Kleine Dinosaurier, große Freude, tiefer Fall
Mobbing, eine unendliche Geschichte und das Versagen des Schulsystems
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 214
ISBN: 978-3-7116-1458-2
Erscheinungsdatum: 29.04.2026
Ein schonungsloser Erfahrungsbericht über Mobbing an Schulen – und über ein System, das Kinder zu oft alleinlässt. Rosa-Maria Grünwald rüttelt auf, erzählt von Leid, Mut und dem Kampf um Schutz und Würde.
(k)ein Ausweg?
Es ist dunkel, menschenleer und still. Nur das Plätschern des Baches ist zu hören und manchmal ein Auto, das auf der nahegelegenen Landesstraße durch die Nacht fährt. Auf der Brücke steht ein Junge, der über das Geländer gebeugt hinabschaut, und er weint bitterlich. Er ist verzweifelt und weiß nicht mehr weiter. „Ich halte das alles einfach nicht mehr aus, ich kann nicht mehr. Wenn ich da jetzt hineinspringe, dann ist es endlich vorbei und ich habe meine Ruhe.“ Er steigt langsam, mit einem Fuß nach dem anderen, auf das Geländer der Brücke, atmet tief durch – und plötzlich klingelt sein Handy. Der Junge steigt wie in Trance vom Geländer herunter, schaut auf das Display seines Handys – es ist sein bester Freund. Während er den Anruf schluchzend annimmt, steht plötzlich sein Vater vor ihm, immens erleichtert, froh und glücklich, seinen Sohn gefunden zu haben. Der Vater nimmt seinen am ganzen Körper zitternden und tränenüberströmten Sohn in den Arm und setzt sich mit ihm auf den Brückenboden. Der Junge, völlig erschöpft und an seinen Papa gelehnt, sagt mit trauriger Stimme zu seinem Freund: „Ja, ist schon gut. Ich gehe jetzt mit Papa nach Hause.“
Eine traurige Geschichte, nur dass es leider keine Geschichte ist. Bei dem Burschen handelt es sich um unseren ältesten Sohn Felix – er war damals 14 Jahre alt.
Man sitzt dann da, hält sein Kind im Arm und die Gefühle fahren Achterbahn. Das Glücksgefühl, sein Kind noch umarmen zu können, ist unbeschreiblich, und dann wird einem klar: Es ist nur noch deswegen möglich, weil ein Telefon geklingelt hat. All die Gefühle, die jetzt auftauchen, wie Traurigkeit, Wut, Angst, Hass, Schuldgefühle, die gefühlt in einem drin abwechselnd versuchen, die Oberhand zu gewinnen – all das macht es einem fast unmöglich, zu atmen.
Das geliebte Kind versucht, sich umzubringen – das ist für Eltern fast nicht zu ertragen, und man kann es einfach nicht in Worte fassen, wie es einem dabei geht. Die richtigen Worte, um das alles wirklich zu beschreiben, die gibt es nicht. Es ist entsetzlich, und ich wünsche niemandem, das erleben zu müssen.
Menschen, die keine Kinder haben, können das wahrscheinlich ohnehin nicht verstehen. Aber auch Eltern, die es (Gott sei Dank) nicht erlebt haben und hoffentlich nie erleben müssen, können sich nicht im Entferntesten vorstellen, was das wirklich bedeutet.
Aber was ist eigentlich passiert? Was treibt ein Kind so weit, dass der Selbstmord der einzige Ausweg zu sein scheint?
Es lässt sich da sicher nicht „nur“ ein einziges Ereignis festmachen. Menschen, die jahrelang beschimpft, bedroht und erniedrigt … werden, kommen oftmals an einen Punkt, an dem die Angst die Oberhand gewinnt. Die Menschen haben Angst vor denen, die ihnen das antun – bei der Arbeit, in der Partnerschaft, im Freundeskreis oder wo auch immer. Aber Angst hemmt und ist kein guter Begleiter. Oftmals ziehen sie sich in sich selbst zurück und meiden nicht notwendige Kontakte … Das alles kann jedem passieren, und so verschieden wir alle sind, schaffen es die einen besser als die anderen. Das alles gilt für Erwachsene, aber ganz besonders für Kinder.
Felix war jahrelang massivem Mobbing, gepaart mit körperlicher Gewalt durch Mitschüler – und seelischer Gewalt, Mobbing und Bedrohungen durch Lehrer – ausgesetzt.
Die Gefühle, die auftauchten, während ich Felix im Arm hielt, waren überwältigend.
Der Hass den Lehrern gegenüber, die meinem Kind so viel Leid zugefügt haben.
Die Wut all jenen im Schulsystem, teils den Kinderschutzorganisationen oder auch Politikern … gegenüber, die vorgegeben haben, Felix zu helfen. Geholfen wurde da meist nur, wenn es um das Mobbing ging, das von Kindern ausging. Was die seelischen Verletzungen, die Drohungen, Beleidigungen und Erniedrigungen … von Lehrern ausgehend betraf, kam meist keine Hilfe, im Gegenteil – es wurde abgestritten und behauptet, die Lehrer hätten sich nichts zuschulden kommen lassen. Die Wut galt aber auch den Experten, wie teils Psychologen und Ärzten, die oftmals auch behauptet hatten, Felix würde es gut gehen, obwohl ich immer wieder interveniert hatte. Ich habe immer wieder berichtet, wie schlecht es Felix ging, habe immer wieder darüber berichtet, wie Lehrer immer noch mit ihm umgegangen sind und wie sehr er darunter gelitten hat. Es wurde nichts geglaubt! Haben diese Experten die Situation verkannt oder wollten sie dem Schulsystem einfach nicht auf die Füße treten?
