Libréville

Libréville

Cyrill Seifert


EUR 16,90
EUR 10,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 244
ISBN: 978-3-99003-546-7
Erscheinungsdatum: 05.10.2011
Auf dem Hamburger Hauptbahnhof findet Lisa ein Manuskript, welches sie in den Nachtzug nach Wien mitnimmt und liest. Das Manuskript führt sie nach Afrika an die Seite von Juliette und Sébastien, die hoffen, auf dem heißen Kontinent ein neues Leben zu beginnen ...
Lisa schaut absichtlich genervt auf ihre Uhr, als das bestellte Taxi doch noch um die Ecke kommt.
„Ich dachte schon, Sie hätten mich vergessen“, sagt sie etwas zynisch zum Fahrer.
„Entschuldigen Sie, aber in der Nähe des Hauptbahnhofs hat es einen Unfall gegeben, und deshalb hat sich der Verkehr gestaut.“
„Okay, aber fahren wir gleich los. Mein Zug nach Wien geht in dreißig Minuten.“
„Na, das sollte schon reichen.“
Sie fahren los.
„Gehen Sie jemanden besuchen in Wien?“, fragt der ältere Chauffeur neugierig und blickt zu Lisa hinüber.
„Ja, meine Cousine hat mich für zwei Wochen zu sich eingeladen. Am liebsten wäre ich schon dort. Ich mag so lange Bahnfahrten nicht, mir wird es immer langweilig.“
„Dann müssen Sie etwas zum Lesen dabeihaben, oder lösen Sie ein paar Kreuzworträtsel. Das macht meine Frau auch immer, wenn es ihr langweilig wird.“
„Ich habe keine Geduld, um so lange zu lesen, und für Kreuzworträtsel bin ich zu wenig klug.“
Der Taxifahrer grinst. „Sie bringen die Zeit schon hinter sich.“
Beim Bahnhof steigt sie aus, bezahlt und verabschiedet sich.
„Warum muss dieser Hamburger Bahnhof so groß sein? Jedes Mal wenn ich einen Zug nehme, fährt er auf dem hintersten Gleis ab“, murmelt sie.
Sie eilt über die Passerelle und die Rolltreppe hinunter.
Der Zug ist gar noch nicht da. Sie blickt etwas gelangweilt um sich und entdeckt auf einer Sitzbank hinter ihr einen dicken Umschlag, den vermutlich jemand liegen gelassen hat. Umherblickend nähert sie sich der Sitzbank und nimmt den Umschlag in die Hände. Sie dreht ihn um. Nichts steht daraufgeschrieben, weder eine Adresse noch ein Name. Er ist zugeklebt. Sie blickt sich abermals kurz um. Niemand scheint es bemerkt zu haben, und so lässt sie ihn in der Tasche verschwinden.
Der Zug fährt ein. Sie steigt ein, sucht anhand ihrer Platzkarte das Abteil und lässt sich ächzend in den Sitz fallen. Obwohl es ein Nachtzug ist, besteht er nicht nur aus Schlaf- und Liegewagen, sondern hat auch zwei normale Sitzwagen eingereiht.
In ihrem reservierten Abteil ist sie allein.
Nach kurzer Zeit fährt der Zug los. Da sie im vordersten Wagen sitzt, wird ihr Fahrschein gleich nach der Abfahrt kontrolliert.
Was mach ich bloß die ganze Zeit hier? Schlafen kann ich im Zug sowieso nicht und … der Umschlag!
Sie zieht den relativ schweren Umschlag aus der Tasche. Mit der winzigen Nagelfeile zerschneidet sie das Klebeband, welches den Umschlag verschließt.
Zettel! Das sind ja … Dutzende von Zetteln. Sicher etwa 200!
Sie zieht sie heraus. Die Seiten sind alles Computerausdrucke und der Reihe nach geordnet, was kleine Zahlen rechts unten beweisen.
Weder zuvorderst noch zuhinterst liegt ein Blatt mit irgendeiner Adresse bei. Nur Gedrucktes. Sie legt den Papierstapel beiseite und entnimmt ihrer großen Reisetasche eine Flasche Limonade. Sie zieht ihre Schuhe aus, streckt ihre Beine so, dass sie ihre Füße auf den Nachbarsitz legen kann, und macht sich’s bequem. Danach nimmt sie alle Zettel auf ihre Knie und beginnt zu lesen.


