Klepto Manni
EUR 21,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 338
ISBN: 978-3-7116-1875-7
Erscheinungsdatum: 26.08.2026
Ein Roman über einen Mann, der nimmt, was er nicht halten kann. Manni kann nicht bleiben – nicht bei den Menschen, die er liebt, nicht bei der Wahrheit und nicht bei sich selbst. Eine tragikomische Geschichte über Nähe, Verlust und Sucht.
Prolog
August 2014
Es war wie ein Rausch. Kein schöner, wohliger Rausch – eher die Sorte, bei der einem das Adrenalin so sehr durch die Adern hämmert, dass der Körper beschließt, für kurze Zeit sämtliche Warnsysteme abzuschalten. Manni rannte und wusste: Jede Millisekunde konnte die sein, in der ihn die Polizei endlich erwischte.
Wegen einer Lederjacke. Und nicht irgendeiner. Eine sündhaft teure, butterweiche, viel zu coole Jacke aus einem dieser Schickimickiläden, in denen selbst die Kleiderbügel vermutlich besser behandelt wurden als er. Er hatte sie einfach übergezogen, als würde sie ihm gehören – und leider hatte ein Mitarbeiter das gesehen. Ein sehr wachsamer Mitarbeiter. Einer, der sofort nach „Polizei!“ rief, als wäre er auf einer Bühne.
Also rannte Manni. Er drückte die Beine durch, presste die letzten Reserven aus seinem Körper und hechtete sich in eine schmale Gasse. Sein Herz klopfte so wild, als wollte es als Erstes fliehen. Sein Brustkorb hob und senkte sich, als wäre Sauerstoff plötzlich ein Luxusgut geworden. Die Sirene kam näher. Viel näher.
Manni drückte sich flach an die Wand, so eng, dass er mit dem Putz Bekanntschaft machte. Und plötzlich – überraschend – fiel es ihm leicht, die Luft anzuhalten. Der Streifenwagen raste an der Gasse vorbei, die Polizisten besessen davon, den Dieb zu fassen, während Mannis Schultern langsam sanken. Er atmete wieder. Tief. Befreit. Und ein breites Grinsen wanderte über sein Gesicht.
Er hatte es geschafft. Wieder einmal war er davongekommen. Er war der Größte. Zumindest so lange, bis er wieder allein war.
Er nickte sich selbst zu, griff in die Hosentasche und zog den Kaugummi hervor, den er am Vortag geklaut hatte. Kaugummi war einfach. Kaugummi war Routine. Kaugummi klauen war wie Fahrradfahren. Er schob sich lässig einen Streifen in den Mund und dachte: Kaugummi klauen ist einfach, aber das mit den Klamotten muss ich echt noch perfektionieren.
Deutlich entspannter, aber noch immer mit erhöhtem Puls, setzte er seinen Weg fort. Ein streitendes Paar über ihm, Hundegebell hinter einem Fenster, eine zerbrochene Bierflasche, die er im Gehen wegkickte. Die Sirenen entfernten sich. Wurden leiser. Und dann – wie ein Nebel, der von unten aufstieg – verschwammen die Umrisse seiner Umgebung.
Ein anderes Geräusch schob sich langsam in den Vordergrund. Sanft. Monoton. Beharrlich. Piep. Piep. Piep.
Was für eine Macht Fantasie doch hatte. Und doch holte die Realität ihn zurück. Dorthin, wo er nicht mehr laufen konnte. Nicht mehr lächeln. Nicht einmal die Augen öffnen. Alles, was er nun hörte, war dieses Piepen. Nicht laut. Nicht bedrohlich. Eher wie ein hartnäckiger Wecker, der vergessen hatte, dass sein Besitzer längst nicht mehr aufstehen konnte. Ein gleichmäßiger Ton, irgendwo über ihm, unter ihm – vielleicht auch in ihm.
Komisch, dachte Manni. Das Ganze hatte etwas Ironisches. Denn auch das erste Geräusch seines Lebens war dieses monotone Piepen gewesen. Typisch. Sein Leben hatte mit einem Piepen begonnen. Warum also nicht auch damit enden? Wenn schon Kreis, dann bitte ein sauber geschlossener.