Die Angst war da, weil Felix noch ein Pflichtschuljahr vor sich hatte und ich Angst davor hatte, mein Kind nicht so beschützen zu können, dass es nicht wieder so weit kommen würde.
Ja, und die Schuldgefühle, die auftauchten, waren enorm. „Haben wir zu wenig für Felix getan? Waren wir zu wenig für ihn da? Warum haben wir das nicht kommen sehen? Was hätten wir anders machen sollen?“
Ich saß immer noch da, Felix im Arm haltend, der inzwischen eingeschlafen war. Die Tränen liefen mir unentwegt übers Gesicht. Ich war so unendlich traurig.
In all den Jahren unserer inzwischen 21-jährigen Schulerfahrung mit unseren Kindern habe ich immer wieder darüber nachgedacht, zu schreiben und zu erzählen, was Mobbing bei Kindern anrichtet. Gerade auch deshalb, weil ich in dieser Zeit immer mehr erfuhr, wie verbreitet Mobbing an unseren Schulen ist. So viele Kinder sind betroffen – man mag sich das gar nicht vorstellen, aber es ist leider Realität. Mit so vielen Eltern bin ich ins Gespräch gekommen, deren Kinder die gleichen oder ähnlichen Erfahrungen wie Felix und Chiara gemacht haben – ausgehend von Mitschülern, aber auch von Lehrern. Auch die Erfahrungen der Eltern mit dem Schulsystem waren so oder so ähnlich wie unsere. Es ist einfach unbeschreiblich. (Ich werde im Laufe dieses Buches viele Fallbeispiele anführen, um das Ausmaß zu verdeutlichen, in welcher Häufigkeit und Intensität Mobbing an unseren Schulen vorkommt.)
In dieser Zeit habe ich auch einmal im Radio eine Diskussionssendung zum Thema Mobbing an den Schulen verfolgt. Es kam dann auch eine Mutter zu Wort und sie erzählte – ich konnte es kaum fassen – von den Erfahrungen ihrer Kinder und ihrer eigenen – sie waren beinahe identisch mit den unseren. Diese Mutter im Radio, das hätte wirklich ich sein können.
Es kamen mir aber immer wieder Zweifel, ob ich denn wirklich darüber schreiben sollte. Ich dachte mir: „Lieber warte ich damit, bis meine Kinder aus der Schule sind.“ Oder: „Darüber wurde schon so viel geschrieben, und was könnten da schon unsere Erfahrungen bewirken?“ Auch der Umstand, dass ich keine Expertin, sprich Ärztin, Therapeutin, Psychologin oder Psychiaterin … bin, was mir in all den Jahren ja immer wieder unter „die Nase“ gerieben wurde und ich deshalb ja keine Ahnung hätte, wie vorzugehen wäre, hat mich immer wieder darin gebremst, anzufangen, ein Buch zu schreiben.
Meine Überzeugung ist ja: Die betroffenen Kinder sind die Experten. Sie sind die, die das Mobbing und all das Leid, das es verursacht, erleben. Die Kinder sind die, die genau wissen, was es bedeutet, wochen-, monate- oder jahrelang diesen seelischen Verletzungen ausgesetzt zu sein. Die Kinder fühlen den Schmerz, die Angst, die Unsicherheit, die Hoffnungslosigkeit und die Traurigkeit.
Um den betroffenen Kindern endlich wirklich helfen zu können, müssen wir den Kindern zuhören!
All jene, die sich Experten nennen, müssen die Kinder endlich ernst nehmen und nicht nur sagen, die Kinder würden an erster Stelle stehen, denn das tun sie nicht! Sie müssen den Kindern wirklich höchste Priorität einräumen und nicht nur schöne Worte in unzähligen Berichten, Broschüren, Homepages oder Gesetzestexten veröffentlichen, die letztendlich doch nur Lippenbekenntnisse bleiben, wenn nicht wirklich danach gehandelt wird, was sie teilweise so prosaisch niederschreiben. Eigentlich ist es Heuchelei: Wenn all das, was in all diesen Publikationen steht, von den Verfassern oder den Verantwortlichen ignoriert oder ins Gegenteil gekehrt wird, verliert es jede Glaubwürdigkeit.
Das ganze Leid unserer Kinder aufgrund des Mobbings dauerte Jahre und wirkt gerade bei ihnen bis heute nach.
Immer wieder kam mir der Gedanke: „Ich muss das alles erzählen, alles in einem Buch niederschreiben“, aber ich zögerte.
Vor ein paar Jahren habe ich den Gedanken dann ganz verworfen. Meinen Kindern ging es an den Schulen endlich wieder gut, und auch ich wollte einen Schlussstrich ziehen.
