Isaak und Marthe
Roman für Freiheit und Demokratie
EUR 23,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 292
ISBN: 978-3-99130-840-9
Erscheinungsdatum: 26.06.2025
Der Hitlerjunge Herbert muss nach einem Verrat fliehen. Allein kämpft er um sein Überleben und mit der Welt um ihn herum wird auch sein bisheriges Weltbild allmählich zertrümmert. Eine packende Story und gleichzeitig ein gelungener „Roman gegen rechts“.
1
Es klingelte. Herbert Müller öffnete. Zwei Männer in braunen Uniformen und roter Hakenkreuzbinde an den Ärmeln standen vor der Tür. Nichts Außergewöhnliches, er war ja Rottenführer der Hitlerjugend.
„Kameraden, Heil Hitler“, sagte er.
„Herbert Müller“, sagte der eine.
„Ja“, er nickte.
„Du sollst mitkommen, zum Büro.“
„Zum Büro? Gibt’s was Besonderes?“, fragte er.
„Einfach mitkommen.“
Befehle, das kannte er, mussten nicht groß begründet werden. Er dachte sich nichts dabei, holte seine Mütze. Er kannte die beiden Kameraden nicht, obwohl er sich Gesichter gut merken konnte, er hatte ein fast fotografisches Gedächtnis. Die beiden hatte er noch nie gesehen, was aber nichts zu bedeuten hatte. Öfter mal wurden neue Kameraden hierher versetzt, um die an die Front Gegangenen zu ersetzen.
Sie gingen zum Büro der Hitlerjugend, der Partei und was sonst noch alles darin residierte. Er wusste es nicht genau.
„Hier herein.“ Der eine zog ihn am Arm in einen Raum. In diesem Raum war er noch nie gewesen, das Büro der HJ war weiter hinten im Gebäude.
„Hier hinsetzen.“ Die beiden Kameraden nahmen neben ihm Platz. Er setzte sich. „Merkwürdig“, dachte er, „was soll das geben?“ Vielleicht würde er ja befördert, aber nein, das konnte nicht sein. Obwohl, verdient hätte er es, hatte immer gute Leistungen erbracht. Vielleicht als Überraschung vor seinem Ausscheiden. Aber nein, heute am zweitletzten Tag seiner HJ-Zugehörigkeit würde man ihn nicht mehr befördern. Außerdem lag der Musterungsausweis der Wehrmacht schon zu Hause. Er war ja gerade neunzehn geworden. Eigentlich scheidet man mit achtzehn aus der HJ aus, aber auf seinen Wunsch hin hat man ihn noch weitermachen lassen bis zur Einberufung zur Wehrmacht. Der Großonkel von Heinrich, seinem besten Freund, ein hohes Tier in der Partei, hatte da etwas geholfen. Nicht nur für ihn, auch für Heinrich selber. Morgen war der Tag, da schied er aus.“
Nach einer Weile ging eine Tür auf, vier Männer in braunen Uniformen kamen herein, einer von ihnen hatte eine Mappe unter dem Arm.
„Aufstehen“, sagte der eine der beiden. Er gehorchte. Die Männer nahmen Platz. Er wollte sich auch gerade wieder setzen. „Stehen bleiben!“ Er blieb stehen. Der Mann mit der Mappe gab dem in der Mitte ein Papier.
„Herbert Müller.“ Er sah ihn an.
„Ja“, antwortete er.
„Herbert Müller, Sie sind angeklagt, den Führer beleidigt zu haben, wehrzersetzende Äußerungen getan zu haben, die Partei verunglimpft und beleidigt zu haben und sich über Ihren Vorgesetzten lächerlich geäußert zu haben!“ Der Mann schaute auf, er schaute Herbert an.
Herbert schluckte. „Was?“, fragte er ungläubig. Er konnte seinen Ohren nicht trauen. Das war ein Schlag mitten ins Gesicht. Er brauchte einen Moment, um sich zu fangen. „Niemals!“, schrie er. „So etwas würde ich nie tun. Ich bin Rottenführer der HJ. Niemals, das stimmt nicht, das ist alles gelogen. Wer behauptet so etwas?“
„Müller, beruhigen Sie sich“, sagte der Mann in der Mitte mit erhobener Stimme.
Herbert machte ein paar Schritte nach vorn, auf die Männer zu. Die beiden links und rechts von ihm hielten ihn fest.
„Nein!“ Er versuchte sich ein wenig zu beruhigen. „Nein, wie kommt man dazu, so etwas zu behaupten? So etwas würde ich nie tun, ich bin Rottenführer der HJ.“ Er zog an seinem Ärmel mit der roten Binde.
„Müller, nehmen Sie sich zusammen, ein Rottenführer der HJ benimmt sich nicht so.“ Der Mann mit der Mappe schrieb alles mit.
Er schwieg und schüttelte den Kopf. „Nein, nein, das muss eine Verwechslung sein. Ich tue so etwas nicht.“
„Wir haben einen glaubwürdigen Zeugen, der das bestätigt.“
„Nein, das stimmt nicht, niemals.“ Was hatte er gerade gesagt? „Einen Zeugen? Was für einen Zeugen?“
„Ein glaubwürdiger Zeuge, wir glauben ihm.“
„Wer ist das? Wer behauptet solch ein dummes Zeug? Das ist alles Quatsch, erstunken und erlogen!“
„Mäßigen Sie sich, Müller.“
Herbert konnte sich nicht beruhigen. „Was passiert hier gerade?“, dachte er. Er konnte die Welt nicht mehr verstehen. „Was ist das für ein Mist, der da behauptet wird“, schrie er.
„Benehmen Sie sich, Sie stehen vor Gericht, Müller!“, sagte der Mann in der Mitte mit lauter Stimme.
