Konfettiregen

Konfettiregen

Louisa Metz


EUR 15,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 160
ISBN: 978-3-95840-665-0
Erscheinungsdatum: 24.05.2018
Die siebzehnjährige Leni und ihre beste Freundin Mira gehen gemeinsam durch dick und dünn. Leni muss zwischen wunderbaren Momenten und großen Enttäuschungen wichtige Entscheidungen treffen, einige harte Erfahrungen machen und schließlich zu sich selbst finden.
Es ist vielleicht im … im Leben kann einer der härtesten Rückschläge sein, dass man, wenn man mit jemandem, mit dem man sehr, sehr viel Zeit verbracht hat und von dem man geglaubt hat, dass er einem was bedeutet … dass wenn irgendwann der Moment kommt, wo’s drauf ankommt und wo man sagt: „Hey, hier bin ich, jetzt ist es, jetzt geht’s mir nicht so gut, hier bin ich …“ Und dann ist er nicht mehr da und man hat immer geglaubt, dass man vielleicht für den anderen was Besonderes ist und irgendwann merkt man: „O. k., vielleicht war das nur die Hoffnung und vielleicht war das nur der Wunsch, dass man dem anderen so viel bedeutet.“ Und dann merkt man, dass es nicht so ist, und dann tut das vielleicht sehr, sehr weh … wie soll ein Mensch das ertragen??(Philipp Poisel)


In meinem Kopf dreht sich alles. Nicht wegen des Alkohols, der ist durchaus auch reichlich geflossen heute Nacht; die Neuigkeiten haben mich nur schlagartig wieder nüchtern gemacht und ihretwegen drehen sich meine Gedanken ununterbrochen. Das ist nicht wirklich passiert. Alles nur ein böser Traum. Ich wanke ins Bad und schminke mich lustlos auf dem Toilettendeckel sitzend ab. Zurück im Zimmer schaue ich ein letztes Mal auf mein Handy. Fünf verpasste Anrufe, 15 Nachrichten. Alle von Mira und Nick. Es war kein Traum.
Ich schmeiße das Handy auf das Bett, öffne die Balkontür, lege mich auf den Boden und zähle Sterne. Das mache ich immer, wenn ich mich ablenken will.
Es geht mir nur ein Wort durch den Kopf. Warum? Es lief gut für mich, richtig gut. Und ich war glücklich, weil ich es zu schätzen wusste. Aber jetzt? Ich frage mich, was davon echt war und was davon reine Illusion.
Bis vor ein paar Stunden glaubte ich wirklich an das Gute im Menschen. Doch da war mein Leben auch noch nicht auf den Kopf gestellt.
Ich muss Stunden hier draußen gelegen haben und eingeschlafen sein, denn als ich wieder zu mir finde, geht die Sonne schon hinter den ersten Häusern draußen am See auf. Ich bin verwirrt. Habe anscheinend zu viel nachgedacht – über das Leben, die schönen Seiten, aber vor allem auch über die Tücken, die es mit sich bringt.
Wenn der Mensch doch nur mal seine Augen aufmachen würde, wenn er durch die Welt geht. Es könnte so vieles anders laufen. Nur durch Aufmerksamkeit, und vor allem durch Nicht-naives-Denken. Wieso gibt es denn keine Anleitung für das Leben? Für jeden einzelnen Schritt beim Schrankmontieren gibt es eine meist zu detaillierte Beschreibung. Und für das Leben? Mit dem man jeden Tag klarkommen muss? Nichts, nicht einmal ein Handbuch, das man bei der Geburt bekommt, zum Beispiel „Das Leben, einfach und leicht gemacht“, „Leben für Dummies“ oder „Das Rezept für ein genüssliches Leben“. Ach, was weiß ich. Jedenfalls sollte man vor den Risiken und Nebenwirkungen vielleicht vorher warnen.

Ich habe zwar keine Ahnung, wie ein solches Handbuch genau aufgebaut sein sollte, aber über gewisse Tücken könnte man ja durchaus vorher mal aufgeklärt werden. Im Nachhinein sehe ich die Geschichte ganz anders als damals, als ich in der Hauptrolle gesteckt habe und ganz benebelt war vor Glück.
Heute ist der Nebel weitergezogen. Jedoch hat sich hinter ihm nicht die Sonne versteckt, sondern ein böses Gewitter.
Aber mal ganz von vorne.



