König Frosch

König Frosch

Jove Viller


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 334
ISBN: 978-3-99131-125-6
Erscheinungsdatum: 14.06.2022
Kurzgeschichtensammlung von verschiedenen Menschen, die in unterschiedlichen Situationen aufeinandertreffen. Manchmal knistert es und es entwickelt sich etwas, ein andermal nicht. Ein Kaleidoskop von dem unergründlichen Wunder, wie Menschen zueinanderfinden.
Das schüchterne Fröschchen

Sie kannte dieses Gefühl schon, dieses innere Aufgewühlt sein und diese Unruhe, wenn sich ihr Blick mit einem anderen traf und ihr Puls spürbar in die Höhe schnellte. Sie spürte genau, wie ihr die Röte ins Gesicht stieg, und wollte am liebsten im Boden versinken, weil sie nicht wusste, wie sie reagieren sollte. Sie war vor Kurzem 17 Jahre alt geworden und hatte bisher noch nie mehr daraus werden lassen als Verliebtheit und erste, vorsichtige körperliche Annäherungen.

Nun saß sie in dieser Straßenbahn, drei Sitzreihen hinter dem Fahrer. Sie war auf dem Heimweg von der Schule und sehr hungrig. Daher hatte sie sich eine Leberkäs-Semmel gekauft, von der sie gerade genüsslich abbiss, als sich der Straßenbahnfahrer in einer Haltestelle den Rückspiegel so einstellte, dass er sie sehen konnte. Dann dieser Moment: Sie wollte eben abbeißen, als ihr Blick auf besagten Spiegel fiel. Sie hielt in der Bewegung inne und starrte in die lächelnden Augen. Ewig, wie es ihr schien. Als sie zu sich kam, setzte sie die Semmel ab und packte sie mit hastigen Bewegungen ein. Sie war sich sicher, dass man in der Bahn essen durfte, aber es war ihr dann doch sehr peinlich. Plötzlich drehte sich der Mann zu ihr um, lächelte freundlich und sagte: „Essen Sie ruhig weiter, junge Frau. Kein Problem. Es hat nur so gut gerochen und ich hab einen Mordshunger.“ Sie konnte nicht mehr weiteressen. Aber ihr Blick schweifte immer wieder zu dem Rückspiegel ab. Diese Augen! Er war sicher viel älter als sie. Der dunkle Vollbart passte gut zu ihm, er ließ ihn sehr sympathisch wirken. Wahrscheinlich erschien er durch den Lockenkopf noch etwas jünger, als er tatsächlich war.

Wie der Zufall es wollte, stieg sie genau da aus, wo der Fahrerwechsel vollzogen wurde. Er war entzückt, als er sah, dass das Mädchen mit dem blonden, langen Haar und dem schüchternen Lächeln zum selben Bus ging wie er. Er hatte Dienstschluss und war auf dem Heimweg. Er konnte nicht anders, er musste sie einfach fragen: „Fahren Sie weit mit dem Bus?“ Wieder wurde sie rot und brachte knapp heraus: „Nein, nur zwei Stationen.“ „Dann haben wir ja Glück, dass hier die Endstation ist. So bleiben uns ein paar Minuten.“ Er spürte ihre Unbeholfenheit und ihre Unsicherheit. Das machte sie irgendwie
interessant. In den wenigen Minuten des Gesprächs hatte er erfahren, dass sie ganz in der Nähe wohnte und dass sie die Strecke täglich fuhr. Eigenartig, sie war ihm noch nie aufgefallen. Er fragte sich, wie alt sie wohl sei. Er fürchtete, mit seinen 35 Jahren wäre er wohl jenseits von Gut und Böse für sie. Das Mädchen war sicher noch keine 20. Aber locker ließ er trotzdem nicht. Sie war anscheinend nicht abgeneigt, denn sie stellte sich im Bus gleich neben ihn. Als sie aussteigen musste, wusste er ihren Vornamen und dass sie noch zur Schule ging. „Ich würde mich freuen, wenn wir uns irgendwo wiedersehen!“, rief er ihr noch nach. Dann ging die Tür zu und der Bus fuhr weiter. Sie winkte ihm
im Weggehen zu.

