Sonstiges & Allerlei

Kreta oder 2 1/2 Sekunden Glücksgefühl

Agnes B. Pegasus

Kreta oder 2 1/2 Sekunden Glücksgefühl

Leseprobe:

Gedanken zu

Kreta oder zweieinhalb Sekunden Glücksgefühl

Bereits Ende der 80er-Jahre begann ich über Kreta zu schreiben. Diese für mich schönste Mittelmeerinsel bereiste ich mehr als einmal. Es war leicht für mich, all die schönen Urlaubserlebnisse und Bilder gedanklich jederzeit parat zu haben und vor meinem geistigen Auge Revue passieren zu lassen. Die Achtung vor Natur, Mensch und Tier war mir in meinem Leben schon immer wichtig gewesen und auch darüber zu schreiben, fiel mir niemals schwer. Es ermöglichte mir, jederzeit in meine Traumwelt einzutauchen.
Der Romaninhalt stand für mich nur auszugsweise fest, nahm jedoch mit jeder Seite immer konkretere Formen an. Eingehend befasste ich mich mit den verschiedensten Themen, aber der Titel und vor allem der Protagonist meines Romans standen von Anfang an fest. Immer schon war es Anthony Quinn, den ich vor mir sah, sobald ich an Thannos dachte und über ihn schrieb. Der Name Thannos kam mir spontan in den Sinn, da ich einen Zusammenhang suchte für das Wort Thanatos. Auf Anhieb gefiel mir dieser Name und ich war sehr erstaunt, als ich Jahre später auf einer griechischen CD den Namen Thanos las. Es gibt keine Zufälligkeiten!
Meine Mutter teilte mit mir das Interesse für griechische Mythologie und ab und zu gab ich ihr ein paar Seiten meines damals noch mehr als 400 Seiten starken Manuskriptes zu lesen. Oft riet sie mir, die Meinung eines Lektors einzuholen, jedoch hinderte mich meine diesbezügliche Unsicherheit daran. Auch sie war es, die mir Eintrittskarten für ein Mikis Theodorakis Konzert in Innsbruck schenkte. Die Ausstrahlung dieses begnadeten Künstlers, all meine Emotionen und die Gänsehaut, die ich beim Anhören seiner unvergleichlichen Musik bekam, kann ich heute noch nachempfinden. Lange Zeit bewahrte ich die Eintrittskarten auf, doch aufgrund mehrmaliger Wohnungswechsel verlor ich sie, gleich anderen Erinnerungsstücken, aus den Augen. – Nichts lässt sich festhalten!
In den darauf folgenden Jahren holte ich hin und wieder das Manuskript hervor, überdachte es, änderte einige Passagen, schrieb neue Gedanken hinzu, verwahrte die zu Papier gebrachten Gedanken in einer der Schreibtischschubladen, da mir die Zeit für intensiveres Schreiben fehlte. Als Anthony Quinn im Jahre 2001 verstarb, erinnerte ich mich meines Manuskriptes, las erneut darin, sah manche Texte mit anderen Augen. Als meine Mutter zehn Jahre später für immer die Augen schloss, fehlte plötzlich nicht nur sie, sondern auch meinen Tagen die Aufgabe. Carpe Diem! Ich nutzte jeden meiner Tage. Ich begann, aus einem inneren Impuls heraus, Geschriebenes zu ordnen, auch mein Romanmanuskript las ich erneut und bearbeitete es zum letzten Mal. Danach erschien es mir beendet.
Worte von Chester Bernard, von dem ich zuvor noch nie etwas gehört hatte, fielen mir in die Hände: „Einen Versuch wagen und dabei scheitern bringt zumindest einen Gewinn an Wissen und Erfahrung. Nichts riskieren dagegen heißt, einen nicht abschätzbaren Verlust auf sich zu nehmen – den Verlust des Gewinnes, den das Wagnis möglicherweise eingebracht hätte.“ Es waren mir schicksalhafte Worte und ich fühlte mich angesprochen.


