Kuhmilch & Champagner
... überlebt!
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 192
ISBN: 978-3-7116-0962-5
Erscheinungsdatum: 13.05.2026
Seine Mutter überlebte dank eines Hitler-Dekrets: statt Todesstrafe drei Jahre KZ. Ihr Mann wurde füsiliert. Als Neugeborener in der Schweiz versteckt, gründete Bernard Henrion später einen eigenen Familienbetrieb. Eine bewegende Familiengeschichte.
Gute Geschichten sind nicht immer schön. Oft sind sie sogar alles andere als das. Dem Held geschieht Unfassbares, er muss leiden, aber dann gelingt es ihm, die Widrigkeiten zu überwinden. Solche Geschichten berühren und inspirieren die Menschheit seit jeher, darum werden sie auch erzählt. Das war immer schon die Essenz dessen, was uns Menschen ausmacht.
Auch Bernard Henrions Geschichte ist alles andere als schön. Als Kind einer kriegsversehrten Mutter, die die Grauen der Konzentrationslager miterleben musste, waren seine Startbedingungen denkbar schlecht: Ein uneheliches Kind, das man in der Schweiz versteckt. Als Kind erlebte er zwar auch Liebe, musste aber vor allem harte Arbeit leisten und litt unter Missbrauch und Misshandlungen. Vor allem aber trieb ihn jene tiefste aller menschlichen Fragen an: Wer bin ich und was soll ich hier?
Doch Henrion liess sich nicht von seinem Schicksal definieren. Er hatte den Willen und die Hoffnung, seine eigene Lebensgeschichte zu schreiben. Das Trauma seiner Herkunft zu durchbrechen. Dabei halfen ihm die Musik, es halfen ihm sein grosses Herz und es halfen ihm immer wieder Menschen. Vor allem aber waren es der unermüdliche Wille eines Abenteurers und Unternehmers, die seinem Leben Gestalt und Richtung gaben.
Und er hat so viel erlebt: Von den Anfängen als Strassenmusikant zu seinen Erfolgen als Sänger, Manager und Produzent. Die Sechzigerjahre liessen ihn erblühen und er bereicherte im Gegenzug die Schweiz mit seiner fröhlich bunten und zugleich melancholisch-traurigen Musik. Seine Abenteuerlust führte ihn zu Filmgrössen wie Peter Hunt und Ilse Steppat, mit denen er in London Champagner trank und die er nach Zürich in seine WG einlud. Und es war seine Neugierde und der Wille, seinem Kind und seinen Enkeln ein ähnliches Schicksal wie das seine zu ersparen, die ihn letztlich dazu führten, die Geheimnisse seiner Herkunft zu erforschen, die letztlich dieses Buch entstehen liessen. Kuhmilch und Champagner ist nicht nur das Zeugnis eines aussergewöhnlichen Lebens, sondern auch eines aussergewöhnlichen Menschen.
Michèle Binswanger ist Journalistin und Autorin.
Vorwort von H. Elias Fröhlich, Journalist
Sonny Appleday aka Bernard Henrion
Wenn du noch eine Mutter hast,
So danke Gott und sei zufrieden;
Nicht allen auf dem Erdenrund
Ist dieses hohe Glück beschieden.
Dieses Gedicht von Friedrich Wilhelm Kaulisch hat unser Vater uns fünf Buben in der Bäckersfamilie Fröhlich im Hinterthurgau stets vorgetragen, wenn wir die liebe Mama jeweils über Gebühr belastet haben. Und der Vater fügte an, was Kaulisch weiter geschrieben hatte. «Die Mama ist euer allergrösstes Gut, und ist dein grösster Schatz auf Erden.»
