Kind der Freiheit
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 146
ISBN: 978-3-7116-0489-7
Erscheinungsdatum: 27.05.2026
Ich traf meine Mutter, als ich mit acht Jahren von Nigeria nach Österreich kam. Nach ihrem Tod fand ich ihr Tagebuch, durch das ich mehr von ihrem Leben als „Weiße“ in Westafrika erfuhr und wie es ihr gelang, wieder in die Heimat zurückzukehren.
Einleitung
Ich schreibe heute für eine Frau, die mir bis vor Kurzem, bis zu meiner Entdeckung ihres persönlichen Tagebuchs, eigentlich fremd war. Deren Leben mir stets wie ein Rätsel, wie ein Mysterium, wie ein Traum erschien. Meine Mutter. Ich sah sie, als ich acht Jahre alt war und von Nigeria nach Österreich kam. Als ich anfangs in der Familie ein paar Jahre von einer Tante zur nächsten gereicht wurde, bis ich von fremden Menschen gefragt wurde, ob ich zu meiner Mutter nach Österreich gehen will. Ich antwortete mit „Ja“ und eine fremde, hübsch gekleidete Frau setzte mich Wochen später in ein Flugzeug. In Frankfurt wurde ich von einer anderen fremden Frau abgeholt. Meiner Mutter. Ich wusste gar nichts über sie. Die Familie in Nigeria erzählte nichts von ihr. Also stellte ich sie mir so vor, wie Weiße in den Serien im TV dargestellt sind, den spanischen und den amerikanischen Soaps, die von den Problemen reicher, weißer Vorstadtmenschen handelten, die über andere tratschten und sich mit Dingen befassten, von welchen ich keine Ahnung hatte. Österreich war wie eine andere Welt, doch eine, die mir gefiel. Und auch die weiße Fremde gefiel mir, auch wenn ich kein Deutsch verstand. Ich musste nur lächeln, und das tat ich. Und dafür bekam ich sogar ein Eis. Das erste Eis in meinem Leben, das blieb mir im Gedächtnis. Ein Jahr später gestalteten wir in der Schule eine Karte zum Muttertag und ich schrieb: „Ich mag meine Mama, weil sie mir jeden Tag ein Eis kauft.“ Was natürlich nicht ganz stimmte, denn jeden Tag bekam ich kein Eis. Darunter war ein Strichmännchen zu sehen, das eine riesige Tüte mit übereinandergestapelten Eiskugeln in der Hand hielt.
Ich versuche gegen das Vergessen zu schreiben, denn meine Mutter will ich nicht vermissen. Stück für Stück rekonstruierte ich die Jahre, die sie in Nigeria verbrachte, wie ein Puzzle, wie ein altes Gemälde, dem man zu neuem Glanz verhelfen möchte. Dein Leben war ein kurzer Glanz für uns, so unscheinbar, fast unsichtbar, und dennoch so prägnant für alle in deinem Umfeld. Sie war wie ein Stern, der für einen kurzen Moment für uns leuchtete. Genau so will ich sie in Erinnerung behalten. Was nun ihr Tagebuch betrifft, so lässt sich nur schwer erörtern, was vom Geschilderten sich tatsächlich ereignet hat und was ihrer Fantasie entsprang. Auch wenn ich hier sagen kann, dass mich nach Veröffentlichung ihrer Geschichte Leute aus Nigeria kontaktierten, die mir auch Bilder von wunderschönen Rosen, welche dort vor einer Kirche blühten, schickten, was mich wirklich berührte. Doch dazu komme ich noch später.
Sie hat es geschafft, mich Wort für Wort zu bannen, Zeile für Zeile zu vereinnahmen. Meine Gedanken, meine Gefühle, meine Empfindungen. Es war, als würden diese verschmelzen zu einem Einzigen, und das hast du geschafft, obwohl du schon seit einiger Zeit unter der Erde liegst. Über dir schon die ersten Frühlingsboten ihre Hälse der Sonne gierig entgegenstrecken. Narzissen und Winterrosen. Das hätte dir gefallen, wenn du das sehen könntest.
Ihr Leben nahm in Nigeria eine einschneidende Wendung, Ereignisse und Erlebnisse von so tiefgreifender, elementarer und für mich so unglaublich gewaltiger, bizarrer Natur, wie ich sie mir niemals vorzustellen fähig gewesen wäre, hätte ich nicht davon gelesen. Und ich muss mir zudem eingestehen, dass es mich auch mit etwas Neid erfüllt, nicht von ebensolchem Reichtum an Erlebnisfülle selbst sprechen zu können, auch wenn ich das so Beschriebene in dieser Art und Weise niemandem jemals wünschen würde.
1
Das Gewohnheitstier
Der Geruch von frischer Erde liegt mir noch in der Nase. Beerdigungen haben etwas so Eigentümliches, so etwas Endgültiges. Es war ein dunkler, trüber Tag im Februar. Nebel hing über der Stadt, wie man es zu dieser Jahreszeit eigentlich gar nicht anders kannte. Ich kam am Friedhof an, die Glocken läuteten. Ein Kiesweg führte an den Gräbern entlang. Dicke, dunkle Wolken hingen am Himmel. Schwarze Krähen waren die Zeugen des heutigen zeremoniellen Geschehens. Wie Wächter zwischen Himmel und Erde. Dunkler, schwarzer, feuchter Erde, die meine verstorbene Mutter schon bald empfangen sollte. Die Krähen stolzierten mit staksigen Bewegungen auf und ab, ihr Federkleid ähnelte einem schwarzen Frack. Wie der der Totengräber. Sie passten zu diesem Friedhof, als wären sie geradewegs hinbestellt worden, um dieser letzten Ehrerweisung beizuwohnen.