Damals, im Brutkasten, war er so klein gewesen, dass man ihn eigentlich hätte „Handgepäck“ nennen können. Ein Schreihals im Miniformat, mit einem Herzschlag wie ein Kolibri und einem Gewicht wie eine Tüte Zucker. Und dennoch hatte er geschrien, als wüsste er schon damals: Hier wird’s nicht gemütlich, mein Freund.
Sechzig Jahre später war er wieder verkabelt wie eine schlecht sortierte Weihnachtsbeleuchtung. Schläuche, Sensoren, Maschinen – alles piepte, blinkte oder tat so, als wäre es wichtiger als er. Und das Piepen sagte ihm: Du bist noch da, Manni. Noch.
Er hätte gern gelacht, aber sein Körper war schwer wie nasser Sand. Ironisch. Ein ganzes Leben lang war er gerannt, geflüchtet, aufgetaucht, wieder untergetaucht – und jetzt lag er da, unfähig, auch nur eine Augenbraue zu heben. Ausgerechnet jetzt, wo er mal eine dramatische Geste hätte gebrauchen können.
Laufen war sein Leben gewesen. Stillliegen hatte er nie gelernt.
Aber hören konnte er noch. Er hörte die Krankenschwestern, die glaubten, er bekäme nichts mit. Er hörte den Arzt, dessen Schritte klangen, als trüge er Ersatzteile für die gesamte Station in den Taschen seines weißen Mantels. Er hörte seinen eigenen Atem – ungewohnt flach, ein leises Auf und Ab, das kaum nach ihm klang. Und darunter – das Piepen. Immerzu. Beharrlich. Seltsam tröstlich und vertraut, als würde sich der Kreis schließen.
Gerne hätte er gesehen, wie die Szene hier eigentlich aussah. Wie viele Schläuche und Maschinen ihn da gerade am Leben hielten. Ob jemand seine Haare gekämmt hatte oder ob er da lag wie frisch aus dem Windkanal. Noch lieber hätte er die Gesichter gesehen – das seiner Söhne, seiner Frau. Die Gesichter der Frauen, die ihn liebten, die er liebte, die er verletzt hatte. Er hätte ihnen gern gesagt, dass er da war. Dass er sie hörte. Dass er manches anders machen würde. Vielleicht. Hoffentlich.
Aber er konnte nichts sagen, also hörte er weiter zu. Piep. Piep. Piep.
Nach und nach wurde es leiser. Farben schlichen sich unter seine Augenlider, auch wenn es nur das Grau von Hinterhöfen war. Der Geruch von Zigaretten, allgegenwärtig in der Wohnung seiner Eltern, stieg ihm in die Nase. Er tauchte ein in die Erinnerungen an Hamburg. An sein Hamburg. Seine Mutter, die leise sprach. Sein Vater, der nie leise war. Die engen Räume. Die fehlende Luft.
Vielleicht war er sein ganzes Leben lang gerannt, weil Stehenbleiben bedeutet hätte, zu fühlen.
Der Gedanke war nicht traurig. Eher versöhnlich. So, als finde endlich jemand den Mut, eine Tür zu schließen, die viel zu lange offenstand. Das Piepen wurde leiser. Oder hörte er nur schlechter?
Ein seltsamer Frieden legte sich über ihn. Nicht weich. Aber klar. Ein bisschen wie frischer Schnee, der alles unter sich versteckte und stiller machte. Manni wollte noch einen letzten Gedanken denken – etwas Kluges, etwas Passendes. Etwas, von dem man später sagen könnte: Das hätte zu ihm gepasst.
Aber alles, was kam, war Ruhe. Und seltsam – es fühlte sich gar nicht nach Ende an. Eher so, als müsste er diesmal nicht mehr weglaufen.
Kapitel 1
Nebel, Brücken und ein schreiendes Baby
Oktober 1964
Das Piepen veränderte sich.
Es folgte ihm zurück an den Anfang.
Eben noch war es das klinisch saubere Geräusch der Intensivstation gewesen – dieses dünne „Piep“, das klang wie eine digitale Uhr, die nicht begriffen hatte, dass niemand mehr Termine hatte. Jetzt jedoch wurde es dumpfer. Unregelmäßiger. Mehr ein Klicken. Ein Schnarren. Ein Rattern.
Manni begriff:
Das hier war nicht mehr Salzburg. Das war Hamburg. Und nicht das Hamburg mit Elbphilharmonie, Hochglanz und Touristenschnitten. Nein. Sein Hamburg.
Das, in dem alles anfing.