Bernard Henrion hatte dieses Glück nicht. Seine Biografie wurde wegen des Zweiten Weltkriegs zu einer reinen Horror-Story. Henrion und seine Familie erlitten ein Schicksal, wie es Hunderttausend anderen ebenfalls widerfahren ist, jedem auf seine ureigene Weise. Bernard, den alle Sonny nennen, war stets ein sonniges Gemüt. Er wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann, ihm schien alles leicht von der Hand zu gehen. Es war nicht zuletzt sein heiteres Wesen, seine stete Fröhlichkeit, die ihn über den Durchschnitt anderer Schicksalsgenossen emporhob. Woher das kam, wessen Talent er geerbt haben könnte, das erfuhr er erst vor anderthalb Jahren dank seiner Eigen-Recherche und der seiner Tochter Désirée.
„Ich bin zwar ein Mensch, der vorwärts schaut und die Vergangenheit hinter sich lässt», sagt Henrion. Seine eigene Vergangenheit freilich, das spürte er in seinem Innern, könnte auch zu aufwühlend werden. Damit trifft Henrion einen ganz wunden Punkt seiner eigenen Geschichte, wie sich bald herausstellen sollte.
Ich kenne Sonny seit über 55 Jahren. Wir sind beide Jahrgang 1947 und in der Ostschweiz aufgewachsen. Wir machten beide Karriere im Show-Business. Bernard als Sänger Sonny Appleday, ich als Journalist, später Chefredakteur bei der Jugend-Zeitschrift Pop, ab 1979 Pop/Rocky, sowie als Musik-Chef beim Blick, der bekanntesten Zeitung der Schweiz. Wir schrieben über den ehrgeizigen Sänger Appleday, der sich seinen Künstlernamen selbst gegeben hatte. Und auch über seinen Wahnsinns-Shop «Starworld Enterprise», einer Mischung aus Fan-Laden, Gadgets- und Gimmix-Shop sowie aus Spielen aller Art. Schlicht: Ein Multi-Universum für Jung und Alt. Zudem traf man sich ab und an, sowohl geschäftlich als auch privat, und das bis heute.
Aus dem Sänger Appleday wurde der Geschäftsmann Bernard Henrion. Mit seiner Firma „Starworld Enterprise“ entdeckte er eine Marktlücke. Er handelt mit allem, was junge Leute interessiert, von Kindern bis jungen Erwachsenen sowie auch der älteren Generation, von Elvis und Beatles bis Backstreet Boys und Michael Jackson. Sein Geschäft strotzt vor überbordernder Fröhlichkeit, seine Kunden strahlen, wenn sie nur schon den Laden betreten, auf der Strasse rufen ihm die Kunden nach, „gell Sonny, ich komm dann heute noch zu dir.“
So lustig bis herzergreifend das alles tönt: Die Fragen, wer bin ich, woher komme ich, bestimmten mehr und mehr Sonnys Leben. Dank dem Internet kristallisierte sich das Bild seiner wirklichen Familie immer klarer heraus. Bernard Henrion und seine Familie gehören zu jenen Hunderttausenden von Menschen, die in den Kriegswirren auseinandergerissen wurden. In seinem Fall sogar sehr brutal.
In seinem Buch erzählt Sonny die Geschichte seiner belgisch-stämmigen Familie Henrion. Sein Grossvater war der erste Flieger des Landes, der sein Fluggerät selbst gebaut hatte. Auch der erste Privat-Radio-Sender von Belgien wurde von der Henrion-Familie gegründet. Bernards Mutter war Moderatorin des Senders, sein Grossvater Marcel Nachrichten-Sprecher und die Grossmutter Madeleine gab Koch-Tipps. Die Familie war sehr angesehen und erfolgreich. Bis 1940 die Deutschen einmarschierten…
Sonnys Mutter arbeitete als Geheimagentin für die Alliierten, wurde verhaftet und ins Konzentrationslager eingeliefert. Ihr damaliger Mann Félix war Chef dieses Geheimdienstes und wurde am 21.6.1944 von den Deutschen standrechtlich erschossen. Auch die Mutter erwartete die Todesstrafe, wurde aber zu drei Jahren KZ begnadigt und überlebte das KZ Mauthausen in Oberösterreich. Zwei Wochen vor Kriegsende, am 22. April 1945, wurde sie zusammen mit 755 weiblichen Gefangenen vom Roten Kreuz befreit.
