Cover: Ihre Wege führten nach Okzitanien – Band 2

Ihre Wege führten nach Okzitanien – Band 2
Don Luciano in Gefahr


EUR 36,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 694
ISBN: 978-3-99130-402-9
Erscheinungsdatum: 17.05.2024
Zurück in der Bergwelt Okzitaniens. Große Gefahr kündigt sich an: Wird das Imperium neu geordnet oder zerschlagen? Luciano muss sich gegen einen Mordanschlag zur Wehr setzen. Gelingt es ihm, endlich seinen toten Geliebten Viktor loszulassen?
28.

José Gonzalez schickte Richard zu Luciano Varini, um ihm die Todesnachricht von vier ermordeten Schmugglern zu überbringen. José Gonzalez bittet Luciano um einen dringenden Treff mit den Anführern der Schmugglergruppen

„José, heute haben wir den 17. August 1802. Es ist genau ein Jahr her, dass du im Val Guil verunglückt bist.“ José Gonzalez fauchte seine Frau an: „Als ob ich das nicht wüsste. Du musst mich nicht daran erinnern.“ „Wieso sollte ich nicht? Du solltest auch nach einem Jahr dankbar sein, dass dir Jean-Michel das Leben rettete.“ „Ja, ja, das bin ich auch. Aber nun schenk mir endlich Kaffee ein. Ich muss zur Arbeit. Richard kommt gleich zum Frühstück. Er ging mit dem Wolf hinters Haus.“
Nach dem Frühstück begaben sich José Gonzalez und Richard zum Warenlagerhaus. Ihre Arbeit war, als Erstes die Schmuggelware, welche die Schmuggler nachts im Warenlagerhaus deponierten, durch die Bodenöffnung in die darunter befindliche Felskaverne abzuseilen. Es ging auf neun Uhr, als sie die Bodenöffnung zudeckten und legale Ware darauf stapelten, als von außen ans Tor geschlagen wurde. „Welcher Idiot schlägt an das Tor?“ Das Gepolter wurde lauter. „Richard, kurble die Schreibstube zurück.“ Richard eilte zur Schreibstube, wo er zu drehen anfing. José Gonzalez sprang auf die fahrende Schreibstube auf und entnahm einer Schublade einen geladenen Revolver. Seit damals, wo das Männlein mit zwei Kumpanen in die Halle eindrang, war er vorsichtig. Er lief zum Tor. Nun ertönte die verärgerte Stimme von Hamo Roussel, dem Oberanführer der Schmuggleranführer. José Gonzalez legte den Revolver auf einen Stapel Ware und öffnete die Einlegertür. Hamo Roussel stürzte in die Halle. José Gonzalez verschloss die Tür und fauchte Hamo an: „Was zum Teufel hämmerst du ans Tor, statt dich zu melden?“ „José, das Zwischenlager beim alten Säumerhaus wurde letzte Nacht ausgeräumt. Die vier Männer, die es bewachten, wurden erschossen. Du musst sofort Don Varini verständigen.“ José Gonzalez sah Hamo Roussel ungläubig an. „Das kann doch nicht sein? Wer sollte denn die Tür dazu gefunden haben? Das ist unmöglich.“ Hamo Roussel setzte sich auf eine Holzkiste. „Leider ist es so, José.“ „Komm, wir gehen in die Schreibstube.“ Als sie die Bodenöffnung erreichten, beugte sich José Gonzalez über die Öffnung und schrie in die Tiefe: „Richard, komm hoch.“ Sie liefen an das Ende der Halle. Als sie sich der Schreibstube näherten, kroch Richard unter der Schreibstube vor, da José sie nur wenig von der Treppe gekurbelt hatte. José Gonzalez setzte sich wortlos an seinen Schreibtisch und kritzelte einige Sätze hin. Er faltete das Papier und steckte es in einen Briefumschlag, den er mit Kleister verklebte. Er reichte den Briefumschlag Richard. „Du musst den Brief sofort Don Luciano überbringen.“