Plötzlich fing es an zu regnen, als weine der Himmel um dich, als lehne er sich auf gegen diese gewaltige Ungerechtigkeit, die uns, da wir da alle um dein Grab hilflos und kraftlos herumstehen, widerfahren ist. Mit welchem Recht müssen wir nun leiden, müssen wir nun dich vermissen. Aber es ist wahr, du fehlst, etwas fehlt, was Tage zuvor noch da war.
Auch wenn sie die letzten Jahre in einer Wohnung in Innsbruck lebte, vererbte sie mir ein altes Bauernhaus in Tirol, im Brixental. Als Kind verbrachte ich einige Sommer dort und hatte es in gutem, wenn auch etwas vernachlässigtem und renovierungsbedürftigem Zustand in Erinnerung.
Es war März und ich fuhr von München nach Tirol. Ich kam in Hopfgarten an und parkte meinen silbergrauen Polo, stieg aus und genoss das Sonnenlicht. Leider war das Gras an diesem Morgen noch vom Tau und Regen etwas nass, sodass ich bis zu den Knöcheln feucht war. Deshalb stellte ich mich direkt in die Sonne, um meine Füße in den schwarzen Ledersandaletten zu trocknen und zu wärmen. Das Gras war noch nicht hoch genug, um gemäht zu werden, und das Gezirpe unzähliger Grillen war zu hören. Zwei Jogger kamen des Weges und grüßten kurz und bündig. Ein älterer Mann mit einem Hund, Golden Retriever. Schon viele Jahre war ich nicht mehr hier gewesen, also war ich gespannt, was mich erwarten würde. Ich öffnete das Messingschloss.
Eine alte Holztüre, der dunkelgrüne Lack bröckelte schon teilweise ab, sodass das nackte Holz zum Vorschein kam. Die Türe knarrte und ein stickiger, angestaubter Geruch kam mir entgegen. Mit dem hätte ich rechnen müssen, hatte ich aber nicht, also wich ich erst mal zwei Schritte zurück. Licht fiel von außen in den Flur und ein alter, uriger Holzfußboden aus breiten Balken kam zum Vorschein. Nachdem ich ein paar Mal tief Luft geholt hatte, setzte ich meinen Fuß über die Schwelle. „Erst einmal alle Fenster auf und lüften“, war mein Gedanke. Die Fenster waren klein, mit Gardinen aus dickem Stoff versehen, von gelblicher Farbe, was wohl einmal in besseren Zeiten Weiß war. Ich fühlte den Stoff, sicher Leinen, „kann man waschen, kein Problem“. Dann sah ich mich erst einmal um. In einer Ecke war ein alter Kamin, der Blecheimer für die Asche und ein Stapel Brennholz sauber daneben geschlichtet, als wäre er erst kürzlich noch in Betrieb gewesen. Gegenüber eine Ecksitzbank aus Holz samt Tisch und zwei Stühlen. Die Einbauküche auf der anderen Seite des Raumes war wie neu, sicher eine Neuanschaffung meiner Mutter. Ich öffnete aus Neugierde die Schränke und es war eigentlich alles da: ein paar Teller, Gläser, Besteck, drei Töpfe und eine Pfanne, Sieb und Schneidbrett. „So kann man es aushalten“, war mein Gedanke und ich überlegte, eventuell sogar noch etwas länger zu bleiben, vielleicht sogar hier zu übernachten, da ich sowieso nichts Besonderes die nächste Zeit vorhatte. Irgendwo fand ich eine Flasche Chardonnay. Ich goss mir ein und hob das Glas auf meine Mutter. Meine Mutter, die voller Überraschungen steckte. „Aber Mama“, sagte ich, „mit so einer Überraschung hätte ich nie gerechnet, Prost!“ Doch bei diesem einen Glas sollte es nicht bleiben. Auf der Terrasse lud eine Sitzbank zum Verweilen ein. Ich genoss den wunderschönen Ausblick. Dadurch, dass das Haus auf einem Hügel stand, sah man die Felder, einen Waldweg, einen verträumten Bach und die angrenzenden, in sattem Dunkelgrün erstrahlenden Wälder. Das war ein schönes Bild. Und so kam es, dass aus einem Glas Wein, der wirklich nicht zu verachten war, schnell zwei und sogar drei wurden.