Damit beginnt die eigentliche Geschichte des Bernard Henrion. Die Transport-Kolonne mit den Frauen per Lastwagen über die Schweiz in die Länder der Entlassenen machte zufällig Halt in St. Gallen. Unter den Einheimischen, die den Frauen, so auch Sonnys Mutter, Lebensmittel, Kleider und Decken brachten, war die Bäuerin Martha Bergadà. Die zwei Frauen tauschten ihre Adressen aus.
Dann schlug das Schicksal zu. Im Zentrum: Der 1947 geborenen uneheliche Sohn von Frau Henrion, so der ledige Name von Bernards Mutter. Ein unehelicher Sohn eines unbekannten Vaters war für die einflussreiche Familie Henrion ein Stigma; von diesem Baby wollte man nichts wissen. Frau Henrion erinnerte sich an die liebenswerte Bäuerin in St. Gallen. Sie fragte nach, ob sie den kleinen Bernard als Pflegekind in ihrer Familie aufnehmen würde. So kam der kleine Belgier in die Schweiz und wuchs versteckt auf dem Bauernhof Bergadà auf.
Auch wenn ihn seine Mutter hin und wieder in der Schweiz besuchte: Wirklich näher kamen sich Mutter und Sohn nie – bis zu ihrem Tod.
Über seine eigenen Recherchen und Erkenntnisse sowie die seiner Tochter Désirée über das Schicksal von Mutter und Grossmutter sowie der belgischen Verwandtschaft erzählt Henrion in seinem Buch viele höchst spannende und auch schreckliche Details.
Diese Details und vor allem die Menschen verachtenden brutalen Dokumentationen über den Nationalsozialismus und die Verfolgung der Regime-Gegner, darunter seine Mutter und deren erster Mann, haben Bernard Henrion arg zugesetzt. Weil er das alles kaum mehr ertragen konnte, erlitt er im April 2024 einen schweren Herzinfarkt mit zwei Wochen künstlichem Koma. Er überlebte mit viel Glück.
Sonny war immer sehr verschwiegen, wenn es um seine familiäre Vergangenheit ging.
Trotzdem ich ihn seit über 55 Jahre kenne, erzählte er mir erst kürzlich von seinen Recherchen der Kriegsvergangenheit seiner Familie. Als er mir auch von den Ergebnissen seiner Suche nach seinem biologischen Vater erzählte, erinnerte ich mich an meine letzte Begegnung mit Johnny Hallyday anlässlich seines Schweizer Konzertes im Schützenhaus Albisgüetli vom 4. November 1994. Ich hatte mit ihm ein Interview vereinbart wo auch dieses letzte Erinnerungs-Foto entstand. Auch ich stellte die frappante Similarität fest und sandte Sonny dieses Bild mit dem Vermerk „unglaubliche Ähnlichkeit“ … Bin selber gespannt, ob dieses Geheimnis je gelüftet werden kann …
«Kuhmilch & Champagner» …
… Ich lebe wegen eines Erlasses Hitlers und wurde nach der Geburt auf einem Bauernhof in der Schweiz versteckt… Meine Mutter war im KZ, überlebte diese Hölle und schenkte mir ein Leben. Eigentlich hatte ich nie die Absicht, eine Autobiografie zu schreiben. Ich bin ein Mensch, der vorwärts schaut und die Vergangenheit hinter sich lässt, denn die Aufarbeitung der schlechten Erlebnisse ist aufwühlend und belastend. Dass ich es trotzdem tue, hat folgende Gründe:
im Internet fand ich meine Familiengeschichte
Meine richtige Familie konnte nicht ahnen, dass der kleine Junge, den sie seit seiner Geburt 700 km entfernt in der Schweiz auf einem kleinen Appenzeller Bauernhof unter falschem Namen versteckte, eines Tages im Internet die Spuren seiner richtigen Familie entdecken würde. Das möchte ich meiner eigenen Familie mit diesem Buch ersparen. Was meine Mutter im Zweiten Weltkrieg erlebt hat, muss ich aufschreiben, um mich von der Last der Gedanken zu befreien. Es ist meine persönliche Geschichte gegen das Vergessen.