Kapitel I
Gedanken über ?eine Weltanschauung

Und in der letzten Nachtstunde, bevor der Tag begann, kehrte er wieder, trat in die Kammer, sah den Jüngling stehen, der ihm groß und fremd erschien. „Siddhartha“, sprach er, „worauf wartest du?“ „Du weißt es.“ „Wirst du immer so stehen und warten, bis es Tag wird, Mittag wird, Abend wird?“ „Ich werde stehen und warten.“ „Du wirst müde werden, Siddhartha.“ „Ich werde müde werden.“ „Du wirst einschlafen, Siddhartha.“ „Ich werde nicht einschlafen.“ „Du wirst sterben, Siddhartha.“ „Ich werde sterben.“ … (1)

Anelias Blick glitt hinaus, dorthin, wo Meer und Horizont sich vereinten. Wo man nicht mehr danach fragt, wo das eine aufhört oder das andere beginnt. Weil dieses Wissen nicht mehr wichtig ist im Augenblick des Schauens und wirklichen Erfühlens. In diesem Sehen versank sie in die Tiefe ihrer Empfindungen und fühlte Dankbarkeit, endlich wieder hier an einem Teil der Südküste Kretas sitzen zu können. Als winziges Sein, worauf der sonnendurchströmte kretische Himmel blickte. Gesättigt fühlte sie sich vom Licht der Sonne, emporgehoben zu den grenzenlosen Weiten des Himmels. Kreta, diese schöne Insel, war ihre Heimat geworden. Das hatte sie gewusst, beim ersten Mal schon, als sie vor Jahren hierhergekommen war. Dieses Land war ihr nie wirklich fremd. Auch nicht die stolzen Menschen, welche sie durch ihre Reisen kennen- und schätzen gelernt hatte. Sie dachte an die Berge und Strände, an die kleinen Bergdörfer, an die Ebenen und die Weite der endlos scheinenden Hügel. An den Duft der Blüten und Kräuter, an die verschiedenen Vögel und all die Schätze der Natur, welche Kreta zu bieten hatte. Es war ihr stets so vorgekommen, als hätte sie das alles schon gekannt. Nichts war ihr je fremd gewesen, doch mit jedem Bewusstwerden schöner und intensiver geworden. Auch war sie hier auf dieser Insel niemals enttäuscht worden, hatte nie irgendwelche negativen Erfahrungen erlebt. Sobald sie Kreta wieder verlassen musste, war es ihr stets so, als verabschiede sie sich von einem guten, lang gekannten Freund.
Sie schloss das Buch, worin sie gelesen hatte, und registrierte, dass die Freundin neben ihr ein wenig trübsinnig vor sich hinblickte.
„Keine Lust, über Kreta zu lesen, ein wenig Stimmung aufkommen zu lassen und einzutauchen in diese schöne Inselwelt?“ „Will weder eintauchen noch Salz im Haar.“ Trotz ihrer Freudlosigkeit versuchte sie ein Lächeln. „Kreta wird dich auf andere Gedanken bringen. Wirst schon sehen“, prophezeite Anelia und blickte wieder zum Wasser hin.
Tief atmete sie die gute Meeresluft ein und lauschte dem sanften Geräusch des Windes, das nie aus ihrem Herzen verklungen war.
Kreta erschien ihr immer wieder neu, obwohl sie seit vielen Jahren schon das gleiche Urlaubsziel wählte. Da gab es so vieles, das sie gesehen hatte und viel mehr noch, das sie noch nicht kannte. Ein Leben lang würde sie nie müde werden, diese schöne Insel kennenzulernen.