15. August 2016


Freundschaft, das ist eine Seele in zwei Körpern. ?(Aristoteles)


Dieser Spruch passt perfekt zu uns. Es ist der größte und schönste Spruch an meiner Wand. Sie hängt voll von solchen Sprüchen. Angefangen habe ich mit meiner Sammlung, als ich dreizehn war. Es sind lustige und traurige Sprüche, Sprüche zum Nachdenken, Songtexte, Zitate von Serien und Freunden oder auch Lebensweisheiten. Meine Mutter fand das anfangs gar nicht toll, da ich die Sprüche an meine Wand schrieb und als wir umzogen, überstrichen wir sie, damit unsere Nachmieter sich nicht beschweren konnten.
Nun ja, mein neues Zimmer soll nicht schon wieder verunstaltet werden, deshalb schmücken nun unzählige Notizzettel die neu auserwählte Wand.
Seit einer halben Stunde starre ich nun vor mich hin und warte darauf, dass die Zeit vergeht, bis ich endlich losgehen kann. Gedanklich bin ich nur bei Mira. Wie sie jetzt wohl ausschaut? Ob sie mich auch so vermisst hat? Ich schaue auf das Bild, das auf meinem Schreibtisch steht. Sie hat es mir zu meinem sechzehnten Geburtstag geschenkt: per Post in einem riesigen Paket mit anderen tollen Dingen. Ich erinnere mich noch genau daran, als wir das Bild schossen. Es war ein Samstag, der 14. August vor einem Jahr in den Sommerferien. Die Stimmung war nicht so locker wie sonst, weil wir beide wussten, dass das unser letzter gemeinsamer Tag war. Deshalb überraschte ich sie mit einem Picknick an unserem Baum. Dies ist ein Ort nur für uns beide. Er ist etwas entfernt von der Stadt und steht mit mehreren Bäumen auf einer großen Wiese am Waldrand, aber dadurch werden wir durch nichts und niemanden gestört.
Immer, wenn es einer von uns beiden schlecht geht oder wir uns etwas zu erzählen haben, gehen wir zu unserem Kirschbaum und klettern hinauf in die Krone. Allerdings wäre es etwas schwierig, mit dem Picknick zu klettern, deshalb saßen wir an diesem Tag unter unserem Baum. Mira war total begeistert von dieser Überraschung, dass sie wieder einmal mit ihrem Monolog anfing, wie sie dieses Jahr in Amerika wohl ohne mich aushalten sollte. Im Gegensatz zu mir fällt es Mira überhaupt nicht schwer, Kontakte zu knüpfen. Für sie ist das nichts anderes als hinauf in unseren Baum zu klettern – kinderleicht und Routine.
Darüber, dass sie dort keinen Anschluss finden sollte, machte ich mir keineswegs Sorgen und so fand sie schon nach zwei Wochen neue Freunde, die sie gleich zu einer richtigen High-School-Party einluden. Auch wenn wir wirklich viel gemeinsam haben, bin ich in diesem Fall das totale Gegenteil von ihr. Bis ich neue Leute kennengelernt habe, sind Wochen vergangen und ein Mädchen, das gerne Party macht, bin ich auch nicht wirklich. Aber trotzdem sind wir unzertrennlich und deshalb schrieben wir regelmäßig kurze Nachrichten, um der anderen mitzuteilen, was es Neues auf der gegenüberliegenden Seite der Erde zu berichten gab. Allerdings nicht alles, denn die guten und spannenden Geschichten wollten wir uns noch aufsparen, bis wir uns wiedersehen würden.