„Vor Gericht, ich? Was habe ich getan?“
„Das haben Sie doch gehört, müssen wir nicht wiederholen.“
„Aber das stimmt alles nicht.“
Die beiden links und rechts neben ihm zogen ihn wieder zurück. Herbert verstand nichts mehr. Der Mann in der Mitte schaute erst den links von ihm an, der nickte, dann den rechts von ihm, der nickte ebenfalls. Die drei standen auf. „Herbert Müller, Sie sind schuldig, die Ihnen zur Last gelegten Äußerungen und Verfehlungen getätigt zu haben. Sie werden hiermit aus der Hitlerjugend unehrenhaft entlassen. Diese Vorkommnisse werden in Ihre Personalakte eingetragen. Das Urteil ist ab sofort gültig.“
„Nein!!“, schrie Herbert, er war außer sich, er rannte auf die drei zu. Die beiden an seiner Seite fassten zu und rissen ihn zurück. „Nein, das können Sie nicht machen, das ist alles eine Lüge“, schrie er wieder. Die beiden rissen so stark an ihm, dass er das Gleichgewicht verlor und zu Boden fiel. Sofort wollte er aufstehen, die beiden drückten ihn runter, er ruderte und kämpfte auf dem Boden und schrie: „Das stimmt nicht. Lasst mich los!“ Herbert fluchte. Der eine hatte seinen Oberkörper über ihm liegen, der andere kniete auf ihm. Er wand sich hin und her, schlug um sich, die beiden hielten ihn fest.
„Lasst mich los, das stimmt alles nicht!“, schrie er immer wieder. Sie hielten ihn noch fester.
Nach einer Weile hörte er auf, für ihn war seine Welt zusammengebrochen. Er hatte feuchte Augen. Die beiden ließen ab von ihm. Er lag immer noch auf dem Boden, er verstand immer noch nicht, was passiert war.
Der eine sagte: „Morgen früh um sechs bringst du deine Uniform hier vorbei, hast du verstanden?“ Er schaute ihn an. „Hast du verstanden!?“ Er nickte leicht. „Steh auf und geh.“
Er stand langsam auf. Die vier Männer hatten inzwischen den Raum verlassen. Er sah die beiden an. „Kameraden, was ist hier gerade passiert?“
„Nenn uns nicht Kameraden“, sagte der eine. „Raus jetzt, los raus!“ Er schubste ihn zur Tür.
Herbert verstand die Welt nicht mehr. Draußen überlegte er, wer ihm jetzt helfen könnte. Sein Gruppenleiter war überraschend nach Berlin kommandiert worden, der schied aus. „Heinrich muss mir helfen.“ Heinrich war sein bester Freund, sie waren zusammen in der HJ.
Er klopfte an der Tür, niemand kam, er klopfte wieder und noch ein drittes Mal, viel energischer dieses Mal. Heinrich öffnete. „Heinrich, du musst mir helfen, die schmeißen mich aus der HJ.“
„Was? Das gibt’s doch gar nicht!“
„Doch, ich weiß nicht, was da vor sich geht, was da gerade passiert, aber du wirst mir helfen. Rede mit unserem Leiter.“
Heinrich nickte. „Ja, ja, mache ich.“
„Dein Großonkel ist doch oben in der Partei, sprich mit dem, der kann bestimmt was rausbekommen, der muss mir helfen.“
„Ja, ich sehe ihn morgen Abend, mach ich.“
„Du musst mir helfen, Heinrich, du bist mein bester Freund.“
„Mache ich, versprochen.“ Er ging nach Hause.
Seiner Mutter, Opa und Oma erzählte er, was passiert war. „Wer erzählt solche Lügen über dich? Wer ist der Zeuge?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe nichts getan.“
Opa sagte: „Du weißt, dass ich nicht in der Partei bin, aber trotzdem erzählt man nicht solche Unwahrheiten über dich.“
Seine Mutter weinte. „Was für eine Welt. Dann bist du halt nicht mehr in der HJ. Viel schlimmer ist der Einberufungsbescheid zur Wehrmacht.“ Sie blickte zur Kommode, der Brief lag dort. Sie weinte laut. „Zuerst dein Vater, jetzt du. Was ist das für ein Leben?“
Der nächste Morgen war frostig, er zog seine dicke Jacke an. Er hatte nicht gut geschlafen, hatte ständig nachgedacht, was passiert sein könnte und was zu machen ist. Seiner kleinen Freundin Lina wollte er erst einmal nichts erzählen: „Muss sie nicht wissen, das erledigen wir alles vorher. Sie ist ein bisschen ängstlich.“
Um sechs Uhr war er wie befohlen im Büro. Er hatte seine Uniform fein säuberlich zusammengelegt und in Papier eingewickelt. Die beiden Männer von gestern waren wieder da. Eigentlich kannte er viele in der Stadt, sehr viele. Seit vier Jahren arbeitete er nebenher als Hilfsbriefträger. Er hatte sich damals selbstverständlich sofort freiwillig gemeldet, als gefragt wurde, bei der Reichspost auszuhelfen. Aber die hatte er noch nie vorher gesehen. Aber es kamen öfter mal andere Einheiten in die Stadt, das war nichts Außergewöhnliches.
„Komm, wir fahren dich“, sagte der eine. „Musst nicht laufen.“
„Das klang doch schon viel versöhnlicher als gestern“, dachte er. Eigentlich wollte er noch weiter ins HJ-Büro, aber es war zu früh. Da ist jetzt noch keiner. Also besser erst einmal nach Hause.
Ein Auto fuhr vor. Sie stiegen hinten ein, er saß in der Mitte. „Wir fahren kurz am Bahnhof vorbei und holen einen Kollegen ab“, sagte der eine. Herbert nahm es zur Kenntnis.
„Das wird sich alles aufklären“, sagte er zu den beiden, „das wird sich alles aufklären.“ Sie antworteten nicht, schauten nur nach vorne. „Ich muss nochmal zu Heinrich gehen, der muss unbedingt seinen Großonkel einspannen. Der ist in der Partei ganz oben, der kann was erreichen“, dachte er. Das Auto bog ab zum Bahnhof.