Als Richard die Lagerhalle verlassen hatte, forderte José Gonzalez Hamo Roussel auf, ihm den Vorfall genau zu schildern. In Richards Anwesenheit durften sie nicht vom geheimem Lager sprechen. Hamo Roussels Stimme bebte. „Wir kamen letzte Nacht um zwei Uhr zum geheimen Lager, um die Ware hierherzubringen. Als ich mit dem Eisen den Riegel herunterdrücken wollte, war der schon unten. Erst da sah ich, dass die Tür nicht vollständig geschlossen war. Nachdem ich die Tür geöffnet und ins Lager zündete, überkam mich ein gewaltiger Schreck. Die Regale waren leer. Der ganze Boden war mit aufgerissenen Pappschachteln und Ware übersät. Sie leerten die Schachteln, damit sie mehr Ware in ihre Rucksäcke brachten. Sie nahmen nur die kleinsten, wertvollsten Sachen mit. Als wir das Lager verließen, begab sich Adrian abseits, um sich zu erleichtern. Sein Aufschrei ließ uns erstarren. Ich lief zu ihm. Adrian starrte auf vier tote Männer. Ich erkannte gleich, dass die Männer Spezialisten vom Imperium waren. Du kennst sie alle. Es sind Pietro, der Spanier, Alexander, Michel und Clément, der Lange. Sie wurden erschossen.“ José Gonzalez senkte den Kopf. „Das ist tragisch. Von den Spezialisten waren sie die angenehmsten. Weißt du, wieso sie dorther beordert wurden?“ Hamo war überrascht. „Hast du die Geschichte mit Mario Prato nicht gehört?“ „Was ist mit Mario Prato?“ Hamo knurrte: „Das kann ja nicht sein. Du solltest es als Erster erfahren. Mario Prato wurde aus einer Schmugglergruppe gejagt, da er sich nicht an die Regeln hielt. Aus Wut verließ er Château du Queyras und zog in seine Heimat Saluzzo. Dort suchte er nach dem bekannten Bandenführer Antonio Oliver. Er fand ihn und bat Antonio Oliver um Aufnahme in seine Bande. Das Imperium erfuhr davon. Da Mario Prato die geheimen Warenlager kennt, mussten sie damit rechnen, dass er den Standort an Antonio Oliver verrät. Das Imperium schickte Spezialisten ins Piemont, um Mario Prato zu liquidieren. Sie fanden ihn nicht. Es wurde verfügt, alle Lager so lange zu bewachen, bis Mario Prato tot sei oder Antonio Oliver gefasst werde. Und nun kommt noch das Beste, José. Wir gingen zum alten Säumerhaus. In der Hoffnung, dass Antonio Oliver mit seinen Männern dort die Nacht verbringen würde. Wir waren zu viert und bewaffnet. Statt dass wir die Bastarde antrafen, lag vor dem Haus ein Mann auf dem Säumerweg. Wie es aussah, wurde er erstochen. Und wen, glaubst du, fanden wir?“ José Gonzalez gurrte. „Rede schon. Ich bin nicht in der Stimmung zu raten.“ „Mario Prato hing hinter dem Säumerhaus an einem Baum. Antonio Oliver ließ ihn zum Dank, dass er ihn zum geheimen Warenlager führte, aufhängen. Antonio Oliver ist ein brutales Stück Scheiße. Mario Prato war noch fast ein Kind. Ich hoffe, er wird von den Spezialisten erwischt. Da bekommt er es schmerzhaft zu spüren, wenn sie ihm die Hände abhacken.“
José Gonzalez seufzte. „Das ist ja die reinste Gruselgeschichte, Hamo.“ Hamo Roussel hob die Hand. „Ich bin noch nicht fertig, José.“ „Was zum Teufel kommt denn noch, Hamo?“ „Die Bande wurde von einem Liebespaar gesehen, das sich in jener Nacht im alten Säumerhaus befand. Es sind ein Roman Bertolucci und eine Claudia Castelli aus dem Piemont.“ José Gonzalez unterbrach ihn. „Doch nicht etwa Baron Bertoluccis Sohn?“ Hamo Roussel nickte. „Genau der. Die beiden meldeten sich heute Vormittag bei Gendarm Fournier. Stell dir vor. Die beiden befanden sich im Dachgeschoss und schauten von oben zu, wie sie Mario aufhängten. Zudem hätten sie die Schüsse gehört. Ihnen gelang die Flucht. Roman Bertolucci musste aber einem von ihnen das Messer in die Brust werfen, da dieser mit dem Revolver auf ihn zielte.