Aber vor ein paar Tagen hat mir unsere Tochter von einem jungen Mann erzählt, der über seine schlimmen Mobbing-Erfahrungen ein Buch geschrieben hat, wobei das Niederschreiben für ihn eine Art der Verarbeitung war. Chiara hat mir gesagt, dass dieser junge Mann auch eine Dokumentation gemacht hat, und sie würde diese gerne mit mir und Papa ansehen. Wir setzten uns also am Abend zusammen und schauten gemeinsam diese Dokumentation. Schon nach ein paar Minuten merkte ich, dass ich immer kurzatmiger wurde. Langsam liefen mir die ersten Tränen über das Gesicht. Mir kam es vor, als würde sich mein Hals zuschnüren, und die Traurigkeit, aber gerade auch die Wut jenen gegenüber, die nicht helfen oder nicht geholfen haben, stieg langsam wieder in mir hoch. Ich schaute dann zu Chiara und ich war einigermaßen überrascht, aber auch froh, wie gefasst sie war. Sie sagte mir dann aber, sie hätte sich die Doku schon vor ein paar Tagen allein angesehen und sie habe dabei bitterlich geweint.
Da war für mich klar: Ich muss dieses Buch schreiben, denn über dieses Thema ist noch nicht genug geschrieben worden. Es ist immer noch Alltag an den Schulen; es leiden immer noch unsäglich viele Kinder. Wir müssen so lange darüber schreiben, darüber sprechen, bis es endlich kein Tabu mehr ist und die Kinder endlich wirklich ernst genommen werden.
Ich habe auch mit meinen Kindern darüber gesprochen. Sie waren eigentlich die, die mir gesagt haben, ihre Erfahrungen und Erlebnisse und die von allen anderen Kindern müssten endlich gehört werden, damit beginnt, sich vielleicht etwas zu verändern.
Kleine Dinosaurier, große Freude
Ich selbst hatte eine tolle Schulzeit und ich denke gerne daran zurück. Auch deshalb kam der Gedanke, meine Kinder könnten in der Schule Probleme bekommen, zuerst gar nicht auf.
Aber schon bevor unsere Kinder eingeschult wurden, hörte ich von Freunden und Bekannten, deren Kinder schon in die Schule gingen, dass sie immer wieder mitbekommen hatten, wie Kinder an unseren Schulen von Mitschülern gemobbt wurden und wie weit verbreitet es war, aber vor allem die Intensität machte sie sehr betroffen. Ganz ehrlich, ich konnte mir das nicht vorstellen. Ich glaubte: „Wenn es denn vorkommt, dann würden ja bestimmt die Lehrer tätig werden, um das Mobbing zu unterbinden.“ Ja, welche Blauäugigkeit – wie naiv ich doch war.
Auch wurde bei Treffen in der Volksschule unter den Eltern, bei Elternsprechtagen, massiv gerade über einen Lehrer der Hauptschule geschimpft. Die Eltern sagten dazu auch, sie würden versuchen, dass ihre Kinder diesen Lehrer nicht zugeteilt bekämen. Es ging da um Herrn Gandler. Ich bin aber ein Mensch, der eigentlich nichts auf Gerüchte gibt und sich immer lieber selbst ein Bild macht. Ja, in diesem Fall hätte ich die „Gerüchte“ (die leider keine waren) ernst nehmen sollen. Es hat alles gestimmt. Sie, liebe Leserinnen und Leser, werden diesen Lehrer im Laufe des Buches noch „kennenlernen“.
„Mama, schau mal!“ Felix’ Augen strahlen. Er steht vor Regalen, vollgefüllt mit den verschiedensten Schultaschen. Er ist ganz aufgeregt und ungeduldig. „Ja, Felix, du kannst ruhig schon schauen. Aber die Entscheidung wird dir bei dieser riesigen Auswahl wohl schwerfallen.“
Ich unterhielt mich unterdessen mit der Verkäuferin, und dann rief Felix freudig: „Mama! Das ist meine Schultasche, die will ich haben. Da gibt es auch noch den gleichen Werkkoffer, die Mappe für meine Hefte und auch das Turnsackerl. Mama, die will ich haben. Bitte, bitte, bitte!“ Seine Stimme überschlug sich fast vor lauter Freude. Ich konnte es kaum glauben, dass Felix bei dieser riesigen Auswahl wirklich schon wusste, was er wollte. Als ich aber die Schultasche sah, wusste ich sofort, warum seine Wahl gerade auf diese Schultasche fiel. Felix war in diesem Alter ein richtiger Dinosaurier-Fan. Die Schultasche war im Hintergrund golden gefärbt. Darauf waren verschiedene Pflanzen – und das Wichtigste – viele, viele Dinosaurier abgebildet. Mir war klar, das war für Felix mit Sicherheit die richtige Entscheidung. „Ja, natürlich. Diese Schultasche passt perfekt zu dir. Wir werden auch den Werkkoffer, die Heftmappe und das Turnsackerl mit dazu nehmen.“ Ich hatte noch kaum ausgesprochen, da fiel mir Felix um den Hals, nahm die Schultasche aus dem Regal, suchte die anderen Artikel dazu auch noch selbst zusammen und ging voller Stolz zur Kasse.
Felix wurde dann im Herbst eingeschult. Er hatte nette Mitschüler, und er hatte sich schon bald mit ein paar von ihnen angefreundet, und auch die Lehrer waren toll. Also, alles gut. Nach ein paar Jahren sollte sich das alles aber ändern, in einer Art und Weise, wie ich es mir nie auch nur in meinen schlimmsten Albträumen hätte vorstellen können.
Dieses Strahlen in den Augen von Felix erlosch, die Freude verschwand und aus einem lustigen, fröhlichen, aufgeweckten und überaus wissbegierigen Buben wurde ein zutiefst trauriger, unsicherer, verletzter … Teenager.
Das jahrelange Mobbing von Mitschülern, aber gerade das von Lehrern, hat Felix fast zerstört.