Für sie war dieses Erlebnis sehr verwirrend. In ihrem Kopf ging es drunter und drüber. Sie war schon ein paarmal verknallt gewesen, dachte sie. Aber solche körperlichen Reaktionen waren neu. Sie war richtig nervös gewesen, brachte kaum ein vernünftiges Wort über die Lippen. Heiß war ihr geworden und die Röte stieg ihr ins
Gesicht, wenn er sie nur ansah. Seine ruhige, angenehme Stimme wirkte noch nach. Sie schmolz dahin. Als sie zu Hause ankam, verkroch sie sich sofort in ihrem Zimmer, mit der Ausrede, unheimlich viel zu tun zu haben.

In den nächsten Tagen beruhigte sie sich wieder und redete sich ein, dass sie ihn sowieso nie wiedersehen würde, außerdem war das letzte Schuljahr besonders wichtig. Sich jetzt dermaßen ablenken zu lassen, wäre suboptimal. Trotzdem erwischte sie sich immer öfter dabei, wie sie in vorbeifahrende Straßenbahnen schaute, um zu sehen, wer fuhr. Es war eine sonderbare Mischung
von Erleichterung und Enttäuschung zugleich, als sie jedes Mal ein anderes fremdes Gesicht erblickte.

Etwa eine Woche später durchfuhr es sie wie ein Blitz, als sie bei derselben Station einstieg wie beim ersten Mal, nur diesmal ohne Verpflegung. Da saß er! In seiner eleganten Uniform, mit dem Wuschelbart und dem treuen Blick eines Teddybären. Als er sie erblickte, blitzten seine Augen auf. „Hallo“, hauchte sie und setzte sich auf denselben Platz wie vor einer Woche, den Rückspiegel im Blick. Er grüßte mit einer lässigen Handbewegung zurück. Ein Wunder, dass er sich trotzdem noch auf die Straße konzentrieren konnte, so wie die beiden flirteten. Kurz vor der Fahrerwechselstation deutete er mit der Hand in Richtung Busstation und warf ihr noch einen fragenden Blick zu, nicht ohne ein Zwinkern hinterherzuschicken. Sie setzte ihr strahlendstes Lächeln auf und nickte.

Im Bus herrschte zuerst betretene Stille. Dann fasste er sich ein Herz und sagte zu ihr: „Das ist ja eine schöne Überraschung! Ich hab gehofft, dass wir uns wiedersehen!“ „Ich auch … irgendwie …“ „Warum irgendwie?“ „Na ja, ich war mir nicht sicher, was das letztens war. Ich hab mir schon gedacht … hm …, aber dann auch
wieder nicht.“ Er spürte erneut ihre Unsicherheit und fand sie dabei so süß. Dieses Mädchen hatte noch keine Erfahrung mit Männern, so viel war klar. Aber das war für ihn jetzt auch neu. Da musste er sehr vorsichtig sein. Nur nichts zerbrechen!

Wieder ergriff er die Initiative und wagte einen weiteren Vorstoß: „Hast du am Samstag ein Stündchen Zeit? Hättest du Lust, mit mir spazieren zu gehen? Dann könnten wir ein bisschen plaudern.“ Sie überlegte kurz. Hm, sie müsste sich für zu Hause eine passende Ausrede zurechtlegen … Sie sagte zu.

Nach diesem ersten Rendezvous trafen sie sich einige Wochen lang zum Spazierengehen und redeten miteinander über Gott und die Welt. Dabei tastete er sich ganz langsam und behutsam vor, erst mit zärtlichen Küssen, dann ein bisschen Streicheln. „Du bist etwas ganz Besonderes“, flüsterte er ihr ins Ohr, als sie zum ersten Mal in enger Umarmung am Teichufer standen. „Du bist mein Fröschchen. Das passt zu dir!“

Was ihr trotz ihrer Unerfahrenheit höchst seltsam vorkam, war, dass sie nie zu ihm nach Hause fuhren. Er holte sie immer mit dem Auto vom selben Treffpunkt ab, dann fuhren sie zum nahen Wald, in einen Park oder manchmal sogar in das Tonstudio, in dem er mit seiner Band regelmäßig probte. Ein bequemes Kuschelnest gab es also nicht. Geschmust wurde im Auto, im Gebüsch oder auf der Holzbank im Studio. Hinzu kam, dass er sie manchmal lange warten ließ und zu den Treffen mit recht viel Verspätung erschien. Vermutlich hörte sie auf ihr Bauchgefühl, jedenfalls blockte sie immer ab, wenn es zu mehr kommen sollte, obwohl ihr die Zärtlichkeit guttat und sie ihn wirklich gern mochte. Er verstand es so, dass sie sich noch nicht traute, und wollte nicht zu unwirsch vorgehen. Daher gab er jedes Mal nach und sagte: „Das wird schon, mein Fröschchen. Ich habe so viel Geduld, wie du brauchst.“