<strong>KAPITEL 1

Libréville</strong>

Etwas nervös schaut Juliette auf ihre Uhr. In acht Minuten schließt das Spielwarengeschäft, und der Bus steht immer noch im Stau. Nur im Schritttempo geht’s voran. Genervt steht sie auf, geht zum Fahrer und bittet ihn, sie aussteigen zu lassen.
Es regnet in Strömen. Sie öffnet ihren Schirm und rennt über die Straße. Gleich als sie ins Spielwarengeschäft eintreten möchte, stößt sie ziemlich kräftig mit einem Herrn zusammen, der soeben den Laden verlassen hat. Dem Herrn fällt etwas in Papier Eingewickeltes aus der Hand, Juliette verliert das Gleichgewicht und stürzt auf das am Boden liegende Eingepackte.
„Toll, jetzt ist es kaputt. Können Sie nicht etwas besser aufpassen?“, fragt der Herr genervt.
„Entschuldigen Sie, es tut mir leid. Ich war in Eile und habe Sie nicht kommen sehen“, antwortet sie und schämt sich, ihm in die Augen zu schauen.
„Ich werde Ihnen das ersetzen. Kein Problem.“
Sie steht auf und schaut ihn an. Sie überlegt kurz und sagt dann:
„Ist das möglich? Sébastien? Bist du es?“
„Ja. Aber …“
„Na? Kennst du mich nicht mehr? Ich bin’s, Juliette.“
„Juliette?“
„Ja, Juliette Thonney bzw. jetzt heiße ich seit Kurzem Rochat. Wir waren doch in derselben Klasse.“
Sébastien überlegt. Dann lächelt er doch noch.
„Juliette … stimmt, jetzt erinnere ich mich wieder.“
Sie reicht ihm ihre Hand und entschuldigt sich noch einmal.
„Es tut mir leid. Ich werde dir das sicher ersetzen.“
Sébastien bückt sich und liest das Eingepackte vom Boden auf. Er schüttelt es.
„Oje, scheint dahin zu sein.“
„Was ist es denn?“
„Ein Schiffsmodell. Ich habe es extra bestellen lassen.“
„Ich bezahle dir ein neues, okay?“
„Muss nicht unbedingt sein.“
„Doch, es ist meine Schuld. Wie viel hat es denn gekostet?“
„49 Franken“, antwortet Sébastien, die Augenbrauen hochziehend.
Sie schaut auf die Uhr. 18.34 Uhr. Das Spielwarengeschäft hat bereits geschlossen.
„Weißt du was? Ich lade dich noch zu einem Kaffee ein.“
„Ich sollte eigentlich wieder weiter.“
„Ach komm, jetzt haben wir uns gut zehn Jahre nicht gesehen. Da hat man sich doch viel zu erzählen. Oder hättest du morgen Zeit? Ich möchte dich doch nicht aufhalten.“
„Ja okay, morgen wäre mir ehrlich gesagt lieber.“
„Äh … wann? Und wo?“
„Sagen wir um 19 Uhr? Im ,Suisse‘, wenn’s recht ist. Das kennst du doch, oder?“
„Okay, werde pünktlich da sein.“ Sie nimmt ihre Brieftasche hervor und sagt:
„Hier hast du noch 50 Franken.“
„Danke“, entgegnet er und nimmt etwas zögernd den Geldschein an sich.
„Also, bis morgen“, sagt sie, eilt davon und geht zur nächsten Bushaltestelle. Als sie noch einmal zurückblickt, ist Sébastien bereits aus ihrem Blickfeld verschwunden.
Sie schließt ihren Schirm, stellt ihn neben den Ticketautomaten und beginnt, das Kleingeld für das Billett zusammenzuzählen. Im selben Moment braust der Bus heran.
„Mist“, sagt sie nervös und versucht, das Geld so schnell wie möglich einzuwerfen. „Mach schon, du langsames Ding!“, murmelt sie.
Zwei Münzen fallen auf den Boden. Sie blickt kurz zum Chauffeur hinüber und bittet ihn mit einer Geste, noch zu warten. Kaum hat der Automat das Ticket ausgedruckt, steigt sie schnaufend in den Bus, der sogleich losfährt.
„Verdammt, mein Schirm“, flüstert sie. In diesem Regen möchte sie die Strecke von ihrer Haltestelle bis zum Hauseingang nicht ohne Schirm zurücklegen und steigt deshalb bei der nächsten Haltestelle wieder aus. Im strömenden Regen rennt sie die gut 300 Meter zurück und ist froh, dass er noch dort steht, neben dem Ticketautomaten. Auf dem Fahrplan sieht sie, dass der nächste Bus in zehn Minuten kommen sollte.
Als Erste steigt sie in den Bus ein und setzt sich gleich ans Fenster. Bei der nächsten Haltestelle steigen zwei jüngere, auffallend gekleidete Damen ein. Die eine ist beinahe wie eine Prostituierte gekleidet. Während der Bus weiterfährt, beginnen die beiden, die gleich vor Juliette Platz genommen haben, ein Gespräch.
„Du, Antoinette, stell dir vor. Gestern war ich noch spätabends im ‚Chez Henry‘, wie so oft. Kurz vor 23 Uhr betrat ein attraktiver Mann das Lokal. Ich habe mich auf seine Seite gedreht, als er sich an der Bar neben mich setzte.“
„Und dann?“, fragt die andere neugierig.
„Ja, dann hat er mich angelächelt und gefragt, ob ich noch etwas trinken möchte. Natürlich habe ich eingewilligt, und er bestellte für uns beide eine Flasche Rosé.“
Juliette belauscht die beiden leise lächelnd.
„Dann stellte er sich mir als Jean vor. Er sah wirklich umwerfend aus, trug zwei schöne, sicher teure Ringe und war toll gekleidet“, erzählt sie weiter.
Juliette erschrickt. Jean? Sollte das etwa ihr Jean sein? Ihr Jean, mit dem sie seit zwei Monaten verheiratet ist?
„Danach fragte er, ob er mich nach Hause fahren dürfe. Ich hatte natürlich nichts dagegen, da es sowieso regnete. Kaum sind wir losgefahren, starrte er mich immer an. Ich war fasziniert von seinen schönen, blauen Augen.“
Juliette versteht die Welt nicht mehr. Sie ahnt, was jetzt noch kommen würde.
„Etwa nach 20 Minuten hielt er auf einem Parkplatz, nahe beim Bahnhof Serrières.“
„Und dann?“, fragt die andere ganz ungeduldig.
„Dann hat er leise Musik laufen lassen, mich ganz langsam ausgezogen und verführt. Das war vielleicht was. Wie eine Achterbahnfahrt in einer Sommernacht …“
„Toll, da werde ich ja fast neidisch“, sagt die andere grinsend.
Juliette kocht vor Wut. Ihr Jean, fremdgegangen! Sie kann sich das einfach nicht vorstellen.
„Später hat er mich zu Hause abgeladen und ging dann weiter. Vielleicht sehe ich ihn mal wieder. Er sagte mir, er sei öfter dort.“
„Aha. Gut, ich muss hier aussteigen. Also, bis morgen, ciao, Antoinette“, sagt Geraldine und steigt aus.
Antoinette schaut kurz nach hinten und beginnt, in einer Zeitschrift zu lesen.
