Sonstiges & Allerlei

Lena Beranek

Mia Bernstein

Lena Beranek

Mein Tanz durchs Leben

Leseprobe:

Vorwort

Lena Beranek wurde 1941 als einziges Kind ihrer Eltern in Pilsen, Tschechien (früher Sudetenland), geboren. Die Mutter war Sudetendeutsche, der Vater Niederbayer. Während des Krieges war er in einem Lazarett, in dem die Mutter als Schwesternhelferin des Roten Kreuzes arbeitete, als Sanitätsfeldwebel tätig. In ebendiesem lernte er Lenas Mutter kennen und lieben. Schon bald wurde die kleine Familie getrennt. Der Vater musste an die Front. Lena und ihre Mutter verbrachten noch einige Zeit bei den Großeltern auf dem Land, wenn nicht gerade die Sirenen heulten und sie Schutz in einem Luftschutzbunker suchten. Am 15. November 1945, morgens um 05:00 Uhr, weckten zwei tschechische Soldaten Mutter und Kind. Sie stürmten ihre Wohnung mit geladener Pistole und befahlen ihnen, sich binnen einer Stunde ohne Hab und Gut auf dem Marktplatz bei den Anderen aufzustellen. Sie würden vertrieben werden und gemeinsam mit ihren Schicksalsgenossen bei eisigen Temperaturen mit einem offenen Transporter in das erste Lager gebracht werden. Ein Leben auf der Flucht, geprägt von Hunger, Kälte und Krankheit, begann. Im April 1946 erreichten Lena, ihre Mutter und andere Mütter mit ihren Kindern das Endlager in Deutschland (Unterfranken). Von dort aus wurden alle auf die umliegenden Städte und Dörfer aufgeteilt. Die Einheimischen wehrten sich gegen diese Zwangsverteilung auf ihre Häuser und behandelten die Flüchtlinge dementsprechend. Die Mutter schlug sich als Haushaltshilfe oder mit Betteln durch, bis die Lebensmittelkarten eingeführt wurden.
Im April 1949 kam der Vater überraschend aus der russischen Gefangenschaft, die ihn stark geprägt hatte, zurück. Er entwickelte sich zu einem Tyrannen. Statt sich zu freuen, dass er wieder zurück war, fürchtete Lena sich vor ihm. Jede Kleinigkeit brachte ihn in Rage und Lena wurde oft verprügelt. Es war die Hölle. Die Mutter erkrankte am linken Lungenflügel und musste in eine Heilstätte. Lena kam während dieser Zeit zu ihrer Tante, die sie sehr verwöhnte. Danach holte ihre Mutter sie wieder nach Hause, aber sie erkrankte abermals, diesmal am rechten Lungenflügel. Dieses Mal brachte der Vater Lena in ein Waisenhaus. Hier erlebte sie die schlimmste Zeit ihres Lebens. Nach einem Jahr holte die Mutter Lena wieder nach Hause. Weil sie jetzt zwei Pneus hatte, die wöchentlich mit Luft befüllt werden mussten, musste Lena neben ihrem Schulbesuch viele Hausarbeiten übernehmen. Das Kindsein konnte sie nur selten ausleben.
Der Vater hatte sich während des Klinikaufenthaltes seiner Frau eine Freundin angelacht, die etwas später, als Lena 18 Jahre alt war, ein Kind von ihm bekam. Dieses Dreiecksverhältnis belastete die Mutter und Lena sehr. Letztendlich entschied sich der Vater aber doch für seine Familie.