“ José Gonzalez fauchte. „Nun können wir unser bestes Zwischenlager aufgeben. Die beiden haben den Gendarmen bestimmt vom Ausrauben des Zwischenlagers berichtet.“ Hamo Roussel schüttelte den Kopf. „Nein, haben sie nicht, José. Ich habe die Information von David Allier. Er ist ein Freund von Fournier. Fournier erwähnte das geheime Lager nicht. Somit hat das Liebespaar nichts vom Ausrauben des Lagers mitbekommen. Sonst hätten sie Gendarm Fournier davon berichtet. Das Liebespaar befindet sich auf dem Weg nach Marseille. Sie sagten, dass sie auf der Flucht vor Baron Bertolucci seien. Er dulde die Beziehung nicht und habe seinem Sohn gedroht, seine Geliebte töten zu lassen.“ José Gonzalez knurrte: „Was ist mit den vier Toten? Die haben wir nach Château du Queyras hinabgebracht. Sie liegen im kleinen Schuppen neben der Stallung. Heute Nacht bringen wir sie da unten auf den Totenfels. Dich benötigen wir, damit du uns zeigst, wo wir sie hinlegen sollen. Du bist selbst schuld. Früher konnten wir sie in das Höllenloch werfen. Du hast es geändert.“ José Gonzalez fauchte Hamo an: „Es sind Menschen und kein Müll. Bevor die Männer dorthin kommen, wird abgeklärt, ob sie Angehörige haben.“ „Das dauert zu lange, José. Die Leichen zersetzen sich bei der Wärme schnell. Die Leute würden den Gestank wahrnehmen. Keiner der Männer hat Angehörige. Jedenfalls hat keiner je davon gesprochen. Wir können sie nicht legal beisetzen. Die Gendarmen würden zu viele Fragen stellen.“ José Gonzalez schnaubte: „Das ist eine verdammte Sauerei. Die Männer hätten ein anständiges Begräbnis verdient.“
Richard holte sein Pferd von der Weide und sattelte es. Luciano Varini hatte ihm das Pferd zum Dank für seine Hilfeleistung beim Unglück vom Val Guil gekauft. Auf halber Strecke durch das Val Guil kam ihm das englische Coupé entgegen. Er gab dem Wagenführer das Zeichen zum Anhalten. Auf Don Varinis Seite brachte er sein Pferd zum Stehen. Don Varini nahm den Brief entgegen und bedankte sich. Richard entging es nicht, dass Don Varini ihn mit lüsternen Augen anschaute. Angewidert wendete er sein Pferd und ritt Richtung Château du Queyras davon.



29.

Jean-Michel Aron und das Gasthaus Zu den Drei Routen

Am 19. August, im Jahr 1801, es war ein Mittwoch, begab sich Jean-Michel Aron mit Luciano Varini im englischen Coupé auf den Weg nach Sisteron zu Architekt Gavin Roux. Luciano Varini bot Jean-Michel Unterstützung beim Renovieren vom Gasthaus Zu den Drei Routen an. Was Ferdinand Caille nicht gefiel. Sein Freund Jean würde sich dadurch von Varini abhängig machen. Ferdinand Caille warf ab und zu einen Blick durch das Frontfenster in die Fahrgastkabine. Er hätte es besser gelassen. Denn der selbstzufriedene Gesichtsausdruck von Varini ärgerte ihn. Er konnte nicht verstehen, dass Jean-Michel die Hilfe des Lüstlings und Verbrechers Don Luciano Varini annahm. Ihm war am ersten Tag aufgefallen, dass Varini Jean mit lüsternen Blicken anschaute. Er zweifelte nicht daran, dass Varini sich nur deshalb anbot, Jean zu Architekt Roux zu begleiten, damit er neben ihm im Wagen sitzen konnte. Wie konnte Jean nur so naiv sein und dies nicht realisieren? Oder wollte er es nicht realisieren?
