch gut die Hälfte ihres Blutes. Ich erkundigte mich noch kurz danach, wie sie denn die Operation überstanden hatte. „Sehr gut“, sagte er und führte mich bei diesen Worten an ein Fenster des Stationsflurs. „Schauen Sie nur, sie geht dort unten im Park spazieren!“ Ich staunte erneut über das Stehvermögen dieser Patientin. Schließlich hatte nur zwei Tage zuvor gar nicht so viel gefehlt, und sie wäre uns unter unseren Händen innerlich verblutet.
Nach Literaturangaben hat eine durchgebrochene Eileiterschwangerschaft aufgrund der hohen Blutungsgefahr ein Sterberisiko von mindestens zwei bis drei Prozent.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 500
ISBN: 978-3-99107-653-7
Erscheinungsdatum: 31.08.2021
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 27,90

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