Plötzlich war alles anders. Lena bekam nach ihrer Schulausbildung eine Stelle im Büro und lernte einen jungen Mann in demselben Betrieb kennen und lieben. Sie heirateten am ?45. Geburtstag des Vaters. Lena wurde relativ schnell schwanger. Sie musste schon früh in die Klinik, da es Komplikationen gab. Das Kind starb dennoch kurz vor dem Geburtstermin in ihrem Leib und Lena musste es unter schwierigsten Bedingungen zur Welt bringen. Nachdem sie sich nach zwei Jahren von der schweren Geburt erholt hatte, wurde sie erneut schwanger und brachte im Frühjahr 1965 ihr Wunschkind zur Welt. Sie liebte ihren Jungen über alles. Die Familie war perfekt. Lena und ihr Mann bauten zusammen mit Lenas Eltern ein Haus und lebten glücklich und zufrieden, bis Lena sich in ihren Chef verliebte und eine Doppelrolle spielen musste. Nach sieben glücklichen, jedoch strapaziösen Jahren löste sie sich aus dieser Verbindung. Die Pubertät des inzwischen groß gewordenen Sohnes bereitete der Familie einige Schwierigkeiten, mit denen der Vater nicht zurechtkam. Die Liebe zwischen Lena und ihrem Mann wurde immer weniger, trotz der vielen gemeinsamen Urlaube. Anlässlich einer Firmengründung wurde er von seinem Arbeitgeber nach der Wende in den Osten geschickt. Dort logierte er bei einer Witwe, in die er sich verliebte. In der Zwischenzeit verstarb Lenas Vater wegen eines vorangegangenen Oberschenkelhalsbruches und eines angegriffenen Herzens. Hans, Lenas Mann, kam von seiner Witwe nicht mehr los und wollte die Scheidung, die im November 1993 vollzogen wurde. Lena zog mit ihrer Mutter aus dem gemeinsamen Haus aus und zusammen mit einem Freund, den sie auf einer Tanzpartie kennengelernt hatte, in eine andere Stadt. Mein Sohn Ralf wohnte zu der Zeit in einer eigenen Wohnung. Zuerst hatte es den Anschein, dass die neue Kombination klappt und Lena nach ihrer gescheiterten Ehe einen Neuanfang wagen könnte. Der Freund befand sich bereits im Vorruhestand und war mit der Mutter tagsüber alleine im Reihenhaus, während Lena noch ganztägig arbeitete. Er schikanierte und beschimpfte die Mutter immer wieder, bis Lena dahinterkam und ihn zur Rede stellte. Er stritt jedoch alles ab. Eines Tages bedrohte er die beiden Frauen sogar mit dem Messer und wollte sie umbringen. Die Mutter und Lena kamen beide in die Klinik. Diese Zeit nützte er, um Möbel und andere Gegenstände aus der Wohnung abzutransportieren. Lena erfuhr von Bekannten, dass sie auf einen Heiratsschwindler hereingefallen war. Das war zu viel. Sie wollte erst aufgeben, aber sie kämpfte weiter. Sie brachte ihre Mutter in ein Pflegeheim und suchte sich abermals eine neue Wohnung. Finanziell war sie ruiniert. Das Leben ging jedoch weiter, wenn auch unter katastrophalen Bedingungen. Auch Ralf, der arbeitslos war, kam zurück. Die Situation spitzte sich immer mehr zu, bis Lena nach einem Besuch bei ihrer Mutter im Pflegeheim einen Jugendfreund traf. Beide verliebten sich ineinander und Philipp half Lena, wo er nur konnte. Inzwischen verstarb auch die geliebte Mutter wegen eines Sturzes aus dem Bett. Lena begleitete sie bis zum Tod. Ein Ende der Talfahrt war immer noch nicht in Sicht. Auf ihrem Arbeitsplatz wurde Lena jetzt auch noch gemobbt. Anstatt sie zu unterstützen, setzten ihr die Kolleginnen immer mehr zu und auch der Chef hielt zu ihnen. Lena verstand die Welt nicht mehr. Was musste sie noch ertragen? Der Amtsarzt attestierte ihr Arbeitsunfähigkeit und befreite sie so aus dieser Situation. Philipp unterstützte Lena jetzt ganz besonders. Sie unternahmen viel miteinander. Seine Frau hatte gegen diese Freundschaft nichts einzuwenden, da auch sie schon lange einen Freund hatte. Später starb sie während einer Exkursion nach Indien, die sie mit ihrem Freund unternommen hatte. Somit war Philipp Witwer und konnte Lena nach Erhalt der Sterbeurkunde seiner Frau im November 2006 heiraten. Ihre Hochzeitsreise verbrachten sie auf einem Kreuzfahrtschiff, mit dem sie von Singapur bis Shanghai und Sydney fuhren. In den folgenden Jahren bereisten sie einige europäische Städte und einmal im Jahr verbringen sie eine Woche in Oberfranken im Berggasthof in Unnersdorf mit dem Besuch der Obermaintherme.
Endlich begann für Lena die wundervolle Zeit, nach der sie sich so gesehnt hatte. So lebt sie heute mit Philipp und der kleinen Pudeldame Susi glücklich und zufrieden, hoffentlich bis an ihr Lebensende.