Juliette sitzt auf dem Sitz und kommt sich vor wie etwas, was bestellt und nicht abgeholt worden ist.
„Du verdammter Bastard“, sagt sie ganz leise den Kopf schüttelnd und mit wässrigen Augen.
Etwas später steigt dann auch Antoinette aus. Juliette wischt sich eine Träne ab und versucht so gut wie möglich, sich nichts anmerken zu lassen.
Mit gesenktem Kopf steigt sie an der Endhaltestelle aus und trottet im Regen nach Hause. Voller seelischen Schmerz merkt sie nicht, dass ihr Schirm noch im Bus ist, der eben gewendet hat und dieselbe Strecke wieder zurückfährt.
Sie bleibt kurz vor dem Hauseingang stehen und beginnt zu weinen.
„Warum nur?“, sagt sie wimmernd. „Warum hast du das getan …?“
Der Tag hat so toll begonnen: erst die Einladung einer Bekannten zur Geburtstagsparty ihres Bruders, das seltene Lob ihres Vorgesetzten, das Treffen mit Sébastien, denn sie immer alle „Seb“ nannten, und jetzt das. Sie überlegt, was sie sagen soll. Soll sie ihm alles sagen, ihn anschreien? Sagt er es selbst? Schließlich kennen sie sich schon seit fast sechs Jahren.
Es brennt Licht, er scheint zu Hause zu sein.
Sie tritt ein und geht verstört die Treppen hinauf. Plötzlich bleibt sie kurz stehen und kehrt um. Schluchzend geht sie wieder hinaus und bleibt weinend im Regen stehen.
Kurz vor 20 Uhr hat sie sich wieder etwas gefangen und versucht, sich nichts anmerken zu lassen.
Sie betritt die Wohnung.
„Hallo Schatz“, sagt Jean vor dem Fernseher sitzend.
„Hallo“, sagt sie in der doch nicht ganz üblichen Stimmlage.
„Hattest du einen miesen Tag?“, fragt er in unschuldigem Ton.
Sie muss sich beherrschen.
„Nun, es geht, ich habe mich etwas über die Kundschaft geärgert und bin platschnass“, antwortet sie.
„Ach so. Komm, es läuft gerade ein Pokalendspiel mit Deutschland im Fernsehen. Gleich gibt’s ein Elfmeterschießen!“
Sie hängt ihren total durchnässten Mantel auf und geht zu ihm in die Stube.
„Du bist ja total nass. Zieh dir doch etwas Trockenes an.“
„Ja“, sagt sie und schreitet langsam ins Zimmer.
„Ist wirklich alles in Ordnung?“, ruft er aus der Stube.
„Halt dein verdammtes Maul“, zischt sie ganz leise. „Ja, es fehlt mir nichts, bin nur etwas müde“, gibt sie zurück.
„Komm hierher, ich habe extra noch einen Kuchen für uns gekauft. Er schmeckt prima. Nimm dir ein Stück und setz dich doch zu mir.“
Mit langsamen Schritten geht sie in die Küche, extra auf die andere Seite blickend, schneidet sich ein Stück Kuchen ab und setzt sich dann neben ihn auf die Couch. Etwas weiter weg als normalerweise.
„Was ist los, Schatz? Du hast einen seltsamen Gesichtsausdruck, denn ich bei dir noch nie gesehen habe.“
Juliette hat das Gefühl, gleich zu explodieren. Sie knallt den Teller auf den Tisch, dass er zerbricht. Jean erschrickt.
„Na, wie war sie?“, brüllt sie ihn an.
„Was? Was hast du denn? Wie war wer?“
„Wer wohl?! Frag nicht so unschuldig, du Mistbock!! Geraldine! Na? Sagt dir der Name etwas?“, schreit sie.
„Ich weiß wirklich nicht, von was du sprichst. Und bitte nenn mich nicht Mistbock, ja?!“
„Ach so, jetzt spielen wir noch den Nichtwisser! „Chez Henry“, sagt dir das was? Vielleicht möchtest du noch eine Flasche Rosé trinken?
Na, klingelt es?“
„Julie, du fantasierst!“
„Nein, Jean, dummerweise haben sich heute im Bus zwei wie Dorfhuren gekleidete Weiber vor mich gesetzt, und ich konnte einer interessanten Story zuhören.“
Er greift sich an die Stirn.
„Es ist nicht so, wie du denkst. Ich wollte nicht …“
„Hör schon auf mit dieser ‚Es-ist-nicht-so-wie-du-denkst-Scheiße‘. Es ist aber so, du hast mich betrogen, du Mistbock!“
„Hör zu. Ich … Ach das hat eh keinen Sinn“, sagt er ebenfalls ziemlich laut und steht auf.
„Ich werde heute Nacht in einem Hotel schlafen. Ich möchte nicht mehr mit dir im selben Bett liegen, sonst kommt mir die Galle hoch.“
„Seh das doch bitte nicht so, Julie. Ich gebe es ja zu, ich habe einen schlimmen Fehler gemacht. Es tut mir leid. Sag mir, wie ich das wieder gutmachen kann.“
„Wie? Am besten, du gehst mir aus den Augen.“
Jean schüttelt den Kopf und geht in die Küche. Juliette geht ins Schlafzimmer, nimmt eine kleine Tasche hervor und packt einige Sachen ein. Jean kommt ebenfalls ins Schlafzimmer. Er legt ihr die Hand auf die Schulter.
„Fass mich nicht an, du falscher Hund. Ich wusste ja gar nicht, dass du ein derart tiefes Niveau hast. Aber bitte, lass dich nicht stören. Mach mit Geraldine, was du willst, aber fass mich nicht mehr an.“
Jean geht wieder hinaus.
Ohne etwas zu sagen, nimmt sie wieder ihren Mantel, geht zum Ausgang und knallt die Tür zu. Mit Tränen in den Augen eilt sie zur Bushaltestelle hinunter und wartet auf den nächsten Bus.
Sie steigt ein und fährt bis zur Stadtmitte. Neben der Postfiliale führt ein freundliches älteres Ehepaar schon seit langer Zeit ein einfaches, aber angenehmes Hotel.
„Guten Abend, haben Sie noch ein Zimmer frei?“
„Ja, es sind noch einige frei. Jene auf der Rückseite sind etwas ruhiger.“
„Das spielt keine Rolle. Wie viel kostet es?“
„Pro Nacht inklusive Frühstück 65 Franken.“
„Okay.“
Der ältere Herr gibt ihr den Schlüssel für Zimmer 17 und wünscht ihr einen angenehmen Abend.
Sie schreitet die Treppen hinauf und öffnet die Tür. Das Zimmer wirkt angenehm auf sie, und sie lässt sich, nachdem sie ihren Mantel ausgezogen hat, aufs Bett fallen. Sie verschränkt die Hände hinter dem Kopf und betrachtet ein gemaltes Bild an der Wand.
Kurz vor Mitternacht ist Juliette noch immer wach. Sie kann kaum ruhig liegen. Sie steht auf und geht Richtung Balkon. Leise öffnet sie die etwas klemmende Tür und geht auf den Balkon. Sie atmet die frische, kühle Novemberluft ein. Sie hört, wie ein paar Häuser weiter ein paar offensichtlich Betrunkene Lärm machen.
Einige Minuten später geht sie wieder hinein und setzt sich aufs Bett. Aus der Tasche nimmt sie eine Zeitschrift hervor und beginnt zu blättern.