Meine Tochter Désirée – inzwischen Mutter von drei Kindern – war eigentlich der Auslöser, weil sie mit großer Akribie nach den Wurzeln meiner Familie sucht. Das kann ich gut verstehen, ist ihr gutes Recht und hat auch mich neugierig gemacht.
Auch mein kleiner 6-jähriger Enkel Noël fragte mich kürzlich: «Opa, hast du auch einen Papa und wie sieht der aus?» Leider konnte ich diese Frage (noch) nicht beantworten. Konkret: Der kleine Knirps hat herausgefunden, dass – wenn man seinen Namen Noël rückwärts liest – daraus Léon wird… Rührend sagte er mit kindlich-naiver Logik: «Opa, ich bin dein Papi», um mich ein wenig zu trösten. Anscheinend hat er etwas mitgekriegt. (Erklärung folgt: «Papa wer/wo bist du?») Auch sein Zwillingsbruder Julian stellte mir ähnliche Fragen. Heute bin ich mir sicher, dass ich im Ausland versteckt aufgewachsen bin, um auch meinen heimlichen Vater zu verstecken. Früher war so eine Recherche fast aussichtslos, weil alle geschwiegen haben und man auf eine eiserne Wand gestoßen ist. Heute ist es einfacher, vor allem, wenn die gesuchten Personen bekannt sind und somit Spuren im Netz hinterlassen haben.
Ich fand Berichte und Dokumente über meine Familie, von denen ich nichts wusste, zum Beispiel, dass meine Mutter zum Tode verurteilt worden war. Das machte mich traurig und ich forschte weiter. Ich fand sogar eine heiße Spur, wer mein geheimnisvoller leiblicher Vater sein könnte.
Im Jahr 2025 jährt sich zum achtzigsten Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Befreiung der Häftlinge, die die schrecklichen Konzentrationslager überlebt hatten, darunter auch meine Mutter, Marie-Louise Peetermans-Henrion. Man kann nicht oft genug daran erinnern und wachrütteln, wie sinnlos und grausam solche Kriege sind, wie viel Leid sie verursachen und ganze Familien zerstören.
Die Menschheit hat nichts daraus gelernt. Laut UNICEF ist 2024 ein verheerendes Jahr für Kinder in Kriegsgebieten. Mehr als 473 Millionen Kinder – etwa jedes sechste Kind weltweit – wachsen in Regionen auf, die von bewaffneten Konflikten geprägt sind. Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es weltweit nicht mehr so viele bewaffnete Konflikte. Besonders alarmierend ist, dass sich der Anteil der Kinder, die in Konfliktgebieten leben, seit den 1990er-Jahren fast verdoppelt hat – von 10 % auf heute fast 19 %. (Quelle: UNICEF). Eine traurige Bilanz!
Dass ich durch einen Erlass Hitlers lebe, hat mich schockiert. Ausgerechnet dieser Massenmörder, der Millionen unschuldiger Menschen auf dem Gewissen hat und am 21.6.1944 auch den Ehegatten meiner Mutter erschießen ließ?
30. April 1945: Adolf Hitler begeht kurz vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zusammen mit seiner Geliebten Eva Braun im Führerbunker in Berlin Selbstmord.
Meine Mutter überlebte das Konzentrationslager…
5. Mai 1945: Ein Spähtrupp der US-Armee trifft im KZ Mauthausen ein und Einheiten der 3. US-Army befreien etwa 40.000 Gefangene. Auch meine Mutter war in diesem KZ, Marie-Louise Peetermans-Henrion, Häftlings-Nr. 2339. Quelle: Mauthausen Memorial.
Mir ist aufgefallen, dass als Haftgrund «Belgischer Schutz» aufgeführt ist. Peter Egger vom Mauthausen Memorial hat mir auf Anfrage hin die Bedeutung mitgeteilt:
«Die «Schutzhaft» basiert auf der «Verordnung zum Schutz von Volk und Staat» vom 28. Februar 1933. Per Erlass vom 25. Jänner 1938 wurde die Schutzhaft als eine Zwangsmaßnahme der Geheimen Staatspolizei («Gestapo») gegen Personen definiert, die nach Definition der Nationalsozialisten «durch ihr Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates gefährden». Sie war zeitlich unbegrenzt und jeder rechtlichen und rechtsstaatlichen Kontrolle entzogen, gegen sie konnten keine Rechtsmittel ergriffen werden.»