Als ich ein kleines Mädchen war…

Mein Leben war mit meiner Geburt in Pilsen (Tschechien) zur Zeit des Krieges als Kind einer sudetendeutschen Mutter und eines niederbayerischen Vaters bereits vorgezeichnet. Sie hatten sich im Lazarett getroffen, wo sie sich ineinander verliebt und mich gezeugt hatten. Wir waren eine kleine, harmonische Familie und wohnten in einem Vorort von Pilsen, bis Vater in den Krieg musste. Da war ich gerade mal zwei Jahre alt. Wenn die Sirenen heulten, rannten Mama und ich mit anderen Familien in die Luftschutzbunker, bis der Bombenhagel wieder vorbei war.
In ruhigen Zeiten waren wir oft auf dem Bauernhof der Großeltern, wo ich von allen Tanten, den Großeltern und den älteren Cousinen verwöhnt wurde. Die vielen Tiere (Milchkühe, niedliche Kälber, Hühner, Gänse, Enten, Schweine mit Ferkeln) schenkten mir ein heimeliges, glückliches Leben. Es gab selbstgebackenes Brot, mit hausgemachter Butter bestrichen, und frisch gemolkene Milch, das war ein Genuss! Die Männer, mit Ausnahme meines Großvaters, waren im Krieg, es herrschte überwiegend eine Frauenwirtschaft. Aber trotzdem fühlten sich alle noch wohl. Bis zu dieser schrecklichen Vertreibung durch die Tschechen. Damit begann für alle ein anderes Leben. Ein Leben auf der Flucht, geprägt von Hunger, Krankheit und Tod. Es ging in eine ungewisse, hoffnungslose Zukunft.
Nach vielen Stationen in Flüchtlingslagern kamen wir in einem Römerstädtchen am Untermain (Bayern) an. Dort wurde das Leben nicht gerade besser. In einem Auffanglager wurden wir Flüchtlinge alphabetisch in die umliegenden Orte aufgeteilt. Dass uns die Einheimischen, die gegen die Zwangszuweisung waren, nicht gerade mit offenen Armen empfingen, war verständlich. Die meisten wehrten sich erst heftig dagegen, bis sie sich schließlich ihrem Schicksal ergaben. Sie mussten uns eine leere Kammer, meist unterm Dach und ohne Strom, Wasser oder Toilette, zur Verfügung stellen. So widerwillig sie dies taten, so abweisend verhielten sie sich auch uns gegenüber. Sie gaben uns die schlimmsten Schimpfnamen, die man sich nur denken kann. Aber es gab auch „Andere“, die Mitleid mit uns hatten. Sie schenkten uns nach und nach ein paar alte Möbelstücke für unsere Kammer oder halfen mit einigen Lebensmitteln, und wenn wir gar nichts mehr hatten und betteln mussten, dann gab es schon mal ein Stückchen trockenes Brot zum Überleben.
Eine Obstverwertung im Ort suchte dringend billige Arbeitskräfte. Meine Mutter bewarb sich um eine Stelle und wurde schließlich genommen. Bedingung war jedoch, ganztätig zu arbeiten. Aber mich, ein fünfjähriges Kleinkind, in einem fremden Land, in fremder Umgebung den ganzen Tag alleine zu lassen, wie sollte das gehen? Inzwischen hatten wir über das Rote Kreuz erfahren, dass auch meine Großeltern in Deutschland angekommen waren, in der Nähe von Nürnberg. Sie hatten mehr Glück als wir und wurden einem Bauernhof zugeteilt. Da hier hausgeschlachtet wurde, gab es gelegentlich etwas Wurst und Fleisch. Wenn auch aus der Heimat vertrieben, von Haus und Hof, mussten sie jedoch keinen Hunger leiden wie Mama und ich. Im Gegenzug halfen meine Großeltern gelegentlich bei diversen Arbeiten auf dem Bauernhof mit, was für sie jedoch Routine war. So beschloss Mama, mich zu den Großeltern zu bringen, wenigstens so lange, bis ich eingeschult wurde. Wir fuhren in einem überfüllten, alten, schmutzigen Zug zu Großvater und Großmutter. Mir hätte eigentlich nichts Besseres passieren können, nur dass ich von meiner Mutter für längere Zeit getrennt wurde, war sehr schmerzlich.