Chiara steht unschlüssig vor den vollen Regalen und wirft mir einen fragenden Blick zu. „Ich weiß, du bist jetzt etwas überfordert. Deinen Wunsch nach einer rosa Prinzessinnenschultasche hast du ja klar gemacht. Aber dass es so viele verschiedene Varianten davon gibt, überrascht mich auch. Weißt du, hör jetzt einfach auf deinen Bauch. Probiere einfach diejenigen, die dir am meisten gefallen, und gehe dann mit jeder ein bisschen herum. Nimm dann die, mit der du dich am wohlsten fühlst.“ Chiara stolziert mit einer Schultasche nach der anderen im Geschäft herum. Die nette Verkäuferin kommt dann mit einem Spiegel aus dem Lager und sagt zu Chiara: „Schau mal, ich halte dir den Spiegel und du kannst dich dann mit jeder Schultasche, die du probieren möchtest, im Spiegel betrachten. Vielleicht macht es dir die Entscheidung etwas leichter.“ Das hat geholfen. Chiara entschied sich dann für die Schultasche, mit der sie sich beim Tragen selbst am besten gefallen hat. Auch für Chiara gab es die gleiche Heftmappe, das gleiche Turnsackerl1 und den Werkkoffer dazu. Sie war glücklich, grinste und fragte: „Kann ich sie beim Heimgehen gleich tragen?“ Die nette Verkäuferin und auch ich sagten gleichzeitig: „Ja, natürlich.“
Chiara hat sich auch sehr auf die Schule gefreut. Sie war sehr neugierig, sehr klug, und sie konnte es kaum erwarten, endlich lesen zu können. Sie wollte so schnell wie möglich die Bücher selbst lesen und nicht immer vorgelesen bekommen. Sie wollte lernen, rechnen, schreiben … Beim Aufzählen überschlug sie sich fast vor lauter Vorfreude.
Aber leider musste auch Chiara das Leid des Mobbings erfahren – jahrelang! Chiara zog sich völlig in sich selbst zurück, wurde immer trauriger, unsicherer. Sie war auch körperlich immer mehr angeschlagen. Magen-Darm-Probleme, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, um nur einige körperliche Symptome zu nennen. Es war wirklich schlimm, wieder ein Kind so sehr leiden zu sehen.
„Mama, diese Schultasche möchte ich haben. Bekomme ich den Koffer, die Mappe und das Turnsackerl1 dazu?“ Ich bin so überrascht, weil er sich so schnell entschieden hatte, und ich frage Marcel: „Bist du dir sicher, denn deine Entscheidung hast du jetzt sehr flott getroffen?“ „Ja Mama, ich bin sicher. Sie ist rot und Autos sind auch drauf. Das passt.“ Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen und sage zu Marcel: „Okay, wenn du dir sicher bist; die anderen Dinge bekommst du auch dazu.“ Ich schmunzle immer noch und denke mir: „Ja, unser Pragmatiker. Seine Lieblingsfarbe ist rot und er mag Autos. Das passt.“ Weiter in Gedanken versunken lächle ich und beobachte Marcel, wie er die Sachen packt und zur Kasse geht. „Mama, sind wir jetzt fertig? Ich möchte nach Hause und mit meinen Freunden spielen.“
Marcel hat sich auch auf die Schule gefreut, auch deshalb, weil es ihm im Kindergarten schon langweilig wurde. Auch Marcel ist wissbegierig und neugierig, und es ist ihm klar, dass er in der Schule vieles lernen und erfahren kann. Aber die Freude von Marcel war nicht so groß und euphorisch wie bei Felix und Chiara. Auf der einen Seite ist es einfach die Art von Marcel, seine Freude nicht wirklich zeigen zu können oder zu wollen. Aber wahrscheinlich hat er auch intuitiv die Sorgen und Ängste seiner Geschwister mitbekommen, obwohl wir versucht haben, das alles so gut wie möglich von Marcel fernzuhalten. Kinder haben allerdings feine Antennen und er hat das Leid seiner Geschwister gespürt.
Gott sei Dank: Marcel ging es in den Schulen immer gut. Er hatte tolle Lehrer und Mitschüler. Natürlich gab es auch Probleme, wie bei uns allen. Aber diese Dinge fielen alle in die Kategorien Entwicklung, Lernen fürs Leben, Konfliktlösungen und vieles mehr.
So sollte Schule sein, dass die Kinder gerne hingehen, mit (meistens) Freude lernen und soziale Kontakte knüpfen können.
***
Mit allem, was wir getan haben, um unseren Kindern zu helfen und sie zu unterstützen, steht man auf verlorenem Posten, wenn von Seiten der Verantwortlichen wenig bis gar keine Unterstützung kommt (oder auch oftmals in Gesprächen eine Täter-Opfer-Umkehr gemacht wird). Aber gerade die Hilfe und Unterstützung der Verantwortlichen und der Schulen ist unerlässlich. Denn das Mobbing spielt sich in der Schule ab und darum müsste auch dort unterstützt, eingeschritten und das Mobbing gestoppt werden – das ist auch das, was ALLE Experten sagen: „Das Mobbing muss dort gestoppt werden, wo es passiert – in der Schule!“
Jahrelanges Mobbing gegen unsere Kinder, von Mitschülern ausgehend, aber was ja noch viel schlimmer war, auch von Lehrern. Was das von Kindern ausgehende Mobbing betraf, bekamen unsere Kinder vom Schulsystem (zum Teil) Unterstützung. Aber was die Lehrer betraf, ja, da kam wenig bis überhaupt keine Hilfe. Im Gegenteil – es wurde teilweise gar nicht geglaubt, was Lehrer in der Lage sind, Kindern alles anzutun.