Hamburg war groß. Viel zu groß für ein Baby wie Manni – ein Kind, das eigentlich nicht einmal in das Leben seiner eigenen Familie passte, geschweige denn in eine Stadt mit mehr Brücken als Amsterdam und Venedig zusammen. Aber niemand hatte ihn gefragt.
St. Pauli, Anfang der 60er-Jahre: ein wimmelndes Labyrinth aus Altbauten, Hafenlärm, feuchten Kellern und Straßen, die immer ein bisschen nach Regen und Enttäuschung rochen. Der Wind brachte Salz, Diesel und angeschmorten Fisch mit sich. Für Romantiker ein Traum. Für Manni: frühes Heimatgefühl mit Nebengeräuschen.
Die Familie – Flüchtlinge aus Schlesien – wohnte im dritten Stock eines Altbaus, der vermutlich schon vor dem Krieg den Vermerk „abrissreif“ erhalten hatte, sich aber dagegen wehrte, aus Prinzip.
Der Putz bröckelte, die Fenster klemmten, und das Klo lag eine halbe Treppe tiefer im Flur – ein Raum so klein, dass man beim Umdrehen überlegte, ob man das überhaupt dürfe. Ein Waschbecken gab es nicht. Wer sich die Hände waschen wollte, musste zurück in die Wohnung. Ein schöner Anreiz, es bleiben zu lassen.
Es war eine Zeit, in der man Kinder nicht förderte. Man verwahrte sie – und hoffte, dass sie durchkamen. Wenn genug Essen da war.
Die Einzimmerwohnung war so eng, dass man zweimal überlegen musste, bevor man tief einatmete, um niemanden umzuschubsen. Der Raum war durch einen ausgebleichten Stoffvorhang in zwei „Bereiche“ geteilt – ein Wort, das ambitionierter war als die Realität. Hinter dem Vorhang schliefen Günther und Gisela, die Eltern, auf Matratzen direkt auf den Dielen. Die Federn stachen durch den Stoff, und die Dielen knarrten so laut, dass man nachts wusste, wer sich gerade umdrehte – und wie oft.
Auf der anderen Seite des Vorhangs standen zwei schmale Betten für Mannis Schwestern Gerda und Erinborg – ein Bereich, der mehr nach Abstellplatz für Menschen aussah.
In der Ecke stand Mannis altes Metallgitterbett. Daneben, direkt auf dem Boden, lag eine schmale Matratze für seinen großen Bruder Werner – so dicht an den Gitterstäben, dass man nachts kaum unterscheiden konnte, wer sich bewegte: das Baby oder der Junge.
Diese Matratze verdiente ihren Namen kaum: ein Stück Schaumstoff, das einmal pro Woche gewendet wurde, nur damit es wenigstens so aussah, als gäbe es eine bessere und eine schlechtere Seite. Aber sie symbolisierte vor allem eines: wie wenig Platz hier wirklich war. Zwei Kinder, so nah beieinander, dass sie theoretisch denselben Atemzug hätten teilen können.
Mannis Metallbett war vermutlich schon durch mehrere Weltkriege und Familien gewandert. Der Lack war abgeplatzt, Rost zeigte sich überall. Wenn Manni mit den kleinen Fäusten gegen die Stäbe schlug – und das tat er oft –, klang es wie ein Scheppern mit einem Hauch metallischem Asthma.
Die Wände der Wohnung hatten Risse, durch die der Hafenwind hereinkroch, als würde das Haus als Durchgangsstation zwischen Nordsee und Küche dienen. Geheizt wurde mit einem kleinen Kohleofen in der Raummitte. Wenn er brannte, roch es nach Rauch und nassem Kohlebeutel. Wenn er nicht brannte – und das war oft –, kroch die Kälte durch alles: Decken, Matratzen, Knochen. Man sah seinen Atem. Drinnen.
Warmwasser gab es nicht. Gekocht, gewaschen und gebadet wurde mit Wasser, das erst aus dem Hahn, dann in den Topf und schließlich auf den Herd wanderte. Einmal die Woche wurde ein Zinkbottich in die Küche gestellt. Badetag. Wer zuerst durfte, hatte gewonnen. Oder verloren – je nachdem, wie man die Temperatur empfand.
In dieser Umgebung lag Manni. Frühchen. Ungewollt. Hungrig. Laut.