Irgendwann sprach sie ihn auf ihre Vermutung an, dass er womöglich zu Hause nicht allein sei. Anfangs stritt er das ab und fand tausend Ausreden, die sie zu glauben versuchte. Als sie aber darauf bestand, jetzt sofort mit ihm nach Hause zu fahren, bekannte er schließlich Farbe. Er war verheiratet, unglücklich zwar und schon länger eigentlich nur auf dem Papier, aber verheiratet.
Das machte sie sehr traurig. Einerseits, weil er sie die ganze Zeit belogen hatte, andererseits, weil sie ihn wirklich sehr gernhatte und wusste, dass es nun vorbei war mit ihnen.

Bald darauf begegnete sie der wirklichen ersten Liebe ihres jungen Lebens und knüpfte dort an, wo sie mit dem einfühlsamen, vorsichtigen Kuschelbären aufgehört hatte.


Drachenfels

„Machst du mal ein Foto von mir?“, fragte sie ihn. „Am liebsten mit dem Drachenfels im Hintergrund.“ Er nahm ihre kleine Kassettenkamera und wollte sie knipsen. „Stell dich mal ein bisschen nach rechts, dann bekomme ich dich mitsamt der Ruine aufs Bild.“ Sie bewegte sich ein wenig in die angegebene Richtung und machte dann einen Kussmund, gerade als er auf den
Auslöser drückte. „War der Kuss jetzt für mich?“, fragte er. „Nein, natürlich nicht, das wird ein Foto für meine Eltern zur Erinnerung.“ „Wollen wir dann zur Sicherheit noch eins machen?“ „Ja, das ist eine gute Idee, wo soll ich mich hinstellen?“ „Komm mal mit.“

Er nahm ihre Hand und zog sie zum Geländer am Rand des Platzes vor dem Restaurant. „Schau mal, wenn du hier stehst, sehe ich dich besser, deine Haare strahlen, deine Augen auch und im Hintergrund sieht man den Rhein.“ „Wo soll ich denn jetzt hinschauen?“ „Na, zu mir natürlich. Denk dran, das Bild ist für deine Eltern. Wie schaust du sie denn sonst an? So musst du jetzt auch mich ansehen.“ „Ach du lieber Gott, ich glaub, das kann ich nicht, da muss ich lachen.“ In diesem Moment löste er aus und sagte: „Ich glaub, das war grad richtig. Zeigst du mir die Bilder mal, wenn der Film entwickelt ist, und bekomme ich vielleicht einen Abzug?“ „Wieso willst du ein Bild von mir haben?“ „Na, zur Erinnerung an diesen schönen Tag“, erwiderte er und wurde auf einmal ganz rot im Gesicht, „und weil du mir gefällst.“ Sie prustete
los: „Du Spinner, was willst du von mir? Ich bin erst zwölf. Und du bist viel älter, da kann ich mir schon vorstellen, was du im Sinn hast.“ „Blödsinn, mit 15 hat man noch nichts vor, ich hab nur gesagt, was ich empfinde. Deine braunen Augen sind wunderschön und deine in der Sonne schimmernden blonden Haare umrahmen dein Gesicht wie auf den Gemälden von berühmten Malern.“ Jetzt wurde sie ganz rot und wusste keine Antwort.