„Eintragung in der Personalakte, das ist nicht gut, glaube ich. Das muss ich verhindern. Ich will Unteroffizier werden. Aber vielleicht kriegen die das bei der Wehrmacht gar nicht mit. Nächste Woche geht es ja schon los. Bis dahin haben wir das geklärt. Kann doch nur ein Missverständnis sein. Die Partei und die HJ machen keine Fehler, denen kann man vertrauen, bei denen geht alles nach Recht und Gesetz. Das wird sich aufklären. Heißt jemand so ähnlich wie ich, Herbert oder Müller? Müller gibt es viele. Nee, keine Ahnung, soweit ich weiß. Ich werde mich gut vorbereiten. Gute Vorbereitung ist schon der halbe Sieg. Ich muss nachher unbedingt mit dem Gruppenleiter sprechen. Der kennt mich. Der wird für mich sprechen. Ich bin Rottenführer. War immer als Erster dabei, bei den Außenlagern, im Wald, bei den Märschen, beim Schwimmen. Habe als Hilfsbriefträger ausgeholfen, selbstverständlich. Mein Opa, ja, der mag das alles nicht. Er hat auch schon einen Krieg mitgemacht, Krieg ist nie gut, sagt er. Er ist halt alt. Wenn der Krieg zu Ende ist, gehe ich bei ihm in die Lehre, als Schlosser.“ Er dachte nach, was noch zu machen war. Gefrühstückt hatte er schon, Getreidekaffee und Brot mit Marmelade. „Hat Mutter selber eingekocht. Sie ist lieb, macht sich Gedanken wegen der Wehrmacht, nee, eigentlich wegen des Krieges. Papa ist schon gefallen, gleich am Anfang. Das war schlimm. Mein Vater, was haben wir nicht alles zusammen gemacht. Wir haben Baumhäuser und Flöße gebaut.“ Er lächelte etwas bei diesem Gedanken. „Wenn man vierzehn ist … man merkt, dass er nicht mehr da ist, und weiß, dass er nicht mehr kommt, mein lieber Papa. Wir kennen sein Grab nicht, wissen nicht, wo er begraben ist, in fremder Erde, traurig ist das, ganz traurig. Mama hat das nie überwunden. Sie weint heute noch öfter, meistens heimlich, aber ich habe es bemerkt. Ich hatte meine HJ. Die Kameraden haben mir geholfen. Und sie werden mir auch jetzt helfen. Heinrich und der Gruppenleiter.“ Er atmete tief durch, „Genauso werden wir es machen.“
Das Auto hielt. „Das ist nicht der Bahnhof“, sagte er, „das ist der Güterbahnhof. Was wollen wir auf dem Güterbahnhof? Hier sind wir nicht richtig.“
„Aussteigen“, sagte der eine. „Los raus!“ Der andere schubste ihn zur offenen Tür. „Raus!“
„Lass mich. Was soll das hier?“
„Mitkommen.“
„Wohin? Nein, ich komme nicht mit.“ Er drehte sich um und wollte weg. Die zwei waren blitzschnell bei ihm und zogen ihn mit sich. Sie hatten ihn links und rechts untergehakt. Er stemmte sich mit den Füßen dagegen. Sie zogen ihn einfach mit.
„Lasst mich!“, schrie er. „Lasst mich!“
Ein Gleis weiter stand ein Güterzug. Die Lok unter Dampf. An einem der Güterwagen standen zwei weitere Männer, in braunen Uniformen mit Gewehren. Er wehrte sich mit all seiner Kraft, kämpfte und schrie: „Lasst mich los! Was wollt ihr von mir?“ Die beiden vom Güterwagen kamen ihnen zur Hilfe, um ihn zu bändigen. Vier Mann rangen mit ihm. Er schlug um sich wie ein wildes Tier. Ein Mann schob die Tür am Güterwagen auf. Ein junger Mann war zu sehen, der vorsichtig herausschaute.
„Kameraden“, schrie er, „was macht ihr mit mir?“
„Kamerad? Du bist kein Kamerad, du bist ein Verräter.“
Herbert kämpfte wie ein Löwe.
„Ich bin Rottenführer in der HJ, holt meinen Gruppenleiter!“
„Halt die Klappe, Arschloch, du bist gar nichts mehr!“ Einer nahm sein Gewehr und schlug mit dem Kolben Herbert in die Seite. Er schrie auf. Ein zweites Mal schlug das Gewehr auf ihn nieder und traf ihn am Oberschenkel. Er spürte den Schmerz nicht. Sie hatten ihn zu Boden gerissen. Einer tastete ihn ab, nahm ihm seine Sachen aus den Jacken- und Hosentaschen. Er wand sich hin und her, trampelte um sich, biss dem einen in den Unterarm. Sie schlugen ihn mit Fäusten. Den anderen trat er mit dem Stiefel ins Gesicht, auf die Nase, das Blut lief sofort. Er schlug noch stärker auf Herbert ein. Sie hielten ihn fest und hoben ihn soweit an, bis sie ihn in den Güterwagen reinschieben konnten. Der andere schlug ihm kräftig ins Gesicht, er war kurz benommen. Der eine schob schnell die Tür zu. Der Metallhebel mit dem Bolzen fiel knallend in den Eisenring. Die Tür war zu!
2
Der Zug ruckte, rumpelte und quietschte und setzte sich in Bewegung. Herbert brauchte einen Moment. Er sprang auf und versuchte, die Tür aufzuschieben. „Aufmachen!“, schrie er. „Sofort aufmachen!“ Er trat gegen die Tür, nochmal und nochmal und nochmal. „Aufmachen!“ Er kämpfte weiter mit der Tür. „Ihr Arschlöcher, macht die Tür auf. Ich bin Rottenführer in der HJ!“ Er schlug mit der Faust gegen das Holz, wieder und immer wieder. Dann merkte er, dass der Zug fuhr, langsam noch, aber er fuhr. „Lasst mich raus, aufmachen!“ Er hämmerte an die Tür. Der Zug aber fuhr. Er lehnte seinen Unterarm gegen die Tür und seinen Kopf daran. „Was ist das für eine Scheiße hier“, dachte er. „Gestern wirst du verurteilt, heute steckt man dich in einen Zug.“ Im Türspalt unter sich sah er die Schwellen der Bahngleise vorbeiziehen. Er stand so eine Weile.