Sie kamen auf Kästner zu sprechen, denn literarisch hatten die Freundinnen denselben Geschmack. Erhart Kästners Buch über Kreta lag zwar noch unbesehen auf Evelyns Badetuch, jedoch würde sie schnell zustimmen können, dass der Schriftsteller über eine besondere Sprache verfügte und es verstanden hatte, sich auszudrücken. Er hatte Kreta geliebt, wie auch Anelia die Insel liebte, und er würde die Freundin mitreißen dank seiner schön gewählten, gefühlvollen Worte. Kreta würde auch sie erfreuen durch all das Schöne, das es birgt, hätte sie erst einmal gelernt, das, was um sie ist, bewusster wahrzunehmen, darauf einzugehen, um es schließlich annehmen zu können.
Die Sonne stand westlich und sie blickten zum Meer hinaus. Weit draußen bewegte sich ein Schiff wie schwerelos, als würde es von unsichtbaren Kräften geschoben. Es glitt mit unendlicher Leichtigkeit über das Wasser, bis es drüben war im Sonnenlicht, das es eintauchen ließ und es mit seiner Helligkeit erfasste.
Evelyns Gedanken waren bei Bernhard. Sie sagte das auch ihrer Freundin und diese wusste, dass es gut war, dass sie nun wieder über ihren Kummer sprechen wollte, der sie seit einiger Zeit quälte Auch wenn die Ursache schon mehrere Wochen zurücklag. So einfühlend Anelia ihr auch nahebringen wollte, Tatsachen und Erlebnisse anzunehmen und trotz Trauer zu versuchen, die Sonne im Herzen einzufangen, konnte Evelyn das nicht akzeptieren, da sie es auch nicht wollte. Mit Wehmut dachte sie an ihre Liebe, an den Mann, der sie wegen einer anderen Frau verließ. Fassungslos stand sie noch immer vor dieser Tatsache.
„Du siehst ihn immer noch so, wie du ihn sehen willst.“ „Er wurde mir Leitbildspiegelung?“ „Sehen wir nicht immer nur das, was wir an einem geliebten Menschen sehen wollen?“ „Ich glorifiziere ihn nicht. Aber Ben war doch etwas ganz Besonderes.“ „Für dich. Und das ist auch gut so. Behalte ihn in Liebe in Erinnerung.“ „Was habe ich davon? Bringt es mir ihn zurück?“ „Wenn ich dir sage, Bernhard ist wirklich ein Scheißkerl und all deine Tränen nicht wert, würdest du dich dann besser fühlen? Du weißt, du kannst deiner Wut Freiräume schenken, du solltest dir damit aber nicht dein Leben belasten.“ „Ich weiß nur, dass ich mich scheußlich fühle.“ „Du willst doch keinen Mann, der dich nicht will. Ein Mensch reagiert oft ganz anders, als man es von ihm erwartet. Das tut mir wirklich leid für dich, Ev.“ „Entschuldige, ich verderbe dir die Urlaubsstimmung.“ „Aber nein. Ich hatte nur nicht gewusst, dass ich eine Trauerweide als Reisebegleitung gewählt hatte. So kenne ich dich gar nicht.“
Wortlos zuckte die Freundin mit den Schultern, legte sich nieder, den Kopf auf ihre verschränkten Arme gelegt. Sie schloss die Augen.
„In unerwarteten Augenblicken aus lautlos sichtbar gewordenen Zeichen heraus holt uns das Erinnern ein. Nutze deine positive Energie, um vom Gewesenen Abschied zu nehmen. Sehr vieles kann die Kraft deiner Gedanken bewirken.“
Ruhig lag das Meer, gleich einem Seelenspiegel. Sie wollte eintauchen, es fühlen und atmen. Sanft wurde das Wasser zum Ufer getragen, mit einer Leichtigkeit, die allen Kummer fortzutragen gewillt war. Es glitt zurück, um sich immer wieder zu bewegen im gleichmäßig bleibenden, unaufhörlichen Rhythmus, der ihr im Schauen zu ihm das Herz gleichmäßig ruhig schlagen ließ. Bewusst hörte sie auf ihren Herzschlag. Er gab ihr zu verstehen, dass sie wirklich da war. Hier und jetzt. Sie sah die Farbe des Wassers und blickte auf die kleinen Steine, die teilweise zart gefärbt waren und jeder von ihnen anders geformt. Wie sie so schweigend vor sich hin schaute, fühlte sie seinen Blick und Anelia sah zu ihm hinüber.