Er schrie. Und schrie.
Nicht aus Bosheit, sondern weil Stille für ihn schon damals nicht auszuhalten war.
Bis die Stimme heiser wurde. Bis Nachbarn mit dem Besenstiel gegen die Wand klopften. Bis seine kleine Welt nur noch aus Hunger, Luftzug und Einsamkeit bestand.
Nicht, weil niemand ihn liebte.
Sondern, weil niemand Zeit hatte.
Seine Mutter an der Maschine.
Sein Vater irgendwo auf der Straße.
Gerda im Werk.
Werner auf dem Schulweg.
Und Eri – nun ja, Eri war das Mädchen, das viel zu früh Mutter spielte.
Erst am frühen Nachmittag änderte sich etwas.
Die Tür ging auf. Schritte, die jeder im Haus kannte.
Eri kam herein. Schulranzen auf dem Rücken, Knie nass vom Regen, das Gesicht erschöpft. Sie blieb stehen, hörte Mannis Schreien und seufzte. Kein genervtes Seufzen – sondern ein Ich bin elf, und ich kann nicht mehr-Seufzen.
Dann ging sie zu ihm.
Hob ihn hoch, als sei er schwerer, als er war – weil Verantwortung eben wiegt. Sie wickelte ihn, fütterte ihn, redete mit ihm, sang manchmal etwas Schiefes, das sie irgendwo aufgeschnappt hatte.
Ihre Hände waren nicht zart.
Aber sie waren vorsichtig.
Und Manni hörte auf zu schreien. Nicht, weil die Welt plötzlich gut war. Sondern weil jemand da war.
Für ihn war Eri nicht nur eine Schwester.
Sie war sein Rettungsring, und vielleicht lernte er genau hier, dass man Nähe bekommt, wenn man laut genug ist.
Jahrzehnte später, festgeschnallt an Maschinen, unfähig, die Augen zu öffnen, erinnerte er sich an dieses Schreien. Und daran, wie niemand kam. Und daran, wie das in der Brust gebrannt hatte.
Vielleicht war er nie schwierig gewesen.
Vielleicht war er nur ein Kind gewesen, das gelernt hatte, dass man schreien muss, um nicht zu verschwinden.
Und doch begann alles hier.
In einem zugigen Zimmer in St. Pauli, im dritten Stock, zwischen Kohleofen und rostigem Gitterbett. Mit einem winzigen Jungen, der zu früh lernte, was Einsamkeit ist.
Hamburg war groß.
Manni war klein.
Aber schon damals – mit klammen Fingern, rostigen Stäben und kalten Dielen – war etwas in ihm, das sagte:
Das hier kann doch nicht alles gewesen sein.
Kapitel 2
Die Straße, der Kiez und ein kleiner Junge mit großen Fäusten
St. Pauli in den 60er-Jahren
Manni lernte früh zu laufen. Nicht gut – aber schnell.
Kaum konnte er seine Beine halbwegs koordinieren, stapfte er schon die drei Stockwerke des Altbaus hinunter und wieder hinauf, als würde er für einen Marathon trainieren. Die Treppen waren steil, die Holzstufen ausgetreten, in der Mitte glänzend vom jahrzehntelangen Abrieb unzähliger Füße. Doch Manni warf sich mit derselben Hartnäckigkeit in jedes Hindernis wie später im Leben.
Sobald er wusste, wie man die Haustür aufbekam, gehörte die Straße ihm.
St. Pauli war damals kein Ort für sensible Gemüter. Der Kiez roch nach Hafen, Schweiß, Bier und Abenteuer – und die Kinder gehörten genauso selbstverständlich zum Straßenbild wie die streunenden Katzen. Manni verbrachte den Großteil seiner Tage draußen, während seine Mutter, sein Vater und die Geschwister arbeiteten. Niemand hatte Zeit für ihn.
Niemand – außer Frau Brodersen.
Sie wohnte im zweiten Stock, roch immer ein wenig nach Mehl und Möbelpolitur und hatte diese seltene Eigenschaft, Kinder nicht als Störung, sondern als Teil des Lebens zu betrachten. Mittags rief sie Manni manchmal in ihre Wohnung: „Junge, hast du überhaupt schon was gegessen?“, rief sie ihm oft zu.
Manni schüttelte dann den Kopf.