Der Weg nach Sisteron war nicht weit. Wären sie in der Früh abgefahren, wären sie am Abend angekommen. Luciano Varini schlug Jean-Michel vor, auf dem Weg zu nächtigen. So würden sie Architekt Roux mittags erreichen und hätten dann genügend Zeit, das Projekt zu besprechen. Ferdinand Caille sah für Varinis Vorschlag noch einen anderen Grund. Varini hoffte Jean im Gasthaus näherzukommen. So fuhren sie erst nach dem Mittagessen in Guillestre ab und bezogen auf halbem Weg in einem alten Gasthaus drei Gästekammern. Die Schankstube war düster und hatte bestimmt seit Bestehen keinen neuen Anstrich erhalten. Nach dem Abendessen machten sie einen Spaziergang, wo Varini beim Laufen Jean-Michel so nahe wie möglich war. Er legte ab und zu den Arm auf Jean-Michels Schulter. Als sie in die Schankstube zurückkamen, wurden sie von einem hübschen blonden Jungen begrüßt. Er stellte sich mit Jérôme vor. „Ich bin der Sohn vom Haus.“ Jean-Michel Aron stellte ihn und Varini vor. „Jérôme, setz dich zu uns, und berichte uns vom Leben im Abseits der Welt.“
Jérôme berichtete aus der Region. Jean-Michel interessierte es, wie die Menschen im bergigen Gebiet lebten. Ferdinand Caille beobachtete Luciano Varini, dem die Eifersucht anzusehen war. Einerseits genoss er es, Varini leiden zu sehen. Anderseits war ihm bewusst, dass Varinis Verhalten zu Problemen führen könnte. Jean-Michel mochte den Jungen gut. Sie lachten viel und verbrachten den Abend mit Brettspielen und Spielkarten. Es war, als würden sie sich schon ein Leben lang kennen. Ferdinand Caille beobachtete Varini genau. Dieser hielt sich zurück. Die Blicke, die er Jérôme zuwarf, waren alles andere als freundlich. Als Jean-Michel Jérôme mitteilte, dass sie auf dem Rückweg die Nacht wieder bei ihnen verbringen würden, war Varini die Verärgerung anzusehen. Jean-Michel nahm jedoch Varinis Verärgerung nicht wahr.
Am Donnerstagmittag, es war der 20. August, erreichten sie Architekt Roux. Gavin Roux begrüßte sie überschwänglich. „Messiers, bevor wir uns an die Arbeit machen, lade ich euch zum Mittagessen ins Gasthaus Zum Turm ein. Gavin Roux führte sie durch eine schmale Gasse zum Gasthaus. Das Essen war hervorragend. Sie bedankten sich. Architekt Roux geleitete sie in seine Arbeitsräume. In einem großen Arbeitsraum waren drei Männer mit dem Anfertigen von Bauplänen beschäftigt. Monsieur Roux stellte ihnen die Männer vor. Danach führte sie Roux in einen Besprechungsraum, dessen Wände mit Bauplänen überdeckt waren. Jean-Michel erkannte Luciano Varinis Gasthaus. Varini ergriff das Wort. „Sénher Roux, Monsieur Aron benötigt Ihre Hilfe.“ Luciano Varini machte Jean-Michel und Gavin Roux im Speiseraum vom Gasthaus Zum Krug bekannt. „Monsieur Aron hat nun das Gasthaus Zu den Drei Routen in Château du Queyras erworben. Er hat vor, das Gasthaus vollständig zu renovieren. Dazu benötigt er Fachleute, die die Handwerker beauftragen und koordinieren. Zudem müssen die Arbeiten begutachtet werden. Ich dachte gleich an Sie, Sénher Roux.“ Gavin Roux bedankte sich. „Sie haben mein Gasthaus zu voller Zufriedenheit geplant und realisiert.“ Sénher Roux ergriff Jean-Michels Hand. „Herzlich willkommen in meiner Firma, Sénher Aron. Es würde mich außerordentlich freuen, das Gasthaus Zu den Drei Routen renovieren zu dürfen. Ich kenne es gut. Auch die Vorbesitzerin Pauline Chevalier.“
Jean-Michel Aron wandte sich Ferdinand Caille zu. „Sénher Roux, darf ich Ihnen Monsieur Caille vorstellen? Er wird während der Renovationszeit des Gasthauses in Château du Queyras wohnen, den Ablauf der Renovation beobachten und für die Kommunikation zwischen mir und Ihrer Firma verantwortlich sein.“ Architekt Roux seufzte. „Sénher Aron, Sénher Caille ist doch Ihr Wagenführer? Meine Frage ist, eignet sich hierfür ein Wagenführer?“ „Ferdinand ist nicht nur mein Wagenführer. Er ist auch mein Freund. Zudem ist er gebildet, da er Schulunterricht gab. Als Inhaber einer Fuhrhalterei hat er Kenntnisse im Organisieren.“ Luciano Varini wandte sich ihm zu. „Jean-Michel, bist du dir gewiss, dass Ferdinand dieser Aufgabe gewachsen ist?“ „Ja, das bin ich, Luciano. Nun sollten wir zum Geschäftlichen übergehen.“