…
Auch Bernard Henrions Geschichte ist alles andere als schön. Als Kind einer kriegsversehrten Mutter, die die Grauen der Konzentrationslager miterleben musste, waren seine Startbedingungen denkbar schlecht: Ein uneheliches Kind, das man in der Schweiz versteckt. Als Kind erlebte er zwar auch Liebe, musste aber vor allem harte Arbeit leisten und litt unter Missbrauch und Misshandlungen. Vor allem aber trieb ihn jene tiefste aller menschlichen Fragen an: Wer bin ich und was soll ich hier?
Doch Henrion liess sich nicht von seinem Schicksal definieren. Er hatte den Willen und die Hoffnung, seine eigene Lebensgeschichte zu schreiben. Das Trauma seiner Herkunft zu durchbrechen. Dabei halfen ihm die Musik, es halfen ihm sein grosses Herz und es halfen ihm immer wieder Menschen. Vor allem aber waren es der unermüdliche Wille eines Abenteurers und Unternehmers, die seinem Leben Gestalt und Richtung gaben.
Und er hat so viel erlebt: Von den Anfängen als Strassenmusikant zu seinen Erfolgen als Sänger, Manager und Produzent. Die Sechzigerjahre liessen ihn erblühen und er bereicherte im Gegenzug die Schweiz mit seiner fröhlich bunten und zugleich melancholisch-traurigen Musik. Seine Abenteuerlust führte ihn zu Filmgrössen wie Peter Hunt und Ilse Steppat, mit denen er in London Champagner trank und die er nach Zürich in seine WG einlud. Und es war seine Neugierde und der Wille, seinem Kind und seinen Enkeln ein ähnliches Schicksal wie das seine zu ersparen, die ihn letztlich dazu führten, die Geheimnisse seiner Herkunft zu erforschen, die letztlich dieses Buch entstehen liessen. Kuhmilch und Champagner ist nicht nur das Zeugnis eines aussergewöhnlichen Lebens, sondern auch eines aussergewöhnlichen Menschen.
Michèle Binswanger ist Journalistin und Autorin.
Vorwort von H. Elias Fröhlich, Journalist
Sonny Appleday aka Bernard Henrion
Wenn du noch eine Mutter hast,
So danke Gott und sei zufrieden;
Nicht allen auf dem Erdenrund
Ist dieses hohe Glück beschieden.
Dieses Gedicht von Friedrich Wilhelm Kaulisch hat unser Vater uns fünf Buben in der Bäckersfamilie Fröhlich im Hinterthurgau stets vorgetragen, wenn wir die liebe Mama jeweils über Gebühr belastet haben. Und der Vater fügte an, was Kaulisch weiter geschrieben hatte. «Die Mama ist euer allergrösstes Gut, und ist dein grösster Schatz auf Erden.»
Bernard Henrion hatte dieses Glück nicht. Seine Biografie wurde wegen des Zweiten Weltkriegs zu einer reinen Horror-Story. Henrion und seine Familie erlitten ein Schicksal, wie es Hunderttausend anderen ebenfalls widerfahren ist, jedem auf seine ureigene Weise. Bernard, den alle Sonny nennen, war stets ein sonniges Gemüt. Er wurde ein erfolgreicher Geschäftsmann, ihm schien alles leicht von der Hand zu gehen. Es war nicht zuletzt sein heiteres Wesen, seine stete Fröhlichkeit, die ihn über den Durchschnitt anderer Schicksalsgenossen emporhob. Woher das kam, wessen Talent er geerbt haben könnte, das erfuhr er erst vor anderthalb Jahren dank seiner Eigen-Recherche und der seiner Tochter Désirée.