„Dann komm rein und setz dich.“ Sie gab ihm ein Käsebrot, einen warmen Teller Suppe im Winter oder einfach nur ein freundliches Wort: Für Manni war das immer wie in ein Zuhause zu kommen, das er nicht hatte. Für Manni war das viel.
…
August 2014
Es war wie ein Rausch. Kein schöner, wohliger Rausch – eher die Sorte, bei der einem das Adrenalin so sehr durch die Adern hämmert, dass der Körper beschließt, für kurze Zeit sämtliche Warnsysteme abzuschalten. Manni rannte und wusste: Jede Millisekunde konnte die sein, in der ihn die Polizei endlich erwischte.
Wegen einer Lederjacke. Und nicht irgendeiner. Eine sündhaft teure, butterweiche, viel zu coole Jacke aus einem dieser Schickimickiläden, in denen selbst die Kleiderbügel vermutlich besser behandelt wurden als er. Er hatte sie einfach übergezogen, als würde sie ihm gehören – und leider hatte ein Mitarbeiter das gesehen. Ein sehr wachsamer Mitarbeiter. Einer, der sofort nach „Polizei!“ rief, als wäre er auf einer Bühne.
Also rannte Manni. Er drückte die Beine durch, presste die letzten Reserven aus seinem Körper und hechtete sich in eine schmale Gasse. Sein Herz klopfte so wild, als wollte es als Erstes fliehen. Sein Brustkorb hob und senkte sich, als wäre Sauerstoff plötzlich ein Luxusgut geworden. Die Sirene kam näher. Viel näher.
Manni drückte sich flach an die Wand, so eng, dass er mit dem Putz Bekanntschaft machte. Und plötzlich – überraschend – fiel es ihm leicht, die Luft anzuhalten. Der Streifenwagen raste an der Gasse vorbei, die Polizisten besessen davon, den Dieb zu fassen, während Mannis Schultern langsam sanken. Er atmete wieder. Tief. Befreit. Und ein breites Grinsen wanderte über sein Gesicht.
Er hatte es geschafft. Wieder einmal war er davongekommen. Er war der Größte. Zumindest so lange, bis er wieder allein war.
Er nickte sich selbst zu, griff in die Hosentasche und zog den Kaugummi hervor, den er am Vortag geklaut hatte. Kaugummi war einfach. Kaugummi war Routine. Kaugummi klauen war wie Fahrradfahren. Er schob sich lässig einen Streifen in den Mund und dachte: Kaugummi klauen ist einfach, aber das mit den Klamotten muss ich echt noch perfektionieren.
Deutlich entspannter, aber noch immer mit erhöhtem Puls, setzte er seinen Weg fort. Ein streitendes Paar über ihm, Hundegebell hinter einem Fenster, eine zerbrochene Bierflasche, die er im Gehen wegkickte. Die Sirenen entfernten sich. Wurden leiser. Und dann – wie ein Nebel, der von unten aufstieg – verschwammen die Umrisse seiner Umgebung.
Ein anderes Geräusch schob sich langsam in den Vordergrund. Sanft. Monoton. Beharrlich. Piep. Piep. Piep.
Was für eine Macht Fantasie doch hatte. Und doch holte die Realität ihn zurück. Dorthin, wo er nicht mehr laufen konnte. Nicht mehr lächeln. Nicht einmal die Augen öffnen. Alles, was er nun hörte, war dieses Piepen. Nicht laut. Nicht bedrohlich. Eher wie ein hartnäckiger Wecker, der vergessen hatte, dass sein Besitzer längst nicht mehr aufstehen konnte. Ein gleichmäßiger Ton, irgendwo über ihm, unter ihm – vielleicht auch in ihm.
Komisch, dachte Manni. Das Ganze hatte etwas Ironisches. Denn auch das erste Geräusch seines Lebens war dieses monotone Piepen gewesen. Typisch. Sein Leben hatte mit einem Piepen begonnen. Warum also nicht auch damit enden? Wenn schon Kreis, dann bitte ein sauber geschlossener.
Damals, im Brutkasten, war er so klein gewesen, dass man ihn eigentlich hätte „Handgepäck“ nennen können. Ein Schreihals im Miniformat, mit einem Herzschlag wie ein Kolibri und einem Gewicht wie eine Tüte Zucker. Und dennoch hatte er geschrien, als wüsste er schon damals: Hier wird’s nicht gemütlich, mein Freund.