Es ist bereits 9 Uhr, als sie endlich erwacht. Sie reibt sich die Augen und betrachtet sich im Spiegel.
„Zum Glück heute frei“, sagt sie leise.
Dann erinnert sie sich, heute Abend mit Sébastien um 19 Uhr verabredet zu sein. Sébastien, den sie so lange nicht mehr gesehen hat. „Seb“ hat sie ihn immer während der Schulzeit genannt. So hatten ihn eigentlich alle genannt.
Nachdem sie sich frischgemacht hat, geht sie hinunter zum kleinen Restaurant, um etwas zu essen.
Als sie während des Essens durch die verregnete Fensterscheibe guckt, kommt ihr in den Sinn, dass eigentlich noch ihr Schirm im Bus sein müsste.
Der Schirm. Hätte sie ihn nicht das erste Mal im Bus vergessen, wäre sie etwas früher zu Hause gewesen, hätte die Story der beiden jungen Damen wohl nie erfahren, wüsste nichts von Jeans Seitensprung und hätte wie immer gut neben ihm oder mit ihm geschlafen, wie schon seit Jahren.
Doch jetzt, wo sie es weiß, kann sie sich nicht mehr vorstellen, wie es vorher einmal war. Diese Gedanken kann sie nicht mehr hervorrufen.
Etwas nach 11 Uhr ist sie zu Hause. Auf dem Bett liegt ein Brief, den Jean geschrieben haben muss.
Sie legt ihre Post beiseite und beginnt zu lesen.