„Ich bin zwar ein Mensch, der vorwärts schaut und die Vergangenheit hinter sich lässt», sagt Henrion. Seine eigene Vergangenheit freilich, das spürte er in seinem Innern, könnte auch zu aufwühlend werden. Damit trifft Henrion einen ganz wunden Punkt seiner eigenen Geschichte, wie sich bald herausstellen sollte.
Ich kenne Sonny seit über 55 Jahren. Wir sind beide Jahrgang 1947 und in der Ostschweiz aufgewachsen. Wir machten beide Karriere im Show-Business. Bernard als Sänger Sonny Appleday, ich als Journalist, später Chefredakteur bei der Jugend-Zeitschrift Pop, ab 1979 Pop/Rocky, sowie als Musik-Chef beim Blick, der bekanntesten Zeitung der Schweiz. Wir schrieben über den ehrgeizigen Sänger Appleday, der sich seinen Künstlernamen selbst gegeben hatte. Und auch über seinen Wahnsinns-Shop «Starworld Enterprise», einer Mischung aus Fan-Laden, Gadgets- und Gimmix-Shop sowie aus Spielen aller Art. Schlicht: Ein Multi-Universum für Jung und Alt. Zudem traf man sich ab und an, sowohl geschäftlich als auch privat, und das bis heute.
Aus dem Sänger Appleday wurde der Geschäftsmann Bernard Henrion. Mit seiner Firma „Starworld Enterprise“ entdeckte er eine Marktlücke. Er handelt mit allem, was junge Leute interessiert, von Kindern bis jungen Erwachsenen sowie auch der älteren Generation, von Elvis und Beatles bis Backstreet Boys und Michael Jackson. Sein Geschäft strotzt vor überbordernder Fröhlichkeit, seine Kunden strahlen, wenn sie nur schon den Laden betreten, auf der Strasse rufen ihm die Kunden nach, „gell Sonny, ich komm dann heute noch zu dir.“
So lustig bis herzergreifend das alles tönt: Die Fragen, wer bin ich, woher komme ich, bestimmten mehr und mehr Sonnys Leben. Dank dem Internet kristallisierte sich das Bild seiner wirklichen Familie immer klarer heraus. Bernard Henrion und seine Familie gehören zu jenen Hunderttausenden von Menschen, die in den Kriegswirren auseinandergerissen wurden. In seinem Fall sogar sehr brutal.
In seinem Buch erzählt Sonny die Geschichte seiner belgisch-stämmigen Familie Henrion. Sein Grossvater war der erste Flieger des Landes, der sein Fluggerät selbst gebaut hatte. Auch der erste Privat-Radio-Sender von Belgien wurde von der Henrion-Familie gegründet. Bernards Mutter war Moderatorin des Senders, sein Grossvater Marcel Nachrichten-Sprecher und die Grossmutter Madeleine gab Koch-Tipps. Die Familie war sehr angesehen und erfolgreich. Bis 1940 die Deutschen einmarschierten…
Sonnys Mutter arbeitete als Geheimagentin für die Alliierten, wurde verhaftet und ins Konzentrationslager eingeliefert. Ihr damaliger Mann Félix war Chef dieses Geheimdienstes und wurde am 21.6.1944 von den Deutschen standrechtlich erschossen. Auch die Mutter erwartete die Todesstrafe, wurde aber zu drei Jahren KZ begnadigt und überlebte das KZ Mauthausen in Oberösterreich. Zwei Wochen vor Kriegsende, am 22. April 1945, wurde sie zusammen mit 755 weiblichen Gefangenen vom Roten Kreuz befreit.
Damit beginnt die eigentliche Geschichte des Bernard Henrion. Die Transport-Kolonne mit den Frauen per Lastwagen über die Schweiz in die Länder der Entlassenen machte zufällig Halt in St. Gallen. Unter den Einheimischen, die den Frauen, so auch Sonnys Mutter, Lebensmittel, Kleider und Decken brachten, war die Bäuerin Martha Bergadà. Die zwei Frauen tauschten ihre Adressen aus.