...
Es ist dunkel, menschenleer und still. Nur das Plätschern des Baches ist zu hören und manchmal ein Auto, das auf der nahegelegenen Landesstraße durch die Nacht fährt. Auf der Brücke steht ein Junge, der über das Geländer gebeugt hinabschaut, und er weint bitterlich. Er ist verzweifelt und weiß nicht mehr weiter. „Ich halte das alles einfach nicht mehr aus, ich kann nicht mehr. Wenn ich da jetzt hineinspringe, dann ist es endlich vorbei und ich habe meine Ruhe.“ Er steigt langsam, mit einem Fuß nach dem anderen, auf das Geländer der Brücke, atmet tief durch – und plötzlich klingelt sein Handy. Der Junge steigt wie in Trance vom Geländer herunter, schaut auf das Display seines Handys – es ist sein bester Freund. Während er den Anruf schluchzend annimmt, steht plötzlich sein Vater vor ihm, immens erleichtert, froh und glücklich, seinen Sohn gefunden zu haben. Der Vater nimmt seinen am ganzen Körper zitternden und tränenüberströmten Sohn in den Arm und setzt sich mit ihm auf den Brückenboden. Der Junge, völlig erschöpft und an seinen Papa gelehnt, sagt mit trauriger Stimme zu seinem Freund: „Ja, ist schon gut. Ich gehe jetzt mit Papa nach Hause.“
Eine traurige Geschichte, nur dass es leider keine Geschichte ist. Bei dem Burschen handelt es sich um unseren ältesten Sohn Felix – er war damals 14 Jahre alt.
Man sitzt dann da, hält sein Kind im Arm und die Gefühle fahren Achterbahn. Das Glücksgefühl, sein Kind noch umarmen zu können, ist unbeschreiblich, und dann wird einem klar: Es ist nur noch deswegen möglich, weil ein Telefon geklingelt hat. All die Gefühle, die jetzt auftauchen, wie Traurigkeit, Wut, Angst, Hass, Schuldgefühle, die gefühlt in einem drin abwechselnd versuchen, die Oberhand zu gewinnen – all das macht es einem fast unmöglich, zu atmen.
Das geliebte Kind versucht, sich umzubringen – das ist für Eltern fast nicht zu ertragen, und man kann es einfach nicht in Worte fassen, wie es einem dabei geht. Die richtigen Worte, um das alles wirklich zu beschreiben, die gibt es nicht. Es ist entsetzlich, und ich wünsche niemandem, das erleben zu müssen.
Menschen, die keine Kinder haben, können das wahrscheinlich ohnehin nicht verstehen. Aber auch Eltern, die es (Gott sei Dank) nicht erlebt haben und hoffentlich nie erleben müssen, können sich nicht im Entferntesten vorstellen, was das wirklich bedeutet.
Aber was ist eigentlich passiert? Was treibt ein Kind so weit, dass der Selbstmord der einzige Ausweg zu sein scheint?
Es lässt sich da sicher nicht „nur“ ein einziges Ereignis festmachen. Menschen, die jahrelang beschimpft, bedroht und erniedrigt … werden, kommen oftmals an einen Punkt, an dem die Angst die Oberhand gewinnt. Die Menschen haben Angst vor denen, die ihnen das antun – bei der Arbeit, in der Partnerschaft, im Freundeskreis oder wo auch immer. Aber Angst hemmt und ist kein guter Begleiter. Oftmals ziehen sie sich in sich selbst zurück und meiden nicht notwendige Kontakte … Das alles kann jedem passieren, und so verschieden wir alle sind, schaffen es die einen besser als die anderen. Das alles gilt für Erwachsene, aber ganz besonders für Kinder.
Felix war jahrelang massivem Mobbing, gepaart mit körperlicher Gewalt durch Mitschüler – und seelischer Gewalt, Mobbing und Bedrohungen durch Lehrer – ausgesetzt.
Die Gefühle, die auftauchten, während ich Felix im Arm hielt, waren überwältigend.
Der Hass den Lehrern gegenüber, die meinem Kind so viel Leid zugefügt haben.
Die Wut all jenen im Schulsystem, teils den Kinderschutzorganisationen oder auch Politikern … gegenüber, die vorgegeben haben, Felix zu helfen. Geholfen wurde da meist nur, wenn es um das Mobbing ging, das von Kindern ausging. Was die seelischen Verletzungen, die Drohungen, Beleidigungen und Erniedrigungen … von Lehrern ausgehend betraf, kam meist keine Hilfe, im Gegenteil – es wurde abgestritten und behauptet, die Lehrer hätten sich nichts zuschulden kommen lassen. Die Wut galt aber auch den Experten, wie teils Psychologen und Ärzten, die oftmals auch behauptet hatten, Felix würde es gut gehen, obwohl ich immer wieder interveniert hatte. Ich habe immer wieder berichtet, wie schlecht es Felix ging, habe immer wieder darüber berichtet, wie Lehrer immer noch mit ihm umgegangen sind und wie sehr er darunter gelitten hat. Es wurde nichts geglaubt! Haben diese Experten die Situation verkannt oder wollten sie dem Schulsystem einfach nicht auf die Füße treten?