Die Bäuerin war kinderlos und schloss mich gleich in ihr Herz. Sie nahm mich auf einem Schubkarren mit, um Futter für die Kühe und Hasen zu holen, und versorgte mich hinterher mit frisch gemolkener Kuhmilch und gutem selbstgebackenem Brot, so wie meine Großmutter in meinen ersten Lebensjahren. Die Bäuerin war eine herzliche, liebe Frau. Ich durfte fast alles bei ihr. So besuchte ich oft die Kühe mit ihren Kälbchen und schaute auch beim Melken oder Füttern zu. Ach, war das schön! Meine Großeltern waren zwar streng, jedoch nicht zu streng zu mir. Manchmal verspürte ich trotz allem eine große Sehnsucht nach meiner Mutter. Sie schrieb mir, so oft es ihre Zeit zuließ, und versprach, mich bald abzuholen. So hätte es bleiben können, aber leider kam es anders, ganz anders.
Nach einem wunderbaren, erlebnisreichen Jahr holte mich meine Mutter wieder nach Hause, denn ich wurde im September 1947 mit 52 Mitschülerinnen und Mitschülern eingeschult. Das alte Schulhaus befand sich gleich neben dem Pfarrgarten. Es hatte alte Schulsäle, einen uralten, hohen Eisenofen, ein Lehrerpult und alte, sehr dunkel gebeizte Bänke und Schreibtische mit integrierten Tintenfässern. In einer Reihe hatten vier Kinder Platz. Unsere Klasse war im Erdgeschoß rechts untergebracht.
Nicht nur die Schule war alt, sondern auch unsere Lehrerin, die uns streng und diktatorisch durch die erste Klasse führte. Vor Beginn des Unterrichts um 08:00 Uhr mussten wir täglich, ob Sommer oder Winter, die Heilige Messe in der alten Dorfkirche besuchen, die durch die damals erzkatholische Erziehung von Körperfeindlichkeit geprägt war. Wenn man der Messe fernblieb, war man bei unserem strengen Pfarrer im Religionsunterricht nicht angesehen bzw. bekam eine schlechte Note ins Zeugnis und die armen Buben wurden mit einem kantigen Stock versohlt. Die Mädchen, die eine lange Hose trugen, holten, bevor der Pfarrer im Saal erschien, eine Schürze aus ihrer Büchertasche und banden sich diese um. Das war Pflicht. Von einem unserer Lehrer wurden wir fast täglich auf das Kopfrechnen gedrillt. Das kleine und das große Einmaleins, addieren, teilen und minusrechnen und auch Texte mussten wir auswendig lernen, ohne über den Sinn zu sprechen. Ein Lehrer übte mit uns das Nachsingen, indem er mit der Stimmgabel den Ton angab. Dann rief er immer einen anderen Schüler oder eine andere Schülerin zu sich vor das Pult. Dieses Kind musste den richtigen Ton treffen. Als ich an der Reihe war, traute ich mich nicht zu summen. Der Lehrer bat mich nochmals darum, doch ich blieb stumm wie eine Statue. Daraufhin ergriff ihn die Wut. Er holte mit seiner Hand aus und diese landete in meinem Gesicht. Das hatte ich nun davon. Meine erste und einzige Ohrfeige in der gesamten Schulzeit.
Wenn der Lehrer keine Lust hatte, sich mit uns zu beschäftigen – das kam montags manchmal vor – durfte ich mich vor das Pult setzen und der Klasse eine Geschichte vorlesen, während er längere Zeit verschwand. Wir hatten auch einen behinderten Jungen mit einem eigenartigen Körperbau bei uns in der Klasse. Er verfügte über einen kurzen Oberkörper und einen stark ausgeprägten, runden Rücken, relativ lange Steckelbeine mit Klumpfüßen und nicht entwickelte Arme und Hände. Diese waren ein Gebilde von relativ kurzen Stummelchen mit ein paar Fingerchen rechts und links. Seine Fingernägel hatte er immer rot lackiert. Aber er war geistig voll da und ein richtiger Spitzbub, wenn es galt, etwas auszuhecken. Bei einem Ausflug mit der Klasse wechselten sich die größeren Jungen ab – auch der Lehrer bot sich an – unseren Nico auf den Schultern zu tragen. Sie sahen dies nicht als Belastung, sondern als selbstverständlich an, weil er zu uns gehörte.
Während meiner Abwesenheit hatte sich leider nicht viel verändert, lediglich gab es für alle Haushalte Lebensmittelkarten und Marken, ausgerechnet nach Köpfen, wiederum nach Kindern und Erwachsenen. Beim Einkauf im „Tante-Emma-Laden“ wurden von der Inhaberin für die jeweiligen Rationen ein paar Marken, die sie sammelte, abgeschnitten. Es gab jetzt endlich etwas zu essen, doch die Rationen waren so klein, dass eigentlich niemand davon satt wurde.