„Und? Geht’s wieder?“ Der junge Mann stand neben ihm. Er drehte seinen Kopf zu ihm.
„Beim nächsten Halt steige ich aus“, sagte Herbert.
„Sicher“, sagte der junge Mann.
„Meine Kameraden werden mir helfen, das ist alles ein Missverständnis.“ „Deine Kameraden? Deine Kameraden haben dich gerade in diesen Zug geprügelt, hast du das schon vergessen?“
„Das ist ein Missverständnis, ich komme hier raus. Ganz sicher. Ich bin Rottenführer in der Hitlerjugend.“
„Ah ja, nun, wenn du so angesehen bist, warum prügeln dich dann deine Kameraden in diesen Zug?“
„Das weiß ich auch nicht, aber ich werde es herausfinden. Meine Freunde werden mir helfen.“
„Die von vorhin? Glaubst du wirklich? Ich glaube eher nicht.“
„Wie meinst du das?!“ Er ging einen Schritt auf ihn zu.
Der junge Mann wich etwas zurück. „Schon gut, schon gut.“ Es war dunkel in dem Güterwagen, er konnte nur ungefähr das Gesicht des jungen Mannes erkennen.
„Wenn mich meine Freunde mit Gewalt in einen Zug verfrachten, von dem man nicht weiß, wo er hinfährt, so würde ich sagen, dass man die nicht unbedingt als Freunde bezeichnen kann.“
„Man hat mir etwas unterstellt, was ich nicht gemacht habe. Das wird sich aufklären, die Wahrheit wird ans Licht kommen, da bin ich sicher!“
Der junge Mann nickte leicht: „Ja, da bist du sicher. Heute will die Welt da draußen“ – und er schwenkte seinen Kopf in Richtung Tür – „manchmal die Wahrheit gar nicht wissen. Die Unwahrheit ist einfach bequemer.“
„Bei mir nicht, Wahrheit ist Wahrheit und das wird sich zeigen.“ Herbert rückte weiter an den jungen Mann heran, um sein Gesicht besser zu sehen. „Du bist jung, … und redest wie ein Alter.“
„Ich gehe nur mit offenen Augen und offenen Ohren durchs Leben und versuche, den gesunden Menschenverstand zu gebrauchen.“
Er machte eine lange Pause und schaute dann wieder in Richtung Tür. „Gesunder Menschenverstand ist aber da draußen, in Nazi-Deutschland, gerade nicht so gefragt.“
Nach einer Weile fragte Herbert: „Was machst du in diesem Zug?“
„Mir geht es genauso wie dir, man hat mir etwas unterstellt, was nicht stimmt.“ Jetzt erst bemerkte er die Schmerzen an seiner linken Seite. Er tastete und streichelte vorsichtig darüber. „Hat gesessen, der Hieb“, sagte der junge Mann. „Tut sehr weh?“
Er fühlte nochmals, er nickte. „Ist schon gut zu spüren.“
„Hast dich gut geschlagen, aber gegen vier von diesen Braunhemden kommst nicht an.“
„Wie heißt du?“
„Isaak, ich heiße Isaak.“
„Isaak, das ist …“
„Jüdisch, ja, wir alle hier im Wagen sind Juden.“ Erst jetzt bemerkte Herbert all die anderen im Wagen. Im Halbdunkel erkannte er jetzt viele Menschen. Einige standen, viele saßen oder lagen dicht gequält aneinandergereiht. Bestimmt so um die dreißig bis vierzig Leute, genau konnte er das nicht erkennen. Das Bild erschreckte ihn, so etwas kannte er nicht. Und er bemerkte jetzt noch etwas anderes: den Geruch. Es roch ganz furchtbar nach Urin und Fäkalien.
Isaak sagte: „So riecht es, wenn man nur einen Eimer hat, um sein Geschäft zu verrichten, und ein kleines Loch im Boden.“ Er zeigte in die hintere Wagenecke. Er sah die Menschen schemenhaft im Dunkel, Männer, Frauen, Kinder, alte Leute, jüngere Leute, dazwischen Gepäck.
„Was ist das hier?“
„Ein Transport, man hat uns gesagt, in ein Lager, wo wir dann alle für uns zusammen sein und leben können. Hat man gesagt. Aber ich glaube das nicht. Ich bin schon einmal in ein anderes Lager verlegt worden.“ Herbert sah ihn an. „Ich glaube, da, wo wir hinfahren, gibt es kein gutes Ende. Für niemanden von uns. Ich habe kein gutes Gefühl bei dieser Sache.“ Die Menschen, die dort standen, saßen oder lagen, sagten kein Wort, ein bedrückendes Schweigen. Obwohl die Fahrgeräusche des Zuges laut waren, konnte Herbert dieses Schweigen deutlich hören. Ein solches Bild hatte er noch nie gesehen.
Er brauchte eine Weile. „Seit wann seid ihr in diesem Zug?“
„Seit gestern Abend. Gestern Abend sind wir in Berlin losgefahren.“
„Aus Berlin!“
„Ja, wir alle kommen aus Berlin. Wir haben nur einmal gehalten, es hat ein paar Eimer mit Wasser gegeben für alle. Na ja, und einmal angehalten für dich. Du musst sehr wichtig sein, dass man nur für dich den Zug anhält.“
„Ihr seid alles Juden?“
„Ja, brauchst aber keine Angst zu haben, wir tun dir nichts“, sagte Isaak etwas sarkastisch.
„Was wollt ihr hier?“ Er verstand das Ganze noch nicht.