Ausgestreckt lag der Fremde in einiger Entfernung. Den Kopf in seine linke Hand gestützt, mit ernstem Gesicht beobachtend. Sie fragte sich, wie lange er wohl schon so dalag und ihnen zuschaute. Beim Hinsehen empfand sie die Ruhe, die er ausstrahlte. Er lag gleich einer antiken Statue, welche die Flut an Land gespült hatte. Wieder streifte ihr Blick seine große, schlanke Gestalt und blieb einen Moment lang an der schwarzen, knappen Badehose hängen. Es war ihr, als kannte sie den Fremden. Als wäre er ihr sehr vertraut. Sie sah das ernste Gesicht mit den schönen Augen.
„Ach, Ev“, wandte sie sich wieder der Freundin zu, „sei nicht verzagt. Ich denke mir, du wirst noch sehr viele schöne und nette Männer kennenlernen, die dich wollen und denen du gar keine Beachtung schenkst. Ich weiß sehr gut, wie weh es tut, an schmerzhaft Vergangenes zu denken. Aber so vieles lässt sich ertragen. Die Enttäuschung wird mit der Zeit erträglicher, wenn Stunden und Tage zwischen Geschehnissen liegen und man Abstand gewinnen kann.“
Anelia ging zum Ufer. Die Abkühlung tat gut. Sie hastete nicht in das Nass, sondern genoss jeden Schritt mehr zu ihm hin. Wie viel Zeit war vergangen, seit sie zum letzten Mal da gewesen war. Doch nun stand sie tatsächlich hier, trotzdem ihr das Dasein noch immer einem Traumerlebnis glich. Sie bückte sich, das Wasser berührend, als wolle sie es begrüßen oder sich seiner Echtheit vergewissern. Dabei kam ihr die Erzählung eines alten, weisen Indianers in den Sinn, welcher zum ersten Mal in seinem Leben von freundlichen Fremden in deren Auto mitgenommen wurde. Er bat, nach geraumer Zeit schon, aussteigen zu dürfen. Setzte sich an den Straßenrand. Als er erstaunt über seine Beweggründe befragt wurde, gab er sinnend zur Antwort: Er müsse warten, bis auch seine Seele hier angekommen sei.
Das Meer umarmte sie wie ein Freund. Es beschützte und trug sie weit hinaus. Das schöne Wasser glich den Augen ihrer Seele, die klarer sehend wurden, je länger sie schwamm. Die Wellen berührten sie und sie tauchte immer wieder unter, um das Meer ganz auszukosten.
Als sie zum Strand zurückschwamm, sah sie Evelyn noch immer an derselben Stelle liegen. Es war, als schliefe sie. Auch der Fremde saß noch am gleichen Platz. Jedoch schaute er zum Meer hinaus. Zu ihr hin. Sie fragte sich nicht, weshalb er es tat, hätte jedoch gerne gewusst, was er fühlte, welche Wege seine Gedanken gingen. Sie hielt seine Gestalt mit ihren Blicken fest und empfing die Gelassenheit des Augenblickes, welche auch von ihm ausging. Lange ließ sie sich treiben, auf dem Wasser liegend. Den Blick auf ihn gerichtet. Seinen Blick fühlend.
Aus einem inneren Impuls heraus tauchte sie unter und schwamm in raschen Kraulzügen immer weiter hinaus. Flüchtend sah es sich an, fremden Blicken bewusst entfliehend. Lange und ausgiebig schwamm sie, bis sie müde wurde. Als sie zurückkam, suchten ihre Augen ihn.
Sie sah den hellen Sand, vereinzelt größere Steine. Die Stelle, wo er gelegen hatte, war leer. Es war ihr nun, als wäre er nie da gewesen. Im selben Augenblick flogen zwei Möwen auf, um in den Himmel zu fliegen.