Die Angst war da, weil Felix noch ein Pflichtschuljahr vor sich hatte und ich Angst davor hatte, mein Kind nicht so beschützen zu können, dass es nicht wieder so weit kommen würde.
Ja, und die Schuldgefühle, die auftauchten, waren enorm. „Haben wir zu wenig für Felix getan? Waren wir zu wenig für ihn da? Warum haben wir das nicht kommen sehen? Was hätten wir anders machen sollen?“
Ich saß immer noch da, Felix im Arm haltend, der inzwischen eingeschlafen war. Die Tränen liefen mir unentwegt übers Gesicht. Ich war so unendlich traurig.
In all den Jahren unserer inzwischen 21-jährigen Schulerfahrung mit unseren Kindern habe ich immer wieder darüber nachgedacht, zu schreiben und zu erzählen, was Mobbing bei Kindern anrichtet. Gerade auch deshalb, weil ich in dieser Zeit immer mehr erfuhr, wie verbreitet Mobbing an unseren Schulen ist. So viele Kinder sind betroffen – man mag sich das gar nicht vorstellen, aber es ist leider Realität. Mit so vielen Eltern bin ich ins Gespräch gekommen, deren Kinder die gleichen oder ähnlichen Erfahrungen wie Felix und Chiara gemacht haben – ausgehend von Mitschülern, aber auch von Lehrern. Auch die Erfahrungen der Eltern mit dem Schulsystem waren so oder so ähnlich wie unsere. Es ist einfach unbeschreiblich. (Ich werde im Laufe dieses Buches viele Fallbeispiele anführen, um das Ausmaß zu verdeutlichen, in welcher Häufigkeit und Intensität Mobbing an unseren Schulen vorkommt.)
In dieser Zeit habe ich auch einmal im Radio eine Diskussionssendung zum Thema Mobbing an den Schulen verfolgt. Es kam dann auch eine Mutter zu Wort und sie erzählte – ich konnte es kaum fassen – von den Erfahrungen ihrer Kinder und ihrer eigenen – sie waren beinahe identisch mit den unseren. Diese Mutter im Radio, das hätte wirklich ich sein können.
Es kamen mir aber immer wieder Zweifel, ob ich denn wirklich darüber schreiben sollte. Ich dachte mir: „Lieber warte ich damit, bis meine Kinder aus der Schule sind.“ Oder: „Darüber wurde schon so viel geschrieben, und was könnten da schon unsere Erfahrungen bewirken?“ Auch der Umstand, dass ich keine Expertin, sprich Ärztin, Therapeutin, Psychologin oder Psychiaterin … bin, was mir in all den Jahren ja immer wieder unter „die Nase“ gerieben wurde und ich deshalb ja keine Ahnung hätte, wie vorzugehen wäre, hat mich immer wieder darin gebremst, anzufangen, ein Buch zu schreiben.
Meine Überzeugung ist ja: Die betroffenen Kinder sind die Experten. Sie sind die, die das Mobbing und all das Leid, das es verursacht, erleben. Die Kinder sind die, die genau wissen, was es bedeutet, wochen-, monate- oder jahrelang diesen seelischen Verletzungen ausgesetzt zu sein. Die Kinder fühlen den Schmerz, die Angst, die Unsicherheit, die Hoffnungslosigkeit und die Traurigkeit.
Um den betroffenen Kindern endlich wirklich helfen zu können, müssen wir den Kindern zuhören!
All jene, die sich Experten nennen, müssen die Kinder endlich ernst nehmen und nicht nur sagen, die Kinder würden an erster Stelle stehen, denn das tun sie nicht! Sie müssen den Kindern wirklich höchste Priorität einräumen und nicht nur schöne Worte in unzähligen Berichten, Broschüren, Homepages oder Gesetzestexten veröffentlichen, die letztendlich doch nur Lippenbekenntnisse bleiben, wenn nicht wirklich danach gehandelt wird, was sie teilweise so prosaisch niederschreiben. Eigentlich ist es Heuchelei: Wenn all das, was in all diesen Publikationen steht, von den Verfassern oder den Verantwortlichen ignoriert oder ins Gegenteil gekehrt wird, verliert es jede Glaubwürdigkeit.
Das ganze Leid unserer Kinder aufgrund des Mobbings dauerte Jahre und wirkt gerade bei ihnen bis heute nach.
Immer wieder kam mir der Gedanke: „Ich muss das alles erzählen, alles in einem Buch niederschreiben“, aber ich zögerte.
Vor ein paar Jahren habe ich den Gedanken dann ganz verworfen. Meinen Kindern ging es an den Schulen endlich wieder gut, und auch ich wollte einen Schlussstrich ziehen.
Aber vor ein paar Tagen hat mir unsere Tochter von einem jungen Mann erzählt, der über seine schlimmen Mobbing-Erfahrungen ein Buch geschrieben hat, wobei das Niederschreiben für ihn eine Art der Verarbeitung war. Chiara hat mir gesagt, dass dieser junge Mann auch eine Dokumentation gemacht hat, und sie würde diese gerne mit mir und Papa ansehen. Wir setzten uns also am Abend zusammen und schauten gemeinsam diese Dokumentation. Schon nach ein paar Minuten merkte ich, dass ich immer kurzatmiger wurde. Langsam liefen mir die ersten Tränen über das Gesicht. Mir kam es vor, als würde sich mein Hals zuschnüren, und die Traurigkeit, aber gerade auch die Wut jenen gegenüber, die nicht helfen oder nicht geholfen haben, stieg langsam wieder in mir hoch. Ich schaute dann zu Chiara und ich war einigermaßen überrascht, aber auch froh, wie gefasst sie war. Sie sagte mir dann aber, sie hätte sich die Doku schon vor ein paar Tagen allein angesehen und sie habe dabei bitterlich geweint.