Sechzig Jahre später war er wieder verkabelt wie eine schlecht sortierte Weihnachtsbeleuchtung. Schläuche, Sensoren, Maschinen – alles piepte, blinkte oder tat so, als wäre es wichtiger als er. Und das Piepen sagte ihm: Du bist noch da, Manni. Noch.
Er hätte gern gelacht, aber sein Körper war schwer wie nasser Sand. Ironisch. Ein ganzes Leben lang war er gerannt, geflüchtet, aufgetaucht, wieder untergetaucht – und jetzt lag er da, unfähig, auch nur eine Augenbraue zu heben. Ausgerechnet jetzt, wo er mal eine dramatische Geste hätte gebrauchen können.
Laufen war sein Leben gewesen. Stillliegen hatte er nie gelernt.
Aber hören konnte er noch. Er hörte die Krankenschwestern, die glaubten, er bekäme nichts mit. Er hörte den Arzt, dessen Schritte klangen, als trüge er Ersatzteile für die gesamte Station in den Taschen seines weißen Mantels. Er hörte seinen eigenen Atem – ungewohnt flach, ein leises Auf und Ab, das kaum nach ihm klang. Und darunter – das Piepen. Immerzu. Beharrlich. Seltsam tröstlich und vertraut, als würde sich der Kreis schließen.
Gerne hätte er gesehen, wie die Szene hier eigentlich aussah. Wie viele Schläuche und Maschinen ihn da gerade am Leben hielten. Ob jemand seine Haare gekämmt hatte oder ob er da lag wie frisch aus dem Windkanal. Noch lieber hätte er die Gesichter gesehen – das seiner Söhne, seiner Frau. Die Gesichter der Frauen, die ihn liebten, die er liebte, die er verletzt hatte. Er hätte ihnen gern gesagt, dass er da war. Dass er sie hörte. Dass er manches anders machen würde. Vielleicht. Hoffentlich.
Aber er konnte nichts sagen, also hörte er weiter zu. Piep. Piep. Piep.
Nach und nach wurde es leiser. Farben schlichen sich unter seine Augenlider, auch wenn es nur das Grau von Hinterhöfen war. Der Geruch von Zigaretten, allgegenwärtig in der Wohnung seiner Eltern, stieg ihm in die Nase. Er tauchte ein in die Erinnerungen an Hamburg. An sein Hamburg. Seine Mutter, die leise sprach. Sein Vater, der nie leise war. Die engen Räume. Die fehlende Luft.
Vielleicht war er sein ganzes Leben lang gerannt, weil Stehenbleiben bedeutet hätte, zu fühlen.
Der Gedanke war nicht traurig. Eher versöhnlich. So, als finde endlich jemand den Mut, eine Tür zu schließen, die viel zu lange offenstand. Das Piepen wurde leiser. Oder hörte er nur schlechter?
Ein seltsamer Frieden legte sich über ihn. Nicht weich. Aber klar. Ein bisschen wie frischer Schnee, der alles unter sich versteckte und stiller machte. Manni wollte noch einen letzten Gedanken denken – etwas Kluges, etwas Passendes. Etwas, von dem man später sagen könnte: Das hätte zu ihm gepasst.
Aber alles, was kam, war Ruhe. Und seltsam – es fühlte sich gar nicht nach Ende an. Eher so, als müsste er diesmal nicht mehr weglaufen.
Kapitel 1
Nebel, Brücken und ein schreiendes Baby
Oktober 1964
Das Piepen veränderte sich.
Es folgte ihm zurück an den Anfang.
Eben noch war es das klinisch saubere Geräusch der Intensivstation gewesen – dieses dünne „Piep“, das klang wie eine digitale Uhr, die nicht begriffen hatte, dass niemand mehr Termine hatte. Jetzt jedoch wurde es dumpfer. Unregelmäßiger. Mehr ein Klicken. Ein Schnarren. Ein Rattern.
Manni begriff:
Das hier war nicht mehr Salzburg. Das war Hamburg. Und nicht das Hamburg mit Elbphilharmonie, Hochglanz und Touristenschnitten. Nein. Sein Hamburg.
Das, in dem alles anfing.
Hamburg war groß. Viel zu groß für ein Baby wie Manni – ein Kind, das eigentlich nicht einmal in das Leben seiner eigenen Familie passte, geschweige denn in eine Stadt mit mehr Brücken als Amsterdam und Venedig zusammen. Aber niemand hatte ihn gefragt.