Ich betrachte mich noch ein letztes Mal im Spiegel.
Wenn man mich ansieht, fallen zuerst die langen Beine und meine Körpergröße auf, für die ich teilweise echt beneidet werde. Modelmaße sagen sie alle. Doch ich sehe auch schnell ziemlich schlaksig aus. Wo doch auch meine Oberweite mit nicht viel Weite dienen kann, sind weibliche Kurven deshalb nicht vorhanden.
Weiter zu meinen undefinierbaren Augen. Die Augenfarbe ist irgendetwas zwischen blaugrau, dunkelgrün mit einem braunen Ring, der die Pupille umrahmt.
An Tagen, an denen ich gut gelaunt bin und alles toll ist, interessieren mich diese aufgezählten Dinge gar nicht. Aber an anderen Tagen, da könnte ich nur verzweifeln. Ich denke, jedes Mädchen weiß, wovon ich spreche.
Aber die Jungs? Ein Junge hätte jetzt sicherlich spätestens nach meinem ersten Problem abgeschaltet und diesen Absatz übersprungen. Ich meine, wir wissen alle, wie Jungs die Augen verdrehen, sobald sie Sätze wie „Schatz, glaubst du, ich bin zu dick?“ hören.
Meine schulterlangen blonden Locken trage ich heute offen. Ich habe sie selten so, weil sie meist einfach nur herunterhängen.
Aber heute sind sie richtig lockig, was mir echt gefällt.
Und wenn ich schon mal zufrieden bin, dann muss es echt toll sein, weil ich normalerweise schwer zu überzeugen bin, was mein Aussehen, aber vor allem meine eigenen Arbeiten angeht.
Ich bin selbstkritisch bis ins letzte Detail und hinterfrage alles, was nur geht. Auf der einen Seite annähernd perfektionistisch, auf der anderen Seite gehen viele andere Dinge an mir vorbei, die mich nicht sonderlich interessieren und die ich erst gar nicht herausfinden möchte. Die einen sehen das eher als Hindernis oder schlechte Eigenschaft, aber für mich ist das meistens kein Problem, ich habe mich damit arrangiert und es funktioniert eigentlich auch ganz gut so weit. Doch sobald ich beginne über Tiefgründiges nachzudenken, spalten sich zwei meiner Hauptakteure in ambivalenter Weise nur allzu gern.


Das Herz lässt sich nicht so leicht beeinflussen, ?aber der Kopf dagegen lässt sich leicht überzeugen. ?(Die Eiskönigin)


Der Kopf und das Herz. Die beiden sehen die Situationen bekanntlich aus zwei verschiedenen Perspektiven, was mich ab und an völlig verzweifeln lässt, weil ich nicht besonders entscheidungsfreudig bin.
Ich suche meine letzten Sachen zusammen. Ich habe sogar ein kleines Geschenk für Mira besorgt.
Ich öffne noch einmal meine Tasche und überprüfe die Uhrzeit auf meinem Handy: 19:36 Uhr. Auf dem Hintergrund erscheint ein Bild von Mira und mir. Ich wäre ja schon früher aufgebrochen, aber sie wusste selbst bis gestern Abend um elf nicht, welchen Flug sie bekommen würde, weil sie drei Stunden im Stau standen. Das hat mir Mira schon vorhin in einer SMS geschrieben.
Ach, ich muss ihr noch so viel erzählen und sie hat bestimmt auch noch eine Menge auf Lager. Wir bräuchten noch die restlichen Ferien, um uns alles so detailliert zu erzählen, wie wir es sonst immer tun.

Aber jetzt kann es endlich losgehen.
Als ich aus dem Haus gehe, höre ich Reifen auf dem geschotterten Hof bremsen. Ich blicke um die Ecke. Es ist meine Mutter.
„Ach, Leni, du kannst mir gleich einmal mit den Einkäufen helfen.“
„Mama, ich bin wirklich schon spät dran! Frag Marlon, der hängt sowieso nur am Computer!“
„Wenn ich deinen Bruder bitte, kann ich auch darauf warten, dass die Einkäufe ins Haus fliegen. Wohin gehst du denn jetzt noch?“
„Ähm, Mama, heute ist der 15. August! … Mira ist wieder da!“
„Ah stimmt. Das ist ja schön. Richte ihr schöne Grüße aus und drück sie von mir. Sie soll sich bald einmal wieder hier blicken lassen!“
„Okay, das mach ich bestimmt. Darf ich dann gehen?“
„Na gut, dann mach dich mal auf, dass du noch rechtzeitig kommst.“
„Alles klar!“, antworte ich schnell und gehe die Hofeinfahrt hinunter.
Diesen Weg bin ich schon lange nicht mehr gelaufen.
Ich kann es kaum erwarten, sie wiederzusehen. Jede weitere Straße, die mich näher zu Miras Haus bringt, sieht reicher aus. In meiner Straße stehen mittelgroße Einfamilienhäuser, während in Miras Straße die Reichen der Stadt wohnen. Die Prachtanwesen hier sind bestimmt doppelt so groß wie unser Grundstück. Noch an zwei riesigen Häusern vorbei, dann stehe ich vor der Villa, die Miras Papa besitzt. Ihr Vater ist Geschäftsmann und reist ständig von einem Ort zum anderen. Dafür bringt er seiner Tochter aber immer ein Geschenk mit, wenn er einmal wieder für kurze Zeit nach Hause kommt. Deshalb lebt Mira quasi alleine in diesem Schloss. Aber eigentlich ist sie nie alleine, weil sie Tag und Nacht von irgendwelchen Bediensteten umgeben ist.