***

Mit ihren Gedanken beschäftigt, erblickte sie Evelyn, die sich angeregt unterhielt. Anelia überdachte noch einmal das eben geführte Telefonat und ließ sich Zeit, um hinauszutreten in die Schwüle des Sonnentages und um der Alltäglichkeit der kleinen Stadt ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Ihre Skepsis gegenüber den Fremden stellte sich als unbegründet heraus. Sie zeigten sich aufgeschlossen, unterhaltsam und besonders der Jüngste von ihnen, Costas, war bemüht, interessant, doch unaufdringlich zu wirken. Die Männer hätten ihr den Weg zurück zum Postamt gezeigt, da sie sich nicht mehr zurechtgefunden hatte in den engen Gassen, begründete Evelyn deren Anwesenheit und stellte die Männer vor: „Alexis, Dimitri, Costas.“ Alexis würde ausschließlich Griechisch sprechen. Mit den beiden anderen könnten sie sich auch in Englisch oder Deutsch verständigen, gab ihr die Freundin zu verstehen. „Das bedeutet, du bestehst auf männlichen Begleitschutz?“ Dimitris Lächeln zu ihrer Bemerkung entging ihr nicht. Costas lud sie zu einem kafedáki ein. Er hatte es in höflich gesprochenem Griechisch gesagt, das Anelia zu übersetzen verstand. Sie konnte erkennen, wie sehr dieser Gefallen an Evelyn fand.
Es gelang ihr nicht sofort, gedanklich abzuschalten. Noch einmal überdachte sie die beruhigenden Worte ihrer Schwiegermutter, die ihr versichert hatte, mit ihrer kleinen Enkeltochter keinerlei Probleme zu haben. Jedoch gestand sich Anelia ein, dass ein wenig Enttäuschung ihre Stimmung trübte, da es ihr nicht möglich gewesen war, mit ihrem Mann persönlich zu sprechen. Gleichzeitig fragte sie sich, ob sie sich nicht längst schon an seine Abwesenheit hätte gewöhnen müssen. Sie möge sich amüsieren, hatte er ihr zum Abschied gesagt und sie unbekümmert in das Flugzeug steigen lassen. Wusste er doch, dass sie sich gut verstand mit der Freundin. – Mit ihr wird es dir Spaß machen, auszugehen. Ein bisschen tanzen und fröhlich sein, das vermisst du doch. Auch die Meeresluft wird dir gesundheitlich guttun und die Ruhe, sodass du dich gut erholen kannst. – Von weither kamen ihr seine Worte und vermischten sich mit den scherzenden von Evelyn und den Männern. Mit großer Intensität dachte sie an Walter, ihren Mann, und es drängte sich ihr die Frage auf, ob es richtig gewesen war, mit der Freundin hierhergekommen zu sein. Plötzlich fühlte sie sich auch als Mutter untauglich. Glaubte, egoistisch und unüberlegt gehandelt zu haben, da sie sich zu erholsamen Tagen im Ausland, ohne Kind und ohne Mann, überreden hatte lassen und es machte sich eine nie geahnte Sehnsucht nach ihrem geliebten Kind breit. Sie sehnte sich nach ihrer kleinen Tochter, vermisste jedoch nicht ihren Mann.
Straßengeräusche überdeckten ihre Gedanken. Gemeinsam schlenderten sie zu den Tischen, die inmitten der Straße standen. Der Nachmittag ging auf den Abend zu. Die Männer rückten die Stühle zurecht. Alexis verabschiedete sich.
Evelyn war gut gelaunt. Am Vormittag noch war sie sehr schweigsam gewesen, nutzte die Stunden zum Lesen, hatte sich dazu entschließen können, mit Anelia hierher nach Agia Gallini zu fahren, um ein wenig Abwechslung in diesem netten Hafenstädtchen zu finden. Die Freundin schwärmte nicht unbegründet von diesem Ort. Die gute Atmosphäre wirkte ansteckend, es war auch der junge Kreter, ihre neue Bekanntschaft, der dazu beitrug, sie in fröhliche Stimmung zu versetzen. Sie tranken Oúzo, mit Wasser verdünnt, und prosteten sich zu. „Jamas – auf deine Gesundheit.“
„Täusche ich mich, oder ist es möglich, dass ich euch beide gestern an Pirgos Strand beobachten konnte?“ „Wie kann ich wissen, wen und was du am Strand beobachtest?“ Es freute sie, dass auch er sie wiedererkannte, anmerken wollte sie sich das aber nicht lassen. Dimitri ließ seine Blicke sprechen. Evelyn, im Gespräch mit seinem Freund, stellte fest, dass ihre Sprachkenntnisse nicht ausreichten. Er sprach zwar ein wenig Englisch, trotzdem bat sie Dimitri um Übersetzung, der sogleich hilfreich dolmetschend zur Seite stand.
„Ihr seid mit dem Flieger gekommen, ja? Das bedauere ich sehr“, meinte er, die Worte an Anelia gerichtet, „ich finde, es gibt nichts Schöneres, als nur das Meer zu sehen. Nichts als Wasser und die Weite des Himmels. Das Meer wird eins mit dem Horizont und dadurch Unendlichkeit. Wie herrlich, nur das Blau des Wassers und des Himmels zu sehen.“ Fast verträumt hatte er gesprochen und Evelyn warf der Freundin einen sehr bedeutungsvollen Augenaufschlag zu. Verhalten lächelte sie, als sie ihr nachdenkliches Gesicht sah. „Hast du jemals das Meer gerochen? So viel liegt in diesem Geruch. Hast du schon einmal eine Seereise gemacht? Du vergisst das nie, dieses ewige, gleichmäßige Geräusch des Schiffsmotors, die Stille über allem und den Wind, der dich den Geruch des Wassers atmen lässt. Für mich ist eine Schiffsreise immer wieder neu und beeindruckend. Ach, das tut mir sehr leid für euch, dass ihr mit dem Flugzeug gekommen seid und nicht auf dem Seeweg.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 460
ISBN: 978-3-99038-510-4
Erscheinungsdatum: 07.04.2015
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Herbstlektüre