„Wenn du ‚Mein Kampf‘ gelesen hast, so weißt du, dass wir Juden schuld sind an allem Schlechten auf der Welt. Deshalb sind wir hier.“
„So viele“, sagte er.
„Der ganze Zug ist voll von uns. Und das ist nicht der erste Zug.“
„Alle aus Berlin?“
…
Es klingelte. Herbert Müller öffnete. Zwei Männer in braunen Uniformen und roter Hakenkreuzbinde an den Ärmeln standen vor der Tür. Nichts Außergewöhnliches, er war ja Rottenführer der Hitlerjugend.
„Kameraden, Heil Hitler“, sagte er.
„Herbert Müller“, sagte der eine.
„Ja“, er nickte.
„Du sollst mitkommen, zum Büro.“
„Zum Büro? Gibt’s was Besonderes?“, fragte er.
„Einfach mitkommen.“
Befehle, das kannte er, mussten nicht groß begründet werden. Er dachte sich nichts dabei, holte seine Mütze. Er kannte die beiden Kameraden nicht, obwohl er sich Gesichter gut merken konnte, er hatte ein fast fotografisches Gedächtnis. Die beiden hatte er noch nie gesehen, was aber nichts zu bedeuten hatte. Öfter mal wurden neue Kameraden hierher versetzt, um die an die Front Gegangenen zu ersetzen.
Sie gingen zum Büro der Hitlerjugend, der Partei und was sonst noch alles darin residierte. Er wusste es nicht genau.
„Hier herein.“ Der eine zog ihn am Arm in einen Raum. In diesem Raum war er noch nie gewesen, das Büro der HJ war weiter hinten im Gebäude.
„Hier hinsetzen.“ Die beiden Kameraden nahmen neben ihm Platz. Er setzte sich. „Merkwürdig“, dachte er, „was soll das geben?“ Vielleicht würde er ja befördert, aber nein, das konnte nicht sein. Obwohl, verdient hätte er es, hatte immer gute Leistungen erbracht. Vielleicht als Überraschung vor seinem Ausscheiden. Aber nein, heute am zweitletzten Tag seiner HJ-Zugehörigkeit würde man ihn nicht mehr befördern. Außerdem lag der Musterungsausweis der Wehrmacht schon zu Hause. Er war ja gerade neunzehn geworden. Eigentlich scheidet man mit achtzehn aus der HJ aus, aber auf seinen Wunsch hin hat man ihn noch weitermachen lassen bis zur Einberufung zur Wehrmacht. Der Großonkel von Heinrich, seinem besten Freund, ein hohes Tier in der Partei, hatte da etwas geholfen. Nicht nur für ihn, auch für Heinrich selber. Morgen war der Tag, da schied er aus.“
Nach einer Weile ging eine Tür auf, vier Männer in braunen Uniformen kamen herein, einer von ihnen hatte eine Mappe unter dem Arm.
„Aufstehen“, sagte der eine der beiden. Er gehorchte. Die Männer nahmen Platz. Er wollte sich auch gerade wieder setzen. „Stehen bleiben!“ Er blieb stehen. Der Mann mit der Mappe gab dem in der Mitte ein Papier.
„Herbert Müller.“ Er sah ihn an.
„Ja“, antwortete er.
„Herbert Müller, Sie sind angeklagt, den Führer beleidigt zu haben, wehrzersetzende Äußerungen getan zu haben, die Partei verunglimpft und beleidigt zu haben und sich über Ihren Vorgesetzten lächerlich geäußert zu haben!“ Der Mann schaute auf, er schaute Herbert an.
Herbert schluckte. „Was?“, fragte er ungläubig. Er konnte seinen Ohren nicht trauen. Das war ein Schlag mitten ins Gesicht. Er brauchte einen Moment, um sich zu fangen. „Niemals!“, schrie er. „So etwas würde ich nie tun. Ich bin Rottenführer der HJ. Niemals, das stimmt nicht, das ist alles gelogen. Wer behauptet so etwas?“
„Müller, beruhigen Sie sich“, sagte der Mann in der Mitte mit erhobener Stimme.
Herbert machte ein paar Schritte nach vorn, auf die Männer zu. Die beiden links und rechts von ihm hielten ihn fest.
„Nein!“ Er versuchte sich ein wenig zu beruhigen. „Nein, wie kommt man dazu, so etwas zu behaupten? So etwas würde ich nie tun, ich bin Rottenführer der HJ.“ Er zog an seinem Ärmel mit der roten Binde.
„Müller, nehmen Sie sich zusammen, ein Rottenführer der HJ benimmt sich nicht so.“ Der Mann mit der Mappe schrieb alles mit.
Er schwieg und schüttelte den Kopf. „Nein, nein, das muss eine Verwechslung sein. Ich tue so etwas nicht.“
„Wir haben einen glaubwürdigen Zeugen, der das bestätigt.“
„Nein, das stimmt nicht, niemals.“ Was hatte er gerade gesagt? „Einen Zeugen? Was für einen Zeugen?“
„Ein glaubwürdiger Zeuge, wir glauben ihm.“
„Wer ist das? Wer behauptet solch ein dummes Zeug? Das ist alles Quatsch, erstunken und erlogen!“
„Mäßigen Sie sich, Müller.“
Herbert konnte sich nicht beruhigen. „Was passiert hier gerade?“, dachte er. Er konnte die Welt nicht mehr verstehen. „Was ist das für ein Mist, der da behauptet wird“, schrie er.
„Benehmen Sie sich, Sie stehen vor Gericht, Müller!“, sagte der Mann in der Mitte mit lauter Stimme.