Ich hoffe, sie wird mein neues Kleid bemerken. Monatelang habe ich daran gearbeitet, bis es vor zwei Wochen endlich fertig geworden ist. Es ist ein roséfarbenes High-Low-Kleid, ganz schlicht. Es ist mein drittes selbst designtes Kleid und meiner Meinung nach ein erster Erfolg.

Mode und Architektur – das sind meine beiden größten Hobbys. Eigentlich wollte ich Mode studieren, aber meine Eltern sind der Ansicht, dass man allein von der Mode nicht leben kann. Ich sollte doch Ärztin oder Lehrerin werden. Nur weil man da sicher nicht schlecht bezahlt wird.
Ich habe jetzt allerdings beschlossen, Architektur nach dem Abitur zu studieren. Meine Vorliebe dazu habe ich entdeckt, als wir letztes Jahr unser neues Haus planten. Ich habe einmal in die Unterlagen geschaut, als sie dort im Esszimmer verteilt lagen, und begann mich damit zu beschäftigen. Ich machte eine Kopie der Blätter und veränderte hier und dort ein wenig. Innerhalb weniger Tage hatte ich das Haus von oben bis unten verändert und auf den neuesten Stand gebracht.
Jetzt hieß es nur noch, den günstigsten Moment abwarten.
Und tatsächlich: Eine Woche später waren meine Eltern wieder einmal am Verzweifeln: Die gewünschte Zimmeranzahl passte nicht ins Haus, die Kosten stiegen und stiegen.
Ich setzte mich zu ihnen und teilte ihnen mit, dass ich eventuell eine Idee hätte, wie alles klappen könnte. Sie schauten sich etwas verwirrt an und antworteten nicht. Ich holte die Entwürfe aus meinem Zimmer und breitete sie dann vor meinen überraschten Eltern aus.
Sie begutachteten die Pläne genau und Mamas Lächeln wurde immer größer: „Also ich weiß ja nicht, wie du das gemacht hast und wie du überhaupt an die Unterlagen gekommen bist, aber ich habe rein gar nichts auszusetzen. Du hast echt alles hinbekommen, was wir wollten. Und gut schaut es auch noch aus. Ich bin echt beeindruckt.“ Papa nickte zustimmend und fügte noch hinzu: „Wow, das hast du echt toll gemacht. Ich denke, wir zeigen die Pläne gleich morgen unserem Architekten, oder? Dann kann’s hoffentlich bald losgehen mit dem Hausbau.“
Mission erfolgreich. Ich finde es immer herrlich, wenn Leute nichts von einem erwarten und man sie dann mit einem Ass im Ärmel überraschen kann.
Ein paar Tage später war alles mit dem Architekten abgesprochen. Auch er war sichtlich begeistert von meiner Kreativität und hatte nur noch ein paar kleine Dinge auszusetzen. Außerdem verschaffte er mir auch gleich noch ein Praktikum bei ihm im Büro. Er meinte, solche Talente müssten gefördert werden. Denn ich habe nicht einmal studiert und schon hatte ich mit sechzehn entscheidend an einer Hausplanung mitgewirkt.
Somit waren meine Eltern auch ruhiggestellt, denn nun konnten sie nichts mehr an meinem Zukunftstraum aussetzen.

Ich öffne das große schwarze Eisentor und laufe zur Haustür. Zwischen dem perfekt angelegten Rasen links und rechts neben mir gehe ich den weißen Weg entlang. Das Haus erscheint mir auf einmal so groß, noch größer als ich es in Erinnerung hatte, und die beige Farbe des Hauses leuchtet richtig. Das liegt bestimmt an Mira. Sie strahlt immer eine Fröhlichkeit aus, von der alle angesteckt werden.
Auf halber Strecke höre ich die Dreifach-Entriegelung der schweren Haustür. Zuerst reagiere ich nicht darauf, erst als ich dann aus dem Augenwinkel erkenne, dass mir jemand entgegenrennt, sehe ich Mira.