Wir bewohnten eine kleine, schräge Dachkammer im Obergeschoß eines Einfamilienhauses. Neben uns war eine Familie mit zwei kleinen Töchtern in meinem Alter untergebracht. Sie hatten wenigstens eine winzige Küche, einen Schlafraum für die Eltern und eine Kammer für die Mädchen. Außerdem gab es ein sogenanntes Bad mit kaltem Wasser, aber mit einem hohen, runden Ofen, der mit Holz geschürt wurde, damit wir alle einmal pro Woche baden konnten. Das war schon Luxus pur. Im Erdgeschoß wohnten die Eigentümer des Hauses mit zwei Buben und einem Mädchen. Sie hatten eine Schneiderwerkstatt im Haus. Unsere Kammer war inzwischen mit alten Möbeln, die wir geschenkt bekommen hatten, ausgestattet, und zwar mit einem Feldbett, einem mit einem Strohsack gefüllten Bettgestell von der Jahrhundertwende, einem Tisch mit wackeligen Beinen, der davor stand und dessen Beine sich manchmal aus der Verschraubung lösten, einem Stuhl mit drei Beinen und einem kleinen, runden Blechofen mit einer Herdplatte bestehend aus drei Eisenringen. Wasser zum Trinken oder für die Zubereitung von Tee oder Suppen mussten wir aus dem Bad holen. Unsere wenigen Klamotten hingen auf rostigen Haken, die an der geraden Wandseite der Kammer angebracht waren. Zum Zudecken beim Schlafen erhielten wir von einer sozialen Stelle zwei kratzige, raue, graue Decken und zwei Kopfkissen, die ebenfalls mit Stroh gefüllt waren. Jedoch war das Schlafen in zwei Betten auch schon ein Luxus, denn zuerst hatte meine Mutter ein Feldbett mit mir geteilt.
Dafür, dass wir in unserer Kammer sein durften, musste meine kleine, dünne, durch die bisherigen Strapazen geschwächte Mutter alle paar Wochen die Wäsche der Hauseigentümer waschen, da die Hausfrau ihrem Mann in der Schneiderstube bei der Arbeit half und für Wäschewaschen und Haushalt fast keine Zeit hatte. Meine Mutter bekam statt eines Lohns etwas Milch und das eine oder andere Ei und manchmal ein paar Würstchen oder Wurstsuppe, wenn hausgeschlachtet wurde. So schlugen wir uns durch und hofften auf andere, bessere Zeiten.
Es war ein strenger Winter, wir froren, hungerten und weinten und waren auch glücklich, dass wir uns hatten. Ich hatte meine Mama sehr lieb. Meinen Vater kannte ich nicht wirklich. Meine Mutter war oft traurig, weil er nicht bei uns war, ich dagegen verspürte keine Sehnsucht nach ihm. Meine Bezugsperson war meine Mutter. Ich brauchte keinen Vater.
Meine Mutter bekam einen Brief, der Tränen und eine gewisse Traurigkeit bei ihr auslöste. Ihre älteste Schwester, welche sieben Kinder zwischen sechs und 21 Jahren hatte, war plötzlich an Unterleibskrebs verstorben. Mama fuhr mit der Bimmelbahn in die Bergstraße zur Beerdigung. Ich durfte drei Tage lang bei der Familie nebenan wohnen, wo ich zu essen bekam und, weil ich mich alleine in unserer Kammer ohne Licht fürchtete, mit der älteren Tochter zusammen in einem weichen, warmen Federbett schlafen durfte. Was war das für ein unbeschreiblich wohliges, kuscheliges Gefühl. Wir verstanden und mochten uns. Diese Nächte waren wunderbar und die Betreuung durch die Nachbarin und ihren Mann tat mir sehr gut. Ich war ein pflegeleichtes, gut erzogenes Kind, das sich den Situationen anpasste und eigentlich nicht anspruchsvoll war.
Das Wiedersehen mit Mutters anderen Geschwistern, die ebenfalls zur Beerdigung gekommen waren, hatte sie emotional stark mitgenommen. Wie lange war sie von ihnen durch die Vertreibung getrennt gewesen? Endlich konnte sie sie wieder in die Arme schließen, jedoch galt es gleichzeitig den Tod der geliebten Schwester hinzunehmen. Es dauerte sehr lange, bis meine Mutter diesen Schmerz überwunden hatte. Sie holte sich außerdem durch die langen Wartezeiten auf den Bahnhöfen durch unpassende Kleidung (wir hatten fast nichts zum Anziehen) eine starke Erkältung, und es gab keine Medikamente. Sie versuchte, diese mit Hilfe der Märzsonne auszukurieren. Was die wärmende Sonne auf ihrem Rücken und in dem geschwächten, abgemagerten Körper bewirkte, hatte schlimme Folgen, wie sich später herausstellte.