Da war für mich klar: Ich muss dieses Buch schreiben, denn über dieses Thema ist noch nicht genug geschrieben worden. Es ist immer noch Alltag an den Schulen; es leiden immer noch unsäglich viele Kinder. Wir müssen so lange darüber schreiben, darüber sprechen, bis es endlich kein Tabu mehr ist und die Kinder endlich wirklich ernst genommen werden.
Ich habe auch mit meinen Kindern darüber gesprochen. Sie waren eigentlich die, die mir gesagt haben, ihre Erfahrungen und Erlebnisse und die von allen anderen Kindern müssten endlich gehört werden, damit beginnt, sich vielleicht etwas zu verändern.
Kleine Dinosaurier, große Freude
Ich selbst hatte eine tolle Schulzeit und ich denke gerne daran zurück. Auch deshalb kam der Gedanke, meine Kinder könnten in der Schule Probleme bekommen, zuerst gar nicht auf.
Aber schon bevor unsere Kinder eingeschult wurden, hörte ich von Freunden und Bekannten, deren Kinder schon in die Schule gingen, dass sie immer wieder mitbekommen hatten, wie Kinder an unseren Schulen von Mitschülern gemobbt wurden und wie weit verbreitet es war, aber vor allem die Intensität machte sie sehr betroffen. Ganz ehrlich, ich konnte mir das nicht vorstellen. Ich glaubte: „Wenn es denn vorkommt, dann würden ja bestimmt die Lehrer tätig werden, um das Mobbing zu unterbinden.“ Ja, welche Blauäugigkeit – wie naiv ich doch war.
Auch wurde bei Treffen in der Volksschule unter den Eltern, bei Elternsprechtagen, massiv gerade über einen Lehrer der Hauptschule geschimpft. Die Eltern sagten dazu auch, sie würden versuchen, dass ihre Kinder diesen Lehrer nicht zugeteilt bekämen. Es ging da um Herrn Gandler. Ich bin aber ein Mensch, der eigentlich nichts auf Gerüchte gibt und sich immer lieber selbst ein Bild macht. Ja, in diesem Fall hätte ich die „Gerüchte“ (die leider keine waren) ernst nehmen sollen. Es hat alles gestimmt. Sie, liebe Leserinnen und Leser, werden diesen Lehrer im Laufe des Buches noch „kennenlernen“.
„Mama, schau mal!“ Felix’ Augen strahlen. Er steht vor Regalen, vollgefüllt mit den verschiedensten Schultaschen. Er ist ganz aufgeregt und ungeduldig. „Ja, Felix, du kannst ruhig schon schauen. Aber die Entscheidung wird dir bei dieser riesigen Auswahl wohl schwerfallen.“
Ich unterhielt mich unterdessen mit der Verkäuferin, und dann rief Felix freudig: „Mama! Das ist meine Schultasche, die will ich haben. Da gibt es auch noch den gleichen Werkkoffer, die Mappe für meine Hefte und auch das Turnsackerl. Mama, die will ich haben. Bitte, bitte, bitte!“ Seine Stimme überschlug sich fast vor lauter Freude. Ich konnte es kaum glauben, dass Felix bei dieser riesigen Auswahl wirklich schon wusste, was er wollte. Als ich aber die Schultasche sah, wusste ich sofort, warum seine Wahl gerade auf diese Schultasche fiel. Felix war in diesem Alter ein richtiger Dinosaurier-Fan. Die Schultasche war im Hintergrund golden gefärbt. Darauf waren verschiedene Pflanzen – und das Wichtigste – viele, viele Dinosaurier abgebildet. Mir war klar, das war für Felix mit Sicherheit die richtige Entscheidung. „Ja, natürlich. Diese Schultasche passt perfekt zu dir. Wir werden auch den Werkkoffer, die Heftmappe und das Turnsackerl mit dazu nehmen.“ Ich hatte noch kaum ausgesprochen, da fiel mir Felix um den Hals, nahm die Schultasche aus dem Regal, suchte die anderen Artikel dazu auch noch selbst zusammen und ging voller Stolz zur Kasse.
Felix wurde dann im Herbst eingeschult. Er hatte nette Mitschüler, und er hatte sich schon bald mit ein paar von ihnen angefreundet, und auch die Lehrer waren toll. Also, alles gut. Nach ein paar Jahren sollte sich das alles aber ändern, in einer Art und Weise, wie ich es mir nie auch nur in meinen schlimmsten Albträumen hätte vorstellen können.
Dieses Strahlen in den Augen von Felix erlosch, die Freude verschwand und aus einem lustigen, fröhlichen, aufgeweckten und überaus wissbegierigen Buben wurde ein zutiefst trauriger, unsicherer, verletzter … Teenager.
Das jahrelange Mobbing von Mitschülern, aber gerade das von Lehrern, hat Felix fast zerstört.