Die besten und schönsten Dinge auf der Welt kann man weder sehen noch hören. Man muss sie mit dem Herzen fühlen.?(Helen Keller)


Ich schreie los und in mir kommt ein riesiges Glücksgefühl hoch. Ich freue mich so sie wiederzusehen. Sie sieht umwerfend aus. Wie ein Model. Sie ist richtig braun geworden und ihre dunkelblonden Haare sind bestimmt zwanzig Zentimeter länger. Zu ihrem weißen Top sieht das umwerfend aus. Äußerlich hat sie sich schon einmal verändert.
Ich renne ihr entgegen und als wir uns dann endlich in den Armen liegen, wollen wir uns gar nicht mehr loslassen.
„Oh mein Gott! Leni, du siehst so toll aus! Der Wahnsinn!“
„Und du erst! Wie haben die dich denn verändert? Wow! Du bist wieder da. Ey, du glaubst gar nicht, wie lange das Jahr ohne dich war. Ich habe dich so vermisst.“
„Ich dich auch. Ich habe schon aufgehört zu zählen, wie oft ich einfach in ein Flugzeug steigen und wieder zu dir fliegen wollte.“
„Oh Gott, war’s so schlimm?“
„Nein, Quatsch. Aber es war so weit weg von zu Hause!“
Nachdem wir zehn Minuten in ihrem Hof standen, gehen wir nach hinten auf die Terrasse und schauen uns jetzt den Sonnenuntergang an. Im Hintergrund hört man bei den Nachbarn Kinder spielen. Es ist schon ziemlich spät, aber es sind Sommerferien und da gibt es wohl in jeder Familie Ausnahmen. Bei mir war das heute auch der Fall, denn normalerweise mögen meine Eltern es nicht, wenn ich so abends noch einmal das Haus verlasse und nicht weiß, wann ich wiederkomme, aber wie oft kommt schon die beste Freundin nach zwölf Monaten aus Amerika zurück? Und da Mira auch noch so etwas wie das fünfte Familienmitglied ist, ließen meine Eltern mich gehen.
„Also, erzähl. Wie war es dort? Gab es gut aussehende Jungs? Hast du dort alles verstanden? Wie war das Essen?“, bombardiere ich Mira mit Fragen. „Ganz ruhig. Mein Gott, wie habe ich dich vermisst. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll …“ Wir haben uns so viel zu erzählen. Noch nicht einmal ihre Koffer haben es ins Zimmer geschafft, denn die stehen noch unberührt im Flur. Ich konnte es gar nicht erwarten, sie wiederzusehen, nach einem Jahr ohne die beste Freundin.
Wir haben uns wirklich alles aufgehoben und der anderen nichts verraten, was man die letzten Monate so angestellt hat. Das war zwar ganz schön hart, aber dafür ist die Spannung heute umso größer.
Rosi, die Haushaltshilfe, kommt gerade aus dem Haus und bringt uns Orangenlimonade und Kekse auf einem Tablett.
„Hallo, Leni, wie geht es dir? Schön dich wieder hier zu sehen!“
„Guten Abend, Rosi. Mir geht es gut und Ihnen? Ja, ich finde es so toll, dass Mira wieder da ist.“
„Ja, das glaub ich dir. Mir geht es gut, wie immer. Jetzt kehrt endlich wieder Leben in dieses Haus zurück. Ich hatte schon Angst, Mira kann gar kein Deutsch mehr. Aber das Erste, was sie zu mir nach einer dicken Umarmung sagte, war: Hi, Rosi, wie habe ich dich vermisst! Stell dir vor, ich musste dort meine Wäsche selbst waschen. Das war echt Horror! Na ja, jetzt kann ich’s wenigstens. Sei aber nicht traurig, ich habe dir natürlich noch eine Menge Arbeit wieder mitgebracht!“
Ich fing an zu lachen. Typisch Mira.
Auch Frau Wemminger grinst. Seit ich mich erinnern kann, arbeitet sie hier in diesem Haushalt. Sie ist bestimmt schon 60 Jahre alt, aber sie wuselt immer in diesem Haus herum und erledigt jede Aufgabe mit so viel Elan, für den ich sie bewundere. Sie steckt so viel Energie in die Arbeit hier und ist immer so freundlich und nett. Wenn ich mal in ihrem Alter bin, möchte ich auch noch so viel Kraft haben, dass ich gut gelaunt zur Arbeit gehe und auch wieder hinaus. Meine Eltern sind in diesem Fall keine Vorbilder für mich. Papa ist selbstständig und betreibt eine Autowerkstatt und Mama arbeitet als Sekretärin bei einem Anwalt. Doch gute Laune haben die beiden nie, wenn sie spätabends endlich nach Hause kommen. Meistens machen sie noch Überstunden und bis sie sich wieder „normalisiert“ haben, gehe ich ihnen aus dem Weg.

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