Dann kam der Sonnenuntergang und der Horizont färbte sich in ein Farbenspiel roter bis purpurner Facetten über den Gipfeln der Bäume. So etwas Schönes hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. „Jetzt ist es auch spät geworden, um wieder zurück nach München zu fahren, und nicht zu vergessen der Wein“, dachte ich. „Dann kann ich genauso gut auch hierbleiben.“ Da ich kein Bettzeug mithatte, überlegte ich, in meinem Polo auf der Rückbank zu übernachten oder den Vordersitz nach hinten zu kippen. Ich glaube, ich habe sogar noch eine Decke im Kofferraum. Irgendwann in der Nacht wurde es aber dann doch kalt und ungemütlich, so viele unheimliche Geräusche, und der Wind heulte, und ich schlurfte mit der Decke zurück ins Haus. Außer der Stube gab es noch ein kleines Bad, welches von Mutter sicher selbst renoviert worden war, denn es blieben keine Wünsche offen. Neben Dusche, Waschbecken und Toilette gab es sogar eine Waschmaschine. Auch ein Fön fand sich in einem kleinen Eckregal. Sie hatte wohl an alles gedacht. Obwohl sie nur gelegentlich die Wochenenden hier verbrachte, hatte sie sich sehr gut eingerichtet. Aber so war sie, nichts dem Zufall überlassen, nichts von diesen chaotischen Zuständen, die bei mir manches Mal zum Vorschein kamen. Ich musste lachen, wenn ich daran dachte, wie es bei mir zu Hause manchmal aussah. Oft bin ich zu müde, zu träge, zu antriebslos. Ich machte mir einen Tee und dachte nach. „Woher kommt nur manches Mal meine Trägheit, meine Antriebslosigkeit? Na ja, sind wir nicht alle Gewohnheitstiere?“ Doch auf was bin ich am allermeisten stolz? Nach fünf Jahren habe ich es endlich geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören. Nach drei erfolglosen Versuchen wollte ich schon aufgeben, doch heute bin ich erleichtert, dass ich es nicht getan habe. Auch wenn ich in den ersten Monaten einen Hang zur Zigarette verspürte, gerade dann, wenn neben mir jemand rauchte, griff ich zum Kaugummi, der mich schon manches Mal in solch einer Situation gerettet hat. Es kommt mir so vor, als sei dies das Schwerste gewesen, dass ich in meinem bisherigen Leben von achtundzwanzig Jahren gemeistert habe. Nicht, einen Marathon mitgelaufen zu sein, einen See durchschwommen, den Bachelor geschafft, einen Redewettbewerb gewonnen oder den höchsten Berg Deutschlands bestiegen zu haben. Von einer Sucht weggekommen zu sein, ist, wie einen Jackpot geknackt zu haben oder den Nobelpreis erhalten zu haben. Genau so ist das.
2
Das Tagebuch
Am nächsten Morgen weckten mich Sonnenstrahlen, welche durch die halbzugezogenen Gardinen blitzten. Ich wusste nicht mehr, wo ich war, und sah mich um. Zwei dicke Holzbalken durchzogen die Decke, in den Ecken Spinnweben, ein kleiner gelber Webteppich in der Mitte des Raumes, gegenüber die alte Holzbank mit Tisch, die zu zwei Drittel geleerte Weinflasche und ein leeres Weinglas standen noch darauf. „Die stummen Zeugen der letzten Nacht“, durchfuhr es mich. Ich musste grinsen. „Habe ich es etwa übertrieben? Aber wie oft im Leben bekommt man schon ein Haus geschenkt?“ Ich fand es den Umständen entsprechend sehr wohl gerechtfertigt, mich zu freuen und zu feiern. Tun wir das nicht viel zu selten? Sind nicht die Italiener, Spanier und Franzosen die viel tüchtigeren Feierer, als wir es je sein werden, die wir immerzu so streng mit uns selbst ins Gericht gehen? Man darf sich ab und zu schon auch mal was gönnen. Aber heute nicht mehr, war meine Feststellung und ich kippte den Rest des Weines in die Spüle.
Den Tag wollte ich unbedingt nutzen, um mich etwas mehr umzusehen, denn ich hatte noch lange nicht alles gesehen, was dieses Haus zu bieten hatte, nur einen Teil des Hauses – den Wohnteil. Es gab noch eine Scheune, die angrenzte, sowie einen Stall im Erdgeschoß. Deshalb bekam ich auch drei Schlüssel und nicht nur, wie von mir erwartet, einen allein. Als Erstes ging ich in den Stall, der verstaubt und verlassen dastand. „Hier ist schon lange niemand mehr gewesen, geschweige denn ein Tier“, war meine Feststellung. Ich ging zur Scheune. Es war nicht einfach, dieses alte Schloss zu öffnen, ich hatte es fast schon aufgegeben. Der Rost hatte es schon etwas angefressen, doch schließlich hatte ich es geschafft. So leicht gebe ich mich doch nicht geschlagen. Ich habe ein Kämpferherz. Der Schuppen war ein Zeugnis längst vergessener Zeit. Wie wenn man mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit reist. Das Besondere daran war, dass man die Geschichte der Gegenstände förmlich riechen konnte. Sie wurden nicht hergestellt, um in einem Museum die Wissbegierde zahlreicher Besucher zu stillen, sondern waren allesamt Werkzeuge. Sie wurden tatsächlich benutzt, sie wurden verwendet, mit den eigenen Händen bedient, haben den Schweiß von Menschen getragen, die Sonne, das Wasser, die Erde geschmeckt. Eine alte Sense, eine Axt samt Spaltklotz, ein Butterfass, eine alte Ziehharmonika, eine Singer Schreibmaschine, eine Säge, Hammer und Meißel, sogar ein Pferdegeschirr nebst allen möglichen Geräten, welche ich gar nicht benennen konnte, weil es sich meiner Kenntnis entzog, um was es sich überhaupt handelte.