Nachdem Jean-Michel die Auftragsbestätigung unterzeichnet hatte, spendierte Gavin Roux Wein und Essbares. Jean-Michel Aron vereinbarte mit Gavin Roux, dass er am Montag, den 31. August 1801, mit zwei seiner Angestellten zum Gasthaus Zu den Drei Routen kommen würde, um mit ihnen einen Beschrieb für die Renovationsarbeiten zu erarbeiten. Am Ende der Besprechung schlug Sénher Roux Jean-Michel Aron vor, dass es gut wäre, wenn auch Sénher Varini anwesend wäre. Jean-Michel stimmte Sénher Roux zu. Luciano Varini legte seine Hand auf Jean-Michels Schulter. „Ich komme natürlich gerne an den Treff, da ich dir für die Renovation vom Gasthaus in allen Belangen behilflich sein werde.“ „Luciano, Ferdinand und ich fahren am kommenden Dienstag zum Gasthaus Zu den Drei Routen hoch, um Madame Chevalier zu informieren. Da werden wir gleich eine Wohnmöglichkeit für Monsieur Caille suchen.“
Die Nacht vom Donnerstag auf Freitag verbrachten sie in Gavin Roux’ großem Haus. Am Freitag verabschiedeten sie sich nach einem reichhaltigen Mittagessen im Gasthaus Zum Turm bei Madame und Sénher Roux und begaben sich auf den Weg nach Guillestre. Die Nacht von Freitag auf Samstag verbrachten sie wieder im alten Gasthaus von Jérômes Vater. Sie widmeten sich nach dem Abendessen dem Laufen und Kartenspiel. Luciano Varini spielte nur widerwillig mit. Nach dem zweiten Abend mit Jérôme war Jean-Michel Aron mit ihm befreundet. Ferdinand Caille konnte fühlen, dass Varinis Eifersucht in der Luft lag. Jean-Michel sagte Jérôme, dass sie noch einige Fahrten nach Sisteron unternehmen müssten und sie bei ihnen nächtigen würden. Varini wich an dem Abend nicht von Ferdinands Seite. Dies, bis er Jean-Michel vor seiner Gästekammer verabschiedet hatte. Ferdinand Caille konnte nicht verstehen, dass sein Freund Varinis Eifersucht nicht wahrnahm.
***
Samstagmittag, es war der 22. August, lenkte Ferdinand Caille das englische Coupé durch das Tor vom Gasthaus Zum Krug. Damit Luciano Varini und Jean-Michel Aron die Möglichkeit hatten, über den Vorgang der Renovationsarbeiten zu sprechen, entschloss sich Jean-Michel die Nacht im Gasthaus Zum Krug zu verbringen, was Ferdinand Caille weitere Sorgen bereitete. Als sein Freund fühlte er sich verantwortlich für ihn. Er musste alles tun, um Varini von Jean fernzuhalten. Als er mit Jean-Michel etwas vor Mitternacht zu ihren Gästekammern hinaufstieg, beharrte er darauf, mit Jean-Michel in einer ihrer Kammern ein dringendes Gespräch zu führen. Jean-Michel wies ihn in seine Kammer. Kaum war die Tür geschlossen, schoss Ferdinand los. „Jean, du begibst dich in Varinis Abhängigkeit. Nimmst du seine ständigen Anzüglichkeiten nicht wahr? Ist dir entgangen, wie eifersüchtig er auf Jérôme war? Ich glaubte in seinen Augen Mordlust gesehen zu haben. Es würde mich nicht wundern, wenn du mit weiteren Besuchen bei Jérôme sein Leben gefährden würdest. Jean, als dein Freund ist es meine Pflicht, dich zu warnen.“ „Ferdinand, nun übertreibst du. Wieso sollte Luciano Jérôme etwas antun?“ Ferdinand wurde wütend. Er äffte Jean nach. „Wieso sollte Luciano Jérôme etwas antun? Das weißt du genau. Bitte entschuldige meine Unhöflichkeit. Ich wünsche dir eine gute Nacht.“
Am Sonntag, nach dem Frühstück, lenkte Ferdinand Caille das englische Coupé durch das wilde Bergtal Guil nach Château du Queyras. Er war erneut von der Schönheit des wilden Bergtales fasziniert. Sie erreichten die Stelle, wo der Handelsweg steil zum Bergbach Guil hinab verlief. Ferdinand Caille sah unten am Bergbach eine kauernde Gestalt. Er drehte die Bremskurbel etwas stärker, um bei der Gestalt anhalten zu können. Beim Näherkommen rief ihm Jean-Michel zu: „Ferdinand, da unten kauert Monsieur Funé.