„Vor Gericht, ich? Was habe ich getan?“
„Das haben Sie doch gehört, müssen wir nicht wiederholen.“
„Aber das stimmt alles nicht.“
Die beiden links und rechts neben ihm zogen ihn wieder zurück. Herbert verstand nichts mehr. Der Mann in der Mitte schaute erst den links von ihm an, der nickte, dann den rechts von ihm, der nickte ebenfalls. Die drei standen auf. „Herbert Müller, Sie sind schuldig, die Ihnen zur Last gelegten Äußerungen und Verfehlungen getätigt zu haben. Sie werden hiermit aus der Hitlerjugend unehrenhaft entlassen. Diese Vorkommnisse werden in Ihre Personalakte eingetragen. Das Urteil ist ab sofort gültig.“
„Nein!!“, schrie Herbert, er war außer sich, er rannte auf die drei zu. Die beiden an seiner Seite fassten zu und rissen ihn zurück. „Nein, das können Sie nicht machen, das ist alles eine Lüge“, schrie er wieder. Die beiden rissen so stark an ihm, dass er das Gleichgewicht verlor und zu Boden fiel. Sofort wollte er aufstehen, die beiden drückten ihn runter, er ruderte und kämpfte auf dem Boden und schrie: „Das stimmt nicht. Lasst mich los!“ Herbert fluchte. Der eine hatte seinen Oberkörper über ihm liegen, der andere kniete auf ihm. Er wand sich hin und her, schlug um sich, die beiden hielten ihn fest.
„Lasst mich los, das stimmt alles nicht!“, schrie er immer wieder. Sie hielten ihn noch fester.
Nach einer Weile hörte er auf, für ihn war seine Welt zusammengebrochen. Er hatte feuchte Augen. Die beiden ließen ab von ihm. Er lag immer noch auf dem Boden, er verstand immer noch nicht, was passiert war.
Der eine sagte: „Morgen früh um sechs bringst du deine Uniform hier vorbei, hast du verstanden?“ Er schaute ihn an. „Hast du verstanden!?“ Er nickte leicht. „Steh auf und geh.“
Er stand langsam auf. Die vier Männer hatten inzwischen den Raum verlassen. Er sah die beiden an. „Kameraden, was ist hier gerade passiert?“
„Nenn uns nicht Kameraden“, sagte der eine. „Raus jetzt, los raus!“ Er schubste ihn zur Tür.
Herbert verstand die Welt nicht mehr. Draußen überlegte er, wer ihm jetzt helfen könnte. Sein Gruppenleiter war überraschend nach Berlin kommandiert worden, der schied aus. „Heinrich muss mir helfen.“ Heinrich war sein bester Freund, sie waren zusammen in der HJ.
Er klopfte an der Tür, niemand kam, er klopfte wieder und noch ein drittes Mal, viel energischer dieses Mal. Heinrich öffnete. „Heinrich, du musst mir helfen, die schmeißen mich aus der HJ.“
„Was? Das gibt’s doch gar nicht!“
„Doch, ich weiß nicht, was da vor sich geht, was da gerade passiert, aber du wirst mir helfen. Rede mit unserem Leiter.“
Heinrich nickte. „Ja, ja, mache ich.“
„Dein Großonkel ist doch oben in der Partei, sprich mit dem, der kann bestimmt was rausbekommen, der muss mir helfen.“
„Ja, ich sehe ihn morgen Abend, mach ich.“
„Du musst mir helfen, Heinrich, du bist mein bester Freund.“
„Mache ich, versprochen.“ Er ging nach Hause.
Seiner Mutter, Opa und Oma erzählte er, was passiert war. „Wer erzählt solche Lügen über dich? Wer ist der Zeuge?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe nichts getan.“
Opa sagte: „Du weißt, dass ich nicht in der Partei bin, aber trotzdem erzählt man nicht solche Unwahrheiten über dich.“
Seine Mutter weinte. „Was für eine Welt. Dann bist du halt nicht mehr in der HJ. Viel schlimmer ist der Einberufungsbescheid zur Wehrmacht.“ Sie blickte zur Kommode, der Brief lag dort. Sie weinte laut. „Zuerst dein Vater, jetzt du. Was ist das für ein Leben?“
Der nächste Morgen war frostig, er zog seine dicke Jacke an. Er hatte nicht gut geschlafen, hatte ständig nachgedacht, was passiert sein könnte und was zu machen ist. Seiner kleinen Freundin Lina wollte er erst einmal nichts erzählen: „Muss sie nicht wissen, das erledigen wir alles vorher. Sie ist ein bisschen ängstlich.“
Um sechs Uhr war er wie befohlen im Büro. Er hatte seine Uniform fein säuberlich zusammengelegt und in Papier eingewickelt. Die beiden Männer von gestern waren wieder da. Eigentlich kannte er viele in der Stadt, sehr viele. Seit vier Jahren arbeitete er nebenher als Hilfsbriefträger. Er hatte sich damals selbstverständlich sofort freiwillig gemeldet, als gefragt wurde, bei der Reichspost auszuhelfen. Aber die hatte er noch nie vorher gesehen. Aber es kamen öfter mal andere Einheiten in die Stadt, das war nichts Außergewöhnliches.
„Komm, wir fahren dich“, sagte der eine. „Musst nicht laufen.“
„Das klang doch schon viel versöhnlicher als gestern“, dachte er. Eigentlich wollte er noch weiter ins HJ-Büro, aber es war zu früh. Da ist jetzt noch keiner. Also besser erst einmal nach Hause.
Ein Auto fuhr vor. Sie stiegen hinten ein, er saß in der Mitte. „Wir fahren kurz am Bahnhof vorbei und holen einen Kollegen ab“, sagte der eine. Herbert nahm es zur Kenntnis.
„Das wird sich alles aufklären“, sagte er zu den beiden, „das wird sich alles aufklären.“ Sie antworteten nicht, schauten nur nach vorne. „Ich muss nochmal zu Heinrich gehen, der muss unbedingt seinen Großonkel einspannen. Der ist in der Partei ganz oben, der kann was erreichen“, dachte er. Das Auto bog ab zum Bahnhof.