Sie erschienen mir plötzlich in einem anderen Licht. So lebendig, als möchten sie ihre Geschichte erzählen. Wie sie entstanden, wie sie benutzt wurden, was sie gesehen, geschmeckt und gehört haben. Sie haben die Sonne gespürt, den Regen und den Schnee, Freude und Trauer erlebt, den Schweiß der Menschen geschmeckt, welche sie in der Hand hielten, und unzählige Geschichten gehört. Vieler dieser Gegenstände hatten meine Vorfahren in den Händen gehalten, meine Großeltern und deren Eltern, die dieses Haus gebaut hatten. Das hatte so etwas Besonderes, ließ all diese Gegenstände so anders wirken, gab ihnen etwas so Erhabenes, etwas fast schon Sakrales. Ich setzte einen Hut auf, wahrscheinlich von Großmutter, und betrachtete mich in diesem alten Spiegel, der da an der Wand stand, genau so wie du damals davor gestanden bist mit demselben Hut, vor vielen Jahren. Ein Filzhut mit Federn. Ich lächelte hinein, so wie du gelächelt hast. Mir war plötzlich so anders zumute, so feierlich.
Aber so fand ich sie schließlich. Eine alte hellblaue Holztruhe, floral aufwendig bemalt, mit etwas verblassten Blumen. Sie stand unter mehreren Stapeln alter Zeitungen, fast schon vergraben darin, in einem Eck. Natürlich hatte sie sofort meine ganze Aufmerksamkeit für sich eingenommen. Ich fand sie einfach sehr hübsch, kam aber nicht auf die Idee, sie zu öffnen, denn ich fand etwas anderes. Ein altes Fahrrad, allerdings nicht ganz so alt wie alles andere hier, möglicherweise von meiner Mutter angeschafft. Plötzlich hatte ich Lust, die Gegend etwas auszukundschaften, wer weiß, was ich noch alles entdecken würde. Ich nahm einen Rucksack mit, denn mir fiel auf, dass es kein Toilettenpapier mehr gab, und das könnte ich sogleich auf dem Weg zurück besorgen. Es war ein netter, etwas holpriger Feldweg, der ins Dorf führte. Mir fiel auf, wie schön es doch war, nicht immer nur auf akkurat geradem Beton mit dem Fahrrad zu fahren. Alles machte einen so friedlichen Anschein. Ja, hier gefiel es mir, stellte ich fest. Ich besorgte auch noch einiges anderes vom Supermarkt, hauptsächlich Essbares.
Irgendwann am späten Nachmittag ging ich nochmals in die Scheune. Ich öffnete die Truhe, keine Ahnung, warum, wahrscheinlich aus Neugierde. Ich wurde nicht enttäuscht, denn darin waren alte Schwarz-Weiß-Fotos und ein paar neue sowie Negative. Ein alter Fotoapparat in einem Lederetui gefiel mir so gut, dass ich ihn gleich mitnahm. „Wie vom Antiquitätenladen“, überkam es mich, und ich überlegte mir, von wie vielen Generationen sich hier wohl noch Hab und Gut sammelte. Doch das Überraschende waren für mich ein Stapel Briefe, die alle meinen Namen trugen. Briefe, die meine Mutter geschrieben hatte, als ich in Nigeria war, und nie geschickt hatte. Warum hatte ich sie nicht erhalten? Es war keine Adresse darauf, nur mein Name. Sowie ein in Leder gebundenes Büchlein, das sich als Tagebuch meiner Mutter herausstellte. Auf der ersten Seite stand: „Kind der Freiheit“
Ich begann zu lesen, meine Neugierde war geweckt. Was war so wichtig, dass es wert war, auf Papier verewigt zu werden?
Ihr erster Eintrag:
Ich weiß gar nicht mehr, wann ich zum Schreiben kam. Alles begann mit Briefen an dich, Briefe, die nie verschickt wurden, denn ich hatte deine Adresse in Nigeria nicht. Ich wusste nicht, wo du lebst und wie es dir ergangen ist. Briefe ohne Ziel und Weg, die deinen Namen tragen. Briefe, die sich langsam in etwas anderes manifestierten. Was anfing wie ein stiller Protest gegen das Vergessen, eine Auflehnung gegen eine Art Resignation, entwickelte sich zu einer Leidenschaft. Ich liebe es, vom Mond zu schreiben, den Sternen, dem Himmel und der Erde, dem Gras und den Bäumen, der Liebe und dem Schmerz. Das ist alles Teil von uns, Teil unseres Lebens – so lebendig und so magisch wie jene Transformation, Buchstaben formen sich zu Worten und Worte werden zu Gefühlen. Ein Tagebuch kann all das, kann innerlich berühren, zum Lachen bringen, zu Tränen rühren, zum Erstaunen oder zum Innehalten. Es ist wie eine Reise in eine andere Welt, eine andere Dimension, ein anderes Leben, meins. Ich möchte teilen, was mich berührte in Nigeria, was mich erstaunte, mich wütend machte, mich zu Tränen rührte, was ich zu leben und zu lieben lernte. Zu meiner Tochter kann ich nur sagen: Ich kann die Uhr nicht zurückdrehen, keine Zeit kaufen, die uns genommen ward, doch ich kann dir noch viel mehr geben und noch viel mehr sein, wenn du es willst. Damit widme ich dir mein Buch: „Kind der Freiheit“.