Chiara steht unschlüssig vor den vollen Regalen und wirft mir einen fragenden Blick zu. „Ich weiß, du bist jetzt etwas überfordert. Deinen Wunsch nach einer rosa Prinzessinnenschultasche hast du ja klar gemacht. Aber dass es so viele verschiedene Varianten davon gibt, überrascht mich auch. Weißt du, hör jetzt einfach auf deinen Bauch. Probiere einfach diejenigen, die dir am meisten gefallen, und gehe dann mit jeder ein bisschen herum. Nimm dann die, mit der du dich am wohlsten fühlst.“ Chiara stolziert mit einer Schultasche nach der anderen im Geschäft herum. Die nette Verkäuferin kommt dann mit einem Spiegel aus dem Lager und sagt zu Chiara: „Schau mal, ich halte dir den Spiegel und du kannst dich dann mit jeder Schultasche, die du probieren möchtest, im Spiegel betrachten. Vielleicht macht es dir die Entscheidung etwas leichter.“ Das hat geholfen. Chiara entschied sich dann für die Schultasche, mit der sie sich beim Tragen selbst am besten gefallen hat. Auch für Chiara gab es die gleiche Heftmappe, das gleiche Turnsackerl1 und den Werkkoffer dazu. Sie war glücklich, grinste und fragte: „Kann ich sie beim Heimgehen gleich tragen?“ Die nette Verkäuferin und auch ich sagten gleichzeitig: „Ja, natürlich.“
Chiara hat sich auch sehr auf die Schule gefreut. Sie war sehr neugierig, sehr klug, und sie konnte es kaum erwarten, endlich lesen zu können. Sie wollte so schnell wie möglich die Bücher selbst lesen und nicht immer vorgelesen bekommen. Sie wollte lernen, rechnen, schreiben … Beim Aufzählen überschlug sie sich fast vor lauter Vorfreude.
Aber leider musste auch Chiara das Leid des Mobbings erfahren – jahrelang! Chiara zog sich völlig in sich selbst zurück, wurde immer trauriger, unsicherer. Sie war auch körperlich immer mehr angeschlagen. Magen-Darm-Probleme, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, um nur einige körperliche Symptome zu nennen. Es war wirklich schlimm, wieder ein Kind so sehr leiden zu sehen.
„Mama, diese Schultasche möchte ich haben. Bekomme ich den Koffer, die Mappe und das Turnsackerl1 dazu?“ Ich bin so überrascht, weil er sich so schnell entschieden hatte, und ich frage Marcel: „Bist du dir sicher, denn deine Entscheidung hast du jetzt sehr flott getroffen?“ „Ja Mama, ich bin sicher. Sie ist rot und Autos sind auch drauf. Das passt.“ Ich konnte mir ein Schmunzeln nicht verkneifen und sage zu Marcel: „Okay, wenn du dir sicher bist; die anderen Dinge bekommst du auch dazu.“ Ich schmunzle immer noch und denke mir: „Ja, unser Pragmatiker. Seine Lieblingsfarbe ist rot und er mag Autos. Das passt.“ Weiter in Gedanken versunken lächle ich und beobachte Marcel, wie er die Sachen packt und zur Kasse geht. „Mama, sind wir jetzt fertig? Ich möchte nach Hause und mit meinen Freunden spielen.“
Marcel hat sich auch auf die Schule gefreut, auch deshalb, weil es ihm im Kindergarten schon langweilig wurde. Auch Marcel ist wissbegierig und neugierig, und es ist ihm klar, dass er in der Schule vieles lernen und erfahren kann. Aber die Freude von Marcel war nicht so groß und euphorisch wie bei Felix und Chiara. Auf der einen Seite ist es einfach die Art von Marcel, seine Freude nicht wirklich zeigen zu können oder zu wollen. Aber wahrscheinlich hat er auch intuitiv die Sorgen und Ängste seiner Geschwister mitbekommen, obwohl wir versucht haben, das alles so gut wie möglich von Marcel fernzuhalten. Kinder haben allerdings feine Antennen und er hat das Leid seiner Geschwister gespürt.
Gott sei Dank: Marcel ging es in den Schulen immer gut. Er hatte tolle Lehrer und Mitschüler. Natürlich gab es auch Probleme, wie bei uns allen. Aber diese Dinge fielen alle in die Kategorien Entwicklung, Lernen fürs Leben, Konfliktlösungen und vieles mehr.
So sollte Schule sein, dass die Kinder gerne hingehen, mit (meistens) Freude lernen und soziale Kontakte knüpfen können.
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Mit allem, was wir getan haben, um unseren Kindern zu helfen und sie zu unterstützen, steht man auf verlorenem Posten, wenn von Seiten der Verantwortlichen wenig bis gar keine Unterstützung kommt (oder auch oftmals in Gesprächen eine Täter-Opfer-Umkehr gemacht wird). Aber gerade die Hilfe und Unterstützung der Verantwortlichen und der Schulen ist unerlässlich. Denn das Mobbing spielt sich in der Schule ab und darum müsste auch dort unterstützt, eingeschritten und das Mobbing gestoppt werden – das ist auch das, was ALLE Experten sagen: „Das Mobbing muss dort gestoppt werden, wo es passiert – in der Schule!“
Jahrelanges Mobbing gegen unsere Kinder, von Mitschülern ausgehend, aber was ja noch viel schlimmer war, auch von Lehrern. Was das von Kindern ausgehende Mobbing betraf, bekamen unsere Kinder vom Schulsystem (zum Teil) Unterstützung. Aber was die Lehrer betraf, ja, da kam wenig bis überhaupt keine Hilfe. Im Gegenteil – es wurde teilweise gar nicht geglaubt, was Lehrer in der Lage sind, Kindern alles anzutun.
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