„Eintragung in der Personalakte, das ist nicht gut, glaube ich. Das muss ich verhindern. Ich will Unteroffizier werden. Aber vielleicht kriegen die das bei der Wehrmacht gar nicht mit. Nächste Woche geht es ja schon los. Bis dahin haben wir das geklärt. Kann doch nur ein Missverständnis sein. Die Partei und die HJ machen keine Fehler, denen kann man vertrauen, bei denen geht alles nach Recht und Gesetz. Das wird sich aufklären. Heißt jemand so ähnlich wie ich, Herbert oder Müller? Müller gibt es viele. Nee, keine Ahnung, soweit ich weiß. Ich werde mich gut vorbereiten. Gute Vorbereitung ist schon der halbe Sieg. Ich muss nachher unbedingt mit dem Gruppenleiter sprechen. Der kennt mich. Der wird für mich sprechen. Ich bin Rottenführer. War immer als Erster dabei, bei den Außenlagern, im Wald, bei den Märschen, beim Schwimmen. Habe als Hilfsbriefträger ausgeholfen, selbstverständlich. Mein Opa, ja, der mag das alles nicht. Er hat auch schon einen Krieg mitgemacht, Krieg ist nie gut, sagt er. Er ist halt alt. Wenn der Krieg zu Ende ist, gehe ich bei ihm in die Lehre, als Schlosser.“ Er dachte nach, was noch zu machen war. Gefrühstückt hatte er schon, Getreidekaffee und Brot mit Marmelade. „Hat Mutter selber eingekocht. Sie ist lieb, macht sich Gedanken wegen der Wehrmacht, nee, eigentlich wegen des Krieges. Papa ist schon gefallen, gleich am Anfang. Das war schlimm. Mein Vater, was haben wir nicht alles zusammen gemacht. Wir haben Baumhäuser und Flöße gebaut.“ Er lächelte etwas bei diesem Gedanken. „Wenn man vierzehn ist … man merkt, dass er nicht mehr da ist, und weiß, dass er nicht mehr kommt, mein lieber Papa. Wir kennen sein Grab nicht, wissen nicht, wo er begraben ist, in fremder Erde, traurig ist das, ganz traurig. Mama hat das nie überwunden. Sie weint heute noch öfter, meistens heimlich, aber ich habe es bemerkt. Ich hatte meine HJ. Die Kameraden haben mir geholfen. Und sie werden mir auch jetzt helfen. Heinrich und der Gruppenleiter.“ Er atmete tief durch, „Genauso werden wir es machen.“
Das Auto hielt. „Das ist nicht der Bahnhof“, sagte er, „das ist der Güterbahnhof. Was wollen wir auf dem Güterbahnhof? Hier sind wir nicht richtig.“
„Aussteigen“, sagte der eine. „Los raus!“ Der andere schubste ihn zur offenen Tür. „Raus!“
„Lass mich. Was soll das hier?“
„Mitkommen.“
„Wohin? Nein, ich komme nicht mit.“ Er drehte sich um und wollte weg. Die zwei waren blitzschnell bei ihm und zogen ihn mit sich. Sie hatten ihn links und rechts untergehakt. Er stemmte sich mit den Füßen dagegen. Sie zogen ihn einfach mit.
„Lasst mich!“, schrie er. „Lasst mich!“
Ein Gleis weiter stand ein Güterzug. Die Lok unter Dampf. An einem der Güterwagen standen zwei weitere Männer, in braunen Uniformen mit Gewehren. Er wehrte sich mit all seiner Kraft, kämpfte und schrie: „Lasst mich los! Was wollt ihr von mir?“ Die beiden vom Güterwagen kamen ihnen zur Hilfe, um ihn zu bändigen. Vier Mann rangen mit ihm. Er schlug um sich wie ein wildes Tier. Ein Mann schob die Tür am Güterwagen auf. Ein junger Mann war zu sehen, der vorsichtig herausschaute.
„Kameraden“, schrie er, „was macht ihr mit mir?“
„Kamerad? Du bist kein Kamerad, du bist ein Verräter.“
Herbert kämpfte wie ein Löwe.
„Ich bin Rottenführer in der HJ, holt meinen Gruppenleiter!“
„Halt die Klappe, Arschloch, du bist gar nichts mehr!“ Einer nahm sein Gewehr und schlug mit dem Kolben Herbert in die Seite. Er schrie auf. Ein zweites Mal schlug das Gewehr auf ihn nieder und traf ihn am Oberschenkel. Er spürte den Schmerz nicht. Sie hatten ihn zu Boden gerissen. Einer tastete ihn ab, nahm ihm seine Sachen aus den Jacken- und Hosentaschen. Er wand sich hin und her, trampelte um sich, biss dem einen in den Unterarm. Sie schlugen ihn mit Fäusten. Den anderen trat er mit dem Stiefel ins Gesicht, auf die Nase, das Blut lief sofort. Er schlug noch stärker auf Herbert ein. Sie hielten ihn fest und hoben ihn soweit an, bis sie ihn in den Güterwagen reinschieben konnten. Der andere schlug ihm kräftig ins Gesicht, er war kurz benommen. Der eine schob schnell die Tür zu. Der Metallhebel mit dem Bolzen fiel knallend in den Eisenring. Die Tür war zu!
2
Der Zug ruckte, rumpelte und quietschte und setzte sich in Bewegung. Herbert brauchte einen Moment. Er sprang auf und versuchte, die Tür aufzuschieben. „Aufmachen!“, schrie er. „Sofort aufmachen!“ Er trat gegen die Tür, nochmal und nochmal und nochmal. „Aufmachen!“ Er kämpfte weiter mit der Tür. „Ihr Arschlöcher, macht die Tür auf. Ich bin Rottenführer in der HJ!“ Er schlug mit der Faust gegen das Holz, wieder und immer wieder. Dann merkte er, dass der Zug fuhr, langsam noch, aber er fuhr. „Lasst mich raus, aufmachen!“ Er hämmerte an die Tür. Der Zug aber fuhr. Er lehnte seinen Unterarm gegen die Tür und seinen Kopf daran. „Was ist das für eine Scheiße hier“, dachte er. „Gestern wirst du verurteilt, heute steckt man dich in einen Zug.“ Im Türspalt unter sich sah er die Schwellen der Bahngleise vorbeiziehen. Er stand so eine Weile.