Auf der Rückfahrt vom Ausflug mit den Messdienern und Vorbetern saßen sie im Bus nebeneinander und redeten die ganze Zeit miteinander. Sie fragte ihn: „In welche Klasse gehst du?“ „In die Obertertia, und du?“ „Ich hätte gewettet, dass du aufs Gymnasium gehst. Ich bin in der Hauptschule in Klasse sieben.“ „Bist du eine gute Schülerin?“ „Na ja, geht so, und du?“ „Meine Mutter denkt, ja. Meine Lehrer sagen, ich bin zu faul. Wenn ich mehr machen würde, könnte ich bessere Noten haben.“ „Unsere Lehrer sagen zu mir immer, ich soll mehr mitmachen in der Klasse. Ich melde mich nie freiwillig, muss immer aufgefordert werden, was zu sagen.“ „Das ist bei mir genauso, in den Pausen quatsche ich stets mit den anderen Jungs, aber in der Stunde bin ich eher still. Der Lateinlehrer sagt immer: ‚Also, dann leg mal los‘. Damit ziehen mich die anderen schon auf.“ „Ich krieg auch immer so Aufforderungen wie ‚Was meinst du denn dazu?‘. Dann laufe ich knallrot an und stottere mir irgendwas zusammen.“ „In welchen Fächern bist du denn gut?“ „In gar keinem, ich hab fast nur Dreien und Vieren.“ „Da sind wir uns sehr ähnlich. Ich hab nur in Erdkunde und Religion eine Zwei, den Rest kannst du vergessen. In Latein habe ich letztens sogar eine Sechs geschrieben, weil ich wieder mal keine Vokabeln gelernt hatte.“ „Schimpfen dann deine Eltern mit dir?“ „Die wissen das gar nicht. Hab die Unterschrift meines Vaters unter der Arbeit gefälscht.“ „Ui, na du machst ja Sachen.“

So verging die Fahrt für beide sehr kurzweilig und er fragte sie, kurz bevor sie wieder zu Hause ankamen: „Morgen ist Sonntag, gehst du auch in die Kirche?“ „Ja, ich muss im Hochamt die Lesung vortragen.“ „Ach schön, dann sehen wir uns ja. Was hältst du davon, nach der Messe zusammen spazieren zu gehen? Hast
du Lust?“ „Hm, ja, aber da muss ich mir eine Ausrede ausdenken, meine Eltern erwarten mich sonst um elf zu Hause zurück.“ „Kannst du nicht mit einer Freundin verabredet sein?“ „Doch, das könnte gehen. Ich frag Annemarie gleich mal.“ „Schön, dann bis morgen.“ Sie gaben sich zum Abschied nicht die Hand, weil keiner von beiden sich traute, und so ging jeder mit den Gedanken an den anderen nach Hause.

Seine Eltern wollten wissen, wie ihm der Ausflug gefallen hatte. Er antwortete nur kurz angebunden, dass es ganz nett gewesen sei, und verschwand in seinem Zimmer. Dort blieb er bis zum Abendessen und träumte sich zu ihr. Er stellte sich vor, dass er sie am nächsten Tag küssen würde, und hatte keine Ahnung, wie sich das anfühlte. Er küsste sich selbst auf seine Hand, schleckte dabei die Haut mit der Zunge ab. In einem Film letztens im Fernsehen hatte er gesehen, dass ein Liebespaar beim Küssen nicht nur die Lippen aufeinanderdrückte, sondern dass sie sich offensichtlich auch ihre Zungen gegenseitig in den Mund schoben und sich damit streichelten. Wie würde das sein? Würde sie das
auch wollen? Oder war das heute nur ein einmaliges Erlebnis gewesen? Seine Mutter hatte ihm kürzlich ein Buch geschenkt mit dem Titel: „Woher kommen die kleinen Jungen und Mädchen?“. Das hatte er sehr schnell ausgelesen, auch weil er das meiste schon vom Hörensagen kannte. Jetzt dachte er darüber nach, ob denn nach dem Küssen automatisch auch mehr folgen würde oder wie lange man damit warten musste. Im Buch stand, dass man nur mit Mädchen schlafen sollte, mit denen man sich auch vorstellen konnte, zusammenzubleiben. Das zu entscheiden, war nach einem halben Tag noch zu früh. Also wollte er es erst mal langsam
angehen lassen. Aber küssen würde doch vielleicht gehen.