…
Ich schreibe heute für eine Frau, die mir bis vor Kurzem, bis zu meiner Entdeckung ihres persönlichen Tagebuchs, eigentlich fremd war. Deren Leben mir stets wie ein Rätsel, wie ein Mysterium, wie ein Traum erschien. Meine Mutter. Ich sah sie, als ich acht Jahre alt war und von Nigeria nach Österreich kam. Als ich anfangs in der Familie ein paar Jahre von einer Tante zur nächsten gereicht wurde, bis ich von fremden Menschen gefragt wurde, ob ich zu meiner Mutter nach Österreich gehen will. Ich antwortete mit „Ja“ und eine fremde, hübsch gekleidete Frau setzte mich Wochen später in ein Flugzeug. In Frankfurt wurde ich von einer anderen fremden Frau abgeholt. Meiner Mutter. Ich wusste gar nichts über sie. Die Familie in Nigeria erzählte nichts von ihr. Also stellte ich sie mir so vor, wie Weiße in den Serien im TV dargestellt sind, den spanischen und den amerikanischen Soaps, die von den Problemen reicher, weißer Vorstadtmenschen handelten, die über andere tratschten und sich mit Dingen befassten, von welchen ich keine Ahnung hatte. Österreich war wie eine andere Welt, doch eine, die mir gefiel. Und auch die weiße Fremde gefiel mir, auch wenn ich kein Deutsch verstand. Ich musste nur lächeln, und das tat ich. Und dafür bekam ich sogar ein Eis. Das erste Eis in meinem Leben, das blieb mir im Gedächtnis. Ein Jahr später gestalteten wir in der Schule eine Karte zum Muttertag und ich schrieb: „Ich mag meine Mama, weil sie mir jeden Tag ein Eis kauft.“ Was natürlich nicht ganz stimmte, denn jeden Tag bekam ich kein Eis. Darunter war ein Strichmännchen zu sehen, das eine riesige Tüte mit übereinandergestapelten Eiskugeln in der Hand hielt.
Ich versuche gegen das Vergessen zu schreiben, denn meine Mutter will ich nicht vermissen. Stück für Stück rekonstruierte ich die Jahre, die sie in Nigeria verbrachte, wie ein Puzzle, wie ein altes Gemälde, dem man zu neuem Glanz verhelfen möchte. Dein Leben war ein kurzer Glanz für uns, so unscheinbar, fast unsichtbar, und dennoch so prägnant für alle in deinem Umfeld. Sie war wie ein Stern, der für einen kurzen Moment für uns leuchtete. Genau so will ich sie in Erinnerung behalten. Was nun ihr Tagebuch betrifft, so lässt sich nur schwer erörtern, was vom Geschilderten sich tatsächlich ereignet hat und was ihrer Fantasie entsprang. Auch wenn ich hier sagen kann, dass mich nach Veröffentlichung ihrer Geschichte Leute aus Nigeria kontaktierten, die mir auch Bilder von wunderschönen Rosen, welche dort vor einer Kirche blühten, schickten, was mich wirklich berührte. Doch dazu komme ich noch später.
Sie hat es geschafft, mich Wort für Wort zu bannen, Zeile für Zeile zu vereinnahmen. Meine Gedanken, meine Gefühle, meine Empfindungen. Es war, als würden diese verschmelzen zu einem Einzigen, und das hast du geschafft, obwohl du schon seit einiger Zeit unter der Erde liegst. Über dir schon die ersten Frühlingsboten ihre Hälse der Sonne gierig entgegenstrecken. Narzissen und Winterrosen. Das hätte dir gefallen, wenn du das sehen könntest.
Ihr Leben nahm in Nigeria eine einschneidende Wendung, Ereignisse und Erlebnisse von so tiefgreifender, elementarer und für mich so unglaublich gewaltiger, bizarrer Natur, wie ich sie mir niemals vorzustellen fähig gewesen wäre, hätte ich nicht davon gelesen. Und ich muss mir zudem eingestehen, dass es mich auch mit etwas Neid erfüllt, nicht von ebensolchem Reichtum an Erlebnisfülle selbst sprechen zu können, auch wenn ich das so Beschriebene in dieser Art und Weise niemandem jemals wünschen würde.
1
Das Gewohnheitstier
Der Geruch von frischer Erde liegt mir noch in der Nase. Beerdigungen haben etwas so Eigentümliches, so etwas Endgültiges. Es war ein dunkler, trüber Tag im Februar. Nebel hing über der Stadt, wie man es zu dieser Jahreszeit eigentlich gar nicht anders kannte. Ich kam am Friedhof an, die Glocken läuteten. Ein Kiesweg führte an den Gräbern entlang. Dicke, dunkle Wolken hingen am Himmel. Schwarze Krähen waren die Zeugen des heutigen zeremoniellen Geschehens. Wie Wächter zwischen Himmel und Erde. Dunkler, schwarzer, feuchter Erde, die meine verstorbene Mutter schon bald empfangen sollte. Die Krähen stolzierten mit staksigen Bewegungen auf und ab, ihr Federkleid ähnelte einem schwarzen Frack. Wie der der Totengräber. Sie passten zu diesem Friedhof, als wären sie geradewegs hinbestellt worden, um dieser letzten Ehrerweisung beizuwohnen.