Monsieur Funé richtete sich von der Kiesbank auf, als er den Wagen hörte. Ferdinand lachte. „Anscheinend ist sein Gehör nicht mehr, wie es sein sollte, dass er uns nicht früher hörte.“ „Das hat nichts mit seinem Gehör zu tun. Wenn er etwas sieht, das ihn interessiert, nimmt er die Umgebung nicht mehr wahr. Das war schon vor Jahren so. Er lebt dann in einer anderen Welt.“ Monsieur Funés Augen leuchteten. Ferdinand Caille lenkte den Wagen an den Rand vom Fahrweg. Das Coupé kam zum Stehen. Jean-Michel Aron stieg aus der Fahrgastkabine. „Guten Tag, Monsieur Funé. Was tun Sie hier?“ „Guten Tag, Jean-Michel. Ich betrachte die Steine.“ Ferdinand Caille blieb auf dem Leitsitz sitzen. Obwohl er als ehemaliger Lehrer wusste, was der Geologe von den Steinen ablesen konnte, zeigte er auf den Stein, den Monsieur Funé in der Hand hielt. „Was ist denn so besonders an dem Stein?“ „Monsieur Caille, ich versuche herauszufinden, aus welcher Felsformation er von den Okzitanischen Alpen stammt. Ich benutze das schöne Wetter. Es gibt in diesem Tal vieles, was geologisch von großer Deutung ist.“ Monsieur Funé kam auf den Wagen zu. „Monsieur Aron, ich hätte nie gedacht, dass ich Sie jemals in den Okzitanischen Alpen antreffen würde. Ich habe José Gonzalez besucht. Es geht ihm dank Ihnen gut. Mir ist bekannt, dass Sie intelligent sind. Doch das mit der Arretierung der Rippe, mit einem Holzstäbchen, war ein medizinisches Meisterwerk. José sagte mir, dass Dr. Lefebvre nicht aus dem Staunen gekommen sei.“ „Sie übertreiben, Monsieur Funé. Ich tat nur, was notwendig war. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg auf Ihrer Mission.“ Monsieur Funé bedankte sich und begab sich wieder zur Kiesbank vom Bergbach. Jean-Michel Aron stieg in die Fahrgastkabine. Ferdinand Caille gab den Pferden das Zeichen zur Weiterfahrt. Er wandte sich zum geöffneten Frontfenster. „Jean-Michel, wäre es nicht sinnvoll, die Gastwirtin vom Gasthaus Zu den Drei Routen zu fragen, ob sie jemanden kennt, wo ich wohnen könnte?“ „Das ist eine gute Idee, Ferdinand. Madame Chevalier kennt viele Leute.“
Madame Chevalier strahlte, als sie die Schankstube betraten. Am Stammtisch saß niemand. „Setzt euch doch an den Stammtisch. Ich bringe den Wein.“ Jean-Michel Aron bat um ein Glas Himbeersirup. Ebenso Ferdinand Caille. Während sie den Sirup zubereitete, berichtete sie über die Reaktion, die der Verkauf vom Gasthaus bei ihren Gästen ausgelöst hatte. „Monsieur Aron, Sie haben doch meinen Stammgästen gesagt, dass Sie nicht vorhaben, aus dem Gasthaus ein Nobelhaus zu machen. Sie wollen es nicht glauben.“ „Madame Chevalier, lassen Sie die Männer in dem Glauben. Sie werden überrascht sein. Madame Chevalier, am Montag, den 31. August kommt Architekt Roux mit zwei seiner Männer her, um einen Renovationsbeschrieb zu erstellen. Wir zwei und Luciano Varini werden dabei sein. Wir machen uns morgens früh auf den Weg, sodass wir auf das Mittagessen hier sind. Sie werden den Messieurs die Übernachtung und das Essen in Rechnung stellen.“ „Danke für die Information. Da werden sie viel zu schreiben haben.“ „Ich hätte noch eine Frage, Madame Chevalier. Ferdinand wird während der Renovation vom Gasthaus in Château du Queyras weilen. Kennen Sie jemanden, bei dem er eine Kammer bekommen könnte? „Monsieur Aron, wieso fragen Sie nicht Agnès Gonzalez? Sie haben in ihrem großes Haus bestimmt eine leere Kammer. Agnès würde sich freuen. Agnès und José könnten sich damit für euren selbstlosen Einsatz im Val Guil revanchieren.“ „Vielen Dank, Madame Chevalier. Wir hätten daran denken sollen.“

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