Sie kam freudestrahlend nach Hause und erzählte ihrer vier Jahre älteren Schwester, dass sie einen Jungen kennengelernt hatte. „Und, habt ihr schon geknutscht?“, fragte Erika. „Bist du blöd, wir waren doch die ganze Zeit mit den anderen zusammen. Und der Pfarrer hat uns auch schon komisch angesehen. Aber morgen nach der Messe gehen wir spazieren. Vielleicht küssen wir uns dann.“ „Danach musst du mir erzählen, wie sich das für dich angefühlt hat. Ich war beim ersten Mal ganz hin und weg und konnte nachts nicht schlafen.“ „Du meinst beim ersten Kuss?“ „Ja sicher. Inzwischen habe ich ja schon ein paar Jungs geküsst. Ernst, mein Erster, war dann doch nicht der Richtige. Freddy, mit dem ich grad gehe, ist ihm um Längen voraus. Aber der ist schon 18 und will immer mit mir ins Bett. Bis jetzt konnte ich das noch
verhindern. Wir haben nur geschmust und uns gegenseitig ein bisschen gestreichelt. Aber ich glaube, lange wird’s nicht mehr dauern, dann schlafen wir miteinander.“ „Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Hab jetzt schon Bammel vor dem ersten Kuss.“

Am Sonntag saß sie in der ersten Reihe und lächelte ihm zu. Als Messdiener saß er am Altar in einem der Chorstühle. Er schaute nur ganz kurz zu ihr hin, weil er befürchtete, dass es auffallen könnte. Schließlich waren seine Eltern und sein jüngerer Bruder auch in der Messe, allerdings viel weiter hinten. Er hoffte, sie würden es nicht sehen, wenn er heimlich zu ihr hinüber schielte. Nach der Messe machte er sich noch in der Sakristei zu schaffen, räumte den Kelch weg, redete noch ein paar Sätze mit dem Pfarrer und zog ganz langsam sein Messdienergewand aus, weil er hoffte, seine Eltern würden dann inzwischen schon auf dem Heimweg sein. Tatsächlich war der Platz vor der Kirche jetzt fast leer, nur drei ältere Damen debattierten vor dem Portal noch heftig miteinander. Anscheinend hatte es irgendwo einen Einbruch gegeben und sie redeten darüber, dass die Polizei viel zu langsam sei und dass alle jetzt Angst haben müssten, dass sich solche Vorfälle wiederholten. Dann sah er sie auf der gegenüberliegenden Straßenseite in einem Hauseingang stehen und winkte ihr zu.

„Du hast dir ganz schön Zeit gelassen, ich dachte schon, du wärst heimgegangen und hättest mich vergessen.“ „Wie könnte ich dich vergessen, wo ich mich doch so auf dich gefreut habe! Wollte nur sicher sein, dass meine Eltern weg sind. Wo wollen wir hingehen?“ „Weiß nicht, irgendwo aus dem Dorf heraus, damit uns
keiner sieht, oder?“ „Okay, dann lass uns hier die Gasse langgehen, am Ende können wir dann in Richtung des Feldweges abbiegen, der zu dem kleinen Wäldchen führt. Kennst du das?“ „Nein, du?“ „Ja, ich fahre da oft mit dem Fahrrad hin, in der Mitte ist eine Lichtung mit einer Bank. Da könnten wir uns hinsetzen.“

Sie gingen, ohne zu sprechen, und vor allem, ohne sich anzufassen, nebeneinanderher. Nach 20 Minuten kamen sie an der besagten Bank an. Er säuberte die Bank mit seinem Taschentuch, damit sie sich ihr hellblaues Kleid mit den braunen Punkten nicht schmutzig machte. Als sie dort saßen, fiel zunächst keinem von beiden etwas ein. Erst nach einigen Minuten fragte er: „Hattest du zu Hause ein Problem, wegzukommen?“ „Nein, hab
gesagt, ich gehe noch zu Annemarie, und sie weiß Bescheid. Aber um halb eins muss ich zu Hause sein.“ „Ja, ich auch, da wird auch bei uns gegessen.“ „Was hast du denn zu Hause erzählt?“ „Nichts bisher. Ich werde nachher sagen, dass ich noch mit Freddy spazieren war, und auch noch hinzufügen, dass wir hierhergegangen sind. Das ist ja dann fast wahr.“

Einige Minuten später fragte er sie: „Hast du schon mal einen Jungen geküsst?“ „Nein, aber du hast sicher schon viele Mädchen gehabt.“ „Na klar, jede Woche eine andere“, erwiderte er und lachte dabei. Sie wusste nicht, ob er das ernst meinte, und schaute ihn mit ihren rehbrauen Augen an. Er grinste immer noch und sagte: „Quatsch, natürlich habe ich nicht jede Woche eine andere. Tatsächlich hätte ich gern eine Freundin. Willst du mit mir gehen?“ Dabei lief er puterrot an. „Oh, du fragst aber ganz schön schnell. Darf ich mir das noch überlegen?“ „Magst du mich nicht oder gefalle ich dir nicht?“