Ein Jahr war vergangen. Es war der April 1949. Ich war inzwischen fast acht Jahre alt. Die Sonne schien am Nachmittag, wir hatten keinen Unterricht und der Weg neben unserem Haus war trocken. Ich spielte mit meinen Flüchtlingskinder-Freundinnen „Steinehüpfen“. Viele Möglichkeiten zum Spielen gab es nicht. Plötzlich stand ein zerlumpter, alter, abgemagerter Mann mit einem langen, schwarzen Bart und ebensolchen Haaren mit einem Rucksack auf dem Rücken neben mir und fragte mich, wo er eine Frau namens Leni finden konnte. Ich gab ihm höflich Auskunft, jedoch ahnte ich nichts Gutes. Wir spielten unser Spiel noch eine Weile weiter, bis meine Mutter nach mir rief. Beim Eintreten in unsere Kammer erschrak ich sehr. Dieser schreckliche Mann saß auf unserem Stuhl und unterhielt sich mit meiner Mutter. Sie saß auf dem Bett. Ich flüchtete sofort in ihre Nähe. Sie sagte sichtlich erfreut zu mir: „Dieser Mann ist dein Vater, Vater, Vater! Du musst dich nicht fürchten.“ „Ich habe keinen Vater“, sagte ich. „Doch, das ist dein Vater“, wiederholte sich meine Mutter. „Er ist aus der russischen Gefangenschaft gekommen.“ Diese verwahrloste Gestalt sollte wirklich mein Vater sein? Ich wollte es nicht glauben. „Komm doch her zu mir, mein Kind, ich möchte dich in die Arme nehmen, das konnte ich sechs Jahre nicht mehr!“ Gequält und verängstigt gab ich folgend nach und ließ es schließlich über mich ergehen. Ich verspürte eine große Ablehnung in mir. Wie kann sich dieser Mensch in unser Leben drängen und von uns Besitz ergreifen? Meine Mutter hatte mir zwar oft von einem Vater erzählt, und davon, dass er in russischer Kriegsgefangenschaft ist und vielleicht irgendwann frei- und dann zu uns kommt, aber ich konnte mir das alles nicht richtig vorstellen. Einen Vater stellte ich mir anders vor, doch nicht so. Nein, ich lehnte diesen Mann ab. Wenn schon einen Vater, dann einen anderen!
Er drängte sich sogleich zwischen uns und damit war nichts mehr wie zuvor. Eine Zeit der Furcht und der seelischen Grausamkeit brach über uns herein. Die Zeit bei der Wehrmacht, der Krieg und die russische Gefangenschaft hatten Vater sehr stark geprägt. Nach der ersten Euphorie hat er uns drangsaliert, beschimpft, erniedrigt, angeschrien und eingesperrt. Mich hat er mit seinem Uniformgürtel, den er eigentlich als Andenken mitgebracht hatte, oft geschlagen. Er konnte nicht zwischen seinen früheren Untertanen und uns, seiner Frau und seinem Kind, unterscheiden. Der Traum von Familie wurde für uns zur Hölle. Das Leben war schlimm, Vater war ein Tyrann. So lange ich immer gleich ja sagte, wenn er mir etwas befahl, war es gut, wenn ich jedoch mit meinem ja zögerte, bekam er sofort einen Wutanfall. Jede Kleinigkeit löste bei ihm einen Wutanfall aus. Ich fürchtete mich und zitterte vor ihm. So wollte er es haben. Er hat so lange gesucht, bis er einen Grund gefunden hat, um mich zu bestrafen. Er, der Mächtige, und wir, seine Untergebenen. Selbst meine Mutter fürchtete sich inzwischen vor ihm, wenn sie mich in gewissen Situationen beschützen wollte. Wie ich diesen Menschen hasste! Reue für seine Ausraster hat er nie gezeigt. Wenn ich dann bitterlich weinte, drohte er mir mit neuen Schlägen, falls ich nicht sofort aufhören würde.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 88
ISBN: 978-3-95840-803-6
Erscheinungsdatum: 21.02.2019
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