Dann schlug das Schicksal zu. Im Zentrum: Der 1947 geborenen uneheliche Sohn von Frau Henrion, so der ledige Name von Bernards Mutter. Ein unehelicher Sohn eines unbekannten Vaters war für die einflussreiche Familie Henrion ein Stigma; von diesem Baby wollte man nichts wissen. Frau Henrion erinnerte sich an die liebenswerte Bäuerin in St. Gallen. Sie fragte nach, ob sie den kleinen Bernard als Pflegekind in ihrer Familie aufnehmen würde. So kam der kleine Belgier in die Schweiz und wuchs versteckt auf dem Bauernhof Bergadà auf.
Auch wenn ihn seine Mutter hin und wieder in der Schweiz besuchte: Wirklich näher kamen sich Mutter und Sohn nie – bis zu ihrem Tod.
Über seine eigenen Recherchen und Erkenntnisse sowie die seiner Tochter Désirée über das Schicksal von Mutter und Grossmutter sowie der belgischen Verwandtschaft erzählt Henrion in seinem Buch viele höchst spannende und auch schreckliche Details.
Diese Details und vor allem die Menschen verachtenden brutalen Dokumentationen über den Nationalsozialismus und die Verfolgung der Regime-Gegner, darunter seine Mutter und deren erster Mann, haben Bernard Henrion arg zugesetzt. Weil er das alles kaum mehr ertragen konnte, erlitt er im April 2024 einen schweren Herzinfarkt mit zwei Wochen künstlichem Koma. Er überlebte mit viel Glück.
Sonny war immer sehr verschwiegen, wenn es um seine familiäre Vergangenheit ging.
Trotzdem ich ihn seit über 55 Jahre kenne, erzählte er mir erst kürzlich von seinen Recherchen der Kriegsvergangenheit seiner Familie. Als er mir auch von den Ergebnissen seiner Suche nach seinem biologischen Vater erzählte, erinnerte ich mich an meine letzte Begegnung mit Johnny Hallyday anlässlich seines Schweizer Konzertes im Schützenhaus Albisgüetli vom 4. November 1994. Ich hatte mit ihm ein Interview vereinbart wo auch dieses letzte Erinnerungs-Foto entstand. Auch ich stellte die frappante Similarität fest und sandte Sonny dieses Bild mit dem Vermerk „unglaubliche Ähnlichkeit“ … Bin selber gespannt, ob dieses Geheimnis je gelüftet werden kann …
«Kuhmilch & Champagner» …
… Ich lebe wegen eines Erlasses Hitlers und wurde nach der Geburt auf einem Bauernhof in der Schweiz versteckt… Meine Mutter war im KZ, überlebte diese Hölle und schenkte mir ein Leben. Eigentlich hatte ich nie die Absicht, eine Autobiografie zu schreiben. Ich bin ein Mensch, der vorwärts schaut und die Vergangenheit hinter sich lässt, denn die Aufarbeitung der schlechten Erlebnisse ist aufwühlend und belastend. Dass ich es trotzdem tue, hat folgende Gründe:
im Internet fand ich meine Familiengeschichte
Meine richtige Familie konnte nicht ahnen, dass der kleine Junge, den sie seit seiner Geburt 700 km entfernt in der Schweiz auf einem kleinen Appenzeller Bauernhof unter falschem Namen versteckte, eines Tages im Internet die Spuren seiner richtigen Familie entdecken würde. Das möchte ich meiner eigenen Familie mit diesem Buch ersparen. Was meine Mutter im Zweiten Weltkrieg erlebt hat, muss ich aufschreiben, um mich von der Last der Gedanken zu befreien. Es ist meine persönliche Geschichte gegen das Vergessen.
Meine Tochter Désirée – inzwischen Mutter von drei Kindern – war eigentlich der Auslöser, weil sie mit großer Akribie nach den Wurzeln meiner Familie sucht. Das kann ich gut verstehen, ist ihr gutes Recht und hat auch mich neugierig gemacht.