Liebe Juliette,

es tut mir sehr leid, dass ich dich verletzt habe. Aber bitte verstehe mich und schreibe mich nicht einfach so ab. Wir hatten doch wirklich beinahe sechs wunderschöne Jahre zusammen. Das musst du zugeben.
Wenn ich irgendwie kann, möchte ich es wieder gutmachen. Ich komme heute etwas später nach Hause, weil mein Chef noch einige neue Produkte vorstellen möchte.

Bis heute Abend
Dein Jean


Tränen tropfen auf den Brief, und sie zerreißt ihn anschließend.
Danach geht sie in die Küche und kocht sich eine Suppe.
Ein paar Stunden später geht sie aus dem Haus und fährt mit dem Bus Richtung Stadtzentrum. Beim Spielwarenladen bleibt sie stehen und betrachtet die vielen Plüschtiere im Schaufenster. Kurz danach tritt sie ein.
„Guten Tag, ich hätte gerne den Plüschbär. Den dort. Könnten Sie ihn bitte einpacken?“
„Natürlich, gerne“, antwortet die junge Kassiererin.
Nachdem sie bezahlt hat, geht sie wieder hinaus und läuft die Promenade zum See hinunter.
Sie beobachtet, wie ein kleiner Junge die Tauben füttert, während sein Vater in der Zeitung liest.
Obwohl es schon dunkel und kühl ist, sitzt sie immer noch auf der Bank am See und betrachtet die vorbeiziehenden Nebelschwaden.
Etwas später zuckt sie zusammen, wie aus einem seltsamen Traum erwacht und schaut auf die Uhr. 19.12 Uhr.test
5 Sterne
Libréville - 26.10.2011
Selma Seifert

Sehr spannend und gut geschrieben.Man "lebt und erlebt" die Geschichte richtig mit!Die Schreibweise ist irgendwie "fesselnd", man muss immer weiterlesen :-)Was ich auch sehr gut und speziell finde, ist, wie der Roman beginnt, eben durch dieses gefundene Manuskript und dann auch wieder den Schluss der Geschichte.Ich finde, es ist ein wirklich sehr gut gelungenes Werk!

Das könnte ihnen auch gefallen :

Libréville

Jove Viller

Quadriga-Liebe

Buchbewertung:
*Pflichtfelder