„Und? Geht’s wieder?“ Der junge Mann stand neben ihm. Er drehte seinen Kopf zu ihm.
„Beim nächsten Halt steige ich aus“, sagte Herbert.
„Sicher“, sagte der junge Mann.
„Meine Kameraden werden mir helfen, das ist alles ein Missverständnis.“ „Deine Kameraden? Deine Kameraden haben dich gerade in diesen Zug geprügelt, hast du das schon vergessen?“
„Das ist ein Missverständnis, ich komme hier raus. Ganz sicher. Ich bin Rottenführer in der Hitlerjugend.“
„Ah ja, nun, wenn du so angesehen bist, warum prügeln dich dann deine Kameraden in diesen Zug?“
„Das weiß ich auch nicht, aber ich werde es herausfinden. Meine Freunde werden mir helfen.“
„Die von vorhin? Glaubst du wirklich? Ich glaube eher nicht.“
„Wie meinst du das?!“ Er ging einen Schritt auf ihn zu.
Der junge Mann wich etwas zurück. „Schon gut, schon gut.“ Es war dunkel in dem Güterwagen, er konnte nur ungefähr das Gesicht des jungen Mannes erkennen.
„Wenn mich meine Freunde mit Gewalt in einen Zug verfrachten, von dem man nicht weiß, wo er hinfährt, so würde ich sagen, dass man die nicht unbedingt als Freunde bezeichnen kann.“
„Man hat mir etwas unterstellt, was ich nicht gemacht habe. Das wird sich aufklären, die Wahrheit wird ans Licht kommen, da bin ich sicher!“
Der junge Mann nickte leicht: „Ja, da bist du sicher. Heute will die Welt da draußen“ – und er schwenkte seinen Kopf in Richtung Tür – „manchmal die Wahrheit gar nicht wissen. Die Unwahrheit ist einfach bequemer.“
„Bei mir nicht, Wahrheit ist Wahrheit und das wird sich zeigen.“ Herbert rückte weiter an den jungen Mann heran, um sein Gesicht besser zu sehen. „Du bist jung, … und redest wie ein Alter.“
„Ich gehe nur mit offenen Augen und offenen Ohren durchs Leben und versuche, den gesunden Menschenverstand zu gebrauchen.“
Er machte eine lange Pause und schaute dann wieder in Richtung Tür. „Gesunder Menschenverstand ist aber da draußen, in Nazi-Deutschland, gerade nicht so gefragt.“
Nach einer Weile fragte Herbert: „Was machst du in diesem Zug?“
„Mir geht es genauso wie dir, man hat mir etwas unterstellt, was nicht stimmt.“ Jetzt erst bemerkte er die Schmerzen an seiner linken Seite. Er tastete und streichelte vorsichtig darüber. „Hat gesessen, der Hieb“, sagte der junge Mann. „Tut sehr weh?“
Er fühlte nochmals, er nickte. „Ist schon gut zu spüren.“
„Hast dich gut geschlagen, aber gegen vier von diesen Braunhemden kommst nicht an.“
„Wie heißt du?“
„Isaak, ich heiße Isaak.“
„Isaak, das ist …“
„Jüdisch, ja, wir alle hier im Wagen sind Juden.“ Erst jetzt bemerkte Herbert all die anderen im Wagen. Im Halbdunkel erkannte er jetzt viele Menschen. Einige standen, viele saßen oder lagen dicht gequält aneinandergereiht. Bestimmt so um die dreißig bis vierzig Leute, genau konnte er das nicht erkennen. Das Bild erschreckte ihn, so etwas kannte er nicht. Und er bemerkte jetzt noch etwas anderes: den Geruch. Es roch ganz furchtbar nach Urin und Fäkalien.
Isaak sagte: „So riecht es, wenn man nur einen Eimer hat, um sein Geschäft zu verrichten, und ein kleines Loch im Boden.“ Er zeigte in die hintere Wagenecke. Er sah die Menschen schemenhaft im Dunkel, Männer, Frauen, Kinder, alte Leute, jüngere Leute, dazwischen Gepäck.
„Was ist das hier?“
„Ein Transport, man hat uns gesagt, in ein Lager, wo wir dann alle für uns zusammen sein und leben können. Hat man gesagt. Aber ich glaube das nicht. Ich bin schon einmal in ein anderes Lager verlegt worden.“ Herbert sah ihn an. „Ich glaube, da, wo wir hinfahren, gibt es kein gutes Ende. Für niemanden von uns. Ich habe kein gutes Gefühl bei dieser Sache.“ Die Menschen, die dort standen, saßen oder lagen, sagten kein Wort, ein bedrückendes Schweigen. Obwohl die Fahrgeräusche des Zuges laut waren, konnte Herbert dieses Schweigen deutlich hören. Ein solches Bild hatte er noch nie gesehen.
Er brauchte eine Weile. „Seit wann seid ihr in diesem Zug?“
„Seit gestern Abend. Gestern Abend sind wir in Berlin losgefahren.“
„Aus Berlin!“
„Ja, wir alle kommen aus Berlin. Wir haben nur einmal gehalten, es hat ein paar Eimer mit Wasser gegeben für alle. Na ja, und einmal angehalten für dich. Du musst sehr wichtig sein, dass man nur für dich den Zug anhält.“
„Ihr seid alles Juden?“
„Ja, brauchst aber keine Angst zu haben, wir tun dir nichts“, sagte Isaak etwas sarkastisch.
„Was wollt ihr hier?“ Er verstand das Ganze noch nicht.
„Wenn du ‚Mein Kampf‘ gelesen hast, so weißt du, dass wir Juden schuld sind an allem Schlechten auf der Welt. Deshalb sind wir hier.“
„So viele“, sagte er.
„Der ganze Zug ist voll von uns. Und das ist nicht der erste Zug.“
„Alle aus Berlin?“
…