Plötzlich fing es an zu regnen, als weine der Himmel um dich, als lehne er sich auf gegen diese gewaltige Ungerechtigkeit, die uns, da wir da alle um dein Grab hilflos und kraftlos herumstehen, widerfahren ist. Mit welchem Recht müssen wir nun leiden, müssen wir nun dich vermissen. Aber es ist wahr, du fehlst, etwas fehlt, was Tage zuvor noch da war.
Auch wenn sie die letzten Jahre in einer Wohnung in Innsbruck lebte, vererbte sie mir ein altes Bauernhaus in Tirol, im Brixental. Als Kind verbrachte ich einige Sommer dort und hatte es in gutem, wenn auch etwas vernachlässigtem und renovierungsbedürftigem Zustand in Erinnerung.
Es war März und ich fuhr von München nach Tirol. Ich kam in Hopfgarten an und parkte meinen silbergrauen Polo, stieg aus und genoss das Sonnenlicht. Leider war das Gras an diesem Morgen noch vom Tau und Regen etwas nass, sodass ich bis zu den Knöcheln feucht war. Deshalb stellte ich mich direkt in die Sonne, um meine Füße in den schwarzen Ledersandaletten zu trocknen und zu wärmen. Das Gras war noch nicht hoch genug, um gemäht zu werden, und das Gezirpe unzähliger Grillen war zu hören. Zwei Jogger kamen des Weges und grüßten kurz und bündig. Ein älterer Mann mit einem Hund, Golden Retriever. Schon viele Jahre war ich nicht mehr hier gewesen, also war ich gespannt, was mich erwarten würde. Ich öffnete das Messingschloss.
Eine alte Holztüre, der dunkelgrüne Lack bröckelte schon teilweise ab, sodass das nackte Holz zum Vorschein kam. Die Türe knarrte und ein stickiger, angestaubter Geruch kam mir entgegen. Mit dem hätte ich rechnen müssen, hatte ich aber nicht, also wich ich erst mal zwei Schritte zurück. Licht fiel von außen in den Flur und ein alter, uriger Holzfußboden aus breiten Balken kam zum Vorschein. Nachdem ich ein paar Mal tief Luft geholt hatte, setzte ich meinen Fuß über die Schwelle. „Erst einmal alle Fenster auf und lüften“, war mein Gedanke. Die Fenster waren klein, mit Gardinen aus dickem Stoff versehen, von gelblicher Farbe, was wohl einmal in besseren Zeiten Weiß war. Ich fühlte den Stoff, sicher Leinen, „kann man waschen, kein Problem“. Dann sah ich mich erst einmal um. In einer Ecke war ein alter Kamin, der Blecheimer für die Asche und ein Stapel Brennholz sauber daneben geschlichtet, als wäre er erst kürzlich noch in Betrieb gewesen. Gegenüber eine Ecksitzbank aus Holz samt Tisch und zwei Stühlen. Die Einbauküche auf der anderen Seite des Raumes war wie neu, sicher eine Neuanschaffung meiner Mutter. Ich öffnete aus Neugierde die Schränke und es war eigentlich alles da: ein paar Teller, Gläser, Besteck, drei Töpfe und eine Pfanne, Sieb und Schneidbrett. „So kann man es aushalten“, war mein Gedanke und ich überlegte, eventuell sogar noch etwas länger zu bleiben, vielleicht sogar hier zu übernachten, da ich sowieso nichts Besonderes die nächste Zeit vorhatte. Irgendwo fand ich eine Flasche Chardonnay. Ich goss mir ein und hob das Glas auf meine Mutter. Meine Mutter, die voller Überraschungen steckte. „Aber Mama“, sagte ich, „mit so einer Überraschung hätte ich nie gerechnet, Prost!“ Doch bei diesem einen Glas sollte es nicht bleiben. Auf der Terrasse lud eine Sitzbank zum Verweilen ein. Ich genoss den wunderschönen Ausblick. Dadurch, dass das Haus auf einem Hügel stand, sah man die Felder, einen Waldweg, einen verträumten Bach und die angrenzenden, in sattem Dunkelgrün erstrahlenden Wälder. Das war ein schönes Bild. Und so kam es, dass aus einem Glas Wein, der wirklich nicht zu verachten war, schnell zwei und sogar drei wurden.