Auch mein kleiner 6-jähriger Enkel Noël fragte mich kürzlich: «Opa, hast du auch einen Papa und wie sieht der aus?» Leider konnte ich diese Frage (noch) nicht beantworten. Konkret: Der kleine Knirps hat herausgefunden, dass – wenn man seinen Namen Noël rückwärts liest – daraus Léon wird… Rührend sagte er mit kindlich-naiver Logik: «Opa, ich bin dein Papi», um mich ein wenig zu trösten. Anscheinend hat er etwas mitgekriegt. (Erklärung folgt: «Papa wer/wo bist du?») Auch sein Zwillingsbruder Julian stellte mir ähnliche Fragen. Heute bin ich mir sicher, dass ich im Ausland versteckt aufgewachsen bin, um auch meinen heimlichen Vater zu verstecken. Früher war so eine Recherche fast aussichtslos, weil alle geschwiegen haben und man auf eine eiserne Wand gestoßen ist. Heute ist es einfacher, vor allem, wenn die gesuchten Personen bekannt sind und somit Spuren im Netz hinterlassen haben.
Ich fand Berichte und Dokumente über meine Familie, von denen ich nichts wusste, zum Beispiel, dass meine Mutter zum Tode verurteilt worden war. Das machte mich traurig und ich forschte weiter. Ich fand sogar eine heiße Spur, wer mein geheimnisvoller leiblicher Vater sein könnte.
Im Jahr 2025 jährt sich zum achtzigsten Mal das Ende des Zweiten Weltkriegs mit der Befreiung der Häftlinge, die die schrecklichen Konzentrationslager überlebt hatten, darunter auch meine Mutter, Marie-Louise Peetermans-Henrion. Man kann nicht oft genug daran erinnern und wachrütteln, wie sinnlos und grausam solche Kriege sind, wie viel Leid sie verursachen und ganze Familien zerstören.
Die Menschheit hat nichts daraus gelernt. Laut UNICEF ist 2024 ein verheerendes Jahr für Kinder in Kriegsgebieten. Mehr als 473 Millionen Kinder – etwa jedes sechste Kind weltweit – wachsen in Regionen auf, die von bewaffneten Konflikten geprägt sind. Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es weltweit nicht mehr so viele bewaffnete Konflikte. Besonders alarmierend ist, dass sich der Anteil der Kinder, die in Konfliktgebieten leben, seit den 1990er-Jahren fast verdoppelt hat – von 10 % auf heute fast 19 %. (Quelle: UNICEF). Eine traurige Bilanz!
Dass ich durch einen Erlass Hitlers lebe, hat mich schockiert. Ausgerechnet dieser Massenmörder, der Millionen unschuldiger Menschen auf dem Gewissen hat und am 21.6.1944 auch den Ehegatten meiner Mutter erschießen ließ?
30. April 1945: Adolf Hitler begeht kurz vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zusammen mit seiner Geliebten Eva Braun im Führerbunker in Berlin Selbstmord.
Meine Mutter überlebte das Konzentrationslager…
5. Mai 1945: Ein Spähtrupp der US-Armee trifft im KZ Mauthausen ein und Einheiten der 3. US-Army befreien etwa 40.000 Gefangene. Auch meine Mutter war in diesem KZ, Marie-Louise Peetermans-Henrion, Häftlings-Nr. 2339. Quelle: Mauthausen Memorial.
Mir ist aufgefallen, dass als Haftgrund «Belgischer Schutz» aufgeführt ist. Peter Egger vom Mauthausen Memorial hat mir auf Anfrage hin die Bedeutung mitgeteilt:
«Die «Schutzhaft» basiert auf der «Verordnung zum Schutz von Volk und Staat» vom 28. Februar 1933. Per Erlass vom 25. Jänner 1938 wurde die Schutzhaft als eine Zwangsmaßnahme der Geheimen Staatspolizei («Gestapo») gegen Personen definiert, die nach Definition der Nationalsozialisten «durch ihr Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und Staates gefährden». Sie war zeitlich unbegrenzt und jeder rechtlichen und rechtsstaatlichen Kontrolle entzogen, gegen sie konnten keine Rechtsmittel ergriffen werden.»
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