St. Pauli, Anfang der 60er-Jahre: ein wimmelndes Labyrinth aus Altbauten, Hafenlärm, feuchten Kellern und Straßen, die immer ein bisschen nach Regen und Enttäuschung rochen. Der Wind brachte Salz, Diesel und angeschmorten Fisch mit sich. Für Romantiker ein Traum. Für Manni: frühes Heimatgefühl mit Nebengeräuschen.
Die Familie – Flüchtlinge aus Schlesien – wohnte im dritten Stock eines Altbaus, der vermutlich schon vor dem Krieg den Vermerk „abrissreif“ erhalten hatte, sich aber dagegen wehrte, aus Prinzip.
Der Putz bröckelte, die Fenster klemmten, und das Klo lag eine halbe Treppe tiefer im Flur – ein Raum so klein, dass man beim Umdrehen überlegte, ob man das überhaupt dürfe. Ein Waschbecken gab es nicht. Wer sich die Hände waschen wollte, musste zurück in die Wohnung. Ein schöner Anreiz, es bleiben zu lassen.
Es war eine Zeit, in der man Kinder nicht förderte. Man verwahrte sie – und hoffte, dass sie durchkamen. Wenn genug Essen da war.
Die Einzimmerwohnung war so eng, dass man zweimal überlegen musste, bevor man tief einatmete, um niemanden umzuschubsen. Der Raum war durch einen ausgebleichten Stoffvorhang in zwei „Bereiche“ geteilt – ein Wort, das ambitionierter war als die Realität. Hinter dem Vorhang schliefen Günther und Gisela, die Eltern, auf Matratzen direkt auf den Dielen. Die Federn stachen durch den Stoff, und die Dielen knarrten so laut, dass man nachts wusste, wer sich gerade umdrehte – und wie oft.
Auf der anderen Seite des Vorhangs standen zwei schmale Betten für Mannis Schwestern Gerda und Erinborg – ein Bereich, der mehr nach Abstellplatz für Menschen aussah.
In der Ecke stand Mannis altes Metallgitterbett. Daneben, direkt auf dem Boden, lag eine schmale Matratze für seinen großen Bruder Werner – so dicht an den Gitterstäben, dass man nachts kaum unterscheiden konnte, wer sich bewegte: das Baby oder der Junge.
Diese Matratze verdiente ihren Namen kaum: ein Stück Schaumstoff, das einmal pro Woche gewendet wurde, nur damit es wenigstens so aussah, als gäbe es eine bessere und eine schlechtere Seite. Aber sie symbolisierte vor allem eines: wie wenig Platz hier wirklich war. Zwei Kinder, so nah beieinander, dass sie theoretisch denselben Atemzug hätten teilen können.
Mannis Metallbett war vermutlich schon durch mehrere Weltkriege und Familien gewandert. Der Lack war abgeplatzt, Rost zeigte sich überall. Wenn Manni mit den kleinen Fäusten gegen die Stäbe schlug – und das tat er oft –, klang es wie ein Scheppern mit einem Hauch metallischem Asthma.
Die Wände der Wohnung hatten Risse, durch die der Hafenwind hereinkroch, als würde das Haus als Durchgangsstation zwischen Nordsee und Küche dienen. Geheizt wurde mit einem kleinen Kohleofen in der Raummitte. Wenn er brannte, roch es nach Rauch und nassem Kohlebeutel. Wenn er nicht brannte – und das war oft –, kroch die Kälte durch alles: Decken, Matratzen, Knochen. Man sah seinen Atem. Drinnen.
Warmwasser gab es nicht. Gekocht, gewaschen und gebadet wurde mit Wasser, das erst aus dem Hahn, dann in den Topf und schließlich auf den Herd wanderte. Einmal die Woche wurde ein Zinkbottich in die Küche gestellt. Badetag. Wer zuerst durfte, hatte gewonnen. Oder verloren – je nachdem, wie man die Temperatur empfand.
In dieser Umgebung lag Manni. Frühchen. Ungewollt. Hungrig. Laut.
Er schrie. Und schrie.
Nicht aus Bosheit, sondern weil Stille für ihn schon damals nicht auszuhalten war.