Dann kam der Sonnenuntergang und der Horizont färbte sich in ein Farbenspiel roter bis purpurner Facetten über den Gipfeln der Bäume. So etwas Schönes hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. „Jetzt ist es auch spät geworden, um wieder zurück nach München zu fahren, und nicht zu vergessen der Wein“, dachte ich. „Dann kann ich genauso gut auch hierbleiben.“ Da ich kein Bettzeug mithatte, überlegte ich, in meinem Polo auf der Rückbank zu übernachten oder den Vordersitz nach hinten zu kippen. Ich glaube, ich habe sogar noch eine Decke im Kofferraum. Irgendwann in der Nacht wurde es aber dann doch kalt und ungemütlich, so viele unheimliche Geräusche, und der Wind heulte, und ich schlurfte mit der Decke zurück ins Haus. Außer der Stube gab es noch ein kleines Bad, welches von Mutter sicher selbst renoviert worden war, denn es blieben keine Wünsche offen. Neben Dusche, Waschbecken und Toilette gab es sogar eine Waschmaschine. Auch ein Fön fand sich in einem kleinen Eckregal. Sie hatte wohl an alles gedacht. Obwohl sie nur gelegentlich die Wochenenden hier verbrachte, hatte sie sich sehr gut eingerichtet. Aber so war sie, nichts dem Zufall überlassen, nichts von diesen chaotischen Zuständen, die bei mir manches Mal zum Vorschein kamen. Ich musste lachen, wenn ich daran dachte, wie es bei mir zu Hause manchmal aussah. Oft bin ich zu müde, zu träge, zu antriebslos. Ich machte mir einen Tee und dachte nach. „Woher kommt nur manches Mal meine Trägheit, meine Antriebslosigkeit? Na ja, sind wir nicht alle Gewohnheitstiere?“ Doch auf was bin ich am allermeisten stolz? Nach fünf Jahren habe ich es endlich geschafft, mit dem Rauchen aufzuhören. Nach drei erfolglosen Versuchen wollte ich schon aufgeben, doch heute bin ich erleichtert, dass ich es nicht getan habe. Auch wenn ich in den ersten Monaten einen Hang zur Zigarette verspürte, gerade dann, wenn neben mir jemand rauchte, griff ich zum Kaugummi, der mich schon manches Mal in solch einer Situation gerettet hat. Es kommt mir so vor, als sei dies das Schwerste gewesen, dass ich in meinem bisherigen Leben von achtundzwanzig Jahren gemeistert habe. Nicht, einen Marathon mitgelaufen zu sein, einen See durchschwommen, den Bachelor geschafft, einen Redewettbewerb gewonnen oder den höchsten Berg Deutschlands bestiegen zu haben. Von einer Sucht weggekommen zu sein, ist, wie einen Jackpot geknackt zu haben oder den Nobelpreis erhalten zu haben. Genau so ist das.
2
Das Tagebuch
Am nächsten Morgen weckten mich Sonnenstrahlen, welche durch die halbzugezogenen Gardinen blitzten. Ich wusste nicht mehr, wo ich war, und sah mich um. Zwei dicke Holzbalken durchzogen die Decke, in den Ecken Spinnweben, ein kleiner gelber Webteppich in der Mitte des Raumes, gegenüber die alte Holzbank mit Tisch, die zu zwei Drittel geleerte Weinflasche und ein leeres Weinglas standen noch darauf. „Die stummen Zeugen der letzten Nacht“, durchfuhr es mich. Ich musste grinsen. „Habe ich es etwa übertrieben? Aber wie oft im Leben bekommt man schon ein Haus geschenkt?“ Ich fand es den Umständen entsprechend sehr wohl gerechtfertigt, mich zu freuen und zu feiern. Tun wir das nicht viel zu selten? Sind nicht die Italiener, Spanier und Franzosen die viel tüchtigeren Feierer, als wir es je sein werden, die wir immerzu so streng mit uns selbst ins Gericht gehen? Man darf sich ab und zu schon auch mal was gönnen. Aber heute nicht mehr, war meine Feststellung und ich kippte den Rest des Weines in die Spüle.
Den Tag wollte ich unbedingt nutzen, um mich etwas mehr umzusehen, denn ich hatte noch lange nicht alles gesehen, was dieses Haus zu bieten hatte, nur einen Teil des Hauses – den Wohnteil. Es gab noch eine Scheune, die angrenzte, sowie einen Stall im Erdgeschoß. Deshalb bekam ich auch drei Schlüssel und nicht nur, wie von mir erwartet, einen allein. Als Erstes ging ich in den Stall, der verstaubt und verlassen dastand. „Hier ist schon lange niemand mehr gewesen, geschweige denn ein Tier“, war meine Feststellung. Ich ging zur Scheune. Es war nicht einfach, dieses alte Schloss zu öffnen, ich hatte es fast schon aufgegeben. Der Rost hatte es schon etwas angefressen, doch schließlich hatte ich es geschafft. So leicht gebe ich mich doch nicht geschlagen. Ich habe ein Kämpferherz. Der Schuppen war ein Zeugnis längst vergessener Zeit. Wie wenn man mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit reist. Das Besondere daran war, dass man die Geschichte der Gegenstände förmlich riechen konnte. Sie wurden nicht hergestellt, um in einem Museum die Wissbegierde zahlreicher Besucher zu stillen, sondern waren allesamt Werkzeuge. Sie wurden tatsächlich benutzt, sie wurden verwendet, mit den eigenen Händen bedient, haben den Schweiß von Menschen getragen, die Sonne, das Wasser, die Erde geschmeckt. Eine alte Sense, eine Axt samt Spaltklotz, ein Butterfass, eine alte Ziehharmonika, eine Singer Schreibmaschine, eine Säge, Hammer und Meißel, sogar ein Pferdegeschirr nebst allen möglichen Geräten, welche ich gar nicht benennen konnte, weil es sich meiner Kenntnis entzog, um was es sich überhaupt handelte.