„Doch, schon, aber ich bin sehr unsicher, was das bedeutet, mit dir zu gehen.“ „Na, dass wir uns häufiger treffen und so.“ „Was ist denn und so?“ „Keine Ahnung, was wir eben beide gern machen. Darüber haben wir ja noch nicht gesprochen. Das müssen wir rausfinden.“

Gegen zwölf machten sie sich auf den Rückweg und keiner von beiden wollte den ersten Versuch machen. So fassten sie sich nicht bei den Händen, sondern gingen wieder wortlos zusammen zurück. Kurz bevor sie das Dorf erreichten, fragte er sie: „Wollen wir uns morgen treffen?“ „Morgen kann ich nicht. Montags komme
ich erst um zwei aus der Schule und nachmittags habe ich Klavierstunden. Dann muss ich immer pünktlich zurück sein, weil ich danach meine Hausaufgaben machen muss und mein Vater die immer nachschaut.“ „Und am Dienstag?“ „Das geht besser. Da hab ich nachmittags sicher ab drei Uhr Zeit.“ „Und möchtest du, dass wir uns sehen?“ „Ja, wenn du das auch willst.“ „Würd ich sonst fragen?“ „Wo sollen wir uns treffen?“ „Dienstags ist doch immer das Jugendheim offen, da spiele ich manchmal Tischtennis. Wir könnten uns dort treffen und dann zusammen weggehen.“ „Gute Idee. Also dann bis Dienstag um drei.“

Ohne eine Berührung oder ein Wort gingen sie auf der Hauptstraße auseinander, jeder in die andere Richtung. Sie drehte sich nach 100 Metern noch mal um, winkte ihm zu und ging hüpfend nach Hause. Er bekam das Grinsen nicht aus seinem Gesicht und fragte sich: „Wieso hab ich nicht wenigstens ihre Hand genommen?“ Von Küssen konnte ja schon gar keine Rede sein. Er war doch sonst nicht schüchtern, wenn er mit Jungs zusammen war. Aber das hier war etwas anderes. Er hatte nicht den Mut gehabt, sie zu fragen beziehungsweise einfach ihre Hand zu berühren. Wieso war das so schwierig? Na, vielleicht beim nächsten Mal.

Der Montag verging für beide schleppend langsam. Sie ertappte sich dabei, dass sie in der Schule und auch nachmittags bei der Klavierstunde dauernd an ihn denken musste und falsche Noten spielte. „Ob er mich morgen küssen wird?“, dachte sie. Ich werde jedenfalls nicht den ersten Schritt tun, das muss schon er machen.
Und er schrieb in der Englischstunde wieder mal eine Fünf, nicht weil er nicht gelernt hatte, sondern weil er in Gedanken dauernd bei ihr war.

Am Dienstag nach der Schule zog er seine Jeans aus und seine beste Hose an. Eine apricotfarbene Stoffhose mit weitem Schlag, wie sie gerade modern war. Dazu nahm er ein knallgelb-orange gestreiftes Hemd und machte seine Haare nass, damit sie nicht so widerspenstig vom Kopf abstanden. Seine Mutter fragte: „Wo
gehst du denn hin, dass du dich so rausputzt wie ein Papagei?“ „Ich geh ins Jugendheim zum Tischtennis.“ „Aber dann pass auf, dass die schöne Hose nicht schmutzig wird.“ „Mama, das musst du mir nicht sagen, ich werde jetzt erwachsen.“
5 Sterne
In jedem Alter kann man sich verlieben! - 25.07.2022
Maria

Die vielen Kurzgeschichten haben mich gefesselt. Mal musste ich schmunzeln, dann laut lachen und manchmal brauchte ich ein Taschentuch, weil ich mit trauern konnte. Sehr lesenswert.

5 Sterne
Kurzweilig und lustig - 18.06.2022
Christiane

Die Geschichten hätten eigentlich für den ganzen Urlaub reichen sollen. Aber als ich einmal angefangen hatte, wollte ich immer weiter lesen. Alle Kurzgeschichten haben einen eigenen Reiz und oft ein unvorhergesehenes Ende. Ich fand den König Frosch sehr lesenswert.

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