Bis die Stimme heiser wurde. Bis Nachbarn mit dem Besenstiel gegen die Wand klopften. Bis seine kleine Welt nur noch aus Hunger, Luftzug und Einsamkeit bestand.
Nicht, weil niemand ihn liebte.
Sondern, weil niemand Zeit hatte.
Seine Mutter an der Maschine.
Sein Vater irgendwo auf der Straße.
Gerda im Werk.
Werner auf dem Schulweg.
Und Eri – nun ja, Eri war das Mädchen, das viel zu früh Mutter spielte.
Erst am frühen Nachmittag änderte sich etwas.
Die Tür ging auf. Schritte, die jeder im Haus kannte.
Eri kam herein. Schulranzen auf dem Rücken, Knie nass vom Regen, das Gesicht erschöpft. Sie blieb stehen, hörte Mannis Schreien und seufzte. Kein genervtes Seufzen – sondern ein Ich bin elf, und ich kann nicht mehr-Seufzen.
Dann ging sie zu ihm.
Hob ihn hoch, als sei er schwerer, als er war – weil Verantwortung eben wiegt. Sie wickelte ihn, fütterte ihn, redete mit ihm, sang manchmal etwas Schiefes, das sie irgendwo aufgeschnappt hatte.
Ihre Hände waren nicht zart.
Aber sie waren vorsichtig.
Und Manni hörte auf zu schreien. Nicht, weil die Welt plötzlich gut war. Sondern weil jemand da war.
Für ihn war Eri nicht nur eine Schwester.
Sie war sein Rettungsring, und vielleicht lernte er genau hier, dass man Nähe bekommt, wenn man laut genug ist.
Jahrzehnte später, festgeschnallt an Maschinen, unfähig, die Augen zu öffnen, erinnerte er sich an dieses Schreien. Und daran, wie niemand kam. Und daran, wie das in der Brust gebrannt hatte.
Vielleicht war er nie schwierig gewesen.
Vielleicht war er nur ein Kind gewesen, das gelernt hatte, dass man schreien muss, um nicht zu verschwinden.
Und doch begann alles hier.
In einem zugigen Zimmer in St. Pauli, im dritten Stock, zwischen Kohleofen und rostigem Gitterbett. Mit einem winzigen Jungen, der zu früh lernte, was Einsamkeit ist.
Hamburg war groß.
Manni war klein.
Aber schon damals – mit klammen Fingern, rostigen Stäben und kalten Dielen – war etwas in ihm, das sagte:
Das hier kann doch nicht alles gewesen sein.
Kapitel 2
Die Straße, der Kiez und ein kleiner Junge mit großen Fäusten
St. Pauli in den 60er-Jahren
Manni lernte früh zu laufen. Nicht gut – aber schnell.
Kaum konnte er seine Beine halbwegs koordinieren, stapfte er schon die drei Stockwerke des Altbaus hinunter und wieder hinauf, als würde er für einen Marathon trainieren. Die Treppen waren steil, die Holzstufen ausgetreten, in der Mitte glänzend vom jahrzehntelangen Abrieb unzähliger Füße. Doch Manni warf sich mit derselben Hartnäckigkeit in jedes Hindernis wie später im Leben.
Sobald er wusste, wie man die Haustür aufbekam, gehörte die Straße ihm.
St. Pauli war damals kein Ort für sensible Gemüter. Der Kiez roch nach Hafen, Schweiß, Bier und Abenteuer – und die Kinder gehörten genauso selbstverständlich zum Straßenbild wie die streunenden Katzen. Manni verbrachte den Großteil seiner Tage draußen, während seine Mutter, sein Vater und die Geschwister arbeiteten. Niemand hatte Zeit für ihn.
Niemand – außer Frau Brodersen.
Sie wohnte im zweiten Stock, roch immer ein wenig nach Mehl und Möbelpolitur und hatte diese seltene Eigenschaft, Kinder nicht als Störung, sondern als Teil des Lebens zu betrachten. Mittags rief sie Manni manchmal in ihre Wohnung: „Junge, hast du überhaupt schon was gegessen?“, rief sie ihm oft zu.
Manni schüttelte dann den Kopf.
„Dann komm rein und setz dich.“ Sie gab ihm ein Käsebrot, einen warmen Teller Suppe im Winter oder einfach nur ein freundliches Wort: Für Manni war das immer wie in ein Zuhause zu kommen, das er nicht hatte. Für Manni war das viel.
…