Sie erschienen mir plötzlich in einem anderen Licht. So lebendig, als möchten sie ihre Geschichte erzählen. Wie sie entstanden, wie sie benutzt wurden, was sie gesehen, geschmeckt und gehört haben. Sie haben die Sonne gespürt, den Regen und den Schnee, Freude und Trauer erlebt, den Schweiß der Menschen geschmeckt, welche sie in der Hand hielten, und unzählige Geschichten gehört. Vieler dieser Gegenstände hatten meine Vorfahren in den Händen gehalten, meine Großeltern und deren Eltern, die dieses Haus gebaut hatten. Das hatte so etwas Besonderes, ließ all diese Gegenstände so anders wirken, gab ihnen etwas so Erhabenes, etwas fast schon Sakrales. Ich setzte einen Hut auf, wahrscheinlich von Großmutter, und betrachtete mich in diesem alten Spiegel, der da an der Wand stand, genau so wie du damals davor gestanden bist mit demselben Hut, vor vielen Jahren. Ein Filzhut mit Federn. Ich lächelte hinein, so wie du gelächelt hast. Mir war plötzlich so anders zumute, so feierlich.
Aber so fand ich sie schließlich. Eine alte hellblaue Holztruhe, floral aufwendig bemalt, mit etwas verblassten Blumen. Sie stand unter mehreren Stapeln alter Zeitungen, fast schon vergraben darin, in einem Eck. Natürlich hatte sie sofort meine ganze Aufmerksamkeit für sich eingenommen. Ich fand sie einfach sehr hübsch, kam aber nicht auf die Idee, sie zu öffnen, denn ich fand etwas anderes. Ein altes Fahrrad, allerdings nicht ganz so alt wie alles andere hier, möglicherweise von meiner Mutter angeschafft. Plötzlich hatte ich Lust, die Gegend etwas auszukundschaften, wer weiß, was ich noch alles entdecken würde. Ich nahm einen Rucksack mit, denn mir fiel auf, dass es kein Toilettenpapier mehr gab, und das könnte ich sogleich auf dem Weg zurück besorgen. Es war ein netter, etwas holpriger Feldweg, der ins Dorf führte. Mir fiel auf, wie schön es doch war, nicht immer nur auf akkurat geradem Beton mit dem Fahrrad zu fahren. Alles machte einen so friedlichen Anschein. Ja, hier gefiel es mir, stellte ich fest. Ich besorgte auch noch einiges anderes vom Supermarkt, hauptsächlich Essbares.
Irgendwann am späten Nachmittag ging ich nochmals in die Scheune. Ich öffnete die Truhe, keine Ahnung, warum, wahrscheinlich aus Neugierde. Ich wurde nicht enttäuscht, denn darin waren alte Schwarz-Weiß-Fotos und ein paar neue sowie Negative. Ein alter Fotoapparat in einem Lederetui gefiel mir so gut, dass ich ihn gleich mitnahm. „Wie vom Antiquitätenladen“, überkam es mich, und ich überlegte mir, von wie vielen Generationen sich hier wohl noch Hab und Gut sammelte. Doch das Überraschende waren für mich ein Stapel Briefe, die alle meinen Namen trugen. Briefe, die meine Mutter geschrieben hatte, als ich in Nigeria war, und nie geschickt hatte. Warum hatte ich sie nicht erhalten? Es war keine Adresse darauf, nur mein Name. Sowie ein in Leder gebundenes Büchlein, das sich als Tagebuch meiner Mutter herausstellte. Auf der ersten Seite stand: „Kind der Freiheit“
Ich begann zu lesen, meine Neugierde war geweckt. Was war so wichtig, dass es wert war, auf Papier verewigt zu werden?
Ihr erster Eintrag:
Ich weiß gar nicht mehr, wann ich zum Schreiben kam. Alles begann mit Briefen an dich, Briefe, die nie verschickt wurden, denn ich hatte deine Adresse in Nigeria nicht. Ich wusste nicht, wo du lebst und wie es dir ergangen ist. Briefe ohne Ziel und Weg, die deinen Namen tragen. Briefe, die sich langsam in etwas anderes manifestierten. Was anfing wie ein stiller Protest gegen das Vergessen, eine Auflehnung gegen eine Art Resignation, entwickelte sich zu einer Leidenschaft. Ich liebe es, vom Mond zu schreiben, den Sternen, dem Himmel und der Erde, dem Gras und den Bäumen, der Liebe und dem Schmerz. Das ist alles Teil von uns, Teil unseres Lebens – so lebendig und so magisch wie jene Transformation, Buchstaben formen sich zu Worten und Worte werden zu Gefühlen. Ein Tagebuch kann all das, kann innerlich berühren, zum Lachen bringen, zu Tränen rühren, zum Erstaunen oder zum Innehalten. Es ist wie eine Reise in eine andere Welt, eine andere Dimension, ein anderes Leben, meins. Ich möchte teilen, was mich berührte in Nigeria, was mich erstaunte, mich wütend machte, mich zu Tränen rührte, was ich zu leben und zu lieben lernte. Zu meiner Tochter kann ich nur sagen: Ich kann die Uhr nicht zurückdrehen, keine Zeit kaufen, die uns genommen ward, doch ich kann dir noch viel mehr geben und noch viel mehr sein, wenn du es willst. Damit widme ich dir mein Buch: „Kind der Freiheit“.
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